Verlag: Cross Cult Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

Star Trek - Deep Space Nine 9.02: Entsetzliches Gleichmaß E-Book

Olivia Woods  

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E-Book-Beschreibung Star Trek - Deep Space Nine 9.02: Entsetzliches Gleichmaß - Olivia Woods

In unserem Universum wurde eine cardassianische Schläfer-Agentin namens Iliana Ghemor einst chirurgisch verändert, um wie Kira Nerys auszusehen. Sie sollte diese Widerstandskämpferin und Heldin, die den Planeten Bajor befreite, ersetzen. Dieser Plan wurde jedoch nie in die Tat umgesetzt, und das Schicksal der Agentin blieb unbekannt ... bis jetzt. Der letzten sechzehn Jahre beraubt, kehrt Iliana Ghemor nun zurück und sinnt auf Rache. Über anderthalb Jahrzehnte der Gefangenschaft und der Misshandlung durch ihre ehemaligen Vorgesetzten, haben sie an den Rand des Wahnsinns getrieben. Ihr Lebenswille wird nur noch durch ihre verdrehte Überzeugung aufrecht erhalten, dass sie tatsächlich die wahre Kira Nerys ist. Sie hat bereits einen beinahe erfolgreichen Anschlag auf das Leben der echten Kira verübt, doch anstatt die Identität der Frau anzunehmen, die sie ursprünglich ersetzen sollte, hat sich Ghemor ein völlig unerwartetes Ziel gesucht: Kiras andere Doppelgängerin, die bösartige Intendantin und eiserne Herrscherin über Bajor aus einer anderen Realität, die man als das "Spiegeluniversum" kennt. Doch im Spiegeluniversum geht mehr vor sich, als Ghemor ahnt, und die Helden von Deep Space Nine müssen die falsche Kira irgendwie aufhalten, ohne den empfindlichen Fluss der Geschichte zu verändern, der seinen Lauf nehmen muss, damit beide Universen - sowie zahllose andere - überleben können. In diesem E-Book, in dem die fortlaufende DS9-Saga weitergeführt wird, folgen parallele Geschichten Iliana Ghemor und der echten Kira Nerys, indem sie sich gegenseitig widerspiegeln und aufeinander aufbauen.

Meinungen über das E-Book Star Trek - Deep Space Nine 9.02: Entsetzliches Gleichmaß - Olivia Woods

E-Book-Leseprobe Star Trek - Deep Space Nine 9.02: Entsetzliches Gleichmaß - Olivia Woods

STAR TREKDEEP SPACE NINE™

ENTSETZLICHES GLEICHMASS

OLIVIA WOODS

Based uponStar Trekcreated by Gene Roddenberry

Star Trek: Deep Space Ninecreated by Rick Berman & Michael Piller

Ins Deutsche übertragen vonChristian Humberg

Die deutsche Ausgabe von STAR TREK – DEEP SPACE NINE: ENTSETZLICHES GLEICHMASS wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg. Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern, Übersetzung: Christian Humberg; verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Katrin Aust und Gisela Schell; Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik; Cover Artwork: John Picacio; Print-Ausgabe gedruckt von CPI Morvia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice. Printed in the Czech Republic.

Titel der Originalausgabe: STAR TREK – DEEP SPACE NINE: FEARFUL SYMMETRY

German translation copyright © 2013 by Amigo Grafik GbR.

Original English language edition copyright © 2008 by CBS Studios Inc. All rights reserved.

™ & © 2013 CBS Studios Inc. STAR TREK and related marks and logos are marks of CBS Studios Inc. All rights reserved.

This book is published by arrangement with Pocket Books, a Division of Simon & Schuster, Inc., pursuant to an exclusive license from CBS Studios Inc.

Print ISBN 978-3-86425-170-2 (April 2013) · E-Book ISBN 978-3-86425-171-9 (April 2013)

WWW.CROSS-CULT.DE · WWW.STARTREKROMANE.DE · WWW.STARTREK:COM

SEITE EINS

Für A. und A.,Schwester und Bruder

»All meine Opfer. Darauf läuft es letztlich doch immer hinaus, oder? Auf all meine Verbrechen.«

aus STAR TREK – DEEP SPACE NINE»Das Gute und das Böse«,geschrieben von Ronald D. Moore

Prolog

Sieben Tage zuvor

Die Welt verging in gleißendem Weiß, bis nichts mehr übrig war außer dem Schlag seines Herzens – jenem steten Rhythmus, der ihn in seinem Leben auf der linearen Ebene verankerte. Er sah auf seine Hand, lange braune Finger, die ins Leere griffen. Ganz wie bei seiner ersten Begegnung mit den Propheten. Und wie damals spürte er auch diesmal, dass er nicht allein war.

Doch seine Intuition sagte ihm, dass dies kein weiteres Treffen mit den Wurmlochwesen war. Sein plötzliches Verlangen nach der Drehkörpererfahrung, die ihn hierhergebracht hatte, war einem ganz anderen Gefühl entsprungen, einer Art von Verbundenheit, die tief in seinem Innersten verwurzelt und intimer als die engste Beziehung seines linearen Lebens war. Nun, da er sein Bewusstsein immer mehr der Umgebung öffnete, erkannte er, dass sich Personen um ihn versammelt hatten. Sieben weitere Gestalten waren dem Ruf der Notwendigkeit an diesen Ort gefolgt, der kein Ort war und sich außerhalb der Zeit befand.

Er trat in den Kreis der Abgesandten. Einer Versammlung von Männern namens Benjamin Sisko.

Über das Weiß hinweg schauten sie einander an. Sie waren Männer aus verschiedenen Universen. Jeder einzelne war, so wie er, einem Plan entsprechend geboren worden. Jeder einzelne – so unterschiedlich ihre Leben auch verlaufen waren – war auf einer Welt namens Bajor seinem Schicksal begegnet.

Ben spürte die Leere sofort, dieses kalte, gähnende Nichts ganz in seiner Nähe, wie ein fehlendes Stück seiner Seele. Unmittelbar rechts von ihm war eine Lücke im Kreis. Jemand fehlte.

»Ich nehme an«, sagte er, »wir sind hier, um die Lücke in unseren Rängen zu schließen.«

»Nicht wir«, erwiderte einer der anderen. »Du.«

Ben richtete den Blick auf den Sprecher. Er war ein glattrasierter Zivilist in der formellen Kleidung eines Föderationsdiplomaten. In dem Moment, da sich ihrer beider Blicke kreuzten, lag das Leben seines Gegenstücks wie ein offenes Buch vor Ben: Botschafter Sisko vom Diplomatischen Korps der VFP hatte seine Gattin Jennifer bei einem von Terroristen der Kohn-Ma auf Cardassia Prime verübten Selbstmordanschlag verloren, als er versuchte, den Rückzug cardassianischer Truppen von Bajor auszuhandeln …

Ben hörte sein Herz schneller schlagen. Er konzentrierte sich auf den Klang, folgte ihm zurück zu seinem eigenen Selbst. Wie leicht man sich doch in den alternativen Leben verlieren konnte. »Das verstehe ich nicht.«

»Du warst für ihn verantwortlich«, erklärte jemand anderes. Ben drehte den Kopf und sah ihn über die Lücke im Kreis hinweg an, auf die dieser zweite Doppelgänger deutete. Eine Art Dolch schien am Gürtel seiner prächtigen metallenen Uniform zu hängen. Fleet Captain Sisko war der militärische Regent Bajors in einem Terranischen Imperium, das nie gefallen war. Eine breite Narbe auf der rechten Gesichtshälfte und das blinde Auge waren alles, was sein verräterischer Vater ihm hinterlassen hatte.

»Wovon sprichst du da?«, fragte Ben. »Ich bin unserem Gegenstück in jener Wirklichkeit nie begegnet. Wieso sollte ich dann für ihn oder sein Universum verantwortlich sein?«

»Du hast die Anzeichen ignoriert«, sagte der Imperiale.

»Was für Anzeichen? Jeder Übergriff ging von ihnen aus. Außer dem ersten, und der war ein Unfall!« Während er sprach, kamen die Erinnerungen: Nerys’ und Julians Runabout hatte eine mysteriöse Fehlfunktion gehabt, als es ins Wurmloch flog. Es war außer Kontrolle geraten, bis es schließlich unerklärlicherweise im alternativen Universum der Intendantin wieder ausgetreten war.

Ben hielt inne. Er begriff allmählich … und erschrak. Das Muster war die ganze Zeit über da gewesen, aber er hatte es nicht bemerkt.

»Es war gar kein Unfall«, erkannte er. »Die Propheten wollten, dass sich unsere beiden Universen überschnitten.«

»So langsam verstehst du es«, sagte ein weiterer Zivilist. Er trug Vollbart und einen blauen Labor-Overall: Dr. Sisko vom Daystrom Institut. Jahre nach dem fürchterlichen Unfalltod seiner Schwester hatte er das Wurmloch entdeckt und so ein neues Zeitalter der Kunst, Wissenschaft und Philosophie eingeläutet. Seine Entdeckung war das Fundament einer gesellschaftlichen Revolution gewesen, in deren Zuge der freie Austausch von Wissen und Ideen aus den einstigen galaktischen Großmächten eine ebenso lockere wie stabile interstellare Gemeinschaft wurde. »Jeder spätere Kontakt wurde, so wie du es sagtest, von der anderen Seite initiiert«, fuhr der Wissenschaftler fort. »Und interessanterweise geschahen sie alle mittels des Transporters. Doch beim ersten Mal gelangten deine Kira und dein Bashir in einem Runabout durch das Wurmloch auf die andere Seite und wieder zurück. Aber du hast dich nie gefragt, ob das vielleicht kein zufälliges Ereignis war. Ob die Grenze zwischen euren beiden Universen seit diesem ersten Zwischenfall im bajoranischen Sektor vielleicht ungewöhnlich durchlässig geworden ist. Du hast dich nie gefragt, warum niemand in ihrem Universum je die Tore des Himmlischen Tempels aufstieß – obwohl es auch in diesem Kontinuum einen Sisko gab. Diese Frage hast du dir nicht einmal gestellt, als du erfuhrst, dass Benjamin Sisko – und zwar in allen Universen – nicht durch Zufall existiert.«

»Der Sisko aus der Dimension der Intendantin«, begriff Ben nun. »Er hätte ihr Abgesandter werden sollen.«

»Aus allein diesem Grund existieren wir alle«, betonte ein weiteres Gegenstück. Colonel Sisko trug eine Uniform, deren Schnitt gleichermaßen an Sternenflotte und bajoranische Miliz erinnerte. Er gehörte der Himmlischen Union an und entstammte einem Universum, in dem Bajor die Keimzelle einer gewaltigen interstellaren Allianz war, die sich von Cardassia bis zur Erde erstreckte. Er hatte das Wurmloch mitten in einem heftigen, langen Krieg gegen die Tholianer entdeckt, einem Konflikt, der ihm beide Elternteile genommen hatte. »Wir alle wurden geboren, um einen vorgezeichneten Weg zu beschreiten«, fuhr der Colonel fort. »Doch sein Leben, seine Wirklichkeit, machte ihn zögerlicher als uns andere. Er widersetzte sich der Rolle, die wir alle erfüllen sollen, stärker als wir.«

»Feigling«, urteilte Admiral Sisko, Witwer und Held von Wolf 359. Seine Föderation hatte sich schon vor langer Zeit die Klingonen, die Romulaner, die Cardassianer und sogar die Tzenkethi und Breen einverleibt. »Die Angst vor dem Glauben an uns selbst war von jeher unser ärgster Feind. Und da kamst du ins Spiel.«

»Soll das heißen, ich hätte irgendwie zu ihm durchdringen sollen?«

»Nicht allein«, widersprach Sisko von den Borg, und die technologischen Stimmverstärker verliehen den Worten, die über seine blassen grauen Lippen kamen, ein Echo. »Nie allein. Aber es oblag dir, den Ball im Auge zu behalten.« Ben unterdrückte ein Schaudern, als er daran dachte, welchem Schicksal er so knapp entgangen war. Doch seine Faszination überlagerte seine Abscheu: Selbst in einem Universum, in dem das Kollektiv die Erde bezwungen und sich eine Schneise durch die Föderation geschlagen hatte, die bis nach Bajor führte, war der Plan, den die Propheten für Benjamin Sisko ersonnen hatten, aufgegangen. Ganz egal, welche Wunden dieser Sisko auch an Leib, Geist und Seele erlitten hatte.

»Aber warum ich?«, wollte Ben wissen. »Mir scheint, ihr alle wusstet von meiner Aufgabe, während ich keinen Schimmer hatte. Warum also ich und nicht einer von euch?«

»Weil du neben ihm derjenige von uns warst, der sein wahres Ich am widerwilligsten akzeptierte«, antwortete der Sisko, dessen Leben lange genauso wie Bens verlaufen war … bis sein Sohn an Bord der Saratoga verstarb. Dieser Sisko hatte das nie überwunden, die Trauer hatte ihn innerlich zerfressen. Sie zerstörte seine Ehe, seine Karriere und beinahe seinen Lebenswillen. Doch die Zeit und das Schicksal brachten auch ihn nach Bajor und zur Wahrheit, wie sie es bei jedem anderen Abgesandten getan hatten. »Hättest du ihm geholfen«, fuhr dieser Sisko fort, »hättest du dich selbst viel früher akzeptiert. Du hättest um die Ecke gedacht und dein Bajor viel früher auf die Prüfungen vorbereiten können, die ihm bevorstehen.«

Und da war es wieder, dieses Schaudern. Wie einst, als er B’hala wiederentdeckt hatte. Wie während seiner Zeit im Tempel. Ben erhaschte plötzlich einen Blick auf den Wandteppich, das Muster, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenhielt. Und er begriff, dass er tatsächlich Verantwortung trug, denn er hatte nicht gehandelt und so alles riskiert.

»Was geschieht jetzt?«, fragte er.

»Unsere größte Sorge«, antwortete der Admiral, »besteht darin, dass das Universum des Deserteurs der Bedrohung von eurer Seite nichts mehr entgegenzusetzen hat.«

»Welche Bedrohung?«

»Das wirst du schon bald sehen«, sagte der Wissenschaftler. »In beiden Wirklichkeiten gehen die Ereignisse schnell voran.«

»Der Schaden ist vielleicht bereits zu groß«, warnte der Admiral, »als dass wir noch hoffen könnten, unser Ziel zu erreichen.«

»Ist der Kreis nicht geschlossen, wird sich der Teppich auflösen«, entgegnete der Colonel. »So weit darf es nicht kommen.«

»Was muss ich tun?«, fragte Ben.

Und sie sagten es ihm.

»Wie fühlen Sie sich?«, fragte Opaka Sulan, nachdem sie den Schrein des Drehkörpers geschlossen hatte.

Ben nickte, aber es war mehr ein Reflex. Ein immenses Gefühl des Verlusts hatte ihn überkommen. Zwar war er schon nach früheren Erfahrungen mit den Tränen erschöpft oder belebt gewesen, körperlich wie geistig, dieses Mal war es jedoch anders, verstörend. Im gleißenden Licht des Drehkörpers hatte er sich komplett gefühlt – vollständiger denn je zuvor. Nun aber spürte er nur noch den Nachhall dieses Gefühls, eine Erinnerung, die zu schmerzhaft war, um sich ihr ganz hinzugeben, unterstrich sie doch, wie schrecklich isoliert er auf der linearen Ebene war.

»Trinken Sie das.« Opaka reichte ihm einen Kelch mit Wasser, das sie aus dem Krug auf dem Tisch neben der Tür eingeschenkt hatte. »Es wird Ihnen guttun.«

Ben nahm das Wasser dankbar entgegen, leerte den Kelch in einem Zug und genoss die Kühle, die sich in ihm ausbreitete. Sein Blick wanderte umher, suchte nach Hinweisen darauf, wie lange er in der Entrückung des Drehkörpers gewesen war, und fand keine. Diese unterirdischen Krypten waren erschaffen worden, um die Tränen zu beherbergen, bis diese sicher in ihre Schreine zurückgebracht werden konnten. Sie waren fensterlos und es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass die Zeit außerhalb weiterlief.

»Die Kerzen«, sagte Opaka und nahm den Kelch wieder an sich. Zuerst verstand Ben nicht, was sie meinte. Dann begriff er, dass sie seine Frage in seinem Gesicht gelesen haben musste und ihm einen Hinweis geben wollte. Er konzentrierte sich auf die Kerzen. Seit Bajors einstige Kai ihn hergebracht hatte, waren sie deutlich geschrumpft.

»War ich den gesamten Nachmittag hier?«, fragte er.

»Beinahe«, bestätigte Opaka. »Wie Sie inzwischen fraglos erkannt haben, kann der Drehkörper der Seelen sehr anstrengend sein – viel anstrengender als die übrigen Tränen. Von den neun verstehen wir ihn bisher am wenigsten. Er beunruhigt uns am meisten. Nur selten schenkt er uns eine Erfahrung, denn kaum jemand stellt sich willentlich seinem Licht. Nicht einmal jene, die wie Sie hergerufen wurden.« Sie hielt inne und betrachtete sein Gesicht. »Haben Sie gefunden, wonach Sie suchten?«

Ben antwortete nicht sofort. Opaka hätte ihn nie nach Details gefragt. Drehkörpererfahrungen galten als zu intim, als das man sie mit anderen geteilt hätte. Jeder Suchende musste sie auf eigene Faust und nach bestem Wissen und Gewissen entschlüsseln. Diese jedoch war weit weniger kryptisch gewesen als alle vorherigen.

»Ich erfuhr, was ich erfahren musste«, antwortete Ben schließlich. »Ich weiß nur nicht, ob ich den an mich gestellten Anforderungen gewachsen bin.«

Die stämmige Frau senkte den Blick. Ihre Mundwinkel zuckten, doch sie schwieg.

»Was?«, fragte Sisko. »Keine weisen Ratschläge. Kein ‚Vertrauen Sie auf Ihr eigenes Urteil‘? Kein ‚Folgen Sie dem Pfad, der Ihnen vorherbestimmt ist‘?«

Sie sah ihn an und hob eine Braue. »Habe ich Ihnen je etwas gesagt, das Sie bereits wussten?«

»Warum sagen Sie mir dann nicht, was ich noch nicht weiß?«

Opaka betrachtete ihn noch einen Moment. Sorgenfalten erschienen auf ihrer Stirn. Dann hob sie die Hand und ergriff mit Daumen und Zeigefinger sein Ohrläppchen. Sie schloss die Augen. »Atmen Sie«, sagte sie, genau wie bei ihrer ersten Begegnung. »Atmen Sie …«

Ben atmete durch die Nase aus und langsam wieder ein. Er wartete, nach all den Jahren immer noch fasziniert von dem Talent mancher Bajoraner, die innere Verfassung ihres Gegenübers zu erkennen – selbst wenn dieses einer anderen Spezies entstammte. Jadzia hatte einst spekuliert, es handele sich um eine rudimentäre Form von »Berührungsempathie«, und vielleicht war das die Erklärung. Vielleicht.

Opaka öffnete die Augen und gab ihn frei. »Angst ist keine Schande«, sagte sie leise.

»Ich habe keine Angst«, versicherte er ihr.

»Nicht um sich, nein. Aber Sie sorgen sich zutiefst um die möglichen Konsequenzen der Entscheidungen, die Sie zu treffen haben.«

Er zuckte mit den Schultern. »Mit dieser Sorge lebe ich schon mein ganzes Erwachsenenleben.«

»Und doch war sie nie größer.«

Ben atmete aus und sah zum Behältnis des Drehkörpers der Seelen. »Nein, war sie nicht.« Dann schaute er seine alte Freundin an, dankbar für ihre Anwesenheit. Es gab nur wenige Personen in seinem Leben, die verstanden, welche Belastung es war, der sogenannte Abgesandte der Propheten zu sein. Niemand verstand es besser als Opaka, hatte sie ihn doch vor acht Jahren persönlich auf diese Reise der Selbstentdeckung und der beängstigenden Verantwortung geführt. »Es gibt da etwas, das ich Sie fragen muss«, begann er.

Opaka wartete.

»Was können Sie mir über das Drehkörperfragment von Sidau erzählen?« Da sie nicht sofort antwortete, hakte er nach: »Ich sah den Ausdruck in Ihrem Gesicht, als Lieutenant Ro uns vor zwei Monaten erstmals davon berichtete. Sie wissen etwas, Opaka. Was ist es?«

Sie seufzte. »Was ich ‚weiß‘, provoziert vielleicht mehr Fragen, als es beantwortet«, entgegnete sie dann. »Ich hörte vor langer Zeit von ihm – im Zusammenhang mit Dava Nikende, einem noch immer verehrten Kai, der vor vielen Hundert Jahren gelebt hat. Angeblich besaß dieser Kai ein Objekt, das zu der Beschreibung, die Ro Laren uns gab, passt: ein einzelner, winziger grüner Stein in einem schmuckvollen goldenen Armreif. Kai Dava trug diesen Reif bis zu seinem Tod am Handgelenk. Die Vedek-Versammlung hegte stets Zweifel an der Echtheit dieser Erzählung und tat sie als reine Legende ab, bestenfalls noch als Gerücht.« Mit einem Mal wirkte sie traurig. »Zumindest, bis zum Massaker von Sidau.« Sie hielt inne und wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln.

»Das tut mir leid«, sagte Ben sanft.

Opaka atmete tief ein und straffte die Schultern, doch die Trauer wich nicht aus ihren Zügen. »Seit den grauenvollen Geschehnissen in Sidau suche ich in den Archiven der Vedek-Versammlung nach vergessenen Hinweisen auf den Ursprung dieses Schmuckstücks … und auf sein Schicksal.«

»Und?«

»Ich sagte Ihnen bereits, dass Erfahrungen mit dem Drehkörper der Seelen eine Seltenheit darstellen. Kai Dava zählte zu den wenigen Personen, die von ihm gerufen wurden. Die Archive legen nah, dass er ihn aufsuchte, kurz bevor er sein Schmuckstück angeblich erstmals anlegte … Das sogenannte Paghvaram.«

»Den Seelenschlüssel«, übersetzte Sisko und wandte den Kopf zum Behältnis des Drehkörpers um. »Demnach entstammt das Fragment dem Drehkörper der Seelen! Dava muss es …«

»Nein«, sagte Opaka sanft. »Es sei denn, unser gesamtes Bild von Dava Nikende ist eine einzige Fehleinschätzung. Er verehrte die Tränen. Jahrhunderte vor der cardassianischen Besatzung sagte er voraus, man werde den Drehkörper der Prophezeiung und des Wandels verstecken müssen, damit er nicht an die Cardassianer falle und hier sei, wenn Sie einträfen. Dass ausgerechnet Dava eine Träne beschädigt haben soll, ist undenkbar … Zudem weist keine einzige Spuren eines solchen Verbrechens auf.«

»Aber was ist dann dieses Ding, wegen dem dreihundert Menschen sterben mussten?«

»Ich wünschte, ich wüsste es«, flüsterte Opaka.

»Abgesandter?«

Ben und Opaka drehten sich um. Yandu Jezahl, die hochgewachsene, dunkelhaarige Theologin, die die Krypta bewachte, stand auf der Schwelle und machte eine ernste Miene. »Was gibt es, Vedek?«, fragte Ben.

»Verzeihen Sie die Störung, aber wir wurden soeben von Ihrer Gemahlin gerufen«, antwortete Yandu. »Sie sagte, sie müsse Sie dringend sprechen. Sie wirkte recht aufgewühlt.«

Oh nein.

»Wir haben den Anruf zur Komm-Konsole dieser Etage weitergeleitet. Wenn Sie mir folgen möchten …«

Ben hatte befürchtet, mit dem Baby stimme etwas nicht. Doch als Kasidy auf dem Komm-Bildschirm erschien und er Rebecca friedlich an ihrer Brust schlafen sah, verschwand diese Sorge. Kasidys Gesichtsausdruck weckte allerdings gleich neue Ängste in ihm. »Kas, was ist passiert?«

»Ich habe gerade von Ezri erfahren«, berichtete sie, »dass auf der Station etwas vorgefallen ist. Dieser Jem’Hadar, der dort oben lebt … Er hat Nerys und Lieutenant Ro attackiert, Ben. Beide sind schwer verwundet.«

Taran’atar? »Hat man ihn festgenommen?«, fragte Ben.

Kasidy schüttelte den Kopf. »Ezri sagt, er sei von der Station geflohen. Commander Vaughn verfolgt ihn mit der Defiant.«

Verdammt. »Kasidy, ich muss …«

»Ich weiß, was du tun musst. Melde dich einfach bei uns, sobald du etwas Neues weißt.«

»Bist du sicher? Du und Rebecca …«

»Wir kommen schon zurecht«, versicherte Kasidy. »Nerys braucht dich jetzt mehr als wir.«

»Ich liebe euch.«

»Wir lieben dich auch.«

Er wartete, bis er sicher sein konnte, dass sie die Verbindung getrennt hatte. Erst dann machte er seinem Kummer Luft und schlug mit der Faust gegen die Konsole.

Eine Hand berührte seine Schulter – warm, stark und tröstend. Er sah in Opakas Gesicht, und sie nickte ihm ermutigend zu, drängte ihn zum Aufbruch.

Ben atmete tief durch. Dann ging er zu der langen steinernen Treppe, die zurück an die Oberfläche führte.

Kapitel 1

»Mein Name ist Iliana Ghemor«, sagte die Cardassianerin. »In einem für Sie alternativen Universum war ich einst Agentin des Obsidianischen Ordens, des Geheimdienstes der Klingonisch-Cardassianischen Allianz. Inzwischen gehöre ich aber der Revolution an, die die Terraner meines Kontinuums organisieren. Ihr Ziel ist es, die Allianz zu stürzen und sich vom Joch der Tyrannei zu befreien. Mein Auftrag bestand darin, Bajors Intendantin Kira Nerys zu töten. Allerdings brach ich meine Mission ab, als ich von einem Plan erfuhr, in den Individuen von Ihrer Seite verwickelt waren. Ich kam hierher, um diesen Plan zu vereiteln.«

»Wie lautet der Plan, von dem Sie sprechen?«

»Die Intendantin durch jemand noch Schlimmeres zu ersetzen.«

»Durch wen?«

Die Augen der Cardassianerin verengten sich. »Sie sind nicht sonderlich geübt in diesen Dingen, oder?«

»Wer plant, die Intendantin auszutauschen?«

»Sie sind nicht gerade ein Verhörexperte. Ihre Technik ist grottenschlecht.«

»Dies ist kein Verhör. Ich bin nur hier, um ein paar Fragen zu stellen.«

»Wie immer Sie es nennen wollen – uns fehlt die Zeit dafür. Sie müssen mich mit Ihrem Captain sprechen lassen.«

»Ich werde sehen, was sich machen lässt. Wer beabsichtigt, die Intendantin auszutauschen?«

Die Cardassianerin seufzte. »Mein hiesiges Ich. Mein Gegenstück. Vor einigen Jahren wurde sie chirurgisch verändert, um Ihre Kira zu ersetzen. Ich vermute, sie ist bereits in meinem Universum, hat die Intendantin getötet und ihren Platz eingenommen.«

»Falls dem so ist, warum befinden Sie sich dann noch in unserem Universum?«

»Dieses Gespräch ist sinnlos! All das habe ich Commander Vaughn doch längst erklärt! Lassen Sie mich einfach mit Captain Kira sprechen.«

»Ich sagte bereits, ich werde sehen, was sich machen lässt. Warum befinden Sie sich noch in unserem Universum?«

»Weil das Gerät, mit dem mir die Reise gelang, vernichtet wurde … und weil ich Ihre Hilfe brauche, um meine Doppelgängerin daran zu hindern, ihre Ziele zu erreichen.«

»Welche Ziele wären das?«

»Das verrate ich nur Captain Kira.«

»Sie verraten es mir.«

»Wüssten Sie nicht viel lieber, warum sich diese Kreatur gegen Sie gewandt hat? Dieser ... Wie sagt man? Dieser Jem’Hadar?«

»Uns ist bereits bekannt, dass eine Person mit Captain Kiras Aussehen im Laufe der vergangenen drei Monate heimlich mit Taran’atar kommuniziert hat. Diese Person hat sich dabei einer höchst einfallsreichen Methode der Gehirnwäsche bedient. Wir wissen, dass Taran’atar dieser Person Informationen übermittelt hat, die sie in die Lage versetzten, vor etwa zehn Wochen ein ganzes bajoranisches Dorf zu vernichten. Und wir wissen, dass Taran’atar nach seinem Angriff auf Captain Kira und Lieutenant Ro zum Planeten Harkoum geflohen ist. Dorthin also, wo wir dank eines merkwürdigen Zufalls Sie gefunden haben.«

Die Cardassianerin lächelte. »Es gibt keine Zufälle. Und Sie haben mich nicht ‚gefunden‘, ich habe zweien Ihrer Offiziere das Leben gerettet.«

»Wir haben auf Harkoum außerdem einen gewaltigen Datenspeicher geborgen. Er enthält Wissen über die genetischen Experimente, die seit über drei Jahren im dortigen Gefängnis Grennokar durchgeführt wurden – Experimente an lebenden Jem’Hadar.«

»Gibt es etwas, das Sie mich fragen wollen?«

»Sind Sie verantwortlich für Taran’atars Verrat?«

»Nein.«

»Waren Sie in das Massaker von Sidau involviert?«

»Nein.«

»Können Sie beweisen, was Sie uns hier erzählen?«

»Ich kann es Captain Kira beweisen.«

»Welche Ziele verfolgt Ihre Doppelgängerin?«

»Das verrate ich nur Captain Kira.«

Die Züge der Cardassianerin blieben undeutbar. Lieutenant Ezri Dax berührte das Interface und hielt die Aufnahme an. Dann trat sie vom Monitor zurück und setzte sich wieder auf ihren Platz am Konferenztisch in der Offiziersmesse. »Der Rest der Befragung verlief ähnlich, muss ich leider sagen«, berichtete sie den übrigen Anwesenden. »Die Verdächtige gab keine weiteren Informationen preis. Stattdessen wiederholte sie laufend ihre Forderung, direkt mit dem Captain zu sprechen.«

Kira starrte auf das erschreckend vertraute Antlitz auf dem Wandbildschirm. Einen Moment lang kämpfte sie um ihre Beherrschung. Erst dann drehte sie sich in ihrem Sessel zu ihren Offizieren um, Dax, Commander Elias Vaughn, Dr. Julian Bashir, Lieutenant Samaritan Bowers, Lieutenant Nog und Ensign Prynn Tenmei. »Lassen Sie uns mit den Grundlagen beginnen«, schlug Kira vor und wandte sich zunächst an den Doktor: »Ihr Bericht, Julian?«

Deep Space 9s leitender medizinischer Offizier saß am anderen Ende des Tisches, über dessen beleuchtete Platte er Kira nun ein Padd zuschob. Es hielt genau vor ihr an. Nicht zum ersten Mal beneidete der Captain Bashir um seine genetische Aufbesserung. »Im Zuge meiner Untersuchung unseres Gastes«, begann Bashir, »konnte ich drei wichtige Fakten verifizieren. Erstens: Es handelt sich bei ihr um eine gesunde Cardassianerin von etwa vierunddreißig Jahren. Zweitens: Dank unserer medizinischen Unterlagen von Legat Tekeny Ghemor und einem Vergleich der genetischen Profile kann ich bestätigen, dass es sich bei dieser Frau tatsächlich um Ghemors Tochter handelt. Und drittens: Die Analyse ihrer Quantenresonanz-Signatur beweist ohne jeden Zweifel, dass sie nicht aus unserem Kontinuum stammt. Als ich ihre Signatur durch unsere Datenbank jagte, fand der Computer nur eine einzige Übereinstimmung.«

»Lassen Sie mich raten«, unterbrach Kira. »Der andere Bareil Antos. Der, der vor beinahe drei Jahren aus dem alternativen Universum zu uns kam.«

»Das ist korrekt«, bestätigte Bashir.

»Mir war gar nicht bewusst, dass man Angehörige unterschiedlicher Universen auf diese Weise unterscheiden kann.« Bowers runzelte interessiert die Stirn.

»Das wurde erst vor relativ kurzer Zeit entdeckt«, erklärte Bashir dem taktischen Offizier. »Unser diesbezügliches Wissen stammt zum Großteil aus einem Erlebnis, das unser einstiger Offizier für strategische Operationen Lieutenant Commander Worf vor etwa sieben Jahren, also während seines Dienstes an Bord der Enterprise hatte. Eine Raumanomalie führte damals dazu, dass sich kurzzeitig über dreihunderttausend parallele Universen überschnitten, jedes mit einer individuellen Quantensignatur.«

»In Ordnung«, sagte Kira. »Sie ist also, wer sie zu sein vorgibt. Bleibt die Frage: Können wir ihr sonst noch etwas glauben?«

»Sie kam uns auf Harkoum zu Hilfe und setzte sich dabei einem großen Risiko aus«, betonte Tenmei.

»Stimmt.« Kira nickte anerkennend. Normalerweise wohnte Tenmei, die Steueroffizierin der Defiant, solchen Besprechungen nicht bei. Da sie aber Zeugin der Ereignisse auf Harkoum und seit Taran’atars Flucht von der Station dessen Geisel gewesen war, hatte Kira um ihre Teilnahme gebeten. »Aber wissen wir sicher, dass das kein kalkuliertes Risiko war? Kein Versuch, sich unser Vertrauen zu erschleichen?«

»Ich bin sogar überzeugt, dass es genau das war«, sagte Vaughn. »Aber das allein macht sie noch nicht zu einer Lügnerin.«

»Wann immer wir mit dem alternativen Universum zu tun hatten, versuchte deren Seite, uns auszutricksen«, erinnerte Dax die Gruppe. »Als Cardassianerin wurde unser Besuch drüben in die herrschende Kaste geboren, die die meisten Spezies, aus denen hier unsere Föderation besteht, versklavt. Wer sagt uns also, dass die Intendantin nicht noch lebt und diese ganze Geschichte kein weiterer Versuch ihrerseits ist, auch bei uns die Macht zu ergreifen?«

»Oder das Vorspiel einer Invasion«, fügte Bowers an.

»Ich glaube, langsam gehen die Pferde mit uns durch«, bemerkte Bashir. »Wir müssen unsere Besucherin als Individuum beurteilen, im Kontext der jüngsten Ereignisse. Nicht vor dem Hintergrund unserer Vorgeschichte mit ihrem Kontinuum.«

»Bei allem Respekt, Doktor«, sagte Nog. »Das ist exakt der Fehler, den wir bei Taran’atar gemacht haben.«

Bashir sah den Ferengi-Ingenieur kritisch an. »Taran’atars jüngste Taten entzogen sich seiner Kontrolle«, entgegnete der Arzt. Kira staunte, wie sicher er klang. »Und das wissen Sie ganz genau, Nog.«

»Ich schätze, zu dem Thema haben wir alle sehr klar gefasste Meinungen«, ging Vaughn dazwischen, bevor Nog etwas erwidern konnte, und warf sowohl diesem als auch Bashir einen warnenden Blick zu. »Wir täten gut daran, uns bei unseren Überlegungen nicht von unseren Emotionen beeinflussen zu lassen. Fest steht, dass uns unsere Besucherin bislang keinen Grund liefert, ihr zu misstrauen.«

»Außer ihrem Bericht über die Iliana Ghemor unseres Universums«, sagte Dax. »Geben Sie’s zu, Commander: Diese Geschichte ist viel zu weit hergeholt, um sie einfach so hinzunehmen. Dass sie sich weigert, irgendjemandem außer dem Captain die ganze Wahrheit zu erzählen, sollte uns eine Warnung sein. Wer sagt uns denn, dass sie uns nicht um den Finger wickeln will, um zu beenden, was Taran’atar angefangen hat?«

Seine Klinge in meiner Brust. Mein Blut auf dem Deck. Kira verscheuchte die Erinnerung.

»Wir sind vorsichtig«, sagte Vaughn. »Allein aufgrund eines Verdachts halten wir sie nun schon seit einer Woche fest, bewacht und beobachtet, und noch immer haben wir ihre Schilde nicht durchdrungen. Sofern der Captain keine gewaltsameren Verhörmethoden genehmigt, gehen uns die Optionen aus.«

Erschrockene Stille breitete sich rund um den Tisch aus. »Ist das Ihre Empfehlung?«, fragte Kira scharf. »Eine ‚gewaltsamere‘ Verhörmethode?«

»Nein«, versicherte Vaughn ihr. »Selbst wenn derlei Handlungen nicht ungesetzlich und unmoralisch wären, hätte unsere Besucherin sie durch nichts verdient. Ich will schlicht betonen, dass wir bei ihr mit unserem Latein am Ende sind, sofern wir nicht zu solch extremen Maßnahmen greifen. Wir haben nach wie vor nichts, was sie unmittelbar mit Taran’atars jüngsten Handlungen oder dem Sidau-Massaker in Verbindung bringt. Und wir können noch immer nicht ausschließen, dass alles, was sie uns erzählt, der Wahrheit entspricht.«

Kira spürte die Vorboten gewaltiger Kopfschmerzen. Sie schloss die Augen und massierte sich die Höcker ihrer Nase. »Wo steht Lieutenant Ro mit ihrer Untersuchung?«

»Sie läuft«, antwortete Vaughn. »Ro hat die Kriminellen, die wir auf Harkoum festgenommen haben, an Major Cenn übergeben. Bislang hatten sie allerdings nichts zu sagen, was uns ihrer verschwundenen Anführerin näher gebracht hätte.«

»Die Anführerin, bei der es sich angeblich um die Iliana Ghemor unserer Seite handelt«, sagte Kira.

»Genau, sofern wir den Worten unserer Besucherin Glauben schenken.«

Abermals wurde es still in der Messe. Kira sah, wie Bashirs Miene plötzlich einen besorgten Ausdruck annahm. »Was denken Sie, Doktor?«

Bashir zögerte und atmete dann tief ein. »Ich erinnerte mich gerade an mein eigenes Erlebnis in diesem alternativen Universum. Wie es war, in einer Welt festzustecken, die einerseits vertraut, andererseits aber schrecklich fremd war. Ich weiß nicht, ob ich je zuvor so viel Angst hatte oder mich so verloren gefühlt habe wie dort.«

Kira wusste genau, wovon er sprach. Ihr war es damals nicht anders ergangen. »Und Sie glauben, unser Besuch fühlt sich ähnlich?«

»Ich vermute, sie tut ihr Bestes, sich unser Vertrauen zu verdienen, Captain«, erwiderte der Mediziner. »Vielleicht ist es an der Zeit, darüber nachzudenken, wie wir uns das ihre verdienen.«

Kira dachte über die Optionen nach, die sie gehört hatte, und traf dann eine Entscheidung. »Lieutenant Dax, bitte unterrichten Sie den Sicherheitsdienst, dass ich mich morgen früh um Nullneunhundert in meinem Quartier mit unserem Gast treffen möchte.«

Dax sah zu Vaughn, dann zurück zu Kira. Ihre Stirn lag in Falten. »Ich, Captain?«

»Sind Sie schwerhörig geworden, Lieutenant?«

Dax blinzelte. »Nein, Sir.«

»Das wäre dann alles. Ende der Besprechung.« Kira sah, wie ihr Führungsstab aufstand und den Raum verließ. »Commander Vaughn«, sagte sie schnell. »Bleiben Sie noch einen Moment.«

Vaughn hielt inne und drehte sich zu seinem Captain um. Er ahnte, dass ein Sturm aufzog. Erst wollte er sich setzen, hielt es dann aber doch für besser, stehen zu bleiben. Mit ihrer formellen Art – und der untypischen Entscheidung, eine Aufgabe, die normalerweise Vaughn zufiel, Dax zu übertragen – hatte Kira einen Akzent gesetzt, der wohl auch die folgende Unterredung bestimmen würde. Vaughn hatte den Donner gehört, jetzt wappnete er sich für den Blitz.

Kira saß nach vorn gebeugt und wartete mit vor dem Kinn verschränkten Händen, bis die übrigen Offiziere die Messe verlassen hatten. Sie sah müde aus – körperlich erschöpft und emotional ausgelaugt. Beides war nicht überraschend. Trotz der riskanten Behandlung, die Bashir zögerlich autorisiert hatte – auf Kiras direkten Befehl hin – und die ihre Genesung beschleunigte hatte, war sie erst kürzlich Opfer eines wilden Angriffs gewesen, bei dem ihr Herz irreparabel geschädigt worden war. Das Organ, das nun in ihrer Brust schlug, war ein biosynthetischer Ersatz, den sie aller Voraussicht nach für den Rest ihres Lebens brauchen würde.

Bei dem Angriff war Ro Laren das Genick gebrochen worden. Genau wie Kira sollte auch Ro sich eigentlich erholen, hatte sich aber in eine Art Ermittlungswahn gesteigert. Technisch gesehen war sie zwar nicht im Dienst und nahm keinerlei Besuch entgegen, aber die Computeraktivitäten, die die Logbücher rund um die Uhr in ihrem Quartier verzeichneten, deuteten darauf hin, dass sie es keineswegs ruhig anging. Vaughn war im Laufe seines langen Lebens schon vielen sturen Personen begegnet, aber Kira und Ro spielten in einer ganz eigenen Liga.

Er konnte es ihnen nicht verdenken. Trotz der beinahe tödlichen Verletzungen war es Taran’atars Verrat, der die beiden am meisten schmerzte. Der Verrat, aufgrund dessen Vaughn ihn mit der Besatzung der Defiant bis tief ins romulanische Protektorat und zu einer Welt verfolgt hatte, auf der Taran’atar sich mit Prynn als Geisel seiner neuen Herrin anschließen wollte. Vaughn widerstand dem Drang, seinen inzwischen geheilten Arm zu betasten. Er schmerzte noch immer, seit er sich bei der Konfrontation mit dem Jem’Hadar-Soldaten den Knochen gebrochen hatte.

Die Türen der Offiziersmesse schlossen sich hinter dem Führungsstab, dennoch sagte Kira sekundenlang nichts. Als sie endlich den Mund aufmachte, sah sie Vaughn nicht an. »Verraten Sie mir, was zum Donnerwetter da draußen los war?«

Vaughn stutzte. »Captain?«

»Mit Taran’atar. Mit der Defiant. Mit Prynn.« Sie drehte sich zu ihm um und stand langsam auf. »Ich habe Ihren Bericht gelesen. Außerdem den von Ezri, den von Sam und den Ihrer Tochter. Und ich frage mich eins: In Anbetracht all der fragwürdigen Entscheidungen, die Sie getroffen haben, während ich ausgeschaltet war … Wie kommt es, Commander, dass Sie noch immer am Leben sind?«

Ein Dutzend Antworten lagen ihm auf der Zunge. Er konnte ihr sagen, er verdanke sein Überleben seiner klugen Taktik. Er konnte behaupten, seine große Lebenserfahrung habe ihm den entscheidenden Vorteil verschafft, oder dass Taran’atar gegen das angekämpft hatte, was ihm angetan worden war. Jede dieser Antworten wäre die Wahrheit, doch keine einzige ehrlich gewesen. Und Kira ging es um Ehrlichkeit. Nichts anderes brauchte sie. Nichts anderes verdiente sie.

»Ich hatte Glück«, antwortete er.

»Verdammt richtig«, sagte Kira. »Sie haben sich, Ihre Besatzung und die Defiant in Gefahr gebracht und die gesamte Mission aufs Spiel gesetzt.«

»Nichts für ungut, Captain, aber obwohl mir Taran’atar entkommen ist, habe ich Ensign Tenmei gerettet, wichtige Daten geborgen, eine Enklave von Kriminellen vernichtet und bin ohne einen einzigen Verlust zur Station zurückgekehrt.«

»Und das rechtfertigt Ihre Taten? Sie haben Taran’atar auf eigene Faust gejagt! Erst, weil er Ihre Tochter entführt hatte, dann weil Sie glaubten, er hätte sie getötet. Kam Ihnen nie die Idee, die Sternenflotte zu kontaktieren, die Situation zu schildern und Unterstützung anzufordern? Ihr Verhalten war im besten Falle fragwürdig und im schlimmsten …«

»Ich hatte das Kommando«, entgegnete Vaughn fest. »Ich tat, was ich für die richtigen und nötigen Schritte hielt, um die Krise zu überstehen. Falls Sie mit meiner Arbeitsweise unzufrieden sind …«

»Sie haben Ihre persönlichen Gefühle Ihre Arbeit beeinflussen lassen, Commander!«

Er hielt ihren Blick. »Haben Sie das noch nie getan, Captain?«, fragte er leise.

Kiras Augen verengten sich. Ihre Lippen bebten. Dann wandte sie Vaughn den Rücken zu. »Verschwinden Sie.«

»Captain …«

»Sie sind bis auf Weiteres Ihrer Pflichten enthoben, Commander. Weggetreten.«

Vaughn blinzelte. Mit seinen hundertzwei Lebensjahren kam es ihm oft vor, als könne ihn nichts mehr überraschen, doch diese Wendung traf ihn völlig unvorbereitet. Er wollte mit Kira reden, doch der Captain tat, als habe er ihr Vertrauen missbraucht.

Habe ich das?, fragte sich Vaughn. War ich zu involviert, um die richtigen Entscheidungen zu treffen? Er hatte das Flottenkommando erst spät unterrichtet, ja, aber das schien ihm vernünftig. Immerhin hatten sie damals noch viel zu wenig Informationen besessen, als dass er es riskieren wollte, die Situation zu verschlimmern, indem er Männern und Frauen den Kampf überließ, die außer im Dominion-Krieg keinerlei Erfahrungen mit den Jem’Hadar hatten und in Taran’atar nur einen Todfeind sahen. Vaughn war überzeugt gewesen, nur jemand, der Taran’atar als Individuum kannte, könnte die Mission erfolgreich und objektiv zu Ende bringen und ihn lebend einfangen. Die ganze Jagd hindurch – selbst als er glaubte, Taran’atar habe ihn dazu gebracht, Prynn zu töten – hatte er geahnt, dass mehr dahinter steckte.

Doch obwohl sich diese Ahnung letztlich als richtig erwiesen hatte, hatte die Mission nicht gerade in einem vollen Erfolg geendet.

Hätte ich anders gehandelt, wäre Prynn nicht beteiligt gewesen? Wäre diese Krise dann schon beendet?

Vaughn wandte sich von Kira ab, verließ die Offiziersmesse und fragte sich, ob er langsam zu alt für den Job wurde.

Kapitel 2

»Ich bin es leid, mit Ihnen zu streiten, Lieutenant«, sagte Simon Tarses scharf. »Ihre Physiotherapie hätte gestern beginnen sollen, aber ich ließ Sie vom Haken, weil Sie mir bei Ihrer Offiziersehre schworen, heute zu starten. Sie können die Therapie nicht schon wieder verweigern.«

Ro Laren sah von der riesigen Interface-Konsole auf, die den Raum einnahm, an dem vorher ihr Sofa gestanden hatte. »Wetten?«, sagte sie und widmete sich prompt wieder den Daten, die sie studiert hatte, als Tarses sie unterbrochen hatte.

»Lieutenant, Sie können nicht erwarten, je wieder zu laufen, wenn Sie die nötige Therapie nicht machen«, erklärte Tarses. Er hob eine der mechanischen Beinschienen vom Boden auf, die sie eigentlich tragen sollte. »Ihr Verhalten ist äußerst kontraproduktiv. Warum sitzen Sie im Rollstuhl, wenn Sie die hier benutzen sollten?«

»Die Schienen machen mich langsamer«, erwiderte Ro. »Mit dem Stuhl komme ich hier schneller voran, leichter.«

»Das ist inakzeptabel«, sagte der Arzt. »Ich erteile Ihnen hiermit den direkten, medizinischen Befehl, sofort Ihre …« Tarses duckte sich unter der Schüssel replizierter Moba-Scheiben hinweg, die sie nach ihm warf. Die Schüssel zerschellte an der Wand hinter ihm. »Hey! Was haben Sie für ein Problem?«

»Momentan?«, fragte Ro zurück. »Nur eines: Sie. Daher rate ich Ihnen, sich zu verabschieden, bevor ich meinen Gewürzpudding in die Hand nehme.«

»Sie können nicht einfach …« Tarses duckte sich unter dem heranfliegenden Pudding, dessen klebrige Masse sich über Ros Quartiertür verteilte. »Das reicht! Ich habe genug! Vielleicht hat Doktor Bashir bei Ihnen mehr Glück.«

»Darauf würde ich nicht wetten«, knurrte Ro zwischen zusammengebissenen Zähnen.

»Das hier ist noch nicht vorbei, Lieutenant!«

»Ich greife gleich nach meinem Thunfischsalat …«

Tarses verließ ihr Quartier ohne ein weiteres Wort. Ro schüttelte den Kopf. Ärzte. Die kapieren’s einfach nicht. Sie würde jemanden vom Reinigungsdienst rufen müssen, der die Sauerei wegwischte. Seufzend widmete sie sich wieder der Aufgabe, die sie sich gestellt hatte.

Agenten des Obsidianischen Ordens, Doppelgänger, Paralleluniversen, gestohlene Artefakte und niedergemetzelte Unschuldige – das alles waren die Elemente einer, besah man sie sich genauer, höchst unwahrscheinlichen Story. Dennoch ahnte Ro, dass sie Teile eines Netzes waren, das irgendjemand gesponnen hatte. Ob dieser Jemand jedoch tatsächlich die lange vermisse Iliana Ghemor war, blieb abzuwarten. Das eigentliche Rätsel bestand ohnehin darin, was der bisher nicht identifizierte Drahtzieher überhaupt zu erreichen versuchte. Welches Muster würde sich ergeben, wenn Ro das Netz schließlich vollständig rekonstruiert hatte?

Die geborgte Interface-Konsole hatte mehrere Verbindungen zum Hauptcomputer der Station, zu den bajoranischen Zentralarchiven und zu Memory Alpha hergestellt. Überall lagen zudem Padds herum – auf der Konsole, dem Teppich, im Replikator und auf dem Sofa, das ans hinterste Ende des Raumes hatte weichen müssen, um Platz für die neue Konsole zu schaffen. Ro hatte Nog überredet, sie zu installieren. Die Padds zeigten geöffnete Dateien über alles Mögliche, von bajoranischen Prophezeiungen bis hin zum Obsidianischen Orden und den Lebensläufen Dutzender Personen – nicht nur Stationsangehörige, sondern auch interessante Leute von Bajor, Cardassia, aus der Sternenflotte und so weiter, lebendig wie tot. Ro erlaubte sich ein grimmiges Lächeln. Tarses mochte die medizinische Autorität besitzen, sie während ihrer Reha vom Dienst zu suspendieren, aber niemand konnte ihr vorschreiben, womit sie sich innerhalb ihres Quartiers beschäftigte. Sie würde weiterermitteln, das stand außer Frage. Falls das ihre Chance auf eine vollständige Genesung verringerte, war auch das, verdammt noch mal, ganz allein ihre Sache.

Ro sah zum Chronometer und blickte dann über die Schulter auf die diversen Monitore oberhalb der Konsole. Auf einem sah sie die Überwachungsaufnahmen aus einer verschlossenen und bewachten Kabine auf der anderen Seite des Habitatrings – dem derzeitigen Zuhause der Cardassianerin, die Dr. Bashir erfolgreich als die alternative Iliana Ghemor identifiziert hatte. Die Besucherin wusste den beschränkten Zugriff auf den Bibliothekscomputer, der ihr gewährt worden war, durchaus zu nutzen, und studierte historische Dateien im öffentlichen Komm-Netz. Ro sah zu, wie Sicherheitsleute die Kabine betraten, um Ghemor zu ihrem Treffen mit Kira zu eskortieren.

Ein zweiter Monitor zeigte Major Cenn, den Verbindungsoffizier der bajoranischen Miliz. Cenn befragte einen der einundzwanzig Söldner, die Harkoum überlebt hatten und festgenommen worden waren. Diese Gruppe setzte sich aus knapp einem Dutzend unterschiedlicher Spezies zusammen. Bislang hatte keiner der Gefangenen nützliche Informationen preisgegeben. Gerade verhörte Cenn eine Kressari. Er hatte auch bei ihr nicht sonderlich viel Erfolg, was Ro nicht überraschte. Kressari besaßen eine dicke, vielschichtige Haut, was es Außenstehenden schwer machte, ihre Emotionen zu lesen. Man konnte ihre Gefühle an einer Veränderung ihrer Augenfarbe oder an leichten Schwankungen in ihrem Tonfall erkennen. Doch wenn eine Verdächtige so wenig sprach wie diese hier, wurde es nahezu unmöglich, eine effektive Verhörstrategie zu entwickeln, die sich die emotionale Verfassung der Person zunutze machte.

Monitor drei zeigte eine der audiovisuellen Aufzeichnungen aus dem Datenspeicher, den Vaughn in Grennokar geborgen hatte. Ro sah zwei cardassianische Mediziner, die einen Jem’Hadar-Soldaten einer Hirn-OP unterzogen. Sie hatte die Gesichter der Ärzte an Gul Akellen Macet weitergeleitet, den engsten Verbündeten, den die Station im Militär der Cardassianischen Union hatte, und Macet hatte die beiden Männer endlich identifiziert: Drune Omek und Strell Vekeer waren Wissenschaftler und gehörten einst dem Obsidianischen Orden an. Vor etwas mehr als fünf Jahren, nach dem Zusammenbruch des Geheimdienstes, waren sie dann allerdings untergetaucht. Viel interessanter war jedoch die Tatsache, dass die beiden Männer den Zeitcodes der Aufnahmen nach zu urteilen beinahe seit dem Tag, an dem sich Cardassia dem Dominion angeschlossen hatte – zwei Jahre nachdem Omek und Vekeer verschwunden waren –, regelmäßig die Schädeldecken von Jem’Hadar aufschnitten. Ihr Ziel bestand offenbar darin, die genetisch bedingte Loyalität dieser Soldaten zu den Gründern zu analysieren. Ro hatte sich bislang sieben der grauenvollen Mitschnitte angesehen. Jedes Mal erlitten die Operierten heftige, tödliche Krampfanfälle. Manchmal starben sie schnell, manchmal langsam. Einer hatte über zwei Stunden lang leiden müssen, bevor das Ende kam. Die Chirurgen schienen sich an dem Elend, das sie verursachten, nicht zu stören. Sie beobachteten es einfach, protokollierten es und passten ihre Methoden gelegentlich den neuen Erkenntnissen an.

Auf dem letzten Monitor befand sich eine Liste aller Daten, die auf Taran’atars Komm-Konsole aufgerufen worden waren, seit dieser Quartier auf der Station bezogen hatte: Informationen über das Dorf Sidau, das Wurmloch, die Drehkörper, das alternative Universum und diverse private und offizielle Logbucheinträge, in denen diese Themen erwähnt wurden. Ro hatte das gesamte Material bereits ein halbes Dutzend Mal durchgesehen.

Sie wandte sich von der Konsole ab und sah zu dem enormen, freistehenden Monitor, der die hintere Wand ihres Quartiers dominierte und ihr die Sicht auf die beiden Fenster nahm. Ro hatte ihn abgeschaltet, als Tarses erschienen war. Nun, da sie endlich wieder allein war, aktivierte sie ihn erneut. Er zeigte ihr das Netz ihrer eigenen, stetig wachsenden Hypothese: sorgfältig angeordnete Bilder von Personen, Orten und datierten Ereignissen, kommentiert und mit Fragen versehen. Rote Linien verbanden einige der Notizen mit anderen, deuteten Bezüge an. Im Zentrum des Netzes, von dem die meisten der Linien ausgingen, befanden sich zwei Bilder. Eines zeigte Captain Kira. Das andere war eine pixelige Aufnahme eines nahezu identischen Gesichts, das Nog aus den rekonstruierten Aktivitätsverzeichnissen von Taran’atars Komm-Konsole geborgen hatte. Angeblich zeigte es die Iliana Ghemor dieses Universums.

Iliana war vor sechzehn Jahren von der Bildfläche verschwunden. Es gab nur wenig Informationen über sie, die meisten stammten von ihrem inzwischen verstorbenen Kontaktmann im Orden, Corbin Entek, der Kira vor sechs Jahren entführt und ihr einzureden versucht hatte, sie sei Iliana. Entek hatte auf diese Weise Ilianas Vater, Legat Tekeny Ghemor, als Dissident enttarnen wollen.

Was aus der echten Iliana geworden war, wusste niemand.

Diese Tatsache machte die Aussage ihres Gegenstücks aus dem anderen Universum über die wahre Identität ihres Feindes umso brisanter.

Ro nahm das Padd, das in ihrem Schoß lag, besah sich das Gesicht auf dem Display und spielte abermals das Segment der Audiodatei ab, die sie am frühen Nachmittag in der Datenbank der Station gefunden hatte.

»Ihre Tochter lebt, Ghemor. Ich weiß, wo sie steckt.«

Sie hielt die drei Jahre alte Aufnahme an und starrte auf das Bild auf dem winzigen Monitor des Padds. Mit grimmiger Entschlossenheit berührte sie die Upload-Taste und fügte ihrem Netz das Gesicht des Mannes hinzu, der in der Aufnahme zu hören war: Skrain Dukat.

Ro hatte nie direkt mit Bajors verstorbenem Präfekten zu tun gehabt, kannte seinen Ruf aber gut genug, nichts von dem, was Dukat sagte, für bare Münze zu nehmen. Der Mann war notorisch selbstbezogen gewesen und hatte mitunter sogar seine eigenen Lügen geglaubt. Entsprechend schwer war es, den Wahrheitsgehalt seiner Aussagen einzuschätzen. In diesem Fall hatte sich der Gul an Tekeny Ghemor gewandt, als der einstige Legat gegen Ende seines Lebens die Station besuchte. Ghemor hatte an einer unheilbaren Krankheit gelitten. Kira hatte ihre Sitzungen mit dem Exil-Dissidenten aufgezeichnet, während dieser das Shrital-Ritual vollzog, in dem sterbende Cardassianer ihren Lieben persönliche Geheimnisse anvertrauen, damit diese sie gegen ihre Feinde verwenden können. Dukat, der zu jener Zeit als Marionettenherrscher des Dominion die Cardassianische Union anführte, war über das, was der sterbende Legat ihr anvertrauen mochte, offenkundig so besorgt gewesen, dass er an Ghemors Totenbett geeilt war, in der Hoffnung, ihn davon überzeugen zu können, nach Cardassia zurückzukehren, bevor er zu viel verraten konnte. Kira war klug genug gewesen, Dukats Besuch und damit seine Aussage über Iliana mitzuschneiden. Doch der sterbende Ghemor hatte eine Rückkehr ausgeschlossen.

Dukat und Iliana … zwischen ihnen gab es irgendeine Verbindung.

Langsam und bedächtig zog Ro eine rote Linie von einem Gesicht zum anderen.

Einen bewaffneten menschlichen Wachoffizier vor und einen hinter sich, schritt Ghemor den gekrümmten Korridor entlang, der durch den gewaltigen Habitatring der Station führte.

Menschliche Sicherheitsleute. Schon die Idee war lachhaft. Die abstrakte Vorstellung war eine Sache, doch die Realität war einfach unvorstellbar. Diese Sternenflottenmenschen hatten kaum etwas mit den wenig zivilisierten Schlägertypen gemein, aus denen Smileys Rebellion zu weiten Teilen bestand. Eher noch erinnerten sie an Cardassianer … und das war definitiv kein erbaulicher Gedanke.

Die Eskorte hielt vor einer Tür. Die vordere Person, eine rotblonde Frau, betätigte die Klingel.

»Herein«, hörte Ghemor eine erschreckend vertraut wirkende Stimme. Die Tür glitt auf, und sie blickte in einen sauberen Raum nach cardassianischer Architektur. Die Möbel entsprachen dem bajoranischen Stil und waren deutlich weniger dekadent als das, was Ghemor sonst zu sehen bekam. Im Zimmer befand sich nur eine Person, eine Offizierin der Sternenflotte. Sie kniete an der rechten Wand vor einem Schrein, hatte die Arme seitlich ausgestreckt und hielt die leicht gekrümmten Hände auf gleicher Höhe mit ihrem Kopf.

»Die Besucherin, Captain«, sagte die vordere Wachperson. »Wie befohlen.«

Der Captain ließ die Arme sinken und stand langsam auf. »Danke, Neeley«, antwortete sie, als sie die zwei kleinen Kerzen des Schreins ausblies. »Warten Sie bitte draußen.«

Beide Wachoffiziere traten einen halben Schritt zurück. Ghemor interpretierte das als ihr Stichwort, die Schwelle zu überqueren. »Danke, dass Sie mich empfangen«, sagte sie zu Kira, als sich die Tür hinter ihr schloss. »Es tut mir leid, falls ich Sie unterbrochen habe.«

Der Captain wandte sich um, und Ghemor schaute in ein Gesicht, das sie bislang nur in einem ganz anderen Kontext kannte. Der Ohrring war ein anderer und das kupferfarbene Haar etwas länger. Doch auch wenn sie wusste, dass ihr Gegenüber eine andere war, konnten diese Details das unangenehme Gefühl nicht vertreiben, der bajoranischen Intendantin gegenüberzustehen.

»Ich habe bloß gebetet«, erwiderte die Bajoranerin mit dem Hauch eines Lächelns. Nicht das raubtierhafte ihres Gegenstücks, sondern ein entwaffnendes Lächeln voller Selbstironie.

»Wofür?«

»Wie bitte?«

»Wenn Sie beten«, sagte Ghemor. »Worum bitten Sie Ihre Götter?«

Das angedeutete Lächeln kehrte zurück. »Ich bitte sie um nichts. Ich blicke in mich selbst und suche nach den Tugenden, die zu pflegen uns die Propheten lehrten. Weisheit … Stärke … Hoffnung.«

Das war nicht die Antwort, die sie erwartet hatte. »Also meditieren Sie.«

Ihre Gastgeberin zuckte mit den Schultern und trat näher. »Nennen Sie es, wie Sie wollen. Was zählt, ist die Erkundung des eigenen Paghs.«

»Waren Sie erfolgreich?«