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Der Auftakt zur neuen Fantasy-Reihe Skye hat sich ihr Leben anders vorgestellt, als in Farson zu versauern. Das ändert sich jedoch schlagartig, nachdem sie Dean kennenlernt. Er sieht nicht nur gut aus, sondern ist ihr von Anfang an ein wenig mysteriös. Sie fühlt sich zu ihm hingezogen, auch wenn er sie auf Abstand hält. Als er sie schließlich aus einer gefährlichen Situation befreit, kommt sie hinter ein Geheimnis, dass nicht nur Dean, sondern den ganzen Ort betrifft. Dean ist alles andere als ein normaler Mensch. Doch wie soll sie sich ihm gegenüber verhalten und ihre Gefühle kontrollieren? Sich in eine fremde Spezies zu verlieben, stand jedenfalls nicht auf ihrem Plan. Und dann liegt ihr Schicksal plötzlich in seinen Händen ...
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Seitenzahl: 339
Veröffentlichungsjahr: 2023
Bianka Mertes
Sprouts – Stilles Erwachen
Die geschilderten Personen und Ereignisse sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder
verstorbenen Personen sind rein zufällig.
© 2019 Bianka Mertes
Oberwindhagener Str. 26a
53578 Windhagen
Cover:
Bianka Mertes
Bildmaterial:
www.pixabay.de, Bild 1296317 von alluregraphicdesign
www.depositphotos.com
Lektorat, Korrektorat & Buchlayout:
Lektorat Buchstabenpuzzle Karwatt
www.buchstabenpuzzle.de
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.
2. Auflage
Verlag & Druck: tredition GmbH,
Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN: 978-3-347-81008-2
Bianka Mertes
SPROUTS
Stilles Erwachen
KAPITEL 1
Skye saß auf dem Beifahrersitz des kleinen roten Lieferwagens, der noch immer die Aufschrift ›Davids Lieferservice‹ trug und sah sauer und gelangweilt aus dem Fenster. Häuser, Bäume und Büsche rasten an ihnen vorbei. Straßenschilder, an denen sie vorbeifuhren, wiesen darauf hin, dass sie ihrem Ziel näher kamen. Sie befanden sich auf dem Weg zu ihrem neuen Zuhause, in ein Kaff, dass man nicht einmal auf Anhieb auf der Landkarte fand. Farson in Wyoming. Mit gerade einmal etwas über dreihundert Einwohnern zählte der Ort nicht gerade zu ihren beliebtesten Zielen. Der Albtraum jedes Teenies.
Die Luft im Inneren war stickig und so dick, dass man sie ohne Mühe hätte durchschneiden können. Skye warf einen flüchtigen Blick zu ihrem Vater und erkannte kleine Schweißperlen auf seiner Stirn, in denen sich das Sonnenlicht brach und sie wie kleine Diamanten funkeln ließ. Seinen Blick ließ er sturheil auf die asphaltierte Straße gerichtet, die unter der Hitze bereits zu flimmern begann.
Skye entschied sich dazu, das Fenster herunterzukurbeln, um neuen Sauerstoff ins Fahrzeuginnere zu lassen. Der angenehme Fahrtwind zerzauste ihr die dunklen langen Haare und einige der vorwitzigen Locken, die sie vorher noch unter einem Cap versteckt hatte, tanzten jetzt wie wild auf ihren Wangen und verknoteten sich dabei mit den anderen, die ihnen gefolgt waren. Normalerweise legte Skye viel Wert auf ihre Haare, die ihr bis jetzt unter die Schulterblätter reichten, und die sie regelmäßig mit ausgewählten Shampoos und Pflegespülungen wusch, doch sogar das wurde gerade zur absoluten Nebensache.
Sie war noch immer stinksauer auf ihren Vater, der sie in diese Einöde verschleppte. Hier gab es rein gar nichts, was im entferntesten an Beverly Hills erinnerte. Leere Straßen, Häuser die eher noch aus der Vorkriegszeit zu stammen schienen und alte Leute, die sie zwischendurch ausgemacht hatte. Skye kam sich vor, als würde sie gerade eine Zeitreise vom einundzwanzigsten Jahrhundert zurück in die Steinzeit unternehmen.
Wieso fiel es ihrem Vater nur so schwer, zu verstehen, dass sie nicht aus Beverly Hills weg wollte. Sie hatte sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt und war sogar in den Hungerstreik getreten. Jedoch nur mit dem Erfolg, dass sie jetzt fünf Kilogramm weniger wog, was an sich nicht schlecht war, und jetzt doch hier neben ihm saß. Na ganz klasse. Sie war siebzehn, ihr Leben ging den Bach hinunter und ihm war das absolut schnuppe.
Zudem hätte Skye die Ferien lieber mit ihren Freunden verbracht. Es war schon von langer Hand geplant gewesen, dass sie eine Woche gemeinsam in einem Strandhaus, das Robs Vater gehörte, wilde Partys feierten. Skye stöhnte gedehnt bei dem Gedanken an Rob. Er zählte zu den heißesten und reichsten Kerlen in Beverly Hills. Seinem Vater gehörte einer der größten Hotelketten und sein Körper ließ echt nichts zu wünschen übrig. Skye schmachtete mit geschlossenen Augen Robs Bild vor ihrem inneren Auge an. Hätte ihr Vater sie nicht mitten aus dem Leben gerissen, hätte sie in einer Woche glücklich mit ihm am Strand liegen können. Die Chancen standen jedenfalls gut, denn sie hatte ein kleines Vögel zwitschern hören, dass Rob voll auf sie stand.
Doch jetzt bestand ihr Leben darin, in einer Einöde Däumchen zu drehen und jämmerlich zu versauern. Sie ließ genervt die Luft aus ihren Lungen und um sich auf andere Gedanken zu bringen, schaltete sie das Radio ein. Ein Blick zu ihrem Vater verriet ihr, dass er noch genauso steif dasaß und angestrengt dem Straßenverlauf folgte.
Musik ertönte. Ein Lied von Elvis. Der Typ war mindestens seit gefühlten einhundert Jahren tot und auch der nächste Song ließ ihre schlimmsten Befürchtungen wahr werden. Zurück in die Steinzeit. Genervt drehte sie den Knopf des Radios, bis es wieder still war.
Sie legte den Ellbogen auf den Fensterrand, schloss die Augen und stützte stöhnend den Kopf auf ihrer Hand ab. Der kühlende Fahrtwind tat so gut, wobei er sie immer wieder zum Eindösen brachte. Erst nachdem David etwas sagte und damit die angenehme Stille unterbrach, schreckte sie zusammen. Skye drehte sich fragend zu ihm.
»Hast du Hunger?«, wandte er sich an Skye und wies mit dem Zeigefinger auf ein Schild, auf dem ein Burgerladen ausgewiesen war. Er wusste genau, womit er sie herumbekommen konnte, doch diesmal blieb Skye standhaft. So leicht würde sie sich nicht um den kleinen Finger wickeln lassen. Obwohl sie den Geschmack des saftigen Burgers schon auf ihrer Zunge schmecken konnte und ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ, wobei sie noch keinen zu sehen bekommen hatte. Ihr Magen bedankte sich augenblicklich mit einem lautstarken verräterischen Brummen. Ihr war sogar die Lust auf einen Burger vergangen. Wie tief konnte sie noch sinken?
»Nein, danke«, gab sie schnippisch zurück und sah ihn mit einem Blick aus ihren giftgrünen Augen an, der ihn wohl vernichten sollte.
»Okay«, antwortete er und zog dabei das Wort in die Länge. David wusste, dass sie wütend war und er verstand sie ja auch, dennoch konnte sie ihm wenigstens etwas entgegenkommen. Er hoffte nur, dass sich das bald legen würde, er hatte keine große Lust, die ganze Zeit mit einem zickigen Teenager zu verbringen.
Er erwiderte nichts mehr, um einem Gefecht mit ihr aus dem Weg zu gehen, bevor Skye noch aus dem Auto sprang und den Rückweg zu Fuß antrat. Zuzutrauen wäre es ihr. Wenn er sich recht erinnerte, wäre das nicht das erste Mal. Es war ungefähr zwei Jahre her, damals wollte sie bei ihrer Freundin, die circa drei Stunden Autofahrt von ihnen entfernt wohnte, übernachten. Aber da sein Geschäft zu dieser Zeit noch recht gut lief, konnte er sie nicht hinbringen. Nachdem er abends geschafft nach Hause kam, fand er einen Zettel, den sie an den Fernseher geklebt hatte. ›Bin bei Jessie.‹
Nachdem er sie dann angerufen hatte, weil er wusste, dass sie nicht über das nötige Kleingeld verfügte, um die Bahn nehmen zu können, kam postwendend zurück: ›Ich habe gute Beine.‹ Er wollte sich gar nicht erst ausmalen, was alles hätte passieren können.
Daher ging er jetzt lieber jeder Provokation aus dem Weg. Diskussionen würde es noch genügend geben, wenn sie erst eingetroffen wären. Er wusste ja, dass sie nicht begeistert war und sich vollkommen überrumpelt vorkommen musste, dennoch hatte er keine andere Wahl. Seine Schwester Lorena hatte ihm das Haus vermacht und nachdem die Firma nicht mehr lief und er keinen anderen Job fand, konnte er die Miete nicht mehr aufbringen, die in Beverly Hills nicht gerade knapp bemessen war.
Auch er musste so einiges zurücklassen, wobei das Materielle noch das kleinste Übel darstellte. An der Wohnung hingen so viele schöne und traurige Erinnerungen an seine verstorbene Frau, die ihm keiner mit Gold aufwiegen konnte. Er hatte es versucht, sie so lange zu halten, wie es ging, jedoch brachte es nichts mehr. Vielleicht erwies sich der Umzug, als Sprungbrett in eine neue bessere Zukunft für sie beide. Auch wenn Skye das nicht in ihren süßen Kopf bekam, aber das hier war die einzige Alternative, die ihnen blieb.
Bereits vor dem Umzug hatte er sich um einen neuen Job als Hausmeister gekümmert, der sie einigermaßen über Wasser halten sollte. Zudem würden sie die Miete sparen, was ebenfalls ein Pluspunkt für den Umzug darstellte.
Doch er wusste, dass er damit bei Skye auf taube Ohren stieß. Vielleicht war es besser, wenn sie sich eingelebt und die Gegend und ihre Menschen kennengelernt hatte. Jetzt das Thema erneut anzuschneiden, machte jedenfalls keinen großen Sinn. Die Sturheit hatte sie eindeutig von ihrer Mutter geerbt.
Davids Gesicht erhellte sich schlagartig, nachdem er das Ortseingangsschild erkannte, dass ihnen den neuen Weg in ihre Zukunft wies. Er vernahm Skyes Knurren, während sie es passierten und seine Miene und gute Laune verdüsterte sich sofort wieder. Ohne auf ihren giftsprühenden Blick zu achten, fuhr er unbeirrt weiter, nur um kurz darauf zu bemerken, dass sie den Ort bereits wieder verließen. Skye lachte auf, nachdem sie das ›Auf Wiedersehen Schild erblickte.
»Wow, hier kann man sich sogar verfahren«, bekam sie sarkastisch zusammen mit einem frechen Grinsen über die Lippen. David verdrehte genervt die Augen, fuhr rechts ran und sah sich noch einmal die Wegbeschreibung an, die der Notar mitgegeben hatte.
Auch wenn Lorena und er sich nahegestanden hatten, bekam er nie die Gelegenheit, sie hier einmal zu besuchen. Sie waren beide so sehr mit ihren eigenen Dingen beschäftigt gewesen, dass sie sich aus den Augen verloren hatten. Von ihrer Krankheit wusste er erst, nachdem sie in einen Brief kurz vor ihrem Tod gebeten hatte, sich mit ihr zu treffen. Danach ging alles viel zu schnell, um noch irgendetwas zu erledigen.
»Okay, wir hätten, glaube ich, da vorne abbiegen müssen«, murmelte er vor sich hin, während er versuchte, die Beschreibung zu entziffern, sah in Skyes Gesicht, die zweifelnd die Brauen hochgezogen hatte und wendete dann den Lieferwagen. Kurze Zeit später bogen sie in die kleine Nebenstraße ein, die nicht mehr geteert war. Sofort bildete sich eine Staubwolke und Skye hustete den plötzlich eingeatmeten Staub aus ihren Lungen, bevor sie schnell das Fenster schloss und ihren Vater böse anfunkelte.
»Ist das dein Ernst? Die kennen hier nicht einmal anständige Straßen«, regte Skye sich auf und hustete noch immer, dabei rieb sie sich die Staubkörner aus den Augen. Wohin zum Teufel hatte er sie verfrachtet? Das machte den Ort jedenfalls nicht reizvoller. Missmutig ließ sie sich in ihren Sitz zurücksinken und starrte durch die Windschutzscheibe.
»Stell dich nicht so an, schließlich sind wir hier auf dem Land.« Er versuchte, Skye zu beschwichtigen und gleichzeitig den Wagen auf dem schmalen Weg zu halten. Hoffentlich kam ihnen jetzt niemand entgegen.
»Das ist nicht einmal mehr auf dem Land, sondern irgendwo in der Einöde. Weißt du überhaupt, wo wir hinfahren?« Sie jedenfalls konnte durch den ganzen aufgewirbelten Staub nichts mehr erkennen und sie glaubte nicht, dass es ihrem Vater besser erging. Wenn das so weiterging, würden sie eher im Straßengraben, anstatt in der Stadt landen. Wann bitte hatte es hier zum letzten Mal geregnet? So wie es aussah, wohl schon vor einigen Zeiten nicht mehr. Es wunderte sie, dass bei dieser Dörre die Pflanzen überhaupt lebensfähig waren. Sie hasste Farson jetzt schon. Von wegen, das wird alles schon werden.
»Klar, steht doch alles da drauf.« Er wies mit dem Kopf auf den Zettel vom Notar, ohne den Blick auch nur eine Sekunde von der angeblichen Straße zu lassen.
Skye nahm den Wisch an sich und studierte die Zeichnung, die eher einer Schatzkarte, als einer Wegbeschreibung glich, und verglich sie mit den Wegen, die sie entlanggefahren waren und sollten.
»Stopp«, schrie sie unerwartet auf. David legte so plötzlich eine Vollbremsung hin, dass sich die Gurte spannten, bevor sie nach vorne geschleudert werden konnten. Im Lagerraum des Wagens flog alles durcheinander, wenn man nach dem Geräusch ging, was nach vorne in die Kabine drang.
»Was?«, gab er erschrocken von sich, sah sie geschockt an und suchte die Gegend ab. Er hoffte keinen Menschen oder ein Tier übersehen und gerammt zu haben. Skye hielt ihm den Zettel wedelnd unter die Nase und wies immer wieder auf eine Nebenstraße, die sie schon vor einem Kilometer hätten nehmen müssen. Kein Wunder, dass ihnen die bei dem ganzen aufgewirbelten Dreck nicht einmal aufgefallen war.
»Das nächste Mal, wenn du einen Ausflug unternimmst, solltest du dir vielleicht besser ein Navi zulegen. Obwohl ich nicht glaube, dass über diesem Kaff auch nur ein Satellit fliegt.« Sie verengte verärgert die Augen. David ließ entnervt laut die Luft aus seinen Lungen.
»Ja, ja, schon gut.« Klasse und wie sollte er dieses Ding jetzt hier gedreht bekommen? Er blickte in die Rückspiegel. Viel Platz hatte er hier jedenfalls nicht. Dann warf David seiner Tochter einen vielsagenden grinsenden Blick zu.
»Was?« Skye sah ihn an, als hätte er gerade den Verstand verloren.
»Schätzchen? Könntest du bitte so nett sein, auszusteigen und mir beim Wenden ein wenig zur Hand gehen?« Zuerst sah Skye ihn ungläubig an, bis sie schließlich bei seinem Geschleime auflachte und ihn kopfschüttelnd ansah.
»Nie im Leben«, gab sie beleidigt von sich und betonte dabei jedes einzelne Wort. Entschlossen verschränkte sie die Arme vor der Brust, die sich noch immer wütend unter ihrem blauen Trägertop hob und senkte. Jetzt sollte sie ihm auch noch dabei helfen, ihr eigenes Leben zu vermiesen. Das konnte er aber ganz schnell vergessen.
»Ach, komm schon, alleine schaffe ich das nicht. Oder willst du, dass ich unser Schmuckstück in dem Graben versenke?« Er setzte seinen treudoofen Dackelblick auf, von dem er genau wusste, dass er bei Skye Wirkung zeigen würde. Skye atmete gefrustet laut aus und verdrehte dabei die Augen.
»Okay, aber dafür gibt es heute Abend Pizza bis ich platze.« Sie wandte sich knurrend der Beifahrertür zu.
»Alles was du willst, mein Schatz.« Ein kleines hinterlistiges Grinsen huschte über sein Gesicht. Schön, dass manche Sachen trotz allem noch Wirkung auf sie hatten.
Nach einer geschlagenen viertel Stunde und gefühlten Tonnen von Staub, gelang es David, den Wagen endlich zu wenden, und sah auf seine Tochter, die hinter einer weiteren Staubwolke zum Vorschein kam. Jedenfalls glaubte er, dass er gerade seine Tochter sprachlos anstarrte.
David legte sich eine Hand auf den Mund, um das aufkommende Lachen zu unterdrücken, dass er gerade verspürte, nachdem Skye mit ausgebreiteten Armen vor dem Wagen auftauchte und versuchte, sich von dem Staub aus ihrem Mund zu befreien. Von oben bis unten voll mit diesem Zeug konnte man eher meinen, sie würde sich gerade auf einer geheimen Mission befinden und hatte sich zur Tarnung der Umgebung angepasst.
Skye stand wie angewurzelt da und ließ ihren Blick an sich hinunterwandern, dann sah sie sauer zu ihrem Vater, der noch immer versuchte, nicht in einem Lachanfall zu enden. Schließlich versuchte Skye, den ganzen Dreck von sich abzuklopfen, was einem unmöglichen Unterfangen glich und stampfte dann wütend auf die Beifahrertür zu, die sie stürmisch öffnete.
David presste die Lippen aufeinander, um den abermals aufkommenden Lachanfall zu unterdrücken. Gerade jetzt wollte er sich nun wirklich nicht mit ihr anlegen. Sie sah nicht so aus, als würde sie einen kleinen Scherz über sich ergehen lassen. Von dem blauen Top und der engen Jeans, war jedenfalls nichts mehr zu erkennen. Und wenn er sich ihr Gesicht so betrachtete, sah sie eher wie eine Sandstatue aus, die jemand am Strand kunstvoll gebaut hatte, als seine Tochter, die ihm gerade warnend den Zeigefinger entgegenstreckte.
»Wag es dir.« Sie funkelte ihn böse an, bevor sie sich in ihren Sitz hievte. David gluckste ein paarmal herum, bis er es schließlich nicht mehr aushielt. Laut prustete er drauf los und erntete zum Dank einen kräftigen Boxhieb auf den Arm. Skyes Blick warnte ihn eindringlich, sofort aufzuhören, bevor sie sich komplett vergaß.
»Okay, okay«, räusperte sich David, »ich benehme mich jetzt.« Doch schon wieder lachte er los, nachdem Skye ihn genervt ansah. Sie klappte die Sonnenblende herunter und betrachtete ihr Gesicht im Spiegel. Oh Gott. Nicht einmal ihr Gesicht war verschont geblieben und durch den ganzen Schweiß, hielt dieses Zeugs auch noch bombenfest. Sie sah gerade aus, als hätte sie einige Tonnen zu viel Make-up aufgetragen und das einzige, aus dem man auf ihre Identität schließen konnte, waren die grünen Augen, die sie verwirrt aus dem Spiegel anstarrten.
Sie zog eine Grimasse, sah zu ihrem Vater und lachte kurze Zeit später mit ihm zusammen um die Wette.
»Du übernimmst jetzt besser die Führung.« David hatte sich langsam wieder beruhigt und drückte ihr die Beschreibung in die Hand.
»Ich denke auch, das ist sicherer, wenn wir heute noch ankommen wollen. Wer weiß, wo wir sonst als Nächstes landen. Außerdem brauche ich, glaube ich, wirklich ganz dringend eine Dusche.« Sie sah erneut an sich herunter und musste augenblicklich lachen. Sie kam sich vor wie eine aus Stein gemeißelte Skulptur, die unbedingt ein Bad hinter sich bringen musste, bevor sie die Leute erschreckte. Trotzdem bestärkte sie der ganze Vorfall nur noch darin, dass sie hier total fehl am Platz war. In Beverly Hills wäre das jedenfalls nicht passiert.
Der Name Ort war total übertrieben und eine echte Beleidigung für richtige Ortschaften. Auf dem Weg zu ihrem neuen Domizil kamen sie gerade mal an ein paar Häusern vorbei, die rechts und links die Straße säumten. Einige Geschäfte und was ihr sofort ins Auge fiel, ein Diner. Hallo, kein Wunder, dass Farson nur als kleiner Fliegenschiss auf der Landkarte zu entdecken war. Oh Gott, sie würde hier eingehen und verkümmern, wie die Orchidee, die sie versucht hatte am Leben zu erhalten. Grüner Daumen Fehlanzeige.
Skye sah sich nach ihrem neuen Haus um, aber anstatt im Ort eins zu haben, mussten sie ja auch noch weiter die staubigen Straßen entlang. Wieder hinaus aus dem Ort, bis sie schließlich endlich in die Straße hineinfuhren, die zu ihrem neuen Wohnsitz führen sollte. Ebenfalls übertrieben war das Wort Straße, Ackerweg passte da eindeutig besser. Auch wenn Skye von alledem nicht viel hielt und sich total ausgelaugt fühlte, wurde sie jedoch durch das immer währende Schütteln des Wagens, hellwach gehalten. Schlaglöcher, so groß wie Tellerminen, die ihr Vater auch alle mitnehmen musste. Wenn das so war, konnte sie auch genauso gut nach dem verlorenen Haus Ausschau halten.
Sie verglich noch einmal die Route mit der Karte, und nachdem sie sicher war, sich auf der richtigen Straße zu befinden sah sie wieder nach vorne, wobei sich ihr Gesicht plötzlich aufhellte. Sie steuerten geradewegs auf ein rot-weißes Traumhaus zu, was ausnahmsweise nicht aus der Vorkriegszeit zu stammen schien. Zudem sprang ihr ein ganz besonderes Extra sofort ins Auge. Es verfügte über einen Pool. Das erste Haus nach gefühlten einhundert Kilometern und es erwies sich als Lottogewinn. Na, wer sagte es denn.
»Mhhh, ob es das ist?« Ihr Vater sah nachdenklich auf die Beschreibung und wieder zurück, nachdem er den Wagen darauf zusteuerte. Von einem Pool hatte der Notar jedenfalls nichts erwähnt.
»Das muss es sein, eindeutig«, bekam Skye nun freudestrahlend über die Lippen und hibbelte wie ein kleines aufgeregtes Kind auf ihrem Sitz.
Nach dem Ausdruck, der sich gerade auf Skyes Gesicht gelegt hatte zu urteilen, hoffte er instinktiv, dass es sich wirklich um ihr Haus handeln würde. Bei noch einer Enttäuschung wäre mit ein paar Monaten Schmollen und Rumgezicke zu rechnen. Darauf konnte David echt gut verzichten. Skyes Augen funkelten im Sonnenlicht, je näher sie dem Objekt kamen.
Jedoch kam mit einem Schlag die Ernüchterung. David erkannte zwei Gestalten auf der Veranda und ein Blick zu Skye ließ ihn wissen, dass auch ihre Hoffnung sich gerade zerschlug. Ihr Gesicht verzog sich sofort wieder zu ihrer Trauermiene, die sie bereits die ganze Fahrt über so gut beherrschte. David stöhnte entmutigt auf.
Wie ein kleines Kind, dass seinen Lolli nicht bekam, den es schon die ganze Zeit über anstierte, verschränkte sie beleidigt die Arme vor der Brust. Wäre ja auch zu schön gewesen.
David fuhr weiter auf das Anwesen zu, wobei Skye umso deutlicher erkannte, dass sich zwei Kerle auf der Veranda als Sonnenanbeter betätigten und sich auch von dem Motorengeräusch nicht stören ließen. Wohl bemerkt lagen sie da oberkörperfrei. Skye wunderte sich, dass sie gar nicht neugierig wurden, denn schließlich zählte dieser Weg nicht gerade als Hauptverkehrsstraße.
Auch wenn sie Skye nicht sahen, verspürte sie bei ihrem Anblick einen leichten Anflug von Röte, die sich sogleich auf ihre Wangen legte. Doch erst nachdem David den Wagen in der Nähe des Hauses zum Stehen brachte, schoss es ihr in den Kopf. Sie sah noch immer wie eine ausgewickelte Mumie aus. Nicht gerade der beste Zeitpunkt zwei braun gebrannten Jungs zu begegnen.
»Fragen wir mal nach, ob wir hier richtig sind.« David wandte sich kurz an Skye und dann zur Fahrertür.
»Dad«, kam es geschockt über ihre Lippen und sah erschrocken an sich herunter. Sie musste ihn ja irgendwie darauf aufmerksam machen, dass das hier nicht gerade der beste Zeitpunkt für ein Schwätzchen war. Oh Gott, wenn die sie so sehen würden, sie wäre nicht einmal richtig angekommen und schon das Gespött des ganzen Ortes. Mann, wieso konnten da keine netten alten Damen liegen? Skye spürte, wie Panik in ihr aufstieg und rutschte nervös tiefer in ihren Sitz hinein, nachdem David die Tür öffnete.
»Bleib hier. Ich frage nur nach und dann fahren wir weiter. Keiner wird dich sehen«, verstand er schließlich. Er versuchte, sie zu beruhigen, wobei er ein Lachen unterdrücken musste. Ertappt sah Skye ihn aus böse funkelnden Augen an. David überspielte den flüchtigen Anflug und hob abwehrend die Hände, bevor er die Tür schloss und auf die Veranda zutrat.
Skye lugte über das Armaturenbrett. Die Jugendlichen schien nicht einmal aufzufallen, dass sie gerade unerwarteten Besuch empfangen hatten. Wobei Skye eher den Eindruck gewann, es war ihnen vollkommen egal. »Hallo zusammen. Entschuldigen Sie, dass ich störe, aber könnte ich Sie etwas fragen?«
Er stand hinter dem Zaun, der den Pool zur Straße hin abgrenzte und versuchte, sich Gehör zu verschaffen, doch bekam er keine Antwort. Nicht einmal eine Reaktion. Er kam sich vor, wie die Luft, die gerade durch die Löcher des Maschendrahtzauns strömte. Einfach unsichtbar.
Skye beobachtete ihn voller Mitleid. Ihm war nicht einmal aufgefallen, dass die zwei ihn mit Absicht ignorierten. Sie spürte, wie Wut ihren Körper übermannte. Am liebsten hätte sie die zwei Kerle zusammengestaucht, doch in diesem Zustand wollte sie das lieber tunlichst vermeiden. »Entschuldigung …«, hörte Skye, wie er erneut das Gespräch suchte, aber prompt mürrisch unterbrochen wurde.
»Hey, alter Mann, siehst du nicht, dass wir hier beschäftigt sind?«, rief einer der Jugendlichen forsch, der es sich auf einer roten Liege bequem gemacht hatte. Er besaß nicht einmal den Anstand, David dabei anzusehen.
Skye stockte der Atem. Sie sah, wie ihr Vater schwer schluckte, jedoch auf ein Neues freundlich ansetzte. Skye wäre eher ausgerastet, als ihnen noch weiterhin freundlich zu begegnen. Das hier erwies sich nicht nur als das ödeste Kaff, sondern es war auch noch mit miesen Bewohnern bestückt.
»Es ist nicht wirklich meine Absicht, Sie in dem zu stören was Sie tun …« Was auch immer das darstellen sollte. »Ich wollte einfach nur …«, blieb ihm der Rest vom Satz verblüfft im Hals stecken.
»Mann, hast du keine Ohren? Wir sind beschäftigt.« Schlecht gelaunt betonte der auf der weißen Liege jedes einzelne Wort und stützte sich auf seinen Unterarmen ab, um sich den Störenfried warnend zu betrachten.
Skye schnappte augenblicklich nach Luft. Nachdem sie ein gutes Bild von seinem Oberkörper ergattern konnte. Wow, wenn die hier alle so gebaut waren, blieb sie freiwillig hier. Skye schüttelte nach ein paar Sekunden körperlicher Ablenkung den Kopf, um sich wieder auf das eigentliche Problem konzentrieren zu können. Auch wenn sein Körper keine Makel aufwies, sein Benehmen hingegen war unter aller Sau. Der anfänglichen Bewunderung folgte erneut aufkeimende Wut, weil der Typ ihren Vater ansah, als würde er bei einem weiteren Wort von der Liege aufspringen und David mit Vergnügen die Hände um den Hals legen. Gekonnt übersah David seinen warnenden Blick und setzte, zu Skyes Erstaunen, erneut an.
»Wie gesagt, ich möchte Sie wirklich nicht stören. Ich versuche nur, nach dem Weg zu fragen, und wäre dann auch sofort wieder verschwunden.« Seine Stimme klang schon etwas fester als vorher, jedoch machte er eine abwehrende Handbewegung, als wollte er den nächsten Kommentar der beiden, schon im Voraus wegwischen, wobei er noch immer freundlich in ihre Richtung blickte.
»Verpiss dich endlich.« Sogleich setzte sich auch der andere jetzt drohend hin.
Skye konnte genau sehen, dass ihr Vater wie vor den Kopf gestoßen da stand und versuchte, seine aufkeimende Wut zu unterdrücken. Skyes Stimmung kippte allmählich. Auf einer Messskala von eins bis zehn, hatte sie gerade mindestens die zwanzig erreicht. Ihr ganzer Körper zitterte bei der Anspannung, nicht gleich zu explodieren. Niemand hatte das Recht, so mit ihrem Vater umzuspringen, und schon gar nicht solche braun gebrannten heiße sexy Typen. Verdammt, sie konnte bei deren Anblick nicht einmal mehr klar denken.
»Hast du nicht verstanden, was er gesagt hat?« Der in dem weißen Stuhl musterte David sauer.
Ihr Vater war wie in einer Art Schockstarre und bewegte sich keinen Millimeter. Sein Blick schien wie auf die zwei festgeklebt zu sein. Skye war froh, dass er überhaupt noch atmete.
Okay, das reichte. Sexy Kerle hin oder her. Ihr Blut kochte bereits und schoss ihr mit solcher Wucht in den Kopf, dass sie es in ihren Ohren rauschen hören konnte und dann, wie in einem Vulkan, in satter Wut explodierte. Diese Hinterwäldler hatten sie wohl nicht mehr alle. Ungeachtet wie sie gerade aussah, stieg Skye aus dem Wagen und schritt auf ihren Vater zu, der noch immer wie eine Skulptur reglos dastand. Erst nachdem Skye neben ihm auftauchte, schien er langsam ins Leben zurückzukehren. Er holte tief Luft und sah dabei in den strahlendblauen Himmel hinauf, um sich zu beruhigen. Dann wandte er sich Skye zu.
»Lass uns einfach fahren, Schatz.« Er legte ihr eine Hand in den Rücken, während er ruhig auf sie einsprach und schob sie vorsichtig in Richtung ihres Wagens.
»Im Ernst?« Skye funkelte ihn verständnislos aus ihren grünen Augen an, die bereits einen smaragdgrünen Ton angenommen hatten. Es war wirklich eindeutig an der Zeit, sie zum Wagen zu bringen. Er kannte dieses bissige Grün, ein eindeutiges Zeichen, dass sie kurz vor der Explosion stand.
Nur widerwillig ließ sich Skye von ihm vorwärts schieben und ballte die Fäuste. Es entsprach ganz und gar nicht ihrer Art, sich einfach zu verziehen und klein bei zu geben. Die zwei hatten eindeutig einen Tritt in den Arsch verdient.
»Hey, hast du schon das Grab für den Alten geschaufelt?« Skye blieb auf der Stelle stehen und drehte sich sauer zu dem im roten Liegestuhl um. Er lachte lauthals drauf los. Sie ballte die Fäuste so fest, dass sich ihre Nägel bereits in das Fleisch bohrten. Dann setzte sich auch der andere hin und musterte sie, bevor auch er sich den Bauch vor Lachen hielt.
Sie konnte nicht verstehen, wie ihr Vater dabei so ruhig bleiben konnte. Skye spürte, wie der Zorn durch ihre Adern schoss. Heiß und prickelnd übernahm er jeden Zentimeter ihres angespannten Körpers. Ihr Magen verkrampfte sich und das Pochen ihres Blutes hallte in ihren Ohren wieder. Wie ein Dampfkessel, kurz vor der Explosion, weil man keinen Druck abließ.
Es war eine Sache, sie zu beleidigen aber ihren Vater? Sie blickte in das mitgenommene Gesicht ihres Vaters, dem der Spruch ziemlich nahe zu gehen schien. Zu ihrer unermesslichen Wut mischte sich Mitleid für ihren Vater. Dann sah er Skye flehend an, sie konnte es echt nicht glauben.
»Lass uns gehen, Skye. Bitte.« Sie atmete laut hörbar aus und schloss dabei die Augen. Das hatte sie einmal im Fernsehen gesehen, es sollte einem dabei helfen, seinen Körper wieder unter Kontrolle zu bekommen. Und sie glaubte es nicht, aber es erwies sich wirklich als hilfreich.
»Okay, aber noch ein Wort von denen und ich garantiere für nichts.« David nickte verständnisvoll und setzte sich in Bewegung. Skye versuchte noch immer, ihr wallendes Blut zu beruhigen. Normalerweise hätte sie diesen Typen sofort die Leviten gelesen. Dennoch hatte sie auch bemerkt, dass es ihrem Vater lieber war, den Rückzug anzutreten. Er stand eben nicht so sehr auf Konfrontationen, und suchte immer einen Weg, Probleme friedlich zu lösen. Ganz im Gegenteil zu Skye und wie er ihr immer wieder beteuerte, hatte sie das wohl auch von ihrer Mutter geerbt. Wenn sie so darüber nachdachte, fragte sie sich, was sie eigentlich von ihrem Vater geerbt hatte.
Sie waren fast am Wagen angelangt, bis der nächste Kommentar das Fass zum Überlaufen brachte.
»Na ganz toll, die lassen echt alles in unsere Gegend«, meinte der auf dem weißen Liegestuhl beleidigend.
Sofort zog Skye den Atem scharf ein und presste angestrengt die Augen zusammen, während sich ihre Nägel beim Ballen der Fäuste schmerzhaft ins Fleisch bohrten.
Jetzt reichte es, die zwei sollten am besten sofort lernen, mit wem sie sich gerade anlegten. Skye kochte vor Wut, während sie auf dem Absatz herumwirbelte und total außer sich, auf die Mistkerle zu stampfte. David versuchte, sie noch zurückzuhalten, bekam sie aber nicht mehr zu fassen. Entmutigt sah er seiner Tochter nach, die wie ein Bulldozer auf die Veranda zuschritt.
»Hey, ich glaube, der Staubfänger will uns etwas mitteilen«, meinte der aus dem roten Stuhl lachend und zwinkerte dem anderen zu.
»Der Staubfänger stopft dir gleich dein dreckiges Mundwerk.« Skye baute sich drohend vor ihm auf. Ihre Wut blitzte in den gefährlich in ihren Augen auf, die mittlerweile einen dunklen smaragdgrünen Ton angenommen hatten. Sie starrte den Kerl vor sich missmutig an. Auch wenn er dem anderen gut das Wasser reichen konnte, wenn es um seinen makellosen Körperbau ging, im Thema Benehmen mussten beide noch einiges lernen. Blonde Haare fielen ihm ins Gesicht und verdeckten einen großen Teil seiner Augen, sodass Skye nur auf einen kleinen Teil seiner blauen Iris erhaschen konnte, nachdem er lachend auf Skye zeigte. Sie spürte, wie ihr Körper vor Zorn erzitterte.
David hob die Brauen, nachdem sie sich vor den Typen stellte, die Fäuste in die Hüften stemmte und diesen giftig ansah.
»Was? Willst du mich jetzt hauen?« Er zog sie weiter lachend auf und tat dabei so, als würde er vor Angst schlottern. Der Zweite sah nur gelassen in ihre Richtung und schien dieses kleine Schauspiel zu genießen.
Auch wenn diese absolut tollen Muskelpakete vor und neben ihr absolut ihren Reiz hatten, und wahrhaftig hatten sie den, sollten sie sich am besten zweimal überlegen, was sie so vom Stapel ließen. Skye schloss argwöhnisch die Augen und holte tief Luft, bevor sie ihn herausfordernd ansah.
»Kleiner, wenn ich mit dir fertig bin, wirst du heulend zu deiner Mama rennen« konterte Skye und funkelte ihn an. Wenn er wirklich glaubte, er könnte sie einschüchtern, war er falsch gewickelt. In Beverly Hills musste sie sich schon oft genug gegen solche Möchtegern-Typen durchsetzen, auch wenn die in dem Alter bei weitem nicht so gut gebaut waren, wie diese beiden Exemplare hier. Dennoch gab es das Wort ›einschüchtern‹, da genauso wenig wie hier.
Sein Lachen verstarb plötzlich und er sah sich angestrengt in der Gegend um, dann kratzte er sich nachdenklich am Hinterkopf und kam mit seinem Gesicht näher an ihres heran, bevor er wieder dämlich grinste.
Sie spürte seinen warmen Atem auf ihrer Haut, der sofort eine Gänsehaut auslöste, während er ihr Gesicht angestrengt begutachtete. Zumindest das, was er noch erkennen konnte und viel schien das nicht zu sein.
»Du und welche Armee?« Sofort verflüchtigte sich die Gänsehaut wieder und machte einem innerlichen Prickeln Platz, dass sich von ihren Zehenspitzen aus über ihren Oberkörper, bis in die Fäuste zog. Okay, das reichte jetzt wirklich, sie hatte ihnen Chancen genug gegeben. Ihr Blut war dem Überkochen nahe und wenn sie nicht endlich Dampf ablassen konnte, würde ihr wahrscheinlich noch der Schädel platzen. Ihren Ruf hatte sie mit ihrem heutigen Aussehen sowieso schon ruiniert, aber ihre Würde würden die zwei ihr nicht noch nehmen. Sie ballte die Fäuste fester, sodass sich ihre Nägel erneut schmerzlich in ihre Handballen bohrten.
»Lass gut sein, Luca. Du weißt doch, dass wir uns nicht an kleinen Mädchen vergreifen sollen«, witzelte der andere und versuchte damit wohl, seinen Bruder etwas zu beruhigen. Moment mal, hatte sie das gerade richtig verstanden?
»Kleine Mädchen?«, schrie sie ihn augenblicklich an. Er legte den Kopf schief, was sein attraktives, mit dunklen Haaren umrahmtes Gesicht noch makelloser erschienen ließ. Skyes Herz machte augenblicklich einen verräterischen Satz. Er begutachtete sie einen kleinen Moment aus tiefblauen Augen, stand dann auf und trat auf sie zu.
Skye musste nach oben schauen, um sein Gesicht sehen zu können. Er war mindestens einen Kopf größer als sie selbst. Doch nach und nach ließ sie den Blick weiter nach unten sinken und was sie sah, ließ ihr Herz einen Moment schneller schlagen und ausnahmsweise nicht vor Wut. Oh Gott, stöhnte sie innerlich. Wie konnte man so ein Arsch sein und so verdammt heiß aussehen. Mit ihm hatte Gott jedenfalls sein Meisterwerk geschaffen. Skye schluckte. Nur gut, dass das verstaubte Gesicht die Röte verbarg, die ihr gerade in die Wangen schoss.
»Ich glaube, die Kleine steht auf dich«, brachte der Blonde lachend hervor. Zurück in der Wirklichkeit holte Skye aus. Es wurde wirklich Zeit, dem Heini Manieren beizubringen.
Ihre Faust schnellte nach vorne und landete mit der ganzen Kraft, die sie besaß, in seiner Magengegend. Da er damit nicht gerechnet hatte, war er nicht rechtzeitig in der Lage seine Muskeln anzuspannen und den Schlag abzuwehren. Geschockt sah er Skye an und ging keuchend in die Hocke.
Mit Genugtuung wandte sich Skye an den anderen, der noch geschockt auf seinen Bruder starrte, bis er ihren Blick einfing. Sie sah gerade drein, als würde sie auch vor ihm nicht Halt machen.
»Hey, beruhige dich, okay. Ich will dir nicht wehtun müssen«, meinte er, hob warnend einen Zeigefinger und fuchtelte damit vor ihrem Gesicht herum. Skye lachte höhnisch auf. Seine blauen Augen blitzten kurz gefährlich im Sonnenlicht auf, was Skye aber nicht im Geringsten beeindruckte.
»Du? Mir wehtun?« Sie stemmte die Hände in die Hüften und sah ihn herausfordernd an.
»Hör gut zu, Kleine. Jetzt legst du dich gerade wirklich mit dem Falschen an. Also besser nimmst du die Beine in die Hand und machst, dass du verschwindest.« Sein Blick ließ keinen Zweifel daran, dass er es wirklich ernst meinte. Sie hasste ihn jetzt schon. Sie hasste beide und diese verdammte Gegend noch dazu. Was glaubte er eigentlich, wen er gerade vor sich hatte? Wirkte sie auf ihn, wie ein kleines ängstliches und schüchternes Mädchen? Vor allem war sie nicht seine ›Kleine‹. Sauer ließ sie knurrend die Luft aus ihren Lungen, die sie verärgert angehalten hatte und versuchte, ihn in den Pool zu stoßen. Doch er schüttelte nur belustigt den Kopf und hielt ihre Hände fest. Ohne große Mühe stellte er sich gegen jeden ihrer Versuche, die alle im Nichts verpufften. Und das brachte Skye noch mehr in Rage.
Wie ein wildgewordener Stier, der seine Hörner verloren hatte, schob sie immer weiter, doch sie wurde das dumpfe Gefühl nicht los, dass sie auf der Stelle trat. Er bewegte sich jedenfalls keinen Millimeter. Seine angespannten Muskeln zeichneten sich unter seiner Haut ab und sie glaubte, noch nie so viele auf einem Haufen gesehen zu haben. Skye fauchte laut auf und verstärkte ihre Bemühungen noch. Jedoch musste sie zugeben, dass er der Erste war, der sich bis jetzt gegen sie behaupten konnte und das beeindruckte sie doch ein wenig. Und wahrscheinlich hätte sie es schon längst geschafft, wenn sie sich nicht immer wieder von seinem Körper ablenken ließ, knurrte sie innerlich.
»Wenn du so weiter machst, hast du gleich keine Sohlen mehr unter den Schuhen. Verdammt, beruhige dich endlich.«
Er ließ seinen Griff etwas lockerer und Skye prallte unter einem erschrocken Aufschrei an seine Brust. Jedoch hielt der Schreckmoment nicht lange an. Sie stieß sich wieder von ihm ab, auch wenn ihr Körper seine Nähe gerade wohl sehr genossen hatte. Jedenfalls rauschte ein wohliger Schauer über ihren Rücken. Sie ignorierte das seltsame Gefühl und konzentrierte sich wieder auf ihr Problem.
Sie hatte selbst bemerkt, dass sie auf der Stelle lief und die Füße immer wieder unter ihr wegrutschten, doch das Wort ›aufgeben‹, gab es in ihrem Wortschatz nicht. Zudem hegte sie nicht die Absicht, es jetzt hinzuzufügen.
Sie versuchte noch einmal, alle ihre Kraftreserven zusammenzukratzen, und schob so fest sie konnte, um den ausgewachsenen Muskelberg vor ihr zu bewegen. So darin vertieft nicht zu versagen, bemerkte sie nicht, dass sich plötzlich hinter ihr, die Verandatür öffnete und eine Frau mittleren Alters heraustrat.
»Jungs, was habt ihr jetzt schon wieder angestellt«, vernahm Skye die fauchende Stimme. Die Gegenwehr, gegen die Skye ankämpfte, wurde abrupt lockerer, während der Typ erschrocken auf die Frau blickte. Unter einem Aufschrei pirschte Skye nach vorne und steuerte Richtung Pool. Erschrocken suchte sie etwas, woran sie sich festhalten konnte, um dem unfreiwilligen Bad zu entgehen, erwischte den Kerl am Arm, wobei sie ihn mit sich zog und zusammen mit ihm im pisswarmen Wasser landete.
»Verdammt«, schrie der Blonde laut vor Schadenfreude auf und lachte sich halb kaputt.
Währenddessen kam sein Bruder wieder an die Oberfläche und strich sich das nasse dunkle Haar aus dem Gesicht. Skye jedoch tauchte kurz auf, schnappte nach Luft, um sogleich wieder in die Tiefe zu stürzen. Sie hatte das Gefühl, als würden ihre Lungen jeden Moment bersten. Immer wieder kam sie für einen kleinen Moment an die Oberfläche und verschwand sogleich wieder. Irgendwann hatte sie keine Kraft mehr. Der kleine Machtkampf hatte ihr bereits genug davon geraubt. Angestrengt versuchte sie, ihren Körper davon abzuhalten, Wasser in seinen Lungen aufzunehmen. Sie sank tiefer und blickte dabei zur rettenden Oberfläche, die sie nicht erreichen konnte. In diesem Moment kam sie ihr so unendlich weit entfernt vor.
»Sie kann nicht schwimmen«, schrie David dem Jungen zu, der aus dem Becken breit seinen Bruder angrinste. Doch bei seinen Worten drehte er sich fragend zu David.
»Sie kann nicht schwimmen«, beteuerte er ihm noch einmal panisch, während er zum Becken rannte. Zudem hatte er das gleiche Problem wie Skye, schwimmen hatte er nie gelernt. Nachdenklich suchte der Junge die Oberfläche nach ihr ab, bis er einen Schatten am Grund des Beckens erkannte. Ohne nachzudenken, tauchte er Skye nach und erblickte sie. Sie hatte bereits den Boden erreicht und bewegte sich nicht mehr.
Mit einem gekonnten Zug durchquerte er das Becken, bis er sie erreicht hatte und ihren Arm zu fassen bekam. Skye glaubte, in diesem Moment aus ihren verschleierten Augen einen Engel zu sehen. Starb sie gerade? Er zog sie an sich und in dem Moment schalteten sich Skyes Sinne wieder ein. Sie wurde panisch. Ihr wurde gerade bewusst, dass sie ertrank, und schlug wie wild um sich. Er hatte Mühe, sie bis an die Oberfläche zu ziehen. Doch trotz ihrer Tritte und Schläge, die sie ihm in wilder Panik verabreichte, ließ er sie nicht los und durchbrach schließlich mit ihr gemeinsam die Wasseroberfläche.
Immer noch ganz fest an seinen Oberkörper gepresst, schnappte Skye nach Luft und hustete das Wasser aus ihren Lungen.
»Alles okay?«, fragte er besorgt, während er sie ein wenig von sich wegschob, um ihr Gesicht betrachten zu können, und sah sie nachdenklich musternd einen kleinen Moment an. Doch Skye war so wütend, dass sie gleich wieder auf ihn einschlug. Erst nachdem sie seinen bewunderten Blick sah, hielt sie rotwerdend inne. Für kurze Zeit kam sie sich wie in einem magischen Moment gefangen vor. Seine Augen fixierten ihren Blick und Skye musste schlucken.
»Geht es dir gut?« Seine Worte durchbrachen den merkwürdigen Augenblick und Skyes Wut kehrte mit voller Wucht zurück. Sie war so sauer, dass sie mit ihren Fäusten auf ihn eintrommelte. Es war seine Schuld. Verdammt, sie wäre beinahe ertrunken und er stellte ihr dann auch noch eine so bescheuerte Frage.
»Hey, beruhige dich, sonst gehen wir beide wieder unter.« Sofort hing sie stocksteif in seinen Armen. Nein danke, einmal hatte definitiv gereicht für heute. Sie musste wieder husten von der ganzen Anstrengung.
»Ist wirklich alles okay?« Auch wenn Sky ihm am liebsten gerade zwischen die Beine getreten hätte, überlegte sie sich das doch lieber ganz schnell. In Anbetracht der Tatsache, dass sie keinen Boden unter ihren Füßen spürte, schien ihr das keine gute Idee zu sein.
»Ja«, knurrte sie ihn stattdessen mit einem wütenden Blick an. Doch der erstarb schnell, nachdem ihre Blicke sich trafen. In diesem Blau lag eindeutig etwas anderes, als Verärgerung oder Schadenfreude. Wenn sie es richtig deutete, eher so was wie Besorgnis. Doch das verflog ziemlich schnell wieder, wobei sie den Eindruck gewann, sich das vielleicht nur eingebildet zu haben.
»Gut, dann sollten wir dich besser mal hier rausschaffen.« Er legte seinen Arm fester um ihre Taille und in dem Moment wurde ihr erst bewusst, dass sie an seinem nackten Oberkörper hing. Nicht schlecht für ein Arschloch, dachte sie so bei sich, doch nachdem sie seinen wissenden Blick auffing, reckte sie beleidigt das Kinn vor und ließ sich ans Ufer bringen.
»Luca, hilf deinem Bruder.« Sofort – ohne Widerrede – begab er sich zum Beckenrand und hievte gemeinsam mit David, Skye aus dem Pool. Dean schob von unten nach und Skye bekam augenblicklich den Eindruck, dass er gerne an ihrem Hintern fummelte. Mit einem kleinen gezielten Tritt, nachdem sie fast draußen war, traf sie seinen Kopf und er ging kurz unter. Breit grinsend tauchte er wieder auf und lehnte sich mit den Armen auf den Beckenrand. Skye fluchte, als sich ihre Blicke trafen.
»Oh Gott, ist auch nichts passiert?« Die Frau war herbeigeeilt und kniete sich neben Skye, die vor Aufregung zitterte.