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Anna Klissouras

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Beschreibung

Magisterarbeit aus dem Jahr 2005 im Fachbereich Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache), Note: 2,2, Humboldt-Universität zu Berlin (Philosophisches Seminar), Sprache: Deutsch, Abstract: In den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts beschrieb der Amerikaner Benjamin Lee Whorf (1897 - 1941) in wenigen Aufsätzen ein sprachliches Relativitätsprinzip, welches einen prägenden Einfluss des sprachlichen Hintergrundes eines Menschen auf seine Denkstrukturen postulierte. Der Chemiker war nach Abschluss seines Studiums zunächst als Versicherungsangestellter tätig gewesen, um sich dann der Ethnolinguistik indianischer Sprachen zuzuwenden, welche er ab 1931 bei Edward Sapir studierte und einige Jahre später selbst lehrte. Sapir hatte im Laufe seiner Untersuchungen bereits eine gewisse Interdependenz zwischen Sprache und Kognition vermutet; erst Whorf aber formulierte diesen vagen Zusammenhang als Prinzip, das wegen seiner starken Beeinflussung durch Sapir später als die „Sapir-Whorf-Hypothese“ bezeichnet wurde. Diese Hypothese gilt als umstritten. Tatsächlich sind die von Whorf formulierten Thesen nicht nur wegen ihrer Inhalte problematisch, sondern auch wegen des unsicheren Fundamentes, auf dem sie sich bewegen. Angesichts der Tragweite seiner Theorie, die ein allgemein gültiges Prinzip sein will, liefern die etwa 140 von ihm zu diesem Thema formulierten Seiten nur wenig Material: Whorfs Schlussfolgerungen gründen vor allem auf seine Beobachtungen an Hopi-Indianern und deren Sprache, was den Vorwurf der Subjektivität aufbrachte. Auf eine Bezugnahme auf linguistische oder philosophische Positionen sowie weitere empirische Untersuchungen verzichtet Whorf zudem weitestgehend. Die vorliegende Arbeit wird sich dieser Problemlage auf drei Weisen nähern. Der erste Teil stellt die „Sapir-Whorf-Hypothese“ mit ihren deskriptiven Argumenten sowie Gegenargumenten vor und reduziert sie auf ihre Hauptthesen, welche im weiteren Verlauf der Arbeit als Ausgangspunkt der Fragestellung dienen werden. Ein philosophischer Diskurs zwischen Universalisten und Relativisten soll die Theorie der sprachlichen Relativität im zweiten Teil in die philosophische Tradition einspannen und zunächst auf rein rationalem Wege zu ersten Ergebnissen bezüglich ihrer Plausibilität führen. Im dritten Teil sollen dann jene Fragen des Spracherwerbs und der kognitiven Beeinflussung durch Sprache geklärt werden, auf welche nur die Empirie sinnvolle Antworten geben kann. Schließlich soll sich ein transparenteres Gesamtbild der sprachlichen Relativitätstheorie ergeben, dessen Gehalt und Grenzen sich aufgrund der erarbeiteten Argumente und Fakten ersehen lassen.

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Veröffentlichungsjahr: 2007

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung1

1. Die Sapir-Whorf-Hypothese2

1.1 Der Einfluss von Wort-Kategorien3

1.2 Der Einfluss der Grammatik5

1.3 Ausblick9

2. Der philosophische Diskurs: Universalismus vs. Relativismus12

2.1 Kant: Das Sprachapriori13

2.2 Herder: Kant-Kritik23

2.3 Früher sprachlicher Relativismus: Wilhelm von Humboldt26

2.4 Noam Chomsky: cartesianische Linguistik30

2.5 Resultate40

3. Empirische Ansätze44

3.1 Lässt sich der Spracherwerb auf empirischem Weg erklären?45

3.2 Bestätigt die Empirie einen sprachlichen Einfluss auf die Kognition?53

4. Schluss62

Anhang65

Literaturverzeichnis65

 

Einleitung

In den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts beschrieb der Amerikaner Benjamin Lee Whorf (1897 - 1941) in wenigen Aufsätzen ein sprachliches Relativitätsprinzip, welches einen prägenden Einfluss des sprachlichen Hintergrundes eines Menschen auf seine Denkstrukturen postulierte. Der Chemiker war nach Abschluss seines Studiums zunächst als Versicherungsangestellter tätig gewesen, um sich dann der Ethnolinguistik indianischer Sprachen zuzuwenden, welche er ab 1931 bei Edward Sapir studierte und einige Jahre später selbst lehrte. Sapir hatte im Laufe seiner Untersuchungen bereits eine gewisse Interdependenz zwischen Sprache und Kognition vermutet; erst Whorf aber formulierte diesen vagen Zusammenhang als Prinzip, das wegen seiner starken Beeinflussung durch Sapir später als die „Sapir-Whorf-Hypothese“ bezeichnet wurde.

Diese Hypothese gilt als umstritten. Tatsächlich sind die von Whorf formulierten Thesen nicht nur wegen ihrer Inhalte problematisch, sondern auch wegen des unsicheren Fundamentes, auf dem sie sich bewegen. Angesichts der Tragweite seiner Theorie, die ein allgemein gültiges Prinzip sein will, liefern die etwa 140 von ihm zu diesem Thema formulierten Seiten nur wenig Material: Whorfs Schlussfolgerungen gründen vor allem auf seine Beobachtungen an Hopi-Indianern und deren Sprache, was den Vorwurf der Subjektivität aufbrachte. Auf eine Bezugnahme auf linguistische oder philosophische Positionen sowie weitere empirische Untersuchungen verzichtet Whorf zudem weitestgehend.

1. Die Sapir-Whorf-Hypothese

 

„Wir gelangen daher zu einem neuen Relativitätsprinzip,

 

 das besagt, dass nicht alle Beobachter durch die gleichen

 

 physikalischen Sachverhalte zu einem gleichen Weltbild

 

 geführt werden, es sei denn, ihre linguistischen Hintergründe

 

 sind ähnlich oder können in irgendeiner Weise auf einen

 

 gemeinsamen Nenner gebracht werden.“ Benjamin Lee Whorf[1]

 

Prämisse für jede Art von abstraktem Denken ist die Aufteilung wahrgenommener Dinge in Klassen. Nur so kann die Flut an Eindrücken zweckmäßig geordnet und für weitere kognitive Prozesse verwendet werden. Erst eine Kategorisierung macht also menschliches Denken effektiv. Diese Klassen, so Whorf, resultieren jedoch nicht aus einer biologischen Veranlagung oder dem a priori gegebenen „gesunden Menschenverstand“, sondern sind Resultat des Wortschatzes und vor allem der Grammatik der jeweiligen Muttersprache. [2] „Die Kategorien und Typen, die wir aus der phänomenalen Welt herausheben, finden wir nicht einfach in ihr – etwa weil sie jedem Beobachter in die Augen springen; ganz im Gegenteil präsentiert sich die Welt in einem kaleidoskopartigen Strom von Eindrücken, der durch unseren Geist organisiert werden muss – das aber heißt weitgehend: von dem linguistischen System in unserem Geist.“[3] Die Künstlichkeit der sprachlichen Kategorien zeige sich an der Unterschiedlichkeit der Kategorien und Benennungen in verschiedenen Sprachkreisen. So besitzen einige Sprachen nur eine Benennung für eine Objektklasse, die im indoeuropäischen „Standard Average European“ (SAE) durch verschiedene Bezeichnungen differenziert werden kann; oder umgekehrt gibt es in exotischen Sprachkreisen eine Vielzahl von Bezeichnungen für ein einziges SAE-Wort.[4]

 

Dass die jeweiligen Strukturen einer Sprache keine universelle Gültigkeit für sich beanspruchen können, will Whorf anhand eines Vergleichs der SAE-Sprachen mit der indianischen Hopi-Sprache zeigen.[5] Unterschiede zur SAE-Sprachgemeinschaft durchziehen hier die gesamte Grammatik. Diese bleiben jedoch, und hier liegt der Kern der Whorfschen Hypothese, nicht an der Oberfläche, sondern bestimmen auch die jeweilige Weltsicht. „Ein Wechsel in der Sprache kann unsere Auffassung des Kosmos umformen.“[6] Die jeweilige Sprache eines Menschen kreiert seine „thought world“, welche Whorf den Mikrokosmos nennt, der zur Erkenntnis des Makrokosmos seiner Umwelt dient. An welchen Stellen Whorf strukturelle Merkmale der SAE-Sprachen in Abgrenzung zum Hopi ausmacht und welche Konsequenzen er für die jeweilige Kultur sieht, soll im Folgenden dargestellt werden.

 

1.1 Der Einfluss von Wort-Kategorien

 

Jede Sprache, in Whorfs Fall die englische, verbietet die willkürliche Formung eines Wortes. Bestimmte zugrundeliegende Regeln bestimmen über die Abfolge der Buchstaben, sodass nur eine begrenzte Anzahl von Wortschöpfungen überhaupt möglich ist, deren Klang dem Sprecher sinnvoll erscheint.[7] Des weiteren stoßen Benennungen wegen der oben beschriebenen Kategorisierung an ihre Grenzen. Da eine einzige sprachliche Bezeichnung für eine Vielzahl an Dingen gebraucht wird, die durchaus unterschiedlich sein können oder in der Natur nicht klar umrissen sind, muss es notwendig zu undefinierbaren Grenzbereichen kommen, die in der Sprache nicht abgebildet werden. Die Kategorisierungsmethode der SAE-Gemeinschaft besteht laut Whorf in der Projektion materialistischer Sprachkategorien auf die Umwelt, sodass entweder nicht-räumliche oder nicht fest umrissene Begriffe in der Sprache wie Objekte behandelt werden.

 

Zum einen gelte dies für Attribute. Räumliche Bezeichnungen wie „lang“, „kurz“, „groß“, „klein“ werden neben der Tatsache, dass sie aufgrund ihres relativen Verhältnisses zur Umwelt schon prinzipiell keine festen Begriffe sind, fälschlich auch auf abstrakte Objekte angewendet – so ist Dauer „lang“ und Intensität „hoch“. Im Reich des Abstrakten werde so ein Raum vorgetäuscht. Nur wenige Ausdrücke sind speziell auf einen abstrakten Bereich gerichtet, wie zum Beispiel „früh“ oder „spät“. Im Hopi dagegen, so Whorf, werde Unräumliches auch unräumlich bezeichnet, und zwar durch eine spezielle Wortklasse der „Tensoren“.

 

Für ebenso inadäquat hält Whorf im SAE die Verwendung von Substantiven bei physikalisch eigentlich ineinander übergehenden Gegenständen, wie schon weiter oben angedeutet wurde. Objekte wie „Blitz“ oder „Welle“ beispielsweise sind weder klar umrissen, noch langanhaltend, sondern machen sich vor allem durch eine Bewegung bemerkbar. In der Hopi-Sprache würden solche Dinge, zu denen auch „Sturm“ oder „Wolke“ gehören, mithilfe von Verben ausgedrückt. „Ein mehrfaches Wogen ereignet sich“[8] diene so als Bezeichnung für das Substantiv „Welle“. Whorf stellt hier die Frage, aus welchem Grund sie also nicht auch im SAE zur Klasse der Verben gehören sollten und will hiermit zumindest darauf hinweisen, dass die Kategorien europäischer Sprachen nicht ohne weiteres als wirklichkeitsabbildend verstanden werden können. Als ein weiteres Beispiel nennt Whorf die Unterscheidung von begrenzten und nicht begrenzten Stoffen: Im SAE wird unterschieden zwischen individuellen Gegenständen wie „Baum“ und Materialien und Stoffen wie „Wasser“, die nur im Singular vorkommen. Erstens ist diese Unterscheidung nicht immer in dieser Form in der Natur zu finden, wie beispielsweise ersichtlich an den Worten „Fleisch“ oder „Glas“. Zweitens benötigt die Klasse der unbegrenzten Substantive einen Relationsbegriff, der die Menge festlegt, wie „ein Glas Wasser“ oder „ein Stück Salz“. Diese Aufteilung in einen Behälter und seinen Inhalt habe laut Whorf weitreichende Folgen für die Denkstrukturen des SAE-Sprechers - nämlich die Annahme der Existenz einer zugrundeliegenden Substanz. Mit dieser These liefert Whorf einen Lösungsvorschlag zu einem Problem der westlichen Philosophie, der „Materie-Substanz-Dichotomie“, welche er hiermit als ein rein sprachliches Scheinproblem zu enttarnen versucht. Erst durch die sprachliche Aufteilung in einen „Behälter“ (den Relationsbegriff) und seinen „Inhalt“ (das eigentliche Objekt) entstehe die naive philosophische Unterscheidung zwischen Materie und Substanz, welche so „auf der Basis der allgemeinen Sprachgewohnheit als Begriffe des ‚gesunden Menschenverstandes’ ohne weiteres akzeptabel“[9] würden. Wahrgenommenes werde so in „formloses Etwas plus Form“ aufgespalten, obwohl es in der Natur als Einheit vorkommt.[10] Dass dieses Phänomen besonders charakteristisch für den europäischen Sprachraum ist, zeige sich exemplarisch am außereuropäischen Hopi. Hier gibt es keine Unterscheidungen verschiedener Substantivklassen. Alle Nomen existieren im Singular und Plural, ihre Benennung ist zugleich an eine bestimmte Menge oder Ausdehnung gebunden, die Allgemeinheit einer Aussage wird nur durch Verben erreicht.

 

Whorf schließt zusammenfassend, dass Wörter weder eine natürlich determinierte, noch klar umrissene Bedeutung haben, sondern im Kontext einer Situation oder eines Satzes verstanden werden müssen. Er behauptet keineswegs, dass ein Gedanke ohne das zugehörige Wort nicht existieren könne, wie ihm oft vorgeworfen wurde[11]. Im Gegenteil spricht er sich an anderer Stelle gegen einen Determinismus dieser Art aus. Sprache sei zwar der „autokratischere Faktor“[12], weil sie ein festes System ansetze; trotzdem sei eine gegenseitige Beeinflussung von Sprache und Kognition gegeben.

 

1.2 Der Einfluss der Grammatik

 

Den Zwang ganzer syntaktischer Sinnzusammenhänge hält Whorf für größer als den einzelner Wörter, da Sprache ausweglos auf ihrem Fundament aufgebaut werden muss. Die deutlichsten Charakteristiken von SAE sieht er dabei im Bereich des objekt-bezogenen kategorischen Satzaufbaus sowie der vergegenständlichten zeitlichen Formen.

 

Der Satzbau europäischer Sprachen zentriert sich um Substantive und Verben. Diese materiell ausgerichtete Teilung in „Täter“ und Handlung ist verbindlich für jede korrekte Formulierung. Handelt es sich nicht um einen Imperativ, so muss jeder Satz mindestens ein Subjekt beinhalten, welches dann durch das Verb in Aktion oder Beziehung tritt und durch ebenfalls kategorisch von ihm getrennte Attribute näher bestimmt werden kann. Eben diese Einteilung macht Whorf verantwortlich für die im westlichen Sprachraum verwurzelte Annahme, dass das Substantiv einer reellen Substanz entspreche, während das Verb nicht für sich bestehen könne, sondern abhängig von ersterem sei. Zur Institution sei diese Form der Logik in der Antike geworden: „Die Griechen und ganz besonders Aristoteles haben den Gegensatz ‚Substantiv: Verb’ noch hervorgehoben und ein Gesetz der Vernunft daraus gemacht“[13]. Whorf bezeichnet SAE-Sprachen wegen dieser bausteinartigen additiven Konstruktionsweise als „mechanisch“. [14]

 

Dass Grammatik jedoch auch grundsätzlich anders funktionieren kann, zeigt Whorf anhand der Indianersprache Nootka[15], welche er kontrastiv als „chemisch“ bezeichnet. Nicht das Material, sondern die Aktion stehe hier im Mittelpunkt. Der Satz „Er lädt die Leute zu einem Festessen“ wird so zu einer Abfolge von „Kochen + Resultat (=Gekochtes) + essen + Agens (essende) + holen + tut er“. [16] Auch haben zwei Sätze, die sich im SAE scheinbar auf ähnliche Dinge beziehen („Das Boot ist am Ufer auf Grund gelegt“ und „Das Boot ist mit Leuten bemannt“) im Nootka einen jeweils unterschiedlichen Aufbau, der sich nicht in beiden Fällen um das Substantiv „Boot“ zentriert. Die Übersetzungen der obigen Sätze lauten dagegen sinngemäß: „Es ist auf dem Ufer als punktweises Ereignis von Kanubewegung“ und „Sie sind im Boot als Mannschaft ausgewählter Männer“[17]