Star Trek: Voyager - Julian Wangler - E-Book

Star Trek: Voyager E-Book

Julian Wangler

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Beschreibung

Vor inzwischen zwei Jahrzehnten ging Star Trek: Voyager nach sieben Produktionsjahren zu Ende. Captain Kathryn Janeway und ihre Crew, lange Zeit im entlegenen Delta-Quadranten verschollen, fanden im Zuge eines bombastischen Borg-Abenteuers doch noch den Weg nachhause. Dieses Buch blickt auf die letzte große Star Trek-Serie des 24. Jahrhunderts zurück. Worüber handelte sie? Wer waren ihre Protagonisten? Welche Völker und Gegner präsentierte sie? Welche Veränderungen erlebte die Serie? Und wie lässt sich Star Trek: Voyager mit dem inzwischen gewachsenen zeitlichen Abstand rückblickend beurteilen? Was hat die Serie an Besonderheiten geboten, und was hätte sie eventuell besser machen können? Davon handelt dieses Buch.

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„Drei Dinge darf man als Captain nie vergessen. Steck dein Hemd in die Hose, geh mit dem Schiff unter und lass niemals ein Mitglied deiner Crew im Stich.“

‐ Kathryn Janeway in Das ungewisse Dunkel

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

–– Serienhintergründe –

Konzept, Cast, Quoten

Die

Voyager

-Mission: Eckdaten im Überblick

Storyelemente und Völker

Rechenspiele:

Voyager

-Crewstärke 2371 - 2378

Reich an Möglichkeiten: Nicht realisierte Drehbücher

– Rewatch –

Pilotfilm

Der Fürsorger

: Am Gestade der neuen Welt

Season 1 - 3: Ein großes Versprechenund viele verpasste Chancen

Season 4 - 7: Späte Kurskorrekturen und neue Horizonte

Die

Top-20

unter 172 Episoden

– Die Figuren –

Die Hauptfiguren

Wiederkehrende Gastcharaktere

Beziehungskisten:

Top-10

Kommandotandem: Janeway - Chakotay

Heimatsehnsucht vs. Prinzipientreue:Janeways politische Entscheidungen und Interventionen

– Sternenflotten-Raumschiffe in

Voyager

Die

U.S.S. Voyager

Die

Nova

-Klasse (

U.S.S. Equinox

)

Die

Prometheus

-Klasse

– Maquis –

Kämpfer der aussichtslosen Sache: Hintergründe desCardassia- und Maquis-Konflikts in

Star Trek

Revolutionäre fern der Heimat: Der Maquis in

Voyager

– Borg –

Gnadenlose Supermacht: Das Borg-Kollektiv

Begegnungen des Grauens: Borg-Chronologie

Feinde der Utopie: Die Borg in

Star Trek

Borg-Kubus

Borg-Sphäre

– Ideenschmiede –

Sisko gibt seinen Segen: Eine fiktive Szenenergänzung

Die Verbrüderung: Eine Szene, die es nie gab

Eine letzte große Geste: Janeway blickt auf die Reise

Voyager

modernisiert: Wie könnte es aussehen?

– Romanfortsetzung –

Heimkehren, um aufzubrechen: Der

Voyager

-Relaunch Übersicht: Die Romane

Nachwort

Vorwort

Es war der 23. Mai im Jahre 2001. So ziemlich auf den Tag genau ist es nun zwanzig Jahre her, dass mit dem Eventzweiteiler Endspiel die finale Folge von Star Trek: Voyager auf dem Paramount‐Network UPN ausgestrahlt wurde. Nach sieben Jahren der Odyssee im fernen Delta‐ Quadranten endete die Serie mit einer ebenso überra‐schenden wie bombastischen Rückkehr an die Gestade der heimatlichen Föderation. Damit ging zugleich – nach The Next Generation (1987‐1994, im Folgenden ‚TNG‘ abgekürzt) und Deep Space Nine (1993‐1999, im Folgenden ‚DS9‘ abgekürzt) – die letzte im 24. Jahrhundert angesiedelte Star Trek‐Serie zu Ende, die unter der Producer‐Ägide von Rick Berman das Erbe von Franchise‐ Urvater Gene Roddenberry fortgeführt hatte. Es würde mit Enterprise (2001‐2005) noch für einige Jahre ein Prequel über die Anfänge der Föderation folgen, doch anders als den Vorgängerserien würden diesem Star Trek‐Sprössling keine sieben Jahre Laufzeit mehr vergönnt sein, und nach Enterprise würde es dann sogar mit dem Ende der Ära Berman länger vollständig still um das Phänomen Star Trek werden.

Insoweit lässt sich wahrscheinlich sagen, dass mit Voyager jene Phase zu Ende ging, als noch alles in Ordnungwar und Star Trek sich vergleichsweise eigenständig und mit der nötigen Seelenruhe auf seinen unterschiedlichen Schauplätzen und Themengebieten entfalten, ja auch kreativ ausprobieren konnte. Angefangen mit TNG anno 1987 lief über anderthalb Dekaden ununterbrochen mindestens eine der drei genannten Shows rund um die futuristischen Abenteuer der Captains Picard, Sisko und Janeway, ganz zu schweigen von den Kinofilmen der Classicund TNG‐Crews, die alle paar Jahre auf den Zuschauermarkt gebracht wurden.

Dies war ein Star Trek vor dem 11. September 2001, der politkulturell und gesellschaftlich heftige Schockwellen aussandte und auch die Serienlandschaft kommender Jahre und Jahrzehnte nachhaltig umpflügte. Voyagers Heimkehr stand genau am Ende der ‚guten, alten Zeit‘, die vom Fall des Eisernen Vorhangs und von einem markanten Fortschrittsund Technologieoptimismus geprägt worden war. Ähnlich wie Francis Fukuyama in seinem berühmten Essay vom Ende der Geschichte schrieb, war das Star Trek unter Rick Berman und seinen verantwortlichen Showrunnern von der Prämisse getragen, dass die Zukunft trotz aller Schwierigkeiten und Bedrohungen ein verheißungsvoller Ort ist, den es gilt zu entdecken und durch intelligente und humanistisch orientierte Lösungen zu kultivieren. Plakativ gesprochen: Star Trek stand für das Gute, für ein helles Morgen.

Spätestens nachdem die Twin Towers in New York in sich zusammenstürzten, erhielt im Sci‐Fi‐Genre eine erheblich düsterere Sicht auf ferne Dekaden und Jahrhunderte massiv Auftrieb. Erste Anzeichen einer Abschwächung der positiven Star Trek‐Utopie waren bereits im dritten ST‐Sprössling Deep Space Nine zu besichtigen gewesen, und auch in Voyager hatten sie unverkennbar Einzug gehalten. Dennoch ist es nicht übertrieben zu behaupten, dass trotz solcher ersten Zeichen eines gesellschaftlichen Paradigmenwechsels auch Voyager die Fackel von Zivilisation, Neugier, Völkerverständigung und Zuversicht in Bezug auf die Möglichkeiten der Wissenschaft und Technik weiter hochhielt.

In insgesamt 172 Episoden bekamen wir eine ganze Palette von Beispielen dafür geboten, was es bedeutet, trotz großer externer Herausforderungen und Nöte zu moralischen Grundsätzen zu stehen und einem inneren Kompass zu folgen. Captain Janeway und ihre im Delta‐ Quadranten gestrandete Mannschaft mussten sich nicht nur auf eigene Faust durch ein raues Gebiet der Milchstraße ihren Weg bahnen, sondern trafen während ihrer langen, verworrenen Reise immer wieder auf Situationen, in denen sie unter Beweis stellen mussten, inwiefern dort draußen die hehren Prinzipien der Sternenflotte überhaupt noch galten. Ich würde sagen, dass dies – in konsequenter Fortführung der Vorgängershows TNG und DS9 – die stärksten Momente von Voyager waren(‚courage under fire‘). Und natürlich fand sich auf dem kleinen, versprengten Föderationsraumschiff auch eine Art zusammengewürfelte Schicksalsgemeinschaft aus teils sehr unterschiedlichen Individuen, die erst lernen mussten, miteinander klarzukommen und die Einheit in Vielfalt auf eine neuartige Weise zu verinnerlichen. Auf ihrem steinigen Weg in Richtung Heimat stieß die Voyager auf neue Personen, die teilweise – manche zeitweilig, manche dauerhaft –– zu Weggefährten wurden. Die Voyager war damit in ihrem Innern eine Integrationsgemeinschaft wie unter dem Brennglas, die demonstrieren musste, wie weit ihre Bereitschaft und Fähigkeit reichte, auch alten Kontrahenten und Feinden (u.a. Maquis, Borg) die Hand zu reichen und sich unter einem gemeinsamen Ziel zu versammeln.

Ich weiß noch genau, als ich damals zum ersten Mal auf Star Trek: Voyager aufmerksam wurde. Es war irgendeines dieser Neunziger‐Jahre‐Fanhefte, die heute zu gro‐ ßen Teilen verschwunden sind. Auf der Titelseite sahen mir eine entschlossen dreinblickende Frau in Kommandouniform sowie ein bunter, verschlagen grinsender Alien mit Paradiesvogellook entgegen…und da war auch ein brandneues, ungewohnt stromlinienförmiges Raumschiff, das sogleich Aufmerksamkeit zu wecken wusste. Eine neue Star Trek‐Serie? So schnell? Diesmal mit einer Frau als Kommandantin? Zuerst glaubte ich, hier werde vielleicht eine weitere Enterprise vom Stapel laufen(immerhin haben wir ja bereits so einige Kähne mit diesem Namen kennenlernen dürfen), aber im vorliegenden Fall war das mitnichten so: Das hier – die U.S.S. Voyager, NCC‐74656 – war ein neues, eigenständiges Schiff. Das erste genuine Protagonisten‐Raumschiff einer Star Trek‐ Serie, das nicht Enterprise hieß. Das musste doch etwas bedeuten, oder? Hinzu kam, dass besagtes Schiff nicht nur diesen innovativen Namen trug, welcher Erinnerungen an die berühmten Voyager 1‐ und ‐2‐Sonden weckte, sondern dass der Name zugleich das Programm der Serie sein sollte.

Eine ausgedehnte Reise durch einen äußerst fernen Abschnitt der Galaxis. Ein Schiff ohne sicheren Hafen, ohne Ressourcen, ohne Rückfallposition. War das nicht ein radikales, erfrischend anderes Konzept? Für Star Trek‐ Verhältnisse war es das allemal, denn bislang hatten die Entdeckungsreisen und sonstigen Abenteuer stets innerhalb oder jedenfalls in der näheren Umgebung der Föderationsgrenzen stattgefunden. Voyager aber trat an, mit dieser Tradition zu brechen und dort draußen das ST‐ Universum gewissermaßen neu zu begründen. Das empfand ich als ausgesprochen verlockend. So startete ich dereinst mit großer Neugier und Appetit in diese vierte Inkarnation aus dem Hause Paramount.

Heute, zwanzig Jahre nach dem Abschluss und über fünfundzwanzig Jahre nach dem Beginn der vierten Star Trek‐Serie, ist es natürlich leicht, ein eiliges, allzu plaka‐tives Urteil über die Dinge zu fällen. Man könnte sagen, dass Voyager nicht nur optisch, sondern auch als Erzeugnis der Popkultur und des Sci‐Fi‐Genres sichtlich gealtert und entsprechend nicht mehr ganz am Puls der Zeit ist (Stichwort ‚Zeitgeist’, Stichwort ‚horizontales Erzählen‘‘….). Man könnte vielleicht sogar die Behauptung wagen, dass im direkten Vergleich andere Star Trek‐Produktionen wie Deep Space Nine aufgrund ihrer schattierteren und komplexeren Erzählung in der Gegenwart weniger angegraut wirken als Voyager. Ich möchte mich aber davor hüten, irgendwelche Urteile mit dem Holzhammer zu fällen. Stattdessen möchte ich in diesem Buch versuchen, eine ehrliche Bestandaufnahme dessen zu leisten, was die Serie bestimmt und ausgemacht hat – und auch dessen, was sie hätte ausmachen können (vorhin sprach ich aus gutem Grund von Potenzial).

So möchte ich ganz verschiedene, vorwiegend inhalts‐, handlungsund charakterbetonte Dimensionen und Aspekte der Serie beleuchten und damit zu einem kritischen, aber einigermaßen abgewogenen Fazit über sie kommen. Es soll darum gehen, Voyager mit offenen Augen zu sichten und einer Analyse ohne Scheuklappen zu unterziehen. Weder soll außer Acht gelassen werden, was die Serie in ihren hellen Stunden zustande gebracht hat noch worin ihre Versäumnisse liegen. Dieses Buch ist entsprechend angefüllt mit Zusammenfassungen und Übersichten, Gedanken und Analysen, eben meinen ganz persönlichen Interpretationen zu einer Serie, die ich vielleicht gerade wegen ihrer Unvollkommenheit über die Jahre ganz besonders zu schätzen gelernt habe. Es ist die vielleicht letzte Star Trek‐Serie, die in ihrer Gesamtbetrachtung noch für mehr stand als bloße Abenteuer und Action, sondern für ein Weltbild, wie es mit Gene Roddenberrys klassischer Serie ursprünglich in den 1960er Jahren seinen Ausgang genommen hatte.

‐ Der Autor, im Mai 2021

Anmerkung zur 2. Auflage:

In der zweiten Auflage dieses Buches wurden einige Kapitel hinzugefügt. Dazu zählen der Abschnitt zu nicht realisierten Drehbüchern, die Besprechung der wiederkehrenden Gastcharaktere sowie der in Voyager präsentierten Sternenflotten‐Schiffe und das Kapitel über die Borg als Hauptgegner in der Serie. Ferner wurden bestehende Kapitel leicht ausgebaut sowie einige kleinere Fehler korrigiert.

Die zweite Auflage beinhaltet zudem einige Grafiken, die mir von Stefan Rösner (www.voyager-relaunch.de) freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurden: die Illustration der Voyager‐Hauptcrew (Seite 15) und des Schiffes selbst (am Beginn jedes Kapitels, z.B. Seite 17).

‐ April 2022

Anmerkung: Dieses Buch ist nicht im Auftrag oder durch Unterstützung bzw. Veranlassung von Produzenten der Star Trek‐ Serien oder zusammenhängenden Merchandise‐Artikeln entstanden. Es handelt sich ausschließlich um Meinungen und Interpretationen des Autors. Star Trek™ und sämtliche verwandten Markennamen sind eingetragene Warenzeichen von CBS Studios Inc. und Paramount Pictures.

– Serienhintergründe –

„Setzen Sie einen Kurs … nach Hause.“

‐ Kathryn Janeway in Der Fürsorger & Endspiel

Serienhintergründe

>> Konzept, Cast, Quoten

Als Star Trek: Deep Space Nine erstmals über die Mattscheiben flimmerte, hatte die Serie rund um die im Zentrum stehende Raumstation ein klares Ziel: Mit dem bajoranischen Sektor und dem angrenzenden cardassianischen Raum sollte ein bislang nahezu unbekannter Fleck des Alls näher beleuchtet werden –– inklusive Ausflügen in den noch weit fremdartigeren Gamma‐Quadranten durch das neu entdeckte Wurmloch. Nicht nur Commander Benjamin Sisko kam ursprünglich her, um Entdecker zu sein. Wie drückte es Doktor Julian Bashir doch gleich aus: Er wollte absichtlich in die „entlegenste Gegend der Galaxis“ auf einen der „abgelegensten Außen‐posten der Sternenflotte“ gehen, um Heldengeschichten zu schreiben. Für die Autoren der Serie war damals wohl noch nicht absehbar, dass sich DS9 in späteren Staffeln immer mehr zum gefühlten Mittelpunkt des Star Trek‐ Universums entwickeln und alles, was Rang und Namen hat, auf diese Station kommen würde. Einer solchen Entwicklung sollte die vierte Serie, Star Trek: Voyager, unbedingt vorbeugen. Diesmal wollte man in die Wildnis gehen und in der Wildnis bleiben.

Ein neuer Anfang ohne Lust auf Experimente

Paramount glaubte fest daran, dass es möglich sein würde, an den Hype von The Next Generation anzuknüpfen, wenn man dessen Grundkonzept replizierte und vitalisierte. Der entsprechende Auftrag, eine solche Serie zu planen, erging in der ersten Hälfte der 1990er Jahre an Executive Producer Rick Berman. Der Franchise‐Patriarch nahm den Ruf an und zog relativ schnell von DS9 weiter, weil ihm die schwächelnden Quoten des Raumstation‐ Spin‐offs Sorgen bereiteten. Berman formulierte frühzeitig klare Vorstellungen, was eine neue ST‐Show erfüllen musste, um breitere Fankreise anzuziehen. Mit der Rückkehr zu einer Raumschiffund Entdeckerserie sollte es in der Tat direktere Anknüpfungspunkte an The Next Generation geben, doch Berman betonte zugleich auch Unterschiede. Durch eine – ähnlich wie bei DS9 – gemischte Crew sollte es an Bord genügend Konfliktpoten‐zial und innere Spannungen geben, und es sollte sichergestellt werden, dass dieses Schiff wirklich sehr weit draußen unterwegs war – so weit, dass gar kein (durchgehender) Kontakt mit der Sternenflotte bestand. Ein Novum.

Gemeinsam mit Michael Piller und Jeri Taylor arbeitete Berman das Konzept aus. Dieses sollte stärker weg vom Bekannten und mehr dem Unbekannten gewidmet sein. Man sah die große Chance, Worldbuilding von der Pike auf betreiben zu können. Das Schiff, um das es gehen sollte, würde sich in einer Situation ohne schnellen Ausweg wiederfinden. Es wurde ein konkretes Szenario daraus: Es verschlägt eine zusammengewürfelte Mannschaft aus Sternenflotte und Maquis‐Rebellen auf der brandneuen U.S.S. Voyager in die Tiefen des Delta‐ Quadranten, 75.000 Lichtjahre (und damit gut 70 Jahre bei maximaler Warpgeschwindigkeit) von der Heimat entfernt. An und für sich eine schier unüberbrückbare Entfernung. Das Ziel: Nachhause kommen, irgendwie. Damit ist der Name des titelgebenden Schiffes auch zugleich Programm. Die Ausgangsidee war damals frisch und vielversprechend, denn sie bot Stoff für neue, unverbrauchte Geschichten, wobei es anders als bei DS9 keine politisch motivierte Story war, die das Weltgeschehen in irgendeiner Weise widerspiegeln konnte. Nein, Voyager sollte überwiegend getragen sein von inhaltlichen Orientierungen innerhalb des Star Trek‐Franchise, weniger von externen Impulsen. Doch in einer Zeit voller dichter, verselbstständigter Unterhaltungswelten mochte das auch in Ordnung so sein.

Zum ersten Mal durfte eine Frau im Stuhl des Captains Platz nehmen: Kathryn Janeway. Nach dem ersten schwarzen Captain war eine weibliche Besetzung zwar absolut folgerichtig, doch zum Zeitpunkt, als Voyager produziert wurde, längst keine Revolution mehr. Dennoch würde Voyager gerade durch die Frau an der Spitze viele junge Zuschauerinnen gewinnen, die Captain Janeway als eine Art von Role Model begriffen und sich von ihr inspirieren ließen. Man kann wahrhaft von einem Glücksfall sprechen, dass die aus dem Theater bekannte Kate Mulgrew – eigentlich die Zweitplatzierte im Castingwettbewerb – letztlich die Rolle erhielt, nachdem die zunächst ausgewählte Frankokanadierin Geneviève Bujold einen Rückzieher vom Set gemacht hatte, da sie mit dem Konzept einer wissenschaftsund technikaffinen Sci‐Fi‐Serie zu sehr fremdelte.

Weil Voyager zu ordentlichen Stücken in den Fußstapfen von TNG wandeln sollte, war es nahe liegend, den Cast gegenüber früheren Serien organisch weiterzuentwickeln, also Altbewährtes und Neues zu mischen. So entschieden Berman, Piller und Taylor, mit dem XO Chakotay (Robert Beltran) einen Abkömmling eines in der Entmilitarisierten Zone angesiedelten Indianervolkes (TNG‐Episode Am Ende der Reise), mit dem Sicherheits‐chef Tuvok (Tim Russ) einen vollblütigen Vulkanier und mit der Chefingenieurin B’Elanna Torres (Roxann Dawson) eine Halbklingonin im Ensemble der Hauptfiguren unterzubringen. Auch der Navigator Tom Paris (Robert Duncan McNeill) war genau genommen der TNG‐ Folge Ein missglücktes Manöver entlehnt und sollte ursprünglich Nicholas Locarno heißen – ein Schritt, der dann aber aus strittigen Gründen nicht vollzogen wurde, wohingegen die Lebenswege von Paris und Locarno sich doch auffallend ähneln. Die Idee, nun ein medizinisches Hologramm (Robert Picardo) als permanentes Castmitglied zu verankern, war gegenüber einer Vorlage wie dem Androiden Data aus TNG konsequent und versprach neue Lektionen in punkto Erforschung von Menschsein und Menschwerdung. Mit Harry Kim (Garrett Wang) war das Nesthäkchen der Serie gefunden; ein frisch gebackener Jungoffizier, den es gleich auf seiner allerersten Mission in die entlegenen Weiten des Alls verschlägt. Für eine Prise Exotik wiederum sorgten die zwei Figuren, die erst auf der anderen Seite der Galaxis die Voyager besteigen: der ordentlich herumgekommene Talaxianer Neelix (Ethan Phillips), der eine Nische aus Schiffskoch, Moraloffizier und Fremdenführer besetzen wird, und die Ocampa Kes (Jennifer Lien), Vertreterin eines Volkes, das bloß neun Jahre alt wird. Man holte sich also ausgerechnet eine Stubenfliege unter den vielen denkbaren Spezies des Delta‐Quadranten an Bord.

Kein verflixtes siebtes Jahr, aber stete Wechsel

Die Serie würde, wie auch ihre beiden Vorgängerinnen, insgesamt sieben Staffeln erreichen. Im Hinblick auf die Inhalte der 172 Episoden bot Voyager ein Potpourri an unterschiedlichsten Themen: Erforschung fremder Phänomene im Weltraum, (zunehmend) Action, Gerichtsund Aushandlungsepisoden, Auseinandersetzung mit politischen und religiösen Fragen, kulturelle Differenzen, Mystery, Ermittlungen und charakterzentrierte Geschichten. Eher beiläufig entdeckte die Serie ein gewisses komödiantisches Element, wie es von TNG und DS9 nicht so explizit praktiziert worden war. Ab der vierten Staffel würde sich Voyager wiederum stark verändern, dann mit den Borg als rotem Faden sowie einer deutlich risikobereiteren Captain Janeway.

Neben den ausführenden Produzenten Rick Berman, Jeri Taylor und Michael Piller (welcher die Rolle des Showrunners übernahm), setzte sich der Writers Room überwiegend aus Personen zusammen, die sich bereits unter TNG einen Namen gemacht hatten, darunter Brannon Braga, Naren Shankar, Joe Menosky oder David Kemper. Ronald D. Moore, der zuerst für TNG und dann für DS9 engagiert war, würde sich nur ein sehr kurzes Intermezzo bei Voyager geben, die Limitationen der Show monieren und später abseits von Star Trek vor allem durch das Remake von Battlestar Galactica auffallen (das ebenfalls eine Odyssee thematisierte, jedochganz anders und weit kompromissloser als Voyager). Es würde allerdings bezeichnend sein, dass es alle paar Jahre zu einem Wechsel auf dem Posten des tonangebenden Serienproduzenten kommen würde: Nach dem zweiten Jahr zog sich Piller zurück und übergab das Zepter an Jeri Taylor, die zu Beginn von Season fünf an Braga weiterreichen würde. Letzterer würde in der Abschlussseason aufgrund seiner leitenden Funktion bei der Produktion von Enterprise an Kenneth Biller übergeben.

Sonderstatus auf UPN: Fluch oder Segen?

Voyager war bereits vor seiner Ausstrahlung zum ersten großen Flaggschiff des brandneuen hauseigenen Paramount‐Networks UPN (United Paramount Network) auserkoren worden. UPN brauchte damals – ähnlich, wie es später im Streaming‐Zeitalter House of Cards für Netflix sein sollte – ein vorzeigbares Premiumprodukt. Vor dem Hintergrund ist das Bestreben Bermans, mit der neuen Serie von vorneherein klare Verbindungslinien zu TNG zu schaffen und Voyager in eine direkte Nachfolge der Erfolgsserie zu stellen, jedenfalls unter ökonomischen Gesichtspunkten nachvollziehbar.

Für eine Star Trek‐Serie bedeutete die neue UPN‐Lösung eine erhebliche Veränderung der Vermarktungsstruktur, denn alle früheren Shows waren in Syndication ausgestrahlt, also an regionale Networks weiter verkauft worden. Nun aber wurde eine Star Trek‐Serie mit dieserFrontliner‐Stellung exklusiv an einen Sender gebunden. Das zog zunächst veritable Vorteile nach sich: Anders als im Fall von DS9 wurde Voyager ansehnlich beworben und erhielt einen prominenten, stabilen Sendeplatz.

Es wird gemunkelt, dass Captain Janeway und ihre Besatzung die vollen sieben Produktionsjahre möglicherweise nur deshalb absolvieren konnten, weil Voyager einen Sonderstatus auf UPN erhalten hatte. Denn betrachtet man die Entwicklung der Einschaltquoten, so muss doch konstatiert werden, dass diese über die einzelnen Seasons hinweg und trotz kleinerer und größerer Kursverschiebungen recht kontinuierlich im Schwinden begriffen waren. Zum Vergleich: Schauten noch mehr als 21 Millionen Menschen den Pilotfilm, reduzierte sich diese Quote zum Ende des zweiten Jahres auf etwas mehr als 8 Millionen. In der fünften Staffel wurde die 5‐ Millionen‐Marke noch gehalten, dann aber im letzten Jahr unterschritten. Gemessen an dem enormen Interesse zu Serienbeginn hatte sich die Zuschauerzahl also auf einen harten Kern von gut einem Viertel verringert, wenngleich sie in den letzten Jahren weitgehend stabil gehalten werden konnte. Immerhin gewann die Serie mit dem Eventzweiteiler Endspiel noch einmal eine beträchtliche Zahl an Zuschauern zurück (8,8 Millionen).

Solche Einbußen bei den Quoten, wie sie Voyager (und im Übrigen auch DS9) widerfuhren, sind an und für sich in der Serienlandschaft nichts Ungewöhnliches – nur derseiner Zeit weitgehend konkurrenzlose Sci‐Fi‐Pionier The Next Generation hatte gegen den allgemeinen Trend in jedem neuen Jahr Zuschauer hinzugewonnen (eine Ausnahmeerscheinung!). Doch anders als in den 1980er Jahren war der Markt zehn Jahre später mit Sci‐Fi‐ Kreationen prall gefüllt, und die Star Trek‐Serien jagten sich zu einem guten Teil durchaus gegenseitig Zuschauer ab. Sieben Jahre Laufzeit zu absolvieren war also zu diesem Zeitpunkt keine Sache mehr, die man blind voraussetzen konnte. Ohne seine feste Einplanung auf UPN hätte es im Bereich des Möglichen liegen können, dass die Voyager vielleicht schon am Ende des sechsten Jahres in die Heimat eingelaufen wäre.

Man wird deshalb festhalten können, dass UPNs längerfristiges Interesse an einer Markenkern‐Serie ganz sicher eine Art von Sicherheitsgarantie für Voyager darstellte. Diese Sicherheitsgarantie sollte sich für die fünfte Star Trek‐Serie Enterprise zu einer regelrechten Todesfalle verwandeln. Denn UPN entwickelte sich nicht so prächtig wie es Paramount ursprünglich geplant hatte. Da der Sender von vorneherein beträchtliche Reichweitenprobleme hatte, insgesamt an Aufmerksamkeit vonseiten der Zuschauer einbüßte und bald darauf selbst vom Markt verschwand, zog die Exklusivverortung – gesalzen mit einer Portion Star Trek‐Übersättigung und Produzentenermattung – Enterprise im Sommer 2005 nach lediglich vier Staffeln in die vorzeitige Absetzung. Voyager hattealso am Ende womöglich einfach nur das Glück gehabt, früher gekommen zu sein.

Serienhintergründe

>> Die Voyager‐Mission: Eckdaten im Überblick

In welchen Etappen verlief die beschwerliche Odyssee der Voyager im Delta‐Quadranten? Was erlebte sie dort? Mit welchen Völkern trat sie in Kontakt, und welche Kenntnisse erwarb sie? Wie hat sich die Crewstärke über die Jahre hinweg entwickelt, und wer kam neu an Bord? Die folgende Auflistung führt die wichtigsten Eckdaten der langen Reise auf.

• Dauer der Reise: 7 Jahre, 2371 – 2378

• Zurückgelegte Strecke: ca. 70.000 Lichtjahre

2371: ca. 400 Lichtjahre

2372: ca. 650 Lichtjahre

2373: ca. 650 Lichtjahre

2374: ca. 10.500 Lichtjahre (9.500 LJ durch Kes‘ psionische Kräfte, 300 LJ durch Quanten‐Slipstream)

2375: ca. 33.000 Lichtjahre (2.500 LJ durch Malon‐Vortex, 10.000 LJ durch Quanten‐Slipstream, 20.000 LJ durch Diebstahl einer Borg‐ Transwarpspule)

2376: ca. 1.300 Lichtjahre (200 LJ durch Subraumkorridor, 600 LJ durch Graviton‐Katapult)

2377: ca. 1.200 Lichtjahre (600 LJ durch Q)

Januar 2378: ca. 22.000 Lichtjahre durch Borg‐Transwarpknoten

• Neu entdeckte Spezies: 413

• Direkter (Erst)Kontakt mit neuen Spezies: mindestens 160

Davon besonders einflussreiche und (potenziell) gefährliche Mächte:

Borg‐Kollektiv

Devore‐Imperium

Hierarchie

Hirogen

Kazon

Malon

Q‐Kontinuum

Schwarm

Spezies 8472 (vollständiger Rückzug in den Fluiden Raum)

Vidiianer

• Neue Technologien/Schiffskomponenten und wissenschaftliche Erkenntnisse (u.a.):

Ablativgenerator

Astrometrisches Labor mit Spezialsensoren

Borg‐Modifikationen, u.a. an Computerkern, Schaltkreisen, Energiekupplungen

Delta Flyer

(ausgestattet mit Unimatrixschilden und photonischen Raketen)

Entdeckung des Elements 247

Erfahrungen mit einem großen Omega‐ Molekül (kurzweilige Stabilisierung)

o Experimentelle Feldtests zu Quanten‐ Slipstreamund Transwarp‐Flug

Kompositor zur Rekristallisierung der Dilithiumkristalle

Medizinische Behandlungsverfahren mithilfe von Nanosonden

Mobiler Emitter für das MHN aus dem 29. Jahrhundert

Pläne für Nanosonden‐Waffen

Replikation von Photonen‐Torpedos

Transphasen‐Torpedos

• Crewstärke bei Start (2371): 1531

• Crewstärke bei Rückkehr (2378): 154

139 Menschen

2

, 15 Angehörige anderer Spezies (Vulkanier, Bolianer, Bajoraner, Kriosianer, Trill)

• Neu gewonnene Besatzungsmitglieder

Medizinisch‐Holografisches Notfallprogramm (Dauerbetrieb, selbständige Ak‐ tivierung bzw. Deaktivierung, Persönlichkeitsentwicklung)

Neelix (bis 2377)

Kes (bis 2374)

38 Maquis, Besatzung des Maquis‐ Raiders

Val Jean

(ab 2371)

Naomi Wildman (geboren 2372)

Seven of Nine (ab 2374)

5 Crewmitglieder der

U.S.S. Equinox

(2376)

Icheb (ab 2376)

Mehrere Borg‐Kinder (2376 bis 2377)

Miral Paris (2378)

• Verstorbene Besatzungsmitglieder: 39 (davon 32 Sternenflotte, 7 Maquis)

1 Referenz: Janeways Aussage in 7x11: Zersplittert. Die Soll‐ Crewstärke der Voyager beträgt 141 Mann (vgl. Episode Der Fürsorger).

2 Personen mit gemischtem Erbgut (u.a. B’Elanna Torres und Naomi Wildman) werden hier als Menschen gewertet.

Serienhintergründe

>> Storyelemente und Völker

Gibt es so etwas wie wiederkehrende Handlungsoder Storyelemente in Voyager? Vornehmlich ist die Serie ganz klar dominiert durch Einzelepisoden, ab und zu ergänzt durch bombastische Zweiteiler, aber natürlich bestehen gewisse Stränge von Settingund Charakterkontinuität, die sich anhand bestimmter Spezies und Figuren festmachen lassen, denen Captain Janeway und Co. im Laufe ihrer Zeit im Delta‐Quadranten begegnen. Hierzu soll im Folgenden eine kleine Übersicht und Einordnung der wichtigsten dieser Arcs geboten werden. Bei dieser Gelegenheit sollen auch die wichtigsten Völker in Voyager kompakt vorgestellt werden.

Kazon/Seska‐Episoden

Die Kazon sind ein clanund nomadenartig organisiertes Volk, das einst von den Trabe versklavt wurde, sich dann gegen sie erhob und ihre Unterdrücker in die Flucht schlug. Auf diese Weise gelangten die Kazon ziemlich schlagartig in den Besitz fortschrittlicher Technologie und mächtiger Waffensysteme und kontrollieren seither einen vergleichsweise großen, aber schlecht entwickelten Raumbereich im näheren und ferneren Umfeld von Ocampa. Aufgrund ihrer wilden, aggressiven, territorialen und vergleichsweise primitiven Kultur sind sie nur teilweise in der Lage, ihre technologischen Möglichkeiten zur längerfristigen Verbesserung ihrer Lebensgrundlagen zu nutzen. Vielmehr sind die Kazon darauf angewiesen, Rohstoffe, Nahrung, Medizin und Militärgerät von anderen Völkern zu stehlen; selbst Wasser ist bei manchen Gruppierungen ein rares Gut. Nach dem Sieg über die Trabe sind die Kazon wieder in einzelne Sekten zerfallen, die offen miteinander um Macht und Einfluss rivalisieren.

Als mit der Voyager ein für Kazon‐Verhältnisse extrem fortschrittliches Raumschiff durch den Fürsorger in ihr Einflussgebiet geholt wird, dauert es nicht lange, bis die Kazon ein ausgemachtes Interesse an der Sternenflotten‐Technologie entwickeln. Komponenten wie Replikatoren und Transportertechnologie gedenken die einzelnen Sekten im Kampf gegeneinander als Waffe einzuset‐zen, von den effektiven Defensivsystemen der Sternenflotte ganz zu schweigen. An und für sich wären die Kazon trotz ihrer Überzahl nur schwerlich in der Lage, der Voyager ernsthaft gefährlich zu werden. Dies ändert sich erst, als im ersten Jahr nach der Strandung im Delta‐ Quadranten mit Seska ein Crewmitglied der Voyager zu Maje Jal Culluh von den Kazon‐Nistrim überläuft. Seska hat dies zunächst nicht vorgehabt, sondern beabsichtigte, den Nistrim für eine sichere Passage durch den Kazon‐Raum und eine vorübergehende Waffenallianz hinter Captain Janeways Rücken Technologie von der Voyager weiterzugeben. Als Seska – ihrerseits in Wahrheit eine cardassianische Geheimagentin, die sich als Maquis unter Chakotays Besatzung mischte – bei ihren geheimen Aktivitäten entlarvt wird, sieht sie sich gezwungen, das Schiff überstürzt zu verlassen. Unter den patriarchalen Kazon ist die Verräterin gezwungen, sich Maje Culluh anzudienen. Um ihr Überleben zu sichern und Macht zu erlangen, unterstützt sie nun Culluhs Vorhaben, die Voyager zu erobern und als Machtinstrument für die Nistrim zu vereinnahmen. Culluh schwebt dabei der grö‐ ßenwahnsinnige Plan vor, mithilfe des Sternenflotten‐ Schiffes eine Dominanz der Nistrim unter den Kazon‐ Sekten herbeizuführen und weitere Völker zu unterwerfen. Durch Seskas weitreichende Kenntnisse (auch in Bezug auf Chakotays Schwächen, der mal ihr Geliebter war) gelingt es ihr zum Ende des zweiten Jahres tatsäch‐lich, die Voyager in eine Falle zu locken und in den Besitz von Culluh zu bringen, wenn auch nur kurz.

Die Erfahrungen mit den Kazon sind für die Voyager in ihren ersten Jahren prägend und werden – neben den Kontakten mit den Vidiianern – zu bleibenden Erinnerungen, was es bedeutet, in einem anarchisch strukturierten Teil des Alls vollständig auf sich allein gestellt zu sein. Aufgrund dieser permanenten Bedrohungslage muss sich Janeway – auch aus ihrer eigenen Mannschaft heraus – die Frage gefallen lassen, ob es richtig ist, hundertprozentig zu den eigenen Prinzipien zu stehen, wenn die Föderation so weit entfernt und das eigene Überleben derart existenziell gefährdet ist. Gemeint ist insbesondere die Nichteinmischungsdirektive der Sternenflotte, an der sie zunächst eisern festhält und derzufolge eine Weitergabe von Sternenflotten‐Technologie eine unrechtmäßige und unberechenbare Beeinflussung anderer Kulturen sowie des regionalen Mächtegleichgewichts bedeutet. Zudem stellt sich mit Fortgang der Kazon‐Bedrohung die Frage, ob es nicht sinnvoll ist, zum eigenen Schutz ein zeitweiliges Bündnis mit bestimmten Partnern aufzubauen, was wiederum bedeutet, einen Austausch von vorab definierten Gütern zum gegenseitigen Nutzen zu organisieren. Beide Erfahrungen werden Janeway und ihre Crew machen, nicht immer unbedingt mit gutem Ausgang. Erst das endgültige Verlassen des Kazon‐Raums wird der Voyager eine erste, echte Erleich‐terung bringen. Doch neue, teilweise weit gefährlichere Spezies erwarten sie dafür auf ihren kommenden Reiseetappen…

Wichtige Episoden:

• 1x01/1x02 Der Fürsorger

• 1x11 Der Verrat

• 2x02 Der Namenlose

• 2x11 Das Signal

• 2x14 Allianzen

• 2x20 Der Verräter

• 2x26/3x01 Der Kampf ums Dasein

Der Heimkehr‐Bogen

In der Serie finden sich immer wieder Episoden, in denen es um die Möglichkeit geht, aufgrund von technologischen Apparaturen (man nehme etwa den Raumtrajektor der Sikarianer) oder Raumphänomenen (Wurmlöcher und ähnliches mehr) in die Heimat zurückzukehren beziehungsweise zumindest einen temporären oder dauerhaften Kontakt in die Föderation aufzubauen. Diese Folgen, die ich lose unter dem Begriff ‚Heimkehr‐Bogen‘ fassen würde, stehen oftmals auch symbolisch für den Fortschritt der beschwerlichen Voyager‐Reise durch den Delta‐Quadranten. Gibt es anfangs nämlich keinerlei Kommunikation mit der Sternenflotte und geht diese zunächst davon aus, dass die Voyager in den Badlands zerstört worden sei, ergibt sich ab Staffel vier ein zu‐nächst sporadischer, dann zunehmend regulärer Gesprächskanal zur Erde (wiederum durch eine Kombination technologischer und stellarer Phänomene).

Gepaart mit solchen Etappenzielen auf dem Weg zur Rückkehr sind sehr persönliche Geschichten. Einerseits erfahren die Besatzungsmitglieder, wie das Leben in der Heimat weitergegangen ist, nachdem die Voyager als vermisst gemeldet und nach und nach alle Hoffnung auf ihre Rückkehr aufgegeben wurden. Für Captain Janeway bedeutet es beispielsweise, zu hören, dass ihr Verlobter inzwischen mit einer anderen Frau zusammenlebt und die Tür in ihr altes Leben damit zugeschlagen zu sein scheint. Chakotay und B’Elanna Torres wiederum müssen begreifen, dass in der Zeit ihrer Strandung auf der anderen Seite der Galaxis eine gewaltige Macht aus dem Gamma‐Quadranten (Dominion genannt) zusammen mit den Cardassianern sämtliche Maquis‐Kolonien und damit die meisten ihrer Freunde und Verbündeten ausgelöscht hat.

Andererseits stellen sich, je näher man der Heimat kommt, einige Figuren die Frage, wie ihr Leben nach einer Rückkehr in den Alpha‐Quadranten beschaffen sein, was sie anders oder besser machen könnten. Man nehme hier beispielsweise Tom Paris, der stets ein sehr schwieriges Verhältnis zu seinem autoritätsgebietenden Vater Owen – seines Zeichens ranghoher Sternenflotten‐ Admiral – hatte. Durch seine Läuterung an Bord der Vo‐yager ist Tom gefestigt genug, um seinem Vater anders gegenüberzutreten, aber natürlich bleiben eine Menge Fragen, wie die eigene Zukunft aussehen könnte, wenn man eines Tages zuhause anlangen sollte. Seven of Nine wiederum wurde als Kind von den Borg assimiliert, hat damit den größten Teil ihres Lebens als Drohne des kybernetischen Kollektivs verbracht und erst aufgrund ihrer Befreiung durch Janeway ihre Individualität zurückerlangt. Die Aussicht, eines Tages ihre frühere Heimatwelt wieder zu erreichen, wo Milliarden Personen anstatt der einhundertfünfzig Crewmitglieder der Voyager leben, ist nicht nur ein Anlass für Freude, sondern produziert auch Unsicherheit und Zweifel.

Für alle an Bord der Voyager gilt, dass insbesondere die Episoden des Heimkehr‐Bogens sie zunehmend als Zwischenweltler markieren: Auf der einen Seite sehnen sich alle nach der Rückkehr in die Heimat, die den ständigen Fixpunkt ihrer Irrfahrt ausmacht, auf der anderen Seite stellt man mit Fortgang der Odyssee immer mehr fest, dass man in Wahrheit möglicherweise längst sein Zuhause und neues Leben an Bord der Voyager gefunden hat. Dieses Spannungsverhältnis auszuhalten ist nicht einfach und gehört eindeutig zu dem Besseren, was die Serie zu bieten hat. Es ist bezeichnend, dass der in der Ferne isoliert dahinziehenden Besatzung auf der Erde ein wichtiger Verbündeter zuwächst, der selbst ein Außenseiter ist: der aus TNG bekannte neurotische Ingenieur Regi‐nald Barclay, welcher sein Herz an eine Besatzung zu ketten beginnt, die er überhaupt nicht kennt.

Wichtige Episoden:

• 1x01/02 Der Fürsorger

• 1x07 Das Nadelöhr

• 1x10 Das oberste Gesetz

• 2x10 Suspiria

• 4x14 Flaschenpost

• 4x15 Jäger

• 4x26 In Furcht und Hoffnung

• 6x10 Das Pfadfinder‐Projekt

Vidiianer‐Episoden

Die Vidiianische Solidarität stellt zusammen mit den Kazon die zwei großen wiederkehrenden Bedrohungen dar, denen sich die Crew der Voyager in ihren ersten Jahren ausgesetzt sieht. Zwar erhalten die Vidiianer in der Serie nicht die gleiche Betonung wie das wilde Sektenvolk, sind jedoch in ihrer Präsentation furchteinflö‐ ßender. Einst waren sie nämlich ein hoch entwickeltes, kulturell gebildetes und friedliebendes Volk, ehe sie von einer heimtückischen und unheilbaren Krankheit – Fresszelle genannt – befallen wurden. Um ihr eigenes Überleben zu sichern, gaben die Vidiianer Stück für Stück ihre moralischen Grundsätze auf – und verwandelten sich in etwas, das nur als Organund Körperjäger bezeichnet werden kann. Mithilfe der Körperteile anderer Spezies können sie ihr eigenes Leben verlängern underhalten möglicherweise neue Bausteine, wie sie sich gegen die grausame Erkrankung immunisieren könnten. Die von ihnen benutzten, weit entwickelten Handwaffen sind nicht darauf ausgelegt, das Ziel zu töten, sondern es ‚abzuernten’. Die Zielperson wird betäubt, anschließend werden integrierte Sensoren genutzt, um das Organsystem zu analysieren. Nützliche Körperteile können mit einem ebenfalls integrierten Transporter sofort aus dem Körper gebeamt werden.

Die Vidiianer sind ein dramatisches Beispiel dafür, wie dünn die zivilisatorische Tünche einer vermeintlich hoch entwickelten Kultur ist und was mit dieser passieren kann, wenn sie in eine Situation gerät, in der ihre gesamte Existenz nur noch von einer Seuche bestimmt wird. In gewisser Weise stellen sie damit eine extremere Variation der in TNG und dann in DS9 übernommenen Cardassianer dar, die ihrerseits ihre friedliche Kultur opferten und zu einer brutalen Militärgesellschaft wurden, als Umweltund Hungersnöte ihre Welt an den Rand des Abgrunds drängten. Einigen der vidiianischen Figuren, denen die Besatzung der Voyager im Laufe der Zeit begegnet, ist anzumerken, dass sie Bedauern und sogar einen gewissen Selbstekel über die negative Verwandlung ihrer Kultur sowie ihre Ausbeutung anderer Völker verspüren. Insofern steht hinter dem Horror über die zombiehaften Wesen und den von ihnen praktizierten Organhandel eine tiefe Tragik. Persönlich hätte ich mirgewünscht, dass die Vidiianer noch stärker ausgeleuchtet und ihnen der Vorzug vor den Kazon gegeben worden wäre.

Wichtige Episoden:

• 1x05 Transplantationen

• 1x14 Von Angesicht zu Angesicht

• 2x19 Lebensanzeichen

• 2x21 Die Verdoppelung

Borg/Seven of Nine‐Episoden

Die Borg, die Geißel der Galaxis, angetreten, ganze Völker im Universum ihres freien Willens zu berauben und sich einzuverleiben. Ihre Konzeption war dereinst in TNG (Zeitsprung mit Q, In den Händen der Borg/Angriffsziel Erde) ein Paukenschlag und raubte vielen Zuschauern den Atem. Das Borg‐Kollektiv ist eine erschreckend mächtige Zivilisation künstlich verbesserter Humanoide, die eine Symbiose aus Organik und Technik eingehen und mithilfe kybernetischer Implantate sowohl ihre technologischen als auch körperlichen Fähigkeiten bemerkenswert erweitern.

Sämtliche Borg‐Drohnen sind durch ein fortschrittliches Subraum‐Kommunikationsnetzwerk miteinander verbunden und bilden zusammen ein kollektives Bewusstsein aus. Dies ist gleichzeitig die Grundstruktur ihrer Organisation, sodass Individualität bei ihnen ein bedeu‐tungsloses Konzept darstellt und bekämpft wird. Anzunehmen, Borg‐Drohnen würden aus freien Stücken miteinander Informationen austauschen, entspricht jedoch nicht der Wirklichkeit. Vielmehr zwingt ein aggressives Hive‐Bewusstsein die einzelnen Glieder des Kollektivs zur Gefügigkeit. Um andere Völker assimilieren zu können, verwenden die Borg höchst anpassungsfähige Nanosonden, welche in den Blutkreislauf des Opfers injiziert werden, um dessen DNS neu zu strukturieren und eine Ankoppelung an das Hive‐Bewusstsein zu gewährleisten. Nach diesem ersten Schritt, durch den eine Drohne bereits geschaffen wurde, wird der neue Borg einem Bioextraktionsprozess unterzogen, um ihn mit technischen Hilfsmitteln auszustatten, durch die er seine künftigen Aufgaben passgenau erfüllen soll. Bemerkenswert ist, dass die Borg nur Zielobjekte assimilieren, die aus ihrer Sicht das Kollektiv bereichern können. Ist jedoch eine Person erst einmal assimiliert worden, so gibt es nur in wenigen Fällen und unter günstigen Umständen einen Ausweg über eine De‐Assimilation.

In TNG tauchten die Borg lediglich selten auf. Ihre Inszenierungen wurden – nicht zuletzt aus Budgetgründen – sorgsam dosiert, sodass eine Aura des Mysteriösen die hybriden Wesen umwehte. Diese Linie gibt Voyager in seiner zweiten Serienhälfte dezidiert auf. Zunächst zaghafter, dann aber mit ganzer Wucht steuert das versprengte Sternenflotten‐Schiff mitten in den Hoheits‐raum der Borg hinein. Spätestens ab dem fünften Jahr gibt es einen ganzen Haufen Begegnungen, und angesichts der kompromisslosen und expansiven Haltung des Kollektivs sind diese natürlich kaum friedlicher Natur.

Im Zuge der zahlreichen Borg‐Zwischenfälle und ‐krisen erfahren wir gerade in Voyager eine Menge Neues über Identität, Hintergründe und Funktionsweise der Borg‐ Gemeinschaft, über verborgene Eigenheiten und sogar Schwachstellen. Wir stellen aber auch fest, dass die Borg sich in ihrem grenzenlosen Machtanspruch überheben können, wie ihr Konflikt mit Spezies 8472 – einer hoch entwickelten telepathischen Rasse aus einem fluiden Raum – eindrucksvoll belegt. Dass die Borg zum exponierten Dauerbrenner der fortgeschrittenen Voyager‐ Heimfahrt werden, kommt nicht von irgendwoher: Immerhin ist mit Seven of Nine der große Neuzugang des Casts selbst jahrzehntelang in der Gewalt der Borg gewesen.

Besonders interessant sind deshalb gerade jene Episoden, die die übergeordnete Borg‐Bedrohung mit der Figur von Seven verknüpfen, genauer gesagt mit den Hintergründen ihrer Assimilierung und ihrer De‐ Assimilierung an Bord der Voyager, aber auch ihrer allmählichen Menschwerdung. Die Macher waren so klug, Parallelen zum stilbildenden Kinofilm Der Erste Kontakt zu ziehen und damit nicht nur das neue, gruselige Erscheinungsbild der Borg zu übernehmen, sondern auchdie Figur der Borg‐Königin (wenn auch teilweise schauspielerisch anders besetzt). So ergibt sich teilweise ein schillerndes Panorama über die Komplexität des Hive‐ Bewusstseins und damit der Herrschaft im Kollektiv, aber auch über die Bedrohungslage. Allerdings tendiert Voyager zunehmend dahin, die Borg als kybernetische Diktatur unter der Knute einer größenwahnsinnigen Herrscherin darzustellen, was die Darstellung aus TNG empfindlich konterkariert. Abgesehen davon sorgen die Begegnungen mit den größten Widersachern der Föderation für enorm spannungsund actiongeladene Momente, etwa wenn Captain Janeway eine wackelige Allianz mit den Borg gegen Spezies 8472 eingehen möchte oder wenn sie die überlegene Transwarp‐Technologie des Kollektivs als Beuteobjekt ausfindig macht, um schneller in die Heimat zurückzukommen. Komisch, wenn es um die Borg geht, scheinen Sternenflotten‐ Grundsätze nicht mehr zu gelten…

Wichtige Episoden:

• 3x26/4x01 Skorpion

• 4x06 Der schwarze Vogel

• 5x02 Die Drohne