Spionagestadt Wien - Thomas Riegler - E-Book

Spionagestadt Wien E-Book

Thomas Riegler

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Beschreibung

Seit den Tagen der Donaumonarchie ist Wien eine der wichtigsten internationalen Drehscheiben für Spionage. An zahllosen Schauplätzen der Stadt ereigneten sich über Jahrzehnte hinweg geheimdienstliche Aktivitäten. In Thomas Rieglers Buch "Spionagestadt Wien" werden sie zum ersten Mal in Form eines historischen Reiseführers aufbereitet. Es geht um Wiener Hotels und Kaffeehäuser, in denen Spionage­geschichte geschrieben wurde. Im Vordergrund stehen die vielen großen und kleinen Episoden, die den Ruf der Donaumetropole als Stadt der Spione begründen: vom Verrat des "Jahrhundertspions" Alfred Redl über den Schattenkrieg der Geheimdienste aus Ost und West in den späten 1940er-Jahren bis hin zur aktuell viel diskutierten Rolle Wiens als Operationsfeld für russische Nachrichtendienste. Riegler berichtet auch darüber, wie die CIA im Verbund mit dem Gewerkschaftsführer Franz Olah den Guerillakrieg gegen die Rote Armee im Nachkriegsösterreich vorbereitete, wo die Briten Spionagetunnel in Wien anlegten und wie Hans Maršálek in einem Haus am Deutschmeisterplatz die Wiener Staatspolizei mit aufbaute. Sein Enkel, Jan Maršálek, ehemaliges Vorstandsmitglied von Wirecard, gilt als Schlüsselfigur eines aktuellen Spionageskandals. Von der Zeit des Zaren bis zu Wladimir Putin wird das Wirken der russischen und sowjetischen Geheimdienste in Wien ebenso dokumentiert wie jenes der US-Amerikaner – von der "NSA-Villa" bis zur "Hütte" am heutigen IZD-Tower. Die Publikation ist eine nüchterne und quellenfundierte Bestandsaufnahme der Geschichte der Spionage in Wien. Sie beantwortet zentrale Fragen, wie viele Agenten tatsächlich in der Stadt aktiv und wer die Hauptakteure sind – und wo die "Hotspots" liegen.

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Seitenzahl: 379

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Thomas RieglerSpionagestadt Wien

Ein historischer Reiseführer

  

  

Umschlaggestaltung: Sophie Gudenus

ISBN: 978-3-85371-939-8(ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-85371-557-4)

Der Promedia Verlag im Internet: www.mediashop.atwww.verlag-promedia.de

Über den Autor

Thomas Riegler, Jahrgang 1977, studierte Geschichte und Politikwissenschaften an den Universitäten Wien und Edinburgh. Zu seinen Veröffentlichungen zählen unter anderem »Österreichs geheime Dienste« (2022) sowie »Der Wiener Spionagezirkel. Kim Philby, österreichische Emigranten und der sowjetische Geheimdienst« (2024), das ebenfalls im Promedia Verlag erschienen ist.

Vorwort

Um eingangs mit einem Mythos aufzuräumen: Nein, Wien ist nicht die »Welthauptstadt der Spione«. Aber seit den Tagen der ausgehenden Donaumonarchie zählt es zu den wichtigsten internationalen Drehscheiben für geheime Aktivitäten aller Art. Dieser spezielle Ruf hat Wien mittlerweile einen weiteren Tourismusfaktor eingebracht. Zahlreiche »Spionagetouren« durch die Stadt werden angeboten. Das Interesse konzentriert sich vor allem auf den in Wien gedrehten Filmklassiker DerdritteMann (1949), der zum Synonym für die Rolle als Spionageschauplatz geworden ist. BesucherInnen können die Drehorte erkunden, darunter auch jene im Kanalnetz.1 Seit 2005 gibt es ein privates ThirdManMuseum (Preßgasse 25, Margareten) und der Film wird wöchentlich im Burgkino (Opernring 19, Innere Stadt) gezeigt.

Als Kulisse für Spionagethemen ist Wien zuletzt wieder verstärkt ins Bild gerückt: Die Filme MissionImpossible: RogueNation (2015), RedSparrow (2018), AlltheOldKnives (2022) und Extraction 2 (2023) sind zu nennen. Ebenso die Serienformate BerlinStation (2018/19), JackRyan (2021) und TheRecruit (2022). In letzterer Produktion wird Wien sogar als die »Olympischen Spiele der Spionage« bezeichnet, wo jeder Geheimdienst sein »A-Team« hinschicke.

In der internationalen Presse wird Wien immer wieder mit Spionage-Superlativen bedacht. Besonders stark fiel das Echo aus, nachdem der Wiener Flughafen 2010 zum Ort des größten Austauschs von Spionen zwischen den USA und Russland seit Ende des Kalten Krieges wurde. Niemand geringerer als der damalige CIA-Direktor Leon Panetta meinte: »Alles, was fehlte, war der Klang einer Zither, die das Thema des Films DerdritteMann spielte.«2 Die NewYorkTimes befand, dass der Austausch nichts Unheimliches an sich hatte: »Doch er erinnerte uns daran, dass Wien seit über einem Jahrhundert eine herausragende Rolle im düsteren europäischen Spionagespiel spielt.«3

Mit der Zeit wurde der Unterton kritischer: So warnte die FinancialTimes 2023, Wiens »Spionageproblem« gerate außer Kontrolle: »Es ist wirklich der Wilde Westen.«4 Diese Diskrepanz zeigt, dass der Zusammenhang zwischen Wien und Spionage längst nicht nur über harmlose Reminiszenzen an den Kalten Krieg hergestellt wird, sondern als Teil der sich verschärfenden geopolitischen Konfliktlage.

Das Image von Wien als Spionagestadt durchläuft einen Wandel und hat an Aktualität noch zugenommen. Umso wichtiger ist ein differenzierender Blick darauf, denn bei aller Geläufigkeit des Themas gibt es bislang wenig quellengestütztes Wissen darüber, warum Wien dieses Image verpasst bekam. Genau diese Frage hat mich persönlich über viele Jahre beschäftigt. Als Ergebnis dieses Rechercheprozesses lege ich nun dieses Buch vor.

Einerseits soll dieser Band eine Lücke schließen, andererseits geht es mir darum, Spionagegeschichte in Wien konkret zu »verorten«. In dieser Stadt existieren viele unbekannte Plätze, an denen sich Spionagegeschehen ereignete oder die noch heute im Fokus von geheimdienstlicher Aufklärung stehen. Im Rahmen dieser Publikation werden mehr als 100 Wiener Adressen mit Spionagebezug erstmals aufbereitet. Es handelt sich aber um keinen klassischen Reiseführer. Vielmehr bette ich die verschiedenen Orte in eine nicht chronologisch verlaufende historische Erzählung ein. Die Gegenwart spielt dabei genauso eine Rolle wie die Vergangenheit.

Diese Erkundungsreise führt unter anderem in Wiener Hotels und Caféhäuser, wo Spionagegeschichte geschrieben wurde, an mondäne Innenstadtlagen und an die Peripherie. Neben einigen »Klassikern« handelt es sich hauptsächlich um Adressen, die man auf den ersten Blick nicht mit dem »zweitältesten Gewerbe der Welt« in Zusammenhang bringen würde. Im Vordergrund stehen die vielen »großen« und »kleinen« Spionagegeschichten, die den Ruf Wiens als Stadt der Spione begründen: Vom Verrat des angeblichen »Jahrhundertspions« Alfred Redl über den Schattenkrieg der Geheimdienste aus Ost und West Ende der 1940er-Jahre bis hin zur aktuell viel diskutierten Rolle Wiens als Operationsfeld für russische Spionageaktivitäten. Zusätzlich konzentrieren sich mehrere Fallgeschichten auf bestimmte Einzelakteure oder Vorkommnisse. Hierfür konnten unter anderem im Österreichischen Staatsarchiv/Archiv der Republik neue Primärquellen erschlossen werden. Die relevante Sekundärliteratur zu Wien und Spionage ist voluminös. Zu nennen sind hier vor allem die journalistischen Monografien von Emil Bobi (Die Schattenstadt: Was 7.000 Agenten über Wien aussagen, 2014), Harald Irnberger (Nelkenstrauß ruft Praterstern, 1981) sowie Kid Möchel (Der geheime Krieg der Agenten, 1997).

Was die historische Forschung betrifft, hat sich Siegfried Beer als Erster intensiv mit den angloamerikanischen Diensten und Wien im frühen Kalten Krieg beschäftigt, das Grazer Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung mit den sowjetischen und osteuropäischen Pendants.

Weiters wurde für dieses Buch auf Memoiren von in Wien stationierten US-amerikanischen und sowjetischen Geheimdienstveteranen zurückgegriffen, die ebenso wie die damalige Medienberichterstattung mit Vorbehalt zu lesen sind.

Die vorliegende Publikation liefert auch neue Einblicke in die Entwicklung der österreichischen Nachrichtendienste. Diese Intelligence Community setzt sich zusammen aus dem für Auslandsaufklärung zuständigen Heeres­nachrichtenamt (HNaA), der militärischen Spionageabwehr (Abwehramt, AbwA) sowie der polizeilichen Direktion für Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN), zu deren Vorläufern die Staatspolizei bzw. das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) zählten.

Schließlich möchte ich mich persönlich bedanken – beim tschechischen Historiker Petr Kaňák und beim Spionageexperten »Le Cueilleur« für den wertvollen Input, bei Bernhard Odehnal für Feedback zum Manuskript, beim Team des Promedia Verlags für die bewährte Zusammenarbeit und bei meiner Familie für viel Geduld und Unterstützung.

Thomas Riegler,Wien, im Jänner 2026

1 Siehe dazu: drittemanntour.at/de/kanaltour.

2 Leon Panetta, Worthy Fights. A Memoir of Leadership in War and Peace, New York 2014, 284.

3 Nicholas Kulish, Vienna Still a Spot for Cloak-and-Dagger Work, in: The New York Times, 9. 7. 2010.

4 Sam Jones, »It’s really the Wild West«: Vienna’s spying problem spins out of control, in: The Financial Times, 13. 7. 2023.

1. Einleitung: Spionagestadt Wien – Mythos und Realität

Was genau ist eine Spionagedrehscheibe? Es handelt sich um einen Ort, an dem Geheimdienste ihrer Hauptaufgabe besonders gut nachkommen können, nämlich geheime Informationen zu sammeln. Was Wien und andere Orte in diesem Zusammenhang auszeichnet, ist die geografische Lage, oft ein neutraler Status, die Präsenz internationaler Organisationen und eine breite Palette diskreter Dienstleistungen, die nicht nur Spione schätzen.

Manchmal genügt schon Geopolitik, um einen Ort für Spionage zu prädestinieren: So liegt die türkische Metropole Istanbul am Bosporus, der Nahtstelle zwischen Europa und Asien. Dieser wesentliche Faktor erklärt, warum die Stadt stets eine wichtige Rolle in der Geschichte der Spionage spielte, sowohl im Zweiten Weltkrieg als auch im Kalten Krieg und bis heute. Ebenso gilt Malta als eine »Insel der Spione«, weil es seit jeher ein strategischer Knotenpunkt im Zentrum des Mittelmeers ist. Jüngeren Datums sind der Ruf als Geldwäscheparadies und die 2025 vom Europäischen Gerichtshof als rechtswidrig eingestuften »Goldenen Pässe«, die Staatsbürgerschaft zu einer Ware machten. Dieselbe Kombination aus Geografie und steuerschonender Jurisdiktion zeichnet auch das an der Mittelmeerküste gelegene Monaco aus. Das Fürstentum wurde 2025 von der EU als Geldwäsche-Hochrisikoland eingestuft und gilt als Rückzugsort russischer Oligarchen sowie hochrangiger Geheimdienstler.

Der Inselstaat Zypern ist wie ein Flugzeugträger dem Nahen Osten vorgelagert. Nicht umsonst befinden sich in Akrotiri und Dhekelia zwei britisch kontrollierte Militärbasen aus den Tagen des Empires. Dort betreibt das GovernmentCommunicationsHeadquarters (GCHQ) gemeinsam mit der US-amerikanischen NationalSecurityAgency (NSA) Signals Intelligence (SIGINT)-Spionage gegen den Mittleren Osten. Die Basen auf Zypern werden, wie weitere Stützpunkte auf der Insel Diego Garcia im Indischen Ozean oder Ascension im Südatlantik, dazu genutzt, global Kommunikation abzufangen.5Davon abgesehen war Zypern, insbesondere die Hauptstadt Nikosia, während des Kalten Krieges ein besonders heißes Pflaster, von wo aus neben den USA auch die UdSSR und mehrere west- und osteuropäische Staaten ihre nachrichtendienstliche Aufklärung des Nahen Ostens koordinierten.6

Eine weitere geografisch bedingte Spionagestadt ist Mexiko-Stadt, die mit einem großen Vorteil trumpft: der Nähe zu den USA. Deshalb stellte die Millionenmetropole während des Kalten Krieges einen Hauptschauplatz des Geheimdienstkriegs zwischen Ost und West dar. Bis heute gilt die Stadt als ein »Nest« für russische Spione. Umgekehrt befindet sich dort einer der größten Auslandsstützpunkte der US-amerikanischen CentralIntelligenceAgency (CIA). Diese hat so nicht nur ein wachsames Auge auf die Aktivitäten anderer Geheimdienste, sondern auch auf den Nachschub an Drogen und die Migrationsströme aus Lateinamerika, die Mexiko in Richtung US-Grenze passieren.

Eine überdimensionale US-Botschaft ist meistens ein guter Indikator für die Relevanz eines Ortes. Das trifft insbesondere auf Beirut zu, wo sich nach Bagdad die zweitgrößte diplomatische Vertretung der USA weltweit befindet. Während der riesige Komplex in der irakischen Hauptstadt vor allem der herausfordernden Sicherheitslage nach der US-Invasion 2003 geschuldet ist, wirft die Präsenz in Beirut ein Schlaglicht auf die Bedeutung der libanesischen Hauptstadt als »Tor« zum Nahen Osten. Kim Philby, der gefährlichste Doppelspion des Kalten Krieges, war zuletzt in Beirut stationiert und schiffte sich von dort aus 1963 in die Sowjetunion ein.

Bangkok, die Hauptstadt Thailands, ist ebenfalls dazu »verdammt«, eine Spionagedrehscheibe zu sein. Zentral in Südostasien gelegen, an der Schnittstelle wichtiger Seerouten, ist die Stadt von Megacities wie Hongkong oder Singapur in kurzer Flugzeit erreichbar. Heute gilt Bangkok als Spielwiese der chinesischen Geheimdienste. Davor spielte es schon im Zweiten Weltkrieg eine wichtige Rolle, als das US-amerikanische OfficeofStrategicServices (OSS) Guerilla-Operationen an der Grenze zu China und Burma durchführte.

Eine Spionagestadt jüngeren Datums ist Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Der Ort am Golf von Oman fungiert schon seit Jahrhunderten als wichtiger Umschlagplatz für Gold, Diamanten und Agrarprodukte wie Tee und Kaffee. Mittlerweile sind die VAE zum achtgrößten Ölförderer aufgestiegen und bieten eine moderne Geschäftsinfrastruktur, Bankendienstleistungen und kaum Regulierung.7 Das Emirat präsentiert sich politisch neutral. Es lockt mit niedrigen Steuern und Immobilien, aber auch damit, dass mit vielen Ländern kein Auslieferungsabkommen besteht.

Auf dem afrikanischen Kontinent gilt das strategisch gelegene Südafrika und vor allem die Hauptstadt Pretoria als Zentrum eines neuen GreatGame um Einfluss und Bodenschätze. Noch im Zweiten Weltkrieg hatten sich die marokkanischen Hafenstädte Tanger und Casablanca einen legendären Status verdient, der aber in der Zwischenzeit verblasst ist.

Neben der Geografie spielt auch die politische Bedeutung eine Rolle, die einige Städte automatisch zu Spionage-Hotspots macht. Bestes Beispiel dafür ist Washington, wo sich die politischen Schaltstellen der USA und das UN-Hauptquartier befinden. Die britische Hauptstadt London zählt zu den weltweit größten Finanz- und Bankenplätzen und ist ein Verkehrshub von internationaler Bedeutung. Im Vergleich dazu erweist sich die Spionageabwehr in Peking oder Moskau als so engmaschig, dass es für ausländische Geheimdienste viel zu riskant ist, dort zu operieren. Spionagedrehscheiben zeichnen sich daher auch dadurch aus, dass dem Spionieren möglichst wenig Widerstand entgegengebracht wird – weder gesetzlich noch durch eine überbordende Abwehr.

Der wichtigste europäische Spionage-Hotspot ist zweifellos Brüssel, das EU-Institutionen, die NATO, die Weltzollorganisation (WZO) und die EuropäischeOrganisationzurSicherungderLuftfahrt (EUROCONTROL) beherbergt. Hinzu kommen rund 100 weitere internationale Organisationen und 300 ausländische diplomatische Vertretungen. Insgesamt beschäftigen diese rund 26.000 registrierte Diplomaten.8 Neben Brüssel beanspruchen auch Genf und Den Haag Spitzenplätze, denn beide Städte verfügen über eine außergewöhnliche Dichte an internationalen Organisationen. So ist Genf Gastgeber für das Büro der Vereinten Nationen, die Welthandelsorganisation (WTO) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Außerdem fungiert die Stadt als Handelszentrum. Im niederländischen Den Haag finden sich der InternationaleGerichtshof (IGH), der InternationaleStrafgerichtshof (IStGH) und die OrganisationfürdasVerbotchemischerWaffen (OPCW). Darüber hinaus sind Institutionen wie Europol, die EU-AgenturfürjustizielleZusammenarbeitinStrafsachen (Eurojust) und das EuropäischePatentamt (EPA) ansässig. All diese Einrichtungen stellen Top-Ziele für Geheim- und Nachrichtendienste dar.

Ein weiterer Schlüsselraum in Sachen Spionage ist der an der EU-Peripherie gelegene Westbalkan: Das visumfreie Montenegro etwa hat sich mittlerweile zur Heimat einer großen Diaspora aus der Ukraine, Belarus und Russland entwickelt, für die das Land aufgrund der kulturellen Nähe attraktiv ist.9 Die serbische Hauptstadt Belgrad geriet infolge des Ukrainekrieges zu einem führenden russischen Geheimdienststützpunkt. Die gesamte Region ist wachsender Einflussnahme seitens Chinas und der Golfregion ausgesetzt. Mittels Direktinvestitionen und Krediten werden neue Abhängigkeiten zementiert, während die Attraktivität einer EU-Mitgliedschaft schwindet.

Zu einem Zentrum chinesischer und russischer Spionage in unmittelbarer Nachbarschaft Österreichs ist die ungarische Hauptstadt Budapest aufgerückt.10 Zusätzlich brisant ist, dass das zunehmend autoritäre Ungarn seine eigene geheimdienstliche Aufklärung gegen EU-Institutionen richtet.11

Was Wien im Vergleich zu den bereits angeführten Beispielen so speziell macht, liegt an einer Kombination mehrerer spionagefördernder Faktoren: Geografie, Neutralität, diplomatischer »Begegnungsort« und schwache Spionageabwehr.

Zunächst einmal liegt die österreichische Hauptstadt zentral in Mitteleuropa, was kurze Wege in insgesamt acht Nachbarstaaten ermöglicht. Daraus ergibt sich eine wesentliche Funktion als Transitraum und Bindeglied. Verschiedene Ströme queren das Land via Straße und Schiene, über die Donau oder über Gas- und Erdöl-Rohrleitungen. Wien ist ein Drehkreuz in alle Richtungen – so etwa über die »Balkanroute« in Richtung Griechenland, Bulgarien und Türkei. Seit den Kreuzzügen handelt es sich bei dieser um eine der wichtigsten Handels- und Heeresstraßen in Europa.

Deutlich jünger ist der Flughafen Wien-Schwechat, der zahlreiche Verbindungen, insbesondere in den arabischen Raum, bietet. Eben weil Wien ein solcher Knotenpunkt ist, finden sich hier zahlreiche Zentral- und Osteuropa-Hauptquartiere von internationalen und heimischen Konzernen aus den Bereichen Energie, Energiewirtschaft und High-Tech, was wiederum Wirtschaftsspionage anzieht.12

Einen weiteren gewichtigen Faktor stellt die Neutralität dar. Bündnisfreie Länder waren vor allem in Kriegszeiten quasi automatisch Spielwiese der Geheimdienste der verschiedenen Parteien. Die Schweiz erfüllte diese Rolle in beiden Weltkriegen. Spanien und Schweden dienten als Drehscheiben im Zweiten Weltkrieg. Österreich wurde dagegen nach 1955 zu einer neutralen »Insel« in unmittelbarer Nähe des Eisernen Vorhangs. Das Ende des Kalten Krieges und der EU-Beitritt haben die Neutralität freilich zunehmend aufgeweicht. Dennoch spielt »neutraler Boden« eine wichtige Rolle in der Welt der Spionage, etwa wenn Geheimdienstoffiziere mit ihren Quellen zusammenkommen sollen. Das lebenswerte und touristische Wien hat damit stets gepunktet. In einem launigen Artikel für den Playboy schrieb der Journalist Klaus Stephan 1984: »Niemand kann mir ausreden, dass es sich für Spione in Wien besonders angenehm lebt: Die Stadt ist schön, das Essen gut, die Grenzen nach Osten und Westen mehr oder minder offen.«13

Ob darüber hinaus die Wiener Mentalität einen Faktor ausmacht, der Spionage begünstigt, ergründete der Journalist Emil Bobi in seinem Buch DieSchattenstadt (2014). Auch wenn sich dies kaum objektiv belegen lässt, so besticht Wien laut Bobi damit, dass »der Wiener ist, wie er ist«. In der Gegenwart des Wieners würden sich »Geheimdienstler« »verstanden, geborgen, bedient« fühlen: »Sie treffen auf ein mentales Milieu, das ihnen bekannt erscheint und entgegenkommt. Denn mit Geheimnissen zu handeln, ist im tieferen Sinn eine der Urkompetenzen der Wiener Gesellschaft, die als Produkt ihrer besonderen politischen und psychosozialen Geschichte geradezu eine Volkskultur der Spionage hervorgebracht hat. Der Wiener ist ein Natur-Agent. Und seine Stadt ein wahres Schlaraffenland für Geheimdienstler.«14

Wien sei überhaupt zu einem »Magnet und Zufluchtsort für undurchsichtige Gestalten« geworden, »die sich selbst, ihre Familien und ihr Geld in Sicherheit bringen und dabei gut leben wollen«. Für diese Zielgruppe halte die Stadt »historisch gewachsene Strukturen parat, die nicht nur diesen Gästen, sondern auch dem Land Vorteile bringen. Das war zwar nicht immer sympathisch, aber fast immer nützlich«, so Bobi.15 Zu diesen Vergünstigungen zählen eine Vielzahl diskreter Steuerberater und Rechtsanwälte, das (2016 abgeschaffte) Bankgeheimnis, das Rechtsinstitut der Privatstiftung, das weiterhin genügend Schlupflöcher bietet, sowie eine lange Tradition des Passhandels. Es erweist sich auch als leichte Übung, einen Privatjet ins österreichische Luftfahrtregister einzutragen, wobei viele dieser Flugzeuge ihren tatsächlichen Standort im Ausland haben.16

Nicht umsonst haben viele ehemalige Geheimdienstler Wien Rosen gestreut: Wladimir Krjutschkow, bis 1991 letzter Vorsitzender des sowjetischen KomiteesfürStaatssicherheit (KGB), meinte über die Stadt: »Es war ein guter Ort für die Arbeit und die Österreicher sind sehr tolerant. Ich denke, die Vertreter verschiedenster Geheimdienste haben in Wien eine gewisse Freiheit genossen.«17

Nicht viel anders lautete der Befund von KGB-Offizier Oleg Kalugin: »Wie immer bin ich nach Wien mit einem Diplomatenpass als Gesandter des sowjetischen Außenministeriums gereist. Ich habe diesen grünen Diplomatenpass an der Einwanderungskontrolle vorgezeigt und ein Offizieller hat mich durchgewinkt. Niemand hat mein Gepäck überprüft. Österreich war ein komfortabler Ort, um ein Spion zu sein.«18 Der CIA-Veteran Jack Devine geriet regelrecht ins Schwärmen, weil Wien nicht nur ein »gutes Jagdrevier für Agenten«, sondern auch »wunderschön« sei: »Es gibt kein Denguefieber oder Menschen, die andere köpfen. All das machte es zu einer Stadt, in der jeder sehr aktiv war.«19 Dass Wien dieser Ruf vorauseilt, bestätigte zudem der erste Direktor des BundesamtsfürVerfassungsschutzundTerrorismusbekämpfung (BVT), Gert-Rene Polli: »Wien gilt als Traumdestination für jeden Spion.«20

Bei der CIA ist man in der Regel etwa drei Jahre Stützpunktleiter (ChiefofStation, COS) in Wien, bevor man eine noch prestigeträchtigere Position im CIA-Hauptquartier in Langley erhält. Viele Beamte, die den Posten in der österreichischen Hauptstadt innehatten, wurden später Leiter der Europa-Abteilung. Unter ihnen befand sich zum Beispiel der stellvertretende CIA-Direktor für Operationen, David Marlowe, der für alle verdeckten Missionen zwischen 2021 und 2023 verantwortlich war. Ein weiteres Beispiel ist »Jonathan R.«, der bis zu seiner Abberufung 2021 als COS in Wien agierte. Seine Karriere begann laut IntelligenceOnline in den 1990er- und 2000er-Jahren, als R. in verschiedenen Schlüsselpositionen, hauptsächlich im Nahen Osten, diente. 1994 wurde er in die sudanesische Hauptstadt Khartum versetzt und war vermutlich an der Verfolgung von Osama bin Laden beteiligt.21

Lässt sich Spionage in Wien irgendwie qualifizieren? Dazu gibt es wenig gesichertes Wissen. Für das deutsche Nachrichtenmagazin DerSpiegel war mit dem Bau der Berliner Mauer und der Abriegelung der Sektorengrenze am 13. August 1961 jener Tag gekommen, an dem Wien »mit 5.000 ausländischen Agenten Berlin als europäische Spionage-Drehscheibe« ablöste.22 Diese Zahl wurde noch 1984 von dem Journalisten Klaus Stephan rezipiert. Er schrieb, dass »nach seriösen Schätzungen etwa 5.000 Spione in Wien ansässig sind, davon etwas mehr als die Hälfte aus dem Ostblock, die anderen aus dem Westen. Das sind die Profis, die auf den Planstellen der Botschaften und in den Export-Import-Firmen sitzen; mittags auf Spesen und abends zum Heurigen einladen können.«23

2009 beantwortete BVT-Direktor Peter Gridling die Interviewfrage, »wie viele Agenten« eigentlich in Wien leben würden, mit der Aussage: »Einige Hundert, die wir tatsächlich zuordnen können.«24 2018 kam Gridling nochmals auf das Thema zu sprechen und räumte dabei mit dem Mythos von Wien als Spionagestadt Nr. 1 auf: »Ich bin froh, dass Brüssel Wien überholt hat und in Brüssel nun eine größere Dichte sogenannter Geheimdienste von außerhalb der EU zu finden ist als hier.« Auf die Frage, wie viele ausländische Agenten an diplomatischen Vertretungen arbeiten würden, antwortete Gridling: »Wir sprechen von einer Gemeinschaft von Hunderten von Menschen. Aber weniger als 1.000.« Genauere Angaben wollte er nicht machen.25

Gridlings Vorgänger Polli wies 2013 darauf hin, dass die in Österreich tätigen ausländischen Geheimdienstoffiziere den heimischen Behörden nur dann bekannt seien, »wenn es sich um offiziell akkreditierte Mitarbeiter solcher Behörden handelt«. Veröffentlicht werden solche Zahlen laut Polli nicht. Aber »Insider« schätzten die ausländischen Nachrichtendienstmitarbeiter »auf 2.000 bis 3.000 Personen«. Dies inkludiere auch den »nicht-offiziellen« Anteil, also all jene, die nicht an einer Botschaft akkreditiert sind.26

Der Historiker Siegfried Beer, Doyen der IntelligenceStudies in Österreich, schätzte, dass die Hälfte der rund 17.000 in Wien stationierten Diplomaten »zumindest eine Verbindung zu einer Geheimdienstorganisation haben«.27 Diese Zahl wird seitdem oft repliziert, Widerspruch blieb aus. Ein Artikel in der KronenZeitung vom 29. Juli 2023 rechnete vor, dass in Wien »aktuell knapp 10.000 Agenten ihren geheimen Aufträgen nachgehen«. Auf die Frage nach dem »Warum?« meinte ein anonymer »Insider«: »Wir haben traditionell etwas schlaffere Gesetze. Wenn nicht Österreich ins Fadenkreuz rückt, dann wird in der Regel wenig unternommen. Bei den Gesetzen wurde zuletzt etwas nachgeschärft und der Strafrahmen erhöht. Unbestritten bleibt, dass Wien ein dankbares Pflaster ist. Viele internationale Organisationen sitzen hier, und wir sind die Drehscheibe zwischen Ost und West.«28

Gridlings Nachfolger an der Spitze der vom BVT zur DirektionfürStaatsschutzundNachrichtendienst (DSN) umgebauten Behörde, Omar Haijawi-Pirchner, betonte 2025 im Interview mit dem Autor dieses Buches: »Ich kann keine sichere Zahl nennen. Plausibel ist es, von einer Anzahl im niedrigen vierstelligen Bereich auszugehen. Wir kennen viele ausländische Geheimdienstmitarbeiter, ob unter diplomatischer Tarnung oder nicht. Aber alle kennen wir sicher nicht.«29

Die konkreten Menschen hinter den Zahlen sind – wie im Spionagegeschäft üblich – kaum bekannt. Es gibt aber einige Publikationen, aus denen sich Rückschlüsse darauf ziehen lassen, wer genau in Wien spioniert hat. 1968 veröffentlichte der Major des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und Autor Julius Mader ein Who’swhoinCIA, ein »biografisches Nachschlagewerk über Mitarbeiter der zivilen und militärischen Geheimdienstzweige der USA in 120 Staaten«. Das Buch stellt freilich keine objektive Quelle dar, sondern entstand im Rahmen einer »aktiven Maßnahme« im Propagandakampf zwischen Ost und West. Man wollte der CIA durch das Outing von angeblichen Mitarbeitern schaden. Ungeachtet dessen offenbaren einige der Namensnennungen bereits Bezüge zu Wien: So outete Mader den CIA-Offizier John Whitten, von dem in einem anderen Kapitel noch die Rede sein wird.30

Der tschechoslowakische Überläufer Ladislav Bittman berichtete später, dass das Who’swhoinCIA in Wirklichkeit im Rahmen einer gemeinsamen Operation des MfS mit der tschechoslowakischen Staatssicherheit (StB) aufbereitet worden war. Es habe mehrere Jahre gedauert, um die Namensliste zusammenzustellen. Die Hälfte der genannten Personen sei tatsächlich von der CIA gewesen. Die andere Hälfte bestand hauptsächlich aus US-Diplomaten und anderen Beamten, von denen man angenommen habe, dass es ihnen nicht schaden würde, wenn man sie oute.31

Im Gegenzug veröffentlichte 1974 der ehemalige US-Geheimdienst­mitarbeiter John Barron das Buch KGB. Arbeit und Organisation des sowjetischen Geheimdienstes in Ost und West. Es enthielt einen 35-seitigen Appendix mit Namen Hunderter sowjetischer Geheimdienstmitarbeiter. Diese Enthüllung war freilich nur dank verdeckter Hilfe der CIA möglich, die das sowjetische Geheimdienstpersonal teils anhand von geheimen Quellen identifiziert hatte. Barron will sich auch anderer Quellen bedient haben.

Im KGB gab es daraufhin angeblich Diskussionen darüber, ob man »jeden CIA-Offizier weltweit« enttarnen solle. Doch KGB-Chef Juri Andropow dürfte sich dafür entschieden haben, nicht weiter zu eskalieren. Die enttarnten Geheimdienstoffiziere wurden nie darüber informiert, dass ihre Namen in einer westlichen Publikation auftauchten.32 Barrons Buch nennt 48 Namen von Angehörigen des KGB bzw. vom Militärgeheimdienst GRU, die in Wien Dienst taten. Auffallend sind in der Liste etwa Iwan I. Iyyischew (GRU, sowjetischer Hochkommissar in Österreich 1954), Sergej M. Kudrjawzew (Botschafter in Österreich 1952−1955) sowie Sergej A. Kondraschew, der spätere Führungsoffizier des Doppelagenten George Blake und Leiter des Dienstes A (Desinformation) des KGB. Nikolai J. Galajew (GRU) wurde 1961 ausgewiesen. Der ebenfalls genannte Botschaftsangestellte Boris I. Zarew (KGB) war zwischen 1967 und 1968 in Wien33 und wurde von der Staatspolizei als ein Koordinator von Agentenschleusungen in die CSSR vor der Niederschlagung des »Prager Frühlings« identifiziert.34KGB-Generalmajor Genrikh Kokorev war laut Barrons Auflistung von 1965 bis 1969 in Wien. Er kehrte 1982 als Botschaftsrat zurück und kontrollierte insgeheim den KGB-Spionageapparat in Österreich. 1992 wurde eine Einreisesperre verhängt. Es hieß, Kokorev sei »sehr eng an allen offensiven KGB-Operationen beteiligt, die in Österreich gegen westliche Interessen durchgeführt wurden«.35 Nicht auf Barrons Liste steht zum Beispiel Viktor N. Andrianov, der nach seiner Stationierung in Wien zu einem »Spitzenmann« der GRU avancierte.36

Neben diesen von den Geheimdiensten selbst betriebenen Enthüllungen gab es noch einen abtrünnigen CIA-Agenten, der Namen preisgab: Der in Lateinamerika eingesetzte Philip Agee war zuvor selbst in Maders Buch genannt worden.37 Eben dieser Agee brach 1973 mit der CIA. Ob er als Whistleblower oder als ferngesteuerter Verräter agierte, ist bis heute umstritten. Laut Unterlagen, die der KGB-Archivar Wasili Mitrochin in den Westen brachte, erhielt Agee vom KGB den Decknamen PONT.38 1971 verbrachte Agee einen mehrmonatigen Rechercheaufenthalt in Havanna und stand dort mit kubanischen Offiziellen in Kontakt. Der kubanische Geheimdienst DireccióndeInteligencia (DGI) dürfte das Wissen, das er durch Agee gewann, mit dem KGB geteilt haben.39 1978 enthüllte Agee unter anderem den Namen des Wiener CIA-Stationschefs: Hugh Montgomery hatte 1974 in der Stadt gedient, bevor er weiter nach Rom wechselte.40 Im Jahr 1979 brachte das österreichische Extrablatt nicht nur ein Interview mit Agee, sondern enthüllte auch gleich 45 Namen angeblicher »CIA-Agenten in Wien«.41

Für eben solche Spione bot Wien im Kalten Krieg viele potenzielle Ausspähungsziele. Und so ist es heute noch. In der Stadt sind aktuell rund 50 internationale und quasi-internationale Organisationen, 124 Botschaften und 199 multilaterale Vertretungen ansässig. Diese beschäftigen insgesamt rund 12.700 Personen, einschließlich des diplomatischen Personals. Besonders bedeutend für die Nachrichtendienste ist Wien als einer der vier Amtssitze der UNO, neben New York, Genf und Nairobi. Bereits 1957 siedelte sich die InternationaleAtomenergiebehörde (IAEO) an, die sich um nukleare Sicherheit, Nuklearwissenschaften sowie Kernmaterialüberwachung kümmert. Vor allem soll sie die Proliferation von Kernwaffen durch Überwachungsmaßnahmen im Rahmen des Nichtverbreitungsvertrags (NVV) von 1968 verhindern. Das macht die IAEO zum wahrscheinlich wichtigsten Wiener Spionageziel. 1965 folgte die OrganisationerdölexportierenderLänder (OPEC) und 1966 die OrganisationderVereintenNationenfürindustrielleEntwicklung(UNIDO). 1995 siedelte sich mit der OrganisationfürSicherheitundZusammenarbeitinEuropa (OSZE) ein weiteres Schwergewicht in Wien an.

Internationale Organisationen in die Stadt zu bringen, stellte unter den Gründern der 2. Republik einen parteiübergreifenden Konsens dar. Niemals wieder sollte Österreich in eine so isolierte Lage geraten wie 1938, als lediglich Mexiko gegen den deutschen Einmarsch mit einer Protestnote reagierte. Nach 1945 versprach man sich Sicherheit und Frieden durch Einbindung. Außenminister Lujo Tončić-Sorinj (ÖVP) umschrieb diese Strategie 1967 so: »Eine der wesentlichen Zielsetzungen der Bundesregierung ist es, Österreich im internationalen Denken immer stärker zu verankern und damit die Sicherheit und Unabhängigkeit des Landes zu festigen. In der Erkenntnis, dass die Niederlassung internationaler Organisationen ebenso wie die Abhaltung großer internationaler Konferenzen diesen Bestrebungen entgegenkommt, war es seit jeher die Politik der Bundesregierung, alle sich in dieser Hinsicht ergebenden Möglichkeiten zu nutzen. Es liegt auch in der Funktion des neutralen Staates, als Ort der Begegnung zu dienen.«42

Von großer Symbolik war die Übergabe des ViennaInternationalCentre (VIC) an die UNO 1979. Die offizielle Position dazu lautete, es gehe nicht nur darum, »das internationale Gewicht Österreichs zu vermehren, sondern auch die Sicherheit und Unabhängigkeit des Landes zu festigen.« In der WienerZeitung wurde ergänzt: »In der Tat dürfte es sich der Warschauer Pakt zweimal überlegen, ob er bei einer Konfrontation mit dem Westen oder einem Vorstoß nach Jugoslawien nach dem Tod von Staatschef Tito wirklich zwangsläufig eine Festung der Vereinten Nationen erobern will.«43

Der Begegnungsort zahlte sich darüber hinaus wirtschaftlich aus. Das zeigen auch aktuelle Zahlen. Eine Studie des ÖsterreichischenInstitutsfürWirtschaftsforschung (WIFO) schätzte für das Jahr 2023 »direkte, indirekte und induzierte Effekte von rund 20.000 Beschäftigten und 1,7 Mrd. € an Wertschöpfung in Österreich in Verbindung mit den Internationalen Organisationen und diplomatischen Vertretungen«.44 Jährlich kommen 50.000 Menschen nach Wien, um an Konferenzen im VIC teilzunehmen. Ebenfalls positiv wirkt sich aus, dass von den 5000 UN-MitarbeiterInnen aus 150 Ländern rund ein Drittel österreichische Staatsbürger sind. Allerdings entstehen auch Kosten. So werden für die anstehende Renovierung des VIC mehr als 300 Millionen Euro veranschlagt.45 Langfristig schlägt sich der anhaltende Bedeutungsverlust der UNO und der OSZE nieder. Istanbul und Doha (Katar) stiegen zu den bevorzugten Verhandlungsorten auf. Allenfalls die IAEO bleibt weiterhin relevant.

Eine Konsequenz, die in den Überlegungen der Politik nie eine Rolle spielte, liegt ebenfalls auf der Hand: Seit den Anfängen internationaler Diplomatie in der Renaissance ging diese stets mit Spionage einher. Eine Bedrohung für die eigene Sicherheit wurde darin aber noch nicht gesehen. Bereits die ausgehende Habsburgermonarchie mit ihren vielen unterschiedlichen Nationalitäten bot der Spionage einen fruchtbaren Nährboden. Insbesondere das zaristische Russland war seit Ende des 19. Jahrhunderts in Wien aktiv – wegen der Rivalitäten am Balkan oder im Grenzraum Galizien. 1889 verurteilte man zum ersten Mal einen russischen Spion: Jechiel Igel alias Iwan Popow wurde vorgeworfen, die Hornsignale der k. u. k-Armee und ihre Zwiebackvorräte ausgeforscht zu haben.46 Im Jahr 1908 verzeichneten die Behörden 60 Spionageverdächtige, im Jahr darauf waren es doppelt so viele.47

Außerdem wurden in Wien bolschewistische Revolutionäre und andere Exilanten geduldet. In den 1920er- und 1930er-Jahren traten neue Akteure auf den Plan. Nun waren es die sowjetischen Geheimdienste, die sich Österreich als Drehscheibe für Operationen im benachbarten Ausland zunutze machten. Diese erstreckten sich auf Deutschland, Italien und im Besonderen auf den Balkan bis Griechenland. Die emsige Tätigkeit führte dazu, dass der britische SecretIntelligenceService (SIS, besser bekannt unter seiner ursprünglichen Bezeichnung MilitaryIntelligence, Section 6, MI6) Ende der 1920er-Jahre seinen wichtigsten Auslandsstützpunkt in Wien betrieb. Schon damals kursierten Gerüchte, die österreichischen Behörden würden das subversive Treiben der sowjetischen Dienste und der Komintern (der Kommunistischen Internationale) stillschweigend dulden – solange das eigene Land davon verschont bleibe.48 Dafür spricht auch, dass auf rechtlicher Ebene Spionage keinerlei Riegel vorgeschoben wurde. In den 1920er- und 1930er-Jahren stellte Spionage nur ein Vergehen dar, wenn es um Aktivitäten gegen die »Verteidigung Österreichs« ging. Im Falle eines Schuldspruchs drohte Inländern eine Haftstrafe von bis zu einem Jahr. Bei Ausländern bewegte sich der Strafrahmen zwischen einem Monat und einem halben Jahr. Dieser laxe Zugang blieb auch nach 1945 bestehen. Eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofes vom 20. April 1956 verbriefte, dass Spionagetätigkeit in Österreich nur dann geahndet wird, wenn sie sich unmittelbar gegen Österreich richtet.49

Wer heute nach § 256 Strafgesetzbuch (StGB) einen »Geheimen Nachrichtendienst zum Nachteil der Republik Österreich« betreibt, wird mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bestraft. Wer einen »militärischen Nachrichtendienst« für einen fremden Staat erledigt (§ 319), kommt mit maximal zwei Jahren davon. Denn der im Gesetz angesprochene »Nachteil« wurde bisher nur dann als realisiert angesehen, wenn die Spionage direkt zum Nachteil Österreichs passierte – also wenn etwa Einrichtungen des Bundesheers oder heimische Behörden ausspioniert wurden. Berücksichtigt man die Hürden bei der Beweisführung, überrascht es nicht, dass in der »Spionagestadt« Wien praktisch kaum ein Spionageprozess stattfindet. »In den seltensten Fällen werden Ermittlungsverfahren eingeleitet, bisher hat es im Sprengel Wien absurderweise noch nie eine Verurteilung wegen Spionage gegeben«, kritisierte das Magazin profil 2023.50

Der »Spionageparagraf«, wie er genannt wird, ist mittlerweile zum Politikum geworden. 2024 wies Justizministerin Alma Zadić (Grüne) mit Erlass die Staatsanwaltschaften an, den Spionageparagrafen im Strafgesetzbuch strenger auszulegen. Spionagetätigkeiten sollten auch dann verfolgt werden, wenn sie nicht direkt zum Nachteil Österreichs führen.51 2025 stellte Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) eine Gesetzesverschärfung in Aussicht: »Wir werden die Gesetze verschärfen und es etwa auch unter Strafe stellen, wenn ein ausländischer Spion einen anderen ausspioniert – das ist bisher nicht verboten.«52 Stockers Vorgänger, Karl Nehammer (ÖVP), hatte das Grundproblem schon 2022 offen angesprochen: »Österreich war immer schon ein Begegnungsplatz der weltweiten Spionageaktivitäten aller Großmächte.«53 Das Land, so Nehammer, werde immer in der »Sondersituation« sein, »dass man als Sitz von 52 internationalen Organisationen automatisch ein Stück verletzlicher ist, was Spionagetätigkeit betrifft, weil viele unter dem Deckmantel diplomatischen Schutzes aufgrund einer Scheinidentität bei der jeweiligen internationalen Organisation einreisen.«54

Diese Äußerungen verdeutlichen einen tiefgreifenden Wandel der Politik zum Thema Spionage. Rückblickend hatte der frühere Innenminister Karl Blecha (SPÖ) noch im Jahr 2000 gemeint: »Ist doch völlig wurscht, wenn da einer auf einer Parkbank einem anderen ein Kuvert zusteckt! Was geht uns das an? Wir Österreicher nehmen das zur Kenntnis – und überwachen nur, dass diese Leute keine österreichischen Gesetze verletzen. Umgekehrt haben die gewusst, dass sie hier nichts unerkannt tun können. Wenn es Verletzungen dieser ungeschriebenen Agreements gab, dann sind wir eingeschritten.«55

Was Blecha mit »Agreements« bezeichnete, stellte tatsächlich einen eminenten Teil der Strategie dar, Österreich Sicherheit zu verschaffen. Solange das Land selbst nicht betroffen war, drückte man ein Auge zu, sowohl gegenüber den Aktivitäten ausländischer Geheimdienstoffiziere als auch im Fall der organisierten Kriminalität und des internationalen Terrorismus. Österreich war ein »Hinterland«, in dem man nicht aktiv wurde, »sondern ein Land, in dem es relativ ruhig zuging«, meinte etwa Gabriele Rollnik von der linksextremen Terrorgruppe Bewegung 2. Juni im Nachhinein.56 Auch die Paten der osteuropäischen Mafia stiegen in Wiener Luxushotels ab und beglichen hier nur gelegentlich offene Rechnungen. Im Gegenzug hatten sie wenig zu befürchten: »Sperrt die Hendl­diebe ein, aber lasst die großen Sachen in Ruhe«, sei »immer ein bisschen die Vorgabe von oben« gewesen, erinnerte sich der ehemalige Leiter des Wiener Sicherheitsbüros, Max Edelbacher. Ebenso wie die Gäste kein Interesse daran hatten, ihr Gastrecht überzustrapazieren, lag dem Gastgeber nicht daran, jemanden zu verprellen. Wie Edelbacher erläuterte: »Es wurde nicht groß an die Wand geschrieben, aber der geheime Slogan war, dass wer Ruhe gibt, auch Ruhe hat.«57 Dieses informelle »Gentleman-Agreement« lautete im Falle der internationalen Geheimdienstoffiziere: Solange ihr euch untereinander ausspioniert, stellt das kein Problem dar. Nur wenn Österreich selbst zum Ziel wird, ist der Tatbestand der Spionage erfüllt.

Wichtig ist an dieser Stelle der Hinweis, dass Spionage auch anderswo kaum geahndet wird, wenn sie sich auf dem eigenen Territorium gegen einen anderen Staat richtet. Aber Orte wie Wien, wo ohnedies ein höheres Spionageaufkommen stattfindet, können kaum mit anderen verglichen werden, wo weniger Fluktuation herrscht oder die Abwehr strenger ist. Außerdem lässt sich eine Abkehr davon beobachten, Spionage gegen andere Staaten zu tolerieren: 2021 nahmen deutsche Behörden einen Sicherheitsmann der britischen Botschaft wegen »des Verdachts der geheimdienstlichen Agententätigkeit« für Russland fest. Die deutsche Justiz sah also bereits eine Verletzung deutscher Interessen gegeben, wenn jemand eine in Deutschland ansässige diplomatische Vertretung eines anderen EU- oder NATO-Staates bespitzelt. Innerhalb der EU könnte es sich einbürgern, Spionageaktivitäten gegen andere Mitgliedsstaaten und enge Verbündete zu sanktionieren. Solche Überlegungen fließen auch in die aktuelle Diskussion um die Verschärfung des »Spionageparagraphen« in Österreich ein.58

Hierzulande hatte man sich lange Zeit von Spionage nicht betroffen gefühlt. Gegenüber dem Kurier hieß es von Behördenseite Anfang der 1980er-Jahre, dass »alles, was bei uns des Auskundschaftens wert wäre, längst ausgekundschaftet ist und es den Geheimdiensten bloß noch darum geht, sich über aktuelle Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten«. Wien sei ein »idealer Treff« für die Spione aus Ost und West: »Was Österreich für östliche wie westliche Nachrichtendienste stets interessant macht, ist seine exponierte geografische Lage. Wiens Nähe zum Eisernen Vorhang ließ es zur Relaisstation und zur Kontaktstelle für Geheimagenten beider Lager werden. Für die des Westens, weil sie nur einen Katzensprung nach Prag und Budapest haben, für die des Ostens, weil sie in Wien im Westen sitzen und sich in einem Katzensprung über den Eisernen Vorhang in Sicherheit bringen können, wenn Gefahr droht. Kommentar eines Staatspolizisten: ›Solange sie mit ihrer Tätigkeit Österreich aus dem Spiel lassen, ist uns das wurscht.‹«59

Hier war auch viel Selbsttäuschung im Spiel. So klärte etwa das DDR-MinisteriumfürStaatssicherheit (MfS) Österreich umfassend auf. In den 1970er- und 1980er-Jahren waren laut dem Historiker Christian Reiter 26 Österreicherinnen und Österreicher als InformelleMitarbeiter (IM) tätig, denen es in drei Fällen gelang, Schaltstellen der Außenpolitik, Sicherheit und Wirtschaft zu infiltrieren: Wilhelmine Tomanek lieferte als Sekretärin eines VOEST-Alpine-Vorstands Erkenntnisse aus dem Herzen der Verstaatlichten Industrie, Gustav Hochenbichler aus der Wiener Staatspolizei und Karl Weber aus dem Außenministerium, den österreichischen Botschaften in der DDR und der BRD sowie der Universität Wien.60 Die große Bedeutung Wiens spiegelte sich auch darin wider, dass sich auf dem Gelände der DDR-Botschaft in der Frimbergergasse 6−8 (Hietzing) eine Abhörstation befand – die einzige, die das MfS neben Brüssel in einer westlichen Stadt außerhalb der BRD betrieb.61Außerdem erfolgte ein Lauschangriff auf Richtfunkstrecken der Post von den »Funkempfangsstützpunkten Saphir 1, Saphir 2 und Saphir 3« aus, die sich im Raum Bratislava befanden und vom MfS betrieben wurden. Diese Überwachungsmaßnahmen richteten sich gegen »1. Politik, 2. Geheimdienste und Abwehrorganisationen, 3. Militär, 4. Wirtschaft, 5. Immigration und feindliche Organisationen« (worunter das MfS die Caritas, das Rote Kreuz oder Amnesty International einordnete). Die Liste der »Permanenzüberwachungen« enthielt die Telefonnummern und Adressen von praktisch allen Regierungsmitgliedern (darunter auch Ex-Bundeskanzler Bruno Kreisky), von Nationalratsabgeordneten und Parteispitzen (wie FPÖ-Obmann Jörg Haider), des Wiener Bürgermeisters Helmut Zilk sowie von hohen Beamten des Innenministeriums, der Polizei und des Heeresnachrichtenamts. Hinzu kamen weitere 440 Personen von Relevanz.62

Ein bislang unter Verschluss gehaltenes Dokument zeigt, dass man sich dieses Überwachungsrisikos sehr wohl bewusst gewesen war: Am 5. Mai 1972 informierte der Kabinettschef von Bundeskanzler Kreisky, Alfred Reiter, ein Ministerbüro: »Auf Grund etlicher Anhaltspunkte glauben wir feststellen zu müssen, dass die wichtigsten Telefonanschlüsse hier im Kabinett des Bundeskanzlers abgehört werden. Ich habe über diese Beobachtungen auch dem Herrn Bundeskanzler Bericht erstattet, und er hat vorgeschlagen, dass wir uns mit dem Bundesminister für Verkehr ins Einvernehmen setzen, um diesen zu ersuchen, von Fachleuten eine Überprüfung unserer Anlagen durchführen zu lassen.«63

Das Kabinett des Bundesministers für auswärtige Angelegenheiten informierte Kreisky am 3. Mai 1972 über Abhörmethoden: »Erfahrungsgemäß werden Gespräche z. B. aus ausländischen Vertretungsbehörden in den Ostblockstaaten auf folgende Art und Weise abgehört: 1.) Durch den fixen Einbau von Mikrophonen in die interessanten Räumlichkeiten (unter Verputz) mit Ableitung durch Draht in benachbarte Grundstücke, wo die Gespräche auf Tonband aufgenommen werden. Die Mikrophone sind durch Netzstrom gespeist. 2.) Durch die Einpflanzung von batteriegespeisten Minisendern […] in die abzuhörenden Räume. Solche Geräte wurden verschiedenenorts in Telefonapparaten, Tischlampen, Vasen, Möbelstücken etc. gefunden. Sie arbeiten im Ultraschallbereich. Die Gespräche werden auf entsprechenden Empfängern in Nachbarobjekten oder in der Nachbarschaft geparkten Automobilen aufgenommen.« Außerdem gebe es die Möglichkeit, Laserstrahlen von außen auf die Fensterscheiben des »zu infiltrierenden Raumes« zu richten und die durch das Gespräch auf den Scheiben erzeugten Vibrationen »abzulesen« und auf ein Empfangsgerät zu reflektieren. Allerdings sei diese Methode in den Ostblockstaaten »bisher nicht wahrgenommen« worden.64

Das Ende des Kalten Krieges bedeutete nicht das Ende für solche Aufklärungstätigkeiten. Im Gegenteil: Im Jahr 2000 stellte die Staatspolizei fest, dass das »Aufklärungsziel« des russischen Auslandsgeheimdiensts SWR in Österreich »insbesondere der Regierungswechsel und der damit verbundene Personenwechsel in wichtigen Regierungsämtern« sei.65 Als politisches Aufklärungsziel stünde Österreich freilich »nur selten« im Blickfeld ausländischer Dienste: »Ganz anders ist dies bei den in Österreich ansässigen internationalen Organisationen, vor allem dem internationalen Kommunikationsverkehr, insbesondere aber bei österreichischen Firmen mit interessanten Exportmärkten. Zentrales Interesse der Dienste in den vergangenen Jahren galt dem österreichischen Bankensektor und seinen Aktivitäten im Ausland, aber auch in Österreich.«66

Wie aus diesen Äußerungen hervorgeht, haben die alten Gentlemen-Agreements in der Zwischenzeit an Verbindlichkeit eingebüßt. Mit dem Ende des Kalten Krieges veränderte sich Österreichs Position: Das Land ist keine neutrale »Insel« zwischen den Blöcken mehr, sondern seit 1995 sowohl EU-Mitglied als auch Teil der NATO-PartnerschaftfürdenFrieden (PfP). Das führte dazu, dass in Österreich Informationen über westliche Staaten zugänglicher wurden. Der Fall eines pensionierten Salzburger Bundesheerobersts, der seit den 1990er-Jahren bis 2018 für den russischen Militärgeheimdienst GRU spionierte, verdeutlicht dies. Er soll Informationen, unter anderem über das österreichische Bundesheer, Waffensysteme und die Aufstellung von Luft- und Landstreitkräften preisgegeben haben. Als Mitarbeiter der Abteilung für Strukturplanung soll der Offizier aber auch Zugang zu NATO-Informationen gehabt haben – unter anderem dazu, wie sich die NATO-Kontingente in Afghanistan gegen Anschläge mit selbst gebauten Sprengkörpern schützten.67

Walter Unger, ehemaliger Leiter des für die militärische Spionageabwehr zuständigen Abwehramts (AbwA), meinte 2025: »Damals haben wir auch lernen müssen, dass niemand so unwichtig ist, dass er nicht doch etwas ausspionieren kann. Denn der Mann hatte keine besondere Position, dennoch konnte er sich Zugang zu heiklen Dokumenten verschaffen. Die hat er offensichtlich emsig kopiert und dann weitergegeben. Und dann hat sich das abgespielt, was man in jedem guten Spionageroman liest, von Treffpunkten irgendwo in Hinterzimmern, während eines finanzierten Urlaubs.«68

Ende 2019 entdeckte man einen Cyberangriff gegen das Außenministerium, der sich bis Anfang des Jahres 2020 hinzog. Im selben Jahr fiel im niederösterreichischen Gerasdorf der tschetschenische Blogger Mamichan Umarow einem mutmaßlichen Auftragsmord zum Opfer. Bereits 2009 wurde der Whistleblower Umar Israilow in Wien-Floridsdorf auf offener Straße erschossen. Im Hintergrund lief eine massive Einflussoperation gegen eine tragende Säule des österreichischen Sicherheitsapparats: Am 28. Februar 2018 wurde das damalige BVT zum Ziel einer Razzia, die das Amt nachhaltig beschädigte und insbesondere die Spionageabwehr zum Erliegen brachte. Hinter dem Zustandekommen dieser Amtshandlung werden Machenschaften des ehemaligen Wirecard-Managers und mutmaßlichen russischen Spions Jan Marsalek vermutet, dem es auch gelang, eine kleine Zelle von Insidern im BVT zur Informationsbeschaffung zu nutzen (siehe dazu Kapitel 7.8).

2021 häuften sich Fälle des mysteriösen »Havanna-Syndroms« unter der Belegschaft der US-Vertretung in Wien. Betroffen waren in der Regel US-Diplomaten, CIA-Mitarbeiter und andere US-Offizielle sowie deren Familien.69 Symptome sind laut dem US-Außenministerium »sensorische Phänomene wie Geräusche, Druck oder Hitze, zusammenhängend oder gefolgt von physischen Symptomen wie dem plötzlichen Einsetzen von Schwindel, Übelkeit und Kopf- oder Nackenschmerzen«. Die Tageszeitung DiePresseschätzte, dass zwischen 2016 und 2021 etwas weniger als ein Sechstel der rund 130 Fälle in diesem Zeitraum auf Wien entfiel.70 Möglicherweise riefen Mikrowellen- und Schallwaffen die Beschwerden hervor. 2024 wies das Investigativmedium TheInsider die Anwesenheit von Mitgliedern der GRU-Sabotageeinheit 29155 an Schauplätzen mutmaßlicher Angriffe nach. Die Zunahme der Fälle in Wien erfolgte in der zweiten Hälfte des Jahres 2021, Monate vor Beginn der Invasion Russlands in der Ukraine. Zwei Veteranen der CIA-Station Kiew waren in diesem Zeitraum in Wien platziert worden.71

Im Zuge des Ukrainekrieges geriet die dichte russische Präsenz in Wien zum Politikum. Während bis 2023 mehr als 600 russische Diplomaten aus europäischen Ländern ausgewiesen und alleine in Deutschland vier Konsulate geschlossen wurden, blieb Österreich zurückhaltend.72 Zwischen 2020 und 2025 wies das Land zwölf russische Diplomaten aus (während die Schweiz offiziell gar keine solchen Schritte unternahm).73 Österreich ist weiterhin Standort einer der europaweit größten russischen Vertretungen,74 was für viel Kritik sorgt. 2022 bezeichnete ein anonymer westlicher Diplomat Österreich als »veritablen Flugzeugträger« für verdeckte russische Aktivitäten.75 Anfang 2024 waren bilateral und bei den internationalen Organisationen zwischen 250 und 300 Personen aus Russland in Österreich akkreditiert.76 Damit rangiert Österreich auf dem europäischen Spitzenplatz, gefolgt von der Schweiz (220) und der EU-Hauptstadt Brüssel mit weniger als 200.77 Tatsächlich dürfte die Zahl noch höher liegen: Die DSN zählte 2024 503 Personen aus Russland, darunter neben Diplomaten auch Lehr- und Verwaltungspersonal an Botschaften, Facharbeiter in Unternehmen sowie Mitarbeiter von Presseagenturen.78

Österreich sei infolge der Ausweisungen anderswo »zu einem wichtigen Rückzugsraum für die Nachrichtendienste Russlands« geworden, warnte die DSN im Jahr 2024. Das Land sei »Operationsgebiet, Rückzugsort und Ausgangspunkt für russische Spionageaktivitäten und nachrichtendienstliche Aktivitäten in Europa«.79 Zugespitzt hieß es im WallStreetJournal: »Wien ist heute eine Basis für geheime Operationen Russlands, einschließlich der Finanzierung und logistischen Unterstützung von Mord, Sabotage und Rekrutierung in ganz Europa sowie von Industriespionage und Einflussnahme.« Angeblich seien in Wien eingesetzte russische Offizielle darin verwickelt, Operationen zu finanzieren, die darauf abzielten, westliche Waffenlieferungen an die Ukraine aufzuklären. Gerüchteweise hieß es, die Bezahlung für den 2023 in Spanien verübten Auftragsmord an dem russischen Überläufer Maxim Kusminow wäre via Wien gelaufen.80

Einen wesentlichen Grund, warum Österreich bis heute die Hände gebunden sind, bilden die engen wirtschaftlichen Verschränkungen: So war am 5. Juni 2018 der Gasliefervertrag zwischen der Gazprom und der ÖsterreichischenMineralölverwaltung (OMV) bis 2045 verlängert worden, wodurch der Anteil von russischem Gas 2024 81 bis 97 Prozent ausmachte.81 Am 11. Dezember 2024 kündigte die OMV aufgrund »mehrerer grundlegender Vertragsverletzungen« durch Gazprom den Gasliefervertrag. Dies stellte ein symbolisches Zeichen für den einschneidenden Wandel in den österreichisch-russischen Beziehungen dar.82 Doch Verstrickungen bleiben: Die RaiffeisenBankInternational (RBI), deren russische Tochter zur größten westlichen Bank des Landes aufstieg, scheiterte bis zum Redaktionsschluss dieses Buches daran, dieses Geschäft zu verkaufen. So stecken sieben Milliarden Euro Eigenkapital fest.83

In der Zwickmühle steckt man außerdem, weil sich mittlerweile direkte Attacken gegen österreichische Interessen häufen: Rund um die Europawahlen und die Nationalratswahl 2024 wurden Webseiten von Organisationen, Medien und Parteien zum Ziel von Cyberangriffen, die russischen Hackern zugerechnet werden. Selbst der Webauftritt der Wiener Linien wurde kurzfristig lahmgelegt.84 2022 verhaftete die DSN einen GRU-Zuträger in Wien-Donaustadt. Angeklagt wurde der Mann aber nicht.

Ein im Herbst 2025 bekannt gewordener Spionagefall in der OMV verdeutlicht, dass sich insbesondere die kritische Infrastruktur im Visier Moskaus befindet. Ein langjähriger Mitarbeiter, zuletzt in Abu Dhabi eingesetzt, wurde als Quelle eines Referenten an der russischen Botschaft enttarnt.85 Der Referent soll von westlichen Diensten als Mitarbeiter des Inlandsgeheimdiensts FSB erachtet worden sein. Er wurde noch Ende September 2025 ausgewiesen.86 Ebenfalls 2025 bekannt gewordene Kontakte eines mutmaßlichen GRU-Agenten zu einem Ingenieur der oberösterreichischen Abwasserentsorgungsfirma VTA dienten offenbar dem Aufbau einer glaubwürdigen Tarnidentität.87 Dass der des Betrugs, der Bereicherung und des Amtsmissbrauchs beschuldigte Ex-General des ukrainischen Geheimdiensts SBU, Andriy Naumov, 2025 sein Exil von Serbien nach Wien verlegte, warf ein Schlaglicht auf die Bedeutung der Stadt für die Diaspora. Auch diese stellt ein wesentliches Aufklärungsinteresse dar. Naumovs Fall war noch zusätzlich brisant, weil er von dem russischen Sender NTV vor Wiener Wahrzeichen interviewt wurde.88

Bei aller Fixierung auf die Aktivitäten Russlands darf nicht vergessen werden, dass andere Akteure ebenfalls verstärkt auf den Plan traten: 2018 wurde ein in Wien akkreditierter iranischer Botschaftsrat dabei ertappt, wie er Sprengstoff für ein Attentat auf eine Veranstaltung von Oppositionellen in Paris übergab. Die Bombe soll zuvor in diplomatischem Gepäck auf einem AUA-Flug von Teheran nach Wien gebracht worden sein. Des Weiteren fällt der türkische Geheimdienst MIT immer wieder mit Aktionen auf. Zuletzt wurden 2024 zwei in Tirol lebende Türken wegen der Weitergabe von Informationen an den MIT zu Geldstrafen verurteilt.89

Im Verfassungsschutzbericht 2024 heißt es: »Nachrichtendienste der Russischen Föderation, Chinas, des Iran, Nordkoreas und der Türkei agieren in Österreich besonders aktiv. Spionage und Einflusskampagnen können das Generieren von Informationen durch menschliche Quellen, das Vorantreiben von Desinformationskampagnen sowie gezielte Cyberangriffe umfassen.«90

Diese wachsende Bedrohung trifft nach wie vor auf eine schwache Abwehr: Die relative Duldung von Spionage ging nämlich mit einer jahrzehntelangen Unterdotierung bei der inneren Sicherheit einher – als ob der »Begegnungsort« Wien so etwas wie eine »Sicherheitsdividende« implizierte. Auch wenn hier kein zwingender Zusammenhang besteht, so fällt auf, dass Staatsschutz in Österreich seit den Habsburgern Polizeiangelegenheit geblieben ist. Die seit 2021 bestehende DSN stellt nach wie vor eine Sicherheitsbehörde dar, die wenigstens einen nachrichtendienstlichen Organisationsarm aufweist. Bislang unverändert geblieben ist jedoch, dass es kaum Befugnisse zu einer proaktiven Spionageabwehr gibt. Der DSN