SPUREN IM SCHNEE - Victor Gunn - E-Book

SPUREN IM SCHNEE E-Book

Victor Gunn

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Beschreibung

Chefinspektor Bill Cromwell von Scotland Yard ist noch übler gelaunt als sonst, weil ihn ein dringender Auftrag aus London in die winterlich verschneite Grafschaft Surrey führt: Maurice Hatherton ist aus dem Gefängnis entflohen. Fassen konnte man den Dieb und Mörder vor drei Jahren nur aufgrund der Aussage von Sir Kenneth Parsloe, Herr auf Higham Top, dem Hatherton deshalb Vergeltung schwor. Die Polizei zweifelt nicht, dass er dies in die Tat umsetzen will. Cromwell, sein Assistent Johnny Lister und Inspektor Catchpole von der Grafschaftspolizei sollen Sir Kenneth warnen und schützen... Der Roman SPUREN IM SCHNEE von Victor Gunn (eigentlich Edwy Searles Brooks; * 11. November 1889 in London; † 2. Dezember 1965) erschien erstmals im Jahr 1956; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1958. Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

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Victor Gunn

 

 

Spuren im Schnee

 

Roman

 

 

 

 

Apex Crime, Band 61

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

SPUREN IM SCHNEE 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

Achtes Kapitel 

Neuntes Kapitel 

Zehntes Kapitel 

Elftes Kapitel 

Zwölftes Kapitel 

Dreizehntes Kapitel 

Vierzehntes Kapitel 

Fünfzehntes Kapitel 

 

 

Das Buch

 

Chefinspektor Bill Cromwell von Scotland Yard ist noch übler gelaunt als sonst, weil ihn ein dringender Auftrag aus London in die winterlich verschneite Grafschaft Surrey führt: Maurice Hatherton ist aus dem Gefängnis entflohen. Fassen konnte man den Dieb und Mörder vor drei Jahren nur aufgrund der Aussage von Sir Kenneth Parsloe, Herr auf Higham Top, dem Hatherton deshalb Vergeltung schwor. Die Polizei zweifelt nicht, dass er dies in die Tat umsetzen will.

Cromwell, sein Assistent Johnny Lister und Inspektor Catchpole von der Grafschaftspolizei sollen Sir Kenneth warnen und schützen...

 

Der Roman Spuren im Schnee von Victor Gunn (eigentlich Edwy Searles Brooks; * 11. November 1889 in London; † 2. Dezember 1965) erschien erstmals im Jahr 1956; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1958.  

Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

   SPUREN IM SCHNEE

 

 

 

 

  Erstes Kapitel

 

 

»Ich begreife nicht, warum man wegen dieser Bagatelle einen so wichtigen Mann hierherschickt«, schnaufte Inspektor Catchpole atemlos.

»Nett, zu hören, dass man ein wichtiger Mann ist«, brummte Bill Cromwell. »Für Ihr Kompliment möchte ich mich gern verbeugen, aber in dieser Sardinenbüchse kann man sich ja nicht rühren.«

Seine gehässige Bemerkung galt dem schnittigen Alvis-Sportwagen Johnny Listers. Sie war wirklich nicht angebracht, zumal der junge Detektivsergeant auch noch einen freien Nachmittag geopfert hatte, um seinen Chef nach Surrey zu fahren. In Reigate hatten sie dann noch Inspektor Catchpole von der Grafschaftspolizei mitgenommen. Der Anblick dieses Gentlemans gemahnte unwillkürlich an einen großen Teddybären. Seine Rundungen füllten fast den ganzen Rücksitz aus. Sogar die Federn des Wagens machten unter dem Gewicht des behäbigen Polizeibeamten einen bedenklich gedrückten Eindruck.

»Übrigens ist meine Aufgabe gar nicht so unbedeutend, wie Sie anzunehmen scheinen«, fuhr Chefinspektor Cromwell stirnrunzelnd fort. »Hatherton ist ein gefährlicher Bursche. Darum legte der Chef Wert darauf, dass jemand vom Yard persönlich Parsloe einen sanften Fingerzeig gibt. Sie haben wir vor allem deshalb mitgenommen, damit ein einheimischer Beamter bei der Unterredung zugegen ist. Sie wissen ja selbst, es ist schwierig, mit diesem Landadel zurechtzukommen. Oft lehnen die Leute jeden noch so gutgemeinten Rat ab, wenn er von jemandem stammt, der nicht in der gleichen Gegend lebt wie sie. Als Polizist erntet man wirklich nur Undank.«

»Nehmen Sie seine letzten Worte nicht allzu ernst, lieber Inspektor«, warf Johnny Lister augenzwinkernd ein. »Mein hoher Chef nörgelt fortwährend. Ignorieren Sie ihn einfach. Sie haben ja gehört, wie er sich über meinen Wagen mokiert. Und dabei wandern die Reisespesen natürlich in seine Tasche.«

»Ein Assistent, der sich eine derartig kostspielige Himmelfahrtskutsche leisten kann, ist natürlich ganz nützlich. Das leugne ich nicht«, räumte Cromwell sarkastisch ein. »Aber bei diesem Glatteis hätte ich doch lieber den Zug nehmen sollen.«

Der eisige Nordost trieb unter einem bleigrauen Himmel winzige Schneeflocken vor sich her. Er fegte sie wirbelnd über die Landstraße, nur an den geschützteren Stellen blieben sie liegen und bedeckten den hartgefrorenen Untergrund mit einer dichten weißen Decke.

Im Innern des Kabrioletts war es angenehm warm. Ironsides - alias Cromwell - hatte also wirklich keinen Grund für irgendwelche geringschätzige Feststellungen. Er schien es auch nicht ganz ernst gemeint zu haben, denn nachdem er seine Pfeife gestopft und dicke Rauchschwaden vor sich hin gepafft hatte, legte er behaglich seinen Arm auf die Rückenlehne und wandte sich an Catchpole.

»Erinnern Sie sich noch an den Mordfall Easton?«

»Ich hörte davon«, erwiderte der Inspektor, dessen Stimmbänder so in Fett eingebettet waren, dass seine Antwort wie ein dumpfes Brummen klang.                               

»Aber es geschah doch in Ihrem Bezirk...«

»Vor drei Jahren war ich noch nicht hier«, unterbrach Catchpole den Chefinspektor. »Und genauso lange ist es doch her, dass Easton ermordet wurde, nicht wahr? Damals hatte ich gerade einen Sondereinsatz. Oben im Norden, in den Schiffswerften.«

»Hm! Der Fall schien klipp und klar«, brummte Cromwell nachdenklich vor sich hin. »Der millionenschwere Bankier Warner Hope Easton wurde in seinem Büro ermordet. Sein Privatsekretär - ein gewisser Maurice Hatherton - für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Ein schöner, abgerundeter Fall. Ohne Sensationen. Allerdings wurde Hatherton nur auf Grund einer einzigen Aussage verurteilt - der Aussage eines Augenzeugen. Alles Übrige waren Indizienbeweise.«

»Ja, ich erinnere mich daran«, nickte Catchpole, und sein dreifaches Doppelkinn wackelte gefährlich. »Easton hatte Verdacht geschöpft, dass der junge Mann systematisch Unterschlagungen beging. War es nicht so?«

»Ganz recht. Easton stellte ihn daraufhin zur Rede, und es gab einen gewaltigen Krach. Hatherton soll völlig außer sich gewesen sein. Trotzdem wollte Easton die Sache nicht an die große Glocke hängen. Wollte einen Skandal vermeiden, weil Hatherton aus einer angesehenen Familie stammt. Anstatt die Unterschlagungen anzuzeigen, entließ er seinen Sekretär fristlos. Am gleichen Abend wurde Easton ermordet.«

»Dieser Augenzeuge - wer war das doch gleich? Wenn ich mich nicht täusche, irgendein hohes Tier hier aus der Gegend...?«

»Ganz recht«, knurrte Cromwell. »Wir fahren geradewegs zu ihm. Sir Kenneth Parsloe - Eastons Geschäftspartner. Warum ein Mann mit derartig viel Geld ausgerechnet in Higham Top wohnt, wo sich die Füchse gute Nacht sagen, ist mir allerdings schleierhaft. Warum lebt er nicht in London?«

»So viel ich weiß, hat er in London auch eine Wohnung«, schnaufte Catchpole. »Higham Top ist übrigens gar nicht so eine Klitsche, wie Sie denken. Einer der schönsten Landsitze in Surrey. Ein prächtiges altes Schloss. Viele Leute kommen zwar nicht hin, das stimmt. Besonders seit Eastons Tod scheint Parsloe sich zurückgezogen zu haben. Wir dürften übrigens schon ziemlich nahe sein. Wurde Hathertons Todesstrafe nicht in lebenslänglich Zuchthaus abgeändert?«

»Ja. Er legte natürlich Berufung ein, und als diese abgelehnt wurde, vollführte er auf der Anklagebank eine Szene. Er tobte und stieß Verwünschungen und Drohungen aus, bis man ihn endlich abführte. Er schwor, auszubrechen und mit Sir Kenneth Parsloe abzurechnen. Schließlich hatte allein Parsloes Aussage sein Alibi umgeworfen. Sämtliche Indizien sprachen zwar gegen ihn, aber sie hätten für eine Verurteilung nicht ausgereicht. Erst als Parsloe in den Zeugenstand trat, neigte sich das Zünglein an der Waage. Hatherton blieb hartnäckig bei seiner Behauptung, an dem fraglichen Abend nicht in der Nähe von Eastons Büro gewesen zu sein. Parsloe hingegen wollte ihn nur wenige hundert Meter vom Tatort entfernt in seinem Wagen sitzen gesehen haben - und zwar zur Tatzeit! Hathertons Verteidiger gab sich natürlich alle erdenkliche Mühe, diese belastende Aussage zu entkräften. Als dann trotzdem das Schuldig verkündet wurde, gab es immer noch eine ganze Anzahl Leute, die an der Richtigkeit dieses Urteils zweifelten. Und wenn ich mich nicht täusche, zweifeln sie auch heute noch. Sie können natürlich nicht wissen, was ich weiß.«

»Und was wissen Sie, Mr. Cromwell?«

»Dass Hatherton der gewalttätigste Verbrecher ist, der jemals nach Dartmoor kam«, antwortete Ironsides ergrimmt. »Sohn achtbarer Eltern, gute Erziehung, Universitätsstudium und so weiter. Ändert aber alles nichts an der Tatsache, dass er von Anfang an ein störrischer, gewalttätiger Gefangener war. Gleich nach seiner Einlieferung erklärte er dem Direktor rundheraus, für ihn gäbe es nur ein Ziel, nämlich auszubrechen und mit Sir Kenneth abzurechnen.«

»Hm. Sieht also ganz so aus, als wäre er zu Recht verurteilt worden.«

»Wenn man ihn nach seinem Temperament beurteilt, schon«, nickte der Chefinspektor. »Der arme Easton wurde ja offensichtlich im Streit erschlagen, und Hatherton hat mehr als einmal seinen schrecklichen Jähzorn bewiesen. Die ganze Angelegenheit war reichlich unerquicklich für Parsloe, der schließlich nur seine Pflicht tat. Nicht angenehm, der einzige Belastungszeuge zu sein. - In den ersten sechs Monaten seiner Haft unternahm Hatherton einen Fluchtversuch nach dem andern. Dabei schlug er zwei Wärter bewusstlos. Er brachte es einmal sogar fertig, bis über die Mauer zu kommen. Als man ihn dann wieder ergriff, tobte er wie ein Wahnsinniger.«

»Wurden die Wärter schwer verwundet?«

»Hatherton hieb ihnen die Faust unters Kinn - einen kräftigen linken Haken. Während seines Studiums in Oxford galt er als guter Boxer.« Cromwell zuckte die Schultern. »Na ja, Sie können sich ja denken, was dann kam. Einzelhaft, alle Vergünstigungen gestrichen und so weiter und so fort. Nützte aber nichts. Nicht im Geringsten. Noch bevor ein Jahr um war, versuchte er erneut zu fliehen. Diesmal brach er einem Wärter den Arm und schlug einem zweiten die Zähne ein. Danach schien er zu resignieren. Nach einiger Zeit führte er sich sogar recht gut. Man gelangte darum zu dem Schluss, er habe sich in sein Schicksal ergeben. Aber keine Spur!«, fügte Cromwell gereizt hinzu. »Er ist gerade wieder ausgebrochen - und diesmal über alle Berge!«

»Na schön! Es ist ein weiter Weg von Dartmoor nach hier«, schnaufte Catchpole. »Gewiss, es dürfte angebracht sein, Sir Kenneth zu warnen, aber deshalb hätten Sie nicht extra von London hierherkommen müssen.«

»Der Chef scheint anderer Meinung zu sein, und ich möchte ihm sogar beipflichten«, beharrte Cromwell. »Hathertons Flucht zeugt von außerordentlicher Gerissenheit. Und vor allem: Er ist wie vom Erdboden verschluckt. Es besteht kein Zweifel, dass er sich nicht mehr im Moor aufhält.«

»Aber der Mann müsste doch wahnsinnig sein, wenn er schnurstracks nach Surrey käme«, widersprach Catchpole. »Welcher normale Mensch würde so handeln? Sicher wird Hatherton erst einmal abwarfen und für ein oder zwei Wochen untertaudien.«

»Das wissen wir nicht. Aber dass er impulsiv ist, rücksichtslos und vor allem gefährlich, das wissen wir nur zu gut. Er gehört zu denen, die ohne mit der Wimper zu zucken die unmöglichsten Dinge fertigkriegen. Und darum muss ich Sir Kenneth Parsloe persönlich sprechen und ihn warnen.«

»Einen Augenblick bitte!«, rief Johnny dazwischen. »Wieso wurde Hathertons Flucht gar nicht in den Zeitungen erwähnt?«

»Die Gefängnisverwaltung hielt es so für besser«, erwiderte Cromwell. »Und der Chef schloss sich dieser Meinung an. Außerdem wollte man Parsloe wohl nicht unnötig aufregen. Schließlich rechnete man fest damit, Hatherton bald wiederzuhaben. Aber das stellte sich leider als Irrtum heraus.«

»Nun, wir werden auf Higham Top bestimmt hochwillkommen sein«, grinste Johnny Lister. »Mit dieser fröhlichen Botschaft! Der alte Knabe wird Himmel und Hölle verfluchen, und über dein Haupt wird sich sein Zorn ergießen, Old Iron.«

»Und wenn schon«, brummte Cromwell gleichmütig. »Ich bin es gewöhnt, dass mir die Leute Grobheiten sagen.«

»Ich glaube nicht, dass Sir Kenneth grob werden wird«, meinte Inspektor Catchpole. »Schließlich trifft Sie keine Schuld, und Scotland Yard kann auch nichts dafür.« Er legte seine Stirn in strenge Falten. »Schwierig zu sagen, wie er es aufnehmen wird. Ich kenne ihn nicht persönlich, über man erzählt sich die komischsten Sachen von ihm. Besitzt Säcke voll Geld, hat alles was das Herz begehrt und ist trotzdem, oder gerade darum, etwas exzentrisch. Er geht kaum aus dem Haus und empfängt noch seltener Gäste. Ich sah ihn einmal in Reigate. Ein großer, ungeschlachter Mann mit riesigem Vollbart und buschigen Brauen. In der Tat, Parsloe und der alte Simon Biggintree aus Topley Down galten als die bärtigsten Männer in ganz Surrey.«

Ironsides nickte.

»Ja, davon habe ich schon gehört. Die ganze Gegend hat sich darüber lustig gemacht. War’s nicht so?«

»Stimmt genau. Aber das ist nun schon lange her. Biggintree starb vor einem halben Jahr. Seitdem gibt es zu Sir Kenneths Bart in der ganzen Grafschaft kein Gegenstück mehr. - He, anhalten, Sergeant«, fügte der Inspektor hastig hinzu. »Wir kommen jetzt nach Higham St. Andrew. Fahren Sie langsam um diese Ecke. Dann an der Kreuzung links ab.«

Inzwischen war die Dunkelheit hereingebrochen. Der Schnee fiel in immer dichteren Flocken. Als Cromwell die verschwommenen Umrisse einer Telefonzelle bemerkte, zupfte er Johnny Lister am Arm.

»Ich werde Sir Kenneth anrufen und ihn auf unseren Besuch vorbereiten«, sagte er erklärend. »Sicher besser, als so mir nichts, dir nichts bei ihm hereinzuplatzen.«

Der eisige Wind nahm ihm den Atem, als er aus dem Auto kletterte. Mit eingezogenem Kopf überquerte er die Straße und verschwand in der Telefonzelle. Er hatte nicht die Absicht, Sir Kenneth über den wahren Grund seines Besuches zu unterrichten. Er wollte ihm lediglich mitteilen, dass er ihn zu sprechen wünsche. Es stellte sich gleich heraus, dass dieser Anruf nützlich war.

»Hier bei Sir Kenneth Parsloe auf Higham Top«, meldete sich eine ruhige Stimme.

»Ich möchte gern Sir Kenneth sprechen.«

»Bedaure, Sir Kenneth ist nicht anwesend.«            

»Nicht anwesend?«

»Sir Kenneth nimmt das Abendessen bei Doktor Trumper in Lower Martin ein. Vor fünf Minuten fuhr er mit dem Wagen fort.«

»Aber ich rufe jetzt an - und nicht früher«, sagte Cromwell kurz. »Wer sind Sie? Der Butler wahrscheinlich.«

»Ganz recht, Sir. Beale ist mein Name.«

»Und wann erwarten Sie Sir Kenneth zurück?«

»Das ist leider schwer zu sagen. Sir Kenneth und Doktor Trumper sind Junggesellen, und wenn sie abends zusammensitzen...«

»Schon gut. Ich muss Sir Kenneth sofort sprechen. Ich rufe aus einer Telefonzelle in Higham St. Andrew an. Wie komme ich von hier nach Lower... Dingsda?«

»Sie meinen Lower Martin, Sir?« Die Stimme des Butlers klang unbeirrt höflich. »Das nächste Dorf, Sir. Sir Kenneth kommt allerdings nicht durch Higham St. Andrew. Er fährt direkt zum Brückenhaus, dem Wohnsitz von Doktor Trumper. Sie halten sich am besten an der Kreuzung rechts, Sir. Es steht ein Wegweiser da. Nach Lower Martin sind es ungefähr zehn Kilometer. Sind Sie mit dem Wagen da, Sir?«

»Ja.«

»Dann müssten Sie ungefähr gleichzeitig mit Sir Kenneth am Brückenhaus eintreffen.« Die respektvolle Stimme zögerte kurz. »Darf ich mich erkundigen, wie die Straßenverhältnisse sind?«

»Übel. Warum?«

»Ich hoffe, dass Sir Kenneth gut ankommt«, sagte der Butler besorgt. »Ich habe dem gnädigen Herrn dringend geraten, sich von Edwards in der großen Limousine hinbringen zu lassen, aber davon wollte er nichts wissen. Sind sie sehr schlüpfrig, Sir? Die Straßen meine ich natürlich«, stotterte er verlegen.

»Sie scheinen ja nicht allzu viel von den Fahrkünsten Ihres Herrn zu halten«, brummte Cromwell leicht amüsiert. »Es ist wenig Verkehr. Viel passieren kann ihm also nicht.«

Missmutig hängte er den Hörer auf und ging zum Wagen zurück.

»Ich hätte doch vom Yard aus anrufen sollen«, murrte er und knallte die Tür hinter sich zu. »Ausgerechnet heute Abend ist er zu einem Dinner eingeladen. Befindet sich auf dem Weg nach diesem gottverlassenen Loch - Lower Martin heißt es wohl, wenn ich mich richtig erinnere. Zehn Kilometer von hier. Kennen Sie einen Doktor Trumper in dem Nest, Catchpole?«

»Ja, dem Namen nach schon, aber das ist auch alles«, bedauerte der Inspektor. »Fahren Sie jetzt rechts herum - nicht links, wie ich Ihnen vorhin sagte«, wandte er sich an Johnny. »Halten Sie es für richtig, bei dem Arzt einfach so hineinzuplatzen, Mr. Cromwell?«

»Was glauben Sie denn! Soll ich vielleicht in der Kälte hocken und warten, bis der alte Knabe wer weiß wann einmal nach Hause kommt?«, entgegnete Cromwell unwirsch. »Fahr zu, Johnny. He, aber nicht so schnell«, fügte er erschrocken hinzu, als der Wagen mit einem Satz vorwärtsschoss. »Seit zwei Monaten haben wir Winter, ohne dass bisher eine einzige Schneeflocke gefallen ist. Aber ich brauche nur einmal über Land zu fahren, und schon stecke ich im schönsten Schneesturm drin.« Der junge Sergeant kannte Cromwells unaufhörliche Nörgelei und lächelte darum nur vor sich hin. Er konzentrierte sich mit ganzer Aufmerksamkeit auf die Straße und erreichte Lower Martin ohne Zwischenfall.

»Pass auf, ob du nicht so etwas Ähnliches wie eine Brücke siehst«, knurrte Cromwell und starrte angestrengt durch die schneeverkrustete Windschutzscheibe. »Hm, wie ausgestorben. Wenn jemand kommt, frag nach dem Weg. Zum Brückenhaus wollen wir. - Sieht das da vorn nicht wie eine Brücke aus?« Ein großes Haus ragte aus der Dunkelheit hervor. Johnny hielt an. Ein zufällig vorbeikommender junger Mann belehrte sie indessen, dass Dr. Trumpers Haus noch anderthalb Kilometer entfernt läge. Es stünde direkt am Rand des Dorfes.

»Zum Donnerwetter, warum nennt es sich dann Brückenhaus?«, polterte Cromwell los.

Dieser scheinbare Widerspruch klärte sich schnell. Nach kurzer Fahrt erreichten sie eine zweite Brücke, die über ein kleines Flüsschen führte. Das Haus des Doktors schien groß und geräumig, dahinter duckten sich einige Nebengebäude wie gigantische weiße Gespenster. Von der Straße führte eine kurze Zufahrt bis vor die Haustür. Das Gartentor stand weit offen.

»Wir sind sogar eher da als Sir Kenneth«, stellte Cromwell fest, als er keine Reifenspuren im Schnee entdecken konnte. »Zu dumm. Jetzt wird der gute Doktor wissen wollen, wer wir sind und was uns herführt.«

»Und nachdem wir ihm das gesagt haben, wird er uns höchstwahrscheinlich hineinbitten und uns etwas Trinkbares anbieten.« Johnny Lister besaß die beneidenswerte Eigenschaft, von jeder Situation die gute Seite zu sehen.

Der Wagen hielt mit knirschenden Reifen, und im selben Augenblick wurde auch schon die Haustür weit aufgerissen. Eine Flut gelben Lichtes ergoss sich über die schneebedeckten Stufen. Ein großer Mann mit strubbeligem Haar stand geduckt auf der Schwelle. Hinter den dicken Brillengläsern kniff er die Augen zu einem schmalen Spalt zusammen.

»Wer ist da?«, fragte er barsch. »Hallo... Was wollen Sie?«

»Sie sind Doktor Trumper, Sir?«, fragte Ironsides und kletterte aus dem Wagen.

»Der bin ich. Was wünschen Sie?«

Dr. Trumper schien so aufgeregt, dass er augenscheinlich vergaß, wie lebensgefährlich glatt die Stufen waren. Er kam ins Schlittern, und nur Bill Cromwells blitzschnelles Zugreifen verhinderte ein Unglück. Seine Gelenkigkeit verblüffte immer wieder aufs Neue, zumal er fortwährend über seine steifen Glieder jammerte und wie sehr ihn das Reißen plage.

»Allmächtiger!«, keuchte der Doktor. »Ich hätte mir den Hals brechen können. Vielen Dank, Sir. Wer denkt denn auch, dass die Stufen derartig glatt sind.«

Nach diesen Worten glitt sein Blick prüfend von Cromwell zu dem fülligen Catchpole, dem es endlich nach erheblichen Schwierigkeiten gelungen war, sich durch die Wagentür zu quetschen.

»Also was gibt’s?«, fragte Dr. Trumper scharf. Die Anwesenheit von Fremden vor seiner Haustür schien ihn merkwürdig aufzuregen. »Wenn Sie ärztliche Behandlung wünschen, dann bedauere ich außerordentlich. Ich bin heute Abend verabredet...«

»Schon gut, Sir«, unterbrach Cromwell ihn. »Wir werden Sie nicht aufhalten. Wir wollen nichts weiter als Sir Kenneth sprechen. Wir hatten gehofft, dass er schon hier ist...«

»Sir Kenneth? Woher wissen Sie, dass Sir Kenneth zu mir kommen will?«

»Sein Butler hat es mir gesagt«, antwortete Cromwell mit müder Stimme und erklärte kurz die Zusammenhänge.

»Ach so. Ja, natürlich«, nickte Dr. Trumper. »Beale hat es Ihnen gesagt. Ich verstehe. Ein altes Klatschmaul, dieser Beale. Warum wollen Sie Parsloe unbedingt noch zu so später Stunde sprechen? Hat das nicht Zeit bis morgen?«

»Wenn Sie gestatten, Doktor Trumper, möchte ich ihn gern noch heute Abend sprechen«, erwiderte Cromwell kühl. »Sie brauchen sich deswegen durchaus nicht belästigt zu fühlen. Ich werde Sir Kenneth nur ein paar Minuten in Anspruch nehmen. Mein Name ist Cromwell - Chefinspektor Cromwell von Scotland Yard.« Er verbeugte sich knapp.

Dr. Trumper schien wie vom Schlag gerührt.

»Scotland Yard...?«, wiederholte er langsam und ungläubig. »Sagten Sie Scotland Yard? Was will denn die Polizei von meinem Freund?«

»Für Sie besteht wirklich kein Grund zur Aufregung, Sir.« Ironsides betrachtete den Arzt forschend. »Mein Besuch ist durchaus freundschaftlich. Ich muss mich entschuldigen, dass ich einfach so bei Ihnen eindringe...«

»Aber nicht doch«, winkte Dr. Trumper hastig ab. »Also ein freundschaftlicher Besuch? Na schön.« Er schauerte zusammen. »Gott, wie das schneit. Ich werde mir hier draußen noch den Tod holen. Treten Sie doch ein, meine Herren! Unverzeihlich, Sie in dem eisigen Wind stehenzulassen. Vielleicht nehmen Sie eine kleine Erfrischung?«

Johnny gab Ironsides einen heimlichen Rippenstoß. Dann schritten sie nacheinander vorsichtig über die glatten Stufen ins Haus. Mürrisch nahm ihnen ein dürrer Butler die Hüte ab, nachdem sie sich auf der dicken Matte den Schnee von den Füßen gestampft hatten. Die Mäntel behielten sie an. Der Doktor geleitete sie in sein geräumiges Arbeitszimmer, in dem ein knisterndes Kaminfeuer wohlige Wärme ausstrahlte. »Whisky, Mr...?«

»Cromwell, Sir. Chefinspektor Cromwell«, wiederholte Ironsides höflich, während seine Augen gewohnheitsmäßig den Raum abtasteten. »Inspektor Catchpole von der Landpolizei und mein Sergeant Lister«, fügte er mit einer Handbewegung hinzu. »Vielen Dank, Doktor Trumper. An einem Abend wie heute kann man einen Whisky brauchen.«

Der Arzt brachte Karaffe und Siphon. Beim Einschenken beugte sich seine große Gestalt tief über die Gläser. Im flackernden Schein des Kaminfeuers wirkte er wie ein alter Hexenmeister beim Brauen eines Zaubertrankes. In der Tat, dieser Dr. Trumper war eine auffallende Erscheinung. Unter dem Büschel borstiger grauweißer Haare schien sein Gesicht leichenblass. Die tiefliegenden Augen starrten mit undefinierbarem Blick auf das Glas.

»Meine Herren, ich muss mich wirklich entschuldigen«, begann er nach einem ordentlichen Schluck. »Ich muss Ihnen gestehen, dass ich außerordentlich beunruhigt bin. Sie werden meine Erregung schon bemerkt haben.« Seine Augen wanderten hinter den blitzenden Brillengläsern von einem zum andern. »Für mich ist heute ein ganz besonderer Tag. An diesem Abend will ich meinem Freund Parsloe ein Experiment vorführen, das ich schon seit Wochen vorbereitet habe. In meinem Laboratorium ist alles bereit. Eine Verzögerung kann sich verheerend auswirken... Parsloe müsste eigentlich schon längst hier sein. Es ist mir einfach rätselhaft, wo er bleibt.«

»Ich würde mir an Ihrer Stelle keine Sorgen machen, Sir, Die Straßen sind zwar glatt, aber nicht unpassierbar. Er wird langsam fahren, nehme ich an.«

»Eben darum fühle ich mich so sehr beunruhigt«, unterbrach Dr. Trumper ihn. »Sie kennen meinen Freund nicht. Er rief mich noch kurz vor seiner Abfahrt an. Ich riet ihm, bei dem Wetter zu Hause zu bleiben. Dann hätte ich den Versuch eben für morgen angesetzt. Aber davon wollte er nichts wissen.«

Ironsides nippte an seinem Whisky. »Der Butler machte sich ebenfalls Sorgen. Wieso eigentlich? Was ist denn mit Sir Kenneths Fahrerei los?«

»Im Grunde genommen gar nichts - wenn man davon absieht, dass er der leichtsinnigste und rücksichtsloseste Autofahrer von ganz Südengland ist. Man hätte ihm schon längst den Führerschein entziehen sollen. Ich beschwor ihn geradezu, sich von Edwards herfahren zu lassen. Aber nein! Ich soll mich um meinen eigenen Quark kümmern, war die Antwort. Ist es da verwunderlich, dass ich mir Sorgen mache?«

»Nun, Sir. Wenn er wirklich leichtsinnig gefahren ist, dann liegt er jetzt m Straßengraben«, warf Johnny Lister ein. »Die Schneedecke ist nur dünn, aber dafür auch so glatt wie Eis.« Der Doktor blickte nervös auf seine Uhr und verglich sie mit einem wundervollen alten Chronometer auf dem Kaminsims.

»Er hätte schon vor zehn Minuten hier sein müssen. Was sage ich, noch viel eher«, murmelte er vor sich hin. »Schon vor mindestens einer Viertelstunde.« Unruhig begann er im Zimmer auf und ab zu gehen. »Ich weiß zwar nicht, was Sie mit Parsloe zu besprechen haben, Mr... äh... Cromwell, aber hat das nicht Zeit bis morgen? Kann ich ihm nicht etwas ausrichten?«

»Vielen Dank, Doktor Trumper. Mein Auftrag lautet, mit Sir Kenneth persönlich zu sprechen.«

»Oh, Sie werden mir meine Aufdringlichkeit sicher vergeben.« Dr. Trumper deutete eine ironische Verbeugung an. »Aber mich müssen Sie jetzt entschuldigen«, fügte er entschlossen hinzu. »Ich werde mich überzeugen, wo Parsloe steckt.« Er klingelte. »Ich kann mir nicht helfen, aber ich komme von dem Gefühl nicht los, dass ihm etwas zugestoßen ist... Jevons«, wandte er sich an den eintretenden Butler, »sagen Sie Gosling, er soll mit dem Wagen Vorfahren »Das ist gar nicht nötig, Sir«, fiel ihm Cromwell ins Wort. »Unser Wagen steht Ihnen selbstverständlich zur Verfügung.« Dr. Trumper blickte beinahe unwillig auf.

»Danke«, wehrte er ab. »Ich möchte lieber meinen eigenen Wagen nehmen. Will Ihnen keine Unannehmlichkeiten machen.«

»Aber wer spricht denn davon«, entgegnete Cromwell so liebenswürdig, dass Johnny sich heimlich wunderte. »Schließlich bin ich selbst Autofahrer, und man hilft sich doch gegenseitig. Das ist doch selbstverständlich, nicht wahr? Außerdem habe ich selber ein Interesse daran, Sir Kenneth so schnell wie möglich zu finden.«

Dr. Trumper blieb stehen. Er zögerte kurz.

»Also gut«, willigte er dann ein. »Gehen wir.«

Entweder war er sehr geistesabwesend oder zu aufgeregt, denn Jevons musste ihm Hut und Mantel förmlich auf drängen.

»Was denn, was denn - Mantel? Donnerwetter, Jevons, brauche ich doch nicht... Na ja, also gut«, brummte er schließlich und zwängte sich hastig in den Mantel. »Ist draußen wohl höllisch kalt, wie? Was soll ich mit dem Schal? Sie wissen doch, dass ich diese Dinger nicht mag, Jevons!«

»Heute brauchen Sie ihn bestimmt«, widersprach der Butler.

»Tatsächlich? Na, Sie mögen recht haben.« Er drehte sich den Schal um den Hals und riss die Haustür auf. »Ich hasse diese Dinger. Meine Patienten warne ich immer davor, sich damit zu verweichlichen.«

»Vorsicht, Sir«, rief Cromwell schnell.

»Ach richtig! Glatt, wie? Vielen Dank, hatte ich ganz vergessen.« Er wandte sich um. »Jevons, warum wird die Treppe nicht gefegt? Soll sich erst jemand den Hals brechen?«

Als sie zum Wagen gingen, schneite es noch immer. Nur im Süden standen ein paar Sterne. Es würde also aufklaren.

»Wenn wir auf die Straße kommen, halten Sie sich links«, wies der Doktor Johnny an. »Rechts geht es nach Lower Martin. Ja, richtig so. Verflixt eng, aber so sind alle Straßen bei uns. Sie brauchen nicht auf die Kreuzungen zu achten. Immer geradeaus, so kommen wir direkt nach Higham St. Andrew.«

Johnny nickte. Als er Gas gab, drehten sich die Hinterräder einen Augenblick leer durch. Im gleißenden Scheinwerferlicht schimmerte die Schneedecke silbern und unberührt. Es war also kein anderes Fahrzeug hier entlanggekommen.

»Mir gefällt das nicht«, murmelte Dr. Trumper dumpf vor sich hin.

»Jedenfalls herrscht so gut wie gar kein Verkehr«, versuchte Ironsides ihn zu beruhigen. »Sir Kenneth dürfte keinen Zusammenstoß gehabt haben. Wahrscheinlich ist er in den Straßengraben gerutscht und liegt fest. Er wird froh sein, wenn wir ihm endlich zu Hilfe kommen... He! Vorsicht, Johnny!«

Geschickt fing Johnny den gefährlich schleudernden Wagen ab. Sie befanden sich auf dem höchsten Punkt eines kleinen Hügels, und ein weniger routinierter Fahrer hätte gewiss die Kontrolle über den Wagen verloren. Aber Johnny Lister lenkte ihn sicher bis zur folgenden Senke, dann gab er im rechten Moment wieder Gas und nahm mühelos die Steigung.

Schnurgerade lag jetzt die Straße vor ihnen, ein weißes, glänzendes Band. Die seitlichen Hecken, die eben noch wild und ungepflegt in die verschneite Landschaft hineinragten, wurden niedriger und schienen sauber beschnitten. Es hatte endlich aufgehört zu schneien.

»Hallo, was ist denn das?« Johnny pfiff durch die Zähne.

Aber Cromwell hatte es ohnehin schon gesehen. Ein brauner offener Wagen steckte zur Hälfte im rechten Straßengraben. Sein Verdeck war nicht etwa zurückgeschlagen - er besaß anscheinend überhaupt keins. Der eine Scheinwerfer brannte noch und strahlte nach unten in den Graben.

»Natürlich - ich wusste es ja«, stöhnte der Arzt ergrimmt. »Das ist typisch für Parsloe. So ein Narr! Aber sagen lässt er sich ja nichts. Wahrscheinlich hat er sich auch noch die Rippen gebrochen.«

Vorsichtig brachte Johnny den Alvis auf der spiegelglatten Straße zum Stehen. Das grelle Scheinwerferlicht enthüllte jetzt deutlich jede Einzelheit der Unglücksstätte. Parsloes Wagen musste mächtig ins Schleudern geraten sein, bevor er im Straßengraben landete. Im tiefen Schnee zeichnete sich deutlich die Reifenspur ab. Und dann bemerkte Johnny die dunkle Gestalt im Straßengraben. Sie war schon leicht mit Schnee bedeckt.

»Im Wagen sehe ich niemand«, sagte Dr. Trumper mit knarrender Stimme und kletterte aus dem Auto. »Dem Himmel sei Dank, wahrscheinlich ist er zu Fuß zurückgegangen.« »Nein, Sir. Er ist nicht zurückgegangen«, sagte Ironsides kurz.

Er wies auf die leblose, verkrümmt daliegende Gestalt an der Grabenböschung. Sie langten beide gleichzeitig an.

An einigen Stellen hatte sich der Schnee rot gefärbt - es war ein helles, leuchtendes Rot. Sir Kenneth lag steif und reglos da.

  Zweites Kapitel

 

 

»Übel!«, brummte Chefinspektor Cromwell endlich.

»Tot?«, schnaufte Catchpole verwirrt.                             

»Wie Gefrierfleisch«, erwiderte Cromwell lakonisch. »Armer Parsloe! Müssen Sie unbedingt so geschmacklos sein?« Der Arzt blitzte Cromwell verächtlich an. »Hier liegt mein bester Freund...«

»'tschuldigung, Sir. War nicht so gemeint.«

Der Doktor bahnte sich rücksichtslos einen Weg durch den Schnee, doch dann änderte sich seine Haltung. Er beugte sich über den Toten und fuhr ihm vorsichtig durch das zerwühlte Haar.

»Großer Gott! Das Stirnbein ist völlig zertrümmert«, stieß er heiser hervor. »Er muss schon über eine halbe Stunde hier liegen. Der Tod ist sofort eingetreten.«

»Das dachte ich mir schon«, nickte Cromwell. »Er muss bei dem Aufprall herausgeschleudert worden sein. Und die Böschung ist steinhart gefroren.« Er drehte sich um. »An den - Reifenspuren können Sie deutlich sehen, an welcher Stelle er die Herrschaft über den Wagen verlor.«

»Aber warum, um alles in der Welt, verlor er sie?« Johnny schüttelte ungläubig den Kopf. »Die Straße verläuft schnurgerade und völlig eben. Einen Zusammenstoß kann er nicht gehabt haben, das beweisen die Spuren im Schnee. Es bestand also gar keine Notwendigkeit für ihn, plötzlich zu bremsen. Wirklich seltsam.«

»Sehr seltsam«, bestätigte Cromwell.

»So eine Narrheit«, stieß Dr. Trumper verbissen aus. »So eine unglaubliche Narrheit! Ich habe ihn gewarnt. Habe ihn ausdrücklich darauf hingewiesen, wie gefährlich heute Abend die Straßen sind. Und dieser leichtsinnige...«

Die Stimme versagte ihm. Das unglückliche Ende seines Freundes schien ihn tief erschüttert zu haben. Cromwell hingegen ließ sich nicht durch irgendwelche Gefühle ablenken. Er nahm seine Taschenlampe und richtete den starken Lichtstrahl auf den Leichnam, der bislang im Schatten gelegen hatte.

»Muss das sein?«, fragte der Doktor eisig. »Damit können Sie ihm auch nicht mehr helfen. Der arme Parsloe ist tot.«

»Das sehe ich, Sir«, erwiderte Cromwell ungerührt, während er die Leiche flüchtig berührte. »Sogar völlig steifgefroren. Hm!«, fügte er nachdenklich hinzu. »Der Wagen scheint ja nicht weiter beschädigt. Der Aufprall kann also nicht stark genug...«

Er schwieg. Nur Johnny bemerkte, dass sein Chef auf einmal im höchsten Maße interessiert zu sein schien. Peinlich genau untersuchte er die Unfallstelle. Sein Gesicht blieb auch weiterhin ausdruckslos, nur in seinen Augen blitzte es gefährlich auf.

»Dieses Bild werde ich so schnell nicht vergessen können«, sagte er plötzlich. »Parsloe war wirklich eine auffallende Erscheinung.«

»Das war er«, bekräftigte Dr. Trumper. »Er kann mit niemandem verwechselt werden. Gott, welch schreckliche Geschichte! Ich fühle mich so... so hilflos. Mein bester Freund, Sir, begreifen Sie das? Noch vor einer Stunde gesund und munter, und jetzt...«

Er runzelte unmutig die Stirn. Cromwell richtete den Strahl der Taschenlampe unbeirrt weiter auf das Gesicht des Toten. Zweifellos, Sir Kenneth Parsloe musste eine eindrucksvolle Persönlichkeit gewesen sein. Seinen Haarwuchs konnte man als durchaus normal bezeichnen, aber sein Gesicht war von einem dichten Vollbart eingerahmt - einem Bart, wie man ihn heutzutage nur noch selten sieht und dann auch nur bei Gesundheitsaposteln oder alten Fischern. Bekleidet war Sir Kenneth mit einer karierten Jacke, darunter trug er dicke Knickerbocker.

»Zum Teufel, Mr. Cromwell, müssen Sie den armen Parsloe unbedingt noch länger mit Ihrer Lampe belästigen?«, fuhr ihn der Doktor schockiert an. »Haben Sie denn überhaupt kein Gefühl für Pietät?«

»Ich tue nur meine Pflicht«, erwiderte Ironsides trocken. »Ich möchte die Todesursache feststellen.«

»Das ist geradezu eine Unverschämtheit!«, schrie Trumper empört. »Die Todesursache habe ich Ihnen bereits genannt. Sie dürfen meine Diagnose noch einmal hören: Mein Freund wurde bei einem Unfall aus dem Wagen geschleudert und fiel dabei sehr unglücklich mit dem Kopf auf die hartgefrorene Grabenböschung! Genügt das nicht? Mit welchem Recht wollen Sie als Polizeibeamter die Diagnose eines Arztes anzweifeln?«

»Aber, aber! Deshalb brauchen Ihnen doch nicht gleich die Haare zu Berge stehen, Sir...«

»Lassen Sie gefälligst meine Haare aus dem Spiel«, brüllte der Doktor erbost. Durch den eisigen Wind hatten sich seine struppigen weißen Borsten tatsächlich aufgestellt. »Wenn Sie sich nicht sehr in acht nehmen, verehrter Freund, werde ich mich beim Yard über Sie beschweren.«

»Schon gut, Sir.« Cromwell winkte gelangweilt ab. »Beschweren Sie sich, soviel Sie wollen. Ich tue nichts als meine Pflicht. Eigentlich ist Inspektor Catchpole für den Fall zuständig. Schließlich passierte das Unglück in seinem Bezirk, und darum wird er die Untersuchung führen.«

»Ja, das werde ich wohl müssen«, schnaufte Catchpole und wachte aus seiner Lethargie auf.

Cromwell beachtete den Doktor nicht weiter. Mit Johnnys Hilfe wälzte er mit einiger Anstrengung den Toten herum. An seinem Kopf entdeckte er eine geringfügige Wunde. Das zerschmetterte Stirnbein musste den sofortigen Tod herbeigeführt haben.

»Hm!«, knurrte Cromwell mit zusammengepressten Lippen.

Sein Interesse an dem toten Sir Kenneth schien damit, erschöpft. Er trat ein wenig zurück und richtete den vollen Strahl seiner Taschenlampe in den Graben. Dann ließ er den Lichtschein auf einen bestimmten Punkt schwenken: Eine schmale Lücke zwischen der Hecke wurde sichtbar und verriet einen Durchgang. Cromwell zwängte sich durch das Gesträuch, seinen überraschten Assistenten zog er mit sich.

Dr. Trimmer hatte diese Entwicklung der Dinge mit steigendem Missfallen beobachtet. Jetzt wandte er sich an Catchpole.

»Was ist eigentlich mit Ihrem Kollegen los?«, verlangte er ungnädig zu wissen. »Da haben wir einen einwandfreien Unfall mit tödlichem Ausgang, und dieser Narr benimmt sich, als ob wer weiß was dahintersteckt.« Er machte eine bedeutsame Pause und blickte den Inspektor durchdringend an. »Was wollten Sie eigentlich von Parsloe?«

»Jetzt ist es ohnehin zu spät«, erwiderte der Inspektor mit knarrender Stimme. »Jetzt ist Sir Kenneth sowieso unerreichbar für Hatherton...«

»Unerreichbar... Für wen, sagten Sie?«

»Hatherton - Maurice Hatherton.«

»Sie meinen Hatherton, den Mörder?«

»Ja, Sir.«

»Aber zum Teufel, Mann - Hatherton sitzt doch seit drei Jahren im Zuchthaus! Er hat doch lebenslänglich!«

»Gestern ist er ausgebrochen«, erwiderte Catchpole bedächtig.

»Großer Gott! Dann denken Sie also... Jetzt verstehe ich endlich«, murmelte Dr. Trumper verblüfft. »Sie wollten Parsloe also warnen?«

»Stimmt genau, Sir«, nickte Catchpole freundlich. »Man hielt die Angelegenheit für zu heikel, um sie einfach telefonisch zu erledigen. Darum schickte man Chefinspektor Cromwell vom Yard. Sie wissen sicher, dass Sir Kenneths Aussage Hathertons Schicksal besiegelte. Ich brauche kein Geheimnis daraus zu machen, dass Hatherton von Anfang an ein schwieriger, widerspenstiger Gefangener war. Er unternahm zwei vergebliche Fluchtversuche und hatte geschworen, sich an Parsloe zu rächen.«

»Ich habe davon gehört«, nickte Dr. Trumper. »Parsloe hat öfter mit mir darüber gesprochen. Nicht, dass er die Sache ernst nahm. Wirklich ein tragischer Zufall, dass er ausgerechnet in dem Augenblick tödlich verunglücken muss, in dem Hatherton auf freiem Fuß ist.« Er schwieg und blickte den Inspektor fest an. »Dadurch erscheint dieser Unfall natürlich in einem - hm - etwas seltsamen Licht. Haben Sie Grund zu der Annahme, dass Hatherton sich hier in der Gegend aufhält?«