Spiel der Schatten - Michael Peinkofer - E-Book

Spiel der Schatten E-Book

Michael Peinkofer

4,5
9,99 €

Beschreibung

London 1886. Die junge Cyn liebt es, gemeinsam mit ihrem Vater und den Freunden auf der Bühne zu stehen. Doch die Zeiten sind schlecht, und das Theater steht vor dem Bankrott. Alle sind sich einig, wer Schuld daran ist: Professor Caligore, der die Massen mit nie dagewesenen Illusionen in sein Caligorium lockt. Doch in dem Schattentheater gehen seltsame Dinge vor sich. Als Cyns Vater plötzlich völlig verändert aus einer Vorstellung zurückkehrt, wird ihr klar, dass sie dem Professor auf die Schliche kommen muss, und ein schattenhaftes Abenteuer beginnt ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 327




INHALT

CoverÜber den AutorTitelImpressumPROLOG1 | DER KÖNIG DER NACHT2 | SCHLECHTE ZEITEN3 | RUHELOS4 | SCHATTENSPIEL5 | VERMISST6 | ZEIT DER VERÄNDERUNG7 | EINKÄUFE8 | KREISENDE GEIER9 | DIE WARNUNG10 | FIEBER11 | NÄCHTLICHE SCHATTEN12 | PUCK13 | SCHRECKLICHE ERKENNTNIS14 | LATERNA MAGICA15 | GEFÄHRLICHER HANDEL16 | ÜBER DEN DÄCHERN17 | SPUREN DER VERGANGENHEIT18 | APFELKUCHEN19 | SPIEL IM LICHT20 | TANZENDE FLOCKEN21 | OHNE AUSWEG22 | DER HERR DER SCHATTEN23 | DAS KABINETT DES CALIGORE24 | VATER UND SOHN25 | LICHT UND SCHATTEN26 | SCHATTENTANZ27 | DAS ERWACHEN28 | SCHULDENEPILOGGLOSSAR

Michael Peinkofer,

Michael Peinkofer

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Die Veröffentlichung dieses Werkes erfolgt auf Vermittlung der literarischen Agentur Peter Molden, Köln.

Copyright – 2013 by Michael Peinkofer und Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat: Barbara Rumold Redaktion: Kristin Overmeier Umschlaggestaltung: Christina Seitz, Berkheim unter Verwendung von Motiven von shutterstock © Nataljia Hura, © John M Fischer, © MaxyM E-Book-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde

ISBN 978-3-8387-4544-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

PROLOG

Es war sein Fund.

Seine Entdeckung.

Seine Erleuchtung.

Zitternd nahmen die langen knochigen Finger den Glutscheit von der Feuerstelle und trugen ihn quer durch das Gewölbe, das keine Fenster besaß und nur eine einzige Tür, die von einem eisernen Riegel verschlossen wurde. Er selbst hatte den Riegel vorgelegt, denn niemand sollte ihn stören im Augenblick des Triumphs.

So lange hatte er nach ihr gesucht, so viele Jahre, dass es ihm bisweilen wie ein ferner, unerreichbarer Traum erschienen war. Viele hatten ihn deswegen verlacht, hohe Gelehrte, Alchemisten, wie er selbst einer war, doch er hatte an seinem Traum festgehalten, ihn unnachgiebig weiterverfolgt.

In zahllosen Bibliotheken hatte er nach Hinweisen gesucht, auf brüchigen Pergamenten und in alten Folianten, hatte tief in der Vergangenheit gewühlt, im Staub von Jahrhunderten, um dem Rätsel auf die Spur zu kommen – jenem Rätsel, das er nun endlich lüften würde. Sechzig Jahre seines Lebens und beinahe sein ganzes Vermögen hatte es ihn gekostet, sie zu finden und in seinen Händen zu halten. Nun jedoch war der Augenblick gekommen, da er ihr Geheimnis endlich lüften würde.

Die Flamme, die er vor sich hertrug, warf flüchtiges Licht auf seine faltigen, an Backobst erinnernden Züge sowie auf die uralten, mit abstrusen Dingen vollgestopften Regale, die die Wände des Gewölbes säumten. In Leder geschlagene Bücher, deren Rücken mit fremdartigen Zeichen versehen waren, gehörten noch zu den gewöhnlichsten Stücken. Es gab auch unzählige Glasflaschen, die mit Flüssigkeiten aller Art gefüllt waren, dazu bizarr geformte Gefäße, in denen tote Käfer, Schlangen, Ratten und anderes Getier eingelegt waren. Und in einem anderen Regal befand sich eine Reihe von Schädeln, die offenbar von Tieren stammten und deren leere Augenhöhlen jede einzelne seiner Bewegungen genau zu verfolgen schienen.

Das Alter machte dem Alchemisten zu schaffen, selbst in einem Augenblick wie diesem. Mit langsamen, schlurfenden Schritten näherte er sich dem steinernen Tisch, der das Zentrum des Gewölbes einnahm und dessen fleckige Oberfläche von den ungezählten Experimenten zeugte, von den Giften und Säuren, die darauf zubereitet worden waren und sich tief in den Stein gefressen hatten.

In dieser Nacht jedoch hatte der Alchemist nur Augen für das Objekt, das in der Mitte des Tisches stand.

Die laterna.

Schon ihre ungewöhnliche Kugelform zog die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich, noch ungleich mehr taten es jedoch die kreisförmigen Öffnungen, die die metallene, gelblich schimmernde Oberfläche überzogen und in die gewölbte Glasstücke eingesetzt waren. Lediglich am oberen Pol der Kugel war die Öffnung unverschlossen; durch sie griff der Alchemist ins Innere der Laterne. Mit zitternder Hand führte er den brennenden Scheit an den Docht, der weder von einer Kerze noch von Öl genährt wurde und dennoch sofort Feuer fing.

Ruckartig zog der Alchemist seine Hand zurück, schüttelte den Scheit, damit die Flamme daran wieder erlosch, und warf ihn dann von sich – während er wie gebannt auf die Laterne starrte, die aus sich selbst heraus zu brennen schien. Gleichmäßiges Licht ging von ihr aus, ein gelber Schein, der die umliegenden Regale beleuchtete und dafür sorgte, dass der alte Mann triumphierend die Knochenfäuste ballte.

Gebannt wartete er darauf, dass etwas geschehen würde. Etwas das von solcher Bedeutung war, dass es nicht nur ihn, sondern die ganze Welt verändern würde, die Gesetze der Natur, das ihm die Herrschaft über die Elemente eintragen und ihm dabei helfen würde, das Geheimnis der Schöpfung zu enträtseln …

Doch die Veränderung blieb aus.

Die Laterne leuchtete weiter nur still vor sich hin, ansonsten geschah nichts.

Kein Geheimnis offenbarte sich.

Kein Rätsel löste sich.

»Non è possibile!«, rief der Alchemist in seiner Sprache, während er den steinernen Tisch umkreiste und weiter auf die Lampe starrte, die knochigen Schultern hochgezogen und den Kopf lauernd gesenkt, einem Aasfresser gleich.

Sollte er sich geirrt haben? Sollte es die falsche Lampe sein, ein Irrtum wie all die anderen, die er entzündet und die sich als nutzlose Fälschungen erwiesen hatten?

Nein, ein Irrtum war diesmal nicht möglich.

Es war die richtige Laterne, diese und keine andere. Aber warum, in aller Welt, zeigte sich keine Reaktion? Was hatte er nur falsch gemacht?

Seine Aufregung wuchs, seine dürren Hände begannen zu schwitzen, während er sie aufgeregt aneinanderrieb. Er hatte alles getan, was notwendig war, hatte sämtliche Vorbereitungen getroffen – und dennoch geschah nichts.

»Perché?«, fragte er leise und raufte sich das wenige Haar, das noch übrig war und in dünnen weißen Strähnen von seinem Hinterkopf hing. »Perché …?«

Verzweiflung wollte ihn packen, die Furcht davor, einmal mehr einen Misserfolg zu erleiden und sich womöglich eingestehen zu müssen, dass er sein ganzes Leben lang einem Traum nachgejagt, dass er sein Streben auf etwas gerichtet hatte, das es in Wirklichkeit gar nicht gab.

Viele Jahre hatte er mit der Suche zugebracht, und der Alchemist spürte, wie die Last dieser Jahre an seinem alten, ausgemergelten Körper zerrte. Viel Zeit auf Erden blieb ihm nicht mehr, womöglich war dies die letzte Möglichkeit – und nun sollte sich der Gegenstand, um dessentwillen er nicht nur zum Verräter geworden war, sondern sogar gemordet hatte, als völlig nutzlos herausstellen, als ein weiteres Hirngespinst?

Verzweifelte Wut schoss ihm in die Adern, und für einen Moment verspürte er den Drang, die Laterne einfach vom Tisch zu fegen und zu vernichten. Doch hätte er damit auch alles vernichtet, wofür er sechs Jahrzehnte gelebt und beinahe den gesamten Besitz seiner Familie verbraucht hatte!

Mit Gewalt riss er sich vom Anblick der Laterne los, damit er sie nicht noch länger anschauen musste und womöglich noch etwas tat, das er später bereuen würde – als er sie plötzlich wahrnahm: die Schatten, die über die Wände des Kellergewölbes und über die mit Büchern und Gefäßen gefüllten Regale huschten.

Zuerst glaubte er, dass es seine eigenen Umrisse waren, die er dort sah. Aber das war unmöglich, denn die Schatten waren nicht nur an einer Stelle der Wand zu sehen, sondern buchstäblich überall! Und sie bewegten sich, während er selbst wie angewurzelt stand und ihnen zusah!

Verblüfft drehte sich der Alchemist im Kreis und bewunderte die wundersamen Silhouetten, die sich dort tummelten.

Einen Läufer, der über unsichtbare Hindernisse sprang.

Einen Bauern, der Ähren aus unsichtbarem Getreide schnitt.

Einen Jäger mit Pfeil und Bogen.

Einen riesigen Elefanten, vor dessen schierer Größe der Alchemist zurückschreckte, dazu ein Raubtier, das entfernt an eine Katze erinnerte und geschmeidig umherhuschte.

Zwei Schwertkämpfer, die sich in einem erbitterten Duell befanden.

Und eine Tänzerin, die sechs Arme und sechs Beine hatte und zu deren Füßen sich die Schatten züngelnder Schlangen wanden. Der Alchemist stieß einen Schrei aus und schlug bestürzt die Hände vor das faltige Gesicht, doch schon im nächsten Moment teilte sich die furchterregende Gestalt, und man konnte sehen, dass es sich in Wahrheit um drei Tänzerinnen handelte, deren Silhouetten für einen Augenblick zu einer verschmolzen waren. Umwirbelt von Schleiern, durch die der Laternenschein schimmerte, tanzten sie zu lautloser Musik und gesellten sich zu all den anderen Silhouetten, fügten sich ein in das wundersame Panorama, das den Alchemisten zu allen Seiten umgab und ihn völlig in seinen Bann schlug.

Manch Wundersames hatte er von der Laterne erwartet, aber sicher nicht das! All diese Schatten bewegten sich, als ob sie von Leben, ja von einem eigenem Willen erfüllt wären. Wie war so etwas möglich? Wie konnte eine unscheinbare Lampe dies alles bewerkstelligen?

Begierig darauf, ihr Geheimnis zu ergründen, wandte er sich wieder der Laterne zu – und sah, dass an ihrem unteren Rand, auf dem metallenen Kranz, auf dem die Kugel ruhte, Zeichen sichtbar wurden!

Anfangs waren sie kaum zu sehen gewesen, doch nun, da sich das Metall erwärmte, traten sie deutlicher hervor, gewannen an Kontur und begannen schließlich zu leuchten.

Verschlungene Zeichen waren es, Wörter einer uralten, längst vergessenen Sprache, wie der Alchemist sie noch nie zuvor gesehen hatte – doch noch während er darauf starrte, veränderten sie vor seinen Augen ihre Form, und plötzlich vermochte er sie zu entziffern. Murmelnd begann er, die Worte vorzulesen, eines nach dem anderen.

Sie klangen ebenso fremdartig wie dunkel, hatten etwas Gemeines, Bedrohliches an sich, das dem Alchemisten nicht gefallen wollte. Dennoch schlich er auf leisen Sohlen um den Tisch herum, betrachtete die Lampe von allen Seiten und las die Zeichen vor.

Dann wurde es still in dem Gewölbe.

Die Stimme des Alchemisten verstummte, und einen endlos scheinenden Augenblick stand er nur da und wartete, ohne dass er zu sagen vermocht hätte, worauf.

Dann geschah es.

Die Flamme in der Laterne, die auf rätselhafte Weise Nahrung fand, wechselte die Farbe. Ihr eben noch so warmer Schein verblasste und wurde fahl, nahm eine grünliche Färbung an. Dieses grüne Leuchten steigerte sich, bis es schließlich den ganzen Raum ausfüllte – und in diesem Moment bemerkte es der Alchemist.

Etwas war anders.

Zunächst war es nur ein seltsames Ziehen, das er empfand und von dem er noch nicht einmal wusste, ob es wirklich da war. Es war mehr ein Gefühl, die plötzliche Überzeugung, diesen Ort verlassen zu müssen, weil er andernorts dringend gebraucht wurde. Und dieser Ort war, so stellte er mit einiger Bestürzung fest – die Laterne!

Auf einmal hatte er das Gefühl, von ihrem Schein unwiderstehlich angezogen zu werden, wie eine Motte vom Licht. Er sann noch darüber nach, was das wohl zu bedeuten hätte, als unvermittelt der Sturm einsetzte.

Als der erste Windstoß kam, fuhr der Alchemist herum, um zu sehen, ob die Tür offen wäre, aber sie war noch immer fest verschlossen und der Riegel lag davor. Woher also rührte der Wind, der sein weites Gewand bauschte und die Laterne flackern ließ? Der über die Regale fuhr und den Jahrzehnte alten Staub fortblies, der Pergamentseiten und kleine Gegenstände mitriss und sie wie welkes Laub über den Boden trieb? Bestürzt erkannte der Alchemist, dass die Laterne der Mittelpunkt des kleinen Orkans war, der sich in dem unterirdischen Gewölbe zusammenzubrauen schien und sich immer noch schneller drehte, ein unheilvoller Strudel.    

Der Alchemist streckte die dünnen altersschwachen Arme aus, um sich am Tisch festzuhalten, aber die Kräfte, die die Laterne entfesselt hatte, zogen immer heftiger an ihm, je mehr er sich dagegenstemmte – und plötzlich begann sich sein Körper aufzulösen!

Mit einem entsetzten Aufschrei beobachtete der Alchemist, wie sich das Schwarz seines weiten Gewandes verflüchtigte und in den grün leuchtenden Strudel mischte wie flüssige Farbe, um schließlich von der Laterne aufgesogen zu werden – und im nächsten Augenblick wurde auch der Alte selbst von der Kraft des Strudels erfasst und hinfortgerissen, dem grünen Leuchten entgegen, das aus der Laterne drang – und in dem er in diesem Moment eine verschwommene Gestalt zu erkennen glaubte. Vergeblich versuchte der Alchemist, sich zu wehren. Er wedelte wild mit den Armen, schrie in heller Panik, verwünschte sich für seine Neugier und seine törichte Beschäftigung mit Dingen, die er noch nicht einmal ansatzweise verstand.

Aber es nützte nichts.

Er wurde fortgerissen und verschwand im gleißenden Schein der Laterne. Niemand hörte seine Schreie – und selbst wenn, hätte ihm niemand helfen können, denn aus eifersüchtiger Furcht vor Entdeckung hatte er die Tür zu seinem Laboratorium ja sorgfältig verriegelt.

Und so verstrich diese kalte Novembernacht des Jahres 1587, ohne dass irgendjemand in der Stadt Florenz erfuhr, was in jenen finsteren Gewölben vor sich ging.

1

DER KÖNIG DER NACHT

Dreihundert Jahre später

»Willkommen im Caligorium!

Wer auch immer Sie sind, was auch immer Sie tun – das Caligorium wird Sie überraschen! Ehrenwerte Gentlemen und hochgeschätzte Damen, das Caligorium ist einzigartig! Sehen Sie Dinge, die Sie nie für möglich gehalten hätten, einzigartige Attraktionen, aufsehenerregende Darbietungen der vortrefflichsten Art, wie kein anderes Theater sie bieten kann! Das Caligorium nimmt Sie mit auf eine Reise in längst vergangene Zeiten. Es lässt die Schatten der Vergangenheit wieder lebendig werden und führt Sie an Orte, von denen Sie nicht zu träumen wagten!

Kommen Sie und sehen Sie! Treten Sie ein und staunen Sie, wozu das Genie des Professor Caligore fähig ist! Erleben Sie den fernen Orient in Geschichten aus tausendundeiner Nacht! Leiden Sie mit Othello, dem Mohren von Venedig! Brechen Sie auf zu einer Reise in das dunkelste und schwärzeste Afrika, die inspiriert wurde von den wagemutigsten Forschern und Entdeckern des gesamten Empire – oder lassen Sie sich verzaubern von der geheimnisvollen Aida und den meisterlichen Klängen Guiseppe Verdis! Die Wahl liegt bei Ihnen, ehrenwerte Gentlemen und hochgeschätzte Damen, doch seien Sie stets auf der Hut – was Sie im Caligorium sehen, wird Sie niemals wieder loslassen, eine vortreffliche Erfahrung, die Ihr Leben verändern wird! Treten Sie näher und kommen Sie herein! Das Caligorium erwartet Sie …!«

Es war eine kalte Novembernacht.

Nebel lag in den Straßen Londons, Rauch drückte von den Schornsteinen und sorgte dafür, dass die gelb-grauen Schwaden, die in den Straßen hingen, so dicht wurden, dass der Schein der Gaslaternen sie kaum noch zu durchdringen vermochte. Die Droschken, die die Straßen auf und ab fuhren, waren nur noch als verschwommene Schemen wahrzunehmen, begleitet vom Geräusch dumpf klappernder Hufe. Feuchte Kälte durchsetzte die von Brandgeruch erfüllte Luft und kroch unter die Kleider – doch keiner der Männer und Frauen, die im weiten Oval des Finsbury Circus aufgereiht standen, wäre auf den Gedanken gekommen, deswegen umzukehren und nach Hause zu gehen. Sie waren nur aus einem einzigen Grund gekommen: um das zu sehen, was der Ausrufer so vollmundig ankündigte.

In einen vornehmen Gehrock gehüllt, einen hohen Zylinder auf dem Kopf und einen Stock in den Händen, mit dem er eifrig gestikulierte, stand der Mann auf einem von zwei Laternen beschienenen Podest, und seine laute Stimme, die sich an Nebel und Kälte nicht im Geringsten zu stören schien, drang bis ans Ende der langen Schlange, die um den halben Platz herum bis hinüber zur Mündung der Bloomfield Street reichte.

»Kommen Sie und sehen Sie mit eigenen Augen, ehrenwerte Gentlemen und hochgeschätzte Damen«, fuhr er mit lauter Stimme fort. »Das Caligorium ist ein Ort der Wunder! Ein Platz sagenhafter Mysterien, wie sie selten geworden sind in dieser Welt! Kommen Sie und staunen Sie! Treten Sie ein und sehen Sie, was das Genie des Professor Caligore bewerkstelligt hat!«

Er hätte nicht so laut zu schreien brauchen.

Längst hatte sich herumgesprochen, dass das alte Theater am Finsbury Circus eine Sensation beherbergte, eine Darbietung von solcher Güte, dass sie selbst die künstlichen Schneestürme und Vulkanausbrüche, die auf den extravaganten Schaubühnen des Londoner West End geboten wurden, vergessen machte. Zu Hunderten drängten die Menschen allabendlich durch die verschiedenen, nach Preisen getrennten Eingänge – und das, obwohl niemand eine rechte Vorstellung hatte von dem, was sich im Theater abspielte, sobald die Lichter erloschen und der Vorhang sich hob. Wer das Theater verließ, war anschließend nicht in der Lage zu schildern, was genau sich dort ereignet hatte, noch nicht einmal die Reporter des »Echo«, des »Daily Chronicle« oder der »Times«, die scharenweise in die Vorstellung geschickt wurden, fanden die rechten Worte, um das zu beschreiben, was auf der Bühne vor sich ging – so andersartig, so unerwartet und so unglaublich schien das zu sein, was es dort zu bestaunen gab. Ein Spektakel der besonderen Art, das längst nicht mehr nur die Bewohner des ärmeren Teils von London anzog, sondern auch immer mehr Besucher aus den wohlhabenderen Stadtvierteln anlockte – entsprechend hatten sich die Eintrittspreise verteuert.

Als das Caligorium öffnete, hatte der Preis für einen Sitzplatz in der niedrigsten Kategorie noch einen halben Shilling betragen. Inzwischen waren es zwei Shillings, und es war abzusehen, dass es sich noch weiter verteuern würde, je mehr Menschen das Panoptikum des Professor Caligore zu sehen wünschten.

Umberto Caligore!

Der Mann, der das Caligorium ins Leben gerufen hatte, war mindestens ebenso geheimnisvoll wie seine Erfindung. Keiner im East End hatte ihn je zu Gesicht bekommen, niemand wusste, wie er aussah. Gleichwohl sah man jede Nacht im obersten Stockwerk des Theatergebäudes Licht brennen. Manche wollten auch eine Gestalt gesehen haben, die dort ruhelos auf und ab ging, und es ging das Gerücht, dass es der Professor wäre, der sich Tag und Nacht den Kopf über immer neue Attraktionen für sein Theater zerbrach und darüber weder Schlaf noch Ruhe fand, ein Getriebener seiner eigenen Kunst und Fertigkeit.

»Treten Sie ein, ehrenwerte Gentlemen und hochgeschätzte Damen! Das Caligorium zeigt ihnen eine andere Welt! Das Caligorium lässt Sie die Wirklichkeit vergessen! Treten Sie ein und sehen Sie mit eigenen Augen, was Worte nicht beschreiben können! Das Caligorium ist so außergewöhnlich, so einzigartig und so erstaunlich, dass nur eine einzige Vokabel dafür existiert: das Caligorium!«

Jemand aus einer Gruppe von Männern, die am Theatereingang und der Schlange der Wartenden vorbeiwollten, lachte laut.

»Sie lachen, Sir?«, sprach der Ausrufer ihn sofort an. »Sie glauben nicht, dass Sie jenseits dieser Pforte wahre Wunder zu sehen bekommen?«

Die Männer blieben stehen. Einer von ihnen, ein grobschlächtiger Hüne, dessen gerötete Nase davon zeugte, dass er dem Gin schon reichlich zugesprochen hatte, trat mit einem breiten Grinsen im Gesicht vor. »Nein, das glaube ich nicht«, bestätigte er mit vom Alkohol schwerer Zunge und starkem irischem Akzent.

»Genau, Shamus, zeig’s ihm«, raunte einer seiner Kumpane ihm zu, der ein Landsmann zu sein schien. Vermutlich arbeiteten sie unten an den Docks, wo viele Iren beschäftigt waren.

»Wissen Sie, Sir«, fuhr der erste gedehnt fort, »ich habe schon so ziemlich alles gesehen, was es in Schaubuden zu sehen gibt – Schlangenfrauen, siamesische Zwillinge, Zwergmenschen und sogar solche, die angeblich keinen Kopf haben. Allerhand kurioses Zeug – aber ganz bestimmt keine Wunder.«

»Sie denken, dass dies nichts weiter als eine Schaubude wäre?«, fragte der Ausrufer lauernd von seinem Podest herab, mit einer effektheischenden Geste auf das Theater deutend. Das Gesicht mit dem schwarzen Schnauzbart dehnte sich zu einem Lächeln. »Sie denken, in diesem Hause würden nur geschmacklose Absonderlichkeiten geboten?«

»Nun ja, Sir«, meinte der Ire, »wenn Sie die Dinge so beim Namen nennen, dann fürchte ich, dass ich genau das vermute.« Seine Kumpane klopften ihm ebenso anerkennend wie ermunternd auf die Schulter – doch der Ausrufer ließ sich davon nicht beeindrucken.

»Weit gefehlt!«, rief er mit belehrend erhobenem Zeigefinger. »Was Professor Caligore der staunenden Welt präsentiert, ist ein wirkliches Wunder, ein echtes Mysterium!«

»Klar – und ich bin die Königin von England«, konterte der andere, und er und seine Freunde lachten.

»Sie glauben mir noch immer nicht?« In den Augen des Ausrufers blitzte es. »Dann überzeugen Sie sich selbst, werter Herr! Gehen Sie ins Caligorium! Lösen Sie eine Karte und lernen Sie zu staunen – ich verspreche Ihnen, dass Sie Ihr Eintrittsgeld in voller Höhe erstattet bekommen, sollten Sie von den dargebotenen Wundern nicht absolut überzeugt sein!«

»Ist das Ihr Ernst?«

»Mein voller Ernst.« Der Ausrufer sprang von seinem Podest herab und streckte herausfordernd seine Rechte vor. »Meine Hand darauf, mein unbelehrbarer irischer Freund. Wenn Sie nach der Vorstellung Ihr Eintrittsgeld zurückverlangen, so sollen Sie es bekommen. Aber ich versichere Ihnen, dass Sie von dem, was Sie zu sehen bekommen, so gefangen, so fasziniert sein werden, dass Sie bedauern werden, nicht das Fünffache an Eintritt dafür entrichtet zu haben.«

»Hoho!«, machte der Ire. »Sie nehmen den Mund reichlich voll, werter Herr!«

»Gilt der Handel?« Der Ausrufer hielt ihm noch immer die Hand hin.

»Er gilt.« Unter dem Beifall seiner Kumpane schlug der andere ein.

»Also ist es besiegelt«, bestätigte der Ausrufer, und sein Blick wurde für einen Augenblick so stechend, so durchdringend, dass das überlegene Grinsen aus dem Gesicht des Betrunkenen verschwand.

»I-in Ordnung, Sir«, stammelte er nur.

Der Ausrufer nickte und kehrte dann mit einer eleganten Drehung auf sein Podest zurück. Indem er den Stock in seiner Hand wirbeln ließ, zog er die Aufmerksamkeit sowohl der Wartenden als auch der Passanten wieder auf sich.

»Niemand kann beschreiben, niemand sagen, was im Inneren dieses Theaters vor sich geht. Man muss es mit eigenen Augen gesehen haben. Es ist ein Wunder, es ist Magie! Es ist – das Caligorium!«, behauptete er mit lauter, eindringlicher Stimme, und keiner der Menschen, die vor dem Theater warteten und Einlass begehrten, nahm die dunklen Schatten wahr, die im Schein der Gaslaternen durch den dichten Nebel huschten.

2

SCHLECHTE ZEITEN

»Wenn wir Schatten euch beleidigt,

O so glaubt – und wohl verteidigt

Sind wir dann! –, Ihr alle schier

Habet nur geschlummert hier

Und geschaut in Nachtgesichten

Eures eignen Hirnes Dichten.

Wollt ihr diesen Kindertand,

Der wie leere Träume schwand,

Liebe Herrn, nicht gar verschmähn,

Sollt ihr bald was Bessres sehn.

Wenn wir bösem Schlangenzischen

Unverdienter Weis’ entwischen,

So ist es Puck, der lust’ge Geist,

Der Euch seinen Dank erweist.

Ist ein Schelm zu heißen willig,

Wenn dies nicht geschieht, wie billig.

Nun gute Nacht! Das Spiel zu enden,

Begrüßt uns mit gewognen Händen!«*

Die Aufforderung verhallte ungehört.

Bleierne Stille herrschte im Zuschauerraum des kleinen Theaters an der Holywell Lane. Als der Vorhang nach einem schier endlos scheinenden Augenblick fiel, fühlte Cyn Erleichterung.

Eigentlich liebte sie es, auf der Bühne zu stehen und in die verschiedensten Rollen zu schlüpfen, und Shakespeares »Sommernachtstraum« gehörte zu ihren Lieblingsstücken. Doch in letzter Zeit bereitete ihr das Spiel keine Freude mehr. Denn die Sitze des Theaters, das sich im Londoner Stadtteil Smithfield nahe der Bahngleise zum Bahnhof Broadstreet befand, waren fast alle leer.

Lediglich in den ersten drei Reihen saßen ein paar Leute, aber auch sie sahen nicht so aus, als wären sie wegen des Stücks gekommen, sondern vielmehr, um der kalten Novembernacht zu entgehen, die draußen herrschte. Der schmiedeeiserne Ofen, der in der hinteren Ecke des Zuschauerraumes stand, verbreitete wohlige Wärme. Als sich der Vorhang noch einmal hob und das Ensemble des Theaters, das nur aus fünf Leuten bestand, auf die Bühne trat, war die Reaktion entsprechend zurückhaltend. Nur hier und dort klatschte jemand, ein anderer schnäuzte sich geräuschvoll, wieder ein anderer schien eben erst wach geworden zu sein.

Der Vorhang senkte sich erneut, und Cyn hoffte, dass der gute Albert, der nicht nur der Hausmeister des Theaters, sondern auch verantwortlich für die Bühnentechnik war, Erbarmen zeigen und ihn nicht noch einmal öffnen würde. Sie atmete auf, als der uralte Samt, dem Staub und Motten bereits arg zugesetzt hatten, unten blieb. Trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass ihr Tränen in die Augen traten.

Es war nicht gerecht.

Einfach nicht gerecht …

»Nicht traurig sein, Kleines.« Lucy, die neben der Arbeit als Kassiererin und Puppenspielerin auch als Köchin für das leibliche Wohlergehen der kleinen Theatertruppe sorgte, zwinkerte ihr aufmunternd zu. »Es werden schon wieder bessere Zeiten kommen.«

»Meinst du?« Cyn war nicht überzeugt. Mit dem Handrücken wischte sie die Tränen weg, verschmierte dabei die Schminke, die sie als Helena getragen hatte, zusammen mit einem eleganten weißen Kleid, das einst ihre Mutter auf der Bühne getragen hatte, als sie dieselbe Rolle spielte.

»Ganz bestimmt.« Die beleibte Frau aus den Midlands, die zum Ensemble gehörte, so lange Cyn zurückdenken konnte, nickte, wobei ein wehmütiges Lächeln um ihre rosigen Züge spielte. »Weißt du noch, früher?«, fragte sie. »Als wir ›Romeo und Julia‹ spielten und der Applaus gar nicht mehr enden wollte? Als dein Vater Packer beschäftigen musste, damit die vielen Zuschauer überhaupt ins Theater passten? Oder als du deinen allerersten Auftritt hattest?«

»Als Alice.« Cyn nickte. Sie konnte sich gut daran erinnern, wie sie als kleines Mädchen zum ersten Mal auf der Bühne gestanden hatte, mit langen blonden Locken und in einem blauen Kleid, und einem weißen Kaninchen nachgejagt war, das ihr Vater an langen Fäden über die Bühne flitzen ließ. Auch damals waren die Menschen begeistert gewesen, und die Zeitungen hatten geschrieben, dass es eine solch vollendete Illusion, ein solches nahtloses Miteinander von menschlichen Darstellern und Puppen nirgendwo sonst geben könne als im Penny Theatre an der Holywell Lane.

Zehn Jahre waren seither vergangen.

Zehn Jahre, in denen sich viel geändert hatte …

»Nun komm.« Mütterlich legte Lucy den festen Arm um Cyns schmale Schultern. »Ich werde dir eine heiße Milch mit Honig machen, danach kannst du gut schlafen. Und morgen früh sieht vielleicht schon alles anders aus.

Cyn nickte, wenn auch nur aus Höflichkeit. So viele Male zuvor hatte Lucys Hausmittel ihr Trost gespendet – etwa, wenn ihr auf der Bühne ein Fehler unterlaufen war oder sie ihren Text vergessen hatte. Sogar dann, wenn sie wieder einmal an ihre Mutter hatte denken müssen und sie ihr schrecklich gefehlt hatte, hatte der Geschmack von heißer, mit Honig gesüßter Milch dafür gesorgt, dass sich in ihrem Inneren ein Gefühl von wohliger Wärme ausgebreitet und sie sich gleich ein wenig besser gefühlt hatte. In dieser Nacht jedoch würden ihr auch Milch und Honig keinen Trost verschaffen, denn sie wusste bereits, was Lucy und die anderen Angestellten des Theaters noch nicht wussten …

Albert, der ebenso hagere wie krummbeinige Hausmeister, auf den die gute Lucy heimlich ein Auge geworfen hatte, stieg soeben von seinem hohen Arbeitsplatz herab, von dem aus er die Kulissen betätigt und für stimmungsvolle Beleuchtung gesorgt hatte – ohne zu wissen, dass er dies heute zum letzten Mal getan hatte. Sie alle hatten an diesem Abend zum letzten Mal im Penny Theatre gespielt.

Zum allerletzten Mal …

»Meine Kinder!«

Als sie die Stimme ihres Vaters hörte, wusste Cyn, dass der Moment gekommen war. Sie kannte ihn gut genug, um zu bemerken, dass seine Stimme anders klang als sonst.

Leiser.

Vorsichtiger.

Trauriger.

»Bitte kommt zu mir, meine Kinder«, sagte Horace Pence, der Besitzer des Puppentheaters an der Holywell Lane, und winkte seine Angestellten zu sich heran, die für ihn und Cyn tatsächlich sehr viel mehr waren – ihre Freunde, ihre Familie. So wie das Penny Theatre ihr Zuhause war, ihre Heimat …

»Was gibt es denn, Horace?« Das Doppelkinn neugierig vorgereckt, trat Lucy näher, Cyn noch immer im Arm. Auch Albert kam und Hank, der die Marionetten von Lysander und Peter Squenz noch in den Händen hielt. Und die schweigsame Nancy, die ebenfalls als Puppenspielerin arbeitete, aber auch für die Kostüme und die Kulissen im Theater zuständig war. Ihre Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammengepresst, was die Narbe, die quer über ihr bleiches Gesicht verlief, noch mehr betonte. Vielleicht, dachte Cyn, ahnte sie schon, dass es keine guten Nachrichten waren, die Horace Pence für seine Familie hatte.

Cyns Vater saß auf einer der großen Kisten, die sich hinter der Bühne stapelten und die die vielen Puppen, Dekorationen und Requisiten enthielten, die im Lauf der Zeit zusammengekommen waren – alles, was man brauchte, um die Zuschauer in eine ferne Welt der Fantasie zu entführen.

Sofern sie sich entführen ließen …

Die Tatsache, dass Cyns Vater noch das Kostüm anhatte, das er als Elfenkönig Oberon getragen hatte, komplett mit der goldfarbenen Krone, die sein schlohweißes Haar bekränzte, verlieh der Situation etwas Unwirkliches. Auch hatte er den Puck noch auf dem Arm, die einzige Bauchrednerpuppe des Theaters, die mit ihrem koboldhaften Äußeren, ihren putzigen, aus Apfelholz geschnitzten Zügen, ihren großen Kulleraugen und ihren kecken Pausbacken einst der Liebling vor allem der jüngeren Zuschauer gewesen war.

Natürlich hatte jeder gewusst, dass der Puck nur eine Puppe war. Aber wenn Cyns Vater ihn spielte, so wirkte es stets, als ob dem nur knapp zwei Ellen großen Waldgeist tatsächlich Leben innewohnen würde, eine eigene Seele. Und das nicht nur, weil Horace Pence die Kunst des Bauchredens meisterlich beherrschte, sondern auch, weil es ihm stets gelang, einen Teil seines eigenen Selbst auf die Puppe zu übertragen.

So kannte Cyn ihren Vater – als einen lebensfrohen, vor Fantasie sprühenden Menschen, der seine Arbeit liebte und sich darüber trotz seiner vielen Lebensjahre eine kindliche Freude bewahrt hatte, die man bei den meisten Erwachsenen vergeblich suchte. Doch an diesem Abend war nichts davon zu sehen – weder in Horace’ wässrigen, durch die Gläser einer rundglasigen Brille blickenden Augen noch im Wesen des Puck, der reglos auf seinem Schoß saß und scheinbar ratlos vor sich hin blickte.

»Meine lieben Freunde«, sagte Cyns Vater, als sich alle um ihn versammelt hatten. »Es gibt etwas, das ich euch mitteilen muss. Etwas, dass mir …« Die Stimme brach ihm, und er verstummte, schien um Fassung zu ringen. Auch Cyn kämpfte bei diesem Anblick wieder mit den Tränen, worauf Lucy sie noch ein wenig fester in den Arm nahm und herzlich drückte.

»Was der gute Horace euch zu sagen versucht«, ergriff daraufhin der Puck das Wort, wobei sich nur der Mund der Puppe bewegte, der kleine Körper aber nach wie vor unbewegt dasaß, »ist, dass wir am Ende sind. Das Theater ist pleite. Bankrott. Ende der Vorstellung.«

Der Kobold sprach mit der üblichen putzigen und irgendwie näselnden Stimme, doch niemand lachte. Im Gegenteil – hätte der Puck das Ende der Welt verkündet, hätte die Reaktion nicht heftiger ausfallen können.

Die Zeit schien still zu stehen.

Niemand sprach mehr ein Wort.

Totenstille herrschte.

Cyn war selbst überrascht, wie rasch und unbarmherzig ihr Vater die schreckliche Neuigkeit bekanntgegeben hatte. Aber schließlich war nicht er selbst es gewesen, sondern der Puck, der in vieler Hinsicht freier sprechen konnte. Und ob er sie nun schonend aussprach oder ganz direkt, es änderte nichts am Ergebnis.

»Ist … das wahr?«, fragte Lucy nach einer Zeit, die Cyn wie eine Ewigkeit vorkam.

Horace nickte und blickte zu Boden. Er brachte es nicht über sich, seinen Angestellten in die Augen zu sehen. »Leider«, bestätigte er flüsternd. »Ich habe die Kassenbücher unzählige Male durchgesehen. Mit jedem einzelnen Tag, der verstreicht, wird der Schuldenberg noch größer. Heute Nachmittag bestellte mich Desmond Brewster deshalb zu sich in sein Kontor …«

»Brewster?«, fragte Albert ungläubig. »Du meinst Desmond Halsabschneider Brewster? Den Geldverleiher?«

»Hast du mit ihm etwa Geschäfte gemacht?«, fügte Hank hinzu, dessen kleine Augen sich entsetzt weiteten.

»Scheltet mich nicht deswegen, Freunde«, bat Horace und spielte scheinbar gedankenverloren mit dem Puck. »Ich hatte immer gehofft, dass die schlechten Zeiten irgendwann vorbei sein würden und dass alles wieder werden würde wie früher. Aber alle Hoffnung war vergeblich, alles ist nur noch schlimmer geworden. Deshalb bleibt mir keine andere Wahl, als das Theater zu schließen.«

»Nein!«, rief Albert noch einmal, und er und Hank ballten die Fäuste. »Das lassen wir nicht zu!«

Cyns Vater lächelte schwach. »Ich fürchte, dass uns nichts anderes übrig bleibt, meine Freunde. In der Hoffnung, dass sich alles wieder zum Besseren wenden würde, habe ich eine Schuldverschreibung für das Theater unterzeichnet.«

»Eine Schuldverschreibung?« Lucy sog keuchend nach Luft. »Horace Pence, wie konntest du nur?«

»Wäre es nach der Bank gegangen, hätte ich schon vor einem Jahr schließen müssen. Also habe ich mir bei Brewster Geld geliehen, um das Penny Theatre erhalten und euch weiter bezahlen zu können.«

»Das ist kein Problem«, versicherte Hank. »Wir alle verzichten für eine Weile auf unseren Lohn, wenn wir damit …«

»Zu spät, meine Freunde.« Ein wehmütiges Lächeln spielte um Horace Pence’ Mundwinkel. »Schon in wenigen Tagen gehört dieses Theater und alles, was sich darin befindet, Desmond Brewster. Heute war unsere letzte Vorstellung.«

Die letzte Vorstellung!

Wie ein unheimliches Echo schwirrten die schrecklichen Worte durch den Bühnenraum. Natürlich war allen klar gewesen, dass es nicht gut um das Theater stand und es schon wesentlich bessere Zeiten gesehen hatte – nun jedoch mit derartiger Endgültigkeit vor Augen geführt zu bekommen, dass es aus und vorbei war, war für alle ein Schock. Sogar für Cyn, obwohl ihr Vater ihr schon am Nachmittag gesagt hatte, wie es um die Zukunft des Theaters bestellt war. Der letzte Vorhang war gefallen – das war so traurig, dass keiner darauf ein Wort zu sagen wusste. Albert und Hank ließen die Köpfe hängen, Nancy presste die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen, bei Lucy flossen jetzt ungehemmt die Tränen.

»Ab morgen«, fügte Cyns Vater leise und resigniert hinzu, »haben wir fünf Tage Zeit, um uns eine neue Arbeit und Bleibe zu suchen.«

»Ha!«, machte Albert. »Als ob das so einfach wäre!«

»Wir könnten zu den Docks gehen«, schlug Hank vor. »Dort werden immer kräftige Männer gesucht …«

»Du kannst das vielleicht«, maulte Albert, auf die Muskelberge deutend, die sich unter den fleckigen Hemdsärmeln des anderen abzeichneten. »Und was soll ich tun, kannst du mir das sagen? Ich glaube nicht, dass sie auf den Docks einen alten Hausmeister brauchen können!«

»Horace«, schluchzte Lucy, die sich mit einem mit Blumenmustern bestickten Taschentuch die Augen trocknete. »Wieso hast du uns das nicht früher gesagt?«

»Weil ich euch nicht beunruhigen wollte.« Zum ersten Mal blickte Cyns Vater auf und schaute sie durch die runden Brillengläser an, seine märchenhafte Kostümierung als Elfenkönig ein krasser Gegensatz zur harten Wirklichkeit. »Ihr seid die einzigen Menschen, die Cynthia und mir auf dieser Welt geblieben sind. Ihr seid unsere Heimat, unsere Familie. Ich hielt es für meine Aufgabe, für euch zu sorgen – aber ich habe schändlich versagt.«

Wieder sank sein Haupt. Nicht nur er, auch der Puck ließ den Kopf hängen – ein Anblick, der Cyn fast das Herz in der Brust zerriss. Dass das Theater geschlossen und sie ihren gesamten Besitz verlieren würden, dass sie womöglich schon in wenigen Tagen ohne Obdach waren, war eine Sache. Ihren Vater jedoch so traurig und niedergeschlagen zu erleben war ungleich schlimmer.

»Du hast nicht versagt«, versicherte sie, trat vor und legte ihm tröstend die Hand auf die Schulter. »Keiner von uns macht dir irgendwelche Vorwürfe, hörst du?«

»Meine kleine Cynthia.« Er sah sie an. Sein Blick war unendlich traurig, sein Gesicht schien um Jahre gealtert. »Ich hatte immer gehofft, dass ich dir dieses Theater eines Tages vermachen könnte, dass du die Familientradition fortsetzen und dein Leben lang das tun könntest, wozu du geboren bist – nämlich auf der Bühne zu stehen und zu spielen. Das alles ist nun verloren.«

»Vielleicht«, räumte Cyn ein, die Tränen tapfer niederkämpfend, »aber das ist nicht deine Schuld.«

»Allerdings nicht«, stimmte Hank energisch zu. »Ich denke, wir wissen alle, woran es liegt, dass niemand mehr in ein Puppentheater gehen will.«

»Das Caligorium«, sagte Nancy, die bislang geschwiegen hatte. Ohnehin kam es nicht oft vor, dass sie etwas sagte – aber wenn, dann pflegte sie stets recht zu haben, so wie in diesem Fall.

»Das stimmt«, pflichtete Albert ihr bei. »Das verdammte Caligorium ist Nacht für Nacht bis auf den letzten Platz ausverkauft, während sich bei uns nur noch Mäuse und Ratten tummeln«, fügte er mit Blick auf den kleinen Nager hinzu, der an einem der Sandsäcke knabberte, mit denen die Kulissen aufgezogen und herabgelassen wurden. »Und dabei vermag noch nicht einmal jemand zu sagen, was genau es in diesem Theater eigentlich zu sehen gibt. Dieser Umberto Caligore scheint ein ziemlich raffinierter Kerl zu sein.«

»Was du nicht sagst, Albert Hucks«, versetzte Lucy säuerlich. »Du kannst ja morgen zu ihm gehen und dich bei ihm vorstellen, wenn er dich so sehr beeindruckt.«

»Aber nein«, verteidigte sich Albert. »Ich meinte nur …«

»Das ist eine gute Idee!«, fiel Horace ihm ins Wort. »Ihr alle solltet euch bei Caligore vorstellen, vielleicht gibt es dort Arbeit für gute Puppenspieler!«

»Aber Vater!« Cyn konnte nicht glauben, was sie da hörte. »Das kann doch unmöglich dein Ernst sein! Wir sollen uns bei unserem ärgsten Konkurrenten vorstellen? Der uns in den Ruin getrieben hat?«

»Warum nicht? Ab morgen, mein Kind, gilt eine neue Zeitrechnung. Wir alle werden uns umgewöhnen müssen. Wer sich also im Caligorium bewerben will, dem stelle ich gerne ein Empfehlungsschreiben aus.«

»Nein, danke«, sagte Lucy.

»Kein Bedarf«, erklärte auch Albert kategorisch.

»Das ist nett von euch.« Horace nickte dankbar. »Aber wir wollen in der Stunde der Niederlage nicht bitter werden, sondern unserem Konkurrenten den Sieg gönnen.«

»Ist das dein Ernst, alter Mann?«, ließ sich in diesem Moment der Puck vernehmen. »Das Caligorium ist doch kein Theater! Dort wird doch nur Mummenschanz und fauler Zauber betrieben und weiter nichts!«

Niemandem in der Runde war zum Lachen zumute – aber als sie sahen, wie sich der kleine Kerl auf Horace Pence’ Schoß plötzlich fürchterlich aufregte und drohend das Gebiss mit den beiden großen Schneidezähnen fletschte, da konnten sie nicht anders als zumindest zu schmunzeln. Denn in der Wut des Pucks blitzte zumindest ein klein wenig von jener jugendlichen, fast kindlichen Kraft durch, die den alten Theaterbesitzer so liebenswert machte.

»Die behaupten, dass sie Opern spielen und Stücke von Shakespeare aufführen«, fuhr der Kobold in seinem Lamento fort, »dabei ist alles nur billiger Hokuspokus. Keine Kostüme, keine Kulissen – was für eine Art Theater, bitte sehr, soll das denn sein?«

»Das kann ich dir auch nicht sagen, mein kleiner Freund«, meinte Horace, jetzt wieder als er selbst und mit unverstellter Stimme sprechend. »Ich weiß nur, dass unsere Konkurrenz sehr viel erfolgreicher ist als wir. Wenn es das ist, was die Menschen im Theater sehen wollen, so können wir nichts dagegen tun. Unsere Zeit, so fürchte ich, ist abgelaufen, daran lässt sich nun einmal nichts ändern.«

Die alte Traurigkeit war auf seine Züge zurückgekehrt, sodass Cyn nicht anders konnte, als ihn zu umarmen und ihn sanft auf die bärtige Wange zu küssen.

»Es ist gut, Kind«, sagte er und schloss seinen freien Arm um sie, drückte sie sanft und liebevoll an sich. »Alles wird gut werden, du wirst sehen.«

»Du bist ein schlechter Lügner, Vater«, flüsterte sie, nachdem sie sich wieder von ihm gelöst hatte. Tränen rannen ihr über die Wangen.

»Vielleicht«, gab er zu und blickte sie unter seinen gepuderten Augenbrauen hinweg an. »Aber ich bin ein guter Schauspieler.« Damit erhob er sich von seinem behelfsmäßigen Sitz und wandte sich zum Gehen.

»Wohin willst du?«, fragte Cyn. »Was hast du vor?«

»Nur ein wenig spazieren gehen«, entgegnete er. »Der Puck geht gerne nach der Vorstellung spazieren, wie du weißt.«

»Aber …« Cyn schüttelte den Kopf. Es gab so vieles, das sie ihrem Vater hätte sagen, worüber sie mit ihm hätte sprechen wollen. Aber vor allen Dingen … wollte sie nicht allein sein. »Ausgerechnet heute?«

Ein schwaches Lächeln huschte über Horace’ Gesicht. »Nur noch heute«, verbesserte er. »Ein letztes Mal.«

»Gut«, sagte sie. »Aber pass auf dich auf, hörst du?«

»Keine Sorge«, antwortete er und ging in Richtung Garderobe, um sich abzuschminken und umzuziehen. »Der Puck ist ja dabei, er passt schon auf mich auf.«

Cyn nickte und sah ihm nachdenklich hinterher – und für einen Moment hatte sie das schreckliche Gefühl, dass sie ihren Vater niemals wiedersehen würde.