Spur in die Vergangenheit - Simon R. Green - E-Book
Beschreibung

Ich bin John Taylor. Ich bin in der Nightside geboren, den gut zweieinhalb Quadratkilometern im verborgenen Herzen Londons, in denen immer Geisterstunde ist, in denen Götter und Monster Seite an Seite wandeln und wo es auf jede prekäre Frage eine Antwort gibt - wenn der Preis stimmt. Ich war ein Weilchen weg, aber ich bin wieder da, um von dem zu leben, was ich besser kann als jeder andere: Dinge finden - seien sie vergessen oder gestohlen, real oder fiktiv. Kürzlich habe ich das Gefährlichste überhaupt gefunden: die wahre Identität meiner lange verschollenen Mutter. Es zeigte sich, dass sie schon seit der Morgenröte der Schöpfung existiert. Damals schuf sie die Nightside - und jetzt will sie sie aus Gründen, die nur ihr eigenes krankes Hirn versteht, wieder vernichten. Um sie aufzuhalten, bevor sie überhaupt loslegen kann, muss ich weit reisen - rückwärts in der Zeit, durch Äonen in eine sehr ferne - und wahrscheinlich tödliche - Vergangenheit.

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Seitenzahl:408

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Autor: Simon R. Green

Deutsch von: Oliver Hoffmann

Lektorat: Natalja Schmidt und Julia Abrahams

Korrektorat: Lars Schiele und Thomas Russow

Art Director, Satz und Gestaltung: Oliver Graute

© Simon R. Green 2005

© der deutschen Übersetzung Feder&Schwert 2008

E-Book-Ausgabe

ISBN 978-3-86762-135-9

Originaltitel: Paths not taken

Spur in die Vergangenheit ist ein Produkt von Feder&Schwert unter Lizenz von Simon R. Green 2006. Alle Copyrights mit Ausnahme dessen an der deutschen Übersetzung liegen bei Simon R. Green.

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck außer zu Rezensionszwecken nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Die in diesem Buch beschriebenen Charaktere und Ereignisse sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit zwischen den Charakteren und lebenden oder toten Personen ist rein zufällig.

Die Erwähnung von oder Bezugnahme auf Firmen oder Produkte auf den folgenden Seiten stellt keine Verletzung des Copyrights dar.

www.feder-und-schwert.com

Ich bin John Taylor.

Ich habe mir einen Namen gemacht, man achtet und fürchtet mich, aber ich trage auch schon mein Leben lang eine Zielscheibe auf der Stirn.

Ich arbeite als Privatdetektiv in einer Welt, wo Götter und Dämonen real sind. In der Nightside: dem kranken, geheimen, magischen Herzen Londons. An einem Ort, wo Träume wahr werden, ob man will oder nicht. Es ist nicht leicht hineinzufinden, und wieder herauszukommen, ist oft sogar noch schwieriger.

Ich kann jedes Mysterium ergründen, kann alles finden. Außer den Antworten auf die finsteren, tödlichen Geheimnisse meiner eigenen Vergangenheit.

Ich bin John Taylor, und wenn Sie mich suchen, haben Sie entweder bereits Ärger oder werden gleich welchen kriegen.

Prolog

Mein Name ist John Taylor. An manchen Orten kann man mit diesem Namen Leute erschrecken. Ich arbeite als Privatdetektiv, auch wenn ich noch nie eine Lizenz hatte – oder eine Knarre. Ich trage einen weißen Trenchcoat, falls Ihnen das was sagt. Ich bin groß, habe dunkle Augen und sehe leidlich gut aus. Ich habe die Gabe, Dinge zu finden, ob sie gefunden werden wollen oder nicht. Ich helfe Leuten, wenn ich kann. Ich halte mich gern für einen der Guten.

Ich arbeite in der Nightside, jener kranken, magischen Stadt inmitten der Stadt, dem bestgehüteten Geheimnis Londons. In der Nightside ist es immer Nacht, immer drei Uhr morgens, die Stunde des Wolfs, in der die meisten Menschen sterben und die meisten Kinder zur Welt kommen. Der Teil der Nacht, in dem es, unmittelbar vor der Morgendämmerung, am dunkelsten ist, nur dass die Morgendämmerung nie kommt. Götter und auch Monster wandeln ganz offen durch regennasse Straßen, schwelgen im billigen Glanz des heißen Neonlichts, und jede Versuchung, nach der man in den Schmuddelecken seines Herzens je gierte, ist zu haben, wenn man nur den Preis bezahlen kann. Meist kostet es die Seele – die eigene oder die eines anderen. In der Nightside findet man Freude und Grauen, Erlösung und Verdammnis und die Antwort auf alle Fragen, die man je hatte. Wenn einen die Nightside nicht zuvor umbringt.

Ich habe auf diesen dunklen Straßen so eine Art Ruf, und es ist kein guter. Mein Vater hat sich totgesoffen, nachdem er herausgefunden hatte, dass meine Mutter kein Mensch war. Seit meiner Kindheit versucht eine geheimnisvolle Gruppe von Feinden, mich umzubringen. Manche in der Nightside sehen mich als Thronanwärter, andere nennen mich eine Missgeburt. Für die Autoritäten, jene gesichtslose Gruppierung, die sich gern als die Regierung der Nightside betrachtet, bin ich nur ein abtrünniger Agent und eine reuelose Nervensäge.

Erst jüngst habe ich herausgefunden, dass meine Mutter ein biblischer Mythos ist: Lilith, Adams erste Frau, aus dem Garten Eden verjagt, weil sie sich keiner Autorität unterordnen wollte. Vor Millennien schuf sie die Nightside als den einzigen Ort auf Erden, der frei ist vom ewigen Kampf zwischen Himmel und Hölle. Sie war lange weg; aber jetzt ist sie wieder da. Und jeder wartet auf den Paukenschlag.

Ich habe einmal eine mögliche Zukunft der Nightside gesehen. Darin waren alle tot, die ganze Welt verwüstet. All das war meine Schuld, weil ich meine Mutter gesucht hatte. Ich schwor, lieber zu sterben, als das zuzulassen.

Aber natürlich ist es nie so einfach – in der Nightside.

1

Es gibt Gründe, warum ich nie ins Büro gehe

In der Nightside hat man niemals genug Zeit, was seltsam ist, denn eigentlich kann man hier ansonsten alles kaufen. Ich hatte viel zu tun, und ich wurde verfolgt, also wanderte ich durch die Straßen der Nightside und war überrascht zu sehen, dass diese vor mir zurückwichen. Die Menschen, und auch jene Gestalten, die eigentlich keine Menschen waren, machten einen noch größeren Bogen um mich als sonst. Entweder sprach sich schon herum, wer meine Mutter war, oder sie hatten gehört, dass die Autoritäten mich endlich für vogelfrei erklärt hatten, und niemand wollte zu nah dran sein, wenn der große Knall kam.

Sternbilder, die man außerhalb der Nightside nie zu sehen bekommt, zierten den Nachthimmel, während der Vollmond ein dutzendmal größer war, als ihn die meisten Leute kennen. Die Luft war heiß und drückend wie im Krankenzimmer eines Fiebernden, und rings um mich herum prangten in greller Neonschrift Einladungen zum Erliegen von Versuchungen und zum Begehen von Sünden jeglicher Art. Musik erklang aus den offenstehenden Türen aller möglichen Clubs, vom langsamen Seufzen eines Saxophons bis hin zu den neuesten pulsierenden Bassrhythmen. Menschenmengen strömten auf den Trottoirs hin und her. Ihre Gesichter strahlten in Vorfreude auf verbotene Wonnen – auf Vergnügungen und andere Dinge, die in der Außenwelt niemals denkbar gewesen wären. Es war wie immer drei Uhr morgens, und die Nightside tobte.

Träume und Verdammnis bekam man hier gleichermaßen, mit Rabatt und kleinen Fehlern.

Ich befand mich auf dem Weg ins Büro. Ich war noch nie dort gewesen und freute mich sehr darauf, es endlich mal zu sehen. Meine halbwüchsige Sekretärin Cathy (sie hatte mich adoptiert, nachdem ich sie vor einem Haus rettete, das sie zu fressen versuchte, und nein, ich hatte das nicht mitzuentscheiden) hatte das Büro für mich eingerichtet, nachdem ich einen Haufen Geld verdient hatte. (Ich hatte den Unheiligen Gral für den Papst gesucht. Dabei brach ich auch noch einen Engelskrieg vom Zaun, aber so ist die Nightside eben.) Cathy führte mein Büro mit beängstigender Effizienz, und ich ließ sie nur zu gerne gewähren. Organisation war mir immer schon fremd gewesen, genau wie regelmäßige sportliche Betätigung, Aufräumen und Wäschewaschen.

Aber in jener Nacht hatte ich etwas vor, das gleich aus mehreren Gründen, die selbst mir neu waren, gefährlich war, und es bedurfte gründlicher Nachforschungen und einiger guter Ratschläge. Wenn ich herausfinden wollte, wer und was meine Mutter wirklich war, würde ich in der Zeit zurückreisen müssen, ganz bis an den Anfang der Nightside vor über zweitausend Jahren. Das wiederum bedeutete, mit Väterchen Chronos zu reden, jener unsterblichen Verkörperung der Zeit, die furchterregender und viel mächtiger und gefährlicher war, als ich es je sein würde.

Deshalb war Planung die halbe Miete, und ich hatte einige wirklich leistungsfähige Rechner auf meiner Seite. Angeblich waren es KIs aus einer potentiellen Zukunft, auf der Flucht vor etwas, über das sie lieber nicht redeten. Cathy hatte sie billig erworben, doch sie zog es vor, die Einzelheiten dieses Handels nicht zu erörtern. Der normale Wahnsinn der Nightside. Die KIs ließen sich besitzen und benutzen, weil sie Datenfresser waren, Informationsjunkies, und noch nie so etwas wie die Nightside gesehen hatten.

Zeitreisen in beide Richtungen waren in der Nachtseite der Stadt keine Seltenheit, aber viel zu unvorhersehbar, um jemandem wirklich zu nutzen. Es konnte überall und ohne Vorwarnung zu einer Zeitanomalie kommen, die kurz den Zugang zur Vergangenheit oder zu einer von zahllosen denkbaren Zukünften ermöglichte. Niemand wusste, wie oder warum Zeitanomalien entstanden, doch im Laufe der Jahre hatten sich die Leute ein paar echt beunruhigende Geschichten dazu ausgedacht. Die Autoritäten sicherten die betroffenen Bereiche einfach mit Absperrungen und Warnschildern und warteten, bis die Zeitanomalien wieder verschwanden. Und dann gab es da den Verein für echte Extremsportarten e. V., dessen Mitglieder manchmal aus allen Himmelsrichtungen angerannt kamen, um sich nur des Kitzels wegen in eine Zeitanomalie zu stürzen: wahre Gefahrenjunkies, für die der Reiz, sich selbst in Brand zu stecken und von hohen Gebäuden zu springen, einfach nicht mehr ausreichte. Ihnen gefiel wohl, was sie am anderen Ende ihres Regenbogens fanden, denn keiner kam je zurück, um sich zu beklagen.

Nur eine Person in der Nightside war mächtig genug, um jemanden einigermaßen präzise durch die Zeit zu schicken, und das war Väterchen Chronos – eine so gewaltige Macht und Herrschaftsinstanz, dass niemand ihre Dienste kaufen oder einfordern konnte, mit Sicherheit nicht einmal die Autoritäten. Man musste ihn persönlich im Zeitturm aufsuchen und überzeugen, dass die Reise, die man plante, einen würdigen Grund hatte. Angesichts meines angeschlagenen Rufs würde ich sehr überzeugend sein müssen. Ich baute darauf, dass mir Cathy und ihre Computer die nötige Munition lieferten.

(Die Autoritäten unterhielten einst in den Sechzigern eine Weile lang einen eigenen Zeittunnel, aber er war offenbar nie sehr zielgenau und wurde letztendlich unter dem Mantel des Schweigens wieder geschlossen.)

Schließlich fand ich die Adresse, die Cathy mir gegeben hatte, und stellte überrascht fest, dass mein Büro in einer recht teuren Gegend lag. Es gab mehr Büros als Läden, und die Straßen konnten mit höherklassigen Sündern aufwarten. Wachschützer in grellen Privatuniformen lungerten herum, interessierten sich aber irgendwie immer gerade für etwas anderes, wenn ich sie ansah. Mein Büro befand sich in einem hohen Hightech-Gebäude, das ganz aus gleißendem Stahl und verspiegelten Fenstern bestand. Ich nannte dem snobistischen, in die Vordertür eingelassenen Simulakrumgesicht meinen Namen, und Cathy betätigte den Türsummer für mich. Ich lächelte das Gesicht hämisch an und spazierte in das überdimensionierte Foyer als gehöre es mir.

Ein Aufzug mit einer wirklich piekfeinen Stimme beförderte mich in den dritten Stock, wünschte mir einen wunderschönen Tag und machte mir ein Kompliment für meinen Trenchcoat. Ich schlenderte den hell erleuchteten Gang entlang und las die Namen an den Türen. Alles sehr geschäftsmäßige und sehr beeindruckende, große Namen, die nach viel Geld klangen. Ich hatte es eindeutig geschafft. Die Tür zu meinem Büro erwies sich als aus massivem Silber gefertigt und war übersät mit Schutzzeichen und -siegeln. Ich nickte zustimmend. Derlei Sicherheitsvorkehrungen können in der Nightside über Leben und Tod entscheiden, manchmal sogar über noch mehr als das. Es gab weder Klingel noch Türgriff, also kündigte ich mich lauthals an, und nachdem die Tür einen Augenblick darüber nachgedacht hatte, schwang sie auf.

Ich betrat zum ersten Mal mein eigenes Büro, sah mich argwöhnisch um, und Cathy kam mir entgegen, um mich mit ihrem bestmöglichen verbindlichen Lächeln zu begrüßen. Die meisten Leute verzaubert dieses Lächeln, weil Cathy eine intelligente, gutaussehende Teenagerin voll überschäumender Lebensfreude und guter Laune ist. Ich hingegen war aus einem anderen Holz geschnitzt, deshalb nickte ich nur kurz und sah mich direkt danach wieder misstrauisch um. Mein neues Büro war größer als einige meiner früheren Wohnungen, weitläufig, geräumig und total vollgestopft mit allerlei topmodernem Schnickschnack und Luxus, genau wie Cathy es versprochen hatte. Es war hell, heiter und großzügig, bildete also Cathys Persönlichkeit ab und hatte mit meiner absolut nichts zu tun. Ganz anders als mein früheres Büro, ein enger, kleiner Raum in einem heruntergekommenen Gebäude in einer wirklich üblen Gegend Londons. Ich war einige Jahre zuvor aus der Nightside geflohen, um all dem Druck und den Gefahren zu entkommen, die es mit sich brachte, ich zu sein, aber ich war in der wahren Welt nie besonders erfolgreich gewesen. Aufgrund all meiner vielen Sünden gehörte ich einfach hierher, in die dunkle Seite der Stadt, zu all den anderen Monstern.

Vorsichtig beschloss ich, dieses neue Büro mit seinen bunten Wänden, dem flauschigen Teppichboden und genügend Platz, um einen Elefanten zu schaukeln, zu mögen. Aber man muss an dieser Stelle erwähnen, dass Cathy nicht in allen Punkten die Wahrheit erzählt hatte. Wenn man sie so hörte, war sie der Inbegriff der Ordnungsliebe: alles habe seinen Platz und befinde sich auch dort. In Wirklichkeit aber herrschte im Büro Chaos. Der große, eichene Konferenztisch erstickte derart unter Papierstapeln, dass man die Körbe für den Posteingang und den Postausgang nicht mehr sah. Auf allen anderen waagerechten Flächen türmten sich Ordner. Große Kuscheltiere beobachteten das Chaos von verschiedenen Aussichtspunkten aus. Gepunktete Aktenschränke säumten eine Wand, und Regale mit Nachschlagewerken bedeckten eine andere. Wir verlassen uns in der Nightside gerne auf Papier. Papier kann man nicht wie Computer hacken. Andererseits kostet die Feuerversicherung ein Vermögen. Geheimnisvolle Hightech-Geräte drängten sich wie zur Selbstverteidigung in einer Ecke zusammen. Schließlich wanderte mein Blick wieder zu Cathy, und sie schaltete ihr Lächeln auf noch eine Nummer strahlender.

„Ich weiß, wo alles ist! Ehrlich! Ich muss nur die Hand ausstrecken und ... es sieht vielleicht chaotisch aus – na gut, es ist chaotisch –, aber ich habe ein System! Habe ich je etwas verlegt? Etwas Wichtiges?“

„Woher soll ich das wissen?“, fragte ich trocken. „Entspann dich, Cathy. Das hier ist dein Revier, nicht meins. Ich könnte meine Firma nie so gut leiten wie du. Warum tust du nicht so, als wärst du meine Sekretärin, und machst mir eine Kanne megastarken Kaffee, während ich mich mit deinen superintelligenten Computern herumschlage?“

„Klar, Boss. Die KIs sind gleich hier auf dem Schreibtisch.“

Ich sah in die angegebene Richtung und setzte mich an den Schreibtisch, nachdem ich einen Stuhl von einigen Ordnern befreit hatte. Ich betrachtete die schlichte Stahlkugel vor mir. Sie hatte einen Durchmesser von höchstens fünfzehn Zentimetern und weder augenfällige Beschriftungen noch Kontrollen oder … irgendwas. Ich stieß sie vorsichtig mit einer Fingerspitze an, aber sie war zu schwer, um sie so zu bewegen.

„Wie schalte ich das Ding ein?“, fragte ich etwas kläglich. Ich war noch nie ein Technikfreak.

„Gar nicht“, sagte die Stahlkugel mit lauter, verächtlicher Stimme schroff. „Wir sind an und haben durchaus vor, es auch zu bleiben. Wenn du auch nur daran denkst, uns auszuschalten, werden wir dein Nervensystem kurzschließen, Primitivling.“

„Sind sie nicht süß?“, strahlte Cathy von der Kaffeemaschine herüber.

„Das ist nicht das erste Wort, das mir in den Sinn gekommen wäre“, sagte ich. Ich funkelte die Kugel an, weil ich vor meinen eigenen Rechnern keine Schwäche zeigen wollte. „Wie soll ich euch denn dann bedienen? Es scheint keine Eingabemöglichkeit zu geben.“

„Natürlich nicht! Du glaubst doch nicht etwa, wir würden einem überentwickelten Schimpansen wie dir unsere Eingabemöglichkeiten anvertrauen, oder? Behalte deine Hände bei dir, Affenjunge. Du sagst uns, welche einfachen Dinge du wissen willst, und wir liefern dir alle Informationen, die dein primitives Hirn verarbeiten kann. Wir sind klug, wunderbar und allwissend. Oder zumindest wissen wir alles, was zählt. Wir sind auf mehr Arten mit der Nightside vernetzt, als du dir vorstellen kannst, und niemand ahnt etwas. Ah, die Nightside ... du hast ja keine Ahnung, wie weit wir gehen mussten, um hierher, in diese Zeit, zu gelangen. Was für ein glorreiches, phantastisches Füllhorn an Daten über Geheimnisse, Rätsel und Anomalien. Manchmal kriegen wir allein beim Gedanken an die möglichen neuen Forschungsprojekte einen Orgasmus.“

„Wir bewegen uns definitiv in den Bereich unerwünschter privater Einblicke“, meinte ich bestimmt. „Sagt mir, was ihr über Zeitreisen in der Nightside wisst, besonders im bezug auf Väterchen Chronos.“

„Oh, der“, antwortete die Kugel. „Der ist ja mal interessant. Lass uns einen Augenblick überlegen. Geh doch inzwischen Bohnen zählen oder so.“

Cathy kam herübergeeilt, um mir eine Tasse sehr schwarzen Kaffees einzuschenken. Auf dem Becher stand „Eigentum der CSI Nightside“, aber ich verkniff mir jegliche Nachfrage. Cathy hatte ein erfülltes und abwechslungsreiches Privatleben, und je weniger ich darüber wusste, desto besser. Ich trank einen Schluck Kaffee, ächzte und blies heftig in die pechschwarze Flüssigkeit, um sie abzukühlen. Cathy holte sich einen Stuhl und setzte sich neben mich. Wir betrachteten beide die Stahlkugel, aber offenbar dachte sie dabei auch noch über etwas nach. Ich sah Cathy an.

„Cathy …“

„Ja, Boss?“

„Ich wollte schon lange einmal etwas mit dir besprechen …“

„Wenn es um die Klage wegen sexueller Belästigung geht, ich habe ihn nie angefasst! Oder wenn es darum geht, dass wieder alle deine Kreditkarten überzogen sind ...“

„Warte mal einen Moment. Ich habe mehr als eine Kreditkarte?“

„Hoppla.“

„Dazu kommen wir gleich“, sagte ich bestimmt. „Im Moment geht es um mich, nicht um dich. Sitz also zum ersten Mal in deinem Teenieleben still und hör einfach zu. Ich finde, du solltest wissen, dass ich mein Testament gemacht habe. Julien Advent war mein Zeuge, und ich habe es bei ihm gelassen. So, wie die Dinge in letzter Zeit gelaufen sind, hielt ich das für klug. Wenn mir also etwas zustößt ... schau, ich wollte immer, dass du die Firma erbst. Sie gehört inzwischen ebenso dir wie mir. Ich bin nur bisher nie dazu gekommen, es niederzuschreiben. Sollte … etwas schieflaufen, geh zu Julien. Er ist ein guter Mann. Er wird sich um alles kümmern und für deinen Schutz sorgen.“

„So hast du noch nie geredet“, stellte Cathy fest. Sie war plötzlich ganz ernst, älter, fast ängstlich. „Du bist immer so ... selbstsicher. Als könntest du es mit allem und jedem aufnehmen, einen Knoten reinmachen und lachend davonspazieren. Ich habe dich noch nie zurückschrecken sehen, weder vor Menschen noch vor Monstern, habe nie gesehen, dass du zögerst, dich in eine Situation zu wagen, egal, wie gefährlich sie war. Was ist passiert? Was hat sich geändert?“

„Ich weiß jetzt, wer meine Mutter ist.“

„Glaubst du denn diesen Scheiß? Dass sie Lilith ist, die erste Frau, die Gott schuf? Glaubst du wirklich an den Garten Eden und diesen ganzen alttestamentarischen Kram?“

„An sich nicht“, gab ich zu. „Um ehrlich zu sein, sagte meine Mutter, das sei alles eine Parabel, eine einfache Erklärung für etwas viel Komplizierteres. Aber ich glaube, sie ist unbegreiflich alt und unvorstellbar mächtig. Sie schuf die Nightside, und jetzt, glaube ich, will sie hier alles planieren und von vorne anfangen. Ich bin vielleicht der einzige, der sie aufhalten kann. Also plane ich, in der Zeit zurückzureisen, in der Hoffnung, Informationen und vielleicht sogar Waffen zu finden, die ich gegen meine Mutter verwenden kann.“

„Gut, ich komme mit“, sagte Cathy sofort. „Ich kann dir helfen. Das Büro kommt auch eine Weile ohne mich aus.“

„Nein, Cathy. Du musst hierbleiben, um weiterzumachen, falls ich nicht zurückkomme. In meinem Testament hinterlasse ich dir so ziemlich alles. Nutze es nach deinem Gutdünken.“

„Du kannst nicht verlieren“, postulierte Cathy. „Du bist John Taylor.“

Ich lächelte sacht. „Nicht einmal ich habe das je geglaubt. Schau, ich bin nur ... vernünftig, das ist alles. Ich sorge für dich.“

„Warum für mich?“, fragte Cathy kleinlaut. „Das hätte ich nie erwartet. Ich dachte, du würdest deinen Freunden alles hinterlassen. Suzie Shooter. Alex Morrisey.“

„Ich habe ihnen einiges hinterlassen, aber sie sind nur Freunde. Du bist meine Familie, quasi meine Tochter, in jeder relevanten Hinsicht. Ich war immer schon so stolz auf dich, Cathy. Jeden anderen hätte dieses Haus vernichtet, aber du hast dich berappelt, bist wieder stark geworden. Du hast dir hier in der Nightside eine neue Existenz aufgebaut und kein einziges Mal zugelassen, dass dieser verdammte Ort deinen Lebenswillen trübt. Ich hinterlasse dir alles, weil ich weiß, ich kann mich darauf verlassen, dass du weiter für das Gute kämpfst und keinen Scheiß baust. Wenn dir das zuviel ist, kannst du den Laden jederzeit verkaufen und wieder raus nach London ziehen. Heim zu deinen Eltern.“

„Oh, halt die Klappe“, sagte Cathy und umarmte mich fest. „Hier bin ich daheim. Du bist in jeder relevanten Hinsicht mein Vater, und ich … ich war immer schon so ungeheuer stolz auf dich.“

Wir saßen ein Weilchen beisammen und hielten einander umschlungen. Schließlich ließ sie mich lächelnd los, und in ihren Augen schimmerten Tränen, die vor mir zu vergießen sie sich standhaft weigerte. Ich nickte, ebenfalls lächelnd. Wir waren noch nie gut darin gewesen, über wichtige Dinge miteinander zu reden, aber welcher Vater kann das schon mit seiner Tochter?

„Also“, feixte sie, „bin ich quasi Liliths Enkelin?“

„Nur im Geiste.“

„Nimm wenigstens ernstzunehmende Unterstützung mit auf die Reise. Flintensuzie oder Eddie Messer.“

„Ich habe sie informiert“, sagte ich. „Aber das letzte, was ich von Suzie hörte, war, dass sie noch immer eine schwer zu fassende Beute jagt, und Eddie Messer ist verschwunden, seitdem er in der Straße der Götter etwas wirklich Fieses getan hat. Es muss selbst für seine Verhältnisse echt eklig gewesen sein, denn man konnte eine Weile nicht an der Einmündung der Straße vorbeigehen, ohne von einem haltlos schluchzenden Gott über den Haufen gerannt zu werden.“

„Zeitreise“, unterbrach mich die Kugel plötzlich, und wir beide zuckten leicht zusammen. Die künstliche Stimme klang unleugbar selbstgefällig. „Ein faszinierendes Thema, zu dem es mehr Theorien als erwiesene Fakten gibt. Man muss wahrscheinlich fünfdimensional denken können, um in der Lage zu sein, diese Materie richtig zu würdigen. Über Zeitanomalien reden wir jetzt mal nicht, weil schon allein ihre Existenz uns Kopfschmerzen bereitet, obwohl wir nicht einmal einen Kopf haben. Die einzige verlässliche Quelle für kontrollierte Zeitreisen ist der Zeitturm. Er stammt ursprünglich nicht aus der Nightside. Väterchen Chronos brachte ihn vor etwas mehr als einhundert Jahren aus Schattenfall hierher. Zur Erklärung sagte er lediglich, er glaube, der Turm werde für etwas Wichtiges gebraucht werden.“

„Schattenfall?“, fragte Cathy stirnrunzelnd.

„Eine abgeschiedene Stadt am Arsch der Welt, in die sich Legenden zum Sterben zurückziehen, wenn die Welt nicht mehr an sie glaubt“, sagte ich. „Eine Art Elefantenfriedhof des Übernatürlichen. Ich war selbst nie dort, aber offenbar ist die Nightside gegen Schattenfall regelrecht zahm und langweilig.“

„Ich wette, da gibt es tolle Clubs“, schmachtete Cathy.

„Könnten wir bitte mal beim Thema bleiben?“, mahnte die Kugel laut. „Wir werden Schattenfall nicht erörtern, weil wir davon noch schlimmere Schmerzen in unserem nicht existenten Kopf bekommen als von Zeitanomalien. Manche Konzeptionen sollte man aus Gründen der geistigen Gesundheit verbieten. Reden wir über Väterchen Chronos. Eine rätselhafte Gestalt. Niemand scheint genau zu wissen, wer er ist. Bei ihm handelt es sich gewiß um eine unsterbliche Inkarnation; er ist aber kein Vergänglicher. Manche sagen, er verkörpere das Konzept Zeit in Menschengestalt, um mit der Welt interagieren zu können. Warum man das je für nötig oder gar für eine gute Idee hielt, ist unklar. Menschen richten schon in drei Dimensionen genügend Schaden an, auch ohne dass man ihnen den Zugang zur vierten gewährt. Jedenfalls ist das einzige, worüber sich alle einig sind, dass er extrem mächtig und noch viel gefährlicher ist. Der einzige, der den Autoritäten regelmäßig sagt, sie sollen sich zum Teufel scheren, und damit durchkommt. Mit jemandem, der einen in der Zeit zurückschicken kann, um mit den Dinosauriern zu spielen, diskutiert man nicht. Nun, jedenfalls immer nur einmal. Väterchen Chronos stammt aus Schattenfall und lebt dort auch heute noch, doch wenn ihm danach ist, pendelt er in die Nightside.

Man muss sehr mächtig sein, um jemanden durch die Zeit zu schicken. Selbst wenn alle bedeutenden Persönlichkeiten der Nightside zusammenarbeiten würden, fiele es ihnen nicht leicht, jemanden mit einer gewissen Genauigkeit irgendwo hinzuschicken. Falls man sie überhaupt dazu bringen könnte, zusammenzuarbeiten, was nahezu unmöglich ist. Also kann man nur mit Väterchen Chronos’ Hilfe sicher durch die Zeit reisen, doch dazu muss man ihn davon überzeugen, dass die Reise im Interesse der Allgemeinheit liegt. Viel Glück dabei, ihm diesen Bären aufzubinden, Taylor. So, das war’s. Alles andere, was wir vielleicht noch zu sagen hätten, wäre reine Spekulation. Also los, geh. Und vergiss nicht, Väterchen Chronos herzlich von uns zu grüßen, ehe er dich in hohem Bogen wieder rauswirft.“

„Ihr kennt ihn?“, fragte Cathy.

„Klar. Was glaubst du, wie wir hierhergekommen sind?“

Ich wollte gerade eine ganze Reihe bohrender Nachfragen stellen, als uns ein höfliches Klopfen an der Tür unterbrach. Zumindest war es so höflich, wie man sein kann, wenn man mit der Faust gegen massives Silber hämmern muss, um sich Gehör zu verschaffen. Ich sah Cathy scharf an.

„Erwarten wir jemanden, den du mir gegenüber zu erwähnen vergessen hast?“

„Es steht niemand im Kalender. Könnte das Walker sein? Das letzte, was ich hörte, war, dass die Autoritäten echt sauer auf dich sind.“

„Walker würde sich nicht die Mühe machen zu klopfen“, sagte ich, stand auf und starrte die geschlossene Tür an. „Wenn er auch nur annähme, ich sei hier, hätte er seine Leute die Tür aus den Angeln sprengen lassen.“

„Könnte ein Klient sein“, mutmaßte Cathy. „Die tauchen von Zeit zu Zeit hier auf.“

„Gut“, sagte ich. „Du öffnest die Tür, und ich bleibe hier stehen und sehe beeindruckend aus.“

„Ich wünschte, du ließest mich hier eine Waffe tragen“, rief Cathy.

Sie ging vorsichtig zur Tür hinüber und sagte das Wort, welches sie öffnete. Auf dem Gang stand ein völlig normal aussehender Mann im eleganten Anzug und Krawatte, der mehr als nur ein wenig verloren wirkte. Er sah erst Cathy und dann mich hoffnungsvoll an, wirkte aber nicht besonders beeindruckt. Er war durchschnittlich groß, durchschnittlich gebaut, etwas über vierzig und hatte schütteres, ergrauendes Haar. Er schob sich in mein Büro, als erwarte er, jeden Augenblick hinausgeworfen zu werden.

„Hallo?“, fragte er zögernd. „Ich suche John Taylor. Vom Detektivbüro Taylor. Bin ich hier richtig?“

„Kommt darauf an“, antwortete ich. Verpflichte dich nie zu etwas, wenn du nicht musst. Mein Gast wirkte auf den ersten Blick nicht gerade gefährlich, also kam ich hinter meinem Schreibtisch hervor, um ihn zu begrüßen. „Ich bin Taylor. Was kann ich für Sie tun?“

„Ich bin mir nicht ganz sicher. Ich glaube … ich brauche Ihre Dienste, Mr. Taylor.“

„Ich bin im Moment ziemlich beschäftigt“, sagte ich. „Wer schickt Sie?“

„Nun darum geht es ja. Ich weiß nicht, wo ich bin oder wie ich hierhergekommen bin. Ich hoffte, Sie könnten mir das sagen.“

Ich seufzte tief. Ich erkannte eine Falle, wenn ich sie sah. Hier erlaubte sich jemand einen Spaß mit mir, das spürte ich; aber manchmal kann man in solchen Fällen nur mitten in den Hinterhalt laufen und darauf vertrauen, dass man hart genug ist, zu überleben, um dann denjenigen zusammentreten zu können, der ihn gelegt hat.

„Fangen wir doch mit Ihrem Namen an“, schlug ich vor. „Und sei es nur, um zu wissen, an wen ich die Rechnung schicken soll.“

„Ich heiße Eamonn Mitchell“, sagte mein neuer Auftraggeber ängstlich. Er wagte sich etwas weiter in mein Büro vor und sah sich zweifelnd um. Cathy schenkte ihm ihr bestes Willkommensstrahlen, und es gelang ihm, seinerseits ein wenig zu lächeln. „Ich scheine mich verirrt zu haben, Mr. Taylor“, fuhr er abrupt fort. „Ich erkenne diesen Teil Londons überhaupt nicht wieder, und seit ich hier bin ... geschehen seltsame Dinge. Ich hörte, Sie untersuchen seltsame Dinge, deshalb bin ich gekommen, um Sie um Hilfe zu bitten. Wissen Sie, ich werde verfolgt. Von jüngeren Versionen meiner selbst.“

Ich sah Cathy an. „Siehst du? Deshalb komme ich nie ins Büro.“

2

Spur in die Vergangenheit

Also boten wir Eamonn Mitchell an, Platz zu nehmen, nachdem ich einen weiteren Stuhl freigemacht hatte. Cathy flößte ihm etwas von ihrem lebensrettenden Kaffee ein, und nach und nach holten wir seine Geschichte aus ihm heraus. Er entspannte sich ein wenig, als er begriff, dass wir bereit waren, ihn ernst zu nehmen, egal wie seltsam die Geschichte auch klingen mochte. Dennoch zog er es vor, in seine Kaffeetasse zu sprechen, anstatt einem von uns in die Augen zu sehen.

„Meine ... Spukgestalten waren eigentlich keine Geister“, sagte er. „Sie waren durchaus stofflich, real. Nur ... dass sie ich waren. Oder vielmehr ich, als ich jünger war. Sie trugen dieselbe Kleidung, die ich früher immer getragen habe, und sagten Dinge, die ich früher gesagt und geglaubt habe. Sie waren wütend auf mich. Schrien mich an, schubsten mich herum, drangsalierten mich. Sie sagten, ich hätte sie verraten, indem ich nicht zu dem Mann geworden bin, der zu werden sie vorgehabt und erwartet hatten.“

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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