Spiegelkind - Alina Bronsky - E-Book + Hörbuch

Spiegelkind E-Book

Alina Bronsky

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7,99 €

Beschreibung

Im Leben der 15jährigen Juli ist alles geregelt. Auffallen ist gefährlich, wer der Norm nicht entspricht, wird verfolgt. Doch dann verschwindet Julis Mutter plötzlich spurlos und der Vater zittert vor Angst. Nach und nach kommt Juli hinter das Geheimnis ihrer Familie: Ihre Mutter ist eine der wenigen Pheen, die wegen ihrer besonderen Fähigkeiten in der Gesellschaft der totalen Normalität gefürchtet und verachtet werden. Gehört auch Juli bald zu den Ausgestoßenen? Zusammen mit ihrer neuen Freundin Ksü und deren Bruder Ivan macht sie sich auf eine gefährliche Suche - nach der verschwundenen Mutter, der verbotenen Welt der Pheen und der Wahrheit über sich selbst.

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Seitenzahl: 359

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Alina Bronsky

Spiegelkind

Widmung

Für Franka

Impressum

Erste Veröffentlichung als E-Book 2012© 2012 Arena Verlag GmbH, WürzburgAlle Rechte vorbehaltenCovergestaltung: Frauke SchneiderISBN 978-3-401-80123-0www.arena-verlag.deMitreden unter forum.arena-verlag.de

Prolog

»Du musst mir helfen«, sagt er. »Ohne dich bin ich verloren. Wenn du es tust, wenn du bei mir bleibst, wenn du mich rettest, dann wirst du es niemals bereuen. Ich werde dich niemals im Stich lassen, ich verspreche es. Ich werde dich beschützen.«

»Du weißt, was passiert, wenn du das Versprechen brichst«, sagt sie. »Das habe nicht ich mir ausgedacht, das steht im Gesetz.«

»Ich habe gehört, ihr macht eure Gesetze selber«, sagt er.

»Das ist falsch.«

Stille.

»Aber du willst es doch auch«, sagt er schließlich.

Sie schweigt.

Sie sitzen im Dunkeln und sie sind jünger als heute. Ich kann ihre Gesichter nicht sehen. Aber die Art, wie sie den Kopf neigt, wie er die Schultern hochzieht, ich würde sie beide mit niemandem auf dieser Welt verwechseln.

Diese sehr junge Frau ist meine Mutter. Der Mann ist mein Vater.

Ich öffne die Augen, es ist Nacht, ich liege in meinem Bett, unter meiner Decke. Die beiden Narben an meinen Schulterblättern jucken. Ich habe nicht geträumt. Ich bin gerade irgendwo gewesen und habe etwas gesehen, was ich nicht sehen sollte.

Etwas, was mit dem zu tun hat, wer ich bin. Etwas, was ich nicht wissen darf.

Das Verschwinden

»Schau lieber nicht hin«, sagte mein Vater und versperrte mir den Weg.

»Wieso?«, fragte ich und versuchte, unter seinem linken Arm durchzuschlüpfen, mit dem er sich am Türpfosten abstützte. Es war mir fast gelungen, doch dann hielt er mich an der Kapuze fest.

»Jetzt lieber nicht.«

»Aber wieso?« Ich schüttelte den Kopf, um mich aus seinem Griff zu befreien. Normalerweise berührte er mich gar nicht.

Mein Vater ließ die Kapuze los, legte mir dafür beide Hände auf die Schultern. Sie fühlten sich schwer an. Mein Vater war dünn und hochgewachsen, kein kräftiger Mann, eher der Typ Trauerweide. Jetzt bückte er sich zu mir runter, um mir in die Augen zu schauen. Ich starrte zurück. Er sah wieder weg.

»Was soll das alles?« Ich schüttelte seine Hände ab. »Was tust du überhaupt hier?«

»Juli«, sagte er, diesmal ohne mich anzusehen. »Ich muss dir etwas sagen.«

Das hatte ich mir schon gedacht, so merkwürdig, wie er sich verhielt. Außerdem hatte er hier an diesem Tag gar nichts zu suchen. In dieser Woche war meine Mutter dran. Mein Vater sollte in ihrer Zeit nicht auftauchen und umgekehrt auch. Das war eine Vereinbarung, die von ihren Anwälten ausgehandelt und von meinen Eltern im Gerichtssaal unterschrieben worden war.

Sie wurde nur im Notfall außer Kraft gesetzt.

Mein Herz schlug gegen meine Rippen, als hätte ich unseren Kanarienvogel Zero verschluckt. Ich riss mich zusammen, um mir meine aufsteigende Angst nicht anmerken zu lassen.

»Juli, mein Mädchen.« Mein Vater sprach mit ungewöhnlicher Zärtlichkeit. »Ich muss dir etwas sagen. Es ist etwas Schlimmes passiert.«

Ich riss mich los und schoss an ihm vorbei ins Innere des Hauses.

Ich rannte durch den Flur, der dunkel war, weil alle Türen geschlossen waren. Ich konnte kaum etwas sehen. Draußen hatte grell die Sonne geschienen. Ich stolperte geblendet über die Schuhe, die meine Geschwister Jaro und Kassie abgeworfen und mitten im Weg liegen gelassen hatten. In den Wochen mit meiner Mutter lagen die Dinge einfach rum. In den Wochen meines Vaters standen alle Schuhe im Schuhschrank, alle Tassen im Küchenschrank, mit den Henkeln in die gleiche Richtung gedreht, und alle Zeitungen steckten nach Datum sortiert im Zeitungsständer.

Ich riss die Wohnzimmertür auf.

Dieses Chaos hätte selbst meine Mutter mit uns drei Geschwistern zusammen nicht anrichten können.

Die Zeitungen bedeckten im wirren Durcheinander den Boden. Die Blumentöpfe waren alle umgeworfen, dazwischen lag verstreute Erde, die Stängel der Pflanzen waren abgebrochen und einzelne Blütenblätter flogen umher, was dem Raum eine unpassende Festlichkeit verlieh. Jemand hatte die Bücher aus den Regalen gerissen und die Schubladen aus ihren Verankerungen. Die Tür von Zeros Käfig stand offen. Der Käfig war leer, nur eine einzige gelbe Feder klebte am Gitter und flatterte im Luftzug.

Ich drückte den Rücken gegen den Türpfosten, rutschte langsam herunter und biss mir vor Aufregung in die Hand. Einbrecher. Bei uns war eingebrochen worden.

Mein Vater kam rein und hockte sich neben mich.

»Du solltest so etwas Schreckliches nicht sehen«, sagte er.

Ich sah ihn an und er wich zurück.

Keine Ahnung, wann genau es angefangen hatte, aber irgendwas zwischen uns lief nicht mehr so gut wie früher. Als ich klein war, hatte ich meinen Vater unglaublich bewundert. Später hatte ich ihn einfach nur geliebt und irgendwann hatte ich mich dabei ertappt, dass ich ihn bemitleidete. Es hatte ihn ziemlich umgehauen, als meine Mutter beschlossen hatte, ihn zu verlassen.

Nach der Trennung brach er schon mal am Frühstückstisch in Tränen aus, völlig unvermittelt, während meine Geschwister und ich den Blick verlegen auf unsere Vollkorncroissants senkten. Er erzählte sogar den Nachbarn auf der Straße, wie schlecht es ihm und uns allen ginge und wie schrecklich sich unsere Mutter verhalten hätte, indem sie aus heiterem Himmel beschloss, unsere heile Familie zu verlassen. Damit legte er ein Verhalten an den Tag, das er bei anderen als skandalös bezeichnet hätte.

Das mit dem heiteren Himmel stimmte auch überhaupt nicht – bei uns zu Hause hatte es schon seit Jahren nach Gewitter gerochen, nach elektrisch geladener Luft, mit Donnergrollen im Hintergrund. Auch hatte Mama zwar unseren Vater verlassen, nicht aber die Familie. Jaro, Kassie und ich waren schließlich auch noch da und meine Mutter hatte nicht vor, sich nach der Trennung weniger um uns zu kümmern als vorher.

Trotzdem war ich am Anfang sauer auf sie gewesen, weil mein Vater ihretwegen so leiden musste. Aber irgendwann hatte ich keine Lust mehr darauf, ihn ständig zu trösten. Er war einmal zu oft in mein Zimmer gekommen, als ich schon fast eingeschlafen war, hatte mich geweckt und zu erzählen begonnen, wie einsam er war und dass ich mich als seine älteste Tochter jetzt mehr um ihn kümmern müsste. Was unlogisch war, denn bis dahin hatte er noch gepredigt, ich soll unbeschwert die letzten Jahre meiner Kindheit genießen, bevor der Ernst des Lebens käme. Ich bräuchte mich im Gegensatz zu ihm noch um nichts zu kümmern, außer zur Schule zu gehen und mich an ein paar Regeln zu halten. Er habe es in meinem Alter nicht so gut gehabt und ich solle mich glücklich schätzen.

Wahrscheinlich hatte er sogar recht: Außer der Trennung meiner Eltern gab es lange Zeit nichts, was mich hätte stressen können. Zur Schule fuhr ich mit dem Schulbus, danach kam ich nach Hause. Der Haushalt machte sich, wie es mir schien, von alleine. Ich musste nie auf meine kleinen Geschwister aufpassen – das taten meine Eltern oder Großeltern. Ich ging niemals Lebensmittel einkaufen und hatte noch nie im Leben etwas gekocht. Das Einzige, was ich gelegentlich aufräumen musste, war mein eigenes Zimmer.

Manchmal war es fast ein wenig langweilig.

Als mein Vater angefangen hatte, von mir Fürsorge einzufordern, versuchte ich erst, es ihm recht zu machen. Ich kümmerte mich um ihn, so gut ich konnte. Ließ mir von ihm den Kopf streicheln, mich mit weinerlicher Stimme seinen größten Schatz nennen, reichte ihm auch nachts um halb zwei die parfümierten Papiertaschentücher, die seine Firma herstellte und die wir in großen Mengen und allen Duftrichtungen zu Hause hatten. Und hörte dabei langsam auf, ihm zu glauben.

Denn ich wusste nur zu gut, dass er anders sein konnte. Mein Vater arbeitete in der Geschäftsführung des Hygieneartikel-Konzerns HYDRAGON und als kleines Kind war ich ungeheuer beeindruckt gewesen, wenn ich ihn im Büro besuchen durfte. Dort hatte ich zum ersten Mal mitbekommen, wie mein Vater seine Stimme ändern konnte, je nachdem, mit wem er gerade sprach. Mit seiner Sekretärin herrisch oder kühl. Mit einigen Kollegen so herzlich, als würden sie zu unserer Familie gehören. Und einmal hatte ich sogar etwas schier Unglaubliches beobachtet: Im Gespräch mit einem winzigen runzligen Mann hatte es mein Vater durch eine interessante Verschränkung der Beine und gebeugte Haltung tatsächlich geschafft, sich unauffällig einen ganzen Kopf kleiner zu machen. Diesem Mann gehörte der Konzern.

Irgendwann begann ich, mich zurückzuziehen, wenn Papas Woche anbrach und er mit einem Koffer in das Haus einzog und mit unserer Mutter in der Küche wichtige Dinge absprach, bevor sie mit ihrer Tasche ging. Sie nannten das »Übergabe«, als wären wir Pakete mit dem Aufkleber »Vorsicht, Glas!«.

»Deine Mutter ist verschwunden«, sagte mein Vater und das sagten auch die Polizisten, die das Chaos mit Blitzlicht fotografierten. Ein Polizeiauto parkte vor der Tür und ein Mann saß bei uns in der Küche. Man sagte mir, ich solle sitzen bleiben und die Beamten ihre Arbeit machen lassen, und da saß ich nun und einer der Polizisten erzählte mir irgendwas über seinen Neffen, der fast so alt war wie ich, nämlich dreizehn, und sensationell Tennis spielte.

»Ich bin nicht dreizehn, ich bin fünfzehn!«, sagte ich sauer. »Und meine Mutter ist nicht einfach verschwunden. Hier ist doch etwas Schreckliches passiert, das würde selbst ein Blinder sehen.« Zu den Tenniserfolgen des Polizistenneffen hätte ich mich auch unter besseren Umständen nicht geäußert. Ich hasste Tennis. Es gab leider auch keinen anderen Sport, in dem ich gut war. Aber der Polizist tat die ganze Zeit so, als würde er mich nicht hören. Wahrscheinlich hatte er eine Fortbildung belegt zum Thema, wie man Jugendlichen nach einem Verbrechen das Gehirn zu Brei zerredet, damit sie bei der Ermittlungsarbeit nicht stören.

Ich aber wollte helfen. Ich wollte, dass sie sich sofort an die Arbeit machten und meine Mutter fanden. Menschen konnten nicht einfach verschwinden, nicht am helllichten Tage aus dem eigenen Haus. Nicht in unserer Zeit – der Zeit der totalen Normalität.

Also stand ich immer wieder auf und rannte zu den Polizisten, die durch das Haus liefen und Teppiche anhoben und hinter Spiegel schauten, als würde sich meine Mutter dahinter verstecken.

»Heute Morgen war hier alles noch okay, Mama hat uns Frühstück gemacht, sie war gut drauf und sie wollte den ganzen Tag malen.« Jede Kleinigkeit konnte wichtig sein, in meinem Gehirn ratterte es auf der Suche nach Details, die helfen könnten, das alles zu erklären.

Sie hörten mir nicht zu. Überhaupt nicht. Sie versammelten sich im Wohnzimmer, wechselten Blicke und was taten sie dann? Ich traute meinen Augen nicht. Sie fingen an aufzuräumen. Sie hoben die Bücher auf und stellten sie ins Regal. Mein Vater verzog das Gesicht, denn er hatte es lieber, wenn die Buchrücken alphabetisch geordnet waren, aber das konnten die Polizisten nicht wissen.

Einer von ihnen kam mit einem kleinen Handbesen. Es war komisch zu sehen, wie dieser große Mann sich hinhockte, um die verstreute Blumenerde von unseren Fliesen zu kehren. Ein anderer hob die Zeitungen vom Boden auf und stapelte sie auf der Fensterbank. Ein dritter guckte verdattert in Zeros Käfig, als könne er nicht glauben, dass der Käfig tatsächlich leer war. Dann schloss er mit einem bedeutungsvollen Gesichtsausdruck das Türchen.

Ich schoss ins Wohnzimmer und riss die Käfigtür wieder auf. »Die muss offen bleiben, falls Zero zurückkommt«, sagte ich. Zero war oft unterwegs, meine Mutter machte ihm immer das Fenster auf und er hatte jedes Mal den Weg zurück nach Hause gefunden.

Mein Vater sah mich kopfschüttelnd an. »Ich hab doch gesagt, du sollst in deinem Zimmer bleiben.«

»Ich dachte, du hast gesagt, in der Küche.« Was spielte es für eine Rolle, wo ich war, wenn meine Mutter verschwunden war und jemand unser Haus verwüstet hatte?

»Ich dachte außerdem noch, dass man nach einem Verbrechen keine Spuren vernichten darf?« Ich sagte es leise, aber sie hatten es trotzdem gehört. Es fühlte sich an, als ob es im Zimmer schlagartig kälter geworden wäre. Alle hörten für einen Moment auf, zu fegen und Zeitungen nach Datum zu sortieren, und starrten mich an.

»Wer spricht denn von einem Verbrechen, Schätzchen?«, fragte einer der Polizisten, ein dicklicher Mann mit rosafarbener Glatze und drei Sternchen auf dem Ärmel.

Ich versuchte, mich an den Unterricht der Gesetzkunde an meinem Lyzeum zu erinnern. Hilfreicher waren jetzt allerdings die Krimis, die mein Vater manchmal abends im Unterhaltungskanal guckte. Seit ich vierzehn war, durfte ich dabei im Zimmer bleiben.

»Wenn ein Mensch gewaltsam entführt wird, ist es ein Verbrechen«, sagte ich verunsichert.

»Wer spricht denn von einer gewaltsamen Entführung, meine Süße?«

Ich sah von einem Polizisten zum anderen. Ihre Gesichter glänzten. Noch nie hatte mich jemand so angeredet.

»Ich«, sagte ich. »Ich spreche davon. Jemand hat meine Mutter entführt und bei der Gelegenheit das Zimmer verwüstet. Das ist doch klar wie Kloßbrühe.«

Die Polizisten sahen sich an und lachten. Es klang gutmütig, aber irgendetwas an diesem Lachen machte mir Angst.

Der dickliche Mann mit der Glatze kam auf mich zu. Jetzt stand er ganz dicht vor mir, was strategisch nicht geschickt von ihm war. Er war ziemlich klein und ich überragte fast alle meine Mitschüler. Deswegen ging ein Gutteil seiner Überheblichkeit verloren, als er mir die Schulter tätschelte und sehr, sehr gutmütig sagte: »Es gibt keinerlei, wirklich keinerlei Hinweis darauf, dass deine Mami Opfer einer Gewalttat geworden ist, mein Schätzchen.«

»Aber sie ist offenbar verschwunden. Spurlos. Oder etwa nicht?« Ich versuchte, ruhig und vernünftig zu klingen, was mir nicht gerade leichtfiel.

Der Mann strahlte und tätschelte mich noch ein bisschen. Meine Schulter juckte. Ich hatte Sorge, dass seine Finger abrutschten und meine Narbe neben dem linken Schulterblatt berührten. Dann hätte ich reflexartig zugeschlagen – an keiner anderen Stelle war ich so empfindlich.

Das durfte aber auf keinen Fall passieren. Ich hatte mir schon zu viel herausgenommen. Schließlich war ich darauf angewiesen, dass diese Polizisten mit den gleichgültigen Augen aufhörten, mich zu verspotten, und anfingen, meine Mutter zu suchen. Also musste ich mich zusammenreißen und wenigstens höflich sein.

Auf dem Lyzeum hatten wir ein Nebenfach, das Konfliktvermeidung hieß. Obwohl es freiwillig war, hatte mein Vater darauf bestanden, dass ich es belegte. Der Unterricht bestand hauptsächlich daraus, einfache Zusammenhänge in möglichst gewundenen Sätzen zu formulieren – so lange, bis der Gesprächspartner vergessen hatte, worum es überhaupt ging. Mein Vater argumentierte, in den Zeiten der Normalität gehöre es zu den wichtigsten Kompetenzen überhaupt. Dabei suchte ich auch sonst nicht gerade Streit, weder auf dem Lyzeum noch zu Hause.

Wahrscheinlich war Konfliktvermeidung das Lieblingsfach meines Vaters in der Schule gewesen, denn bei den Streitereien mit meiner Mutter hatte er nie eine besonders gute Figur gemacht. Sie dagegen konnte richtig laut werden. Manchmal krachten Teller gegen die Tapete, während mein Vater seinen Kopf mit den Händen schützte und meine Mutter mit hoher Stimme an die dünnen Wände in unserer Straße erinnerte. Als ob sie in solchen Momenten klar denken konnte.

»Deine Mutter ist nicht da, na und?«, sagte jetzt der Polizist. »Weißt du, meine Kleine, es passiert manchmal, dass Frauen keine Lust mehr haben und einfach gehen. Wenn du erwachsen bist, wirst du das besser verstehen.« Er lachte.

»Und wer hat hier dann gekämpft?«, fragte ich.

»Wo?« Der Mann in der Uniform sah sich um. Ich folgte seinem Blick und bekam das Gefühl, dass man mich übel reingelegt hatte. Das Zimmer sah inzwischen fast so aus wie immer, nur Zeros Tschilpen fehlte.

»Ich hab es doch mit meinen eigenen Augen gesehen«, sagte ich. »Hier war alles komplett verwüstet.«

Der Polizist winkte ab. »Ach das. Nichts weiter als ein Hausdieb, ein armseliger Freak, der durchs offene Fenster geklettert ist und Geld und Elektronik gesucht hat. Wahrscheinlich war er wütend, dass er nicht so viel finden konnte wie erhofft, und hat ein paar verärgerte Grüße hinterlassen. Das kennen wir zur Genüge. Die Drogenabhängigen unter den Freaks werden zu immer größerem Problem.« Der Polizist seufzte und hob einen zerrissenen Buchrücken hoch, den seine Kollegen auf dem Boden übersehen hatten.

Ich schwieg. Was sollte ich dazu auch sagen?

Ein Hausdieb, der in ein Haus in unserer Gegend einbricht, und das zu einer Tageszeit, in der alle Frauen das Essen kochen und aus den Küchenfenstern jedem neuen Autokennzeichen auf der Straße nachgaffen? Das musste, wennschon, ein sehr blöder Hausdieb gewesen sein. Oder ein komplett zugedröhnter.

»Jetzt wird zur Sicherheit noch das Schloss ausgetauscht und dann ist alles wieder normal«, sagte der Polizist und die Goldzähne leuchteten so grell in seinem Lächeln auf, dass ich die Augen schloss.

»Und meine Mutter?«, fragte ich.

»Tja, Mamas kommen, Mamas gehen.« Er brach in schallendes Gelächter aus, das wohl sogar meinem Vater zu viel war.

»Geh auf dein Zimmer und mach deine Hausaufgaben«, sagte er brüsk, als wäre ich an allem schuld. Ich tat, was er sagte, weil ich nicht wollte, dass jemand von ihnen meine Tränen sah.

Eine Phee

Ich wollte zu gern glauben, dass meine Mutter freiwillig aus dem Haus verschwunden war und bald wiederkommen würde. Aber sosehr ich mich auch um diese Vorstellung bemühte, sie schien einfach absurd. Ich hatte nicht einmal einen Hausschlüssel dabei und meine Mutter wusste das. Sie ging so gut wie nie aus dem Haus. Am Morgen hatte sie noch vorgehabt, den ganzen Tag zu malen, bis wir aus der Schule kamen. Zuerst Kassie und Jaro, weil ich an diesem Tag normalerweise Nachmittagsunterricht hatte, der aber diesmal ausgefallen war. Meine Mutter war zuverlässig, auch wenn mein Vater gern versuchte, sie als jemanden darzustellen, der am Abend nicht mehr wusste, was er am Morgen gesagt hatte.

»Hör auf, so von ihr zu reden!«, brüllte ich, als unser Vater am Abend nach Mamas Verschwinden meinen kleinen Geschwistern erzählte, dass unsere Mutter höchstwahrscheinlich spontan zu einer Reise aufgebrochen sei. Sie neige ja zu schrägen Ideen, sagte er, vielleicht habe sie jemanden kennengelernt, man wisse nie, was in ihrem Kopf vorginge.

In meinem eigenen Kopf pulsierte es vor Wut.

Mein Vater und meine beiden Geschwister saßen am Küchentisch, Jaro mit gerundeten Augen, angespannt wie ein Flitzebogen, Kassie zurückgelehnt, ein Auge zusammengekniffen. Mein Vater erzählte ihnen, was vorgefallen war. Seine Version davon. Er versuchte es jedenfalls. Ich ging dazwischen, ich konnte das nicht mit anhören.

»Das ist Schwachsinn. Mama hätte sich nie einfach so aus dem Staub gemacht! Sie hat sich immer auf ihre Woche mit uns gefreut, und wenn du dran warst, hat sie uns vermisst! Sie hat uns bloß nicht ständig so vollgejammert wie du!«

Mein Vater hielt im Satz inne und sah mich mit einer Mischung aus Ärger und Überraschung an. Meine Geschwister schwiegen verängstigt und selbst ich war erstaunt darüber, wie ich plötzlich zu meinem Vater sprach. In diesem Ton hatte ich ihn noch nie angefahren. Ich war schließlich Elite-Lyzeistin, ich war gut erzogen.

Jaro und Kassie hatten sich, kaum zu Hause angekommen, sofort an unseren Vater geklammert. Trotz seiner halbherzigen Beteuerungen, er habe alles im Griff, konnte auch ihnen nicht entgehen, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Im Gegensatz zu mir glaubten sie ihm noch jedes Wort, aber es schien sie nicht zu trösten.

Ich hatte eigentlich vorgehabt, meinen Mund zu halten, wollte nichts von meinem Verdacht verraten, dass unserer Mutter etwas Schlimmes zugestoßen sein musste, nicht weinen, nicht wütend werden, um die Kleinen nicht noch mehr zu erschrecken. Sie sollten sich nicht so verlassen und elend fühlen wie ich. Trotzdem konnte ich mir nicht anhören, wie unser Vater derart dumme Lügen über unsere Mutter erzählte.

»Wenn du noch einmal so etwas sagst, rede ich überhaupt nicht mehr mit dir«, zischte ich ihm zu, bevor er Kassie auf den Arm nahm. Er trug sie gern herum. Und wenn unser Vater da war, verhielt sie sich wie ein Baby, obwohl sie es sonst faustdick hinter den Ohren hatte.

Irgendwie gelang es mir, diesen Tag zu überstehen, ein paar belegte Brote zu Abend zu essen, mir die Zähne zu putzen und mich ins Bett zu legen. Ich kroch unter die Decke und rollte mich zusammen, nachdem ich den Schlüssel im Schloss meiner Zimmertür mehrmals umgedreht hatte. Es war das erste Mal, dass ich mein Zimmer abschloss.

Ich hörte Jaro im Flur weinen. Er klopfte an meine Tür, aber ich hatte mein Kissen auf dem Kopf und versuchte einzuschlafen. Ich blieb liegen, während Jaro immer wieder klopfte. Ich konnte mich nicht um ihn kümmern, mir ging es schon schlecht genug.

Und dann lag ich doch die ganze Nacht wach und grübelte.

Ich gab jeden Versuch auf, noch einzuschlafen. Wieder und immer wieder ging ich durch, was ich heute erlebt hatte, vom ersten Moment an, in dem mir klar wurde, dass irgendwas schieflief.

Wahrscheinlich war das genau der Augenblick gewesen, als ich meinen Vater mittags in der Tür stehen sah. Ich hatte mich nicht gefreut, ihn zu sehen, weil es eben nicht seine Woche war. Eigentlich hatte ich mich sofort auf einen Streit zwischen meinen Eltern gefasst gemacht, denn ich hatte zuerst vermutet, dass mein Vater sich mal wieder nicht an die Abmachung gehalten hatte. Ab und zu tauchte er in Mamas Zeit auf, »nur so, zum Hallosagen«, hing in der Küche herum, wollte mit uns reden und machte uns alle nervös. Wir waren heilfroh, wenn er endlich wieder ging. Schließlich gab es die Vereinbarung und mein Vater war normalerweise ein großer Fan von Vereinbarungen, ganz besonders von schriftlichen.

Je länger ich wach lag und grübelte, desto weniger wollte ich glauben, dass meiner Mutter etwas Schlimmes zugestoßen war. Ich wollte es einfach nicht. Ich ging fest entschlossen davon aus, dass alles nur ein Missverständnis war, ein kleiner Unfall meinetwegen. Ein saublöder Hausdieb von mir aus, der Mama … was? Einfach mitgezerrt hatte?

Es würde sich schon irgendwie aufklären, meine Mutter würde nach Hause kommen, mein Vater würde wieder gehen und in seiner Woche einen Tag später übernehmen als ursprünglich geplant, als Ausgleich für seine Extrazeit mit uns.

Das war auch Teil der Vereinbarung: Jeder Elternteil durfte die aus schwerwiegenden Gründen verpasste Zeit nachholen. Mein Vater war zum Beispiel neuerdings ziemlich oft krank und dann kümmerte sich unsere Mutter auch in seiner Zeit um uns. Danach kam er zum Ausgleich für zwei Wochen am Stück.

Ich lag unter meiner Decke und grübelte und hatte noch keine Ahnung, dass in dieser Nacht, in der Sekunde, in der ich nach Hause gekommen war und an Mamas Stelle Papa entdeckte, dass genau dann meine Welt begann, sich auf den Kopf zu stellen. Es war nur eine leise Ahnung, dass mein Leben bis jetzt vielleicht gar nicht mein richtiges Leben gewesen war. Die Vorstellung machte mir Angst. Ich zog mir die Decke über den Kopf, einen Vorhang über jene meiner Gedanken, die mich verstörten.

Ich wollte gar nicht, dass sich irgendwas änderte. Ich war bereit, bis zum Morgen zu warten, und spätestens dann sollte alles bitte schön wieder normal werden. Ich wollte kein anderes Leben. Meins war okay, nicht aufregend, aber eben meins.

Wahrscheinlich fing ich bereits in dieser Nacht an, mich zu verändern. Aber das bekam ich nicht mit, denn mich selber ändern wollte ich noch weniger. Ich war schon immer Juliane Rettemi gewesen, Einserschülerin der inzwischen zehnten Klasse des Lyzeums, das zweitlängste Mädchen des Jahrgangs, das wegen des pausbäckigen Gesichts trotzdem gern für jünger gehalten wurde und in Sachen Geburtstagseinladungen nur ganz knapp unterm Durchschnitt lag.

Ich trug eine absolut normale Frisur (mittelbraun, schulterlang, leicht gestuft), hatte die gleichen Impfungen wie alle anderen Lyzeisten meines Alters, meine Zähne waren kariesfrei und meine Schultasche stammte vom einem beliebten Lederartikelhersteller. Ich konnte mich selbst nur an der Größe aus der Menge meiner Mitschülerinnen herausfiltern, wenn wir im Sport mal alle vor dem großen Spiegel aufgereiht standen.

Das Einzige, was mich von Gleichaltrigen unterschied, waren die beiden symmetrischen Narben an den Schulterblättern, jede etwa drei Zentimeter lang. Ich war als ganz kleines Kind gestürzt und hatte mich verletzt. Erinnern konnte ich mich nicht mehr daran. Manchmal juckten die Narben. Für den Schwimmunterricht zog ich einen Badeanzug mit extra breiten Trägern an, damit niemand etwas sehen konnte. Narben waren etwas für Freaks, die fanden so etwas schick. Mein Vater hatte mal erzählt, dass Freaks sich gern selbst mit Messern und Brandeisen verstümmelten, um noch mehr aufzufallen. Kein Wunder, dass sie ständig auf der Suche nach neuem Rauschzeug waren, um all das verkraften zu können. Ich mochte nicht, wenn mein Vater über diese Sekte redete, mir wurde übel davon.

Seit meine Eltern endlich beschlossen hatten, nicht mehr unter einem Dach zu leben, sondern abwechselnd für jeweils eine Woche in unser Haus einzuziehen, war mein Leben etwas entspannter geworden. In den Wochen meiner Mutter hatte sich eigentlich nicht viel verändert, nur der Streit und das geladene Schweigen fielen weg. In den Wochen meines Vaters wurde ich am Anfang von Mitleid zerrissen, aber trotzdem war das noch besser auszuhalten als die Stimmung all der Jahre, in den meine Eltern versucht hatten, uns Kindern zuliebe zusammenzubleiben.

Meinem Bruder Jaro und meiner Schwester Kassie ging es nach der Trennung auch besser, zumindest vermutete ich das. Sie waren Zwillinge, sieben Jahre alt und seit dem Sommer in der ersten Klasse. Sie gingen in die Grundschule. Mein Lyzeum begann wie alle weiterführenden Schulen ab der fünften Klasse.

Die Zwillinge durften im Gegensatz zu mir noch ihre gewöhnliche Kleidung tragen. Ich dagegen hatte zwei Schuluniformen im Schrank hängen, eine schwarze für den Alltag und eine festliche, die aus einem dunkelblau–rot karierten Rock und Jackett bestand. Dazu einige weiße Blusen. Die Röcke gingen knapp bis zum Knie und in der schwarzen Uniform sah ich aus wie eine Krähe. Es gab kaum ein Mädchen, dem diese Kleidung stand, aber unser Schulleiter sagte bei jedem zweiten Morgenruf, dass wir stolz auf unsere Uniformen sein sollten – daran könne man jederzeit erkennen, welch elitäre Bildungseinrichtung wir besuchten und dass die Zukunft der Normalität in unseren Händen lag.

Die Zukunft interessierte mich gerade nicht über die Frage hinaus, wann ich meine Mutter wiedersehen würde.

Kurz bevor mein Wecker klingelte, war ich in den ersten unruhigen Halbschlaf gefallen. Mit dem Scheppern der Uhr schreckte ich wieder hoch, im Morgengrauen, mit pochenden Schläfen und Gedanken zäh wie angetrocknetes Kaugummi. Obwohl ich müde war, sprang ich sofort aus dem Bett. Die Nacht war vorbei und das machte mir Hoffnung. Ich wollte fest daran glauben, dass mit dem vergangenen Tag und der schlaflosen Nacht das Schlimmste überstanden war. Jetzt konnte es nur besser werden.

Ich beugte mich über das Geländer, sah aus dem ersten Stock, dass unten in der Küche ein Licht brannte und jemand mit Tellern und Besteck klapperte. Ich fiel fast die Treppe runter, schaffte es tatsächlich, auf den Antirutsch-Matten, die jede Treppenstufe absicherten, auszurutschen, eilte durch den Torbogen zu unserer Küche und entdeckte meinen Vater im Bademantel.

Er gähnte und schnitt Brot in Scheiben, sein Gesicht war grau und zerfurcht. Auch für ihn war es zu früh, er hatte morgens immer schlechte Laune.

»Hast du was Neues gehört?«, fragte ich.

Er sah auf. »Kannst du nicht wenigstens erst mal Guten Morgen sagen?«

»Guten Morgen«, sagte ich. »Hast du etwas gehört?«

»Von wem?«

Er schaute mich an, als wüsste er nicht, wovon ich redete. Er war ein schlechter Schauspieler und ich kochte innerlich.

»VON. MEINER. MUTTER. DIE. ENTFÜHRT. WORDEN. IST.«

»Wir haben uns doch drauf geeinigt, dass sie nicht entführt worden ist«, sagte mein Vater und nahm einen Schluck aus seiner Kaffeetasse.

»Wir haben uns nicht drauf geeinigt«, sagte ich. »Das kannst du vielleicht den Kleinen erzählen, aber doch nicht mir. Sie liegt jetzt ganz bestimmt nicht irgendwo am Strand im Liegestuhl!«

»Schrei nicht so rum, Juli«, sagte mein Vater. »Es ist noch so früh und ich habe Kopfschmerzen.«

»Ich gehe heute zur Polizei und frage noch mal nach«, sagte ich.

Er sah auf. »Wieso?«

»Ich hatte das Gefühl, die wollten sich gestern nicht wirklich um den Fall kümmern. Ich hatte das Gefühl, die halten uns für dumm.«

»Ach, Unsinn«, sagte mein Vater. »Niemand hält dich für dumm. Die Polizei hat nur ihre Arbeit getan. Es gibt überhaupt keinen Grund zur Panik. Sie sind Experten. Sie werden wohl besser als du wissen, was in solchen Fällen zu tun ist.«

»Von wegen! Sie haben doch regelrecht die Spuren verwischt.«

»Wo hast du bloß solche komischen Sprüche her?«

Ich zuckte mit den Schultern.

Mein Vater stellte seine Tasse auf den Tisch. »Du liest zu viel«, sagte er. »Und vor allem das Falsche.«

Er war schon immer der Meinung, dass ich zu viel Schund las. Er selber konsumierte ganz andere Dinge als ich. Meine Lieblingsromane und Filme nannte er Freak-Lektüre. Das hieß: reine Zeitverschwendung, und gefährliche dazu. Er war überzeugt davon, dass meine Bücher mir eine Wirklichkeit vorgaukelten, die vom normalen Leben ablenkte. Er selber las viel Zeitung und Sachbücher, die mit seiner Arbeit zu tun hatten, sonst noch philosophische Abhandlungen über das Prinzip der Normalität und immer wieder Krimis. Zudem hatte er eine Vorliebe für Katastrophenromane. Es war mir ein Rätsel, warum er die fantasievollen Cover meiner Bücher als widerwärtig bezeichnete, während ich von den bluttriefenden und grässlich realistischen Umschlägen auf seinem Nachttisch einen Würgereiz bekam.

Die meisten Romane zu Hause gehörten meiner Mutter. Es waren fast alles sehr alte Bücher, provozierend unmodern in Größe und Gestaltung. Ab und zu blätterte ich in einem von ihnen, aber ich verstand nicht viel. Das Schriftbild war schwer zu entziffern und machte mir nach wenigen Sekunden Kopfschmerzen. Und nicht nur mir. Als meine Mutter ausgezogen und Papas erste Woche angebrochen war, kam meine Großmutter väterlicherseits, um endlich mal richtig zu putzen. Als Erstes schleppte sie Dutzende Bücher aus dem Wohnzimmer in den Keller, stapelte sie in Kartons, ließ die Regale vom Abräumdienst abholen und hängte an den frei gewordenen Stellen Wandteppiche und riesige Spiegel auf.

Deswegen hatte ich damals einen ersten kleinen Knatsch mit ihr. Schließlich waren bei jenen Büchern auch zufällig einige von mir dabei gewesen und ich hatte keine Lust, sie jedes Mal im kalten dunklen Keller zu suchen. Ich hätte nie zugegeben, dass ich mit fünfzehn immer noch manchmal Angst hatte, abends allein in den Keller zu gehen, und stattdessen gern mal die kleine Kassie vorschickte. Die fürchtete sich nur demonstrativ vor etwas, wenn unser Vater in der Nähe war. Dann konnte er sie sofort retten und war glücklich, während meine Schwester sich ins Fäustchen lachte. Denn ansonsten war sie völlig unerschrocken.

»Ich frage mal auf dem Lyzeum rum, ob es normal ist, dass die Polizei sich so verhält«, murmelte ich, dann griff ich nach der Marmelade, um mir ein Brot zu schmieren. »Vielleicht versteht dort jemand etwas davon.«

»Juli!« Mein Vater, der gerade die Thermoskanne aufschraubte und mit einem Auge reinschaute, um zu prüfen, ob noch Kaffee drin war, ließ vor Schreck fast den Deckel fallen. »Du darfst niemandem erzählen, was hier passiert ist, verstehst du?«

»Papa!« Kassies Gebrüll kam nicht von oben aus dem Kinderzimmer, sondern aus dem Erdgeschoss. Aus dem Schlafzimmer meines Vaters. Sie hatte schon wieder in seinem Bett geschlafen. Irgendwie regte mich das auf. Vielleicht war ich eifersüchtig. Das warf mir mein Vater vor, wenn ich ihm sagte, er soll Kassie nicht immer so verwöhnen, sie wäre zu groß dazu. Und er sagte, ich sei einfach neidisch, weil ich schon viel zu alt dafür war, bei ihm auf dem Schoß zu sitzen. Dabei behauptete er sonst eigentlich gern, ich wäre für die meisten Dinge dieses Lebens zu jung – als wäre es das einzige Merkmal meines Alters, mit meinem Hintern nicht mehr auf seinen Schoß zu passen.

Ich holte tief Luft. »Ich werde jedem alles erzählen, was ich will«, sagte ich langsam und deutlich, obwohl ich mir eigentlich vorgenommen hatte, im Sinne der Konfliktvermeidung meinen Mund zu halten. »Und du kannst mir das nicht verbieten.«

Papas unteres rechtes Augenlid begann zu zucken.

»Kein Wort zu jemandem, Juli! Ich möchte nicht, dass die ganze Schule mit den Fingern auf dich zeigt!«

»Mit den Fingern? Auf mich? Seit wann muss man sich für ein Unglück schämen, das einem widerfahren ist?«

»Du verstehst einfach gar nichts!«, stöhnte mein Vater.

»Dann erklär es mir!«

In diesem Moment quietschte die Schlafzimmertür und Kassies flinke Füße flogen über die Marmorfliesen. Papa hatte ihre Schritte wahrscheinlich noch nicht gehört, jedenfalls beugte er sich zu mir runter und sagte mit einer Stimme, die mich zusammenzucken ließ:

»Jetzt reiß dich doch mal zusammen, Juliane. Ich erkenne dich ja nicht wieder. Du weißt genau, dass deine Mutter …« Er hielt kurz inne, biss sich auf die Unterlippe, »dass sie eine … diese …«

»Was?« Meine Angst war plötzlich wieder da, heftiger und größer als am Abend zuvor. »Was ist sie? Krank?«

»Schlimmer, Juli. Viel schlimmer. Stell dich doch nicht so dumm. Sie ist …«

»Was ist sie?« Ich brüllte fast.

Mein Vater schloss die Augen. Erst dann ging es ihm, wenn auch sehr mühsam, über die Lippen.

»Deine Mutter, Juli, ist eine Phee.«

Ich renne los.Schon mit dem ersten tiefen Atemzug weiß ich, dass ich einen Fehler mache. Ich kenne mich nicht aus. Ich entferne mich immer weiter von dem Haus, in dem meine Geschwister und meine Freunde sind. Immer tiefer in den dunklen Wald.

Unter Krähen

Ich konnte meinem Vater nichts mehr entgegnen, denn Kassie stürmte in die Küche und kletterte routiniert auf seinen Schoß. Sie hatte verwuschelte blonde Locken und sah in ihrem langen Nachthemd wie ein verschlafener Engel aus. Mein Vater küsste sie ausgiebig, dann schmierte er ihr ein Brot und fing an, sie zu füttern. Ich konnte mich nicht erinnern, ob er es bei mir früher auch so gemacht hatte. Wahrscheinlich schon. Er hatte mir jedenfalls lange den Schulranzen getragen, die Klamotten herausgesucht und manchmal sogar großzügig die Lösungen der Hausaufgaben diktiert, obwohl ich sie auch von allein gewusst hätte. Der Satz »Ich mach das für dich« gehörte eben zu meinem Vater wie sein gelegentliches Schielen.

»Sie kann allein essen!«, sagte ich angewidert. »Sie ist doch kein Baby mehr. Bei Mama macht sie alles selber.«

»Lass sie«, sagte mein Vater zärtlich. »Sie hat einen Schock nach diesem schrecklichen Vorfall.«

Kassie streckte mir von seinem Schoß aus die Zunge raus. »Selber Baby«, sagte sie.

Mein Vater seufzte und strich ihr eine Locke aus dem Gesicht.

»Juli, du bist zu spät dran«, sagte er zu mir und klopfte mit dem Zeigefinger auf seine Armbanduhr.

Der Unterricht am Lyzeum begann um 7:30 Uhr, früher als an jeder anderen Schule der Stadt. Auch das machte uns zur künftigen Elite – wir waren alle chronisch unausgeschlafen und schlecht drauf.

»Vergiss nicht, den Kleinen Schulbrote zu machen«, sagte ich.

Ich selber musste nichts in die Schule mitnehmen. Wir aßen in der Kantine und überall standen Automaten herum, aus denen wir in den Pausen Äpfel, abgepackte Ananasstücke und Vitaminriegel ziehen konnten.

Im Schulbus kühlte ich meine heiße Stirn an der Fensterscheibe und dachte daran, was mein Vater gesagt hatte. An diesen seltsamen Satz, dass ich nicht so dumm sein sollte und dass meine Mutter eine Phee war. Mein Vater hatte es sehr dramatisch geflüstert.

Begann er gerade, seinen Verstand zu verlieren? Ich war offenbar nicht die Einzige, der der Stress des Vortags so zusetzte.

Ich hatte schon einmal erlebt, wie ein Normaler wahnsinnig wurde. Es gehörte zu den gruseligsten Erinnerungen meines Lebens. Ich war damals fünf oder sechs gewesen, die Zwillinge waren noch nicht auf der Welt. Ein Nachbar in unserer Straße, ein Mann, der bis dahin nie aufgefallen war, lief plötzlich singend und unrasiert über die Straßen. Dann war ein schwarzer Wagen gekommen und hatte ihn abgeholt. Ich sah ihn nie wieder. Dafür hatte ich meine Großeltern mit Papa flüstern gehört. Meine Großmutter hatte gesagt, es hätte nicht so weit mit ihm kommen müssen, heute könne man viel dagegen tun, sie nehme doch auch immer ihre Medikamente. Mein Großvater hatte gesagt, da hätte vielleicht eine Phee ihre schmutzigen Krallen im Spiel gehabt. Der Beitrag meines Vaters war nur ein angstvolles »Psst!« gewesen. Mama hatte mit den Augen gefunkelt und eine Tasse gegen die Wand geschmissen. In der Tasse war Kaffee gewesen, ein Malermeister hatte die Raufasertapete danach neu streichen müssen.

Eine Phee. Eines der schlimmsten Schimpfwörter in der Gesellschaft der totalen Normalität. Etwas, womit man seine Kinder erschrecken konnte: »Räum sofort dein Zimmer auf und löffel die Zucchinisuppe aus. Sonst kommt heute Nacht eine Phee und holt dich.«

»Ich muss dringend zum Friseur, ich sehe schon aus wie eine Phee« – das sagten manchmal Mädchen, die nicht so gut erzogen waren wie ich.

Mein Vater hatte einen blöden Scherz gemacht. Einen sehr blöden Scherz. Es war zwar nicht gerade seine Art, aber offenbar war ich nicht die Einzige, die sich nach den letzten vierundzwanzig Stunden nicht wiedererkannte.

So absurd die Vorstellung auch war – der Gedanke an Pheen lenkte mich ab. Das tat gut. Endlich konnte sich mein Gehirn mit etwas anderem beschäftigen als mit der Vorstellung, meine Mutter würde gefesselt in einem feuchten Keller eines Freaks verhungern.

Ich überlegte, was ich schon mal über Pheen gehört hatte. Es war ein Schimpfwort, klar, aber jedes Wort hatte einen Hintergrund. Kassie hatte sich einmal zum Kostümfest als Phee verkleiden wollen. Sie hatte ein Bild in einem Buch gesehen, eine hübsche und zarte Gestalt mit durchsichtigen Flügeln und rosafarbenen Tüllröcken, das engelsgleiche Haar ganz ähnlich wie ihres. Es war ein altes Buch, das meiner Mutter gehörte. Meiner Schwester hatte das Bild gefallen und sie hatte genau solch ein Kostüm haben wollen. Und obwohl sie sonst immer alles bekam, was sie wollte – diesmal hatte sie sich geschnitten.

Jetzt erinnerte ich mich auch daran, wie seltsam mein Vater sich damals verhalten hatte. Er hatte getobt und es ihr verboten. Seiner süßen kleinen Kassie etwas verboten – so etwas passierte seltener, als es im Sommer schneite. Kassie hatte lange geheult und war schließlich aus Protest als Putzfrau verkleidet zum Kostümfest gegangen, mit Eimer, Besen, Gummihandschuhen. HYDRAGON stellte auch Gummihandschuhe her, daher hatten wir Unmengen von ihnen zu Hause, in allen Größen und Farben.

Das war so ziemlich das Spannendste, was mir zum Thema Pheen einfiel. Bilderbücher. Fantasyromane. Und dass Kassie ihretwegen mit Gummihandschuhen zum Kostümfest gegangen war.

Und jetzt behauptete mein Vater, meine Mutter sei eine Phee. Und es klang nicht so, als wäre es einfach nur eine der Beleidigungen gewesen, wie sie in der letzten Zeit zwischen meinen Eltern üblich geworden waren. Es klang viel zu bedeutungsvoll.

Und es war der größte anzunehmende Schwachsinn. Ich blickte nicht mehr durch. Sollte ich anfangen, mir wieder mehr Sorgen um meinen Vater zu machen?

Ich löste die Stirn von der Scheibe, sie hatte einen ovalen Fleck auf dem Glas hinterlassen, der sich schnell verkleinerte. Ich schaute mich im Bus um. Er wurde von der Stadtverwaltung ausschließlich für die Schüler des Lyzeums bereitgestellt. Auf jedem Sitz hockte eine Krähe. Aber ich selber sah in meiner schwarzen Schuluniform auch nicht gerade wie ein fröhlicher Wellensittich aus. Am anderen Ende des Busses entdeckte ich Philomena, mit der ich einige Lerneinheiten gemeinsam hatte. Der Platz neben ihr war noch frei. Ich stand auf. In diesem Moment bremste der Bus, um ein paar Lyzeisten an der Haltestelle einzusammeln, und ich rutschte durch den ganzen Innenraum und hielt mich an Philomenas Sitz fest.

»Hallo«, sagte ich und lächelte.

»Hallo«, sagte sie, erst etwas hochnäsig, dann lächelte sie aber doch noch zurück: Wahrscheinlich fiel ihr gerade ein, dass sie schon mindestens dreimal von mir abgeschrieben hatte.

»Ist hier noch frei?«, fragte ich.

Sie zögerte, dann sagte sie: »Aber ja.«

Ich ließ mich davon nicht abschrecken, ich war selber so. Wenn man nicht eng befreundet war, verhielt man sich am Lyzeum so, als würde man sich zum ersten Mal sehen. Und was »eng befreundet« hieß, das wusste ich eigentlich selber nicht so genau. Ich setzte mich hin und nahm meine Schultasche auf den Schoß.

»Kann ich dich was fragen?«

»Aber ja.« Philomenas Zahnspange glitzerte kurz auf.

»Wann machen wir endlich mal was über Pheen? Im Unterricht?«

Philomena sah mich an.

»Ich hoffe, niemals. Wir sind ja nicht hier, um uns mit solchem Dreck zu befassen. Dieser Stoff ist für die Schule nicht geeignet.«

»Ich finde, jeder Stoff, der im Leben vorkommt, ist für die Schule geeignet«, sagte ich. Ich versuchte, genauso hochnäsig zu klingen wie sie. Früher hätte ich mich das nicht getraut, aber heute war ich bereits vorgewärmt durch den Streit mit meinem Vater. Ich kopierte Philomenas Gesichtsausdruck, eine Augenbraue angehoben, der Rest ohne Regung.

»Du irrst dich«, sagte Philomena gleichmäßig und sah aus dem Fenster. »Wir sind Lyzeisten. Wir sind jung und lernen noch. Mit Pheen sollen sich Experten befassen, die dafür ausgebildet sind.«

»Was?« Ich verlor die Kontrolle über meine mühsam arrangierten Gesichtszüge.

»Experten, die ausgebildet sind«, wiederholte sie ungeduldig. »Fachleute, die Maßnahmen ergreifen können, um sich und andere zu schützen.«

»Wovor schützen?« Jetzt stand ich komplett auf dem Schlauch.

»Na, wovor wohl?« Philomena schüttelte den Kopf. »Vor Pheen. Oder wonach hast du mich gerade gefragt?«

Das Gespräch entwickelte sich völlig anders als vermutet. Ich dachte, dass ich gerade über ausgestorbene Märchenwesen redete, die es nur noch in Form von Schimpfwörtern in die Zeit der Normalität geschafft hatten. Aber Philomena redete offenbar über gefährliche Tiere oder ansteckende Krankheiten. Oder über sehr gefährliche Tiere, die sehr ansteckende Krankheiten verbreiteten.

»Und was ist mit den Glitzerflügeln?«, fragte ich in einem hilflosen Versuch, Philomena wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen.

»Glitzerflügel?« Philomena entblößte ihre Zahnspange, was bei ihr als Lächeln verstanden werden durfte. »Das ist doch ein altes Klischee aus den Büchern der vornormalen Zeit. Pheen sind nicht schön, sie sind schlampig, schmutzig, ungekämmt.«

»Woher weißt du das alles?«, fragte ich.

»Ich verfolge Info-Medien und lese empfohlene Sachbücher für unsere Altersgruppe«, sagte Philomena gleichmütig.

»Aha. Und da steht das alles so drin?«

»Du bist so schlecht informiert.« Jetzt schwang eine Spur Verachtung in Philomenas Stimme mit. »Lass dir die Wissen-ab-15-Reihe zum Geburtstag schenken. Oder besser die Wissen-ab-3, deine Defizite scheinen zu groß.«

Ich war so verwirrt, dass mir darauf keine Antwort einfiel.

Die schwarzen Schulterpolster, Röcke und Hosen der Lyzeisten füllten den Pausenhof. Wir stellten uns in gleich lange Reihen, jeder an seinen Platz. Am Anfang des Jahres, wenn die neuen Schüler aufgenommen wurden, bekamen wir ihn zugewiesen. Es gab, wie bei allem, bessere und schlechtere Plätze. Als Glückspilz galt, wer am Rand stehen durfte. Es regnete, aber wir waren zu dicht Schulter an Schulter aufgereiht, um noch einen Schirm hochhalten zu können. Die Tropfen glitten über unsere Gesichter, blieben an den Nasenspitzen hängen.

Der Schulleiter stand auf einem kleinen überdachten Podest. Er trug einen langen Mantel. An seinem Kragen war ein winziges Mikrofon befestigt und seine Stimme dröhnte über den Platz. Er ließ es sich nicht nehmen, uns das Schulbekenntnis jeden Morgen vorzusprechen. Ein dumpfer vielstimmiger Chor fing die Enden seiner Sätze auf, zerkaute sie und reichte sie ihm kaum wiedererkennbar zurück.

»Wir Lyzeisten!«

»… Lyzeisten …«

»Schwören im Beisein unserer Mitschüler!«

»… unserer Mitschüler …«

»Hart zu arbeiten im Namen der Normalität!«

»… malität …«

Die Schüler um mich herum gähnten, nur der Regen hielt uns aufrecht. Alle sahen so aus, als schliefen sie noch, auf den Wangen die Abdrücke der Kissen, die Hände in der Luft, als suchten sie nach der verrutschten warmen Daunendecke. Vom Schulgeld, das man hier jährlich zahlen musste, hätte man in der gleichen Zeit eine dreiköpfige Familie durchfüttern können. Aber man sah uns nicht an, dass wir Kinder wohlhabender Eltern waren: Die Uniformen waren alle gleich, Schmuck war verboten, sämtliche elektronischen Geräte wurden von der Schule gestellt, was auch das gleiche Betriebssystem garantierte und eine einheitliche Virenabwehr.