Spiel des Lebens - Veit Etzold - E-Book

Spiel des Lebens E-Book

Veit Etzold

4,5
7,99 €

Beschreibung

Willkommen im Spiel des Lebens, Emily. Du hast die Wahl. Sieg oder Tod, liest Emily völlig fassungslos auf dem zerknüllten Zettel in ihrer Hand, und damit geht der Horror los. Ein Psychopath jagt sie durch ganz London und stellt sie vor unbegreifliche Rätsel. Falls sie diese nicht in der vorgegebenen Zeit löst, gibt es einen Toten. Der Killer treibt Emily an den Rand des Wahnsinns. Wer ist dieser Irre? Und warum hat er ausgerechnet sie für sein mörderisches Spiel ausgewählt?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 384




Inhalt

Titel

Zitat

Prolog

13 Jahre später

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Epilog

Über den Autor

Impressum

Veit Etzold

SPIELDESLEBENS

Hell is a city much like London.

Percy Bysshe Shelley

Prolog

10. September 1998

Das schwarze Auto bewegte sich in etwa fünfzig Meter Entfernung hinter dem Jungen her. Langsam kroch es näher, während die gespiegelten Scheiben der Limousine die vom Herbst gefärbten Bäume reflektierten. Hätte man das Auto direkt von vorne gesehen, so hätte man nicht geglaubt, dass es sich überhaupt bewegte. Es sah eher aus, als würde es auf seinen vier riesigen Reifen schlafen wie ein großer, schwarzer Käfer.

Doch es schlief nicht. Es kroch langsam näher, näher und näher, nicht schneller, aber auch nicht langsamer als der Junge, der in fünfzig Meter Entfernung vor dem kauernden schwarzen Monstrum lief.

Für den Jungen war es heute ein besonderer Tag, denn es war sein Geburtstag. Die anderen Kinder in der Schule, die ihn ärgern wollten, sagten ihm immer, dass er doch eigentlich an einem ganz anderen Tag Geburtstag hätte. Doch er beachtete sie nicht. Was wussten sie denn schon?

Er dachte an Geschenke, er dachte an Luftballons, und er dachte an eine Geburtstagstorte.

Seine Schritte wurden schneller, als er in die Straße einbog, in der sein Elternhaus stand. Der frische Wind des Spätsommers, der schon eine Spur des kühlen Herbstwindes mit sich trug, wehte ihm die Haare ins Gesicht. Sein Blick folgte den Blättern, von denen ein paar bereits zu Boden fielen, schweifte über die klassizistischen Fassaden des noblen Londoner Viertels, die Stein- und Marmorfassaden im Stile des 18. Jahrhunderts, die gepflegten Gärten und hohen gusseisernen Zäune. Wie oft war er diesen Weg zurückgegangen, hatte die Schönheit der Häuser bewundert, die knorrige Wildheit der Bäume und die hügelige Straße, die das Viertel von Ost nach West durchmaß. In etwa zweihundert Meter Entfernung sah er bereits die hohe Kuppel seines Elternhauses, die sich im frühherbstlichen Nachmittagshimmel wie ein Leuchtturm in blauer See abzeichnete.

Langsam, ganz langsam, hatte der Wagen die Geschwindigkeit erhöht. Der Motor, kaum zu hören, summte gleichzeitig lauernd und geduldig wie ein Insekt, das in der Luft schwebte, doch innerhalb von einer Sekunde herabstoßen konnte, um sein Opfer zu fangen, tot oder lebendig.

Der Junge reckte den Hals, um die Kuppel besser im Blick behalten zu können. Er hatte dieses Spiel oft gespielt, die Kuppel betrachtet, während er sich dem Haus genähert und nur aus den Augenwinkeln wahrgenommen hatte, wie die Nachbarhäuser und Gärten langsam an ihm vorbeizogen. Es war der Anblick der Kuppel, die seinen Blick gebannt hielt und ihn nach Hause führte.

Der Wagen kroch näher. Dreißig Meter. Zwanzig Meter. Zehn Meter.

Ein Vogel flog über die Kuppel, der Blick des Jungen heftete sich an ihn, eine Schwalbe, die von links nach rechts durch das spätsommerliche Panorama flog. Seine Augen folgten ihr, bis sie verschwunden war.

Dann ging plötzlich alles ganz schnell.

Zwei der Türen öffneten sich, die Beifahrertür und die Tür rechts hinten schnappten auf wie zwei hungrige Mäuler. Ein Mann wurde von dem Wagen ausgespuckt, sprang hinaus, die Augen hinter einer dunklen Brille. An den Füßen leichte Schuhe aus Segeltuch, deren Schritte man kaum hören konnte.

Er klemmte den Jungen unter den Arm und warf ihn in den hinteren Teil des Wagens, wo zwei Hände sich schon nach ihm ausstreckten und nach der Tür griffen. Im selben Moment wurde auch der Mann von dem schwarzen Auto wieder verschluckt. Beide Türen fielen mit einem leisen, fauchenden Knall zu, während der Wagen, der eben noch mit bedrohlicher Langsamkeit durch das Viertel geglitten war, beschleunigte und zügig aus dem Viertel herausfuhr. Vorbei an den gusseisernen Zäunen, den rosenbekränzten Hecken, den alten Herrenhäusern und der Kuppel der elterlichen Villa.

Der Junge schrie, er schrie so laut er konnte, doch die, die ihn hören konnten, lachten nur. Sie wussten, dass dort drüben in der Kuppelvilla jede Spur seines Lebens bereits ausgelöscht worden war. Ein Leben, das ihm niemals gehört hatte.

13 JAHRE SPÄTER

1

TAG 1: 1. September 2011

Es sollte eine besondere Nacht für Emily Waters sein. Die erste Nacht im Studentenwohnheim. Morgen früh würde das Semester am King’s College London und damit ein neuer Lebensabschnitt beginnen. Englische Sprache und Literatur. Ihr Vater hatte ein paar Bemerkungen in puncto brotlose Kunst gemacht, wusste aber auch genau, dass man als King’s-College-Absolvent eigentlich überall einen Job bekam. Zur Not würde Emily zusätzlich noch einen Abschluss in Finanzmanagement machen, wobei sie den Knochenjob ihres Vaters, der in der City of London arbeitete, nicht unbedingt nachahmenswert fand.

»Man sagt, dass die Studentenjahre die besten des Lebens sind«, hatte Pete, der Leiter der Studentenvereinigung vom King’s College letzte Woche auf einer Vorab-Info-Veranstaltung verkündet, ein hagerer Rotschopf, der ein blaues T-Shirt mit Aufschrift der Elite-Universität trug. Auf der Veranstaltung hatte er den neuen Studenten die Dienste der Studentenvereinigung erläutert. Einer dieser Dienste war eine eigene Disco, die auf dem Campus betrieben wurde, nämlich der Tutu’s Nightclub, benannt nach Desmond Tutu, dem früheren Erzbischof von Südafrika und ebenfalls ein Absolvent des King’s College. Dieser Club genoss sowohl bei Studenten als auch bei Externen Kultstatus, schon allein aufgrund der niedrigen Getränkepreise und der häufigen, exzessiven Partys. »Man sagt, dass die Studentenjahre die besten des Lebens sind«, hatte Pete also verkündet und an seinem T-Shirt herumgezupft. »Seht zu, dass es auch so sein wird.«

Vielleicht war es wirklich das Neue und das Ungewisse, das Emily nicht schlafen ließ. Noch gestern hatte ihre Mutter die letzten Sachen aus ihrem Zimmer vorbeigebracht: den alten Sessel, die kleine Palme und den Schreibtischstuhl. Als sie sich am Abend von ihr verabschiedet hatte, war ihre Muter den Tränen nahe gewesen. Ein wenig tat sie so, als würde ihre Tochter nach Schanghai ziehen, anstatt nur in einen anderen Stadtteil von London.

»Mum, ich bin doch nicht auf dem Mond«, hatte Emily gesagt, »sondern nur eine halbe Stunde von euch entfernt.« Ihre Mutter hatte genickt und gelächelt, aber am liebsten, das wusste Emily, hätte sie sich vor der Tür des Wohnheims zusammengerollt, um auf ihr Baby aufzupassen.

Das hatte sie ihr Leben lang getan. Auf Emily aufgepasst. »Pat, lass ihr die Luft zum Atmen«, hatte ihr Dad oft zu ihrer Mum gesagt. Aber geholfen hatte es nicht wirklich.

Der einzige Trost für ihre Mutter war Julia, eine gute Freundin von Emily, die mit ihr zusammen zur Schule gegangen war und auch am King’s College studierte. Sie wohnte im selben Wohnheim – und sie hatte letztendlich den Ausschlag gegeben, dass ihre Mutter Emily überhaupt hatte gehen lassen.

Emily drehte sich auf die andere Seite. Das Laken ihres Betts fühlte sich ungewohnt rau an, und ihr kam der Gedanke, dass sie sich jetzt, in der Stille des alten Wohnheims nahe der Westminster Bridge, wo sich, auf der anderen Seite der Themse, die neugotische Fassade des Britischen Parlaments im Mondlicht erhob, doch ein wenig so fühlte wie auf einem anderen Planeten.

Sie vermisste Drake, ihren vier Jahre alten Yorkshire Terrier, der normalerweise zusammengerollt auf dem Sessel in ihrem Zimmer schlief und für den sie künftig sehr viel weniger Zeit haben würde.

Julia war tatsächlich die einzige Konstante aus ihrem alten Leben. Ihre Freundin würde genauso wie sie Englisch studieren. Julia war ein großer Fan von dem Fußballklub Manchester United und benahm sich, wenn es um ihre Lieblingsmannschaft ging, fast wie ein Kerl. Mit einem Kerl verwechseln konnte man die zierliche Julia mit den halblangen braunen Haaren und den großen, ebenso braunen Augen allerdings nicht.

Sie hatte, wie es ihrer Art war, binnen Stunden mit Gott und der Welt in diesem Wohnheim Freundschaft geschlossen und Emily, die da weitaus schüchterner war, tausend Leuten vorgestellt. Einer von ihnen war Ryan, er studierte Psychologie und Englisch im Nebenfach und kam aus Dublin, was bei einigen Mitbewohnern amüsierte Verwunderung ausgelöst hatte.

»Ein Ire wagt sich ins Herz der Finsternis?«, hatte Julia gesagt, an den Kordeln ihres Kapuzenpullis gezogen, den natürlich ein Manchester-United-Logo schmückte, und Ryan zugezwinkert. Dass Engländer und Iren nicht immer die besten Freunde gewesen waren, war kein Geheimnis, und das King’s College, gegründet von King George IV höchstpersönlich, könnte für einen patriotischen Iren durchaus als Kaderschmiede des Britischen Empires und damit als Herz der Finsternis gelten.

»Ich bin hier wegen der James-Joyce-Seminare«, hatte Ryan geantwortet. »Und Joyce war genau wie ich Dubliner.« Dann hatte er Emily angeblickt, und sie hatte in seine dunklen Augen geschaut, die von kurzen schwarzen Haaren umrahmt waren, und irgendwie hatte sie ihn gleich gemocht.

»Und weswegen bist du hier?«, hatte er sie gefragt.

»Ich?«, hatte Emily erwidert. »Mich interessiert eigentlich alles.« Was irgendwie lahm klang. Aber es stimmte. Und war auf jeden Fall die bessere Antwort, als wenn sie die Wahrheit gesagt hätte. Dass sie alles studiert hätte, einfach nur, um endlich von zu Hause wegzukommen.

Scheinwerfer der Autos, die draußen auf der Straße fuhren, ließen Schatten an der Wand ihres Zimmers tanzen.

»Denk dran«, hatte ihre Mum gestern Abend gesagt, »das, wovon du in der ersten Nacht träumst, geht in Erfüllung.«

Doch von Träumen konnte bisher nicht die Rede sein. Denn anstatt zu schlafen und Kraft zu sammeln für den morgigen Tag, der lang werden würde, wälzte sie sich von einer Seite auf die andere.

Es war keine Seltenheit, dass Emily nicht einschlafen konnte. Denn im Schlaf suchten sie nur zu oft diese Bilder heim, und sie waren nicht immer erfreulich, obwohl sie sich meistens gar nicht daran erinnern konnte, was sie genau gesehen hatte. Sie hatte sich eine Zeit lang angewöhnt, das, wovon sie geträumt hatte, aufzuschreiben, doch irgendwann hatte sie wieder damit aufgehört. Vielleicht war es besser, wach zu bleiben, dann würden die Bilder auch nicht kommen.

Ihr Blick glitt über den Schreibtisch in ihrem Studentenzimmer, die Fotos auf dem Regal, den Laptop nebst Tasche auf dem Sessel am Fenster. Auf dem Schreibtisch die Stundenpläne, die Bücher und Mappen für die nächsten Monate. Plötzlich flackerten andere Bilder vor ihrem inneren Auge auf.

Sterne erschienen, ein Himmel aus Sternen, die unnatürlich groß und leuchtend auf sie herabblickten. Kamen diese Sterne näher? Sie wusste es nicht, sie hatte nur den Eindruck, dass die Sterne ihr drohten und sich zu ihr nach unten beugten. Mit einem Mal verschmolzen all die Sterne zu zwei großen Sternen, die plötzlich direkt vor ihr waren, sie anblickten. Dann war da ein Mund, der Worte formte. »Wie groß du geworden bist«, sagte der Mund.

Emily fuhr hoch, merkte, wie ihr das rotblonde Haar an der schweißnassen Stirn klebte. Sie atmete rasselnd und schaltete das Licht an.

Das Zimmer war leer.

Natürlich war es leer. Sie hatte geträumt. Das waren nur die Bilder – und sie hatte sie einmal mehr nicht aufhalten können.

Ihr Blick wanderte durch den Raum und blieb am Fenster hängen. Es stand offen, die Gardinen wehten im Nachtwind ins Zimmer hinein. Sie musste unweigerlich ans Schultheater denken, wo sie damals eine Gespenstergeschichte aufgeführt hatten. Doch damals hatte sie gelacht. Jetzt nicht. Hatte sie das Fenster vorhin aufgemacht? Sie hatte es doch nur gekippt, oder nicht?

Ach, Unsinn! Sie schüttelte den Kopf, um sich selbst zu beruhigen. Das wurde ja immer besser. Kaum war sie von zu Hause weg, schon sah sie Gespenster. Fehlte nur noch, dass sie mit fliegenden Fahnen heim zu Mummy lief!

Entschlossen stand sie auf und schloss das Fenster.

Dann ging sie hinüber zum Spiegel, der über dem Waschbecken in dem kleinen Studentenzimmer hing. Sah ihre blaugrünen Augen, die schon damals, als sie ein Kind war, die Leute in ihren Bann ziehen konnten, sah die rotblonden Haare, die ihr Gesicht umrahmten, sah die vollen Lippen, die sie manchmal zusammenkniff, wie jetzt in diesem Moment, was ihr einen Ausdruck unnachgiebiger Bestimmtheit gab. Sie sah den hellen, leicht keltischen Teint, der ihr jetzt, wo der Schrecken die Farbe aus ihrem Gesicht gezogen hatte und das bläuliche Licht des Mondes und der Straßenbeleuchtung dem Zimmer einen kalten Farbstich gab, viel heller und gespenstischer als sonst erschien.

So stand sie lange da.

Irgendwann erwachte sie aus ihrer Erstarrung, schaltete das Licht aus, legte sich zurück ins Bett und fiel schließlich in einen unruhigen Schlaf.

2

Das Fenster war im zweiten Stock gewesen, also nicht allzu hoch. Er konnte sich ganz einfach vom Dach des Fitnessstudios, das zum Wohnheim dazugehörte, an der Fensterbank nach oben ziehen. Er hatte sie wieder gesehen, so wie damals. Wie groß sie geworden war! Und wie schön! Er hatte ihr Haar gestreichelt und ihren Namen gesagt. Es tat nicht mehr so weh wie früher, wenn er ihren Namen aussprach, und er konnte sie jetzt auch anblicken, ohne dass die Erinnerungen von damals wie Glassplitter in seine Seele stachen.

Er schaute nach oben zum Fenster, drückte sich an die Wand, damit er von oben nicht gesehen werden konnte. Einzig der Stein in seinem Siegelring blitzte kurz im Mondlicht auf.

Dann sah er sie, sah, wie sie aus dem Fenster guckte, ihren Blick nach rechts und links und irgendwo in die Ferne schweifen ließ, dann den Vorhang zuzog und das Fenster schloss.

Sie war verschwunden. Wie ein Geist. Oder wie ein Engel. Er blieb einen Moment dort unten stehen, an der Mauer, während vereinzelt Autos und Lastwagen mit gelblichen Scheinwerfern die nächtliche Straße entlangfuhren, und ein kühler Wind von der Themse her über sein Haar strich.

Er würde sie wiedersehen.

Sehr bald.

Er würde sie immer wiederfinden.

Und irgendwann würde er sie töten.

3

Mind the gap!

Die monotone Aufforderung, auf die Kante zwischen Schienen und Bahnsteig zu achten, hatte wohl jeder in London, der die älteste und größte U-Bahn der Welt benutzte, schon gehört, und auch Emily, Julia und Ryan empfing diese blecherne Meldung, als sie die riesige U-Bahn-Station Westminster betraten. Sie waren vom Wohnheim aus über die Westminster Bridge gelaufen und hatten zu ihrer Rechten das London Eye, das gigantische Riesenrad gesehen, das bei seinem Aufstellen im Jahr 1999 beinahe in die Themse gefallen wäre. Grauweiße Wolken waren draußen über den Himmel gezogen wie zerknüllte Bettlaken, und die ersten Schirmverkäufer hatten schon am Ausgang der Westminster-Station Quartier bezogen und hofften nun auf die ersten Regentropfen.

Mind the gap.

Donnerstagmorgen, acht Uhr. Männer und Frauen in Business-Kostümen, Arbeiter, Studenten, Freiberufler und viele, die man keiner Kategorie zuordnen konnte, strömten in unendlichen Scharen in die Station und aus der Station hinaus. Gigantische Rolltreppen schraubten sich bis zu vierzig Meter in die technisierte Unterwelt von London hinunter.

»Ist die Circle Line immer noch gesperrt?«, fragte Emily seufzend.

Ryan nickte. »Irgendwie sind die Schienen da wohl im Arsch, ich frag mich, wann die endlich mal damit fertig sind.« Er schaute sich um. »Aber wir können auch die District Line nehmen und dann Temple raus, zwei Stufen nach oben, und dann sind wir schon fast da.«

»Kennst dich ja gut aus in London«, bemerkte Julia, die heute eine Manchester-United-Schirmmütze trug. »Jedenfalls für einen Iren.«

Ryan schüttelte in scheinbarer Pikiertheit den Kopf und zog Julia die Schirmmütze über die Stirn. »Die Mütze nimmst du ja wohl gleich ab?«, fragte er. »Am King’s wird die Elite des Landes ausgebildet, Fußball-Prolls sind da nicht erwünscht.«

Julia streckte ihm die Zunge heraus.

Mind the gap.

In Emilys Kopf hallten ihre eigenen Gedanken fast ebenso blechern wider wie der plärrende Duktus der gebetsmühlenhaft wiederholten Lautsprecherdurchsage. Viel geschlafen hatte sie nicht, und wenn sich in der ersten Nacht in einer neuen Wohnung tatsächlich das erfüllen würde, von dem man träumt, dann hatte sie mit beängstigender Treffsicherheit in dieser Nacht genau das Falsche geträumt.

Was war da noch gewesen? Die Sterne? Die Augen? Das Fenster? Ein Mund?

Es gab für Emily keinen einsameren Moment als irgendwann im tiefsten Dunkel der Nacht zwischen drei und vier Uhr morgens wach zu liegen. Aber hier in dem Gewühl der U-Bahn sollte die Einsamkeit der Nacht doch in weite Ferne gerückt sein, und so schob sie die düsteren Gedanken beiseite. Sie war unter Freunden, und heute – endlich! – fing ihr neues Leben an. Und das leichte Brummen in ihrem Schädel und das Brennen in den Augen, die beide an den Schlafmangel der letzten Nacht erinnerten, würden sie ja wohl kaum daran hindern, jeden Moment davon zu genießen.

Die District Line hielt mit kreischenden Rädern vor ihnen, und alle drei stiegen ein und ließen sich auf die Sitze plumpsen.

Julia zog einen Plan aus ihrem Rucksack. »Also«, sagte sie, »um neun Uhr geht es los mit der Campus-Führung. Dann noch eine Ansprache des Dekans, danach stellt sich die Chaplancy vor …«

»Die was?«, fragte Ryan.

Emily hörte den beiden mit einem Ohr zu, mit dem anderen Ohr zwei Jungen, die sich neben ihr unterhielten.

»Die haben im King’s College sogar eine eigene Kirche«, sagte Julia.

»Die haben eine eigene Kirche?« Ryan hob die Augenbrauen.

Julia nickte. »Hier steht, dass das erste College der University of London im Jahre 1826 das University College London war. Es sollte einen liberalen Gegenpol zur Dominanz von Oxford und Cambridge bilden.«

»Und was hat das mit der Kirche zu tun?«

»Na ja, als konservativen Gegenpol hat dann der König von England mit ein paar anderen Würdenträgern 1829 das King’s College gegründet. Und da die anglikanische Kirche ihre Finger im Spiel hatte, gibt es auch eine Kapelle.«

»Und da bin ich jetzt gelandet? Als katholischer Ire?« Ryan schüttelte den Kopf.

»Hab’s ja gesagt«, sagte Julia, »für einen Iren sehr gewagt. Aber du kannst bestimmt in der Kapelle zur anglikanischen Kirche konvertieren.«

»Mit Sicherheit nicht.« Ryan schüttelte noch mal den Kopf. »Mein Großvater sagt, dass Henry VIII sich damals nur vom Papst losgesagt hat, damit er ständig neu heiraten konnte.«

»Und seine Exfrauen umbringen«, ergänzte Julia.

»Spart den Unterhalt«, sagte Ryan.

Emily hörte den beiden zwar zu, aber irgendwie gelang es ihr nicht so recht, sich an dem Gespräch zu beteiligen. Die beiden Jungen, die sich neben ihr unterhalten hatten, stiegen bei Embankment aus, während die Bahn sich fauchend weiter Richtung Osten schob.

Bei der Station Temple verließen die drei den Wagen, und ein letztes Mind the gap quakte ihnen hinterher. Der Himmel hatte sich weiter zugezogen, ein Obdachloser stand auf den Treppen zur Hauptstraße und verkaufte die Big Issue. »Big Issue«, rief er mit rauer Stimme. »Die Ausgabe von heute. Big Issue!«

»Habt ihr eigentlich schon gefrühstückt?«, fragte Emily. Sie hatte auf dem Zimmer eine Banane gegessen, aber sonst noch nichts runtergekriegt. Ryan sah auf die Uhr.

»Wir haben noch mehr als eine halbe Stunde«, sagte er. »Lass uns doch im dritten Stock vom King’s ins Deli gehen. Da gibt’s Frühstück.«

»Im Wohnheim kann man auch frühstücken«, sagte Julia.

»Habe ich schon gesehen heute Morgen. Würstchen, Bohnen und Eier, so typisch britisch«, erwiderte Ryan. »Wenn wir da jeden Tag essen, können wir Weihnachten nach Hause rollen.«

»Was frühstückt ihr denn so in Irland?«, fragte Julia. »Wahrscheinlich nur Guinness als Flüssignahrung?«

»So ist es«, sagte Ryan. »Morgens Kilkenny, abends Guinness.«

Die drei bogen um die nächste Ecke und betraten das King’s College durch das große Eingangsportal. Eine Statue des Duke of Wellington auf einem Pferd begrüßte sie. Und als Emily sah, wie der Duke auf dem steinernen Pferd saß, spürte auch sie etwas von der Abenteuerlust und dem Tatendrang, den der Bildhauer hier für immer in Stein verewigt hatte, und sie wünschte sich, dass dieser Wagemut auch ein wenig auf sie überspringen möge, sie, die einerseits aufgeregt, aber auch ein wenig ängstlich in einen neuen Lebensabschnitt glitt, den das Eingangstor des King’s College mehr als symbolisch für sie versinnbildlichte. So waren ihre Gedanken von einer gespannten Neugier erfüllt, während sie die hohe Eingangshalle mit den klassizistischen Säulen passierten und an der Schwelle zu all diesem neuen die blecherne Durchsage der U-Bahn noch einmal in ihrem Kopf widerhallte: Mind the gap!

An der Stirnseite der Eingangshalle war die Gründungsurkunde des College in Stein gemeißelt, und über dem Portal strahlte ihnen auf einem Wappen das Motto dieser Institution entgegen, das Auskunft über den geistigen und geistlichen Ursprung des King’s College gab: Sancte et sapienter – Heiligkeit und Weisheit.

Sie wechselte einen Blick mit Julia. »Wir sind wirklich da«, sagte sie leise.

Julia nickte. »Oh ja, das sind wir!«, erwiderte sie feierlich.

4

Als Emily zur Mittagszeit mit Julia durch einen der langen Korridore Richtung Mensa ging, schwirrte ihr der Kopf. Sicher, sie hatte vorher schon viel über das College gelesen und gehört, es hatte auch einige Einführungsveranstaltungen im letzten Frühjahr gegeben, aber das hier war doch etwas anderes. Professor William Kenny, der Dekan der Englischen Fakultät, hatte in seiner Eingangsrede davon gesprochen, dass es eine Ehre und eine große Verantwortung sei, an einer so ehrwürdigen Institution wie dem King’s College zu studieren, an dem so viel über Shakespeare geforscht wurde, dem »kleinen Bruder Gottes«, wie er ihn nannte, wie an keiner anderen Universität weltweit, mit Ausnahme vielleicht von Oxford. Er hatte die berühmte Geschichte des College in allen Details wiederholt, und irgendwann hatte Emily abgeschaltet.

Sie mochte solche bedeutungsschwangeren Reden nicht. Einerseits erfüllte es sie mit Stolz, hier zu studieren, die große Tradition zu atmen, und das nur aufgrund ihrer schulischen Leistungen und nicht aufgrund irgendwelcher Verbindungen ihrer Eltern. Doch andererseits wollte sie sich lieber ihr eigenes Bild verschaffen, wollte sich einmal nicht vorschreiben lassen, mit welcher Linse und nach welchem Protokoll sie was zu betrachten hätte. Zu sehr erinnerte sie der steife und gravitätische Duktus des Dekans an all die Banker, Mitglieder des Parlaments und Barone und Grafen, die ihre Eltern im Sommer immer zu Kricketturnieren vor den Toren Londons oder zu Cocktailempfängen eingeladen hatten; im Sommer auf die große Terrasse und im Winter unter die riesige Glaskuppel der elterlichen Villa.

»Hey, Em, du träumst mal wieder! Wir müssen hier lang.« Julia lachte und zog ihre Freundin im Gewühl der Studenten eine Treppenflucht nach oben. Draußen trommelte der Regen gegen die Scheiben. Der Typ von der Studentenvereinigung mit dem blauen T-Shirt, der letzte Woche die Rede gehalten hatte, kam ihnen entgegen und nickte ihnen freundlich zu. »Alles klar bei euch? Geht’s euch gut?«, fragte er im Vorbeigehen.

»Sogar die Iren fühlen sich hier wohl«, antwortete Julia, und Emily musste grinsen, als sie an Ryan dachte.

»Das ist mehr, als ich zu hoffen wagte«, sagte der ältere Student, grinste zurück und war schon wieder weg.

»Frau Reiseleiterin«, sagte Emily und meinte Julia, »was steht denn nach dem Mittagessen an?«

Julia fingerte im Gehen den Plan aus ihrer Tasche. »Da treffen wir unseren persönlichen Tutor«, sagte sie. »Er ist sozusagen bis zum Abschluss unser persönlicher Ratgeber und hilft uns, so gut er kann. Wir müssen ihm dann nachher den ausgefüllten Zettel geben und besprechen, was wir genau belegen und wann.«

Emily, die die Frage gar nicht so ernst genommen hatte, horchte auf. »Welchen Zettel?« fragte sie. »Was meinst du damit?«

»Na, der Zettel, der in unseren Postfächern lag«, sagte Julia, »Ich dachte, du wärst vorhin auch dort gewesen.«

Emily schüttelte den Kopf.

Julia drehte sich um und deutete den Flur entlang. »Zweiter Stock, Hauptgebäude, wo wir vorhin auch die Rede gehört haben.«

Emily nickte und ärgerte sich ein wenig über ihre Nachlässigkeit. »Pass auf«, begann sie, »ich hole die Sachen und komme dann in die Mensa nach. Okay? Hältst du mir einen Platz frei?«

»Brauch ich nicht«, sagte Julia.

Emily zog die Augenbraue hoch. »Ach nein?«

Julia grinste. »Das übernimmt bestimmt schon Ryan. Unser Ire scheint Gefallen an dir gefunden zu haben. Und da hab ich mir erlaubt, uns zum Mittagessen mit ihm zu verabreden.«

»Alte Kupplerin! Ist doch immer dasselbe mit dir!« Emily drehte sich lachend um und ging gegen den Strom, der Richtung Mensa strebte, zurück ins Hauptgebäude.

Im Laufen überprüfte sie ihr iPhone. Eine SMS. Von ihrer Mutter. »Na, wie ist der erste Tag? Wenn du Zeit hast, ruf mal an oder texte etwas. Deine Mum.« Emily lächelte nachsichtig. Irgendwie war es ja auch süß, wie ihre Mum sich Sorgen machte. Sie würde sie nachher anrufen.

Ihre Mutter, Patricia Waters, war Künstlerin, malte großformatige Bilder, die sie auch dann und wann einmal verkaufte, allerdings nicht so häufig und nicht in so hohen Summen, wie sie es sich erhoffte. Gut leben konnten sie alle trotzdem. Das lag aber eher an dem Job von Thomas Waters, Emilys Vater, der Investmentbanker war und als Manager in der Abteilung für Fusionen und Übernahmen bei der amerikanischen Investmentbank Silverman & Cromwell in London arbeitete. Das europäische Hauptquartier der Bank in der Fleet Street 23 war ganz in der Nähe des King’s College.

»Wenn meine kleine große Tochter dann auch in der City ist, treffen wir uns zum Business-Lunch im Caravaggio. Ansonsten komme ich auch gerne zu euch in die Mensa«, hatte ihr Vater ihr vor einigen Wochen versprochen.

Doch Emily glaubte nicht recht dran. Sie kannte ihren Vater. Sein Job ging vor, das hatten sie und ihre Mutter immer wieder erlebt. Und jetzt, da er verantwortlich war für globale Fusionen und Übernahmen und chinesische Staatsfonds gerade ein riesiges Portfolio an Unternehmen zusammenkauften, war er sowieso ständig in Asien. Schanghai, Peking, Hongkong und manchmal auch Singapur oder Kuala Lumpur.

Er hatte Emily angeboten, nach ihrem Highschool-Abschluss einmal mitzukommen, aber die Flüge nach Asien waren ihr einfach zu lang. Mehr als zehn Stunden in einem engen Flieger eingesperrt zu sein war für sie die Höchststrafe. Schon allein die Vorstellung, dass es keine Möglichkeit gab zu fliehen, wenn die Panik überhandnahm, wenn man raus wollte, aber nicht raus konnte, war nicht anders, als würde sie jemand in den Würgegriff nehmen. Irgendetwas war da in ihrem Inneren, das jede Einengung wie einen namenlosen Schrecken behandelte und ihr Herz mit Panik erfüllte, sobald sich die Wände zu eng um sie zusammenschlossen. Was der Grund allerdings dafür war, wusste sie nicht. Und das machte ihr fast noch mehr Angst.

»Wir machen das mit dem Mittagessen auf Zuruf«, hatte ihr Vater gesagt, »ich melde mich, wenn ich in der City bin und du schaust dann, ob es klappt.«

So ähnlich vereinbarte er wahrscheinlich auch Termine mit seinen Geschäftspartnern. Ein Job, der richtig viel Geld brachte, aber auch zweihundertprozentige Aufmerksamkeit und Zeit erforderte. »Ich hab zwei Wohnsitze«, pflegte ihr Vater oft zu sagen, »der erste ist Notting Hill, der zweite ist British Airways.«

Emily und ihre Mutter hatten sich mit der Zeit damit arrangiert. Was blieb ihnen auch anderes übrig? Aber manches Mal ertappte sich Emily doch bei dem Gedanken, dass es schön gewesen wäre, mit einem Vater aufzuwachsen, der öfter als nur an ein paar Tagen im Monat zu Hause war. Selbst wenn er mal in London war, bekam sie ihn kaum zu Gesicht.

Mittlerweile hatte Emily das Hauptgebäude wieder erreicht und lief die Treppen hinauf. Professor Kenny kam ihr entgegen, einen Haufen Papiere im Arm, und nickte ihr kurz zu. Sie hatte keine Ahnung, wieso er sie erkannte, aber vielleicht nickte er automatisch einfach jedem zu. Wobei er dann vermutlich viel zu tun gehabt hätte. Egal. Sie schaute auf die Uhr.

Sie hatte Hunger und wollte das Mittagessen nicht verpassen. Sie beschleunigte ihren Schritt. Schon sah sie die Postfächer – und dann blieb sie wie angewurzelt stehen.

5

Manchmal gibt es triviale Dinge, die eine Erinnerung bei den Menschen auslösen. Die Erinnerung mag gut sein oder schlecht, in jedem Fall ist sie meist wichtig und hat sich daher mit brennenden Buchstaben in der Seele und dem Gedächtnis der jeweiligen Person eingebrannt.

Das Problem mit einigen von Emilys Erinnerungen war nur: So trivial sie auch waren, sie konnte sie nicht einordnen. Sie waren nur Fetzen von einem Gesamtbild, das sich ihr wieder und wieder entzog. Die Sterne, die Augen, die Wände, die sich auf sie zubewegten, sie waren wie Gespenster, die sofort verschwanden, wenn sie genauer hinschauen wollte.

Einer von diesen Erinnerungen war ein Luftballon.

Und ein Luftballon war mit einem Klebeband genau an Emilys Postfach befestigt.

Es war kein Zufall.

Sie konnte das Schild an dem Postfach erkennen. Emily Waters.

Daneben der Streifen Klebeband, die Schnur und der Luftballon, der die Schnur nach oben zog.

Er muss mit Gas gefüllt sein, dachte Emily automatisch.

Ihr Herz klopfte wieder wie in der Nacht zuvor, als sie glaubte, jemand würde sich über sie beugen und sie anblicken. Hastig zog sie die Mappe mit dem Logo des King’s College darauf aus dem Postfach.

Reiß dich zusammen, dachte sie, was ist denn jetzt an einem Luftballon so schlimm? Bestimmt ist das irgendein dummer Scherz.

Vielleicht hatten Julia und Ryan diesen Blödsinn zusammen ausgeheckt! Es war ihr sowieso komisch vorgekommen, dass Julia allein an den Postfächern gewesen war – sie hatten eigentlich verabredet, dass sie die ersten Tage auf dem Campus zusammen verbringen wollten.

Aber Julia war nun mal die Einzige hier, die von Emilys unerklärlicher Panik vor Luftballons wusste. Schon oft hatte sie sich auf nette Art lustig darüber gemacht. Andererseits: So einen fiesen Scherz würde sie sich nicht erlauben. Oder?

Emilys rationaler Geist, der ihr alarmiertes Unterbewusstsein beruhigen wollte, war nicht wirklich erfolgreich.

Um sich abzulenken, öffnete sie die Mappe, fand einige Stundenpläne, Kursbeschreibungen, ein maschinell unterschriebenes Grußwort des Präsidenten des King’s College, einen persönlich unterschriebenen Brief von Professor Kenny und schließlich den Fragebogen für das Gespräch mit dem Tutor. Sie ließ zunächst den Luftballon hängen, wo er war –sollte sie etwa mit einem Luftballon durch die Gegend laufen? Und wo sollte sie ihn auch sonst hintun? –,entschied sich dann aber, das Klebeband, das die Schnur befestigte, weg von ihrem Namen irgendwo an die Wand zu kleben, so als würde sie das vor irgendeinem bösen Einfluss schützen.

Der Faden ist woanders, aber der Ballon ist immer noch da, meldete sich eine Stimme in ihrem Inneren. Emily versuchte, sie zu ignorieren. Sie drehte sich auf dem Absatz um und schob die Papiere wieder in die Mappe. Doch irgendetwas hakte, so als wäre noch etwas in der Mappe. Sie zog die Papiere wieder heraus und bemerkte ein zerknicktes Foto.

Da war es wieder.

Manchmal waren es gerade die trivialen Dinge, die unheimlich waren.

Das Foto war zerknickt und angerissen. Irgendein Motiv war darauf, doch sie konnte es kaum erkennen, denn jemand hatte das Foto mit schwarzer Farbe übermalt. Sonst war nichts darauf zu sehen. Sie schaute schräg über die Oberfläche und tastete die Farbe ab. Da war irgendetwas. Als wäre etwas darauf geschrieben worden, das man nicht erkennen konnte.

Emily dachte nicht lange nach. Mit wenigen Schritten war sie auf der Toilette, überzeugte sich, dass niemand dort war, und schaltete das Licht aus. Und dann sah sie es – und ihre Erwartungen, oder Befürchtungen, wurden bestätigt. Denn auf das schwarze Foto waren in einer Schrift, die nur im Dunkeln leuchtete, Sterne gemalt, Sterne und Sonnen, die sie wie funkelnde Augen unverwandt anstarrten, wie in ihrem Traum. Und Buchstaben. Wörter.

Und es war der Sinn dieser Worte, die Emily einen erstickten Laut von sich geben ließen, ehe sie in der dunklen Toilette hilflos an der Wand herab auf den Boden rutschte, während in ihren Ohren ein hoher, fiepender Laut ertönte, der nicht aufhören wollte. Ein bitterer Geschmack war in ihrem Mund, als sie die Worte wieder und wieder las, die dort in der Dunkelheit strahlten, hell wie die Sterne und dunkel wie der Tod:

DU HAST MIR MEIN LEBEN GESTOHLEN.

UND ICH HOLE ES MIR ZURÜCK.

6

Er gab die Nummer ein und wartete, bis der Automat die Scheine ausspuckte. Dann kam die Karte. Er steckte sie noch einmal in den Schlitz, wieder die Nummer, wieder kamen Scheine. Und noch einmal. Dreimal musste er den Maximalbetrag abheben, bis er endlich genug hatte.

Er stecke das Geld ein. Der Stein auf seinem Ring blitzte im Licht der Straßenlaternen. Er schaute auf den Abrechnungsbeleg des Geldautomaten.

HSBC, Filiale Old Castle Street, Whitechapel.

In Whitechapel hatte damals Jack the Ripper sein Unwesen getrieben. Manche sagten, er sei ein verrückter Arzt gewesen, andere behaupteten, die Krone habe ihn zu den Massakern beauftragt, um die Zeitungen durch die Mordserie davon abzulenken, dass einer der Thronfolger der Windsors ein unehelicher Sohn war.

Er sah sich um, während er mit schnellen Schritten die Straße entlangmarschierte. Ein weiblicher Junkie tauchte plötzlich neben ihm auf und verlangte Kleingeld. Er gab ihr einen der Scheine. »Kauf dir was zu essen«, sagte er. »Zu essen, okay?«

Er überquerte die Kreuzung und betrat den Club. Abgestandene Luft aus ranzigen Kippen und Alkohol stieg ihm entgegen, getragen von einer dröhnend hämmernden Mischung aus Gothic Metal und Techno. Bleiche Gesichter mit Piercings und Tätowierungen an den Tischen, die irgendwas aus irgendwelchen Bechern tranken oder irgendwas anderes durch andere Wege einnahmen. Ketten mit Pentagrammen und metallene Totenschädel, die an langen Ohrringen hingen.

In der Mitte stand die riesige Bar und hinter der Bar stand Scythe, was so viel wie »Die Sense« hieß. Ihm gehörte der Club, und er konnte sehr ungemütlich werden, wenn man ihn mit einem anderen Namen als »Scythe« ansprach. Sein kahler Schädel war so tätowiert, als würde man das Gehirn darunter sehen, und ein schwarz gefärbter Irokesenkamm ragte aus der Mitte seines Kopfes heraus wie die Klinge einer Axt. Scythe rauchte, sortierte einige Gläser und nickte ihm kurz zu. Seine zwei Meter sieben überragten den gesamten Club.

Er schaute zu Scythe hinauf, gab ihm einen der Scheine und stieg die Treppe hinunter. Vorbei an den penetrant riechenden Toiletten, an denen obszöne Angebote und zweifelhafte Telefonnummern standen, noch eine Treppe hinunter bis zu einer Kellertür.

Er schloss die Tür auf, und ein langer, feuchter Gang öffnete sich, kaum beleuchtet, eine bläuliche Neonlampe flackerte hinter Gittern wie ein Irrlicht. Am Ende des Ganges führte eine Leiter in die Tiefe. Fünf Meter. Er kletterte mit routinierten Bewegungen hinunter. Dahinter ein neuer Korridor. Er ging den Gang weiter, der sich verbreiterte, bis an seiner Seite ein Rinnsal auftauchte, das immer größer und breiter wurde und das einen noch schärferen Geruch ausströmte als die Toiletten von Scythes Club. Irgendetwas platschte in dem Fluss herum. Schwarze Augen schauten aus dem Wasser heraus, schmierige Pfoten patschten über die Oberfläche, Ratten huschten mit zuckenden Bewegungen aus dem Wasser oder ließen sich hineingleiten.

Der Gang wurde breiter, und während er breiter wurde, hob ein grummelndes Getöse an, schwoll an wie Donner, der in den Wolken rauschte, wurde lauter und lauter, bis der Gang vibrierte, die Wasseroberfläche zitterte und die Ratten quiekend untertauchten. Dann war es vorbei, der Spuk war zu Ende – und die District Line hatte, fünf Meter über ihm, von Westen kommend die Station Aldgate East durchfahren.

Seine Finger spielten an dem Ring, als würde er ihn wie einen Talisman in der Dunkelheit beschützen. Nach etwa hundert Metern öffnete sich vor ihm ein riesiges Gewölbe. Tiefe Pfützen mit brackigem Wasser reflektierten das bläuliche Deckenlicht, und abgebrochene Äste und Sträucher ragten aus dem Wasser heraus wie Arme von Ertrinkenden.

Jetzt konnte er sie sehen. Die Bewohner dieser Unterwelt. Die existierten, aber die niemand wahrnahm. Die es gab, und die es doch nicht gab. Die Flaschen sammelten und bettelten, die Mülleimer durchwühlten und morgens mit ihren Decken von den warmen Lüftungsschächten vertrieben wurden, die in den Vorräumen von Banken schliefen und die man beiseiteschob, wenn sie genau vor einem Geldautomaten lagen. Es waren die, die ebenfalls unsichtbar waren, genauso unsichtbar wie die ganz Reichen, die am anderen Ende der Skala standen und die auch niemand sah.

Es waren die, die man in London die »Squatter« oder den »Under City Scum« nannte, und sie hatten hier ihr Quartier bezogen. Eine Frau, die röchelnde Geräusche von sich gab, lag auf einer speckigen Matratze. Er ging zu ihr, gab ihr eine Tüte mit Medikamenten, die er zuvor besorgt hatte. »Wenn es nicht besser wird, gehst du zum Arzt, ich zahle es dir!« Sie nickte dankbar.

Er lief weiter.

Einige Meter entfernt brannte ein Feuer. Drei Männer davor, die Zähne genauso schwarz wie ihre Fingernägel. Irgendetwas briet an einem Spieß über dem Feuer, und erst als er das abgezogene, blutige Fell sah, das am Boden lag, wusste er, dass es Ratten waren. Er gab jedem der drei einige der Scheine. »Kauft euch mal was Vernünftiges«, sagte er, obwohl ihm klar war, dass sie es nicht tun würden.

Einer der beiden mit besonders verfaulten Zähnen lachte, hob eine Flasche mit Gin und prostete ihm zu. Es war klar, was er damit sagen wollte. Essen war nicht das Problem.

Er steckte den Rest des Geldes ein, holte eine Glocke aus der Tasche und läutete. Alle setzten sich aufrecht hin, auch die Frau auf der Matratze erhob sich, die drei am Feuer vergaßen ihre Ratte, aus den Winkeln der Höhle kamen weitere Schatten, die sich gebeugt und humpelnd näherten. Drei Menschen, vier, schließlich ein Dutzend, dann zwanzig, dann dreißig, bis die Höhle voll war.

»Ich möchte, dass ihr euch dieses Bild gut einprägt«, sagte er. Er öffnete einen Koffer, in dem sich ein Laptop und ein Beamer befanden, daneben eine Autobatterie. Er fuhr den Laptop hoch und zog einen Speicherstick aus einer Digitalkamera, den er in den Laptop steckte. Nach einem kurzen Summen erstrahlte der Beamer und warf ein grelles, schneidendes Licht an die zehn Meter entfernte, schimmelige und von pelzigem Moos bewachsene Wand.

Dann war das Foto zu sehen, und es verfehlte seine Wirkung nicht. Es bannte den Blick der von Alkohol und feucht-kalter Kanalluft geröteten Augen und ließ die bläulich schimmernde Höhle in einem Licht erstrahlen, das aus einer anderen Welt kam.

»Ab heute«, sagte er, »werdet ihr sie nicht mehr aus den Augen lassen. Ihr werdet mir sagen, wo sie ist, und was sie tut, vierundzwanzig Stunden am Tag. Ihr werdet euch aufteilen und es genau so tun, wie ich es euch sage.« Er hob die Stimme. »Habt ihr mich verstanden?«

»Haben wir.« Die Stimmen waren undeutlich, verwischt, aber er wusste, dass die Botschaft angekommen war.

Er blickte zu der Wand hinüber und lächelte.

Das Bild zeigte eine junge Frau mit rotblonden Haaren und weit aufgerissenen blaugrünen Augen, Augen, die schon jeden Betrachter in ihren Bann gezogen hatten, selbst die der unterirdischen unheimlichen Horde vor ihm.

Augen, die zu einer jungen Frau gehörten, die vielleicht siebzehn oder achtzehn Jahre alt war.

Es war eine junge Frau, die vor einem Postfach in einem Gang in einem alten Gebäude stand und auf einen Luftballon starrte.

Der Gang gehörte zur Englischen Fakultät des King’s College London.

Und es war das Bild von Emily Waters.

7

TAG 2: 2. September 2011

Es war Freitagvormittag, und Emily saß in einem der kleineren Hörsäle, wo sie versuchte, sich auf ihre Vorlesung zu konzentrieren. Richtig bei der Sache war sie aber nicht. Noch immer musste sie an die seltsame Nachricht von gestern denken. Daran hatte auch nichts geändert, dass Ryan am Abend in der Gemeinschaftsküche im Wohnheim für Julia und Emily gekocht hatte. Es hatte nicht sonderlich gut geschmeckt, aber es war ein sehr netter Abend gewesen. Ryan hatte es geschafft, mit seinen Scherzen die Ereignisse des Tages fast zu verdrängen – bis Emily dann wieder allein im Bett lag und die Erinnerung daran sie mit unbarmherziger Wucht getroffen hatte.

Die Nachricht selbst war schon unheimlich genug gewesen.

Du hast mir mein Leben gestohlen. Und ich hole es mir zurück.

Aber das war nicht alles gewesen. Als sie sich etwas von ihrem Schock erholt hatte, hatte sie die schwarze Farbe in Teilen von dem Bild gekratzt, und was dahinter war, hatte sie fast noch mehr schockiert. Es zeigte die Sternennacht von Vincent van Gogh, dieses seltsame Bild, in dem die Sterne grell wie Sonnen waren, und die Lichter und Sternschnuppen luftschlangengleich am Himmel umherirrten. Sie war zusammengezuckt, als sie die Farbe von dem Bild entfernt hatte, denn das Bild hatte sie noch einmal, wie schon zuvor die Leuchtfarbe, an die zwei Augen erinnert, die sie die Nacht zuvor gesehen hatte. Die zwei Augen, die plötzlich verschwunden waren und eine ratlose Emily zurückgelassen hatten, die nicht mehr wusste, ob sie es gewesen war, die vor dem Einschlafen das Fenster geöffnet hatte, oder … oder jemand anderes.

Irgendetwas regte sich tief in ihr, wenn sie dieses Bild sah, ohne dass sie ergründen konnte, was es war. Wann immer sie es versuchte, verschwand auch der letzte Zipfel, an dem sie die Erinnerung festhalten konnte, wie ein scheues Tier, das sofort flieht, sobald es sich beobachtet fühlt. Sie hatte mit Julia und Ryan über den seltsamen Luftballon und die unheimliche Nachricht in ihrem Postfach gesprochen, und sie hatte wirklich gehofft, dass sich das Ganze als dummer Scherz der beiden entpuppen würde, auch wenn irgendeine Stimme in ihrem Inneren ihr schon gesagt hatte, dass es das nicht war. Julia hatte erst geglaubt, Emily wolle sie auf den Arm nehmen, und Ryan hatte erwidert, dass es gewisse Dinge gab, mit denen man keine Scherze macht – und eine solche Drohung, denn das war es doch, gehörte eindeutig dazu.

Professor Stokes stand an der Tafel und redete über klassische Sagen und deren Einfluss auf die englische Literatur. Richard Stokes kam eigentlich aus Oxford und war Experte für Kunstgeschichte, Dichtung und Literatur der Antike und der Renaissance. Mit seiner goldgeränderten Brille, dem kurz gestutzten grauen Bart, seinem Tweed-Jackett und seiner Pfeife, die Emily ihn zwischen zwei Vorlesungen auf der Dachterrasse heute Morgen hatte rauchen sehen, entsprach er fast vollständig dem Bild des typischen, etwas zerstreuten Professors, wäre da nicht der zuweilen diabolische Blick in seinen Augen, besonders wenn er über die Rolle des Bösen, die Dämonen oder den Teufel sprach.

Gerade hatte er mit einem Beamer ein Bild von einem Renaissancemaler an die Wand geworfen, das den Höllensturz der Verdammten zeigte. Stokes erzählte von einem Anschlag auf das Bild in München, doch Emily hörte nur mit halbem Ohr zu.

»… ein Wahnsinniger kam mit dem Inhalt nicht klar … hat es mit Säure begossen … wurde festgenommen … geistesgestört …«

Geistesgestört, dachte Emily. Hatte sie es auch mit einem Geistesgestörten zu tun, war der Typ, der den Luftballon an ihr Postfach gehängt hatte, ein Verrückter, ein Psychopath oder … ein Stalker?

Oder nahm sie die Sache einfach viel zu ernst? Wenn es jemanden wie Julia getroffen hätte – sie hätte die ganze Geschichte vermutlich mit einem Scherz abgetan und hätte nicht weiter darüber nachgedacht. Emily wünschte sich oft, so locker wie ihre Freundin zu sein. Aber so sehr sie sich auch bemühte, sie schaffte es einfach nicht. Während andere scheinbar ohne Sorgen durchs Leben schritten, machte sie sich über alles und jeden Gedanken. Das war schon immer so gewesen. Zumindest soweit sie sich erinnern konnte.

Andererseits – sie hatte mit William Kenny, dem Dekan, gesprochen, und er hatte gleich gefragt, ob sie die Polizei einschalten wollte. »Wir nehmen die Sache sehr ernst«, hatte er gesagt, »doch manchmal kann man solche Spinner am besten bestrafen, wenn man sie gar nicht erst beachtet. Und ihretwegen die Polizei einzuschalten, gilt für die sozusagen als Ritterschlag der Beachtung.« Kenny hatte sich von seinem Schreibtischstuhl vor seinem mit Tausenden von Papieren und Büchern überhäuften Schreibtisch erhoben und Emily angeblickt. »Vielleicht ist es besser, ihn zu ignorieren. Vielleicht hört er dann von selbst auf. Und wenn nicht, kommen Sie sofort zu mir.«

Emily war sehr erleichtert darüber gewesen, dass er sie nicht ausgelacht hatte, doch wirklich geholfen hatte ihr das Verständnis auch nicht. Denn der Schrecken war dadurch nicht aus der Welt geschafft worden. Und das Telefonat mit ihrer Mum hatte sie natürlich auch nicht beruhigen können – der gegenüber hatte sie keine Silbe davon erwähnt, was passiert war. So, wie sie ihre Mum kannte, hätte sie es fertiggebracht, Emily zu zwingen, nach Hause zu kommen. Oder sie hätte einen Bodyguard für sie engagiert.

Wenn es um das Wohl ihrer Tochter ging, war ihre Mutter einfach nur als hysterisch zu bezeichnen, und das war schließlich etwas, was Emily mit ihrem neuen Leben am College endgültig hinter sich lassen wollte. Da hatten ihr schon die Bemerkungen ihrer Klassenkameraden in der Highschool gereicht.

Sie schaute wieder nach vorn. Stokes streifte ihren Blick, doch Bruchteile von Sekunden später sah er wieder ins Auditorium. Der Professor sprach vom Aufstand der Titanen gegen Zeus und deren Verbannung in den Tartarus, die Unterwelt, sprach über die Rebellion Luzifers gegen Gott und die Verbannung der gefallenen Engel in die Hölle. »Eine Parallele, die in der Geschichte ständig wiederkehrt«, sagte Stokes, »Aufstieg, Machterhalt mit allen Mitteln, Fall. Und gelernt wird daraus …«, er wandte sich dem Publikum zu, »nie!« Wieder das diabolische Grinsen.

Machterhalt mit allen Mitteln, dachte Emily, und dann kam ihr der Satz von der Karte im Postfach wieder in den Sinn.

Du hast mir mein Leben gestohlen. Und ich hole es mir zurück.

Leben stehlen, was sollte das heißen? Sie hatte niemanden getötet. Und da sie das nicht getan hatte, konnte dieser Mensch, wer immer das auch war, doch mit dieser Botschaft nicht meinen, sie töten zu wollen. Das konnte es nicht heißen. Konnte es nicht, oder? Oder!

Doch leider gelang es ihrem rationalen Geist nicht, die unterschwellige, uralte Furcht zu besiegen, die älter ist als die Rationalität, vielleicht älter als die Menschheit selbst.

Sie schaute auf die Uhr, sah, dass die Stunde fast vorbei war, hörte wieder Fetzen von Stokes Stimme. »… finden wir die Idealisierung des Satans, nicht mehr als mittelalterliches, feuerspuckendes Monstrum, sondern als romantischen gefallenen Engel, letztendlich in Paradise Lost. Doch damit werden wir uns erst zur Mitte des Semesters beschäftigen. Zunächst werden wir …«

Ihre Gedanken waren schon wieder abgetaucht. Paradise Lost. Für den Moment irgendwie ein passender Vergleich. Sie hatte sich so auf diesen Neuanfang gefreut, doch dieser Neuanfang hatte für sie gleich mit einem Albtraum begonnen.

Emily!

War das nur ein Anfang mit Schrecken? Konnte es jetzt bloß besser werden?

Emily!

Oder hielt das Schicksal noch etwas anderes für sie bereit, das umso schlimmer werden würde, je mehr …

»Emily!«

Sie zuckte zusammen.

Julia stand vor ihr und schaute sie ein wenig verwundert und gleichzeitig etwas vorwurfsvoll an. »Worauf wartest du?«, fragte sie.

Emily stieg das Blut in den Kopf, als sie sah, dass der Raum leer war. Sie hatte es gar nicht mitbekommen. Selbst Professor Stokes war schon gegangen. Und die notorischen Streber, die normalerweise nach jeder Vorlesung nach vorn laufen, um Fragen zu stellen und sich beim Professor einzuschleimen, waren mit ihm verschwunden.