Stadt der Funken - Carolin Emrich - E-Book

Stadt der Funken E-Book

Carolin Emrich

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Beschreibung

**Die Macht verbotener Magie** Tashas Leben war noch nie einfach. Als magisch Begabte lebt sie im Verborgenen, denn Magie ist in ihrer Stadt verboten. Jede Nacht schlägt sie sich mit Diebstählen und Botengängen durch, immer auf der Flucht vor den Suchern der Stadtwache. Bis sie bei einem ihrer Aufträge in die Arme des gut aussehenden Elliot läuft – der sich auch noch als Sohn des Leutnants entpuppt. Doch anstatt sie festzunehmen, offenbart er ebenfalls magische Fähigkeiten. Tasha schlägt ihm einen Handel vor, und während die beiden sich heimlich zum Trainieren treffen, wächst die Anziehungskraft zwischen ihnen. Gleichzeitig häufen sich die Zwischenfälle bei Tashas Streifzügen durch die Stadt. Jemand arbeitet gegen sie… Ein düsterer High-Fantasy-Roman voller Magie, Liebe und Verschwörungen. //Dies ist ein in sich abgeschlossener Einzelband aus dem Carlsen-Imprint Dark Diamonds. Jeder Roman ein Juwel.//

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Dark Diamonds

Jeder Roman ein Juwel.

Das digitale Imprint »Dark Diamonds« ist ein E-Book-Label des Carlsen Verlags und publiziert New Adult Fantasy.

Wer nach einer hochwertig geschliffenen Geschichte voller dunkler Romantik sucht, ist bei uns genau richtig. Im Mittelpunkt unserer Romane stehen starke weibliche Heldinnen, die ihre Teenagerjahre bereits hinter sich gelassen haben, aber noch nicht ganz in ihrer Zukunft angekommen sind. Mit viel Gefühl, einer Prise Gefahr und einem Hauch von Sinnlichkeit entführen sie uns in die grenzenlosen Weiten fantastischer Welten – genau dorthin, wo man die Realität vollkommen vergisst und sich selbst wiederfindet.

Das Dark-Diamonds-Programm wurde vom Lektorat des erfolgreichen Carlsen-Labels Impress handverlesen und enthält nur wahre Juwelen der romantischen Fantasyliteratur für junge Erwachsene.

Carolin Emrich

Stadt der Funken

**Die Macht verbotener Magie** Tashas Leben war noch nie einfach. Als magisch Begabte lebt sie im Verborgenen, denn Magie ist in ihrer Stadt verboten. Jede Nacht schlägt sie sich mit Diebstählen und Botengängen durch, immer auf der Flucht vor den Suchern der Stadtwache. Bis sie bei einem ihrer Aufträge in die Arme des gut aussehenden Elliot läuft – der sich auch noch als Sohn des Leutnants entpuppt. Doch anstatt sie festzunehmen, offenbart er ebenfalls magische Fähigkeiten. Tasha schlägt ihm einen Handel vor, und während die beiden sich heimlich zum Trainieren treffen, wächst die Anziehungskraft zwischen ihnen. Gleichzeitig häufen sich die Zwischenfälle bei Tashas Streifzügen durch die Stadt. Jemand arbeitet gegen sie …

Wohin soll es gehen?

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Vita

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© privat

Carolin Emrich wurde in Kassel geboren und verschlingt Bücher, seit sie lesen kann. Schon früh brachte sie eigene kleine Geschichten zu Papier, und als sie mit fünfzehn Jahren auf eine Fanfiction-Plattform geriet, war es bis zum ersten Buch nur noch eine Frage der Zeit. Carolin Emrich lebt mit Kind und zwei Hunden in Hessen.

KAPITEL 1

Lautlos drückten sich die Sohlen meiner Lederstiefel in den Staub. Sie hinterließen Spuren, was ärgerlich, aber leider nicht zu ändern war. Ruhig und kräftig schlug das Herz in meiner Brust. Mein Atem ging langsam und regelmäßig. Das hier war ein Routineauftrag, nichts Besonderes also. Kein Grund, nervös zu sein.

Drei Schritte links von mir schlich meine Freundin Nadia. Ein schwarzer Mantel verdeckte ihren Körper und die Kapuze schützte ihr helles Haar vor neugierigen Blicken. Ebenso wie meines. Auch wenn es mitten in der Nacht war, waren wir davor dennoch nicht sicher.

Mit einem Auge war ich immer bei Nadia, ganz egal, auf welcher Mission wir uns befanden, denn ich durfte keine ihrer Gesten verpassen, wenn sie mir etwas sagen wollte. Gerade forderte sie meine Aufmerksamkeit komplett ein und deutete zu einem Fenster, das leicht zu erklimmen schien. Sie sah sich um, ehe sie sich an der Wand platzierte und die Hände für eine Räuberleiter faltete.

Das alles hatten wir in Hinterhöfen und dunklen Gassen bis zum Umfallen geübt.

Einige Schritte ging ich wieder zurück, fixierte Nadias Hände, um nicht daneben zu treten, dann rannte ich los. Mit einem beherzten Ruck warf sie mich hoch, sobald sie meinen Fuß spürte. Ich erwischte gerade so den Fenstersims. Das schabende Geräusch meiner Stiefel an der Hauswand ließ mich zusammenzucken und ich sah mich hektisch um, sobald ich oben saß. Nadia nickte unter mir und gab mir damit Entwarnung. Nur wir beide hatten es gehört. Das war gut. Sie hatte sich eindeutig verbessert. Damit nicht alles umsonst gewesen war, musste ich mich jetzt trotzdem beeilen.

Ich legte meine Finger um das kleine Medaillon an meinem Hals, was die magische Wirkung in meinen Adern entfachte. Für einen Sekundenbruchteil glaubte ich zu verbrennen, aber das Gefühl verschwand so schnell, wie es gekommen war, und erschreckte mich nach all den Jahren nicht mehr. Und dann kroch ich als winzige Spinne durch einen Spalt zwischen den Fensterscheiben. Da musste ich mich sehr beeilen, denn ich beherrschte diesen Zauber noch nicht gut und konnte ihn dementsprechend noch nicht lange aufrechterhalten.

Ich hatte es gerade ins Innere des Hauses geschafft, als die Wirkung schon nachließ. Meine nackten Füße auf dem kalten Steinboden sorgten dafür, dass ich in Windeseile das Fenster öffnete und nach meiner Kleidung auf dem Sims griff. Ein Stiefel war heruntergefallen, aber Nadia hatte ihn gefangen. Sie winkte damit zu mir herauf, was mich die Augen verdrehen ließ. Es war keine Zeit für Scherze. Mit einer auffordernden Handbewegung wollte ich sie dazu bringen, mir das Ding hochzuwerfen, damit ich hineinschlüpfen konnte. Dieser Steinboden war wirklich verflucht kalt. Dann legte ich mich bäuchlings ins Fenster und streckte die Arme nach meiner Freundin aus. Es dauerte nicht lange, bis sie neben mir stand.

»Spürst du was?«, fragte ich sie beinahe lautlos, was sie zum Glück mit einem Nicken quittierte.

Dieses Mal hatten wir es auf ein magisches Artefakt abgesehen, was uns den Auftrag deutlich vereinfachte, da Nadia in der Lage war, Magie wahrzunehmen, wenn sie sich in unmittelbarer Nähe befand. Wir mussten also nicht suchen. Das machte es aber auch so gefährlich, uns in der Stadt zu bewegen. Nadias Form der Magie war selten und unter anderen Umständen wäre sie eine Sucherin der Stadtwache geworden, um Leute wie mich aufzuspüren, aber das Schicksal hatte uns zusammengeführt. Gemeinsam lebten wir in versteckten Häusern, in ungenutzten Nebenarmen der Kanalisation oder in Scheunen außerhalb der Stadtmauern. Überall dort, wo wir nicht sofort verraten und getötet werden würden.

Nadia gab nickend eine Richtung vor und wir verließen den Raum, um uns in einem langen Flur umzusehen. Viele Türen führten links und rechts des Ganges in andere Zimmer. Das Haus hatte von außen kleiner ausgesehen, aber das stellte kein Problem dar.

Ich folgte ihr langsam, während sie immer wieder innehielt, um sich neu zu orientieren. Je weniger Räume wir betreten mussten, die nichts mit dem Artefakt zu tun hatten, desto besser. Die Stadtwache war uns sowieso schon auf den Fersen, denn Diebstähle blieben nicht unbemerkt. Es war allerdings die einzige Möglichkeit, wie wir uns etwas verdienen konnten, damit wir wenigstens nicht verhungerten. Die anderen Magier hatten alle viel zu viel mit sich zu tun, als uns durchzufüttern. Außerdem waren wir alt genug, um das selbst auf die Reihe zu bekommen. Nadia hatte zwar einen Bruder, aber dem war es wichtiger, seine eigene Haut zu retten. Dabei sagte der Volksmund doch immer, dass Blut dicker sei als Wasser. In seinem Fall wohl nicht.

Laut den älteren Leuten hatte es eine Zeit gegeben, in der Magier akzeptiert gewesen waren, aber das konnte ich mir einfach nicht vorstellen. Dafür regierte unter den Menschen zu viel Hass uns Magiern gegenüber. Irgendetwas musste vorgefallen sein, aber darüber wurde nicht geredet.

Meine Freundin war stehen geblieben und deutete auf eine Tür zu unserer Rechten.

»Sicher?«, wollte ich wissen und sie nickte.

Mir wurde die Ehre zuteil vorzugehen. Ich besaß schließlich die Art von Magie, um uns im Notfall zu verteidigen. Vielleicht waren wir deswegen so ein gutes Team. Ich konnte kämpfen und sie diese ganzen besonderen Dinge wie verstecken und aufspüren.

Der kleine Raum vor uns war nur mit dem Nötigsten bestückt. Ein Bett, ein Schrank und eine Truhe, in der etwas verstaut werden konnte. Sie ließ sich abschließen und sogar magisch versiegeln.

»Ich habe ein ganz mieses Gefühl«, flüsterte ich nach hinten. »Die Truhe ist magisch, aber nicht versiegelt. Da stimmt etwas nicht.«

Wir mussten uns beeilen und das Artefakt verstecken, bevor es jemand bemerkte. Wie leichtsinnig war es eigentlich, es einfach so offen herumliegen zu lassen? Ohne Schutzzauber oder dergleichen.

Entschlossen trat ich an die Truhe heran und griff nach dem Deckel. Er ließ sich tatsächlich einfach so heben. Wozu hatte ich sämtliche Siegel- und Schlossöffnungszauber auf Lager, wenn ich sie nicht einmal brauchte? In was für eine Gefahr wir uns hier brachten, nur weil in irgendeinem Gebäude öffentlich Magie gewirkt wurde.

Die Truhe war leer. Das, was Nadia gespürt hatte, war von der möglichen Siegelung ausgegangen.

»Hier ist nichts«, flüsterte ich und drehte mich zu meiner Freundin um. Sie hatte die Stirn in Falten gelegt und schien sich zu konzentrieren. Dann wurde ihre Haut aschfahl. Das konnte ich sogar durch das bisschen Licht erkennen, das durch die Tür in den Raum fiel. Irgendwo waren Stimmen zu hören.

Eiskalt sickerte die Erkenntnis durch meinen Körper. Wir waren verarscht worden. Der Raum hier besaß keine Fenster, keine richtige Fluchtmöglichkeit. Wir saßen in der Falle. Wenn wir hier lebend rauskamen, würde ich mir den Auftraggeber persönlich vornehmen.

»Raus!«, zischte ich, aber Nadia hatte ebenso schnell geschaltet. Sie warf sich herum und rannte so lautlos, wie es ihr möglich war, den Gang hinunter. Sie wollte zu dem Raum zurück, aus dem wir gekommen waren.

Ich hielt das nicht für die beste Idee, aber das konnte ich ihr jetzt nicht mehr sagen. Ich vermutete, dass uns die Wachen gefolgt waren und uns nun genau dort erwarteten. Aber was wäre, wenn sie uns unten an der Tür erwarteten? Das wäre immerhin der schnellste Fluchtweg. Wäre es besser, wenn wir uns aufteilten? Es war Wahnsinn, das innerhalb von Sekunden entscheiden zu müssen, aber ich deutete Nadia eindringlich an, dass sie den Weg nehmen sollte, über den wir ins Haus gelangt waren, während ich in den Keller laufen wollte. Durch eine Tür kam ich notfalls auch so. Ihnen war doch klar, dass sie hinter Magiern her waren, da sollte es nicht mehr stören, wenn wir auch versuchten, uns zu schützen und zu verteidigen.

»Tasha!«

»Geh!«, fauchte ich. »Ich komme schon klar.«

Sie griff nach meinem Arm, wollte sicher protestieren, aber ich fuhr ihr dazwischen.

»Verdammt noch mal, verschwinde. Versteck dich! Ich kann mich kurzzeitig verwandeln. Ich kann kämpfen. Ich komme zurecht. Es ist sicherer so. Lauf jetzt!«

Sie zögerte noch immer, aber darauf konnte und durfte ich nun keine Rücksicht mehr nehmen. Meine Schritte führten mich zu einer Treppe abwärts. Genau das, was ich brauchen konnte. Die Stimmen schienen lauter zu werden, die Flure sahen alle gleich aus. Steine, Türen, dunkle Gänge. Auch wenn ich nicht Nadias Talent hatte, die Umgebung genaustens zu erkennen, bewies ich doch gerade in stressigen Situationen ein Gespür für den richtigen Weg.

Ich huschte eine weitere Treppe hinunter und dann durch eine zum Glück unverschlossene Tür in einen Kellerraum. Vielleicht konnte ich mich schnell genug von den Wachen entfernen, damit deren Magier mich nicht mehr wahrnahmen. Die Reichweite ihrer Fähigkeiten war schließlich begrenzt. Nadia und ich hatte das wieder und wieder ausprobiert, um uns einen Überblick zu verschaffen. Allerdings wusste ich nicht, ob die Magier der Stadtwache verstärkende Runen trugen oder geübter waren als meine Freundin. Ich konnte nur hoffen und mich tiefer und tiefer in das Gewölbe unter dem alten Herrenhaus begeben. Wenn ich richtig spekuliert hatte, müsste sich irgendwo ein Brunnenschacht befinden. So groß und edel wie das Haus gewirkt hatte, hatte es sicher Zugang zu einem Brunnen. Darüber würde ich fliehen können. Wenn ich ihn fand.

Mittlerweile war es mir egal, dass meine Schritte Geräusche machten. Auch weiche Lederstiefel blieben nicht ungehört, wenn der Träger rannte. Es war mir aber niemand merklich gefolgt, also war ich nicht entdeckt worden. Vorerst.

Die nächste Tür, die vor mir aufragte, war verschlossen. Ich legte eine Hand an mein Amulett, die anderen über das Schlüsselloch, genau so, dass Zeige- und Ringfinger auf Höhe des Riegels saßen. Meine Magie schmolz Falle und Riegel einfach heraus, was sich im Nachhinein als verdammt dämlich herausstellte, da ich die Tür so nicht mehr schließen konnte. In meiner Hektik hatte ich schon bessere Ideen gehabt, das war mir bewusst, aber es war nun nicht mehr zu ändern. Ich hastete weiter, tiefer hinunter, bis kein Licht mehr hineindrang und ich eine Fackel entzünden musste, die ich tastend in einer Halterung fand. Wie viele Gänge und Enden hatte dieser Keller denn bitte?

Ich landete in einer Sackgasse. Fast hätte ich laut geflucht, aber ich konnte es gerade noch unterdrücken. Waren da Schritte zu hören gewesen? Hektisch drehte ich mich um mich selbst und glaubte, die Schritte wären meine eigenen, die von den Wänden widerhallten, doch dann erklangen sie erneut. Ich war nicht mehr allein und noch dazu gefangen.

Nach einem Griff an mein Amulett wurde mir klar, dass ich echt in der Scheiße saß. Mein letzter Zauber war noch nicht lange genug her, als dass ich meine Wandlerfähigkeiten nutzen könnte. Selbst ein Türschloss konnte jetzt ein Problem darstellen.

An die Wand gedrückt, versuchte ich, so leise wie möglich zu atmen, aber ich wusste, dass das alles nichts half, wenn mein Verfolger einer der Sucher war. Mein gewirkter Zauber war noch viel zu frisch. An mir klebte der Duft nach Magie. Er würde mich finden, vollkommen egal, ob ich mich notdürftig versteckte oder nackt vor ihm tanzte. So hatte das nicht laufen sollen. Ob Nadia heimlich bei meiner Hinrichtung zusehen würde? Hoffentlich durfte ich an den Galgen, den Scheiterhaufen stellte ich mir nämlich schmerzhafter vor.

»Verflucht!« Erneut Schritte und eine sehr wütende Männerstimme. »Nicht jetzt! Hör auf!« Flehend. Und dann erklang ein Rauschen, als …

War da gerade ein Feuerball gegen die Wand gedonnert? Das war Kampfmagie. Das hieß aber auch, dass ich so lange sicher war, wie er mich nicht entdeckte.

Durch die Lautstärke, die ein weiterer Feuerball verursachte, konnte ich tief durchatmen und mir einen Schlachtplan überlegen. Der Typ, der sich in einen der Räume geflüchtet hatte, an denen ich vorbeigerannt war, gehörte nicht zu den Suchern, er konnte also kein Mitglied der Stadtwache sein. Saß er ebenso in der Klemme wie ich? Warum auch immer er dann versuchte, die Grundmauern eines Hauses anzuzünden. Das war schlicht nicht möglich.

Wenn mich nicht alles täuschte, würde der Anfall von Feuermagie gleich ein Ende haben, denn jeder Zauber hatte seine Grenzen.

Langsam tastete ich mich an der Wand voran, bis ich die Tür erreichte, die der Unbekannte genommen hatte. Meine freie Hand lag auf warmem Stein und ich erlaubte mir einige Atemzüge, bevor ich vortrat und mich in die Tür stellte, jederzeit bereit, mich auf dieselbe Art und Weise zu verteidigen.

»Scheiße! Verfluchte Scheiße!«

Was ihn wohl so aufgeregt hatte? Es war amüsant, dass er nicht allzu viele Flüche zu beherrschen schien. Für einen Magier tatsächlich lächerlich wenige.

Erst als er innehielt, um seinerseits durchzuatmen, wurde mir klar, dass der Mann vor mir die Rüstung mit den Insignien der Stadtwache trug. Ein Kampfmagier in den Reihen der Wache? Die wollten mich doch verarschen. Ob er allein war? Ich sah mich um, stockte aber, sobald ich bemerkte, dass er sich in meine Richtung drehte. Es war mit Sicherheit das Dümmste, was ich je getan hatte, aber ich blieb in der Tür stehen.

»Seit wann ist das erlaubt?«, fragte ich, sobald er entdeckt hatte, dass er nicht länger allein war.

»Was?«, wollte er wissen und sah so erschöpft und geschafft aus, dass ich nicht glaubte, mich verteidigen zu müssen. Der würde mir nicht gefährlich werden.

»Du bist ein Kampfmagier. Auch wenn ich nicht weiß, was es bringt, dass du deine Energien hier …« Bei den brennenden Unterhosen meiner Großmutter! Er trug das Abzeichen des Leutnants an seinem Kragen, obwohl er es nicht war. »Was spielst du hier für ein Spiel? Hast du einen der Wachen erledigt und seinen Platz eingenommen? Wie hast du das geschafft, ohne dass dich die Sucher entdecken?«

Es war ja doch nutzlos zu verstecken, wer ich war. Als wenn sich eine einfache Städterin in diesem Keller herumtreiben würde, wenn die Wachen uns Magiern extra einen Hinterhalt gestellt hatten.

Er zog die Augenbrauen zusammen, ehe Überraschung über seine Gesichtszüge glitt. »Du erkennst mich nicht.«

»Und du bist ganz allein und hast gerade sehr viel Magie nutzlos verbraucht«, erwiderte ich. Das gab mir den nötigen Mut, um nicht die Treppen wieder hinaufzuhasten. Keine Panik rollte durch meine Adern und alles, was ich im Augenblick konnte, war, überheblich zu grinsen.

Da stand er mir aber in nichts nach. »Du erkennst mich nicht«, wiederholte er sich. »Du bist festgenommen, Magierin. Wegen Einbruchs, versuchten Diebstahls, Verweigerung gegenüber Staatsgewalt, und am wichtigsten: wegen des Tragens der magischen Gabe und Ausführung ebendieser.«

Ich lauschte, aber kein Klappern der schweren Metallstiefel war zu hören. »Ich? Nachdem ich beobachtet habe, wie du mit Feuer um dich wirfst? Wenn jetzt ein Sucher die Treppe runterkommt, wird er dich finden und nicht mich, da dein Zauber jünger ist als meiner. Spuck also mal nicht so große Töne.« Ich lehnte mich an den steinernen Durchgang, dessen Tür leicht angekokelt in den Angeln hing. »Sag mir lieber, wie ich hier herauskomme.«

»Warum sollte ich?«

»Weil du ein viel größeres Problem bekommen wirst als ich, wenn wir entdeckt werden.«

»Du bist festgenommen, da gibt es nichts zu diskutieren.«

Er kam einen Schritt auf mich zu und ich wich vor ihm zurück, wieder in den Gang hinaus.

»Ich mache dir einen Vorschlag. Wir vergessen …«

Sein nächster Schritt hatte ihn erst richtig in das Licht meiner Fackel gelockt und nun wusste ich doch, wer er war. Diese stechend grauen Augen hatte ich zuvor schon gesehen. Und jetzt erklärte sich auch, warum er ein Abzeichen des Leutnants trug. Elliot war sein Name. Das wussten wir alle, denn wir mussten der Wache immer einen Schritt voraus sein.

»Was wolltest du vorschlagen?«

»Wir gehen hier auseinander und tun beide so, als hätten wir nichts gesehen. Wenn du mich festnimmst, werde ich reden, und ich bin sehr sicher, dass die Wache den Verdacht eines Kampfmagiers in ihren Reihen ernst nehmen wird. Willst du das? Bestimmt nicht, oder?«

Wenn er wirklich der Sohn des Leutnants war, würde er jetzt zustimmen. Er war hier unten, weil er bei dem Auftrag die Nerven verloren hatte, als wir beide entkommen waren. Und bei jemandem, der krampfhaft versuchte, seine magische Begabung zu unterdrücken, äußerte sich übermäßiger Stress in diesen Ausbrüchen. Er war weggelaufen, damit niemand erfuhr, wer er wirklich war. Und mit diesem Druckmittel sollte er mich nicht länger festhalten.

»Und was soll dich bitte daran hindern zu reden, wenn ich dich laufen lasse?«

»Du hast noch nicht verstanden, wie das mit den Gefallen funktioniert, oder? Ich rette dein Leben, du meins, und damit sind wir quitt.«

Ich lehnte mich der Tür gegenüber an die Wand. Meine Fackel würde noch eine ganze Weile brennen, ich könnte es ihm also noch einige Male erklären. Mit der Zeit sollte sich seine Magie wieder bereitgemacht haben, aber da er geschätzt so unerfahren war wie ein Säugling, würde ich keine Schwierigkeiten mit ihm bekommen. Er konnte mir nichts.

»Du kennst mein Gesicht. Sollte ich reden, kannst du mich ohne Weiteres abführen lassen.«

Vielleicht sollte ich ihm nicht so bescheuerte Ideen zuflüstern, aber irgendwie schien er einfach nicht verstehen zu wollen, dass es das Einfachste für uns beide war, wenn wir wieder getrennte Wege gingen und so taten, als wäre nichts passiert.

»Du bist verhaftet! Ich werde mich auf keinen Handel mit jemandem wie dir einlassen.«

Ich verdrehte die Augen. Damit hatte ich genau eine Chance, ihn kurzzeitig auszuschalten und wieder nach oben zu fliehen, wo ich hoffentlich den richtigen Ausgang fand. Noch eine Suche nach einem Brunnenschacht würde ich nicht beginnen. Mir wäre es natürlich lieber gewesen, wenn wir uns geeinigt hätten, aber wenn er nicht wollte … Wahrscheinlich traute er nicht einmal seiner eigenen Mutter über den Weg, was seine heimlichen Talente oder was daraus mal werden konnte anging.

»Ich biete es dir ein letztes Mal an: Hilf mir hier raus und ich halte meinen Mund. Wenn ich ihn mir freikämpfen muss, hängst du morgen am Galgen. Denk noch mal ganz kurz darüber nach.«

Elliot tat es. Er tat es tatsächlich. Seine Lippen pressten sich fest aufeinander und die Entschlossenheit in seinem Blick wankte.

»Hier wird niemand hinunterkommen und du hast keine Chance gegen mich. Ich wette, du kannst nicht einmal beeinflussen, welchen Zauber du wirkst, wenn du dich zu sehr aufregst. Es wäre also verdammt einfach, mich gegen dich zu verteidigen.«

Sein resigniertes Seufzen reichte mir als Antwort völlig aus.

»Also? Wo muss ich entlang?«

»Ich könnte dafür verurteilt werden, dass ich einer Magierin zur Flucht verhelfe«, sagte er.

Ich drehte mich zu ihm um, weil ich schon einige Schritte den Gang zurückgelaufen war. »Du bist so ein Witzbold. Du könntest vorrangig dafür verurteilt werden, dass du selbst ein verdammter Magier bist.« Und das als Sohn des Leutnants. Das würde den ganzen Ruf seiner Familie beschmutzen. Ich spielte meinen Trumpf aber nicht aus, vielleicht wäre es noch mal nützlich, dass ich ein persönliches Abkommen mit ihm hatte. Eventuell reichte es auch, um ihn genau damit zu erpressen, wenn es nötig wurde.

»Wir müssen nicht wieder nach ganz oben.«

»Das klingt gut.« Ich hatte echt keine Lust mehr, durch die oberen Gänge zu streifen, wenn sich dort irgendwo noch Wachen und Sucher herumtrieben.

»Wo musst du denn hin?«

Ich grinste und schwenkte die Fackel in seine Richtung. »Guter Versuch. Keine Ahnung, habe ich vergessen.«

»Es gibt hier einen Brunnenschacht, aber du hättest auch den Gesindegang in der Küche nehmen können«, wechselte er das Thema.

»Ach, den hattet ihr nicht umstellt?«

»Doch, aber mit weniger Leuten.«

»Gut zu wissen.« Wir bogen in einen Raum ab, den ich vorhin ignoriert hatte. »Dann meide ich die in Zukunft, denn sie werden nun stärker bewacht, nachdem du mir das erzählt hast.«

Er lachte. Ich wusste gar nicht, was daran lustig sein sollte.

»Wie heißt du?«, fragte ich, weil ich meine Theorie endlich absolut bestätigt haben wollte. Das Abzeichen konnte er auch sonst wo herhaben.

»Keine Ahnung, habe ich vergessen.«

Als ich ihn ansah, erwiderte er meinen Blick mit spöttisch verzogenen Lippen. Gut zu wissen, dass wir uns menschlich verstehen würden, wenn wir nicht gerade auf Leben und Tod gegeneinander kämpfen müssten.

Für den Rest des Weges zog ich es vor zu schweigen. Er hatte sich meine Stimme schon genug einprägen können. Das verstärkte sich nur, wenn wir uns weiter unterhielten. Ich versuchte, mir den Weg zu merken, aber wir waren recht viel hin und her gelaufen. Das Tuchviertel würde ich allerdings in Zukunft meiden, wenn es um Aufträge ging, und nie wieder Nadia die Organisation überlassen. Das war einfach gründlich in die Hose gegangen.

»Danke«, war alles, was Elliot noch von mir hörte, bevor ich in den Brunnenschacht kletterte, der zwangsläufig in einem Gewässer münden würde. Ich fand schon nach Hause, alles andere war einfach nicht akzeptabel. Und dann brauchten Nadia und ich einen Plan. Vielleicht konnten wir es ja für unsere Zwecke nutzen, dass Elliot ein Kampfmagier war. Diese Information war der einzige Lichtblick dieser verkorksten Nacht.

KAPITEL 2

Der Fluss spuckte mich außerhalb der Stadtmauern wieder aus. Zum Glück war es nicht länger mitten im Winter, aber nachts noch empfindlich kühl. Die Gefahr, mir eine Erkältung einzufangen, wenn mein Bad zu lange dauerte, war noch nicht gebannt.

Schlotternd kämpfte ich mich mit meinem langen schwarzen Mantel die Böschung hinauf. Ob mein letzter Zauber lange genug her war, damit ich es wagen konnte, durch die Straßen zu laufen? Nach einem kurzen Moment, in dem ich mich orientierte, war mir klar geworden, dass ich auf der falschen Seite der Stadt angekommen war. Es würde dauern, den Weg außen über die Höfe zu nehmen. Ich wäre bedeutend schneller zurück, wenn ich den direkten Weg wagen könnte.

Der Mond stand schon recht tief und wenn ich noch etwas Schlaf bekommen wollte, musste ich mich beeilen. Meine Wahl fiel also auf die Stadt. Gerade in den ersten Morgenstunden war die Wahrscheinlichkeit am geringsten, auf die Stadtwache zu treffen, da die Nachtpatrouille bald durch die am Tag abgelöst werden würde. Sie beendeten ihre Runden vorzugsweise ein bisschen früher und ich hatte hoffentlich leichtes Spiel.

Es war nicht das erste Mal, dass ich mich allein durch die Straßen schlich, aber es war immer wieder ungewohnt. Nadia konnte die Sucher der Stadtwache spüren. Sie uns im Gegenzug natürlich auch, aber da wir nur zu zweit unterwegs waren, war es leichter zu fliehen. Sucher strahlten eine leichte Grundmagie aus, da sie ihre Fähigkeiten nicht so gut verbergen konnten. Es gab mächtige Magier, die sie überdecken konnten, und Nadia arbeitete fieberhaft daran, sich diese Methoden anzueignen. Aber es würde noch Jahre dauern, bis uns kein Sucher mehr spüren konnte. Wenn nicht länger.

***

»Hi«, sagte ich, als ich eines unserer Verstecke erreichte. Es war ein leer stehender Bauernhof. Der Vorbesitzer war verstorben und wir hatten seinen Hof einfach besetzt. Zumindest eins der etwas versteckter liegenden Gesindehäuser. »Ich bin’s, Tasha.«

»Das habe ich mitbekommen«, entgegnete Nadia mir, die auf einem Schemel vor dem Kamin saß, in dem noch ein Feuer brannte.

Ich durchquerte den Raum, riss mir dabei meine Kleidung vom Leib und kramte in meinem Rucksack, der bei meinem Bett stand, nach trockenen Sachen. Wir besaßen nicht viel, aber wenigstens das.

Heute Nacht waren wir nur zu zweit. Normalerweise teilten wir uns das kleine Häuschen mit einigen anderen Magiern. Selbstverständlich nur mit denen, die sich unser Vertrauen gesichert hatten. Oder wir ihres. Rivalität und Ärger unter unseresgleichen war nicht unüblich. In Zeiten wie diesen war sich jeder selbst der Nächste.

Nachdem ich meine nasse Kleidung aufgehängt hatte, damit sie vielleicht morgen wieder tragbar sein würde, setzte ich mich zu Nadia vor den Kamin. »Du bist so still. Ist was?«, fragte ich schließlich. Unter den Umständen war es gar nicht lustig, ihr von Elliot zu erzählen.

»Du hast mich beinahe in eine Falle geschickt. Sie hätten mich fast geschnappt«, fuhr sie mich plötzlich an. Ihr Tonfall passte so gar nicht zu ihrer zusammengesunkenen Haltung auf dem Hocker.

»Dieser ganze Auftrag war eine Falle und den hast du uns besorgt. Dass das klar ist: Das machst du nicht noch mal!« Ich musste die Zähne zusammenpressen, um nicht laut zu werden.

»Ich wäre fast geschnappt worden, hörst du mir gar nicht zu?« Nadia richtete sich auf und streckte auffordernd die Arme von sich weg.

»Ganz toll. Ich bin geschnappt worden. Und wenn du aufhörst, dich über deine eigenen dummen Pläne bei mir zu beschweren, damit ich der Sündenbock werde, könnte ich dir etwas Spannendes erzählen.«

»Du bist was?« Ihr Ärger verflog so schnell, dass es mich überraschte. Nadia war nur schwer von ihren Trips wieder runterzubringen, wenn sie sich einmal in etwas reingesteigert hatte.

»Ich bin in den Keller geflüchtet und von einem Kerl der Wache gestellt worden. Obwohl, nicht direkt.« Ich grinste, während Nadia ungeduldig mit der Hand wedelte. »Ich habe ihn überrascht, wie er ein wenig angestaute Energie freigelassen hat. Das waren beeindruckende Feuerbälle, muss ich schon sagen.«

»Ein Kampfmagier inmitten der Stadtwache?« Jetzt hatte ich ihre vollste Aufmerksamkeit. Sie drehte sich sogar auf ihrem Hocker zu mir hin.

»Ja. Ich habe ihn dabei beobachtet, wie er unkontrolliert Magie wirkte, weil er sie sicher sonst unterdrücken muss, damit man ihn nicht entdeckt. Da er den letzten Zauber gewirkt hatte und das so heftig, dass mich bestimmt niemand entdeckt hätte, bin ich zu ihm gegangen, als er endlich fertig war.«

Nadia zog skeptisch die Augenbrauen zusammen. »Du hast dich ihm zu erkennen gegeben?«

»Na ja, ich musste da raus und konnte nicht wieder hoch und …«

»Du hättest doch weglaufen können, oder nicht?« Ihr Blick verfinsterte sich, während sie mich musterte. Obwohl sie diejenige war, die oft nicht nachdachte, konnte sie mir in Windeseile ein schlechtes Gewissen machen. Sogar dann, wenn sie nicht einmal dabei gewesen war.

»Und dann auf der Treppe nach oben den Suchern der Wache in die Arme? Nein! Ich habe unten nach einem Brunnenschacht gesucht und er hat ihn mir gezeigt, nachdem ich versprochen habe, unser Geheimnis für mich zu bewahren. Ich wette, die Stadtwache wäre sehr erpicht darauf zu erfahren, dass sie heimlich einen Kampfmagier ausbildet.«

Nadia streckte ihre Hände wieder zum Feuer hin. Sie seufzte und ich wusste, dass sie es sich verkniff, noch einmal zu betonen, dass ich doch hätte weglaufen können. »War er noch so jung? In der Ausbildung?«

»Ja, er hatte noch kein Wächteremblem am Kragen.«

»Du warst ihm so nah, dass du das erkennen konntest?«

»Ein paar Schritte.« Ich zuckte mit den Schultern. War doch nichts dabei. »Er hat mir den Brunnenschacht gezeigt. Und er hat versucht herauszufinden, wo wir leben. War ein recht unterhaltsames Gespräch.«

Meine Freundin fuhr auf ihrem Hocker hoch. »Ihr habt euch unterhalten?«

»Ja«, sagte ich lang gezogen. »Irgendwie schon. War etwas merkwürdig.«

»Hast du eigentlich völlig den Verstand verloren?«

Ich sprang von meinem Hocker auf. Bei dem Gespräch konnte ich nicht sitzen bleiben. »Es war total merkwürdig, schweigend neben dem herzulaufen.«

»Und da habt ihr einen kleinen Plausch gehalten?«

Ich verdrehte die Augen. Jetzt ging es los. »Nein, wir …«

»Oh, ihr? Sprichst du jetzt schon von euch?«

»Nadia …«

»Tasha!«, hielt sie dagegen. »Lässt du dich jetzt mit Wächterkerlen ein? Hoffst du so auf Informationen?«

»Du weißt, dass du völligen Blödsinn von dir gibst?«, wollte ich wissen und ging absichtlich nicht auf ihren Vorwurf ein. Wie schaffte sie es innerhalb von zwei Sätzen so viel zu interpretieren und zu durchdenken? »Wenn wir mal etwas brauchen, können wir ihn damit erpressen.« Ich streckte mich. »Ich gehe schlafen.«

»Würdest du ihn denn erkennen? Ach, was frage ich das denn? Sicher würdest du.«

Seufzend machte ich mich daran, meine notdürftige Decke auszuschütteln, die mehr einen Lumpen darstellte. Meine bequeme Stoffdecke hatte ich neulich bei einer Flucht zurücklassen müssen und als wir das Gebäude erneut betreten konnten, war sie weg gewesen. Da hatte sich sicher jemand gefreut.

»Natürlich würde ich ihn erkennen.« Damit lieferte ich ihr sicher nur noch mehr Futter für diese merkwürdigen Annahmen und Ideen. Sie würde sich heute nicht mehr vom Gegenteil überzeugen lassen, also ignorierte ich ihr Getue einfach und legte mich hin. Wir hatten beide eine anstrengende Nacht hinter uns und morgen ein Hühnchen mit einem gewissen Vermittler zu rupfen.

***

Kaum hatte sich die Sonne hinter den ersten Häuserdächern hervorgewagt, stiegen die Temperaturen merklich, weswegen ich entschied, meine noch leicht klamme Kleidung anzuziehen, damit sie in der ersten Wärme des Tages trocknen konnte.

Es gab in der Stadt Orte, die die Wache relativ unangetastet ließ. Solange ihnen die Magier nicht in die Quere kamen und Aufmerksamkeit erregten, ließen sie uns sogar weitestgehend in Ruhe. Was natürlich auch bedeutete, dass wir uns von der Stadt fernzuhalten hatten.

Wir schlichen uns also durch die dreckigsten Gassen und durch die dunkelsten Tavernen, bis wir auf unseren Mittelsmann stießen. Er würde seinen Teil des Geldes haben wollen, wenn er nicht schon gehört hatte, dass unser Auftrag schiefgelaufen war.

Ich hatte noch keine Ahnung, wie ich ihm erklären sollte, dass uns die Stadtwache dazwischengefunkt hatte, und meine Vermutung äußern sollte, dass er selbst uns gelinkt hatte.

»Du hast uns reingelegt, du Pisser.«

Diese Reaktion hätte ich kommen sehen müssen, aber manchmal unterschätzte ich Nadias Temperament.

Don – wie er sich nannte – sah von seinem Kartenspiel auf, das er gerade gegen einige andere Männer führte. Sein Schädel war kahlrasiert und der goldene Ring in seiner Nase viel zu auffällig für einen Kampfmagier. Er war jemand, mit dem sich auch die Stadtwache nicht ohne Weiteres anlegen würde. Nadia schon.

»Du bringst uns noch ins Grab«, flüsterte ich ihr zu, während Don die Karten weglegte und aufstand. »Don«, rief ich fröhlicher, was ihn leider überhaupt nicht interessierte.

Wir schuldeten ihm Geld. Mein Vater hatte ihm schon welches geschuldet, bevor er gefasst und getötet worden war. Don hatte mich als kleines Mädchen unter seine Fittiche genommen und beschützt. Diese Zeit hatte ich nun abzuarbeiten. Nadia war über ihren Bruder reingeraten.

»Wer hat hier wen reingelegt?«, fragte er bissig und musterte uns. Wir waren ein Stück zurückgewichen, aber er folgte uns unnachgiebig. Konnte Nadia nicht einmal ihr loses Mundwerk halten?

»Niemand«, beschwichtigte ich ihn. »Wir waren nur zu spät. Kann es sein, dass der Auftrag doppelt vergeben wurde?«

»Als würde ich vergessen, wen ich meine Drecksarbeit machen lasse!« Don war heute anscheinend mit dem falschen Fuß aufgestanden, denn normalerweise war er nicht so bemüht, mir die Worte im Mund herumzudrehen.

»Es war der Diebstahl eines magischen Gegenstandes aus einer Villa im Tuchviertel. Der Besitzer war angeblich verreist«, fasste ich Nadias Informationen zusammen, die sie mir am Abend vor dem Diebstahl mitgeteilt hatte.

»Ich weiß nichts von einem Diebstahl im Tuchviertel.« Er fixierte uns, bevor er mich unsanft am Kinn packte. »Woher hast du den Auftrag?« Sein Blick glitt zu Nadia. »Und du, behaupte nie wieder, ich würde versuchen, euch reinzulegen.«

»Ich habe den Auftrag von einem Unterhändler bekommen, der gesagt hat, dass er dich kennt«, erklärte Nadia ihm schließlich, nachdem die Finger um mein Kinn immer fester zupackten. Warum war ich eigentlich gerade dran, wenn es doch sie war, die Mist gebaut hatte?

»Als wenn ich meine Aufträge nicht mehr selbst verteilen könnte. Das werdet ihr erst erleben, wenn ich in der Kiste liege.« Don zog mich noch näher an sich heran. »Und wenn mir noch einmal zu Ohren kommt, dass ihr beide von jemand anderem einen Auftrag entgegennehmt, helfe ich euch nicht mehr, wenn ihr euch nachts in dunklen Gassen verirrt. Dann mache ich mit, haben wir uns da verstanden?«

Ich nickte und Don ließ mich mit einem kräftigen Stoß nach hinten los. Ich stolperte und wäre beinahe hingefallen, aber ich würde mich nicht beschweren. Seine Drohung nahm ich durchaus ernst, sehr ernst. Er hatte mich mehr als einmal vor einer unfreiwilligen Begegnung bewahrt, aber ich war auch nicht blind. Don nahm sich, was er wollte, und wenn ihm plötzlich der Sinn nach einer von uns stand …

Nadia schüttelte sich, als wir wieder vor der Tür der kleinen Dreckskneipe standen. Don hatte uns entlassen und wir sollten am Abend noch einmal wiederkommen, damit wir uns unseren Auftrag abholen konnten. Diesmal würde es sicher keine Kleinigkeit sein und es graute mir sehr davor. Es wurde immer schwieriger, der Stadtwache aus dem Weg zu gehen.

»Ich wünschte, wir könnten da irgendwie raus«, sagte Nadia neben mir, als hätte sie meine Gedanken erraten.

»Nicht zu laut. Das hört Don nicht gern.«

»Ich meine es aber ernst«, hielt Nadia dagegen, was mich die Augen verdrehen ließ.

»Dann lass mich deine Fehler nicht immer ausbaden!«

»Du musst nicht immer den Kopf für mich hinhalten!«

»Ach nein?« Ich war schon ein paar Schritte losgelaufen und drehte mich wieder zu ihr um. »Was denn sonst? Wenn ich dich das allein mit Don klären lasse, habe ich bald keine Partnerin mehr. Du bist zu impulsiv! Du denkst zu wenig nach, bevor du etwas sagst.«

Nadia blieb stehen und folgte mir nicht. Sie sollte vor der Tür weggehen, denn wenn jemand herauskam, dem sie im Weg war, konnte das etwas ekelhaft enden.

»Du hörst dich gerade an, als könnte ich gar nichts allein. Ich brauche dich nicht, damit du auf mich aufpasst!«

Ich seufzte. »So habe ich das doch gar nicht gemeint. Ich mache mir lediglich Sorgen um dich. Und jetzt lass uns gehen. Wir sorgen schon für genug Aufmerksamkeit.«

***

»Was gedenkst du denn jetzt wegen du weißt schon wem zu tun?«

Wir waren gerade aus der Stadt raus und auf dem Weg zu unserem Unterschlupf, als sie wieder begann, mit mir zu reden. Nadia konnte zum Glück nie lange sauer auf mich sein, auch wenn ich nicht fand, dass sie einen Grund dazu gehabt hatte. War es nicht völlig normal, dass ich mich sorgte, wenn sie so auf Don losging? Hätte sie das gemacht, ohne dass ich dabei war … Ich wusste nicht, ob ihr schlicht nicht klar war, wozu unser Mentor imstande war. Wir schuldeten ihm Geld, aber er war auch nicht wirklich darauf angewiesen, dass er es von uns bekam. Wenn wir ihm nicht mehr genügten, konnte er sich unser ganz einfach entledigen.

»Ich bin mir noch nicht sicher. Diese Information werde ich erst mal für mich behalten. Ich möchte auf jeden Fall überprüfen, ob er wirklich der Stadtwache angehört, denn was, wenn er sich nur als einer der ihren ausgegeben hat? Vielleicht suchen sie schon in der ganzen Stadt nach mir.«

Dass das nicht so war, brauchte Nadia nicht zu wissen. Ich hatte sie noch nicht eingeweiht, dass es ausgerechnet Elliot gewesen war, den ich getroffen hatte. Es fühlte sich auf eine merkwürdige Art falsch an, es ihr zu sagen. Sonst kannte ich sie so gut, aber ich konnte einfach nicht einschätzen, ob diese Information sie beruhigen oder noch viel mehr aufregen würde.