Star.X - Feel my Seoul - Britta Wolters - E-Book

Star.X - Feel my Seoul E-Book

Britta Wolters

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Beschreibung

Was passiert, wenn man völlig unvorbereitet in ein fremdes Land fliegt und das Glück hat, jemand Besonderen kennenzulernen? Lisanne flüchtet vor ihrer gescheiterten Beziehung aus Deutschland und landet in Seoul/ Südkorea. Auf dem Flughafen gestrandet, eröffnet ihr ein attraktiver Mann plötzlich Möglichkeiten, um die sie Millionen Mädchen auf der ganzen Welt beneiden würden. Sie arbeitet für die weltweit bekannte K-Pop-Gruppe Star.X und lernt eine völlig neue Welt kennen. Ein Leben wie ein koreanisches Drama beginnt und es zeigt nicht nur die Sonnenseiten des Showbusiness.

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Was passiert, wenn man völlig unvorbereitet in ein fremdes Land fliegt und das Glück hat, jemand Besonderen kennenzulernen?

Lisanne flüchtet vor ihrer gescheiterten Beziehung aus Deutschland und landet in Seoul/ Südkorea. Auf dem Flughafen gestrandet, eröffnet ihr ein attraktiver Mann plötzlich Möglichkeiten, um die sie Millionen Mädchen auf der ganzen Welt beneiden würden. Sie arbeitet für die weltweit bekannte K-Pop-Gruppe Star.X und lernt eine völlig neue Welt kennen. Ein Leben wie ein koreanisches Drama beginnt und es zeigt nicht nur die Sonnenseiten des Showbusiness.

Inhalt

Kapitel 1 Flughafen Frankfurt / Check-in

Kapitel 2 Im Flieger nach Seoul

Kapitel 3 Überraschender Start

Kapitel 4 Das Apartment in den Hügeln

Kapitel 5 Angekommen

Kapitel 6 Neubeginn

Kapitel 7 Erste Schritte

Kapitel 8 Ein Konzert

Kapitel 9 Im Fernsehen

Kapitel 10 Begegnung

Kapitel 11 Video

Kapitel 12 Lorelei

Kapitel 13 Krank

Kapitel 14 Karaoke

Kapitel 15 Neue Freunde

Kapitel 16 Musik

Kapitel 17 Bilder der Vergangenheit

Kapitel 18 Geständnis

Kapitel 19 Seoul bei Nacht

Kapitel 20 Unerwünschtes Wiedersehen

Kapitel 21 Ajumma

Kapitel 22 Im Krankenhaus

Kapitel 23 Eine Villa in Seoul

Kapitel 24 L.A.

Kapitel 25 Ruhe vor dem Sturm

Kapitel 26 Gefangen

Kapitel 27 Befreit

Epilog Taemin

Danksagung

Kapitel 1

Flughafen Frankfurt – Check in

„Sie müssen schon alles aufs Band legen. Auch die Handtasche!“

Der genervt blickende Flughafenmitarbeiter wies mit seiner Hand auf die Kiste, die auf dem Laufband lag. Ich sah dort hinein und legte zu meinem Rucksack noch meine kostbare kleine Handtasche dazu. Nur ungern trennte ich mich von diesem Stück, denn hierin befand sich alles, was ich für meine Reise und für das nächste Jahr im fremden Land benötigte. Ausweis, Visum, Ticket, Papiere, Wegbeschreibung, Bargeld und Kreditkarten. Ich beäugte das Band weiterhin misstrauisch, als die Kiste in den Scan-Tunnel verschwand.

Es war nicht meine erste Reise ins Ausland, aber meine erste weite Reise, die ich nicht für einen Urlaub unternahm und dazu war das Ziel meiner Reise noch über 10 Stunden von zu Hause entfernt.

Aber ich wollte es ja so. Niemand hatte mich gezwungen, diesen Schritt ins neue Leben zu wagen. Niemand – nur mein verletzter Stolz und mein Ex-Freund.

Als ich vor gut 2 Monaten meinen Ex mit meiner besten Freundin in einer eindeutigen Situation erwischt hatte, war für mich eine Welt zusammengebrochen. Kieran und ich waren seit dem Abitur vor über 10 Jahren zusammen gewesen. Ich hatte mir ausgemalt, dass wir in ein paar Jahren heiraten würden und niedliche Kinder bekämen. Natürlich gab es in unserer Beziehung Hochs und Tiefs, aber letztendlich war ich davon ausgegangen, dass wir miteinander alt werden würden. Unsere gemeinsame Wohnung, die wir vor zwei Jahren bezogen hatten, haben wir liebevoll eingerichtet. Eigentlich hatte ich sie liebevoll eingerichtet, denn Kieran hatte an so unwichtigen Dingen nicht viel Interesse – das war eher mein Part. Seine Stärke lag im Management.

Gleich nach dem Abi bewarb er sich bei einer Agentur für Marketing und begann ein Studium der Betriebswirtschaft. Nach dem Studium wurde er in der Marketingagentur als Junior fest eingestellt und konnte dort innerhalb weniger Jahre in die Führungsebene aufsteigen. Ich freute mich sehr für ihn, da ich ihn auf seinem Weg zur Spitze mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln unterstützte.

Um sein Studium zu finanzieren, hatte ich für ihn einen Job angefangen und mein eigenes Studium nach 2 Semester hingeworfen. Mit Archäologie könne man sowieso kein Geld verdienen, war Kierans Meinung, auch wenn er diese Aussage wesentlich diplomatischer und freundlicher verpackt hatte. So begann ich ein gutes Jahr nach meinem Schulabschluss eine Ausbildung zur Medienkauffrau, damit ich anschließend in der Firma meines zukünftigen Mannes mitarbeiten könnte.

Wie dumm ich war! Zwar arbeiteten wir in der gleichen Firma, aber ich war in den Augen meiner Kollegen nur die Frau an der Seite des Chefs und keine gleichwertige Mitarbeiterin. Zu gemeinsamen Aktivitäten unter den Kollegen wurde ich nicht eingeladen – aus Angst, dass ich Informationen an die Führungsetage weitergeben könnte.

Niemand wusste, dass Kieran und ich uns in der Zwischenzeit fast nur noch kurz auf dem Büro Flur trafen und nur noch wenig gemeinsame private Zeit miteinander verbrachten. Wir verließen selten gleichzeitig die Wohnung und kamen auch meistens zu völlig unterschiedlichen Zeiten am Abend nach Hause. Mein Schatz hatte viele Überstunden zu machen – Überstunden mit Tina, meiner Kollegin und ehemals besten Freundin.

Es kam wie es kommen musste. Kieran war auf Geschäftsreise und da wir uns längere Zeit keinen gemeinsamen Urlaub gegönnt hatten beschloss ich, ihn dort für eine Nacht überraschend zu besuchen. Leider war das Doppelzimmer bereits von Tina besetzt.

Ich werde meinen Schock sicherlich nicht vergessen, als ich die beiden in flagranti händchenhaltend und knutschend im Foyer des Hotels erwischte. Wütend stellte ich meinen Freund und meine Freundin zur Rede und Kieran teilte mir kalt mit, dass er beabsichtige sich von mir zu trennen und mit Tina zusammenziehen würde. Für den Auszug aus unserer gemeinsamen, von mir gestalteten Wohnung und Kündigung meines Jobs gab er mir zwei Wochen Zeit.

Zwei Wochen, in denen ich mir mehrfach überlegte, ob ich weiterleben wollte, ob er weiterleben sollte, ob sie weiterleben durfte. Letztendlich packte ich wenige Sachen von mir zusammen, lagerte einige Möbel, die nur mir gehörten, bei meinen Eltern ein und beantragte ein Visum für das Land, welches mir in dem Moment als das am weitesten entferne Land von Deutschland erschien. Halbwegs unvorbereitet und ohne Plan was ich dort machen würde, stand ich nun am Flughafen in Frankfurt und war im Begriff, ein Flugzeug der Korean Air zu besteigen.

Mein Rucksack und meine Handtasche liefen über das Band durch den Scanner und ich konnte mir beides, nach dem ich selbst durch den Körperscanner gelaufen war, am Ende des Laufbandes wieder in Empfang nehmen. Der mürrische Angestellte vom Bodenpersonal winkte mir ungeduldig zu, dass ich Platz machen sollte, als ich plötzlich ein lautes Kreischen mehrerer Stimmen hinter mir hörte.

Interessiert sah ich hoch und entdeckte hinter mir am Band der Kontrolle einige scheinbar junge Asiaten, die in lange Wintermäntel gekleidet waren und sich höflich winkend und hin und wieder eine Verbeugung andeutend von hauptsächlich jungen kreischenden Mädchen hinter der Absperrung verabschiedeten. Die Mädels hielten Spruchbänder mit asiatischen Zeichen und vielen Herzchen in die Höhe und veranstalteten einen riesen Tumult.

Die Gesichter der Personen im Sicherheitsbereich konnte ich nicht erkennen, da sie allesamt Gesichtsmasken trugen. Dieses war heutzutage zwar normal geworden, jedoch schienen die Männer hinter mir die Masken nicht aus gesundheitlichen Gründen zu tragen, sondern auch, um ihre eigenen Gesichter vor neugierigen Blicken besser zu schützen. Dennoch waren sie wohl von ihren Fans erkannt worden und ihnen schien dieses Verhalten der kreischenden Mädchen nicht fremd zu sein. Gelassen winkend posierte der eine oder andere noch für ein Foto, welches die jungen Mädchen nur so aus ihren Handys abfeuerten. Neben den offensichtlichen Fans standen auch ein paar professionell aussehende Fotografen, die ebenso eifrig Fotos der jungen Männer schossen. Mit den jungen Prominenten zusammen war ein ganzer Tross in ihrer Begleitung aufgetaucht und es wurde langsam eng in der Abfertigungshalle.

Die Ansammlung der Mädchen vor der Absperrung war mir bereits bei meinem Check-in aufgefallen. Ich war davon ausgegangen, dass sie auf der Lauer waren, irgendeinen Prominenten zu sehen und hatte mich schon gefragt, um wen es sich wohl handeln mochte. Da ich die Männer, für die sich die Mädels so laut und offensichtlich interessierten nicht kannte und auch noch nie zuvor gesehen hatte, verließ ich die Sicherheitskontrolle. Nachdem ich wieder unfreundlich vom Flughafenmitarbeiter dazu aufgefordert wurde endlich weiter zu gehen, drehte ich mich noch einen weiteren Blick auf die aufgeregte Menge und die Objekte ihrer Begierde zu werfen um und verließ das Band. Da ich doch etwas neugierig war fragte ich mich, ob ich die jungen Asiaten bei meinem Einstieg ins Flugzeug wohl noch einmal zu sehen bekommen würde, vergaß aber im nächsten Moment schon wieder diesen Gedanken.

Mein Handy vibrierte in meiner Hosentasche und ich zog es umständlich heraus, da ich meine Handtasche auf keinen Fall loslassen wollte. Ich schützte sie wie mein Leben und umklammerte sie mit einer Hand, während ich mit der anderen Hand das Handy entsperrte.

Ich gehörte nicht zu den Personen, die mit einem Handy in der Hand groß geworden waren und eigentlich nutzte ich das Telefon auch nur, um hin und wieder Nachrichten mit meiner Mutter und meiner Freundin auszutauschen. Tina war jetzt nicht mehr meine Freundin und Kieran verabscheute es, unnütze Textnachrichten zu senden. Dachte ich zumindest, denn überrascht sah ich, dass auf dem Display eine neue Nachricht meines Ex-Freundes aufleuchtete.

„Wo bist Du? Ich muss dich unbedingt sprechen. Bitte melde dich so schnell wie möglich. K.“

Tzt, dachte ich. Was willst du noch? Willst du noch mal mit dem Finger in der Wunde bohren? Willst du mich am Boden sehen?

Ich merkte, wie in mir die Wut auf ihn wieder hochkochte. Kieran – der Traummann meiner Jugendzeit. Ich sah sein schönes Gesicht vor mir. Groß, blond, ebenmäßige Gesichtszüge, gerade Nase, blaue Augen. Wir hätten sicher schöne Kinder gehabt, dachte ich innerlich seufzend. Ich war zwar nicht ausgesprochen hübsch, aber als hässlich würde ich mich auch nicht bezeichnen. Kieran und ich waren das ideale Blondinen-Traumpaar. Obwohl ich als Frau nicht gerade klein war, überragte er mich mit seinen 1,85 m um gute 10 cm. Ich hatte ebenso wie er blonde Haare und trug sie meistens zu einem modischen Dutt zusammengebunden. Kieran liebte es, wenn ich meine Haare offen trug und meinte immer, dass meine langen Wellen aussehen würden wie ein Heiligenschein. Er übertrieb natürlich, aber ich war schon stolz auf meine dichten langen Haare. Mein Gesicht fand ich eher durchschnittlich. Zwar hatte ich relativ große blaue Augen, aber ich war der Meinung, dass sie nicht so recht in mein Gesicht passen würden.

Während der Schulzeit hatte ich immer ein paar Pfunde zu viel auf der Waage gehabt, aber diese zum Glück durch Diät und Training verloren und jetzt war ich relativ schlank. Lediglich an bestimmten Stellen waren die Rundungen nicht gewichen und ich versteckte diese gerne unter weiten Pullis, da mich die Blicke der Männer auf meine Oberweite verunsicherten.

Auch heute hatte ich mich wieder in mein weites Lieblingssweatshirt geworfen und dazu meine bequemste Jeans mit Löchern an den Knien angezogen. Ich sah nicht unbedingt wie eine 28jährige Büroangestellte aus, aber das wollte ich auch nicht. Der lässige Look war zwar nicht hübsch anzusehen, dafür aber viel praktischer. Der Flug würde lange dauern und ich hatte keine Lust beim Sitzen Bauchweh wegen zu enger Hosen zu bekommen.

Nachdenklich sah ich weiter auf mein Telefon. Was hatte Kieran mir dringendes mitzuteilen? Kurz überlegte ich, ob ich seine Nachricht ignorieren sollte, aber dann verwarf ich den Gedanken. Ich hatte fast die Hälfte meines Lebens mit diesem Mann verbracht und vielleicht hatte er mir wirklich etwas Wichtiges mitzuteilen und da ich in Kürze ein Flugzeug besteigen würde, welches mich tausende von Kilometer weit weg bringen würde, wäre jetzt vorerst die letzte Gelegenheit mit ihm zu sprechen.

Meine Finger wählten selbstverständlich die Kurzwahl für seine Nummer und während es klingelte überlegte ich, ob ich seine Nummer aus der Liste herausnehmen wollte. Ich würde nicht mehr oft mit ihm in Kontakt treten. Mein Herz fing an stärker zu klopfen, als ich seine Stimme plötzlich an meinem Ohr hörte.

„Lisanne? Wo bist du? Ich habe deine Eltern schon mehrmals angerufen, aber sie wollten mir nicht sagen wo ich dich finden kann.“ Seine Stimme klang so vertraut, dass mir unwillkürlich Tränen in die Augen stiegen. Verdammt, ich wollte seinetwegen nicht mehr weinen.

„Ich bin auf dem Flughafen. Gleich geht mein Flieger. Was gibt es?“ versuchte ich möglichst distanziert zu klingen, wobei selbst ich die unterdrückten Tränen hören konnte.

„Auf dem Flughafen? Wohin fliegst du? Wir müssen uns unbedingt treffen. Bitte, verschiebe deinen Flug.“ Ich kannte ihn so genau, dass ich die leichte Panik in seiner Stimme vernahm.

„Ich will den Flug nicht verschieben. Was hast du denn?“ bemühte ich mich möglichst neutral zu fragen.

„Lisanne, ich habe mich von Tina getrennt.“ Er schwieg einen Moment, wohl um mir Zeit zu geben seine Nachricht zu verdauen. „Ich kann nicht ohne dich sein. Bitte, Lisanne, fliege nicht und komme wieder zu mir zurück. Ich vermisse dich ganz schrecklich und bereue alles zutiefst. Lisanne,“ er machte wieder eine kurze Pause und ich hörte, wie er schluckte „Lisanne, ich liebe dich. Bitte komm wieder zu mir zurück.“

Mir liefen in der Zwischenzeit die Tränen über mein Gesicht und ich unterdrückte ein Schluchzen. Was bildete Kieran sich nur ein? Er hatte mich zutiefst verletzt und erwartete nun, dass ich wegen seiner späten Einsicht alles sausen lassen würde? Meine Gefühle für ihn waren verletzt, aber immer noch vorhanden und ich schwankte kurz, ob ich tatsächlich meinen Flug streichen sollte. Aber war ich bereit, alles zu vergessen? Die kalten Augen von ihm, als er mir sagte er liebe jetzt Tina? Ihr schuldbewusster Blick damals sprach Bände. Die beiden hatte bereits längere Zeit eine geheime Beziehung und ich war nur zu dumm gewesen, das zu bemerken.

„Kieran, ich werde heute in den Flieger steigen und frühestens in einem Jahr wieder zurückkommen. Was in dieser Zeit passiert, entscheidet über unsere Beziehung.“

Ich hörte ihn tief Luft holen. „Ich werde um dich kämpfen. Ich lasse dich nicht einfach gehen.“ Seine Stimme hatte einen entschlossenen Klang und ich zuckte zusammen. Wollte ich das? Sollte er um mich kämpfen?

„Kieran, ich werde jetzt nicht zu dir zurückkommen. Du hast mich sehr verletzt und ich bin nicht bereit, dir zu vergeben. Bitte verstehe das und lass uns nicht mehr miteinander telefonieren. Das tut uns beiden nicht gut und ich möchte nicht mehr an das, was passiert ist, zurückdenken.“

Er lachte ein freudloses Lachen und flüsterte ins Telefon „Ich lass dich nicht gehen. Du gehörst zu mir und daran ändert auch deine Flucht nichts. Ich finde dich und werde dich überzeugen, dass du zu mir gehörst.“

Mir lief ein Schauer über den Rücken. So hatte ich ihn in all den Jahren niemals reden hören. Seine Stimme klang regelrecht bedrohlich und ich riss erschrocken die Augen auf. Was war mit ihm geschehen? „Was soll das? Warum drohst du mir?“

„Ich drohe dir nicht, aber ich habe dir doch gesagt, dass ich dich liebe und ohne dich nicht leben möchte.“

„Aber was ich will interessiert dich nicht? Ich will nicht mehr mit dir zusammen sein. Du hattest 10 Jahre deine Chance und jetzt ist es vorbei“ entgegnete ich.

Ich stand in einer Ecke der Abflughalle und hatte den Wartebänken den Rücken zugekehrt. Ich zog die Kapuze meines Hoodies über den Kopf und wischte mir meine Tränen aus dem Gesicht.

„Ich lege jetzt auf. Mach es gut, Kieran.“ Ohne noch eine Antwort von ihm abzuwarten drückte ich auf den roten Hörer und unterbrach das Gespräch. Anschließend schaltete ich das Handy komplett aus und starrte auf den dunklen Bildschirm.

Ich stand noch einen Moment mit dem Gesicht zur Wand und starrte blicklos gegen eine Glasscheibe, während ich das Handy wie einen Fremdkörper in meiner Hand hielt, bevor ich mich umdrehte und mir einen Platz zum Warten suchen wollte.

Mir war nicht aufgefallen, dass es in der Zwischenzeit in der Wartehalle recht voll geworden war und immer noch in Gedanken versunken, prallte ich beim Umdrehen plötzlich mit einem anderen Fluggast zusammen. Mein Handy rutschte mir aus der Hand und fiel auf den Boden. Erschrocken sah ich dem fallenden Telefon nach und erkannte sofort, dass der Sturz seine Folgen hatte. Das Display des Telefons war komplett zersprungen und hatte ein hübsches Mosaik als Muster. Entsetzt sah ich die Person an, mit der ich soeben zusammengestoßen war.

Ich blickte in dunkelbraune Augen, die mich ebenso entsetzt zurück anstarrten. Der Mann war scheinbar aus der Gruppe der Asiaten, die ich zuvor beim Check-In gesehen hatte. Zumindest trug er auch einen Mantel und eine schwarze Gesichtsmaske. Seine leicht schräg stehenden Augen waren von dunklen Wimpern eingerahmt und seine dunklen dichten Haare rahmten sein Gesicht mit der Maske ein.

Ich kannte mich mit teurer Kleidung nicht aus, aber allem Anschein nach war der Mantel aus edlem Stoff und da er ihn offen trug, konnte ich eine elegant aussehende Hose und einen offensichtlich teuren Pullover darunter erkennen. Allerdings schien dieser Mann nicht mehr ganz so jung zu sein wie die, die ich zuvor in der Gruppe gesehen hatte, denn kleine Fältchen waren in seinen Augenwinkeln zu erkennen, als er die Augen zusammenkniff und auf das am Boden liegende Handy starrte.

Ehe ich mich nach meinem Handy bücken konnte war er geschmeidig in die Hocke gegangen und hatte er es bereits aufgehoben. Jetzt hielt er es in seiner Hand und sah auf das gesprungene Display.

„Das tut mir leid, Miss. Ich habe Sie leider nicht gesehen.“ Er sprach Englisch mit einem leichten asiatischen Akzent. Seine Stimme war tief und warm und ich bekam sprichwörtlich ein leichte Gänsehaut. Fasziniert sah ich den Mann wieder in seine schönen Augen und stotterte auf Englisch „Oh, das war nicht Ihre Schuld. Ich war in Gedanken und habe Sie auch nicht gesehen.“ Ich bemerkte selbst, dass ich etwas atemlos klang. Lag es an meinem Gespräch mit Kieran, dass ich so aus der Fassung war oder hatte der Typ vor mir die Wirkung?

Sein Lächeln unter der Maske konnte ich nur ahnen.

„Ich werde Ihnen das Handy ersetzen.“ Er griff in seine Manteltasche und zog eine Visitenkarte hervor. „Hier ist der Name meiner Firma. Bitte sagen Sie dort Bescheid an welche Adresse wir Ihnen ein neues Handy senden sollen.“

Geistesabwesend nahm ich die Karte aus seinen Händen entgegen und kurz berührten sich unsere Fingerspitzen. Ein elektrischer Schlag durchzuckte mich und erschrocken sah ich ihn an, ob er gerade das gleiche gefühlt hatte wie ich. Unbewegt sah er auf mich hinunter und so steckte ich die Karte ohne darauf zu sehen in meine Hosentasche. Seine Firma würde ich nicht kontaktieren. Es wäre mir peinlich auf diese Art ein neues Telefon zu bekommen, wenn ich genauso gut das Display reparieren lassen konnte, da der Unfall mein eigenes Verschulden war.

„Danke“ hauchte ich dann nur noch, aber der Mann hatte sich bereits umgedreht und verschwand durch eine Tür, die gekennzeichnet war für VIP-Gäste.

Einen kurzen Moment sah ich noch auf die Tür und zuckte dann mit den Schultern. Ich hatte nicht bemerkt, dass ich mein Telefonat fast die ganze Zeit vor dieser Tür gehalten hatte. Was ich ebenfalls nicht wusste war, dass der Raum zwar für mich nicht einsehbar war, aber man sehr wohl durch die Spiegelung hinaussehen konnte und mein Gespräch beobachtet worden war.

Kapitel 2

Im Flieger nach Seoul

Das Boarding wurde pünktlich durchgeführt und ich setzte mich nach kurzer Zeit auf meinen reservierten Platz am Gang im mittleren Bereich des Fliegers. Die beiden Sitze neben mir waren zurzeit noch frei und ich hoffte, dass das den gesamten Flug über auch so bleiben würde.

Gerade als ich dachte, dass sie tatsächlich unbesetzt bleiben würden, bat mich ein Mann mittleren Alters, der mit amerikanischen Akzent sprach, auf den Sitz neben mir Platz nehmen zu dürfen. Höflich stand ich auf und lies ihn durch. Halbwegs geschmeidig, trotz eines recht ausgeprägten Bauchs, der über seiner Anzughose zu sehen war, schlängelte er sich an mir vorbei und lies sich auf den Sitz gleiten. Ich bemerkte, dass er mich anschließend gründlich betrachtete und da ich ihn nicht weiter zu interessieren schien, rückte er auf den Sitz ans Fenster auf, so dass neben uns ein Platz frei war.

Erleichtert atmete ich auf. Auf einen Langstreckenflug neben einer mir völlig unbekannten Person zu sitzen empfand ich als unangenehm. Zwar war ich nicht schüchtern, doch lag es mir nicht, mit wildfremden Menschen unbefangen längere Zeit zu reden, zumal der Mann mir auf den ersten Blick nicht sonderlich sympathisch war. Es war mehr ein Gefühl als eine Ahnung, aber aus irgendeinem Grund hatte ich die Vermutung, dass es besser sei, Abstand zu ihm zu halten. Mir war bei dem Einstieg des Mannes ein leichter Alkoholgeruch aufgefallen und das machte mich generell vorsichtig gegenüber dem Menschen.

Nach der Einweisung des Servicepersonals in die routinemäßige Sicherheitsunterweisung setzte sich der Flieger langsam richtig Rollfeld in Bewegung. Leise schnarchende Geräusche sagten mir, dass mein Banknachbar den Start nicht bewusst erleben würde. Da es sich um einen Nachtflug handelte, war ich auch einem Schläfchen nicht abgeneigt und kuschelte mich in meine Kapuze, die ich immer noch auf dem Kopf trug und versuchte ebenfalls die Augen nach dem Start der Maschine zu schließen und zu schlafen.

Nach kurzer Zeit war ich eingeschlafen und schaltete mental meine Umgebung aus, allerdings wurde ich wieder wach, als ich eine ungewohnte Wärme an meiner linken Seite bemerkte und etwas, das mir gleichmäßig über meinen Oberschenkel strich. Verschlafen versuchte ich einen klaren Blick zu bekommen und bemerkte, dass mein Banknachbar einen Sitz zu mir aufgerückt war und an meiner linken Seite anlehnte. Seine rechte Hand lag auf meinem Oberschenkel und streichelte mein Bein, wobei seine Hand immer weiter Richtung Innenseite hinabglitt.

Ich fühlte, wie sich leichte Panik in mir breitmachte. Was war das für ein Perverser, der eine schlafende Frau anfasste? Entsetzt schlug ich auf seine Hand und schubste ihn mit aller Macht von mir weg.

„Hey, was soll das?“ fauchte mein Sitznachbar mich böse an. „Ich dachte du wärst meine Frau. Habe ja schließlich geschlafen“

Ich glaubte ihm kein Wort. Er sah mittlerweile nicht mehr böse, sondern eher lüstern aus. Ekelig! Wütend funkelte ich ihn an. Über so viel Frechheit blieb mir jede Erwiderung im Halse stecken. Zitternd stand ich auf und verließ meinen Platz, um in Richtung der Waschräume zu gehen. Neben so einem Schwein wollte ich nicht weiter sitzen bleiben. In der Zeit, in der ich geschlafen hatte, schien er seinen Alkohollevel aufgefüllt zu haben, wie ich anhand der leeren Flaschen vor ihm im Netz seines Sitzes erkennen konnte.

Die Stewardess sollte mir einen anderen Platz zuweisen. Es war ja nicht zumutbar, derart übergriffig angefasst zu werden.

Entschlossen machte ich mich auf die Suche nach einem der Flugbegleiter. Leider waren die Stewardessen nicht bei den Waschräumen zu finden, wie ich gehofft hatte. Da es mitten in der Nacht war vermutete ich, dass auch sie sich etwas ausruhten, zumal jetzt weder Getränke noch Essen serviert werden würden.

Ich drehte mich um und ging in die Richtung, der Business Class. Hier befanden sich meines Wissens nach weitere Toiletten und die Chance, eine Servicekraft zu finden. Auf keinen Fall wollte ich zurück auf meinen Sitzplatz und dem widerlichen Typen wieder treffen.

Auf meinem Weg durch den Gang und vorbei an den schlafenden Menschen in ihren Economy Sitzen konnte ich sehen, dass keine weiteren freien Plätze mehr vorhanden waren. Scheinbar war einer der wenigen freien Sitze der neben mir gewesen – wenn der übergriffige Mann sich nicht gerade darauf niedergelassen hatte.

Das Ende der Economyklasse hatte ich bereits erreicht und eine Tür trennte die Holzklasse von der Prestige-Class. Unsicher, ob ich die Tür öffnen konnte und den anderen Abschnitt betreten sollte, zögerte ich. Ich wollte nichts Verbotenes tun, aber mein Widerwille unverrichteter Dinge wieder zurück zu gehen war größer. Entschlossen öffnete ich die Tür und trat ein.

Die Sitze hier waren wesentlich größer und sahen auch erheblich gemütlicher und komfortabler aus. Auch schienen nicht alle Plätze belegt zu sein, denn ich entdeckte ein paar leere Sitzschalen. Auf einigen Sitzen lagen die Fluggäste zumeist schlafend und viele hatte eine Schlafmaske auf ihren Augen und waren in Decken gehüllt.

Einige saßen und lasen oder schauten auf ihre Handys. Aha, hier musste man die Telefone wohl nicht ausschalten. Mir war es egal, da meines ja sowieso nicht mehr funktionierte.

Gerade hatte ich die Mitte der Sitzreihen erreicht, als mir eine Stewardess entgegenkam. Freundlich lächelnd machte sie mir ein Zeichen, dass ich wieder zurück in meine Klasse zu gehen hätte. Ich nickte verstehend, gab ihr aber wiederum ein Zeichen, dass ich etwas Dringendes mit ihr zu besprechen hatte.

Sie schien mich verstanden zu haben und folgte mir zurück zur Business-Class. Hinter der Tür erklärte ich ihr meine Situation. Betroffen nickte sie und zeigte Verständnis, allerdings sagte sie mir das, was ich schon befürchtet hatte, nämlich, dass keine weiteren freien Sitzplätze zur Verfügung stehen würden. Dennoch würde sie versuchen, das Problem für mich bestmöglich zu lösen. So lange möge ich doch bitte hier auf sie warten.

Bereitwillig blieb ich in dem Zwischenraum stehen und wartete auf die Rückkehr der Flugbegleiterin. Nach kurzer Zeit kam sie freundlich lächelnd zu mir zurück und bot mir einen Sitzplatz in der Prestige-Class an. Erfreut nahm ich das Angebot eines kostenlosen Upgrades an und lies mich von ihr zu meinem neuen Sitzplatz führen.

Der Sitz neben mir war anscheinend besetzt, aber in diesem Moment war niemand auf dem Platz. In der Hoffnung, einen netteren Nachbarn für die restlichen 6 Stunden Flug zu bekommen, richtete ich mich etwas ein. Die Flugbegleiterin brachte mir noch meinen Rucksack von meinem vorherigen Platz und fragte mich freundlich, ob sie mir ebenfalls Schlafmaske und Decke bringen dürfe. Erfreut nahm ich das Angebot an und machte es mir bequem. Nach kurzer Zeit war ich eingeschlafen, ohne dass mein Nachbar aufgetaucht war.

Ich erwachte wieder, weil ich etwas Warmes, dieses Mal an meiner rechten Seite, spürte. Aber anders als zuvor war es mir dieses Mal nicht unangenehm und so zog ich mir vorsichtig meine Schlafmaske herunter und schielte auf den Sitz neben mir.

Ein hübscher junger Mann mit ungewöhnlich rosa gefärbten Haaren saß neben mir und hatte sich in seinen Sitz so gedreht, dass er bequem schlafen konnte. Sein Kopf ruhte an der Lehne, war aber im Schlaf weiter zu mir herüber gerutscht. Leise richtete ich mich auf und zog meine Kapuze vom Kopf, damit ich ihn genauer betrachten konnte.

Er hatte schräg stehende geschlossene Augen, eine perfekte gerade Nase, milchweiße Haut und einen wunderschön geschwungenen Schmollmund. Seine Ohren waren gepierct und er trug auffällige Ohrringe. Als ich ihn so betrachtete, gab er ein leise schnarchendes Geräusch von sich und ich musste ein Lächeln unterdrücken. Es war schwer zu sagen wie alt dieser junge Mann war, aber er war scheinbar jünger als ich. Obwohl es mir sehr schwer fiel, sein Alter zu schätzen, konnte er ebenso Anfang 20 Jahre wie auch Ende 20 Jahre alt sein. Sein Gesicht war absolut faltenlos und glatt und als Europäerin fiel es mir sehr schwer, asiatische Menschen altersmäßig einzustufen.

Ich warf einen letzten Blick auf den hübschen Jungen und drehte ihm dann den Rücken zu, um mich wieder in meine Decke zu kuscheln und weiter zu schlafen.

Als ich mich gerade leise wieder zurücklehnte, fiel mein Blick auf andere Sitzreihen, in der ebenfalls auffallend schöne junge Männer mit zum Teil unnatürlichen Haarfarben saßen. Einige von ihnen schliefen, während ein paar von ihnen auf ihre Handys sahen und scheinbar in sozialen Medien lasen.

Sollten das etwa die Jungs sein, hinter denen die Mädchen am Flughafen so hinterhergeschrien hatten? Innerlich zuckte ich mit den Schultern, denn ihre Gesichter kamen mir keineswegs bekannt vor. Allerdings kannte ich auch keine asiatischen Prominente. Mein Blick glitt zu der nächsten Sitzreihe direkt neben mir und mir stockte der Atem. Der Pullover und die Hose des Mannes, der auf dem Sitz auf der anderen Seite der Reihe saß, kam mir bekannt vor. Es war der Mann, mit dem ich am Flughafen zusammengestoßen war.

Er trug keine Maske mehr und hatte die Augen geschlossen. Er lehnte wie mein Sitznachbar bequem in seinem Sitz und schien zu schlafen. Ich betrachtete sein Gesicht und war fasziniert von dem, was ich sah. Er war sogar noch hübscher als mein rosagefärbter Sitznachbar, aber ganz offensichtlich auch etwas älter als die Jungs.

Seine langen Beine hatte der Mann weit von sich gestreckt und lässig übereinandergeschlagen, die Arme waren vor der Brust verschränkt. Deutlich konnte man sehen, dass er sehr trainiert war, denn seine Muskeln zeichneten sich unter dem dünnen Pullover ab. Mein Blick wanderte wieder zu seinem Gesicht zurück und erschrocken bemerkte ich, dass er seine Augen geöffnet hatte und meinen neugierigen Blick direkt erwiderte.

Er hatte, wie ich schon beim ersten Mal bemerkt hatte, wunderschöne dunkelbraune Augen, deren Blick ich nicht ausweichen konnte. Nervös strich ich mir eine Strähne meiner blonden Haare aus dem Gesicht, die sich aus meinem Dutt gelöst hatte. Ich sah bestimmt schrecklich aus, nachdem ich geschlafen hatte und meine Schlafbrille baumelte noch an meinem Hals. Sicherlich hatte sich mein Make-up im Gesicht verteilt und das machte mich noch nervöser. Eigentlich war ich nicht besonders eitel, aber unter dem Blick dieses schönen Mannes wollte ich möglichst vorteilhaft aussehen.

Damit er mein verschlafenes Gesicht nicht weiter ansehen konnte, drehte ich ihm den Rücken zu und zog mir die Decke bis zur Nasenspitze hoch. Unauffällig wischte ich mir den Schlaf aus den Augen und versuchte eventuelle Ränder von Mascara abzuwischen. Das Ergebnis sah bestimmt nicht toll aus, aber immer noch besser als Panda-Augen.

Mit einem Seufzer sah ich auf meine Uhr am Handgelenk und stelle fest, dass immer noch 5 Stunden Flug vor mir lagen. Oh man, und das zwischen all diesen hübschen und wie gerade vom Stylisten zurecht gemachten Menschen, dachte ich. Genervt zog ich die Decke wieder hoch und versuchte die Augen zu schließen um doch noch etwas Schlaf zu bekommen.

Tatsächlich war ich wohl wieder eingeschlafen, denn als ich dieses Mal wach wurde, war der Himmel in den Flugzeugfenstern nicht mehr schwarz, sondern Morgenlicht war zu erkennen. Erfreut richtete ich mich auf und stellte fest, dass mein rosafarbener Sitznachbar nicht mehr neben mir saß.

Ich hatte meine Decke im Schlaf herunter geschoben und sie hatte sich als Knäuel um meine Beine geschlungen. Mühsam pellte ich mich heraus und stand auf, da ich dringend die Waschräume aufsuchen musste. Erst jetzt fiel mir mein Nachbar auf der anderen Seite des Ganges wieder ein: der schöne Mann mit den faszinierenden Augen. Aber auch dieser Sitz war leer. Erleichtert nahm ich meine Handtasche in die Hand und machte mich auf den Weg zu den Nasszellen.

Scheinbar war ich nicht die Einzige, die ein dringendes Bedürfnis verspürte, denn vor den Waschräumen traf ich auf meinen rosafarbenen Nachbarn, der sich mit einem anderen Jungen mit blauen Haaren scherzhaft zu unterhalten schien. Als die beiden mich entdeckten, stieß mein Sitznachbar den Blauschopf unauffällig an – jedoch nicht so unauffällig, dass ich es nicht bemerkt hätte.

Irritiert betrachtete ich die beiden und fragte mich, warum sie sich gegenseitig auf mich aufmerksam machten.

Der Rosaschopf lächelte mich nun direkt an und mir blieb beinahe der Mund offenstehen. Sein Lächeln war jungenhaft und doch irgendwie atemberaubend sexy. Ich spürte, wie mir leichte Röte in die Wangen stieg und mein Herz flatterte. Was war denn das für eine Reaktion? Der Junge könnte mein kleiner Bruder sein! Zögerlich lächelte ich zurück und versuchte mich an den beiden vorbei zu drücken, ohne sie zu berühren. Ich hatte wirklich ein dringendes Bedürfnis, die Toilette aufzusuchen. Zum einem, weil die Natur das so wollte, und zum anderen um mein heißes Gesicht zu kühlen und wieder zu Sinnen zu kommen.

Zum Glück war die Waschkabine frei und nach einem kurzen Check meines Gesichts, einem flüchtigen Putzen meiner Zähne und nachdem ich meine Haare mit meiner kleinen Bürste aus meiner Handtasche kurz gebürstet hatte, ging ich zurück auf meinen Platz. Aus Gewohnheit band ich auf dem Weg die Haare zusammen und hatte das nicht in der engen Kabine getan. Als ich wieder an meinem Platz angelangt war sah ich, dass sowohl der schöne Mann als auch der rosahaarige Junge ihre Blicke auf mich gerichtet hatten und bei beiden Augenpaaren konnte ich einen ähnlichen Ausdruck erkennen: unverhohlenes Interesse.

Ich versuchte den Mann auf der anderen Seite des Ganges zu ignorieren, weil er mich am meisten verunsicherte und lächelte den Rosahaarigen neben mir freundlich an. Dieser erwiderte mein Lächeln wieder mit einem umwerfenden charmanten Grinsen, das sofort wieder dieses Flattergefühl in meiner Brust verursachte.

„Hi“ sprach ich ihn auf Englisch an. „Ich bin Lisanne.“ Freundlich hielt ich ihm meine Hand zum Gruß entgegen. Er sah hinunter und schien kurz überrascht zu sein. Gerade, als ich sie wieder zurückziehen wollte umfasste er meine mit seiner deutlich größeren Hand und drückte sie vorsichtig.

„Hi Lisanne, ich bin Taemin.“ Seine Stimme hatte einen sanften Baritonklang und verursachte mir ein Prickeln auf der Haut. Was war das nur mit diesen asiatischen Männern?

„Hi Taemin. Kommst Du aus Korea?“ fragte ich neugierig.

Er stutzte kurz und sah mich abschätzend an. „Du kennst mich nicht?“ fragte er, als wenn es selbstverständlich wäre, dass man seinen Namen überall auf der Welt bereits gehört hätte. Ich lachte leise auf. „Ehrlich gesagt nicht, aber ich hoffe, dass ich dich damit nicht beleidigt habe. Ich fliege das erste Mal nach Korea und war zuvor noch nie in Asien. Ich kenne also niemanden, der aus deinem Land kommt.“

Taemin grinste jetzt plötzlich ein freches Lächeln – nicht mehr so sexy und kontrolliert und wie ich jetzt bemerkte, viel ehrlicher. Scheinbar war das andere Lächeln gezielt für die weibliche Bevölkerung bestimmt gewesen und hatte bei mir auch die gewünschte Wirkung erzielt.

„Und dann lernst du gleich mich kennen. Das nenne ich Glück – für dich oder für mich, das wird sich vielleicht noch zeigen.“

Ich musste grinsen, denn seine Worte waren schon recht strotzend vor Selbstbewusstsein. Bei seinem Aussehen konnte er sich diese Arroganz wohl leisten, dachte ich. Dieser Junge war irgendwie unkompliziert. Er machte zwar auf den ersten Blick einen arroganten Eindruck, jedoch schien ihm der Schalk im Nacken zu sitzen und es machte mir einfach Spaß, ihn anzusehen.

Gerade, als ich überlegte, worüber ich mich mit ihm weiter unterhalten könnte, drehte sich von den Sitzen vor uns ein anderer junger Mann mit offensichtlich blond gefärbten Haaren zu uns um. Er saß rittlings auf dem Stuhl und hatte sich gegen die Sitzlehne mit verschränkten Armen zu uns runter gebeugt.

„Hey Tae, hast du schon wieder eine Eroberung gemacht?“ Der Blonde beäugte mich neugierig und ich stellte fest, dass er fast genauso attraktiv war wie Taemin war. Dieser ergriff spontan meine Hand und hielt unsere verschränkten Finger hoch. „Ja, morgen ist Hochzeit“ lachte er.

Peinlich berührt versuchte ich mich zu befreien, aber er hielt meine Hand weiterhin fest und legte auch noch seine zweite über meine, so dass ich praktisch gefangen war. Dieses war sicherlich ein Spaß unter den Jungs, den ich nicht verstand, zumal der schöne blonde Junge vor mir kurz auf unsere verschränkten Hände sah und dann ein etwas erstauntes Lachen von sich gab.

„Hey, du kommst aus Deutschland, oder? Ich bin Sunny“ Er streckte mir seine Hand entgegen und so befreite ich mich aus dem Griff von Taemin – wenn auch leises Bedauern dabei war. „Hallo Sunny, ich bin Lisanne. Ein Flüchtling aus der Business-Class.“ Fragend sahen beide Jungs mich an. „Wieso Flüchtling?“ fragte Taemin interessiert.

„Ach, ich hatte dort keinen Platz mehr und da hat man mir freundlicher Weise einen hier angeboten.“ Ich wollte ihnen nichts von meiner Begegnung mit dem fiesen Grabscher erzählen.

„Ein Glück für uns“ sagte Sunny. „Hier sind nur die ewig gleichen langweiligen Gesichter.“

Neben ihm schien ein weitere der Jungs wach zu werden, denn ich sah eine Faust mit verminderter Kraft auf Sunny Oberarm landen und eine Stimme fragen „Wer ist hier langweilig? Ich bin viel hübscher als du. Also bist du wohl das langweilige Gesicht?“ Plötzlich tauchte neben Sunny ein weiterer Kopf auf.

Oh man, waren Koreas Models alle gemeinsam unterwegs? Der neue Junge hatte keine gefärbten Haare, dafür aber einen Wuschelpony, der ihm tief in die Stirn hing. Er trug eine Mund-Nasen-Maske, die er sich unter das Kinn geschoben hatte und sah ansonsten genauso schön aus, wie die anderen beiden, wahrscheinlich sogar noch attraktiver, da seine feinen Gesichtszüge und die glatte, absolut reine Haut keinerlei Makel aufwiesen und einfach perfekt erschienen.

Alle sprachen englisch, so dass ich sie verstehen konnte. Allerdings wechselten Sunny und der Dunkelhaarige jetzt ein paar Worte in ihrer Sprache – ich vermutete, dass es sich hier um koreanisch handelte. Taemin warf einen Blick auf mich und mischte sich in das Gespräch mit ein. Da ich nicht verstehen konnte, was sie beredeten, versuchte ich aus der Tonlage herauszuhören, worum es ging, konnte aber leider keine Rückschlüsse ziehen. Lediglich einzelne mir zugeworfene Blicke deuteten darauf hin, dass es in dem Gespräch irgendwie um mich ging. Ich lauschte dem angenehmen Klang ihrer schönen Stimmen und bemerkte, dass ihre Sprache mir ein absolutes Rätsel war, da ich nicht ein einziges Wort ableiten konnte. So wartete ich, bis sie ihre Unterhaltung beendet hatten und mein Blick wanderte von einem Rosafarbenen, zu einem Blonden und einem Braunen Kopf und blieb wieder bei dem rosa gefärbten hängen.

Taemin war trotz der Schönheit des Braunschopfs in meinen Augen der Attraktivste von ihnen, stellte ich fest und als dieser meinen Blick auf sich ruhen sah, warf er mir ein verschmitztes Lächeln zu und zwinkerte auffällig mit einem Auge mir zu. Ertappt senkte ich meinen Blick und sah zur Seite, wo ich nun wieder den attraktiven älteren Asiaten auf seinem Sitz sah. Er hatte sich von uns abgewendet, allerdings hatte ich das Gefühl, dass er unserem Gespräch und dem der Jungs sehr wohl folgte.

Merkwürdiger weise klopfte mein Herz bei seinem Anblick noch um einiges schneller, als bei dem der jüngeren Männer und ich drehte mich schnell wieder zurück zu meinen Gesprächspartnern, um mich nicht fragen zu müssen, warum das so war.

Sunny und der Dunkelhaarige setzten sich nach ihrer Diskussion wieder zurück auf ihre Plätze und ließen Taemin und mich alleine. Fragend sah ich ihn an und er lächelte ein etwas verlegenes Lächeln, wobei seine Augen schalkhaft blitzten

„Ich habe ihnen gesagt, dass ich deine Gesellschaft nicht mit ihnen teilen möchte.“

Erstaunt fragte ich „Hast du hier also das Sagen? Und wenn ich mich gerne mit ihnen unterhalten möchte?“ provozierte ich scherzhaft.

Selbstbewusst schüttelte er den Kopf, so dass seine rosa Haare flogen und zerzaust auf seinem Kopf zum Liegen kamen. Er schien meinen Blick zu bemerken und fuhr sich mit seiner Hand durch die Haare und zupfte sich seine Frisur wieder zurecht.

„Glaube mir, ich bin völlig ausreichend als Unterhaltung.“ Ein leicht anzüglicher Unterton schwang dabei in seiner Stimme mit und ich musste unwillkürlich leise Lachen.

„Mutest du dir da nicht vielleicht zu viel zu?“ flirtete ich bereitwillig mit.

„Ich weiß nicht, ich kenne keine Europäerinnen. Aber du kennst ja auch keine Asiaten, hast du gesagt. Das ist doch schon mal eine interessante Voraussetzung.“

„Voraussetzung wofür? Ein Gespräch im Flugzeug?“ Ich sah auf meine Uhr „In ca. 3 ½ Stunden trennen sich unsere Wege.“

„Wenn du in 3 ½ Stunden nicht völlig von mir begeistert bist, dann müssen wir das irgendwann am Boden weiter vertiefen.“

Dieses Mal lachte ich laut heraus, so dass der blonde Kopf von Sunny wieder über dem Rand seines Sitzes erschien und er uns interessiert ansah. Taemin warf ihm einen gespielt bösen Blick zu und sagte ein paar koreanische Worte und Sunny zuckte belustigt mit den Schultern und verschwand wieder auf seinem Sitz.

Taemin und ich plauderten noch eine ganze Weile weiter und unterhielten uns über die Vorteile von Europa und Asien, ihren Bewohnern, Eigenarten die beide Bewohner der Kontinente hatte und vieles mehr. Die Themen Musik, Kunst und Tiere wurden ebenfalls abgedeckt, aber was wir beide jedoch in unseren Gesprächen vermieden, war unser Privatleben. Ich erfuhr zwar, dass er 26 Jahre alt war und dass er ebenso wie ich Schwierigkeiten hatte, mein Alter einzuschätzen. Er war erstaunt, dass ich zwei Jahre älter war als er, denn auch für ihn war es nicht einfach, eine Europäerin altermäßig einzuordnen.

Ich stellte fest, dass Taemin sehr interessiert an Kunst war, dass er ebenso wie ich keinen Unterschied bei der Liebe zu Hunden und Katzen machte und dass er ebenso wie ich am liebsten ein Haustier hätte, sich das aber aus zeitlichen Gründen nicht leisten könnte.

Hin und wieder kam jemand von seinen Freunden bei uns vorbei und fragte etwas, aber Taemin schickte sie nach einer kurzen Antwort jedes Mal wieder weg. Tatsächlich vergingen die verbliebenen 3½ Stunden neben Taemin rasend schnell und ich war ihm zwar nicht verfallen, aber dennoch hatte ich nach dieser Zeit das Gefühl, einen Freund dazu gewonnen zu haben.

Als wir uns im Landeanflug befanden schien er kurz mit sich zu ringen.

„Ich möchte dich gerne auch am Boden wiedersehen, Lisanne. Wäre das für dich in Ordnung? Würdest du dich mit mir treffen?“ seine Frage war vorsichtig gestellt worden und ich merkte, dass es ihm wirklich wichtig war, ob ich zusagen würde.

„Da ich noch nicht völlig von dir begeistert bin, müssen wir uns wohl wirklich noch einmal treffen“ griff ich seine Worte von zuvor wieder auf und lächelte ihn an.

Taemin schien über meine Antwort erfreut zu sein, denn seine Augen leuchteten erwartungsvoll auf. „Okay, dann gebe ich dir meine Handynummer und du meldest dich, wenn du gut angekommen bist, ja?“ Ich nickte zustimmend bis mir wieder einfiel, dass mein Handy nicht mehr funktionierte.

„Oh, na, dann schreibe ich dir die Nummer auf und wenn du wieder erreichbar bist, dann schickst du mir eine Nachricht.“ Taemin zog aus seiner Hosentasche einen Kugelschreiber heraus und ehe ich wusste, wie mir geschah, nahm er meinen Arm, schob den Ärmel meines Sweatshirts hoch und schrieb mit dem Stift auf meinen Unterarm seine Telefonnummer.

„Am besten gibst Du mir deine auch. Dann kann nichts schiefgehen.“ Erwartungsvoll sah er mich an und hielt mir seinen Arm zum Beschreiben ebenfalls entgegen. Ich sah auf seine kräftigen Unterarmmuskeln und schluckte. Vorsichtig hielt ich seinen Arm mit einer Hand fest und schrieb ihm ebenfalls meine Nummer auf die nackte Haut.

Wann hatte ich zuletzt einen Mann angefasst? Selbst Kieran hatte ich schon lange nicht mehr berührt und Taemins warme Haut fühlte sich gut an, so dass ich am liebsten neben meiner Telefonnummer noch sämtliche andere Daten die ich kannte auf seinen Arm geschrieben hätte. Leider setzte das Flugzeug bereits zur Landung an und bedauernd sah Taemin mich an.

„Wir trennen uns leider jetzt gleich. Unser Check-In und Check-Out wird separat von den anderen Fluggästen im koreanischen Flughafen vorgenommen und dann fahren wir auch gleich gemeinsam zu unserem Termin.“

Verstehend nickte ich. Sie waren wohl Prominente, die eine bevorzugte Behandlung erhielten. Ich hatte immer noch nicht gefragt, welche Art von Prominenz sie sind, vermutete aber, dass sie entweder Schauspieler oder Sänger oder Models waren. Allerdings war mir die Art ihrer Arbeit auch egal. Taemin war einfach ein wirklich netter und gutaussehender Fluggast gewesen, der mir die Zeit im Flugzeug auf angenehmste Art und Weise vertrieben hat.

Nach der Landung stand Taemin und seine Freunde auf. Jeder hatte sich wieder seine Gesichtsmaske aufgesetzt und einige hatten über ihre auffälligen Haare eine Mütze oder ein Base Cap gesetzt. So auch Taemin, der neben einer modischen Mütze auf dem Kopf eine Gesichtsmaske unter dem Kinn hängen hatte.

„Darf ich dich zum Abschied kurz umarmen, Lisanne? Ich habe ja jetzt erfahren, dass das bei euch Europäern unter Freunden üblich ist.“ Er grinste mich schelmisch an, da er mir erzählt hatte, dass Körperkontakt zwischen zwei verschiedenen Geschlechtern in Korea nur in festen Beziehungen erwünscht ist.

Verlegen nickte ich und sah zu ihm hoch. Als ich aufstand, zog mich Taemin in seine Arme und drückte mich an sich. Sunny und ein paar von den anderen Jungs sahen uns überrascht an, doch Taemin nahm die Gelegenheit wahr und umarmte mich noch etwas fester. Er war um einiges größer als ich und in seiner Umarmung kam ich mir plötzlich klein und zart vor. Ich sog den Duft seines teuren Rasierwassers ein und genoss die menschliche Wärme, die von ihm ausging, so dass plötzlich bei mir ein leichtes Flattern in der Bauchgegend einsetzte. Er hauchte mir einen leichten Kuss auf die Wange und ich spürte, dass sich mein Gesicht rötete. Dort, wo seine Lippen mich berührt hatten, prickelte die Haut und das Flattern in der Bauchgegend wurde zu einem kleinen Wirbelsturm.

„Küssen ist bei den Franzosen ein Muss“ flüsterte er mir verrucht ins Ohr. Da er mich nicht wieder loszulassen schien, drückte ich ihn vorsichtig von mir weg, um meine Gefühle schnellstens wieder in den Griff zu bekommen. „So, das reicht auch unter Freunden.“ Sagte ich etwas atemlos und Taemin sah mich mit einem amüsierten Lächeln an und griff sich seine Tasche von seinem Sitz.

„Vergiss nicht, dich bei mir zu melden. Ich warte nicht gerne und werde dich nerven, bis du mir schreibst.“

Ha, dachte ich, aus den Augen aus dem Sinn. Wahrscheinlich hast du mich schon auf der Treppe des Flugzeuges wieder vergessen.

Innerlich scholl ich mich für diesen Gedanken, aber ich hatte die Befürchtung, dass Taemin zwar ein lieber Mensch, aber auch ein Luftikus sein könnte.

Zumindest war er nicht unerfahren wenn es darum ging, mit einem Mädchen zu flirten, dachte ich. Man würde sehen, wohin die Reise ging. Jetzt war ich erst einmal in Seoul gelandet und musste sehen, wie es für mich weitergehen würde.

Als ich mich umdrehte und meine Decke zusammen packen wollte fiel mein Blick wieder auf den gutaussehenden Mann in der Reihe neben mir. Er hatte sich ebenfalls angezogen und eine Gesichtsmaske übergestreift. Als schien er meinen Blick zu bemerken drehte er sich zu mir um und sah mich direkt an. Ich konnte den Ausdruck seiner Augen nicht genau deuten, war aber der Meinung, etwas wie Unmut darin sehen zu können.

Innerlich seufzend wandte ich mich ab und sah gerade noch, wie Taemin samt seinen Freunden überfreundlich von den Flugbegleiterinnen verabschiedet wurden. Der schöne Sitznachbar hatte sich der Gruppe angeschlossen und verließ zusammen mit den Jungs das Flugzeug. Ob er dazu gehörte, oder es ein Zufall war, dass sie zusammengingen, konnte ich nicht ausmachen.

Innerlich mit den Schultern zuckend wartete ich, bis auch für mich die Zeit des Ausstiegs kam und dachte an das, was wohl auf mich in dem kommenden Jahr zukommen würde.

Kapitel 3

Überraschender Start

Zusammen mit den anderen Fluggästen verließ ich das große Flugzeug und ging den Gateway entlang. Vom Ausstieg, über die Kontrolle bis zum Ausgang legte ich gefühlt mehrere Kilometer Wegstrecke zurück. Glücklicherweise waren Laufbänder in der Mitte der Gänge installiert, so dass man hier schneller vorankam. Anschließend ging es durch das riesige Ankunftsgebäude vorbei an Designerläden, Shops und Schnellrestaurants.

Meinen Koffer hatte ich zwischenzeitlich ebenfalls in Empfang genommen und war sehr froh, dass er zusammen mit mir sicher in Seoul gelandet war.

So schwer beladen zog ich mein Gepäck zum Ausgang und hoffte, dass ich hier gleich ein Taxi finden, dass mich in die Stadt bringen würde. Für meine ersten Nächte hatte ich eine Unterkunft in einer Art Hostel reserviert und mir die Adresse vor dem Abflug grob angesehen. Das Hostel sollte relativ zentral in der Stadtmitte gelegen sein und ich plante von dort aus meine nächsten Schritte zu unternehmen.

Zuhause in Deutschland hatte ich mich eher ungenügend auf den Trip vorbereitet. Da ich lediglich schnell aus meinem Heimatland hinaus und weg von Kieran wollte, war mir nicht wirklich klar gewesen, was ich in Südkorea eigentlich machen sollte. Ich sprach weder koreanisch, noch hatte ich eine genauere Ahnung von dem Land. Es war also ein totales Abendteuer. Genau das, was ich eigentlich jetzt brauchte, dachte ich mir. Erst einmal angekommen, wollte ich mir einen Job suchen, allerdings war mir nicht wirklich klar, was man ohne Sprachkenntnisse überhaupt hier machen konnte.

Mittlerweile stand ich vor dem Flughafengebäude in Incheon im Eingangsbereich und sah mir den Betrieb vor der Ankunftshalle in Ruhe an. In Deutschland war es herbstlich kühl gewesen, aber hier lag die Temperatur in etwa 10 Grad höher als bei uns. Der Himmel war wolkig und grau. Durch die Zeitverschiebung von 7 Stunden war es mittlerweile Mittag und die Sonne versteckte sich irgendwo dort oben am Himmel. Ich sah hinauf und war erstaunt, dass ich innerhalb eines halben Tages viele Tausend Kilometer von zu Hause entfernt war. Was würde mir der Start in mein neues Leben wohl bringen? Vorerst konnte ich mit meinem ersparten Geld ein paar Tage leben, aber dann wurde es Zeit für mich, eine Arbeit zu finden und Geld zu verdienen.

Meine ehemalige Firma hatte Kontakte nach Seoul gehabt, weshalb ich überhaupt erst auf die Idee gekommen war, hierher zu reisen. Allerdings hatte ich meine Stellung in meiner alten Firma gekündigt und somit auch die Brücke zu der Geschäftsbeziehung nach Seoul abgebrochen. Über die nähere Zukunft würde ich mir erst weitere Gedanken machen, wenn ich mich mit der Stadt etwas besser vertraut gemacht hatte. Vorerst wollte ich als Touristin unterwegs sein, bevor ich mich wieder in das Arbeitsleben stürzen würde, hatte ich mir vorgenommen.

Da mir in meiner Jacke langsam warm wurde, zog ich sie aus und band sie etwas umständlich um meine Hüfte. Hierfür hatte ich kurz meine Handtasche über den Kopf gezogen und ohne darüber nachzudenken auf meinem Koffer abgelegt. Dazu musste ich sie kurz aus meinen Augen lassen und als ich mich wieder umdrehte, lief mir ein eiskalter Schauer über den Rücken: Meine Handtasche war verschwunden!

Hecktisch suchte ich neben dem Koffer, ob sie vielleicht heruntergefallen war, doch auch dort war sie nicht. Das konnte ja wohl nicht wahr sein! Ich hatte sie lediglich 1 Sekunde aus den Augen gelassen! Verzweifelt drehte ich mich in alle Richtungen, als würde sie von alleine plötzlich 1 Meter neben mir auf dem Gehsteig wiederauftauchen, doch natürlich lag dort meine Tasche auch nicht. Plötzlich sah ich eine Gestalt, die schnellen Schrittes auf ein dunkles Auto zuging, die Tür öffnete und dort einstieg. Beim Einsteigen sah ich noch kurz, wie er meine Handtasche in seinen Händen hielt und schon brauste das Auto davon!

Verzweifelt schrie ich hinter dem Auto her, so dass die anderen Gäste des Flughafens mich neugierig betrachteten. Da aber wohl niemand meine wütenden und panischen deutschen Worte verstand, bot mir auch niemand Hilfe an.

Mein gesamter Besitz war soeben von einem Taschendieb gestohlen worden. Alles, was ich an wertvollen Dingen hier in Korea besaß befand sich in dieser Handtasche! Meine Papiere, mein Geld, meine Kreditkarte … meine Kontaktadresse! Fiel es mir noch siedend heiß ein. Was sollte ich denn jetzt nur tun? Die Polizei würde mir sicherlich auch nicht helfen können und eine Anzeige brachte mir die Tasche nicht wieder zurück.

Hilflos rollten mir Tränen über die Wange. Jetzt stand ich hier auf dem Flughafen, hatte noch nicht einmal einen Schritt in mein neues Leben getan und war schon am Ende. Das durfte doch alles nicht wahr sein! Immer heftiger steigerte ich mich in meine Wut und Verzweiflung hinein und wischte mir die Tränen von den Wangen. Mein Kopf war wie leergefegt. Zu einem vernünftigen Gedanken war ich nicht fähig, denn immer wieder lief vor meinem inneren Auge das Bild ab, dass meine Handtasche bestimmt noch da sein müsste. Wie konnte ich nur so dumm sein und sie aus den Augen gelassen haben? Ich ärgerte mich so über mich selbst, dass immer weiterer Nachschub an Tränen über mein Gesicht liefen.

Ein Auto hielt direkt vor mir am Straßenrand an und warf einen dunklen Schatten auf meinen Koffer und mich. Da ich so mit mir und meinem Selbstmitleid beschäftig war, sah ich erst mit tränenblinden Augen hoch, als ein paar polierte schwarze Schuhe direkt vor mir stehen blieben.

„Was ist passiert?“ fragte mich eine samtige Stimme mit einem koreanischen Akzent in Englisch, die mir irgendwie bekannt vorkam. Ich blinzelte ein paar Mal und erkannte, dass es mein gutaussehender Sitznachbar aus dem Flugzeug war, der mir zur Hilfe gekommen war. Nicht Taemin, sondern der Mann, mit dem ich zuvor in der Abflughalle zusammengestoßen war stand vor mir und sah mich mit einem besorgten Gesichtsausdruck an.

„Mir wurde eben meine Handtasche gestohlen“ schniefte ich durch meine Tränen hindurch. „Jetzt ist alles weg“ weinte ich wie ein kleines Mädchen weiter. Zu allem Übel bekam ich jetzt auch noch einen Schluckauf und hickste zwischen den Worten. Ich schämte mich, so verquollen hier auf meinem Koffer zu sitzen, aber dennoch war ich froh, wenigstens ein oberflächlich bekanntes Gesicht zu sehen.

Der Mann ging plötzlich in die Hocke, so dass sein Gesicht in etwa auf meiner Höhe war. Sanft legte er beruhigend seine Hand auf meine Schulter.

„Haben Sie hier Kontakte in Seoul, an die Sie sich wenden können oder darf ich Sie zur Botschaft fahren?“

Erstaunt über sein Mitgefühl mit einer völlig fremden verheulten Person und sein freundliches Angebot hörend, sah ich ihn an und vergaß zu weinen.

„Das würden Sie für mich tun?“ fragte ich etwas atemlos. „Aber Sie kennen mich doch gar nicht.“

Er legte seinen Kopf etwas schief und ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen.

„Einer Frau in Nöten sollte kein Mann einfach sitzen lassen.“

Er umfasste meinen Oberarm und zog mich von meinem Koffer hoch. Direkt vor ihm stehend bemerkte ich, dass er mindestens genauso groß wie Kieran war und wie ich im Flugzeug bereits festgestellt hatte, sehr muskulös und überaus gutaussehend.

Verlegen wischte ich mir meine nun versiegten Tränen aus dem Gesicht und sah zu ihm hoch.

„Meine Kontaktadresse war auch in meiner Tasche.“ Gab ich zu und kam mir dumm vor, dass ich alles in die Tasche getan hatte. Normalerweise war ich viel vorsichtiger und verteilte meine Schätze auf verschiedene Teile des Gepäcks, aber irgendwie war mein Kopf wohl dieses Mal nicht so richtig beim Packen dabei gewesen.

Der Mann öffnete die Beifahrertür seines Autos und nahm mir meinen Koffer ab. Er zog ihn zum Kofferraum und lud ihn ein. Noch bevor ich in dem Auto Platz genommen hatte kam er wieder zurück, drückte mich auf den Beifahrersitz und schloss die Tür für mich.

Jetzt saß ich in seinem Auto, in einer fremden Stadt, neben einem mir völlig fremden Mann, dessen Namen ich noch nicht einmal kannte. Als er eingestiegen war, betrachtete ich ihn und stellte fest, dass ich es weitaus schlimmer hätte mit meinem Retter treffen können. Allerdings war es auch unglaublich leichtsinnig von mir, zu einem mir völlig Fremden vertrauensvoll in Auto einzusteigen. Ich hoffe auf mein Glück im Unglück.

Sein Auto war überaus luxuriös und edel ausgestattet. Es passte rein optisch zu seinem Besitzer und sah genauso sportlich aus. Ich kannte mich mit Automarken nicht wirklich aus, konnte aber auf dem Lenkrad ein Pferd erkennen.

Plötzlich beugte der Mann sich über mich und ich erschrak. Was hatte er vor? Er musste die Angst in meinem Blick gesehen haben, denn er lächelte mich beruhigend an und zog vorsichtig den Sicherheitsgurt um mich herum.

„Ich wollte Sie lediglich anschnallen“ sagte er leise und ich kam mir unglaublich ungebildet vor. Wahrscheinlich gehörte das zu seinem Gentleman Verhalten wie das Öffnen und Schließen der Autotür dazu. Verlegen zupfte ich an meinem Sweatshirt herum, das so gar nicht zu der edlen Ausstattung des Autos und zu seinem Fahrer passen wollte.

„Danke schön“ murmelte ich und drückte mich etwas tiefer in meinen Sitz.

Mein Fahrer startete den Motor und fuhr uns vom Flughafengelände Richtung Schnellstraße City. Grübelnd saß ich neben dem schweigsamen Mann und schrak zusammen, als er plötzlich sprach.

„Mir ist eben ein Gedanke gekommen.“ Begann er das Gespräch. Interessiert sah ich ihn an, doch er richtete konzentriert seinen Blick weiter auf die Schnellstraße.

„Was halten Sie davon, wenn ich Ihnen vorerst eine Unterkunft und wenn Sie möchten auch eine Arbeit zur Verfügung stelle?“

Überrascht holte ich Luft. „Wie kommen Sie darauf? Woher wissen Sie, dass ich beides suche?“