Spiel der Angst - Veit Etzold - E-Book

Spiel der Angst E-Book

Veit Etzold

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Beschreibung

Ein Jahr ist vergangen, seit ein Psychopath Emily mit seinen morbiden Spielchen beinah in den Wahnsinn getrieben hat. Mit ihrer großen Liebe Ryan hat sie in New York ein neues Leben begonnen, und alles scheint perfekt. Aber dann erreichen sie bedrohliche Botschaften, die schreckliche Erinnerungen in ihr wachrufen. Ist ihr Peiniger etwa doch nicht tot? Dann verschwindet Ryan auf einmal spurlos, und Emily erhält eine SMS, die sie zu einem mörderischen Wettkampf herausfordert. Eine hochdramatische Hetzjagd durch die Metropole lässt Emilys schlimmste Albträume wahr werden. Doch wenn sie Ryan retten will, muss sie durchhalten ...

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Seitenzahl: 324

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Inhalt

Titel

Zitat

Prolog

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Epilog

Über den Autor

Impressum

Veit Etzold

SPIEL

DER

ANGST

Hoffnung ist der Beginn von Unglück.

PROLOG

Der Tod, dachte er, war der Augenblick der Klarheit.

Der Moment, in dem man all die Antworten findet, nach denen man ein Leben lang gesucht hatte.

Im Tod wurde alles klar.

Er war das Skalpell, das die Lügen zerschnitt.

Er war der Hammer, der den Spiegel zerschlug.

Er war das Licht, das die Schatten durchdrang.

Schatten, dachte er, während er rannte.

Überall war pechschwarze Finsternis. Nur vereinzelt leuchteten trübe Lampen wie erblindete Augen eines riesigen Fisches. Kabel verliefen oben und erinnerten ihn an Schläuche oder Arterien im Leib eines gewaltigen Monsters. Und der Lärm, dieses Grollen, das unheilvoll anhob, war wie die Geräusche im Inneren eines gigantischen Körpers. So musste sich jemand fühlen, dachte er, der mit einem kleinen Boot ins Innere eines Wales geraten war. Doch er wusste, woher die Geräusche kamen, oder besser das Geräusch. Das Pfeifen, Donnern und Grollen, das sich allmählich in seinem Bewusstsein nach vorne schob, immer näher kam und den sicheren Untergang für jeden brachte, der zu sehr in seiner Nähe blieb.

Es hatte sie nicht gehindert, einfach in den Gang hineinzulaufen.

Emily.

Sie war auf die Schienen gesprungen und in der Finsternis verschwunden.

»Wenn ich sterbe, dann ist der Sinn deines Lebens verloren. Denn du existierst nur, um mich zu verletzen.« So etwas Ähnliches hatte sie gesagt und war von der Bahnsteigkante auf die Schienen gesprungen und in der filzigen Dunkelheit verschwunden.

Wer tot ist, den kann man nicht mehr terrorisieren, dachte er. Damit hatte sie recht gehabt. Dann wäre all das, wofür er in den letzten Tagen gekämpft hatte, ausgelöscht. Vom Angesicht der Erde gefegt, zermalmt von den stählernen Rädern des Monstrums, das sich gleich schnaufend und zischend durch den engen Gang bewegen würde, um alles zu fressen, was sich ihm in den Weg stellte.

Er sah den Schatten vor seinen Augen, den Schatten des Mannes, der Emily gefolgt war.

Sah die Silhouette von dem Mädchen, das ihn faszinierte und gleichzeitig antrieb, sie zu jagen, sie zu finden und schließlich zu töten.

Er sah den Schatten von dem, der ihr folgen sollte, der ihr willenlos hinterherlief, ihr auf der dunklen Spur der Schienen folgte, ohne sich um den eisernen Koloss zu kümmern, der alles vernichten würde – alles, was nicht schneller war als er.

Er kam näher.

Immer näher.

Dann hatte er das Geräusch gehört, das hässliche Knirschen und Knacken, das Kreischen der Bremsen …

Der Mann, der sie verfolgt hatte, war tot.

Und sie?

Emily?

Sie war verschwunden.

Nichts deutete darauf hin, dass sie jemals in diesem Schacht gewesen war.

War sie tot?

War sie weg?

War sie ein Geist?

Er wollte dort bleiben. Am liebsten für Stunden. Für Tage.

Sein Geist war so voller dunkler Verzweiflung wie die unendliche Finsternis des U-Bahn-Schachts.

Er wollte dort bleiben, die Finsternis in sich aufnehmen, so als könnte er dadurch seine eigene Dunkelheit besiegen.

Feuer mit Feuer bekämpfen.

Doch er konnte nicht bleiben.

Denn bald würden sie kommen. Die Polizisten, die den Ort abriegeln würden. Die Feuerwehr, die dann die letzten Reste von den Schienen kratzte. Die Seelenklempner, die sich um den Fahrer kümmerten.

Er würde verschwinden müssen.

Doch ein paar Minuten gestand er sich noch zu.

Blieb auf den Schienen sitzen – in seinen Ohren klang der Nachhall des Zuges und der kreischenden Bremsen, die Geräusche der Zerstörung – und schloss die Augen, um nicht zu sehen, was die Bahn mit dem anderen gemacht hatte.

Er wollte schreien, doch das konnte er nicht.

Denn dann würden die anderen ihn hören.

Und so saß er voller Hass und Verzweiflung auf den Schienen und fraß seine Wut in sich hinein.

Er hatte eine Schlacht verloren, aber nicht den Krieg.

Sollte sie sich in Sicherheit wiegen, er würde sie finden, wo auch immer sie hingehen würde.

Er würde sie in der Illusion lassen, dass alles in Ordnung sei.

Und dann würde er zuschlagen.

Aus der Dunkelheit, in der er jetzt gerade saß. Aus der Masse. Aus der Anonymität.

Und dann würde sie sehen, dass es ihn noch gab. Dass er sie nicht vergessen hatte. Und dass sie ihn auch nicht vergessen konnte.

Und das jetzt alles anders werden würde. Schlimmer. Viel schlimmer.

Bisher wollte er sie nur töten, doch von jetzt an würde er etwas tun, was ihr noch viel mehr wehtun würde.

Denn der Tod war endgültig. Er war ein klarer Schnitt. Und meist merkte man gar nicht, dass man starb.

Daher war er als Strafe eigentlich viel zu milde.

Eine Zeit lang würde er sich gedulden müssen.

Rache war wie Wein.

Sie wurde mit den Jahren besser.

Das Spiel war noch nicht beendet.

Es hatte gerade erst begonnen.

1

»Meine Damen und Herren, unser Flug British Airways BA0185 von London Heathrow nach New York John F. Kennedy Airport wird in zwanzig Minuten landen. Wir bitten Sie, alle elektronischen Geräte auszuschalten, die Tische vor sich hochzuklappen und sich wieder anzuschnallen. In New York sind es derzeit achtzehn Grad Celsius, das entspricht …«

Die monotone Ansage aus dem Cockpit mit einem Schwall von Vorschriften und Anweisungen plärrte durch das Flugzeug, doch Emily hörte gar nicht mehr hin. Sie war unsagbar glücklich.

Der Schrecken der letzten Tage war vorbei. Der Psychopath, der sie durch London gejagt hatte, Jonathan, war tot. Zermalmt von der U-Bahn, die ihn mit donnernden Rädern erfasst hatte, getötet in dem Schacht, in den er Emily selbst hineingelotst hatte.

Emily griff nach Ryans Hand.

New York, dachte sie. Ein neues Leben.

Eine neue Welt.

Mit Ryan.

Mit dem Mann, den sie liebte.

An dem sie tatsächlich eine Zehntelsekunde gezweifelt hatte. Damals, in London, als Jonathanes geschafft hatte, Ryan als Schuldigen dastehen zu lassen. So als wäre es Ryan gewesen, der sie gejagt, terrorisiert und beinah in den Tod getrieben hatte.

So groß, wie ihre Liebe zu ihm war, so gewaltig waren ihr Schock und ihre Enttäuschung gewesen, als Ryan aus dem Polizeiauto gestiegen war und die Polizei gesagt hatte: »Er war es.« Inspector Carter hatte mürrisch dreingeblickt, mit seiner Zigarette gespielt und Ryan abschätzig angeschaut. »Einen schönen Freund haben Sie sich da angelacht, Ms Waters«, hatte Carter gesagt.

Der Schmerz damals war unglaublich gewesen. Und je mehr sie versucht hatte, diesen Schmerz zu verdrängen, desto größer war er in ihr geworden. So als würde sie Salzwasser gegen den Durst trinken.

»New York, New York«, summte Ryan und blickte sie mit einem verschmitzten Lächeln aus seinen dunklen Augen an, die sie schon am ersten Tag fasziniert hatten, während er ihre Hand fester drückte. »Gleich sind wir da!«

Sie nickte und strahlte ihn an.

New York erwartete sie. Die Stadt, die niemals schlief. Doch hier würde sie schlafen.

Besser als in London. Viel besser. Und die Columbia University in New York erwartete sie. Dort würde sie ihr Studium fortsetzen. Und nicht nur sie. Denn Ryan hatte keine Sekunde gezögert. Klar komme ich mit, hatte er gesagt. Und dafür hatte sie ihn noch mehr geliebt.

Auch Emilys Eltern hatten eingewilligt, auch wenn sie ihre einzige Tochter sonst immer wie ein rohes Ei behandelten. Sie wussten, dass es der richtige Schritt war. Sie hatten gemerkt, dass Emily Abstand von London brauchte. London war der Ort ihrer größten Angst und ihres schlimmsten Albtraums gewesen. London hatte Emily beinah getötet. Die Hölle ist eine ähnliche Stadt wie London, hatte Percy Shelley gesagt. Und damit hatte er recht gehabt. Sie brauchte Abstand. Abstand von der Jagd durch U-Bahn-Schächte, Bibliotheken und nächtliche Straßen. Abstand von Jonathan, dem Psychopathen, der mit ihr ein grausames Spiel gespielt hatte und der – obwohl tot – allgegenwärtig war. Und vor allem Abstand vom Spiel. Dem Spiel des Lebens, das sie zu spielen gezwungen worden war. Auch wenn dies gleichzeitig Abstand zu ihrer Familie bedeutete.

Ihre Mutter, Patricia Waters, war da um einiges ängstlicher als ihr Vater. Sie arbeitete als Künstlerin, malte großformatige Bilder, die sie auch dann und wann einmal verkaufte, allerdings nicht so häufig und kaum für so hohe Summen, wie sie es sich erhoffte. Trotz allem führten sie ein sehr angenehmes Leben, was aber nicht an Patricias Kunst lag, sondern an dem Job von Thomas Waters, Emilys Vater, der Investmentbanker war und als Managing Director in der Abteilung für Fusionen und Übernahmen bei der amerikanischen Investmentbank Silverman & Cromwell in London arbeitete.

»Ich bin auch öfter mal in New York«, hatte ihr Vater vor ihrer Abreise gesagt. Möglich war das, da er ohnehin mehr im Flugzeug als auf der Erde wohnte. »Dann gehen wir mal im Trump Tower zu Abend essen. Und vorher darf sich mein großes Mädchen bei Tiffany, gleich um die Ecke, etwas aussuchen.«

Wer’s glaubt, wird selig,hatte Emily gedacht. Sie kannte ihren Vater. Sein Job ging vor, das hatten sie und ihre Mutter immer wieder zu spüren bekommen. Er würde es auch hinkriegen, nach New York zu kommen und so mit Terminen vollgekleistert zu sein, dass er, ohne Emily zu treffen, wieder abreisen würde. Manchmal flog er auch morgens nach New York und abends ohne Übernachtung wieder weg.

Erst hatte Emily ihre Mum immer für übertrieben vorsichtig gehalten, doch nach den schrecklichen neun Tagen, die sie in London erlebt hatte, konnte sie ihre Mum mehr und mehr verstehen. Sie hatte zu Recht unglaubliche Angst um ihre Tochter, nach alldem, was passiert war. Emily selbst allerdings befand sich immer noch in diesem merkwürdigen Zustand, über den sie einfach nicht Herr wurde. Irgendwie war ihr klar geworden, dass es so oder so kein Entkommen gab, auch wenn sie das seltsame und makabre Spiel, das da mit ihr gespielt worden war, noch nicht vollkommen begriffen hatte. Es kam ihr vor, als liefe sie über eine Brücke, auf beiden Seiten der Brücke waren irgendwelche Feinde, und die einzige Möglichkeit, denen zu entkommen, war, von der Brücke zu springen – tausend Meter in die Tiefe.

Am Ende war es ihr gelungen, von der Brücke zu springen. Und sicher zu landen. Und dem zu entkommen, der sie gejagt hatte. Und dafür war sie immer noch dankbar.

Jonathan.

Der sie gejagt hatte.

Und der sich Der Spieler genannt hatte.

Ganz verschwommen war noch die Erinnerung an ihn, als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, damals, als sie noch ganz klein gewesen war. Wann immer sie versuchte, die Erinnerung herbeizuführen, verschwand diese wie ein scheues Tier. Wie ein Traum, der sofort wie eine Seifenblase zerplatzt, sobald man ihn zu laut bei seinem Namen ruft und dadurch aufwacht.

Vor ihrem inneren Auge sah sie das Auto. Und sie war in dem Auto. Und Fremde waren dabei. Draußen standen ihre Eltern. Doch sie waren nicht bei ihr. Und sie wollten sie offenbar auch nicht begleiten. Sie schauten nur. Schauten in das Auto hinein. Dann sah sie den Jungen.

Jonathan.

Er stand dort bei ihren Eltern. Und lächelte sie an. Und sie weinte. Konnte nur weinen, während der Junge, den sie nicht kannte, dort mit ihren Eltern stand und lächelte. Lächelte. Lächelte.

Sie hatte es fast vergessen.

Bis er zurückgekommen war.

Mit dem seltsamen Bild der Sternennacht von van Gogh in ihrem Postfach in London.

Mit der Botschaft, die sie gelesen hatte.

DU HAST MIR MEIN LEBEN GESTOHLEN. UND ICH HOLE ES MIR ZURÜCK.

So tickte Jonathan. Oder so hatte er getickt.

Beide, sie und Jonathan, verband ein grausames Geheimnis. Und je weiter entfernt sie von London war, desto mehr würden dieses Geheimnis und die Erinnerung daran verblassen und hoffentlich irgendwann endgültig verschwinden. Verschwinden in die tiefsten Winkel ihres Bewusstseins, wie radioaktiver Giftmüll in einer Bleikammer, der dort niemandem mehr schaden kann.

SIEG ODER TOD, hatte Jonathan in seiner ersten Nachricht geschrieben.

Sie hatte gewonnen.

Und er hatte den Tod gefunden.

Das Flugzeug verlor sanft an Höhe. Eigentlich mochte Emily das Fliegen nicht, doch hier und jetzt, neben Ryan, der ihre Hand hielt, war es etwas anderes. Sie hatten sich unterhalten, hatten gelacht und sich Fremdenführer von New York und Prospekte der Columbia angeschaut. Einen Film hatten sie auch gesehen, irgendeine Komödie. Und dann waren die acht Stunden des Fluges auch schon fast vorbei gewesen.

Die Zeit verfliegt, wenn man Freude hat, sagte man in London. Und auch wenn Fliegen für Emily nicht unbedingt Spaß war – dazu fühlte sie sich im Flugzeug zu eingeengt –, so war doch der Moment des Abhebens, des Fliegens und des Sich- fortbewegens wie eine Befreiung aus ihrer dunklen und bedrückenden Vergangenheit.

Sie drehte sich zu Ryan. »Mein Vater sagte übrigens auch, man müsse, kurz bevor das Flugzeug landet, etwas besonders Geistreiches sagen.« Sie lächelte. »Dann hat man Glück und Erfolg bei dem, was man am Boden vorhat.«

Er lächelte wieder sein Lächeln, das sie schon am ersten Abend verzaubert hatte.

»Ich denke, bevor das Flugzeug abhebt? Hast du jedenfalls vorhin gesagt.«

»Vor dem Start. Und auch zur Landung.« Emily grinste.

»Soll ich mir schon wieder was ausdenken?« Seine dunklen Augen blitzten sie amüsiert und ein wenig verwundert an.

»Wer sonst?«, entgegnete Emily und zupfte an seinem Arm. »Du bist der Zeremonienmeister des Fluges.«

»Seit wann?«

»Seit jetzt.«

Er nestelte an den Ecken der New York Times, die auf seinem Platz lag, und schien eine Weile nachzudenken.

»Äh, tja, also …« Er starrte angestrengt den Gang hinunter. »Columbus hat Amerika entdeckt. Und wir entdecken die, äh, Columbia.«

Die Maschine verlor an Höhe, unten war das Blitzen des Meeres und die Landmasse der Ostküste zu sehen.

Emily hob eine Augenbraue. »Besonders einfallsreich war das nicht.«

»Aber rechtzeitig«, verteidigte sich Ryan. »Was nützt der schönste Spruch, wenn das Flugzeug schon längst gelandet ist?«

Sie musste wieder lachen. Er brachte sie immer zum Lachen. Sie küsste ihn und hielt seine Hand fester, als die Fahrwerke ausfuhren und das Flugzeug, mit drei Hüpfern, auf der Landebahn des John F. Kennedy Airports in New York landete.

»Meine Damen und Herren«, erklang die Stimme erneut. »Willkommen am John F. Kennedy Airport in New York City. Bitte bleiben Sie noch so lange angeschnallt, bis die Anschnallzeichen über Ihren Sitzen erloschen sind, und schalten Sie elektronische Geräte erst ein, wenn …«

Emily hörte nicht mehr hin und drehte sich zu Ryan.

»Willkommen in New York City, Ryan«, sagte sie.

»Willkommen in New York City, Emily«, sagte er.

Sie waren angekommen.

In einem neuen Kapitel ihres Lebens.

11 MONATESPÄTER

2

FREITAG, 31. AUGUST 2012

Der Spätsommer hatte begonnen in der Stadt, die niemals schläft. Nächste Woche eröffnete die Footballsaison, und am Broadway starteten die neuen Theater- und Musicalstücke.

Sie waren durch Little Italy spaziert. Die Festa di San Gennaro bildeten den Höhepunkt farbenfroher Stadtteilfeste, von denen es in New York eine Menge gab. In drei Wochen ging es los, und dann herrschte für zehn Tage Ausnahmezustand in dem Viertel. Emily freute sich schon riesig darauf.

Emily und Ryan waren in einer kurzen Pause zwischen den Vorlesungen durch den Central Park gelaufen und nun zurück auf dem Campus der Universität. Es war Freitag, der 31. August. Morgen war der 1. September. Vor einem Jahr in London hatte alles angefangen, aber es erschien Emily so angenehm weit weg, dass sie sich kaum mehr daran erinnerte. Und außerdem war sie in New York, mit Ryan, und alles lief wunderbar.

Ein Jahr war vergangen, und es hatte sich wie ein einziger Monat angefühlt. Noch vor elf Monaten hatten Ryan und Emily ehrfürchtig der Campusführung durch einen älteren Studenten gelauscht. Die Columbia University war 1754 gegründet worden und damit älter als die USA selbst. Sie hatte 25000 Studenten und war eine der besten Universitäten der Vereinigten Staaten, wie der Student, der sie herumführte, stolz verkündete. Ihr Motto In lumine tuo videbimus lumen – »In deinem Licht werden wir Licht sehen« – stand in klassischen Buchstaben über den Eingangsportalen.

King George II von England hatte das College, damals noch unter dem Namen King’s College, gegründet.

»Wieder ein King’s College«, hatte Ryan gewitzelt. »Und schon wieder die Engländer. Man wird sie einfach nicht los.«

Emily erinnerte sich an den Anblick der Low Library, die aussah wie das Pantheon in Rom, das sie in einem Urlaub mit ihren Eltern einmal gesehen hatte. Gegenüber stand die Butler Library, die die Hauptbibliothek war. Im Mittelpunkt des Ganzen erhob sich die St. Paul’s Chapel. Mit dem Riverside Park in der Nähe und dahinter dem Hudson River und dem großflächigen Campus konnte man gar nicht glauben, dass man hier mitten in Manhattan war, einem der am höchsten gebauten und am dichtesten besiedelten Orte der Welt.

Jetzt waren sie nicht mehr die Frischlinge. Jetzt waren sie die Erfahrenen und die, die den neuen Studenten den Campus zeigten. So wie gerade eben. Danach waren Ryan und Emily noch ein paar Minuten durch den Central Park spaziert, hatten die Schönheit des Parks genossen, den sanften Wind des Spätsommers und die ruhige Oase mitten in der Hektik der Großstadt.

Es war perfekt.

Es war wunderschön.

War es zu schön, um wahr zu sein?

Doch diese Frage wollte Emily nicht beantworten.

Auch neue Freunde hatten sie im Wohnheim und am College kennengelernt. Einer hieß Marc, kam aus Los Angeles und war nahezu besessen von allem, was mit Film und Glamour zu tun hatte. Er studierte passend dazu Filmwissenschaften an der Columbia, wollte später aber unbedingt wieder zurück nach Los Angeles und Hollywood. Als Emily ihn fragte, warum er dann nicht gleich in Hollywood blieb, antwortete er: »In Hollywood wird das Geld ausgegeben, es kommt jedoch aus New York. Man muss auch da sein, wo das Geld ist. Kreativität allein reicht nicht.« Da hätte Emilys Vater sicher zugestimmt.

Die andere war Lisa. Sie hatte braune Augen, einen blonden Pferdeschwanz und stammte aus Deutschland. Vor der Columbia hatte sie an der Humboldt Universität in Berlin studiert und war jetzt ebenfalls mit Emily für Classical Studies eingeschrieben.

Mit ihren alten Freunden und Freundinnen war Emily nach wie vor in Kontakt. Vorhin hatte sie kurz mit Julia über Skype gesprochen. Julia war ihre beste Freundin und eine Draufgängerin. Ganz anders als Emilys. Und sie hatte miterlebt, wie Emily von dem Irren, der sie für sein Spiel ausgewählt hatte, durch ganz London gejagt worden war. Das hatte sie noch mehr zusammengeschweißt.

Mit ihrer Mutter telefonierte sie zwar regelmäßig, allerdings war das häufig eine eher lästige Pflicht. Auch wenn in Emilys Leben endlich Normalität eingekehrt war, konnte es ihre Mutter doch nicht lassen, Emily weiter wie ein rohes Ei zu behandeln. Ihre Eltern hatten sie zu Beginn des Jahres besucht, und immer noch war ihre Mum in großer Sorge, dass ihrer Tochter irgendetwas passieren könnte.

»Schön, dass du dich meldest, mein Kleines«, begrüßte sie Emily bei jedem Gespräch, und an den Schritten hörte Emily, dass ihre Mum beim Telefonieren mal wieder durchs Haus lief und irgendwelche Vasen und Figuren auf den Möbeln zurechtrückte. Es schien ihrer Mum schwerzufallen, mal eine einzige Sache zu machen und nicht alles auf einmal, aber da war Emily ihr nicht ganz unähnlich.

»Jetzt seid ihr schon ein Jahr da drüben«, sagte sie dann. »Läuft weiterhin alles gut? Wie sind die neuen Studenten? Wie geht es Ryan? Habt ihr noch neue Freundschaften geschlossen? Und wann gehen denn die Vorlesungen des Herbstsemesters los? Musst du dafür nicht noch viel vorbereiten?«

So oder so ähnlich liefen ihre Telefonate ab.

Emily verzog dann das Gesicht und beantwortete alle Fragen in der Reihenfolge, wie sie gestellt wurden. Ein wenig kam sie sich vor wie eine Politikerin auf dem Podium. Diesen Leuten wurden auch immer eine ganze Reihe von Fragen gestellt. Am liebsten hätte sie in einem Stil à la »Zu Frage eins … Zu Frage zwei …« geantwortet. Aber so war ihre Mum halt. Sie wollte immer alles auf einmal wissen und am Ende wirklich nur das Beste für Emily. Doch manchmal war gut gemeint das Gegenteil von gut.

»Was macht Dad?«, fragte Emily. »Geht’s ihm gut?«

»Der ist sogar mal in London, aber natürlich immer noch nicht zu Hause«, sagte Mum.

Emily blickte auf die Uhr. Dort musste es fünf Minuten vor Mitternacht sein.

»Wieder ein Geschäftsessen?« Ihre Mutter lief noch immer irgendwo im Haus herum, jedenfalls klang das so.

»Ja«, antwortete ihre Mum. »Diesmal mit irgendwelchen Chinesen oder Indern. Ich steige da auch nicht mehr durch. Obwohl, das habe ich ja eigentlich noch nie.«

»Und Drake?«, fragte sie dann. »Wie geht’s dem?«

Drake war Emilys Yorkshire Terrier, der sich besonders gern am Kinn kraulen ließ und der Emily allein schon dadurch glücklich machte, wenn er sie anblickte und wenn er über ihr Gesicht leckte, auch wenn das manchmal etwas ekelig war. Dann fühlte sie die Pfoten auf ihren Knien, roch den Geruch seines Fells und hörte das fröhliche Japsen und Gurren, das ab und zu von einem herzlichen Bellen unterbrochen wurde. Zu Weihnachten hatte sie ihn gesehen, und dann hatten ihre Eltern ihn bei ihrem letzten Besuch mitgenommen. Ansonsten war er bei ihren Eltern in London. Das war er auch schon, als sie am King’s College studiert hatte, doch da war sie nur vierzig Minuten und ein U-Bahn-Ticket entfernt gewesen. Nun waren es mehr als sechstausend Kilometer, acht Stunden Flug und sechshundert Dollar für das Ticket, die sie von ihrem Hund trennten.

»Gut, dem geht es gut«, flötete Mum. »Der hat vorhin, als es noch hell war, im Garten herumgetollt.«

Meist war es dann so, dass Ryan irgendwann ihr Gespräch unterbrach, weil in den nächsten zwei Minuten irgendein Kurs losging, ein Termin beim Tutor anstand oder etwas anderes, was Emily in ihrer Zerstreutheit schon wieder vergessen hatte. So auch dieses Mal.

»Mum, ich muss Schluss machen«, sagte sie. »Ryan und ich gehen noch kurz in den Park. Die Luft ist so schön. Und dann müssen wir zur Vorlesung. Die Uni ruft. Grüß Dad und Drake von mir, und wir hören uns dann wieder.«

»Wie, du willst jetzt noch, um diese Uhrzeit …«

»Mom, es gibt hier so etwas wie Zeitverschiebung. Wir haben noch sechs Stunden mehr Zeit als ihr.« Manchmal fragte sich Emily, auf welchem Planeten ihre Mutter lebte.

»Ach ja, stimmt ja.« Ihre Mum kicherte. »Pass gut auf, mein Kleines. Und denk daran, dass du …«

Doch da hatte Emily schon aufgelegt.

Als sie später mit Ryan durch den nahen Riverside Park spazierte und sich auf dem Hudson River zu ihrer Linken behäbig die Fähren und Boote mit Touristen von Norden nach Süden bewegten, während die Sonne blitzende Diamanten auf die Wasseroberfläche zauberte, fühlte sie sich frei.

Frei und glücklich.

3

Er stand auf dem Woolworth Building, das Fernglas an den Augen. Sie war genauso schön wie damals. Ihre roten Haare, die im milden Herbstwind wehten, die grünen Augen, die neugierig, aber auch etwas unsicher in die Welt blickten.

Und er hasste sie noch immer. Doch irgendwie bewunderte er sie auch.

Sie war letztes Jahr noch einmal davongekommen. Ein Glückskind, das ganz am Ende von der Klippe des Abgrunds zurück aufs rettende Land gesprungen war.

Damals.

Und er dachte daran, warum er sie jagen musste. Warum er nicht anders konnte. Dachte an die Szene, die sich wie mit glühenden Lettern in sein Bewusstsein eingebrannt hatte.

Es war vor Jahren gewesen. Wenn nicht gar vor Jahrzehnten. Er hatte gedacht, dass es sein Geburtstag gewesen wäre, damals, vor langer Zeit. Doch er hatte das Auto nicht gesehen. Und die Menschen, die ihn entführt hatten.

Es war doch sein Geburtstag.

Und er wurde entführt.

Dann war der Wagen hinter ihm. Und zwei Arme hatten ihn ergriffen.

Er war entführt. Er war verschwunden. Am helllichten Tag. Und niemanden kümmerte es. Seine einzige Hoffnung war, zurückzukommen, zurück zu seinen Eltern, seiner Familie und dem wunderschönen Haus mit der großen Kuppel.

Sie hatten ihn entführt. Und schließlich hatten sie ihn gehen lassen. Und dann war er zurückgekehrt. Er hatte vor dem elterlichen Haus mit der hohen Kuppel gestanden. Der Schlüssel, der immer gepasst hatte, passte nicht mehr. Tränen standen in seinen Augen, und sein Hals war trocken. Sein Kopf schmerzte. Mit klopfendem Herzen war er in den Garten gegangen. Er sah es so deutlich vor sich, als wäre es gestern gewesen. Vielleicht war es der blaue Himmel, der wie eine Leinwand all das, was man darauf projizierte, zur Realität werden ließ.

Er war durch den Garten gegangen. War ins Innere des Hauses gekommen.

Aber sein Zimmer war verschwunden.

Stattdessen war dort ein neues Zimmer. Und noch etwas anderes passte nicht ins Bild. Selbst jetzt, nach so vielen Jahren, tauchte es vor seinen Augen auf. Auf dem Boden, inmitten von Spielsachen, Luftschlangen und Luftballons, saß ein kleines Mädchen, drehte sich um und sah ihn mit großen Augen an.

»Wer ist das?«, hatte das Mädchen gefragt, doch eigentlich hätte Jonathan diese Frage stellen sollen.

Jonathan hatte in die grünen Augen des Mädchens geschaut, die einen Stich von Blau hatten, ein ähnliches Blau wie der Himmel vor dem Fenster eines Flugzeugs. Hatte dann in die Augen seines Vaters und seiner Mutter geblickt, die beide so taten, als hätten sie ihn noch nie gesehen. Das Mädchen, das vielleicht vier Jahre alt war und zwischen den Luftballons hockte, wie ein Eindringling, blickte ihn gleichzeitig neugierig und misstrauisch an. Und er schaute zurück.

»Und du?«, hatte Jonathan gefragt. »Wer bist du überhaupt?« Er hatte das Mädchen unverwandt angestarrt.

Das Mädchen hatte Jonathan aus großen grünen Augen angeschaut.

»Ich?«, hatte sie gefragt, und ihre grünen Augen wurden noch größer. »Ich bin Emily. Und heute ist mein Geburtstag.«

Seine Eltern hatten ihn eingetauscht. Er hatte drei Monate so gelebt, wie er es eigentlich sein ganzes Leben verdient hatte. Und dann war er zurückgebracht worden. Zu denen, zu denen er niemals gehört hatte.

Und die, die die größte Schuld daran trug, hatte es geschafft, ihrer Strafe zu entkommen.

Emily.

Emily Waters.

Doch heute würde es anders werden.

Heute würde er sie kriegen.

Anders als damals. Noch perfider.

Denke bei allem, was du hast, daran, dass du es verlieren könntest, hatte ihm einmal ein weiser Mann gesagt.

Der Mann hatte recht gehabt.

Etwas gar nicht erst zu haben kann wehtun.

Doch etwas zu haben, das man dann weggenommen kriegt, ist das Schlimmste von allem.

Und das würde Emily erleben.

Sie, die immer noch glaubte, dass er vor einem Jahr in London von der U-Bahn erfasst worden war.

Sie hatte damals ihre Entscheidung getroffen.

Und sie hatte es getan.

Sie war die dunklen Schienen hinuntergerannt. Hinter sich musste sie die Stimme gehört haben. Die Stimme, von der sie glaubte, dass sie von ihm kam. Dass sie anders klang, irgendwie verzerrt, irgendwie aufgebracht und gar nicht so ruhig, wie sie sonst immer klang, wenn er sie angerufen hatte – das hatte sie in der Aufregung offenbar nicht bemerkt.

Dann musste sie noch etwas anderes gehört haben. Etwas Lauteres, Gefährlicheres. Die Bahn. Die Bahn, deren fauchender Lärm das Tapsen der Schritte hinter ihr übertönte.

»Bleib stehen, ich krieg dich! Bleib stehen!«

Er sah es vor sich, als wäre er es selbst gewesen. Und Emily war nach wie vor im Glauben, dass es sich so abgespielt hatte. Sie musste gespürt haben, wie die Schienen bebten, während sie durch die Dunkelheit nach vorn stürzte, weiter, weiter, dem rasenden Grollen entgegen, eine Mischung aus Donner und Kreischen, das, wenn es erst einmal da wäre, mit absoluter Sicherheit den Tod bringen würde. Den schnellen Tod.

Auch er hatte es fühlen können, obwohl er nicht dort gewesen war. Die Erde hatte gebebt, als würde sich ein Tsunami nähern, und das blasse Leuchten der Frontlampen der U-Bahn, ein Vorbote ihres sicheren Untergangs, tastete sich mit rasender Geschwindigkeit durch den Gang.

Das Gesicht ihres Verfolgers war eine Maske des Schmerzes und der Verzweiflung, und das, was er brüllte, konnte sie nicht mehr hören, weil der Lärm der Bahn nun alles erfüllte. Wahrscheinlich hatte sie ihn gesehen. Und er sie. Und davor die gigantische Silhouette der U-Bahn, die die ganze Breite des Tunnels einnahm – ein stählerner Wurm mit der Kraft eines riesigen Hammers, der alles fraß, was sich in dem Tunnel befand.

Emily war danach in irgendeinem anderen Tunnel verschwunden. Sie hatte überlebt. Und der, der sie verfolgt hatte, war mit einem hässlichen Knirschen zermalmt worden. Es musste so sein. Weil es nicht anders sein konnte.

Weil es nicht er war.

Sondern Bill.

Bill, den Emily schon öfter gesehen hatte. An der Brücke von Vauxhall, als sie fast den Squatter überfahren hatte.

Bill.

An dem Shard Building, als sie sich sicher gefragt hatte, wie er da so schnell hingekommen war.

Bill.

Und schließlich war er ihr gefolgt.

Tief in den U-Bahn-Schacht hinein.

Und das war das größte Geschenk, das er seinem Auftraggeber machen konnte.

Bill, der gestorben war, damit er, Jonathan, leben konnte.

Bill, der für die Drogen, die er von ihm bekam, alles tat.

Bill, der niemals Nein sagte.

Bill, der ihm so ähnlich sah.

Wie aus dem Gesicht geschnitten.

»Besuchen Sie Ihre Lieben in New York?«, hatte die Stewardess im Flugzeug gefragt, als er vor einem Jahr hierher geflogen war.

Meine Lieben, dachte er. Meine Lieben wissen nicht, dass es mich gibt.

Meine Lieben, dachte er und dabei besonders an zwei Personen, die er kannte, die er hasste, die er jagte und die er töten würde.

Meine Lieben glauben, dass ich tot bin.

4

Wanderer, kommst du nach Sparta. Gedenke derer, die hier liegen. Den Befehlen jener gehorchend.

Emily saß zusammen mit Lisa in einer Vorlesung. Professor Bayne erzählte vom Untergang vergangener Kulturen, von der Bronzezeit, von der Schlacht der dreihundert Spartaner an den Termophylen Felsen, die den Ansturm des persischen Heeres so lange aufgehalten hatten, bis die griechische Armee Athen evakuieren konnte. Er zeigte das Denkmal der dreihundert Spartaner und das Grabmal des Leonidas, des Anführers der Spartaner. In Stein gemeißelt stand dort auf Griechisch der Gedenkspruch an die dreihundert Gefallenen.

Wanderer, kommst du nach Sparta. Gedenke derer, die hier liegen. Den Befehlen jener gehorchend.

»Jene«, erklärte Bayne, »das war das Vaterland, was man auf Römisch patria nannte. Das war Athen. Und das war Sparta. Und es war der Wille, mit einer Armee von dreihundert Kriegern ein Heer von einer Million aufzuhalten.«

Banye war ein schlanker, etwas blasser Herr in Jeans und einem marineblauen Sakko, der zwischen den Vorlesungen immer unendliche Mengen Kaffee in sich hineinschüttete und meistens mit einem Take-away-Kaffeebecher zu sehen war.

»Unsere Pfeile werden den Himmel verdunkeln, hatte einer der Perser gesagt«, berichtete Bayne weiter und gestikulierte mit den Händen. »Und wissen Sie, was der Spartaner antwortete?« Er blickte in die Runde.

»Dann kämpfen wir eben im Schatten«, warf einer der Studenten in der zweiten Reihe ein.

Bayne nickte. »Richtig. Dieser Spruch stand genau so bei Herodot, viertes Jahrhundert vor Christi. Aber Sie kennen ihn wahrscheinlich eher aus dem Film 300, habe ich recht?«

Der Student grinste und nickte.

»Wäre es damals anders gelaufen«, sagte Bayne, »dann sähen Europa und sicher auch die USA komplett anders aus.«

* * *

»Kommst du morgen Abend auch auf die Party?«, fragte Emily Lisa, als sie Richtung Cafeteria marschierten. Die Party war schon seit Tagen das Gesprächsthema an der Uni. Sie hatte schon einige Partys an der Columbia miterlebt, und sie waren nicht ganz so ekzessiv wie im Tutus in London gewesen, was Emily jedoch nicht sonderlich störte.

Lisa verzog das Gesicht. »Weiß nicht. Ich hab noch so viel zu tun.«

Emily war bereits aufgefallen, wie gut Lisa sich mit all den antiken Themen auskannte. Da sah Emily eigentlich wenig Notwendigkeit, dass Lisa noch mehr lernen musste. Doch das schien Lisa anders zu sehen und versuchte, auf jede Spitzenleistung noch einen draufzusetzen. Ganz im Gegensatz zu Emily, die manchmal zu Faulheit und Minimalismus neigte, was sie selbst hin und wieder ärgerte.

Lisa sprach perfekt englisch mit leichtem deutschen Akzent und hatte das, was die Engländer immer German Efficiency nannten. Alles so gut wie möglich zu machen. Dummerweise litt darunter oft der Spaß.

»Ich muss unbedingt fertig werden«, meinte Lisa. »Ich habe ein Stipendium. Im Sommer werde ich die Master Thesis abgegeben müssen, weil dann auch die Förderung ausläuft. Ich hab bei der Studienstiftung noch ein Jahr Verlängerung gekriegt, aber im Juli fällt dann endgültig der Hammer. Ob ich dann hier bleibe oder wieder nach Deutschland gehe, das weiß ich noch nicht. Könnte mir vorstellen, irgendwas in der Wissenschaft zu machen.«

»Ich dachte, du wirst bestimmt Professorin«, sagte Emily. In den Classics-Kursen hatte Lisa fast immer alles gewusst.

»Das ist ja auch das Ziel, nur ist das nicht mehr ganz so einfach. Will ja irgendwie jeder machen. Ich habe mich da auch schon umgeschaut, und es gibt sogar ein paar Sachen, die klappen könnten, aber das sind halt alles so blöde halbe Stellen. Wobei es von den Anforderungen eher ganze Stellen sind, die nur halb bezahlt werden.«

»Überleg’s dir noch mal mit der Party«, bettelte Emily. »Ab und zu muss man auch mal entspannen.« Sie lächelte. »Sonst geht es einem wie den Spartanern.«

Lisa musste ebenfalls lachen. »Du meinst, gestorben im Dienst für das Vaterland?«

»Oder für die Uni.« Emily nickte.

5

»Du hast ja bald Geburtstag. Vielleicht feiern wir schon einmal ein bisschen vor, sozusagen als Vorbereitung auf das große Fest?«, schlug Ryan vor, als sie am Freitagabend gemeinsam in ihrer neuen Wohnung, wie Emily sie nannte, saßen. Das Wort »Zimmer« klang in ihren Ohren etwas zu schmucklos, auch wenn man sich als Student in New York nur ein Zimmer leisten konnte. Immerhin war es ein gemeinsames Zimmer und um einiges größer als die kleinen Einzelzimmer, in denen sie vorher gewohnt hatten. Vor drei Tagen waren sie eingezogen, und beide hatten schon überlegt, ob sie nicht bald eine Einweihungsparty machen sollten.

Ryan sprach weiter. »Du wirst neunzehn, also nach europäischem Standard bist du schon erwachsen, nach US-Standard wirst du es in zwei Jahren.«

Emily erschrak. Der Geburtstag! Und der war ja wirklich bald! Den hatte sie fast vergessen – oder verdrängt. In jedem Fall hatte es sie nicht sonderlich gestört, dass sie ihn vergessen hatte. Doch Ryan hatte recht.

»Weißt du, Ryan, ich wäre nicht traurig, wenn der Geburtstag ausfallen würde.« Sie sah ihn an. »Meine Eltern haben da immer eine Riesenshow abgezogen. Das können sie jetzt nicht, obwohl ich es ihnen auch zutrauen würde, dass sie extra nach New York kommen. Ich fände es viel schöner, einfach nur mit guten Freunden etwas zu trinken und sonst nichts.«

»Vielleicht gekühlten Sekt?«

»Ja. Zum Beispiel. Wieso?«

Emily trank auch gern mal etwas, aber niemals so viel, dass sie vollkommen die Kontrolle verlor. Denn Kontrollverlust war etwas, das sie fürchtete. Es war genau so, als wenn immer irgendjemand hinter einem herschlich, einen ins Fadenkreuz nahm. Jemand, der unberechenbar war, überall. So einer wie dieser Verrückte, der sie in London gejagt hatte. Der überall war. Und gleichzeitig nirgends. Kontrolle zu haben hieß, sein eigenes Schicksal bestimmen zu können, nicht eingesperrt zu sein, nicht bevormundet zu werden. Ein Vollrausch war so ziemlich das Gegenteil davon. Und auf den Kater am nächsten Tag konnte Emily auch gut verzichten. Vermeiden ließ sich das allerdings nicht immer. Doch hier mit Ryan war das anders. Hier fühlte sie sich sicher. Und zu Hause.

»Wir können, wie gesagt, ja schon mal vorfeiern«, sagte Ryan und kniff ein Auge zu. »Damit du auf andere Gedanken kommst und dich nicht immer wegen des ersten Septembers sorgst.«

Er legte ihr die Hände auf die Schultern.

»Es ist vorbei. Der Typ ist tot. Und zwar seit mehr als einem Jahr!«

Sie nickte und küsste ihn. »Du hast wahrscheinlich recht. Ich bin halt eine blöde, hysterische Kuh.« Dann rückte sie näher an ihn heran. »Was meinst du mit gekühltem Sekt?«

»Was ich damit meine?«

Sie nickte.

»Dass es welchen gibt.« Er grinste. »Bin gleich wieder da.«

Nach zwei Minuten kam er wieder ins Zimmer, in der Hand ein paar Kerzen und eine Flasche gekühlten Sekt mit zwei Plastikbechern. Er stellte die Kerzen ans Fenster und zündete sie an.

»Es sollte hier doch mal ein bisschen gemütlich werden, oder?« fragte er. »Wir sind jetzt fast ein Jahr hier. Das müssen wir feiern.«

Emily lächelte. »Dass ein Kerl das sagt, ist interessant. Eigentlich achten ja die Frauen immer mehr auf Gemütlichkeit. Aber du hast recht.« Sie blickte sich um. Er hatte wirklich recht. Eigentlich wollte sie die Woche nutzen, ihr Zimmer ein wenig einzurichten, aber daraus war natürlich nichts geworden.

»Wo kommt denn der Sekt her?«, wollte sie wissen.

»Habe ich aufbewahrt«, antwortete Ryan und öffnete den Verschluss. »Für Anlässe wie diesen. Leider …«, er goss den Sekt in die zwei Plastikbecher, »… leider habe ich nur diese Becher auf die Schnelle im Supermarkt gefunden.«

»Ryan, das ist so süß!« Sie umarmte ihn. »Auf was trinken wir denn?«

Er überlegte.

»Auf uns? Oder ist das zu kitschig?«

»Überhaupt nicht«, entgegnete Emily. »Natürlich auf uns. Auf wen denn sonst?«

Sie tranken, und Emily spürte eine wohlige Wärme, die im eigentümlichen Kontrast zu dem kalten Sekt stand. Es war einer der Momente, die man als perfekt bezeichnen konnte, obwohl oder vielleicht gerade, weil alles so improvisiert war. Und vielleicht auch gerade deswegen, weil es eigentlich nicht viel zu feiern gab. Doch sie und Ryan waren hier zusammen. Vielleicht reichte das ja schon? Sie setzte sich neben Ryan aufs Bett.

»So könnte es immer sein«, sagte sie.

»Wird es auch«, versprach Ryan.

Sie saß dort, während er sie in den Armen hielt, und spürte den Sekt, der kühl ihre Kehle hinunterlief. Der Sekt, den er noch irgendwo aufgetrieben hatte, die Plastikbecher, die er mit einem verschmitzten Grinsen hervorgeholt hatte, so als wäre es ihm peinlich, nichts Besseres als billigen Schaumwein vom Kiosk und Plastikbecher vom nächsten Supermarkt anbieten zu können. Manchmal, und das fand sie süß, manchmal war er noch so unbeholfen wie am ersten Tag.

Es war sicher nicht der beste Sekt – genauso wenig wie das Essen in London, das er in der ersten Woche für sie gekocht hatte, nicht das beste gewesen war, das sie je gegessen hatte –, doch manchmal zählte es nicht, was man bekam. Es zählte, wie man es bekam. In diesen Plastikbechern steckte mehr Freundschaft, Hingabe und Liebe als in allen Champagner-Kristallkelchen auf irgendwelchen Partys, zu denen sie ihre Eltern mitgeschleppt hatten.

Und das war gut so.

6

TAG 1: SAMSTAG, 1. SEPTEMBER 2012

Emily und Ryan waren mit Lisa von Little Italy Richtung Battery Park am Südzipfel Manhattans geschlendert. Ihr Ziel war Soho, das genauso hieß wie das Viertel in London und wo man hervorragend, viel und günstig frühstücken konnte.

Lisa hatte sich überreden lassen, mit ihnen zusammen zu frühstücken, anstatt wie üblich in die Bibliothek zu gehen.

Vor einer Statue in der Nähe von South Ferry blieben sie stehen.

»Wisst ihr, wer das ist?«, fragte Lisa.

Emily las den Namen auf dem Sockel.

»Amerigo Vespucci.« Sie zuckte die Schultern. »Nie von ihm gehört.«

»Er muss aber eine bedeutende Persönlichkeit sein«, meinte Ryan. »Sonst würde er kaum hier stehen.«