Spiel mit mir! - Stefan Zeh - E-Book
  • Herausgeber: epubli
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2018
Beschreibung

In einer dunklen Gasse in einem beschaulichen Stuttgarter Vorort wird die Leiche eines Mannes gefunden. Die mysteriöse Botschaft am Tatort stellt die Ermittler vor Rätsel. Noch während der alteingesessene Hauptkommissar Kern und seine junge Kollegin nach Spuren und Motiven suchen, hat der Täter bereits sein nächstes Opfer im Visier. Die Spurensuche führt die Ermittler weit in die Vergangenheit und bringt ein düsteres Geheimnis zu Tage, für das der Täter bereit ist, bis zum Äußersten zu gehen. Für die Ermittler beginnt ein erbitterter Wettlauf gegen die Zeit, denn der Täter dürstet offensichtlich nach Rache...

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Seitenzahl:437

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Spiel mit mir!

Titel und CopyrightPersonenverzeichnis1234567891011121314151617181920212223242526272829303132333435363738394041424344454647484950515253545556Epilog

Spiel mit mir!

von Stefan Zeh

Texte: © Copyright by Stefan Zeh Umschlaggestaltung: © Copyright by Stefan Zeh

Verlag: Stefan Zeh Strohstraße 18 73728 Esslingen stefan.zeh@web.de

Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Mein besonderer Dank gilt Regina Nicolaidis für ihre Korrektur, als auch für die regelmäßigen Feedbacks, die das Buch in seiner jetzigen Form erst ermöglicht haben

„Wer nach Rache strebt, hält seine eigenen Wunden offen“

(Francis Bacon, englischer Philosoph und Staatsmann)

Personenverzeichnis

Kripo Stuttgart:

Markus Kern: Kriminalhauptkommissar

Kathrin Klein: Kriminaloberkommissarin

Jürgen Matern: Kriminalkommissar

Oliver Ziegler: Kriminalkommissar

Lisa Beckett: Kriminalkommissarin

Cem Aktürk: Kriminalkommissar

Konstantin Rost: Kriminalkommissar

Dr. Günther Freck: Rechtsmediziner

Herr Gust: Spurensicherung

Frau Sehn: Sekretärin

Tobias Hendler: SEK-Chef

Weitere Polizisten

Meißert: Kriminaloberkommissar, Kripo Calw

Emmerich: Polizist aus Calw

Wiesner: Kriminalhauptkommissar, Kripo Böblingen

Robert Thäler: erstes Mordopfer

Anneliese Thäler: Ehefrau des Opfers

Tina Thäler: Schwester des Opfers

Jeremy Lauter: Anwohner im Sommerrain

Marianne Steiner: Anwohnerin in Feuerbach

Timo Steiner: Ehemann von Marianne

Lydia Gabler: Freundin von Marianne

Julia Reißen: Anwohnerin in Vaihingen

Martin Wegel: Freund von Julia

Jonas Kaltensee: wohnt mit seiner Familie in Calw

Isabelle Kaltensee: Ehefrau von Jonas

Sophie Kaltensee: Tochter von Jonas und Isabelle

Ingrid: Mutter von Isabelle

Tom, Jessica, Herr und Frau Helmen: Nachbarn der Kaltensees

Julian Brandt: geistig behinderter Junge

Marcel Brandt: Bruder von Julian

Emilia Brandt: Schwester von Julian

Angelika und Hartmut Brandt: Eltern der Geschwister

Karolin Häupler: Barkeeperin in „the Spirit“, wohnt bei Calw

Mike: Kumpel von Karolin

Nadine Heberl und Jenny: zwei Freundinnen aus Calw

Dieter F.: Gewaltverbrecher

Harald Dreißen: Fahrer eines roten Opel Corsa

Patrick Eich: Jogger aus Waldenbuch

1

Er ging durch die dunkle, menschenleere Gasse, wo zu so später Stunde kaum noch jemand unterwegs war. Es hatte länger gedauert, bis er heute Feierabend machen konnte. Der Berg an Arbeit in seinem Büro hatte sich über den Urlaub so angehäuft, dass er die ganze Nacht hätte durcharbeiten können und er wäre bis morgen früh immer noch nicht fertig gewesen. Er war Immobilienmakler und die Anfragen per Mail gingen in den höheren dreistelligen Bereich. Viele der Anfragen konnte er gar nicht entgegennehmen, weil die Wohnsituation so extrem angespannt war, dass die vielen Singles, die eine kleine Einzimmerwohnung suchten, kaum realistische Chancen hatten, etwas zu finden. Nicht mit und nicht ohne ihn. Allerdings galt das nicht nur für Singles, die ein kleines Budget hatten, sondern im Prinzip auch für alle anderen Wohnungssuchenden. Im Zentrum der Stadt war es beinahe unmöglich, etwas Bezahlbares zu erhalten, sofern es nicht eine völlige Bruchbude sein durfte. Erst neulich hatte er für ein junges Pärchen eine 2,5-Zimmerwohnung organisiert, nahe der Innenstadt, die allein

800 € Kaltmiete gekostet hatte. Er hatte seinen beiden Klienten angesehen, dass dies nicht ganz ihrer Preisvorstellung entsprach, aber aufgrund der Tatsache, dass sie schon seit Ewigkeiten suchten, hatten sie keine andere Option mehr, als zu nehmen, was sie bekommen konnten. Für ihn war es gut. Er kassierte die Provision.

Während er seine Mails bearbeitete, klingelte ständig das Telefon und weitere Anfragen kamen herein. Teilweise von Leuten, die schon regelrecht verzweifelt waren. Aber was sollte er tun, er konnte keine Wohnungen herbeizaubern, sondern nur verkaufen, was auf dem Markt vorhanden war. Und wenn die Leute nicht genug Geld hatten, hatten sie eben Pech.

Er bog ab und folgte einer weiteren kleinen Gasse, die genauso menschenleer war, wie die vorige. Bis zu seinem Haus war es nicht mehr weit. Seine Kinder schliefen mit Sicherheit bereits und seine Frau war vermutlich vor dem Fernseher eingedöst.

An diesem Abend, Ende Oktober, war es verdammt kalt. Obwohl die Temperaturen die letzten Tage für Oktober noch relativ mild gewesen waren, hatte es jetzt bereits Minusgrade. Er zog seinen Mantel enger um sich und beschleunigte sein Tempo. In maximal zehn Minuten saß er daheim auf seinem Sofa, konnte sich noch ein Bier gönnen und ein bisschen Fernsehschauen. Der Gedanke erwärmte ihn. Es war ein verdammt gutes Gefühl, Feierabend zu haben. Insbesondere, da er morgen nicht allzu früh wieder raus musste.

Ein Geräusch hinter ihm riss ihn aus seinen Gedanken. Es war ein Klappern hinter ihm, als hätte jemand eine Mülltonne umgestoßen. Er drehte sich um, konnte im Halbdunkel aber nicht viel ausmachen. Da er den Weg jeden Tag ging, wusste er, dass dort mehrere, alte Mülltonnen standen. Vermutlich eine streunende Katze oder ähnliches. Er drehte sich wieder nach vorne um und ging weiter. In einiger Entfernung sah er bereits die Straßenlaternen. Dort wurde es heller und er konnte die dunklen Gassen hinter sich lassen. Abermals ließ ihn ein Geräusch sich reflexartig umdrehen. Diesmal meinte er, Schritte gehört zu haben. Plötzlich hatte er das Gefühl, beobachtet zu werden. Er war nicht alleine. Obwohl er sonst nicht der Typ war, der zu Panik oder Angstgefühlen neigte, war ihm jetzt mulmig zumute. „Hallo?“ rief er in die Dunkelheit. „Ist da jemand?“

Keine Antwort. Er wartete ein paar Sekunden, doch es war wieder vollkommen still. Kein Mucks zu hören. Er wartete, bis sich seine Augen noch ein wenig besser an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Er sah die Häuserfassaden, die hier an der Stelle nicht gerade, sondern nach oben hin, leicht schräg in die Gasse hingen und es dadurch noch dunkler werden ließen. Er konnte eine defekte Straßenlaterne ausmachen. Die einzige in dem Weg, die aber schon, seit er hier unterwegs war, außer Betrieb war und vermutlich auch nie ausgetauscht werden würde. Und ein paar Müllsäcke, die vor einem Hofeingang auf der rechten Seite standen. Die Gasse war heruntergekommen und ziemlich schmuddelig. Nicht auszudenken, wer sich hier nachts so herumtrieb. Ihm wurde mulmig, zumal er hier bisher um diese Uhrzeit noch nie jemanden gesehen hatte. Die Kälte zwang ihn weiterzugehen. Er beschleunigte seinen Schritt. Umso schneller er daheim war, desto besser. Nur noch wenige Meter trennten ihn von der beleuchteten Straße auf der anderen Seite. Dann hörte er wieder das Geräusch. Schritte, einen Atem. Diesmal viel näher als eben. Er drehte sich blitzschnell um. „Hallo? Wer zum Teufel ist da?“ Seine Stimme klang fest. Es war eine Mischung aus Wut und Verunsicherung. Spielte ihm da jemand einen dummen Streich? Wollte ihm jemand Angst einjagen? Aber das würde nicht so leicht klappen. Zumindest redete er sich das ein. Er wartete, er spürte, dass da jemand war. Wo bist du, Mistkerl?, fragte er sich. Komm schon her und sag, was du willst. Es war stockfinster. Er konnte in der Gasse, aus der er gekommen war, absolut nichts mehr erkennen. Er wartete, achtete auf jedes Geräusch. Doch es blieb mucksmäuschenstill. Kaum für möglich zu halten, dass es in dem Ort, wo jeden Tag Trubel und dutzende Pendler unterwegs waren, jemals so still sein konnte. Nachdem er einige Minuten reglos auf der Stelle verharrt war, ohne dass etwas passierte, dachte er, verdammt, was soll‘s, drehte sich um und ging in schnellstem Tempo weiter.

Ein jäher Knall zerriss die nächtliche Stille.

Ein stechender Schmerz pochte in seiner Brust. Er fasste sich an das weiße Hemd und spürte, wie das warme Blut über seine Finger lief. Er hatte nicht mehr die Kraft, sich umzudrehen. Seine Tasche fiel auf den Boden, ihm wurde schwarz vor Augen. Er sank auf die Knie und hörte noch, wie sich Schritte langsam auf ihn zubewegten. „Warum?“, war sein letzter Gedanke. Dann sank er tot auf den kalten Steinboden.

2

Kriminalhauptkommissar Markus Kern saß an diesem Morgen bereits sehr früh im Büro. Er hatte noch allerlei Schreibkram zu erledigen und da er heute Abend ausnahmsweise nicht erst um 9 Uhr das Büro verlassen, sondern noch Zeit mit seiner Frau verbringen wollte, war er extra früh aus dem Haus gegangen und hatte sich vorhin nur einen Kaffee und ein Donut zum Frühstück gegönnt. Vielmehr brauchte es nicht, damit er einigermaßen fit den Vormittag überstand. Später würde er dann zum Mittagessen in die Kantine gehen. Er hatte soeben seinen PC eingeschaltet, als das Telefon klingelte. „Kern?“, meldete er sich. „Guten Morgen, Chef“, erklang die Stimme am anderen Ende, welche seiner Kollegin, Kriminaloberkommissarin Kathrin Klein, gehörte. „Guten Morgen. Ihr Anruf zu so früher Zeit kann nichts Gutes bedeuten!“, meinte Markus Kern, halb ernst, halb belustigt. „Ich fürchte nein“, entgegnete Kathrin. Wir haben eine Leiche.“ Und das um die Zeit, murmelte Kern kaum hörbar. „Wo?“ „Im Sommerrain in Bad Cannstatt“, antwortete Kathrin. „In Ordnung“, sagte er etwas resigniert, da er wusste, dass dies heute ein langer Tag werden würde. „Bin in 15 min da.“ Dann legte er auf.

Als sich Markus Kern kurze Zeit später der Polizeiabsperrung näherte, an der sich zu dieser Zeit schon einige Schaulustige tummelten, wurde er von seiner Kollegin Kathrin Klein begrüßt. „Guten Morgen!“, sagte sie fröhlich. „Guten Morgen. Sie habe ich hier nicht erwartet, sind Sie nicht seit gestern im Urlaub?“, fragte Kern verwundert. „Doch, allerdings hat man mich gebeten, für ein paar Kollegen einzuspringen, da sich gerade heute Morgen einige krank gemeldet haben und ich wollte Sie diesem Anblick nicht allein überlassen.“ „Sehr freundlich“, grinste Kern, der bereits auf den ersten Blick feststellte, dass dies kein gewöhnlicher Raubüberfall war. Direkt hinter der Polizeiabsperrung lag die Leiche eines Mannes, ca. 40 - 50 Jahre alt mit leicht ergrautem Haar. Er lag zur Seite gekippt, was darauf schließen ließ, dass er erst auf die Knie gesackt war. Sein Mantel komplett mit Blut befleckt, die Augen im Schock geöffnet, offenbar traf ihn der Tod völlig unvermittelt. Eine braune Aktentasche lag neben ihm, ebenfalls blutbeschmiert. Das Auffällige war aber nicht ein toter Spaziergänger, wie ihn Markus Kern in seiner Laufbahn schon etliche Male gesehen hatte, sondern die Botschaft, die auf der hinter der Leiche liegenden Hauswand hinterlassen wurde:

Spiel mit mir!

Die Worte waren ziemlich groß und in roter Farbe geschrieben. „Ist das Blut?“, fragte Hauptkommissar Kern sichtlich beunruhigt. „Nein“, entgegnete seine jüngere Kollegin. „Die Spurensicherung hat uns bereits bestätigt, dass es sich vermutlich um ganz normale rote Farbe handelt.“ Kathrin Klein war erst 27 und seit zwei Jahren beim Morddezernat. Sie war ehrgeizig und zielstrebig. Kern war sich sicher, dass sie eine steile Karriere machen würde. Kathrin hatte blonde, lange Haare und die dazu passenden blauen Augen, was sie sehr attraktiv machte. Er selbst war ein alter Hase und mit seinen knapp 50 bereits seit fast 20 Jahren dabei.

Herr Gust von der Spurensicherung und sein Kollege waren damit beschäftigt, Fotos vom Opfer und von der Hauswand zu machen. DerRechtsmediziner Dr. Günther Freck war noch über die Leiche gebeugt und erhob sich, als Kern näher kam. „Guten Morgen. Was wissen wir bisher?“, fragte Kern den Rechtsmediziner. „Morgen. Ein Schuss aus nächster Nähe. Der Mann starb durch den Schuss in den Rücken innerhalb weniger Sekunden. Todeszeitpunkt zwischen 22 und 23 Uhr.“

„Er trug Personalausweis, Schlüssel, Handy und einige geschäftliche Unterlagen in der Aktentasche bei sich“, fuhr seine Kollegin Kathrin Klein fort. „Einen Raubmord können wir ausschließen. Es wurden weder Geld noch sonstige Wertgegenstände entwendet.

Laut Ausweis ist sein Name Robert Thäler, 45 Jahre alt, und nach dem Ehering an seinem Finger zu schließen, verheiratet. Er wohnt nur zwei Blocks von hier entfernt, im Sommerrain, Rosmarinweg. Seiner Visitenkarte nach, war er als Immobilienmakler tätig und gerade auf dem Weg nach Hause, als er von dem Täter oder der Täterin überrascht wurde.“ Kern nickte. „Haben Sie bereits jemanden zu seiner Familie geschickt?“ „Ja, haben wir,“ entgegnete Kathrin. „Zwei Beamte sind bereits auf dem Weg.“ Hauptkommissar Kern beneidete die Beamten nicht um diese Aufgabe. Der Familie mitzuteilen, dass die Kinder, sofern er welche hatte, jetzt ohne Vater aufwachsen würden, ging auch ihm jedes Mal an die Substanz. „Irgendeine Vermutung, was es mit der netten Botschaft auf sich hat?“ Er nickte mit dem Kopf in Richtung Wand. „Keine Ahnung“, meinte Kathrin ratlos. „Wenn es für den Täter ein Spiel ist, Menschen umzubringen, dann ist er völlig krank. Andere Hinweise stehen noch aus.“ „Wir sollten abwarten, was die Kollegen zu berichten haben. Vielleicht weiß die Familie mehr, vorausgesetzt, sie ist derzeit überhaupt in der Lage, irgendetwas zu Protokoll zu geben.“ „Was ich bezweifle“, meinte Kathrin seufzend.

„Der Mann dort drüben hat ihn gefunden?“, fragte Kern und deutete auf einen älteren Herrn, der, mit seinem braunen Dackel an der Leine, neben einem Polizisten stand und aufgeregt erzählte. Offenbar war das seit langer Zeit ein Highlight in seinem Leben. „Ja“, sagte Kathrin. „Der Notruf ging um 05.30 Uhr ein. Der ältere Herr berichtete, er sei gerade mit seinem Hund unterwegs gewesen, als er die Leiche in der Gasse entdeckte. Geschockt verständigte er sofort den Notruf, die Kollegen waren dann kurze Zeit später vor Ort.“ „Gut, danke. Ich spreche mit ihm. Fahren Sie bitte derweil ins Präsidium und bringen Sie mehr über das Opfer in Erfahrung. Mittlerweile müssten auch die Kollegen zurück sein. Schicken Sie bitte auch Kollegen zu den Nachbarn. Bei einem Pistolenschuss müsste jemand etwas gehört oder gesehen haben.“ „Alles klar“, entgegnete Kathrin und lief zu ihrem Fahrzeug zurück.

Kern ging zu dem Herrn, dessen Dackel sich mittlerweile auf den Boden gesetzt hatte und gespannt wartete, dass sein Herrchen mit ihm den Spaziergang fortsetzte. „Guten Morgen“, begrüßte Kern den älteren Mann freundlich. „Ich bin Kriminalhauptkommissar Markus Kern. Und Sie sind?“ „Oh, hallo“, grüßte ihn der ältere Herr mit Glatze und Brille, ganz offenbar erfreut, dass er nun wieder die volle Aufmerksamkeit erhielt. „Mein Name ist Günther Falkner.“ „Herr Falkner, können Sie mir schildern, was passiert ist?“, begann Kern. „Ja natürlich“, sagte der ältere Herr aufgeregt. „Ich war heute Morgen, wie jeden Tag, mit Bello, meinem Hund“, er zeigte auf den Dackel, „spazieren. Normalerweise gehen wir immer die Parallelstraße hoch, aber plötzlich fing Bello an wie verrückt zu bellen und zerrte an der Leine. Ich war überrascht, weil ich nicht wusste, was er plötzlich hat. Das macht er normalerweise nie. Und dann zog er mich an der Leine in die Seitenstraße und das Erste, was mir auffiel, war die rote Schrift an der Wand. Im ersten Moment dachte ich, hier hätten sich ein paar Jugendliche einen Streich erlaubt, aber dann sah ich die Leiche und ach, großer Gott. Ein furchtbarer Anblick!“ Herr Falkner hob schockiert die Hand vors Gesicht. „Einfach nur schrecklich. Ich hatte zum Glück mein Handy dabei und konnte direkt den Notruf wählen.“ Kern hörte ihm aufmerksam zu. „Können Sie sich noch erinnern, um welche Uhrzeit das gewesen ist?“ „Ja, selbstverständlich“, erklärte Herr Falkner, als sei das eine völlig überflüssige Frage. „Das war um 05.30 Uhr. Ich stehe jeden Tag zur selben Zeit auf, drehe mit Bello die Runde und bin um 05.45 wieder zuhause zum Frühstück.“ „Verstehe“, sagte Kern und machte sich ein paar Notizen auf seinem Block. „Ist Ihnen, als Sie Ihre Runde gedreht haben, irgendetwas aufgefallen? Haben Sie irgendjemand in der Nähe des Tatortes gesehen oder haben Sie sonst irgendetwas bemerkt?“ „Das hat mich Ihr Kollege vorhin auch schon gefragt. Leider nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich bin meistens der Erste, der um die frühe Zeit unterwegs ist. Viele gehen zwar schon zur Arbeit, nehmen aber nur selten den Weg durch diese Gasse.“ „In Ordnung“, meinte Kern. „Sie kannten das Opfer nicht?“, fragte er. „Ich bin hier sehr oft unterwegs. Ich kenne die meisten Leute. So auch ihn, aber nur vom Sehen her. Ich weiß nicht, wie er heißt, nur das er ein paar Blocks von hier wohnt und Familie hat. Die Armen. Sie tun mir jetzt sehr leid!“ „Gut, vielen Dank für Ihre Infos. Bitte halten Sie sich notfalls bereit, falls wir noch weitere Fragen haben sollten oder Ihnen noch etwas Wichtiges einfällt. Ihre Daten haben wir.“ „Ich helfe, wo ich nur kann!“, sagte Herr Falkner freudig. Kern verabschiedete sich höflich. Er würde nun zurück ins Präsidium fahren und sich mit Kathrin besprechen. Vielleicht hatte sie bereits neue Ergebnisse.

Ca. eine Stunde später saßen Kathrin Klein und er zusammen mit zwei weiteren Kollegen in dem kleinen Besprechungsraum im Präsidium. „Kathrin, haben Sie etwas herausgefunden?“, fragte Kern. „Nicht wirklich“, meinte sie zögernd. „Wie, nicht wirklich? Ein Schuss muss doch die gesamte Nachbarschaft aufgeweckt haben. Oder hat der Täter einen Schalldämpfer benutzt?“ „Nein, das können wir mit Sicherheit ausschließen,“ entgegnete Kathrin. „Die Nachbarn haben von einem lauten Schuss berichtet. Allerdings hat keiner etwas gesehen in der Dunkelheit. Offenbar hielten es die meisten für ein paar durchgeknallte Teenies, die einen Chinaböller angezündet haben und dann abgehauen sind. Als dann nichts weiter geschah, sind die Nachbarn wieder ins Bett.“ „Nichts außer einer Leiche, die grade auf offener Straße abgeknallt wurde, meinen Sie“, entgegnete Kern sichtlich genervt. „Der Täter hat doch, nachdem er Robert Thäler erschossen hat, diese mysteriöse Botschaft an der Wand hinterlassen. Wenn die Nachbarn aufgeschreckt waren und ans Fenster gingen, um nachzusehen, hätten sie das doch sehen müssen. Es war doch nicht vollkommen dunkel. Die Beleuchtung der gegenüberliegenden Straße muss noch ein wenig Licht in die Gasse geworfen haben. Also zumindest genug, um so etwas zu bemerken.“ Kern war etwas lauter geworden. Er richtete sich jetzt an seine beiden Kollegen. Herr Jürgen Matern, klein und stämmig und Herr Oliver Ziegler, groß und schmal, wirkten beide leicht verlegen. „Ich habe mit der Nachbarin, die schräg gegenüber wohnt und direkten Blick in die Gasse hat, gesprochen“, schaltete sich jetzt Jürgen Matern ein. „Sie ist, als sie den Knall gehört hat, aufgestanden, hat sich kurz angezogen und ist dann zum Fenster. Unglücklicherweise liegt ihr Schlafzimmer auf der gegenüberliegenden Seite, sodass sie erst quer durch die Wohnung musste. Sie meinte, sie habe raus gesehen und dort absolut nichts gesehen. Das Problem ist allerdings, besagte Nachbarin ist 84 Jahre alt, nicht mehr besonders gut zu Fuß und sieht auch nicht mehr besonders gut. Es kann sein, dass einige Minuten vergangen sind, bis sie aus dem Fenster gesehen hat.“ „Na großartig“, meinte Kern. „Ein Schuss weckt die gesamte Nachbarschaft und keiner sieht was oder hält es für notwendig, zumindest mal bei der Polizei anzurufen.“ Kern, der bisher an der Tafel gestanden hatte, setzte sich.

„Auf der anderen Seite bestand ein ähnliches Problem“, kam jetzt von Oliver Ziegler. „Dort wohnt ein Student, der zum Zeitpunkt des Schusses am PC saß. Allerdings auch auf der verkehrten Seite. Er ging hinüber ins andere Zimmer und konnte dort ebenfalls nichts erkennen.“ „Der Täter muss das alles genau geplant haben“, meinte Kathrin und erhob sich. „Er oder sie muss genau gewusst haben, dass man vom Fenster aus kaum etwas erkennen und er dann in aller Ruhe verschwinden kann.“ „Er ist aber nicht verschwunden!“ erwiderte Kern. „Der Täter hat ganz offensichtlich keinerlei Angst gehabt, von jemandem entdeckt zu werden. Anstatt wegzulaufen, holt er sein Wasserfarbenset raus und fängt an, eine Botschaft an die Hauswand zu pinseln! Wenn in diesem Moment einer der Nachbarn das Haus verlassen hätte, hätten sie den Täter direkt gesehen. Und was dann? Hätte der Täter sie ebenfalls erschossen?“ Die Blicke seiner Kollegen waren nachdenklich. „Irgendetwas stimmt da nicht!“, sagte Kern mit Nachdruck. „Entweder scheute der Täter keinerlei Risiko oder aber“-„oder aber er pinselte die Nachricht bereits vorher hin“, vollendete Kathrin den Satz für ihn. Jetzt waren alle Augen auf sie gerichtet. „Nehmen wir an, der Täter hat alles genau geplant. Er wusste genau, wo er sein Opfer töten würde. Genau an welcher Stelle. Kurz vorher schreibt er die Nachricht dorthin, was in der Dunkelheit sicherlich niemandem auffällt, er ist dabei völlig ungestört. Dem Opfer fällt es vermutlich auch nicht auf. Und dann schießt er seinem Opfer in den Rücken. Wohl wissend, dass der Schuss sämtliche Nachbarn aufgeweckt haben muss, flüchtet der Täter wieder durch die dunkle Gasse, noch ehe jemand aus dem Fenster sieht.“ Es war jetzt nur noch das Ticken der Uhr im Besprechungsraum zu hören und ein Kopierer außerhalb. Kern hatte konzentriert zugehört und rieb sich die Schläfen.

„Ausgesprochen verwegen. Aber möglich“, nickte er. „Dann wäre die Frage, falls sich das wirklich so abgespielt hat, wann hat der Täter die Nachricht angebracht.“ „Ich vermute, kurz vorher“, sagte Kathrin. „Er muss gewusst haben, dass das Opfer heute länger arbeitet. Er muss sein Opfer lange Zeit beobachtet haben.“ „Wahrscheinlich. Herr Ziegler, was hat die Befragung der Familie Thäler ergeben?“, wandte sich Kern an seinen Kollegen.

„Die Familie ist aus allen Wolken gefallen. Niemand hatte auch nur im Entferntesten mit so etwas gerechnet. Die Frau wirkte völlig apathisch. Vermutlich stand sie unter Schock.“ Kathrin Klein nickte mitfühlend.

„Sie hat es dann noch geschafft, ihre Kinder ins Zimmer zu schicken. Aber vielmehr kam nicht. Auf unsere Frage, ob ihr Mann irgendwelche Feinde habe, kam, sie kenne niemanden, der ihrem Mann so etwas Schreckliches antun könne.“ „Wir müssen sie zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal befragen.“ bestimmte Kern. „Auch wegen der Bedeutung der Nachricht an der Wand. Die Nachricht vom Tod ihres Mannes wird ihr erst mal völlig den Boden unter den Füßen weggezogen haben.“ „Was haben die Nachbarn angegeben, wann der Schuss fiel?“ Ziegler räusperte sich. „Die ältere Dame meinte, als sie auf ihren Wecker geschaut hat, war es 22.45 Uhr.“ Matern schaute zu Ziegler. „Etwa gleiche Angabe“, bestätigte er. „Ok. Das passt zu den Angaben von Herrn Gust von der Spurensicherung. Dann schauen wir, wann Herr Thäler seinen Arbeitsplatz verlassen hat. Ziegler, können Sie sich darum kümmern?“ „Alles klar“, Ziegler nickte. „Haben wir sonst noch irgendetwas?“, fragte Markus Kern in die Runde. „Gerichtsmediziner?“ „Die Ergebnisse stehen noch aus“, erklärte Matern. „In Ordnung, informieren Sie mich, sobald Sie mehr wissen.“

„Ein Mord. Keine Zeugen. Keine Verdächtigen. Und eine unklare Botschaft. Wir müssen die gesamte Lebensgeschichte von Herrn Thäler durchforsten. Von Kindheit an bis heute. Und wir müssen weitere Befragungen durchführen. Vielleicht hat doch jemand den Täter gesehen.

Aber das machen wir heute nachmittag!“, sagte Kern schmunzelnd und erhob sich. „Und was tun wir jetzt?“, fragte seine Kollegin. „Was Sie tun, weiß ich nicht. Ich gehe jetzt in die Kantine, mich stärken, Sie dürfen mich gerne begleiten.“ Kathrin lachte. „Da sag ich nicht nein.“

3

Marianne Steiner holte die Kaffeekanne aus der Kaffeemaschine und schenkte sich eine Tasse ein. Sie liebte heißen Kaffee. Sie brauchte ihn. Er war ihr morgendlicher Rausch. Ohne ihn ging gar nichts. Sie holte eine Scheibe Brot aus der Küche, platzierte es auf ihren Teller und legte eine Scheibe Käse drauf. Sie musste sich stärken. Sie wusste, es würde heute ein langer Abend werden. Marianne hatte Spätschicht im Krankenhaus, die oft in die Nacht hinein ging. Insbesondere dann, wenn es, wie in der Woche zuvor, wieder mehrere Notfälle gab. Das kam gerade bei den älteren Patienten, die sie betreute, häufiger vor. Erst kürzlich war Herr Adams, bei dem Versuch die nächtliche Zimmertoilette aufzusuchen, gestürzt und konnte sich nicht aus eigener Kraft wieder selbständig hochrappeln. Kein Wunder, bei 80 Jahren und Rollator. Eigentlich dürfte so etwas gar nicht passieren. Sie hatten ihren Patienten immer wieder eingeschworen, kurz den Piepser direkt neben ihrem Bett zu nutzen, wenn sie nachts zur Toilette mussten, dann würde jemand kommen, um ihnen zu helfen. Doch einige Patienten - dazu zählte auch Herr Adams - waren stur und versuchten es lieber selbst. Er hatte zwar den Rollator, doch das half nachts, ohne Licht, nicht wirklich viel. Herr Adams konnte von Glück reden, dass er schnell gefunden wurde und sich nicht ernsthaft verletzt hatte oder etwas gebrochen war, was bei einem Sturz in seinem Alter schon fast einem Wunder glich. Zumal es nicht das erste Mal war und, wie Marianne befürchtete, auch nicht das letzte Mal.

Sie öffnete die Wohnungstür und ging das Treppenhaus hinunter, um die Zeitung aus dem Briefkasten zu fischen. Wieder oben angekommen, legte sie sie auf den Tisch und überflog die Titelseite, während sie langsam an ihrem Kaffee nippte. Elf Uhr war eine ziemlich späte Zeit fürs Frühstück aber da sie diese Woche jede Nacht Spätschicht gehabt hatte, unvermeidbar. Sie brauchte ihren Schönheitsschlaf und mindestens drei Tassen Kaffee morgens, sonst war sie den ganzen Tag über brummig. Der Politikteil enthielt nichts wesentlich Neues, was sie nicht bereits gestern Abend in den Nachrichten gesehen und sie besonders interessierte hätte. Sie selbst würde keine Zeitung abonnieren aber ihr Mann bestand darauf. Sobald er nach Hause kam, musste sie los, und das Erste was er tat, war die Zeitung aufzuschlagen. Es schien sein heißbegehrtes Hobby zu sein. Was ihn daran faszinierte, war ihr nicht so ganz klar. Während sie im Wirtschaftsteil den Artikel über Geldstrafen wegen illegaler Absprachen einiger Automobilzulieferer las, vibrierte ihr Smartphone.

Marianne stand auf und ging hinüber ins Schlafzimmer, wo sie es gestern Abend abgelegt hatte. Sie öffnete Whatsapp und fand eine Nachricht von ihrem Mann mit „Restaurant gebucht. Uhrzeit wie gehabt.“ Sie lächelte. Dieses Wochenende hatte sie frei und würde mit ihrem Ehemann Timo Samstagabend ins Steakhaus gehen, wo es ihrer beider Meinung nach das beste Lammsteak überhaupt gab. Sie gingen in das Steakhaus nur zu besonderen Anlässen, wie beispielsweise seine Beförderung zum Abteilungsleiter letzte Woche. Marianne freute sich für Timo. Er hatte hart dafür gekämpft. Wochenweise und monatsweise war Timo bereit gewesen, Überstunden zu machen, hatte an sämtlichen Konferenzen teilgenommen und weitergearbeitet, kaum dass er daheim war, ohne sich je zu beschweren. Sie war stolz auf ihn. Wenn jemand die Beförderung verdient hatte, dann Timo. Er war vorige Woche abends nach Hause gekommen und berichtete ganz begeistert davon. Es war natürlich keine völlige Überraschung. Sein Chef hatte ihm schon vorab zugesichert, wenn er sich weiter so reinhinge, sei ihm die Stelle sicher, aber nun, da es offiziell verkündet wurde, war er überglücklich. Letztes Wochenende hatten sie leider beide nicht die Zeit gefunden, das gebührend zu feiern. Daher wollten sie es sich am Samstagabend gemeinsam richtig gut gehen lassen. Marianne schickte ihm einen Kusssmiley, schrieb „Freu mich“ und ging wieder in die Küche. Sie räumte die Teller in die Spüle, verstaute das Brot im Brotschrank und schenkte sich eine weitere Tasse Kaffee ein. Kaum, dass sie sich gesetzt hatte, hörte sie erneut den Klingelton ihres Smartphones.

Diesmal war es allerdings ein Anruf. Das Display zeigte eine ihr bekannte Nummer. „Marianne Steiner“, meldete sie sich. „Hallo Mari“, meldete sich eine fröhliche Stimme am anderen Ende der Leitung. Es war ihre Freundin Lydia Gabler. Ihre Freundinnen nannten sie alle Mari.

Marianne meldete sich nur höflichkeitshalber mit vollem Namen, obwohl Mari ihr auch wesentlich lieber war. „Hey Lydia“, sagte sie, ebenfalls erfreut.

„Wie geht's dir?“, wollte Lydia wissen. Lydia und sie kannten sich von der Konditorei, ein paar Blocks entfernt. Marianne hatte dort ein Brot fürs Abendessen gekauft, aber vergessen, vorab Bargeld abzuheben. Sie zahlte selten bar, da sie überall, wo sie sonst einkaufte, auch mit Karte zahlen konnte. In der Konditorei allerdings nicht. Die Verkäuferin hatte das Brot eingepackt und ihr den Betrag genannt. Erst in diesem Moment stellte Marianne beim Blick in ihr Portemonnaie erschrocken fest, dass sie nur noch ein paar Cent dabei hatten. Verdammt, dachte sie. Jetzt musste sie extra zum Geldautomaten und anschließend nochmal hierher, um ihr Brot zu bezahlen. Die Verkäuferin sah sie grimmig an. „Kein Geld dabei?“ Die Situation war ihr äußerst peinlich. „Es tut mir leid“, fing sie an. „Ich habe leider vergessen, abzuheben.“ „Hier“, erklang eine Stimme hinter ihr und drückte ihr drei Euro in die Hand. „Dankeschön“, sagte Marianne zu ihrer hilfsbereiten Unterstützerin, die sich sehr freundlich als Lydia vorstellte und meinte, dass sei ihr schon selbst etliche Male passiert. Die Frau war ihr auf Anhieb sympathisch. Sie begleitete sie anschließend zum Geldautomaten, um ihr die ausgelegten drei Euros zurückzugeben. Marianne beschloss, da eine völlig Fremde ihr so freundlich ausgeholfen hatte, sie zu einer Tasse Kaffee einzuladen. Lydia zögerte anfangs, meinte dass das nicht nötig sei, aber ließ sich schließlich dazu überreden, doch auf eine Tasse mitzukommen. Seitdem waren sie gut befreundet und telefonierten regelmäßig miteinander. Wie sich herausstellte, verbanden sie einige gemeinsame Interessen. So teilten sie beide die Liebe zu Tieren. Marianne ritt schon seit sie ein Kind war gerne und wollte es immer mal wieder aufnehmen. Allerdings ließ ihr Job es kaum zu. Lydias Onkel hatte einen Hof in Bayern, wo sie ihn regelmäßig besuchte und dort auch reiten konnte.

Lydia hatte Marianne angeboten, sie zu begleiten, wenn sie das nächste Mal hinfahren würde. Außerdem hatten sie beide eine Schwäche fürs Segeln. Mariannes Mann Timo besaß einen Segelschein. Vor vier Monaten hatten sie am Bodensee ein Segelboot gemietet und waren für das ganze Wochenende rausgefahren. Zwischendrin hatten sie dann den Anker ausgeworfen und waren baden gegangen. Mit dem Wetter hatten sie im August richtig Glück gehabt. Es war ein drückend heißer Tag gewesen und zum Baden ideal geeignet. Marianne erzählte gern davon. Wie sich herausstellte, besaß auch Lydia einen Segelschein und war bereits am Bodensee und auch in anderen Gewässern zum Segeln gewesen, meistens mit ihrem Mann zusammen. Mittlerweile lebten sie allerdings getrennt und das Segeln alleine machte ihr keinen großen Spaß. Fast umgekehrt wie mit den Pferden. Darum bot ihr Marianne an, Lydia könnte sie das nächste Mal an den Bodensee begleiten, sie könnten auch gerne zu dritt segeln.

„Mir geht es ganz gut“, antwortete Marianne jetzt. „Bin gerade aufgestanden und mache mir Kaffee. Und selbst?“ „Anstrengend heute“, antwortete Lydia seufzend. „Jeder will heute irgendetwas.“ Lydia arbeitete als Verkäuferin beim H&M in der Innenstadt. Ein sehr undankbarer Job, der noch obendrein schlecht bezahlt wurde, aber Lydia arbeitete gerne im Verkauf. Sie liebte es, Kunden zu beraten und sie in ihrer Kaufentscheidung zu bestätigen. Dafür nahm sie die Arbeitszeiten und die bescheidene Bezahlung gerne in Kauf. „Mich wundert, dass du mich um diese Zeit anrufst. Telefonierst du etwa unerlaubt während der Arbeitszeit?“, zog Marianne ihre Freundin auf. „Guck mal auf die Uhr, Süße“, sagte Lydia in neckischem Ton. „Es ist kurz vor zwölf. Gleich Mittagspause. Also, gehen wir was essen?“ „Ungünstig“, Marianne musste lachen. „Ich habe, wie gesagt, gerade erst gefrühstückt.“ „Na gut“, meinte Lydia. „Dann vielleicht ein anderes Mal.“ „Klar“, munterte Marianne sie auf. „Ich lass dich nicht hängen.“ „Ich muss dann Schluss machen, sonst quatschen wir wieder meine ganze Pause durch und ich habe immer noch nichts gegessen. Wie das letzte Mal.“ Lydia spielte die Empörte. „Das will ich natürlich nicht. Also, lass es dir schmecken.“. Marianne legte schmunzelnd auf.

4

Jeremy Lauter ging es total beschissen heute. Wobei nur heute nicht wirklich stimmte. Heute seit vier Jahren wäre treffender gewesen. Er hatte die Nacht über kaum geschlafen, sein Kopf dröhnte, sein Herz raste und er fühlte sich völlig ausgelaugt, von den Gliederschmerzen mal ganz abgesehen. Jeremy war kein alter Mann. Ganz im Gegenteil. Er war gerade einmal 28 Jahre, hatte kurze braune Haare, braune Augen und eine schlanke Figur. Arbeitsunfähig war er seit mittlerweile zwei Jahren. Was ihm genau fehlte, konnte keiner so genau sagen. Es war quasi über Nacht passiert. Er konnte sich noch sehr genau an die Grippe erinnern, die ihn damals heimgesucht hatte. Sie war lange und extrem zäh, fast drei Wochen lang kam er kaum aus dem Bett. Seine Mutter hatte ihn damals zum Arzt gefahren und war anschließend jeden zweiten Tag vorbeigekommen, um ihm einen Tee zu machen und sich um ihn zu kümmern. Die Grippe war länger, als diejenigen, die er zuvor gehabt hatte und die meist nach spätestens zwei Wochen vorbei waren. Erst nach drei Wochen ging es wieder bergauf. Jeremy widmete sich wieder seiner Arbeit. Damals war er Erzieher in einer städtischen Kindertageseinrichtung. Ein Fulltimejob, der seine gesamte Energie kostete. Da er täglich mit Kindern zu tun hatte, war eine Grippe auch nichts Ungewöhnliches, schon gar nicht im Winter, wo immer wieder Grippewellen den Kindergarten heimsuchten.

Nur leider hielt seine Freude über die Genesung nicht sehr lange an. Denn nach nur zwei Wochen wieder im Kindergarten, ging es ihm schlagartig deutlich schlechter. Seine Grippesymptome kamen mit voller Wucht zurück und Jeremy erinnerte sich noch, wie er sich gewundert hatte, dass er innerhalb kürzester Zeit den nächsten Virus eingefangen hatte. Doch seltsamerweise konnte der Arzt im Gegensatz zur ersten Untersuchung nichts feststellen. Jeremy hatte auch kein Fieber mehr. Seinen Blutuntersuchungen zufolge, war alles in Ordnung. Der Arzt schob es auf Überforderung infolge der Infektion, schrieb ihn nochmal drei Wochen krank und meinte, er solle sich ausruhen und dann gehe es ihm bald wieder besser.

Von wegen! Es war ihm überhaupt nicht besser gegangen. Er fühlte die gleiche Erschöpfung wie bei der Grippe, er fühlte sich weiterhin fiebrig, ihm war ständig zu heiß oder eiskalt, seine Glieder schmerzten und der Schlaf brachte keinerlei Erholung.

Als die drei Wochen um waren, ging es Jeremy genauso mies wie zuvor. Er suchte erneut den Arzt auf, doch dieser blickte ihn nur ratlos an und verwies ihn an einen Psychiater mit dem Vermerk Burnout. Jeremy dachte, er habe sich verhört. Wie kam der Arzt denn auf einen Burnout? Er war geschockt. Er hatte schon oft genug von Leuten gehört, gerade auch jüngeren Menschen, die das hatten, aber bei sich selbst hätte er es nie vermutet. Die Links im Internet, die er raus suchte, wiesen ihn immer wieder auf das Thema Depressionen hin, was offenbar untrennbar mit dem Wort Burnout verknüpft war. Nur, er fühlte sich nicht depressiv. Klar, es ging ihm schlecht, er hatte Schmerzen, Schlafstörungen und alle möglichen Symptome, aber er fühlte sich schlichtweg krank. Nicht motivationslos, antriebslos und was er im Internet noch so alles zum Thema Burnout fand. Er fühlte sich genau wie bei der Grippeerkrankung wenige Wochen zuvor. Jeremy verstand das nicht. Er war verwundert. Doch da er nach der Blutuntersuchung, die keinerlei Veränderungen ergab, auch keine bessere Idee hatte, rief er schließlich bei dem Psychiater an und erkundigte sich nach einem Termin. Das Resultat war deprimierend. Der Psychiater, der ihm von seinem Arzt empfohlen wurde, hatte erst in sechs Monaten einen freien Termin. Sechs Monate!!! Was sollte er denn in dieser Zeit machen? Er konnte sich auf der Arbeit doch nicht mal eben für sechs Monate verabschieden.

Jeremy beschloss, dass er so wohl nicht weiterkommen würde und wandte sich an einen anderen Arzt. Dieser hörte ihm aufmerksam zu und untersuchte erneut seine Blutwerte. Da er jedoch ebenfalls nichts Auffälliges fand und sich keinen Reim auf die Geschichte machen konnte, schrieb er ihn krank und erkundigte sich, ob vielleicht eine Reha für ihn infrage käme. Die Idee mit dem Psychiater fand der Arzt gut und erklärte ihm, dass es sehr viele Erkrankungen mit psychosomatischer Ursache gebe, die sicherlich sein Problem erklären könnten. Jeremy ließ sich auf den Versuch ein und startete eine Reha. Der Arzt hatte in ihm Hoffnung geweckt. Vielleicht hatte er recht. Seine Arbeit in der Kita war schon sehr kraftraubend und auch wenn sie ihm Spaß machte, konnte er nicht ausschließen, dass ihn das psychisch sehr auslaugte und ihm mit einer Reha vielleicht geholfen wäre.

Sein Rehaaufenthalt dauerte mit Verlängerung insgesamt sechs Wochen. Die Bewilligung von der Rentenversicherung kam erstaunlich schnell. Offenbar war er hier bei weitem kein Einzelfall. Jedoch brachte die Reha in keinerlei Hinsicht das gewünschte Ergebnis. Die Ärzte dort waren alle überzeugt, er habe eine Form von Depressionen, setzten ihn unter Antidepressiva und versuchten, den tragischen Moment in seiner Vergangenheit auszumachen, der seine Symptome erklären könnte. Besonders erfolgreich waren sie nicht. Die sechs Wochen verstrichen, ohne dass sich wirklich etwas verändert hätte. Die Schmerzmittel, die er zusätzlich zu den Antidepressiva erhielt, halfen ihm zwar anfangs, doch er musste die Dosis immer weiter hochschrauben, bis er schließlich gar keine Wirkung mehr verspürte. Das Gleiche galt auch für die Antidepressiva, nur, dass ihm diese gar nichts brachten.

Ernüchtert und enttäuscht kam er wieder zurück. Seine Arbeit konnte er nicht fortsetzen. Seine Arbeitgeber, die ihm ihre völlige Unterstützung zugesichert hatten und ihm alles nur erdenklich Gute für seine Reha gewünscht hatten, kamen zu dem gleichen Schluss wie er. Nachdem er die Arbeit wieder aufgenommen hatte aber merkte, dass er nicht wirklich dazu imstande war, kam es zu einer Kündigung im gegenseitigen Einvernehmen. Seitdem war Jeremy daheim. Hatte immer wieder verschiedene Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen aufgesucht, darunter auch den genannten Psychiater, die zwar alles Mögliche untersuchten, aber ihm nicht wirklich weiterhelfen konnten. Alles in Frage kommende war ausgeschlossen worden und Jeremy hatte die Information erhalten, laut seiner Untersuchungsergebnisse sei alles in bester Ordnung und er solle sich darüber freuen, dass er gesund sei.

Tolle Neuigkeit. Nur war er nicht gesund. Zumindest fühlte er sich nicht so. Noch schlimmer als die Ungewissheit, was mit ihm los war, war die Frage, wie es weitergehen sollte. Er konnte nicht ewig von Sozialhilfe leben und an Erwerbsminderungsrente wollte er gar nicht erst denken. Jeremy versuchte es mit verschiedenen Mini-Jobs, die entweder viel zu anstrengend oder für ihn völlig unvorstellbar über eine längere Zeit auszuführen waren. Seit Beginn der zweiten „Grippe“ hatte sich sein Zustand deutlich verschlechtert. Ihm fiel es immer schwerer, seinen täglichen Verpflichtungen nachzukommen und seinen Haushalt zu führen.

Die kleine 2-Zimmerwohnung, in der er wohnte, gehörte seinem Onkel. Zu diesem hatte er glücklicherweise einen guten Draht und so waren die Mietkosten, relativ niedrig, trotz zentraler Lage. Dies akzeptierte die Agentur für Arbeit und zwang ihn nicht zu einem Umzug in eine kleinere Wohnung.

Die Hoffnung gab er nicht auf. Der Ärztemarathon hatte ihn zwar nicht weitergebracht aber er versuchte es stattdessen mit Dingen, die er selbst, ohne Hilfe von außen vornehmen konnte. Jeremy hatte verschiedene Bücher gelesen und probierte unterschiedliche Ansätze aus, die, wie es genannt wurde, seinen Körper in den Zustand der Selbstheilung führen konnten. Er versuchte es mit besonders gesunder Ernährung, Meditation, strenger Schlafhygiene, Besuche im Thermalbad und Spaziergänge in der Sonne, variierend in der Länge, je nach Tagesverfassung. Er hatte das Gefühl, dass ihm diese Maßnahmen schon weit mehr gebracht hatten, als das ganze Medikamentenzeug, was ihm die Ärzte verschrieben hatten, und so behielt er seine Eigenversuche bei. Allerdings war er nach wie vor noch sehr weit entfernt von dem Zustand, den er vor seiner namenlosen Erkrankung als normal bezeichnen konnte. Aber er war zuversichtlich. So gut es ihm möglich war.

Heute war das besonders schwierig. Jeremy stand in seiner Küche und seufzte. Draußen war es nach wie vor eisig kalt, grau und nass. Während er wenige Wochen davor noch Spaziergänge im Sonnenschein machen konnte, war dieses Wetter richtig deprimierend. Er warf die Fernsehzeitung, die grade abgelaufen war, in den Papierkorb neben dem Waschbecken und stellte fest, dass dieser bereits wieder voll war. Er nahm den gesamten Plastikeimer und ging vor die Tür. Ein Schild am Aufzug informierte ihn, dass der Aufzug außer Betrieb sei und er die Treppe, vier Stockwerke bis ins Erdgeschoss, nehmen musste. Na super, dachte Jeremy. Ausgerechnet heute, wo er sowieso völlig fertig war.

Er begann sich, mit dem Papierkorb in der Hand, die Treppen hinunter zu quälen.

5

Markus Kern und Kathrin Klein gingen an diesem leicht verregneten Donnerstag durch den Vorgarten von Frau Anneliese Thäler, der Ehefrau des Opfers, um sie erneut aufzusuchen. Wie der Kollege berichtete, war sie verständlicherweise beim ersten Mal nicht in der Lage, sachdienliche Hinweise zu liefern. Dieses Mal hofften sie, ein paar brauchbare Informationen zu erhalten. Die Obduktion der Leiche hatte keine wesentlichen neuen Erkenntnisse gebracht. Nur, dass das Opfer mit einer Pistole, Kaliber 9 mm, aus nächster Nähe erschossen wurde. Das war ihnen bereits bekannt. Das Kaliber war nichts Besonderes. Eine Waffe mit einem solchen Kaliber ließ sich problemlos auf dem Schwarzmarkt besorgen. Robert Thäler war binnen weniger Sekunden tot. Der Todeszeitpunkt, auf den sich der Gerichtsmediziner festlegte, stimmte in etwa mit dem Zeitpunkt überein, zu dem die Nachbarn den Schuss hörten.

Das Handy des Verstorbenen wurde von der IT-Abteilung unter die Lupe genommen. Offenbar hatte Robert Thäler kurz vor seinem Tod eine Whatsapp-Nachricht an seine Frau geschickt, um ihr mitzuteilen, dass er jetzt nach Hause komme. Weitere Anrufe gingen an Freunde und Arbeitskollegen. Die unbekannten Nummern wurden noch überprüft.

Hauptkommissar Kern ging die kurze Steintreppe zur Wohnungstür hoch und klingelte. „Wirklich schöne Wohngegend hier“, meinte Kathrin, während sie sich umsah. „Vermutlich nicht der Ort, wo man eine solche Bluttat erwartet.“ „Kann mich auch nicht erinnern, dass wir hier schon mal einen ähnlichen Fall hatten“, entgegnete Kern. „Außer einigen Wohnungseinbrüchen ist das hier eher eine sichere Gegend.“

Frau Thäler öffnete die Tür. Markus Kern und Kathrin Klein zeigten ihren Dienstausweis vor. „Kripo Stuttgart“, sagte Kern. „Mein Name ist Markus Kern und das ist meine Kollegin, Frau Klein. „Unser Beileid zum Verlust Ihres Mannes. Dürfen wir kurz reinkommen?“ Frau Thäler nickte. Sie trat beiseite und ließ sie herein. Sie wirkte sichtlich bemüht, die Fassung zu bewahren. Ihre Augen waren gerötet und sie hatte dunkle Ringe unter den Augen. „Wo sind Ihre Kinder?“, fragte Kathrin, nachdem sie das Wohnzimmer betreten hatte. „Ich hab sie zur Schule gefahren“, erwiderte Frau Thäler. „Sie sind noch zu klein, um all das zu begreifen. Sie verstehen nicht, was mit ihrem Vater passiert ist. Ich versuche, es ihnen so schonend wie möglich beizubringen.“ „Wie alt sind Ihre Kinder?“, frage Kathrin weiter. „Der Ältere ist acht, der Jüngere sechs und gerade erst eingeschult worden. Meine Mutter holt sie von der Schule ab und bringt sie dann später her.“ „Dann sind Sie hier fast den ganzen Tag allein?“, fragte Kathrin besorgt. „Ich wollte es so“, entgegnete Frau Thäler. „Ich brauche im Moment einfach etwas Zeit für mich, um das alles zu verarbeiten.“ Die Kriminalbeamten nickten.

„Also, was kann ich für Sie tun?“, fragte Frau Thäler.

„Frau Thäler, Sie hatten bereits mit meinem Kollegen gesprochen, um möglicherweise etwas Licht ins Dunkle zu bringen. Wir wollten einfach nochmal ein paar Dinge nachfragen, um sicher zu stellen, dass wir nichts übersehen haben“, schaltete sich Hauptkommissar Kern ein. „Wann hatten Sie zum letzten Mal Kontakt mit Ihrem Mann?“ „Bitte nehmen Sie erst mal Platz“, bot Frau Thäler den beiden Kommissaren an und zeigte auf die weiße Ledercouch, die gegenüber dem Fernseher stand. Oberhalb des Fernsehers befand sich ein hölzernes Regal, das an der Wand befestigt war und gerahmte Fotografien der Familie Thäler aus glücklicheren Zeiten zeigte. Auf dem vordersten Foto waren Herr und Frau Thäler zusammen mit ihren beiden Kindern im Strandurlaub zu sehen. Robert Thäler hielt seine Frau im Arm, die beiden Kinder lagen im Sand. Dahinter war je ein Foto der beiden Jungen bei der Einschulung zu sehen. Beide grinsten und hielten eine Schultüte, deutlich größer als sie selbst, in der Hand. Kern, der die Fotos betrachtet hatte, lächelte und setzte sich mit seiner Kollegin schräg gegenüber von Frau Thäler.

„Er schickte mir gegen 22.30 Uhr eine Whatsapp-Nachricht, dass er jetzt Schluss machen konnte und in einer halben Stunde daheim sei“, beantwortete Frau Thäler die Frage. „Er war wohl offensichtlich gerade aus dem Büro gegangen und wollte nur kurz Bescheid geben. Ich habe die Whatsapp-Nachricht gelesen und dachte, ich muss mir keine Sorgen machen. Er ist gleich daheim“, sagte Frau Thäler, ihre Stimme hatte zu zittern begonnen und sie kämpfte gegen die Tränen an. „Frau Thäler“, sagte Kathrin vorsichtig. „War es normal, dass Ihr Mann so spät nach Hause kam?“ Frau Thäler nickte. „Wir sind erst am Wochenende nach einer Woche Ägypten zurückgekommen, und die erste Woche nach dem Urlaub hat er immer mit einem Berg Arbeit zu kämpfen, und er mag es nicht, wenn alles liegen bleibt“, schluchzte Frau Thäler. Kathrin reichte ihr ein Taschentuch und wartete, bis Frau Thäler sich die Nase geputzt und sich wieder etwas gefangen hatte.

„Hat Ihr Mann die Woche vor Ihrem Urlaub irgendwas erwähnt, dass er sich beobachtet fühlt oder ähnliches“, fragte Kern. „Nein, nichts“, sagte Frau Thäler, die erneut mit den Tränen kämpfte. „Es war alles wie immer, nichts Ungewöhnliches.“ „Hatte Ihr Mann Feinde?“ Frau Thäler schüttelte abermals den Kopf. „Mein Mann war stets freundlich und respektvoll, sowohl gegenüber Kunden als auch gegenüber Kollegen und Freunden. Es ist für mich völlig unbegreiflich, wie ihm jemand so etwas antun kann. Wer tut so etwas Schreckliches nur?“, richtete Frau Thäler die Frage an die beiden Kommissare. „Ich begreife es nicht.“ Die beiden Kriminalbeamten blickten zu Boden. „Genau das versuchen wir herauszufinden“, sagte Markus Kern und sah wieder auf. Er holte ein Foto aus seiner Jackentasche und überreichte es Frau Thäler.

„Sagt Ihnen die Botschaft irgendetwas?“ Frau Thäler betrachtete das Foto und runzelte die Stirn. „Was ist das?“, fragte sie. „Wir hatten gehofft, Sie könnten uns das sagen. Der Täter hat am Tatort mit roter Farbe die Nachricht „Spiel mit mir“ auf einer Hauswand hinterlassen. Können Sie das irgendwie zuordnen?“

Frau Thäler schüttelte den Kopf und gab Kern das Foto zurück.

„Sagt mir gar nichts.“ „Wann ist Ihnen aufgefallen, dass ihr Mann nicht nach Hause kam?“ „Gar nicht“, sagte Frau Thäler traurig. „Ihre Kollegen haben mich geweckt, eine halbe Stunde bevor der Wecker klingelte und ich die Kinder zur Schule hätte bringen müssen. Ich muss, nachdem ich die Whatsapp-Nachricht gelesen habe, eingeschlafen sein. Die Kinder waren zu diesem Zeitpunkt bereits im Bett.“ „Verstehe“, sagte Kern. „Dann haben Sie auch den Schuss eine Viertelstunde später nicht mehr gehört?“ „Nein“, sagte Frau Thäler kopfschüttelnd. „Ich habe nichts mitbekommen.“ Kern sah seine Kollegin an und sie erhoben sich. „Ich lasse Ihnen meine Karte da. Sollte Ihnen noch irgendetwas einfallen, Sie können mich jederzeit anrufen.“ Frau Thäler nickte geistesabwesend. Einen Moment standen Kern und Klein unschlüssig im Raum. „Können wir noch irgendetwas für Sie tun?“ „Nein, vielen Dank“, sagte Frau Thäler nach einem Moment und starrte wieder auf den Boden. „Wir finden allein raus. Danke für ihre Hilfe. Auf Wiedersehen.“

Markus Kern und seine Kollegin verließen das Haus und schlossen die Wohnungstür hinter sich, während sie erneut durch den Vorgarten gingen. „Die Arme“, meinte Kathrin. „Es muss furchtbar für sie sein, zumal sie auch ihren Kindern irgendwie erklären muss, was passiert ist.“ „Jedenfalls scheint sie tatsächlich völlig ahnungslos gewesen zu sein,“ kam von Kern. „Leider hat Frau Thäler im Prinzip nur bestätigt, was uns bereits die Kollegen sagten. Keine Feinde, keine ungewöhnlichen Vorkommnisse, nichts. Wenn Robert Thäler tatsächlich über einen längeren Zeitraum von seinem Mörder observiert wurde, dann hat er entweder nichts davon mitbekommen oder nichts gesagt. Mich irritiert nur der Urlaub. Hat der Täter gewusst, dass sein Opfer jetzt für eine Woche weg sein würde, oder hat er einfach abgewartet und gehofft, er kommt wieder?“ „Keine Ahnung“, Kathrin Klein schüttelte den Kopf. „Wenn der Täter nicht aus dem näheren Umfeld des Opfers kam, kann er es kaum gewusst haben. Jedenfalls schien ihm sein Vorhaben wichtig genug zu sein, um den richtigen Moment abzuwarten. Und gegen ein Zufallsopfer spricht die Botschaft an der Wand. Unwahrscheinlich, dass Herr Thäler mitten in der Nacht in einer dunklen Gasse zufällig einem Mörder über den Weg läuft.“ „Ja, das halte ich auch für eher abwegig“, meinte Kern. „Wir können es aber nicht völlig ausschließen.“ Markus Kern öffnete die Tür seines schwarzen BMW, den er direkt vor dem Haus der Familie Thäler geparkt hatte und stieg, gefolgt von Kathrin, ein. „Sehr mysteriös.“ Kern schaute durch das Fenster zum Haus. „Spiel mit mir“, sagte er nachdenklich. Die Botschaft, die der Täter an der Wand hinterlassen hatte. „Was soll das nur bedeuten?“

In dem Moment, als Kern den Motor starten wollte, klingelte sein Handy. „Kern?“ Es war Oliver Ziegler. „Chef, ich war soeben bei dem Immobilienbüro, wo Herr Thäler arbeitete. Laut der Stempeluhr hat er um 22.25 Uhr ausgecheckt. Er war der Letzte im Büro. Es gibt leider keine Aufzeichnungen oder Überwachungskamera. Der Letzte, der ihn lebend gesehen hat, war vermutlich ein Kollege, der das Büro allerdings bereits um 19 Uhr verließ.“ „Ist ihm irgendetwas aufgefallen?“, wollte Kern wissen. „Leider nein. Herr Thäler blieb offenbar öfters länger im Büro, was an diesem Abend, angesichts der Arbeit, die sich bei ihm nach dem Urlaub angesammelt hatte, kein Wunder war. Seine Kollegen zeigten sich sehr bestürzt. Offenbar hatte Herr Thäler ein gutes Verhältnis sowohl zu den Kollegen als auch zu seinen Vorgesetzten.“

Zu allen nett, freundlich und anständig, und trotzdem liegt er jetzt tot in der Obduktionshalle, dachte sich Kern, sprach es aber nicht laut aus. „Danke für die Info. Wir fahren jetzt zurück.“ Er beendete das Telefonat. „Und?“, Kathrin sah ihn erwartungsvoll an. „Bei der Arbeit die erwartete Reaktion. Allerdings nichts wirklich Neues. Sieht auf den ersten Blick nicht so aus, als käme der Mörder tatsächlich aus dem näheren Umfeld.“

6

Julia Reißen fühlte sich beobachtet. Sie wusste nicht mehr, wann es losgegangen war. Seit einigen Wochen hatte sie immer wieder das Gefühl, jemand verfolge sie. Sie hatte sich mehrmals umgedreht, sich eingeredet, da sei niemand, doch sie wurde das mulmige Gefühl nicht los. Erst kürzlich war sie beim Einkauf in der SchwabenGalerie in Vaihingen aus dem Kaufland herausgekommen, als sie eine Gestalt auf der gegenüberliegenden Seite hatte stehen sehen, die sie beobachtete. Als sie den Blick nicht abwandte, wollte Julia schon rüber gehen und die Person ansprechen, aber in diesem Moment war sie verschwunden. Ein andermal war Julia auf dem Weg zum Bahnhof gewesen, als sie am Bahnsteig spürte, dass sie jemand ansah. Sie drehte den Kopf in alle Richtungen, doch konnte niemanden sehen, der ihren Blick erwiderte. In diesem Moment nahm sie eine Gestalt am gegenüberliegenden Bahnsteig wahr. Die Person war nicht besonders groß, trug ein schwarzes Kapuzensweatshirt und hatte die Kapuze aufgesetzt. Sie stierte genau in Julias Richtung. Beziehungsweise nicht nur in ihre Richtung. Sie stierte genau Julia an. Als die Gestalt jedoch merkte, dass Julia ihre Beobachterin bemerkt hatte, drehte sie sich um und verließ den Bahnsteig durch die Unterführung. Julia hat keine Ahnung, wer ihre Beobachterin war, aber sie war sich sicher, dass es sich um die gleiche Person handelte wie die in der SchwabenGalerie. Diese hatte zwar andere Kleidung getragen, aber der Blick und die Statur passten. Beide Vorfälle fanden vor zwei oder drei Wochen statt. Seitdem hatte Julia sich immer wieder beobachtet gefühlt. Auch auf dem Nachhauseweg von der Arbeit, wenn sie an der Bahnstation stand oder wenn sie spazieren ging. Mittlerweile war sie in ständiger Erwartung, die Kapuzengestalt wieder zu sehen, doch wenn sie sich umdrehte oder die Gegend mit den Augen absuchte, konnte sie niemanden sehen. War es nur ein Zufall gewesen? Kannte die Person sie? Aber warum starrte sie Julia dann nur an und kam nicht auf sie zu? Ihr war das unheimlich. Die Person machte ihr Angst. Sie wusste weder, wer sie war noch was sie wollte.

Und dann, ganz plötzlich, hatte es aufgehört. Das war vor etwa einer Woche gewesen. Julia hatte sich nicht mehr beobachtet gefühlt und die Person mit dem Kapuzenshirt auch nicht wieder gesehen. Sie war erleichtert gewesen, hatte die Vorfälle aus ihrem Kopf verbannt und sich wieder ihrem Alltag gewidmet. Vermutlich hatte sie einfach nur etwas überreagiert, war gestresst gewesen. Sie vergaß die Sache schnell wieder.

Doch seit zwei Tagen war das Gefühl wieder da. Julia fragte sich, ob sie vielleicht langsam durchdrehte. Es war vorgestern gewesen. Sie war Donnerstag von einem Spaziergang zurückgekommen. Morgens hatte noch die Sonne für eine kleine Runde durch den Park gelockt, doch dann hatte es angefangen, leicht zu nieseln. Sie war umgekehrt und noch etwa 700 Meter von ihrem Haus entfernt gewesen, als sie ein Geräusch hinter sich vernahm. Sie drehte sich um, aber der Weg, den sie entlang gegangen war, war leer. Es war niemand in ihrer Nähe zu sehen. Gedankenverloren ging sie weiter, doch in diesem Moment spürte sie eine Unsicherheit. Ein bedrohliches Gefühl. Das Gleiche, das sie gehabt hatte, als sie ihre Beobachterin im Einkaufszentrum oder am Bahnsteig sah. Julia ermahnte sich selbst zur Ruhe und ging weiter.

Es gelang ihr jedoch nicht, ruhig zu bleiben. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie hatte sich erneut umgedreht, aber den Weg genauso leer vorgefunden wie gerade eben. Julia wandte sich abrupt nach vorn und stieß einen spitzen Schrei aus, als sie direkt mit einer Gestalt zusammenstieß.

Ihr Nachbar. „Oh meine Güte“, sie musste lachen. „Haben Sie mich vielleicht erschreckt!“ Der große junge Mann, der mit seiner Freundin das Haus neben ihr bewohnte, betrachtete sie lachend durch die Brille. „Tut mir leid, ich wollte Sie nicht erschrecken.“ „Schon gut. Ist nicht Ihre Schuld“, meinte Julia erleichtert. Sie drehte sich nochmals um. „Ist alles in Ordnung?“, fragte der Mann, dem ihr Blick nicht entgangen war. „Sie sehen aus, als hätten Sie ein Gespenst gesehen.“ „Nein, alles bestens“, log Julia. „Ich war nur völlig in Gedanken.“ „Hab ich gemerkt“, sagte er und verabschiedete sich. In diesem Moment war Julia tatsächlich etwas erleichtert. Das bedrohliche Gefühl, das sie vor ihrem Zusammenprall mit dem Nachbarn gehabt hatte, war verschwunden.

Heute war Samstag. Julia war daheim und räumte gerade die Wäsche aus dem Trockner. Später würde ihr Freund Martin Wegel