Spiel der Toten - Simon Jaspersen - E-Book

Spiel der Toten E-Book

Simon Jaspersen

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Beschreibung

Wer spielt mit dem Tod? Berlin im Spätsommer: Vier Leichen treiben in der Spree. Kurz darauf wird eine junge Frau erstochen in ihrem Appartement aufgefunden. Der Tatort wurde von Gaffern verwüstet. Gibt es eine Verbindung zu den Stalking-Fällen, die schon seit Wochen die Stadt in Atem halten? Das LKA Berlin ist unterbesetzt. Deshalb lässt sich Ex-Bulle Jan Mossmann überreden als Ermittler einzuspringen. Jan trauert um seine tote Frau und hat seine bis dahin brillante Polizeikarriere an den Nagel gehängt. Auch die Kreuzberger Kommissaranwärterin Jasmin Mobido beginnt voll Ehrgeiz an den Fällen zu arbeiten. Die Spur führt in eine abgelegene Privatklinik und zur Industriellenfamilie Roth, die dort einen Patienten versteckt hält. Jemand scheint ein perfides Spiel mit ihnen zu treiben... -- „Spiel der Toten erzählt actionreich und spannend von den Untiefen unserer Gegenwart. Von Verschwörung, Einsamkeit und den Abgründen einer digitalen Parallelwelt. Ein furioser Krimi mit unvergesslichen Figuren und ein echter Pageturner!“ Cornelius Wüllenkemper, Kulturjournalist --- - Spektakulärer Großstadt-Plot mit charmantem Ermittler-Duo - Bro-Culture, Selbstmord-Challenges, Verschwörungstheorie - Mysteriös, einfühlsam, humorvoll und packend

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Simon Jaspersen

Spiel der Toten

Mossmann und Mobido ermitteln

Wer spielt mit dem Tod? Ich hoffe, mein Thriller gefällt Ihnen...

SIMON JASPERSEN

SPIEL

DER TOTEN

Mossmann und Mobido ermitteln

Doch wenn jemand die Augen schließt,

dann peitscht ihn, meine Söhne, peitscht ihn.

Ich will ein Panorama offener Augen

und bitter entzündeter Wunden.

Frederico García Lorca

„Ich will, dass ihr in Panik geratet. Ich will, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre. Ich will, dass ihr handelt, als würde euer Haus brennen. Denn es brennt.“

G. Thunberg

Everywhere there's lots of piggies

Living piggy lives

You can see them out for dinner

With their piggy wives

Clutching forks and knives to eat the bacon

The Beatles

Mach dich zum Alpha.

Die Schweinebande

--

Prolog

Berlin.

September im Jahre 202X.

Die Stadt atmet.

Die Spree fließt, einst Nabelschnur, grau und still durch ihr Herz.

Es wird gebaut, wie immer.

Über der Promenade: ein Gebäude aus Stahlträgern und Beton, unfertig und fensterlos. Zwei Rechtecke aus Licht erstrahlen mitten im hohen Gerippe.

Ein Mann mit dem Kopf eines Schweines steht vor dem Leuchten auf einem Balkon, seinen Kopf gesenkt.

Unter ihm: Püppchen. Kleine Gestalten. Winzig spazieren sie am Ufer entlang.

Man wird auf ihn aufmerksam.

Finger zeigen.

Ein Event oder Happening.

Er gibt ihnen das Zeichen.

Dann geht er hinein.

Gegenüber, die Lichter.

Die Stadt kann nicht wissen, was der Tod bedeutet.

Die Stadt kann nur atmen.

--

In den frühen Morgenstunden ist es noch duster. Aber es hilft nichts, Martha muss arbeiten.

Das unfertige Hochhaus ragt über ihr auf. Bloß einige Stockwerke sind schon bewohnt. Vor ihr liegt der lichtlose Parkplatz mit offenen Baugruben. Weiter seitlich, zwischen Plastikplanen und Containern hausen Obdachlose. Statt sich umzusehen, geht sie direkt auf das leuchtende Viereck des Hauseingangs zu und betritt die Halle.

Normalerweise gibt ihr das Licht auf den grauen Fliesen Sicherheit, aber nicht heute. Heute ist etwas falsch. Der Geruch. Er gehört hier nicht hin.

Noch schlimmer wird er, als sie in den Fahrstuhl steigt. Ist brandneu und sieht wie geleckt aus. Wenn er bloß nicht so riechen würde.

Das Gefährt ruckt los und sie fühlt sich eingeschlossen.

Immer mit der Ruhe. Sie muss an ihre Tochter denken, die jetzt schon auf dem Schulweg ist. Ein echtes Sprachtalent, ihre kleine Marie. Muss sie Ayala erzählen, dass die Maus wieder eine Eins in Deutsch bekommen hat. Für Ayala arbeitet Martha nun seit drei Jahren. In ihrer Wohnung gibt es vor allem Krümel: auf dem Flur, zwischen den Sofakissen, im Bad, bei den Zahnputzbechern. Als würde die aufgedrehte Inderin sogar beim Bürsten futtern.

Martha kann es nicht erwarten, dass die Fahrstuhltür endlich aufgeht. Sie möchte nur noch aus diesem gläsernen Kasten raus.

Endlich. Die Scheibe rauscht zurück.

Aber auch im Flur stimmt was nicht.

Das Licht ist anders. Und es ist kalt.

Veilchen, kommt ihr plötzlich in den Sinn. Den Geruch mochte sie noch nie.

Die Tür zu Ayalas Wohnung steht offen. Weit, wie ein klaffendes Loch.

Jemand ist dort.

Einer? Oder mehrere?

Was soll sie tun?

Im Appartement brennt Licht.

Zu dem Veilchengestank ist jetzt noch Zigarettenrauch hinzugekommen. Wie auf dem Bahnhofsklo.

Martha nimmt ihren Mut zusammen. Sie betritt die Wohnung, schaut links in den Flur – nichts – und greift den metallenen Schuhanzieher aus der Garderobe. Noch ein paar Schritte nach rechts, wo das Wohnzimmer abgeht. Ihre Schritte knirschen.

Der Balkon steht offen. Die Wände, Deckenlichter, alles grell erleuchtet. Verwüstung. In der Mitte: eine Gestalt. Ein Mann im Regencape.

»Was machst du hier?«, kreischt Martha.

Die Figur ruckt herum. Kein Gesicht.

Sie hebt den Schuhanzieher zum Schlag.

Doch er rennt weg. Hintenrum, durch die Küche, zurück zum Flur und zur Haustür.

Marthas Herz setzt aus, so froh ist sie, dass er sie nicht angegriffen hat.

Aber dann kommt es viel schlimmer.

Da liegt wer am Boden.

Es ist Ayala. Nackt.

Bedeckt mit Wunden, die wie Münder aussehen.

Martha presst Lider und Hände zusammen.

Hört sich weinen.

So viele Wunden – das kann keiner überleben.

Marthas Knie brechen ein und sie schreit um Hilfe.

Tag I - Anfang

Jan

Frankfurt am Main

5:45

Schon wieder morgen. Jan schaut auf den Wecker. Seine innere Uhr hört nicht auf zu arbeiten, auch wenn er seit Monaten nicht mehr im Dienst ist. Warum er aus dem Bett steigen sollte, ist ihm unersichtlich, aber er kann nicht ewig liegen bleiben und so hebt er seine Füße auf den Flokati.

Im Bademantel knipst er die Kaffeemaschine an und verfolgt, wie sie ächzend Brühe abseiht. Sein H-Milch-Vorrat ist endlos – nicht, dass er deswegen noch aus dem Haus müsste. Er füllt etwas davon in eine Tasse und schlurft zur Tür. Draußen wartet die Nachbarskatze schon darauf. Eine Weile beobachtet er, wie das Tierchen die kleine Zunge immer wieder gierig hervorschießen lässt. Er mag dieses flauschige Viech. Dann fällt ihm auf, dass wieder jemand seine Mülltonne mit Farbbeuteln beworfen. Er wird sich nachher darum kümmern. Die Post aus dem Briefkasten geht direkt in den Abfall. Erster Erfolg des Tages.

Bald darauf sitzt er in einem Liegestuhl auf der Terrasse und schlürft heiße Flüssigkeit. In solchen Momenten kommt es ihm manchmal so vor, als sei Ina noch da und würde jeden Moment aus dem Wohnzimmer kommen, einen wüsten Spruch auf den Lippen. Aber dem ist nicht so, da Ina vor drei Monaten allein in einem Autobahnhotel krepiert ist. Während er mit seinen Kollegen in der Lagerhalle war und eine Festnahme feierte, anstatt ans Telefon zu gehen.

Scheiß Wahrheit.

Er nippt am Becher und blinzelt ins Morgenlicht. Vielleicht ist es heute mal wieder Zeit, nach dem Teich zu sehen.

Eine Zeit lang hat ihm Erwin Avancen gemacht. Sein Nachbar, der seit langem in Rente ist und mit dem sie, früher manchmal Skat gespielt haben. Erwin will wissen, ob er nicht mal ein Bier trinken wollte, Fischen gehen und so Zeugs. Jan hat ihm gesagt, dass er seinen Rentnerkram allein machen soll. Da haben die Avancen aufgehört, und Jan hat jetzt endlich wieder seine Ruhe.

Nach dem Kaffee duscht er, kleidet sich an, dreht eine Runde durch den Bungalow, sperrt alle Fenster auf und löscht die Nachrichten auf dem Anrufbeantworter.

Als er den Rasenmäher aus dem Schuppen schiebt, schellt das Telefon.

Er lässt es klingeln, aber wer es auch ist – er oder sie ist hartnäckig.

Jan hat nicht vor, sich aus der Ruhe bringen zu lassen, dreht die Metallkappe an dem bauchigen Gerät auf und prüft den Benzinvorrat.

Das Klingeln hört auf.

Na, wer sagt's denn.

Das Klingeln beginnt wieder.

Zweite Runde, denkt Jan.

Als irgendwo ein Hund zu bellen anhebt, muss er doch abheben, geht ins Haus und schnappt sich den Hörer.

»Hallo Jan, hier spricht Frank.«

Warum liegen hier immer noch Inas Gartenzeitschriften herum?

»Hast du wieder meine Nachrichten gelöscht?«

»Keine Ahnung, wovon du redest.«

»Geht es dir gut? Lange nichts mehr gehört.«

»Alles in Ordnung.«

»Hier bei der Kripo Berlin ist auch alles beim Alten. Hauen und Stechen. Hast du mal wieder Kontakt mit den Kollegen gehabt?«

»Welche Kollegen?«

»Ihr steht noch immer auf Kriegsfuß?«

»Ich muss jetzt Schluss machen, Frank. Ich brauche keine Hilfe.«

»Du bist seit Wochen nicht mehr aus dem Haus gegangen. Komm doch mal nach Berlin, und dann schauen wir…«

»Frank, ich sage dir das nur ungern. Aber ich habe kein Interesse. Weder an dir noch an deinen Anrufen.«

Für einen Moment hört man Stille in der Leitung.

Nicht still genug, findet Jan.

»Ich hab ohnehin nie verstanden, warum Mutter mit dir noch Kontakt hält, seitdem du dich in Berlin nur noch mit Minderjährigen rumtreibst.«

Zufrieden lauscht er dem Schweigen, das jetzt eisig ist.

»Überleg´s dir, okay?«, sagt Frank nach einer Pause.

»Ich muss mich um das Essen kümmern.«

Jan legt den Hörer zurück auf die Station.

Eine paar Stunden und ein paar Bier später (auch hier ist Jan stolz auf den Vorrat) ist er gerade dabei, den Sauerstoffgehalt des Teichs zu bestimmen. Die Tabelle mit den Richtwerten liegt neben ihm. Doch man soll es nicht glauben: das Telefon klingelt schon wieder. Zeit, den Anrufbeantworter neu einzustellen.

»Du gehst nicht dran.«

Es ist sein Kumpel Bernhard, von der ParaBellum Security GmbH.

»Gibt es irgendwo ein Gesetz, das einen verpflichtet, ans Telefon zu gehen?«

»Man nennt es Wertschätzung. Gegenüber Menschen, denen man etwas bedeutet.«

Er kann Bernhard vor sich sehen. Sein Grinsen, die Haarwelle und der Bizeps unter dem weißen Shirt. Mit seinem Enthusiasmus ist er im Geschäft besser aufgehoben, als bei der Polizei.

»Ich wollte dich bitten, dass du heute ins Büro kommst.«

»Passt gerade nicht.«

»Es ist dringend.«

»Hör zu. Ich habe hier einiges zu erledigen.« Jan blickt hinaus zum Teich.

»Du könntest uns helfen, das Quartal zu überstehen.«

»Ich kann dir kein Geld leihen.«

Die Arbeit für ParaBellum ist das Einzige, was Jan nicht hat einschlafen lassen. Als er noch im Dienst war, hat er sich darum gekümmert, die nötigen Fortbildungen zum Personenschützer zu machen, um etwas für Ina und sich dazuzuverdienen. Sachkundeprüfung, Fahrsicherheitstraining, Psychologie und das ganze Zeug.

»Hast du eigentlich deinen Waffenschein noch?« Bernhard kommt jetzt in Fahrt. »Wir haben eine Anfrage. Mit deinem Namen drauf. Kommt nicht oft vor. Aber in diesem Fall ist es so!«

Jan gibt ihm nicht die Genugtuung, nachzufragen.

»Klient ist Arno Roth in Potsdam. Du begleitest ihn zu einer Lesung.«

»Keine Lust.«

»Ich hatte geahnt, dass du das sagst.« Bernhards Stimme trieft vor Begeisterung. »Ich hätte V.I.P. Standard anbieten können. Oder meinetwegen auch Premium. Aber ich dachte mir: wer weiß, vielleicht brauchen die auch noch ein Sicherheitskonzept? Oder Begleitschutz Upgrade…«

»Und der Punkt?«

»Die haben mich gar kein Angebot machen lassen. Die Zielperson scheint wohlhabend zu sein, um nicht zu sagen, ein Goldjunge. Sie buchen einen Privattarif. Und der beträgt für zwei Tage Zehntausend.«

Jan fährt sich ein paar Mal über das stoppelige Kinn, wechselt den Hörer vom einen ans andere Ohr und sagt dann: »Bitte?«

»Eins mit fünf Nullen. Steht im Vertrag mit dem Kinesiologischen Institut.«

»Und was soll das bitte sein, Bernhard?«

»Ich dachte, du kennst die.«

»Kenne ich nicht.«

»Aber sie kennen dich.«

Jan ahnt, was jetzt kommt und versucht sich zu wappnen.

»Sie wollen, dass du morgen fährst.«

»Ich bin kein Personenschützer.«

»Sie scheinen das aber zu denken.«

Jans Magen spannt sich.

»Lass mich in Ruhe mit deinem Kram, okay?« Er weiß, das ist schwach. Aber einen Versuch muss er machen.

»Weißt du, wieviele Mitarbeiter ich habe? Ich hasse es, dass zu sagen, aber ich könnte mit dem Geld meine Rechnungen bezahlen. Und du – bekommst fünftausend. Bar auf die Hand.«

Jan sagt nichts mehr.

»Jetzt komm schon. Ich weiß doch, dass du mit deiner Miete im Rückstand bist.«

Fünftausend Euro. Ist gleich: fünf Monate Ruhe.

»Du bist 24 Stunden gebucht und hältst Augen und Ohren offen. Dann wissen wir, ob es eine Bedrohung gibt. Er schreibt übrigens für Verschwörungstheoretiker. Also genau dein Fall.«

»Und davon wird man reich?«

»Nein. Sein Vater ist Unternehmer und beschäftigt halb Brandenburg.«

»Und ich soll ihn ausspionieren?«

»Du schreibst einen kleinen Bericht. Das ist Standard.«

Der Satz ist gelogen, bestenfalls Halbwahrheit. Aber Jan lässt es dabei bewenden.

»Rasier dich. Zieh dir was Vernünftiges an.«

Jan wirft einen Blick auf die Gestalt im Flurspiegel. Er sieht nach wie vor wie ein Bulle aus. Düster und etwas derb. Bauchansatz, Augenringe, Bartstoppeln. Er hatte mal Charme, das weiß er, aber wie ist es heute?

»Und kein Bier, verstanden?«

Tick, tack. Zeit für Entscheidung.

Er möchte das Haus nicht allein lassen. Einfach bloß nicht da raus gehen. Aber das geht nur, wenn er Geld reinbringt.

»Zwei Tage«, brummt Jan und hängt auf.

»Verdammt«, ächzt er einen Moment später.

Berlin

Gartensiedlung Wilhelmstrand eV

6:10

Schwarz.

Schwarz wie Erdöl oder wie eine Erdhöhle. Schwarz wie ein Kohleofen. Schwarz wie ein Morgen im Bunker.

Luise hat heute von Schwarz geträumt.

Dunkelheit, die ihr unheimlich nah kam. So nah ­– sie kann sie noch spüren auf ihrer Haut. Um so fester zieht sie jetzt den Mantel zu, um ihre Morgenrunde zu beginnen und diese Abgründe endlich loszuwerden.

Hier in der Gartensiedlung hat sich einiges bewahrt, ganz anders als im Rest von Köpenick. Seit ihr Mann nicht mehr am Leben ist (12 Jahre ist es schon her, Gott hab ihn selig) weiß Luise jeden Tag weniger, was diese Stadt noch mit dem Berlin zu tun hat, das sie und Herbert fast ihr Leben lang bewohnt haben. Erst kam die Wende, und dann hat sich die Stadt vor ihren Augen in einen Ramschladen verwandelt. Freiheit, Freiheit, hieß es überall. Freunde zogen weg. Dann standen plötzlich die Häuser leer, wie im Krieg. Miet-Haie tauchten wie aus dem Nichts auf. Es wurde geschachert und gedealt. Das Resultat waren Mieterhöhungen und noch mehr Umzüge. Und das alles unter Wowereit – ausgerechnet einem Roten.

Rot. Schwarz. Rot. Schwarz.

Warum muss sie die ganze Zeit an schwarz denken?

Sie trottet den buckligen Steinweg entlang. An den Gartenlauben hängen deutsche und andere Flaggen herab. Heute sind viele Vögel hier.

Hinter dem Funkhaus, am Hafen Rummelsburg ist ein Steg, an dem sie morgens ins Wasser geht. Gut für die Krampfadern, wie ihr Arzt sagt.

Die Beinchen tun ihr weh. Es ist ein tiefer Schmerz, der sie ganz einnimmt. Nur kurz ins Wasser, und dann zurück ins Haus.

Eine Krähe starrt vom Poller. Was für ein Tier! Schwarz denkt sie. Augen wie Bleikugeln. Da drüber noch eine. Warum ist hier Vogelversammlung?

Sie erreicht die Pforte zum Steg.

Ein Federvieh flattert und kräht. Sein gebogener Schnabel erscheint zu groß für ein Stadttier. Sie drückt die Pforte auf und marschiert am Schiff entlang den Steg hinunter. Die Sonne trifft jetzt auf ihr Gesicht. Wohlig und warm.

Krah. Krah.

Der Vogel schreit ihr nach.

Soll er doch. Ist schließlich ihr Revier hier.

Als sie am Kutter vorbei ist, an ihrer üblichen Stelle, wo die Leiter ins Wasser ragt, legt sie ihren Mantel ab und zieht mühevoll ihre Jogginghose herunter. Als sie es geschafft hat, steigt sie die Stufen hinunter.

Kalt ist das Wasser. Eisig. Aber sie macht nicht Halt. Bloß ein paar Züge. Wäre doch gelacht.

Sie senkt ihren Torso ins Wasser. Frostig drückt es die Luft aus ihr raus.

Sie atmet. Stößt sich ab.

Luftholen. Schwimmen.

Da taucht etwas auf, prallt ihr mitten in das Gesicht und sie muss schreien.

Schwarz ist es und sie spuckt aus. Was zum Teufel ist das?

Sie rudert zurück, von Ekel geschüttelt. Platscht mit den Händen in Richtung des Hindernisses. Lang und ledrig. Sie will es wegschleudern.

Aber es ist kein Holz.

Zwei, drei, fünfgliedrig.

Aber – das geht nicht!

Ein Arm.

Eine Hand.

Luise schreit wieder, als sie etwas von hintern berührt.

Das kann doch kein Kopf sein!

Sie hat sich verfangen. Ist unter den Steg geraten. Kommt nicht vom Fleck!

Jetzt sieht sie, was hier nicht stimmt.

Unter dem Steg ­– überall treiben Körperteile.

Das ganze Becken ist voll mit Leichen.

Isaak

Potsdam

12:07

Mittagstisch bei Robertos. Das einzige Treffen, zu dem er seine Söhne noch bewegen kann. Immer Donnerstag. Er hatte darauf bestanden, und sei es nur, um Organisatorisches zu besprechen.

Häufig genug hat er Gerald und Arno zu sich in den Horst eingeladen. Der Kontakt ist sporadisch geworden. Gerald ist ab und zu bei ihm aufgetaucht, aber jetzt meiden ihn beide. Die ganze Welt scheint das zu tun. Oder ist er es, der die Welt meidet, seitdem er sich um den Patienten kümmert?

Er parkt den Wagen am hinteren Ende des Kiesparkplatzes, beim Küchenausgang, wo die Flaschen rausgestellt werden. Dort ist immer was frei und er kann in Ruhe die Fahrzeuge in den Blick nehmen.

Das Licht liegt blass auf dem kieferngesäumten Vorplatz und dem dunklen, flachen Holzgebäude am Seeufer. Nicht viel los im Club. Er sichtet Geralds Volvo. Kein anderes bekanntes Fahrzeug. Eine Erleichterung.

Isaak verlässt den Wagen und überquert die Parkfläche. Passabler Tag heute. Hell. Lebendiger Wind aus Südost. Segelwetter. Wann ist er das letzte Mal mit seinen Jungs aufs Wasser gestiegen? Eine halbe Ewigkeit her. Ein Plausch mit den Bootsnachbarn, Fahrt aufnehmen und sich treiben lassen. Die Wellen hören. Ein Gedanke, der ihm heute absurd erscheint.

Im verglasten Pavillon erwarten ihn Olivenbäumchen, warme Luft und gestärkte Tischdecken. Roberto begrüßt ihn lässig. Er hat ein Händchen für diese Dinge. Ein Grund, warum sie gern hier sind. Direkt am Fenster erkennt er die Gestalten seiner beiden Söhne: Gerald wie üblich energisch mit dem Essen befasst. Arno ihm gegenüber, den Blick übers Wasser, in höheren Sphären. Hinter ihnen reihen sich Masten auf dem Wannsee, der das Clubhaus umschließt.

»Guten Tag die Herren. Ihr habt schon angefangen?«

Von beiden Tellern ragen Gräten.

»Was habt ihr bestellt? Vorspeisen?« Die Aussicht auf eine gute Mahlzeit hatte ihn gütlich gestimmt.

»Gerald hatte den Fisch«, sagt Arno.

Sein Bruder lässt schuldbewusst das Besteck sinken. Beide meiden den Blickkontakt.

»Warum habt ihr nicht gewartet?«, fragt Isaak.

Arno rechts, mit seiner schwarzen Tolle und weißem Hemd, sitzt wie ein Fragezeichen am Tisch und trägt die Seiten immer noch kurzgeschoren. Er räuspert sich, aber lässt keine Erklärung folgen.

Sein Bruder Gerald, der hochgewachsene Rotschopf gibt sich dagegen stets unbeugsam und hat das Kinn nach vorne gereckt. Anstatt sich mit seinem Vater zu beschäftigen, schaut er betont entspannt aus dem Fenster.

Isaak setzt sich an die Kopfseite. Zeit für Pragmatik also. Zeit, das Treffen hinter sich zu bringen.

»Wir waren früh dran. Sorry Isaak«, versucht Arno zu vermitteln. »Was müssen wir heute besprechen?« Sein Blick schweift nervös durch die fast leere Gastronomie.

»Bin sicher, er wird uns schon darüber aufklären, was er heute von uns will«, sagt Gerald. Seine stahlblauen Augen fixieren ihn.

»Wie ist sein Zustand?«, fragt Isaak seinen Ältesten zurück.

»Unverändert.« Gerald lehnt sich zurück.

»Und die Medikamente?«

»Wir müssen sehen, ob das Psychopharmakon anschlägt. Das weißt du doch selbst am besten. «

»Immerhin hast du uns das Problem eingebrockt!«, entfährt es Isaak, dem diese Schnoddrigkeit gegen den Strich geht. »Wenn du seinen Zustand nicht so falsch eingeschätzt hättest…«

»Ihn hier in der Stadt zu behalten, war nicht meine Idee, soweit ich mich erinnern kann«, stellt Gerald mit gespielter Empörung dagegen. »Aber vielleicht wäre es am einfachsten, wenn du mich ab jetzt aus dem Spiel lässt!«

»Lasst es gut sein.« Arnos Blick ist fest auf die Tischkante geheftet, die er mit beiden Händen umklammert. »Diese negative Energie. Das bringt uns doch alle nicht weiter.«

»Dein unseliger Stumpfsinn…«, will Gerald ansetzen, dann steht Roberto plötzlich neben ihnen. Gerald verstummt und der Restaurantchef erläutert die Tageskarte.

»Ich muss in die Klinik«, sagt er, als sie wieder allein sind und schiebt Isaak einen Zettel über den Tisch.

»Was steht auf der Liste?«

»Haider stellt dir eine Kiste mit allen Behandlungsmaterialien zusammen.«

»Aber was sagt denn die Schwester?«, insistiert Isaak, der wissen will, ob sich ihre Lage endlich verbessert.

»Du riskierst mit der Sache nicht nur dein Leben. Sondern auch meins, verstehst du?« Sein Sohn hat ihn am Arm gepackt. Isaak mustert für einen Moment die roten Härchen auf dessen Handrücken – dann macht er sich los.

»Fünf Minuten, Gerald. Ich bitte dich doch bloß darum.«

Sein Ältester bleibt sitzen, wenn auch mit Widerwillen. »Die Schwester ist besorgt. Genauso wie ich.«

»Wann können wir den Transport machen?«

»Ich sage euch«, schaltet sich Arno ein, »wir sollten im Moment überhaupt nichts machen. Ich habe wieder Nachrichten bekommen.« Seine großen Augen mustern jetzt Isaak. »Wir werden beobachtet. Da sind ständig Leute bei uns vor dem Haus. Sie haben uns auf dem Kieker.«

»Was für Leute?« Geralds Stimme ist plötzlich eisig.

»Aus dem Internet. Sie wollen uns jagen.«

»Fängst du jetzt auch an zu spinnen? Ich dachte, du wärst ein Influencer. Er sagt doch immer, er wäre einer.« Sein Ältester hat für Arnos Arbeit nie etwas übriggehabt.

»Wir müssen aufpassen«, warnt dieser erneut. »Vielleicht sollten wir die Polizei…«

»Lass doch die Polizei aus dem Spiel!«, fährt Isaak seinen Sohn an.

»Vielleicht ist es das Beste…« Gerald verstummt, als erneut eine Person an ihren Tisch kommt. Unverhofft steht Lisa Klemm neben ihnen.

»Hallo Jungs. Ich dachte ich schaue kurz zu euch rüber.«

Die quirlige Frau mit dem blonden Kurzhaarschnitt schaut schüchtern über den Tisch. Isaak ringt um Fassung.

»Hallo Lisa«, bringt Arno heraus und reagiert als Einziger halbwegs gelassen.

»Ich hoffe, ich stör´ euch nicht?«

Sie tritt von einem Fuß auf den anderen.

»Mensch Lisa. Auf keinen Fall.« Arno springt auf und umarmt sie über den Tisch hinweg.

»Schön dich zu sehen.«

»Ja, wirklich. Und, was macht ihr so?«

»Du meinst gerade jetzt? Na, halt essen.«

»Oder allgemein. Wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen?«

»Achtundzwanzig Monate«, vermeldet Gerald aus der anderen Ecke. Die Direktheit seines ältesten Sohnes ist oft peinlich.

»Wie die Zeit vergeht«, sagt Arno.

Lisa schaut in die Runde. Sie wohnt nicht weit vom Adlershorst und war früher oft bei ihnen. Eine Art Hausfreundin. Und eine talentierte Ärztin, die mit Gerald eine kurze Beziehung hatte, ihren Irrtum allerdings bald bemerkte, weil sie eigentlich Frauen vorzieht.

»Na gut. Und, wie gehts Euch?«

»Klasse.«

»Bist du noch in der Klinik?« Die Frage ging an Gerald.

»Ja. Und du, noch an der Uni?«

»Schon seit einem Jahr nicht mehr.«

»Ach, das wusste ich nicht.«

»Ja, ich habe mich bei Ottobock beworben und es hat geklappt.«

»Das ist ja wunderbar. Und, wie läuft es?«

»Gut. Wirklich. Ich entwickele jetzt Prothesen. Sehr spannend.«

»Wie schön.«

Eine Pause entsteht.

»Und, spielt ihr noch manchmal Cricket?«

»Ja, das hat immer Spaß gemacht. Aber ist so viel los, momentan.«

»Ja sicher, bei mir auch. Na dann. Man sieht sich, oder?«

»Aber sicher. Das hoffe ich.«

Sie lächeln sich hilflos zu.

Als sie weg ist, lässt Arno den Kopf in die Hände sinken.

Selbst Gerald wirkt konsterniert. »Das war´s, Leute.« Er nimmt seine Jacke.

»Also, wann können wir den Transport machen?«, fragt ihn Isaak.

»Ich sag's dir noch einmal: ich übernehme keine Verantwortung mehr!«

Gerald erhebt sich und geht, als ein Kellner Isaaks Vorgericht bringt: Burata mit Mandeln auf drei blutroten Tomaten-Teichen, in denen sich sein Gesicht spiegelt.

»Keinen Appetit?«

Arno muss seine Gedanken gelesen haben. Sein Mittlerer steht ebenfalls auf, steckt die Hände in die Taschen und blickt auf den See.

»Leistest du mir nicht Gesellschaft, während ich esse?«

»Ich sollte jetzt auch los«, sagt Arno, schon wieder wie in Gedanken versunken. Er verharrt noch einen Augenblick in Gedanken – aber nicht an seinem Vater, sondern beschäftigt mit anderen Dingen.

»Weißt du, ich habe demnächst eine Lesung…«

»Was?« Isaak kann ihm nicht folgen.

»Ist nicht so wichtig«, sagt Arno. Dann räuspert er sich.

Einen Moment später ist Isaak allein, und blickt auf die Stege und Masten im Wasser.

Neues Spiel beginnt.

Wann? Wer? Wo?

Koordinaten werden geschickt.

Nichts für Schwächlinge.

Halt die Schnauze, du Schwein.

Wir sind Alphas.Wir sind die neue Ordnung.

Jan

Im Zug

13:22

Den Intercity hat er in letzter Sekunde erwischt.

Fünftausend Euro für zwei Tage. Das grenzt an Wahnsinn.

Trotzdem bereut er, dass er eingewilligt hat. Im Wagon versucht er eine Zeitlang, sich von dem Paar gegenüber nicht stören zu lassen, und teilt ihnen dann mit, dass sie nicht allein im Zug sitzen. Alles besser, als mit anzusehen, wie sich Computerfachleute gegenseitig die Füße massieren.

Sie wechseln das Abteil.

Dann bringt er trotz Kopfweh genug Elan auf, um seinen quietschenden Laptop aufzuklappen.

Er sucht Arno Roth. Doch der Computer spuckt zunächst Bilder von seinem Vater aus: Isaak Roth, ein ergrauter, hochgewachsener Mann mit langem Gesicht und Geschäftsführer der SanaMed in Berlin. Es erscheinen Zeitungsartikel aus dem Boulevard, die Jan überfliegt. Vater Roth ist ein Pharma-Löwe aus Brandenburg. Hidden Champion, kurz vor dem DAX-Einstieg. Schüttelt Hände, strahlt, weiht Fabrikgelände ein. Kassiert Fördergelder der Regierung und macht in Impfstoffen. Doch das ist, wie so oft, nur eine Seite der Medaille. Was die Betriebsführung angeht, zieht er andere Saiten auf: stemmt sich gegen Tariflöhne und bekämpft alles, was mit Betriebsrat oder Gewerkschaften zu tun hat. Als die Nachfrage steigt, macht er einen Vertrag mit Nigeria, das knietief im Bürgerkrieg steckt und holt billige ArbeiterInnen, die bei ihm in Wohnwagen hausen. Bringt das Geschäft richtig in Schwung. Trotz allem feiert die Region seine Arbeitsplätze.

Er ist auf jedem Ball in der Hauptstadt, jedem Benefiz-Event in der Mark und im Umland. Mit Katja Riemann, mit den Porsche-Erben – und sowieso mit der Spitzenpolitik. Bruce Naumann kreiert für ihn eine Sonderedition. Er gründet sogar eine Stiftung, die mit Obdachlosen arbeitet.

Wie könnte es besser werden? Doch dann: Schicksalswechsel. Roth verliert seine Frau. In seinen Impfstoffen werden Verunreinigungen festgestellt. Es gibt Proteste und Mahnwachen. Jan findet Roth umringt von Anwälten. Ein anderes Mal sitzt er sogar auf der Anklagebank. Dann hört die Berichterstattung einfach auf. Vor genau zwei Jahren.

Aber was ist mit Roth Junior?

Arno Roth kommt erst auf Seite fünf der Suchergebnisse ins Spiel. Er ist Heilpraktiker und Influencer mit mäßigem Erfolg. Er trägt die Schläfen rasiert und eine Locke in der Stirn. Buchtitel: Die Trommel weist den Weg ins Licht. Den Mann soll Jan auf die Lesung begleiten. Und seine Sicherheitslage einschätzen. Wer kommt auf solche Ideen? Ein ehemaliger Kollege, der jetzt in der Sicherheitsabteilung des Kinesiologischen Instituts gelandet ist, und ihm einen Auftrag zuschanzen will?

Jan blickt auf.

Regen klatscht gegen die Scheibe des weißen Zuges.

Was für eine trübe Fahrt Richtung Osten.

Er ruft die Berliner Zeitung auf.

Das Tor zur Unterwelt: Massengrab Spree.

Oh mein Gott. Die Bilder sind kaum zu glauben.

Verschrumpelte Leichen. Im Wasser. Wie stimmungsvoll.

Er gleitet vorbei an den ersten Historienbauten und ist gespannt, was diese Stadt für ihn bereithalten wird.

Der Wohnsitz der Roths liegt stadteinwärts in Babelsberg und ist über die Bundesstraße Richtung Berlin zu erreichen. Eine Stichstraße führt in ein verwinkeltes Villenviertel, wo Jan seine Fahrt beendet. Er steigt aus dem Taxi und geht ein paar Meter, um seine Knochen wieder in Reihenfolge zu bringen. Die Adresse ist richtig. Mit Nieselregen im Gesicht, sondiert er das Gelände. Grüner Metallzaun mit hoher Hecke. Dahinter ein geducktes Haus aus den Siebzigern, mit Garten, so groß wie ein Park.

Arno Roth will ihn kennenlernen, bevor er ihn morgen auf die Lesung begleitet. Jan müsste bloß reingehen und es hinter sich bringen. Dennoch bleibt er stehen. Nässe sucht sich den Weg in seinen Mantelkragen. Was tut er hier? Er ist Polizist gewesen, nie Personenschützer. Langsam bekommt seine Unfähigkeit absurde Züge. Das kann er nicht auf sich sitzen lassen.

Du gehst jetzt da rein, trinkst einen Kaffee, und fährst dann ins Hotel.

Er hebt die Hand an den Klingelknopf.

Drückt.

Aber nichts passiert.

Dunkle Fenster glotzen zu ihm hinüber.

Sollte er einfach gehen?

Da kommt eine Regung: am Ende des Grundstücks.

Eine Gestalt winkt herüber.

»Einmal hierher, bitte. Kommen Sie von der Security?«

Jan trottet die Hecke entlang und begrüßt einen jungen Mann mit weißem Hemd.

»Wir benutzen immer den Hintereingang. Wegen der Fotografen.«

Er führt ihn durch das versteckte Heckentor und über den Rasen, um das Wohnhaus herum, wo an einer hellen Backsteinmauer ein Basketballkorb hängt. Dahinter: der Blick über die Wiese. Ist das da, zwischen den Bäumen, wirklich ein Teich mit Bootshaus?

»Gehört alles Ihnen?«

»Mein Vater hat es in den Neunzigern gekauft und meine Mutter wollte ein Ruderboot.«

»Schön für Sie«, sagt Jan.

Sie passieren einen Wintergarten, der wohl als Partyraum fungiert und betreten ein paar Meter weiter das Haus durch die Glasfront.

»Entschuldigen Sie. Wollen Sie ablegen? Mein Name ist Arno Roth.«

Der junge Mann streckt ihm die Hand entgegen. Er macht einen freundlichen Eindruck und hat auffällig große Augen und ein rundes Gesicht, das ihn kindlich wirken lässt. Er trägt seine Locken wie auf den Fotos oben lang, mit geschorenen Schläfen. Sie begrüßen sich, und Jan händigt ihm den feuchten Anorak aus.

»Möchten Sie Tee?«

Beklommen schaut Jan auf das Wasser, das er auf den Dielen hinterlässt. Sein weiter Anzug erscheint ihm plötzlich altbacken. Sein Troyer wäre ihm lieber.

»Ja gern«, sagt Jan dankbar.

Roth zieht sich zurück.

Zum Glück ist die Villa, wenn auch groß, so doch kein Museum.

Vorhänge geben dem Raum etwas Altmodisches. Auf der Couchlandschaft liegen Zeitschriften; ein Flatscreen im Zentrum. Über dem Kamin stehen Bootsmodelle. Alles ist abgesessen. Wenn nicht die Blumen auf dem Sideboard gewesen wären, hätte Jan einen Junggesellenhaushalt vermutet. Dort steht auch ein Foto: Vater Roth und seine drei Söhne.

»Ich fürchte, wir haben nur Hafermilch«, ruft Roth aus der Küche. »Ich bin der Einzige, im Haus der Tee trinkt. Ich vertrage leider nicht alles.«

Sein Gastgeber kommt mit zwei Bechern zurück, die ätherisch duften.

Sie setzen sich an den Esstisch.

»Danke«, sagt Jan.

Arno lächelt schüchtern.

»Normalerweise machen wir so etwas nicht. Mein Vater hat immer darauf Wert gelegt, dass wir nicht über unsere Verhältnisse leben. Natürlich: SanaMed ist groß. Aber wir hatten nie Personenschutz. Alarmanlage und so etwas – klar.«

Jan nickt bedächtig.

»Das Angebot, eine Lesung zu machen, hat mich gefreut. Auch wenn mein Vater strikt dagegen ist.« Ein Umstand, der Arno, so scheint es, Sorgen bereitet. »In der letzten Zeit hatte er Ärger im Betrieb. Schlechte Presse und so weiter. Wir produzieren Impfstoff. Im Prinzip nichts Besorgniserregendes. Bloß, dass es ein RNA-Impfstoff ist. Da vermuten Einige Nebenwirkungen.«

»Gibt es denn Nebenwirkungen?«

»Wie bitte?«

»Entschuldigung. Ich frage nur, weil ich auch gerade eine Impfung bekommen habe.«

Jan lässt den Blick durch den Wohnraum schweifen, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint.

Sein Gegenüber scheint die Frage zu überdenken. »Ach wissen Sie, ich wollte ja, dass Sie kommen. Also will ich offen sein. Einige Menschen mögen mich für undankbar halten. Der Betrieb bringt unserer Familie eine Menge Geld. Aber es gab schon Berichte, die mich nachdenklich gestimmt haben. Menschen mit spontanen Blutungen. Im Stuhl, an den Schleimhäuten.« Roth schaut betroffen.

»Aber natürlich wurde denen kein Glauben geschenkt. Mein Vater hat gute Anwälte. Und noch eine Menge anderer Mittel, das können Sie mir glauben. Aber es gibt auch Kanäle, die er nicht ausschalten kann.« Für seine Verhältnisse sieht Roth jetzt kämpferisch aus. »Unabhängige Medien. Die die richtigen Fragen stellen.«

Jan nickt, um den Mann weiter reden zu lassen.

»Kennen Sie AlterMedia? Die bringen Informationen abseits vom Mainstream. MarkTV und Organisches Licht.«

»Gibt es denn viele, die das anders sehen? Vielleicht auch Menschen, die frustriert sind. Oder gewaltbereit?«

»Vielleicht können Sie das beurteilen?«

Jan nimmt einen Schluck aus der Tasse. Das Gebräu schmeckt furchtbar: nach Wald und Weichkäse. Er bemerkt den fragenden Blick von Roth. Das war sein Einsatz.

»Ja, natürlich! Ich komme von der ParaBellum GmbH aus Frankfurt. Das Kinesiologische Institut hat mich beauftragt, Sie zu der Lesung zu begleiten. Direkter Personenschutz.« Die Sätze wollen Jan nicht so recht über die Lippen. »Das heißt, ich bin immer in Ihrer Nähe. Ich behalte alles im Auge. Und wenn einer was von Ihnen will… gehe ich dazwischen.« Er zieht mit einem Finger den Abzug einer fiktiven Pistole.

»Sie wollen jemanden erschießen?«

»Natürlich nicht«, rudert Jan zurück. »Ich war früher im LKA Frankfurt. Also machen Sie sich keine Sorgen. Und jetzt eben Sicherheitsbranche.«

Der letzte Satz war gelogen. Jan schaut verbindlich und hofft, das Verkaufsgespräch abkürzen zu können. Doch Roth scheint zu zögern.

»Mit Personenschutz kenne ich mich bestens aus«, fügt Jan unbeholfen hinzu.

»Die Waffe werden Sie bestimmt nicht brauchen.«

»Hat es in der Vergangenheit denn schon Vorfälle gegeben?« nimmt Jan den Faden dankbar auf.

»Einige finden es witzig, unsere Autos mit Aufklebern zu bombardieren. Ist im Grunde Kinderkram. Einmal hat ein Aktivist meinen Vater mit einer Torte beworfen.«

»Das ist ein tätlicher Angriff.«

»Nun ja.« Wieder scheint Roth nachzudenken, wieviel er preisgeben soll.

»Es gab Drohungen im Internet. Und…« sein Blick wandert zu den Fenstern, »einige Male waren Leute hier.«

»Was für Leute?«

Jan steht auf, geht zur Terrassentür und lugt hinaus in den Garten. Das Gelände ist riesig. Ein Albtraum, wenn man über Sicherheit nachdenkt. Auch die Terrassentür sieht alt aus. Zum Aushebeln fünf Sekunden, würde er schätzen.

»Ich weiß nicht, ob es wirklich was Ernstes ist. Es gibt Leute im Netz, die wollen andere runter machen. Spam. Drohungen. Anrufe.«

»Ist hier schon mal etwas passiert?«

»Hier im Haus? Also kein Einbruch, falls Sie das meinen.«

»Worüber werden Sie vortragen?«

»Ich arbeite in der Klinik Tannau, ganz in der Nähe. Meine Themen sind alternative Medizin, schamanische Reisen und Totem-Kuren.«

»Interessant«, lügt Jan.

»Finden Sie? Das höre ich nicht so oft. Aber das Konzept ist wirklich spannend. Und ganz ohne Impfungen.« Er lächelt verhalten und schaut dann nervös Richtung Flur. »Gibt es sonst noch etwas, dass Sie wissen müssen?«

»Wo wird die Lesung morgen stattfinden? Ich würde gern noch einmal mit dem Veranstalter sprechen.«

»Ich geben Ihnen die Kontaktdaten.«

Roth blickt auf die Uhr und scheint es plötzlich eilig zu haben.

»Haben wir alles?«

»Sollte ich nicht das Haus checken?«, fragt Jan.

»Lassen wir es für heute.«

Warum plötzlich so eilig?

»Können Sie mich morgen am Nachmittag in der Klinik abholen? Wir fahren dann mit dem Firmenwagen.«

»Natürlich«, sagt Jan. »Kann ich diesmal durch den Vorderausgang?«

Roth errötet.

Sie treten durchs Wohnzimmer, in ein hohes Entree mit Marmorboden.

»Meine Frau hat ebenerdige Wohnungen immer geliebt.«

»Der Baustil der Siebziger. Ein Zimmer folgt auf das nächste«, erläutert der Heilpraktiker. »Mein Bruder wohnt in Dahlem, aber hat noch ein Zimmer im linken Flügel. Und dort ist der Elterntrakt.«

»Aber Sie wohnen hier? Gemeinsam mit Ihren Eltern?«

»Meine Mutter ist leider verstorben.«

In diesem Moment geht die Tür auf. Ein Mann Mitte dreißig steht vor ihnen, mit scharfen Gesichtszügen und rotem Kurzhaarschnitt, den Porscheschlüssel noch in der Hand.

»Und Sie sind?«

»Das ist Herr Mossmann, von der Sicherheitsfirma.«

»Wir möchten hier keine Besucher.«

Der Mann im Sakko scheint über ihr Treffen wenig erfreut zu sein.

»Hey Gerald. Es ist wegen meiner Lesung morgen.«

Sein Bruder würdigt Arno Roth keines Blickes. »Ich möchte Sie jetzt bitten, zu gehen«, sagt er zu Jan und rückt einen Schritt näher an ihn heran. Jan spürt, wie sein Defensiv-Programm hochfährt, doch bevor er reagieren kann, taucht Arno Roth zwischen ihnen auf: mit seinem nassen Mantel im Arm.

»Wir sehen uns dann morgen.«

Jan wird hinausgeschoben und hört hinter sich die Tür zuschlagen.

Frank

Rummelsburger Hafen

13:45

Weiße Iglus stehen dicht gedrängt auf der Wiese vor dem alten Funkhaus. Bevölkern das Ufer, fremdartig, wie eine Marskolonie.

Hier haben sich Menschen zum Leben eingerichtet. Das gehört auch dazu, denkt Hauptkommissar Frank Julius, als er auf die Zeltkulisse zuläuft. Die Mitarbeiter der Kriminaltechnik, und in diesem Fall sind es einige, müssen hier nicht nur unter Hochdruck arbeiten. Sie müssen hier auch leben, für ein paar Tage. Forensiker, Labortechniker, Streifenpolizisten. Hinzu kommt die Taucherstaffel. Und die Hundestaffel. Ganz schön voll, wenn das Gelände genau an der Spree liegt.

»Guten Tag, Leute.« Die zwei Kollegen grüßen nicht zurück und laufen stattdessen die Zufahrt entlang, die vom früheren DDR-Funkhaus herüber zum Hafenbecken führt. Wird wenig gelacht heute. Stattdessen begutachten die beiden die Fließrichtung des Wassers, das von der Stadt kommend in das Becken drängt, in dem Kutter und Touri-Schiffe vertäut sind. War mal als Kulturhafen gedacht. Doch nun ist der Hafen Rummelsburg zum Inbegriff des Schreckens für ganz Berlin geworden. Möglicherweise von ganz Europa.

Leichen sind hier gefunden worden. Körper. Arme. Beine.

Dem LKA ist es noch nicht möglich gewesen, alle Teile zu sortieren, geschweige denn, zuzuordnen. Man geht zur Zeit von vier Toten aus – Tendenz steigend.

Das Gelände samt Funkturm wurde gesperrt. Die Reederei am Hafen auch. Ebenso der angrenzende Schrottplatz.

Die meisten Leichen waren im Becken. Einige Teile sind in der Spree versunken. Andere wurden hinausgetrieben und sind flussabwärts Richtung Köpenick und in den Britzer Verbindungskanal geraten.

Der Ruderverein gegenüber hat einen Fund gemeldet – und zeitgleich Beschwerde eingereicht. Als ob die Ordnungskräfte etwas dafür könnten, wenn ein Siebzehnjähriger sich die Seele aus dem Leib kotzt, weil er beim Frühschoppen einen Fuß mit Sprunggelenk aus dem Wasser zieht.

Frank macht die Runde und läuft Richtung Hauptzelt, das nur noch Sepultura genannt wird. Als er es betritt, ändert sich die Stimmung. Leuchtröhren erhellen das geräumige Zelt. U-förmig sind Klapptische mit grünen Einmalbezügen aufgestellt worden. Schwarz, vertrocknet, ledrig und auf unheimliche Weise menschlich – so sieht fast alles aus, was auf den Tischen liegt. Ein Sortiment der Totenwelt, die sich hier aus irgendeinem Grund aufgetan hat. Wie bei der Ausgrabung einer Nekropole oder – nicht so poetisch – einem Massengrab, liegen hier Körper, neben Gelenken und Gliedmaßen. Alle im gleichen Zustand. Wohlmöglich der gleiche Todeszeitpunkt.

Massaker – ein anderer Begriff fällt Frank nicht ein. Er muss zugeben: etwas so Düsteres hat er in seiner langen Dienstzeit noch nicht gesehen. Die gefundenen Körperteile sind in einem fortgeschrittenen Zustand der Verwesung, also bereits mehrere Monate, wenn nicht Jahre alt. Doch sie sind konserviert worden. Die Haut hat sich schwarz gefärbt. Wie bei Moorleichen – doch Dr. Ley, die Forensik-Leitung, geht momentan von dem genauen Gegenteil aus. Nicht durch Wasser, sondern durch Hitze, hat eine Konservierung stattgefunden.

Die Leichen wurden also nicht eingelegt, sondern gedörrt.

Jemand tritt ein und stört sein Gegrübel.

Es ist Jasmin Mobido, die seit einem halben Jahr mit ihm in der Mordkommission arbeitet. Sie ist schlank und groß gewachsen, trägt ihr Haar in einem Afro und nickt ihm zu. Dass sie zurückgenommen, aber nicht verbissen ist, sind zwei der Dinge, die er an ihr mag.

»Was für ein Chaos«, eröffnet Frank das Gespräch.

Die Kollegin reagiert kaum, schaut bloß wie in Trance die Leichen an, die sich um sie aufreihen.

»Wird ungemütlich werden.«

»Ne große Sache«, erwidert Mobido in ihrem rauchigen Alt.

»Wenn wir sie aufklären.«

»Du meinst eher ein Schleudersitz?« Die Kollegin reißt ihren Blick von den Toten los.

»Habt ihr denn schon was?«

»Leider nicht wirklich. Außer schreckliche Bauchschmerzen mit der Sache.«

»Tecker und Dierksen machen hier weiter. Du wirst woanders gebraucht. Fallanalyse«

»Aber das kannst du nicht…«

»Tut mir leid, Mobido. Du weißt, wie das läuft.«

Weiß sie das? Oder ist sie gerade dabei das zu lernen?

Sein Mobilgerät summt.

»Wir reden später.«

Der Polizeipräsident versucht schon seit halb sieben, ihn zu erreichen. Er wird jetzt drangehen müssen. Ihm erklären, wie es hier aussieht. Es ist Franks Job, diese Art Geschichten auszugraben und ans Tageslicht zu bringen. Das ändert nichts daran, dass ihm in diesem Zelt hier speiübel wird.

Das Handy summt erneut.

Er nickt der Kollegin zu und ist froh, an die frische Luft gehen zu können. Dann muss er nach Potsdam. Einen alten Freund abholen, mit dem er zufällig auch verwandt ist.

Jan

Potsdam Babelsberg

14:32

Jan steht vor dem Haus und schaut über die dunstige Straße, wie in ein Aquarium. Weit und breit kein Geräusch. Villengegenden sind oft gottverlassen.

Er saugt Luft in seine Lungen und ist froh, wieder draußen zu sein, wenn auch der Tee seinen Magen zum Glühen bringt. Wahrscheinlich ein Pilzgemisch vom Oberschamanen persönlich.

Familie Roth scheint Besonderheiten zu haben. Aus Arno wird Jan nicht schlau. Ein kritischer Geist will er sein. Nicht unhinterfragt mitlaufen, bei Big Daddy und seinem Business. Stattdessen schätzt er Andersdenken. Aber: er ist nervös. Etwas zu nervös, für einen Millionenerben mit Schriftsteller-Allüren. Und dann kommt auch noch Griesgram-Gerald um die Ecke, sein Bruder, der wie ein Fuchs ihren Bau bewacht. Obwohl er doch in der Stadt wohnt? Und wo ist der dritte Bruder von dem Foto geblieben? Arno sprach ständig, als wären sie bloß zu zweit. Für Jan wirkt es so, als würde in dieser Familie über Vieles überhaupt nicht gesprochen. Doch es spielt keine Rolle. Weder die Villa, noch Roths Bruder Gerald, werden am morgigen Tag dabei sein. Jan wird noch heute den Veranstaltungsort besuchen und morgen seine Sig P320 mitnehmen, die er samt Genehmigung, Waffenschein, Waffenbesitzkarte, zwei Magazinen und Munition aus Frankfurt im Koffer mitgebracht hat. Er wird sie in seinen alten Schulterhalfter stecken, er wird Roth abholen und ihn zu der Lesung begleiten, die mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,9 Prozent störungsfrei ablaufen wird.

Und dann fährt er zurück nach Haus.

»Kann ich dich mitnehmen?«

Auf der anderen Seite hat ein Wagen geparkt.

Jan muss nicht näher hinsehen, um zu wissen, wer ihm hier auflauert.

»Echt jetzt? Was willst du von mir, Frank?«

»Wie es mir geht? Sehr gut. Danke der Nachfrage. Und dir? Geht es dir auch gut? Wie nett das du mich hier abholst«, souffliert sein glatzköpfiger Onkel durch das geöffnete Wagenfenster. Er hat eine neue Metallbrille.

»Potsdam – Berlin. Keine große Distanz. Das hätte mir früher auffallen müssen. Lass mich raten. Du hast mit Bernhard gesprochen, nachdem du mich angerufen hast.«

»Er meinte, du wärst vielleicht in der Gegend. Eine gute Chance, dich zu sehen. Sei kein Spielverderber und fahr mit mir was essen.«

Jan seufzt, überquert die Straße und steigt in den gepflegten Mercedes Cabrio seines Onkels. Frank gibt sofort Gas, und sie lassen das Villenviertel hinter sich.

Der Wagen versprüht Westberlin-Charme. Sein Onkel in rosa Hemd und Sakko, ist wie immer gut gelaunt und gebräunt, aber auch gealtert. Seinen markanten Schädel hatte Jan nicht wie Hartgummi in Erinnerung.

»Mein Neffe zu Besuch in der Hauptstadt. Was für eine Ehre!«

Jan hat nicht vor, sich einwickeln zu lassen.

»Wie geht es dir, Frank? Du siehst etwas anaerob aus.«

»Ansehnlich wolltest du sagen.«

»Jeden Tag direkt von der Arbeit in die Kneipe. Das muss ein Leben sein…«

Anstatt zu antworten, schleudert Frank ihn beim Abbiegen gegen die Fahrertür, erreicht die Schnellstraße, gibt noch einmal begeistert Gas und macht Musik an. Bläser und Bässe ertönen. Angenehm Old-School. Jan muss zugeben, dass es ihm guttut. Erinnert ihn an die Platten, die sein Vater früher immer gehört hat, als er noch ein Kind war. An langen Nachmittagen, an denen niemand im Haus war, hatte er die psychodelisch-bunten Cover intensiv studiert. Wäre es ihm lieber gewesen, wenn sein Vater mehr da gewesen wäre? Leider gibt es eine Menge Gründe, diese Frage nicht mit „Ja“ zu beantworten.

»Du bist ja ganz versunken«, sagt Frank, nachdem sie eine Weile gefahren sind. »Was tut sich in Frankfurt?«

»Nichts« sagt Jan. »Was macht Berlin?«

»Beim LKA wird es immer schlimmer. Die Bürokratie wächst und wächst, aber Nachwuchs ist nicht in Sicht.«

»Sodom und Gomorrha. Waren das nicht deine Worte?«

»Das kann schon sein.«

»Ich meine bloß, weil die Lokalzeitungen bereits schreiben, euer Sündenpfuhl wird jetzt endlich bestraft. Du weißt schon: Käfer, Blutregen, Leichenteile…«

»Es tut mir leid, aber darüber kann ich nicht lachen. Insgesamt vier Tote haben sie inzwischen rausgefischt. Und die Suche läuft noch.«

»Ganz schön eklig.«

»Ganz schön irre, wenn du mich fragst.«

»Hast du eigentlich eine neue Brille?« Jan möchte dringend das Thema wechseln.

»Oh, sie gefällt dir?«, grinst sein Onkel.

»Es geht so«, meint Jan. Frank katapultiert sich eine Hand voll Kaudragees in den Mund.

»Du hörst immer noch auf zu rauchen?«

»Solange ich im Dienst bin.«

---ENDE DER LESEPROBE---