Beschreibung

Was ist eine moderne Heldin? Zwölf junge ZEIT-Autorinnen machten sich auf die Suche nach eindrucksvollen Frauen der jüngeren Vergangenheit und fanden Persönlichkeiten, die in ihrer Zeit Ungewöhnliches leisteten und die die engen Grenzen ihrer Geschlechterrollen aufbrachen. Doch nicht immer waren sie dabei erfolgreich. Ihre Lebensgeschichten erzählen auch vom Scheitern, von der Einsamkeit oder von der Vereinnahmung durch Ideologien. Gemeinsam ist allen Porträtierten, dass sie sich über die in sie gesetzten Erwartungen hinwegsetzten. Sie legten gewaltigen Mut an den Tag, waren von starkem Willen und bewundernswerter Entschlossenheit. Deshalb beeindrucken sie uns noch heute, auch wenn manche von ihnen in Vergessenheit geraten sind. Die Porträts im Einzelnen: Walentina Tereschkowa (Astronautin), Katharina von Oheimb (Abgeordnete), Gerda Taro (Kriegsreporterin), Ada Lovelace (Programmiererin), Käte Ahlmann (Unternehmerin), Maria Mitchell (Astronomin), Enid Blyton (Kinderbuchautorin), Simone Weil (Philosophin), Martha Gellhorn (Reporterin), Marga von Etzdorf (Pilotin), Gabriele Tergit (Gerichtsreporterin), Witwe Clicquot (Champagnerfabrikantin) Unser Extra: Exklusiv im E-Book haben wir für Sie Buchempfehlungen zur Hintergrundlektüre zusammengestellt, falls Sie mehr über eine der zwölf Vorkämpferinnen erfahren möchten.

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Seitenzahl: 129

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Beliebtheit


Einleitung

Was ist eine moderne Heldin? Das haben sich zwölf junge ZEIT-Autorinnen gefragt, als sie auf die Suche gingen nach eindrucksvollen Frauengestalten der jüngeren Vergangenheit, des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie suchten nicht nach Siegerinnen oder Heiligen – lieber recherchierten sie die Lebensgeschichten von Vorkämpferinnen und Pionierinnen, die zu Unrecht vergessen sind.

Die Biografien der meisten in dieser Ausgabe porträtierten Frauen sind keine Erfolgsgeschichten. Ihre Lebenswege sind krumm und bucklig, und nicht wenige enden in der Katastrophe. Einige ließen sich von Ideologien vereinnahmen und instrumentalisieren, andere wurden verachtet oder verzweifelten an der Welt. Fast alle waren einsam, manche starben früh. Aber es gibt auch die, die alt und reich wurden.

Gemeinsam aber ist den Frauenfiguren eines: Sie machten etwas ganz anders als ihre Geschlechtsgenossinnen. Ob sie fotografierten oder flogen, ob sie in die Sterne guckten oder in den Krieg zogen, ob sie sich ins All schießen ließen oder Champagner herstellten – alle sprengten sie die engen Grenzen ihrer Geschlechterrolle, legten gewaltigen Mut an den Tag, wurden getrieben von starkem Willen und bewundernswerter Entschlossenheit. Deshalb beeindrucken sie uns noch heute.

Sie haben sich behauptet, haben Schneisen geschlagen durch die frauenverachtende Welt, in der sie lebten, und haben den folgenden Generationen neue Wege gebahnt. Rücksichtslos gegen sich selbst – und manchmal auch gegen die anderen –, folgten sie dem Ziel eines selbstbestimmten Lebens in einer Zeit, in der Freiheit stets die der Männer war. In unserer zwölfseitigen Serie entsteht ein ganzes Panoptikum, ein spannender Bilderbogen über zweihundert Jahre Frauengeschichte.

Sabine Rückert, stellvertretende Chefredakteurin der ZEIT

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Allein im All Walentina Tereschkowa war die erste Frau im Weltraum. Ein Leben zwischen Kosmos und Kommunismus

Sie nahm sich, was sie wollte Katharina von Oheimb gebar sechs Kinder, verschliss vier Ehemänner, leitete drei Fabriken und zog ins Parlament ein

Das Auge der Freiheit Gerda Taro war die erste Frau, die im Krieg fotografierte. Sie starb als Kämpferin für Spaniens Republik – und geriet doch in Vergessenheit

Ada und der Algorithmus Ada Lovelace war die erste Programmiererin, noch bevor der Computer erfunden wurde. Ihre Aufzeichnungen inspirieren bis heute

Voll Frau, voll Chefin Käte Ahlmann räumte alle Männer aus dem Weg, bis sie die Alleinherrscherin über Norddeutschlands größtes Stahlwerk war

Sie griff nach den Sternen Frauen durften nicht durch große Teleskope gucken. Die Astronomin Maria Mitchell tat es doch. Und wurde weltberühmt

Es geht auch ohne Erwachsene Millionen Kinder haben die »Hanni und Nanni«-Bücher verschlungen. Jetzt besuchten wir Enid Blytons Schule: Das Vorbild für ihre Internatsgeschichten

Keine Kompromisse machen! Die Philosophin Simone Weil suchte die Wahrheit. Ihre Radikalität ist erschreckend – und bewundernswert

Arbeit und Show Nur im Krieg fühlte die amerikanische Reporterin Martha Gellhorn sich zu Hause. Glücklich hat sie das nicht gemacht

Der Flug ist das Leben wert Sie war eine der ersten deutschen Pilotinnen. Und sehr erfolgreich. Doch Marga von Etzdorf nahm sich das Leben. Warum?

Ein Prozess spiegelt die Welt Gabriele Tergit war die erste Gerichtsreporterin. Weil sie Ungerechtigkeiten beschrieb, musste sie vor den Nazis fliehen

Die Freiheit des Nicht-Gefallens Die Witwe Clicquot trank gern und viel Champagner und war eine der erfolgreichsten Frauen des 19. Jahrhunderts – ein großartiges Leben, frei von allem Frauen-Klimbim

Lektüretipps

WALENTINA TERESCHKOWA – KOSMONAUTIN

Allein im All

Walentina Tereschkowa war die erste Frau im Weltraum. Ein Leben zwischen Kosmos und Kommunismus

VON NINA PAUER

Ein Mann, eine Frau, Funkstille. In der Leitung nichts als kaltes Rauschen, der Ton kommt aus Hunderten Kilometern Entfernung.

»Hören Sie mich?« –

»Ich kann Sie hören!«

Erleichterung in beiden Stimmen, Dauergrinsen in seinem Gesicht, als ihres flackernd auf dem Bildschirm erscheint.

Was wie das erste Skype-Date zweier sich merkwürdig siezender Verliebter klingt, ist tatsächlich ein hochpolitischer Funkverkehr, ein Protokoll, das Weltgeschichte schreiben wird.

Der Mann, der aufgekratzt in seinen Telefonhörer ruft, heißt Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, Erster Sekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Oben, im All, in eine zwei Meter große Kapsel eingequetscht, verkabelt und behelmt, liegt Walentina Wladimirowna Tereschkowa. Sie ist die erste Frau im Weltraum, die einzige Kosmonautin der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, die nach Monaten harten Trainings in den Orbit katapultiert wurde.

Es ist der 16. Juni 1963. Wie der höchste Punkt einer Linie, die sich in Form eines Bogens über ihr Leben spannt, erscheint dieser Tag in der Biografie von Walentina Tereschkowa, an dem sie ihrem Staatschef aus dem All meldet, dass ihre historische Mission erfolgreich verläuft. Drei Tage (genauer: zwei Tage, 22 Stunden, 50 Minuten, 49 Erdumkreisungen, 47 Sonnenaufgänge und zwei Millionen Kilometer) lang wird der Trip dauern, den Tereschkowa, brave Pionierin der Erde, als mutige Pionierin des Alls antritt. Ihren Funknamen hat sie selbst gewählt: Tschaika – Möwe.

»Dies ist ein Triumph der Leninistischen Ideen«, schwärmt der mächtige kleine Mann am Boden. »Ich bin stolz wie ein Vater.« Zahlreiche Glückwünsche von Genossen richtet Chruschtschow seiner Fliegerin aus, unter anderem von Breschnew, der neben ihm begeistert mithört. Wie kleine Jungs vor einer Modelleisenbahn wirken diese Staatsmänner, als sie der Frauenstimme aus der Raumkapsel Wostok lauschen. »Von Herzen danke ich dem sowjetischen Volk«, erklingt es aus dem Kosmos. Genossin Möwe schickt viele liebe Grüße retour, an die Genossen, an Moskau, den Kreml, die ganze Welt, alle Menschen – und an die Partei.

Die Partei. Mutterseelenallein, nichts als das riesige blaue Leuchten der Welt vor Augen, im Rücken pechschwarze, tote Unendlichkeit, gruselige, lebensfeindliche Materie, von der nur die Eierschale ihres Miniraumschiffes die Kosmonautin trennt – eine 26-Jährige, die weiß, dass sich in diesen Minuten als erste Frau aller Zeiten, als zehnter Mensch überhaupt, hier oben schwebend, ihr Leben grundlegend verändert. Wirklich: die Partei?

»Hey, Himmel, nimm den Hut ab, ich bin auf dem Weg!«

Walentina Tereschkowa aus heutiger, aus westlicher Sicht verstehen zu wollen ist, wie gegen eine Wand zu laufen. Zweifellos steht hier eine Heldin der Geschichte. Doch wo ist ihre Geschichte? Als von einem politischen Regime modellierte Ikone des technischen und gesellschaftlichen Fortschritts verstellt die Partei jeglichen Blick auf diese Frau. Selbstverwirklichung und Autonomie? Tereschkowa hat sich selbst verwirklicht, indem sie selbstverwirklicht wurde. Ihr Weltraumflug war Wille und Auftragsarbeit in einem. Er machte aus ihr ein herausragendes Individuum und nahm ihr alle Individualität. Als einzigartiges Subjekt ging sie in die Geschichtsbücher ein ohne eine Spur von Subjektivität.

Der Anfang dieses fremdbestimmten Ichprojektes liegt irgendwo an der Wolga. Dort, auf dem Land im Verwaltungsbezirk Jaroslawl in Zentralrussland, wurde Walentina Tereschkowa 1937 geboren. Mutter Textilarbeiterin, Vater Traktorist, der im Zweiten Weltkrieg fiel. Als kleines Mädchen scheint Tereschkowa sich selbst ein einziges Mal in ihrem Leben einen Befehl gegeben zu haben, den sie fortan mit allen Mitteln befolgen würde: weg hier! Diesen simplen, starken Impuls muss sie irgendwann in ihrer Kindheit gezündet haben. Die Zugstrecke in der Nähe ihres Elternhauses zeigte ihr eine erste Möglichkeit zur Flucht. »Mein größter Traum war es, Lokomotivführer zu werden«, erzählte Tereschkowa in Interviews. »Lokomotivführer müssen die glücklichsten Menschen auf der ganzen Welt sein, weil sie überall hinkönnen, um alle Städte und alle Länder zu sehen.«

Doch es sollte keine horizontale Bewegung auf Gleisen sein, mit der Walentina Tereschkowa das Weite suchte. Während sie unten auf der Erde nach nur sieben Schuljahren in einem Reifenwerk, dann als Büglerin in einem Spinnereikombinat arbeitete, begann sie sich nach oben zu orientieren. Mit Anfang 20 wurde sie Hobbyfallschirmspringerin, über 100 Sprünge absolvierte sie in wenigen Jahren. Eine extreme Art der Work-Life-Balance, um vor lauter Monotonie beim Bügeln nicht wahnsinnig zu werden.

Allerdings spricht wenig dafür, dass Tereschkowa ihr schlichtes Arbeiterinnendasein überhaupt je als Belastung empfand. Als treibende Kraft im kommunistischen Jugendverband soll sie sogar noch zu zusätzlicher Sonntagsarbeit aufgerufen haben – eine Streberin für die Sache des Sozialismus. Und so kann es wirklich sein, dass die »Möwe im Weltall«, der »Gagarin im Rock«, die »Kosmische First Lady«, wie Tereschkowas Spitznamen lauten werden, oben aus dem All statt eines blauen Planeten tatsächlich einen roten sah. Auf ihrer Mission schien alles in eins zu fallen: Kosmos und Kommunismus, Menschheit und Regime, Kindheitstraum und proletarischer Fortschritt, das Gerede von Väterchen Chruschtschow und seinem tapferen Mädchen in der Ferne. Was im Stillen in ihrem Kopf vor sich ging, weiß natürlich niemand. Bei der Erfüllung des historischen Masterplans hat sie aber wenigstens aus dem Fenster geguckt: »Die Erde ist so schön«, »Ich sehe einen ganz hellen Stern«, »Die Sonne ist orange, sie erleuchtet die Kabine«. Weder unten auf der Erde noch oben, bei den Sternen, schien in diesen Jahren das Apolitische jedoch dauerhaft denkbar.

Mit dem Sputnik-Schock war der Weltraum in den späten 1950er Jahren als Kalter-Kriegs-Schauplatz eröffnet worden, gestresst forschten und bastelten Kommunisten und Kapitalisten um die Wette, das All zu erobern. Im sogenannten Space Race schaute die ganze Welt zu, und bevor der USA mit der Mondlandung 1969 ihr großer Schritt für die Menschheit gelang, lag die Sowjetunion vorn. Sputnik, der unbemannte Satellit, schwebte 1957 durchs All, die Hündin Laika verglühte im selben Jahr im Orbit. Und schließlich umkreiste Juri Gagarin im April 1961, wenige Wochen vor einem amerikanischen Astronauten, als erster Mensch die Erde.

Was nach Technik, Tieren und tatkräftigen jungen Männern zum Erfolg noch fehlte, war eine Frau. In den USA scherzte man bei der Nasa noch, wie toll sich Frauen in der Schwerelosigkeit machen würden, da sie dort oben keine BHs bräuchten. Amerikanische Wissenschaftler verkündeten, dass Frauen zwar physisch dazu in der Lage wären, ins All zu fliegen, man ihnen dies aber nicht unbedingt zumuten müsste, höchstens, um bei längeren Flügen »friedliche Stimmung« bei der männlichen Bordcrew zu garantieren.

Unterdessen wurde im Kosmodrom, dem Weltraumbahnhof in Baikonur, Kasachstan, seit Anfang der Sechziger bereits ernsthaft an der Rekrutierung eines weiblichen Kosmonautenteams gearbeitet.

Wie unzählige andere Sowjetbürgerinnen hatte auch Walentina Tereschkowa sich nach Gagarins Flug in einem flammenden Brief an Moskau gewandt. Eine Bewerbung fürs Weltall-Casting, Chruschtschow sucht die Superkosmonautin – der Beginn eines Deals zwischen dem paternalistischen Förderer und seinem baldigen Lieblingsstar. Der Kremlchef persönlich wählte Tereschkowa aus, begeistert von ihrem Aussehen und der Schlichtheit ihres proletarischen Werdegangs.

Im streng abgeschirmten Trainingslager in Kasachstan war Walentina Tereschkowa bei Weitem nicht die Beste. Doch ihre Voraussetzungen genügten, um sich für den automatisch gesteuerten Flug in der Kapsel zu qualifizieren: kleiner als 1,70 Meter, unter 30 Jahre, Fallschirmsprungerfahrung. Über Monate ließ sie sich in verschiedensten Höllengeräten herumschleudern, in Zentrifugen, die sie mit dem Zwölffachen ihres Körpergewichtes im Kreis wirbelten. Drei Wochen verbrachte sie in Einzelhaft, ohne Zeitgefühl, um sich auf die Isolation in der Kapsel vorzubereiten. Weg hier!, der Kindheitsbefehl an sie selbst, gepaart mit dem Glauben an den proletarischen Fortschritt, dessen Speerspitze die Kosmonautik darstellte, müssen es gewesen sein, die Tereschkowa über die Tage in der Zelle hinweghalfen.

Die Abmachung zwischen ihr und der Partei war klar: Sie übergab ihren Körper dem Regime, solange dieses ihn nur bis ganz nach oben, so weit weg wie möglich, brachte. Weiblich, kräftig, belastbar, schüchtern, aber charismatisch, bot Walentina Tereschkowa im Gegenzug die perfekte Figur für den knallorangen Raumanzug. Mit Küssen verabschiedete man sie an der Startrampe. »Hey, Himmel, nimm deinen Hut ab, ich bin auf dem Weg!«, rief sie, ihr Puls lag während des Starts bei 140. So begann Tereschkowas Zeit als »Heldin der Sowjetunion«. Sie erbrachte den körperlichen Beweis systemischer Überlegenheit, in ihr fand der Kommunismus das perfekte Maskottchen, dem man bis ans Ende seiner Zeit Ehrennadeln und Abzeichen anpinnen konnte, um mit ihm, derart geschmückt, wie ein Weihnachtsbaum in aller Herren Ländern anzugeben.

Nur durfte bei diesem Projekt nichts schiefgehen. Das große Vorher/Nachher-Experiment der vollautomatisiertierten Heldinwerdung musste aufgehen, der Flug musste technisch absolut reibungslos verlaufen. Die Probleme von Tereschkowas Reise sollten erst dreißig Jahre später publik werden. Wie sämtliche erste Flüge war auch ihrer durch große Risiken und Pannen geprägt. Gagarin hatte die errechnete Überlebenschance von 47 Prozent, bei Tereschkowa dürfte es etwas mehr gewesen sein. Doch ihr Zustand an Bord soll sich nach einem erfolgreichen Start stetig verschlechtert haben. Der Möwe machte nicht nur die Schwerelosigkeit zu schaffen – sie schlief mehrfach ein, antwortete wirr auf Fragen, musste sich übergeben und konnte keine der geplanten Manöver ausführen, geschweige denn ein Logbuch führen. Beinahe wäre sie gar nicht mehr zurückgekommen. Statt in Richtung Erde war die Kapsel durch einen Fehler gen Kosmos ins Nichts gerichtet. Statt der Landeprozedur war ein weiterer Aufstieg einprogrammiert.

Zwangsheirat, ein Kind auf Bestellung? War das Teil des Deals?

Tereschkowa bemerkte den Fehler und konnte am 19. Juni auf der Erde landen, in den Weiten der sibirischen Einöde. Ungläubige Babuschkas, Bäuerinnen mit Kopftüchern, näherten sich der Kosmonautin, gaben ihr Brot und Zwiebeln, für die sie sich mit dem Rest ihres Tubenessens bedankte. So konnte nicht einmal der genaue Verbrauch ihrer Nahrung erfasst werden. Aus wissenschaftlicher Sicht war Tereschkowas Flug alles andere als ein Durchbruch, eine Tatsache, die verschwiegen wurde und nur zu internen Konflikten führte. »Mir kommen keine Weiber mehr ins All«, soll Chefkonstrukteur Pawlowitsch Koroljow geschimpft haben – und er sollte für lange Zeit recht behalten.

Der Propagandaerfolg ließ die weibliche Kosmonautik fast zwanzig Jahre lang als Briefmarkenmotiv erstarren. Strahlend sieht man Tereschkowa, den perfekten PR-Star, in diesen Jahren neben Sowjetgrößen. Sie besucht das westliche Ausland und die sozialistischen Bruderländer, wo Kinder aus der DDR ihr selbst gemalte Raketenzeichnungen überreichen. Um die Bilderbuchgeschichte perfekt zu machen, organisiert Chruschtschow kurz nach der Landung die Krönung seines Weltraumtraums: eine kosmische Hochzeit. Im November 1963 werden Andrijan Nikolajew, der dritte Kosmonaut der Sowjetunion, und Walentina Tereschkowa in staatlicher Feier getraut, ein Jahr später folgt das »Weltraumbaby« Elena.

Zwangsheirat, ein Kind auf Bestellung? War das noch Teil des Deals? Die Art, wie Walentina ihrem Bräutigam beim Tanzen auf der Hochzeit auf die Nase stupst, zeugt nicht von einer reinen Scheinehe. Längst scheint alles, was Tereschkowa fühlt, in einer großen Symbiose mit dem System aufzugehen. Ideologisch indoktriniert, high vom Fliegen, beschwipst vom Heldentum, stolz vom Auserwähltsein, muss die Nähe zwischen Tereschkowa, Gagarin und den anderen Kosmonauten, deren Leben auf einer irrealen und häufig erschöpfenden PR-Tour stattfand, groß gewesen sein. Erst nach 19 Jahren ließ Tereschkowa sich still von Nikolajew scheiden und heiratete einen Orthopäden, der 1999 verstarb.

Und heute? Am Ende ihres Lebensbogens sitzt Tereschkowa nicht in Baikonur oder Cape Canaveral. Die Astronautinnen der Jetztzeit, die mittlerweile in gemischten Teams via Twitter und YouTube von ihrem Alltag aus dem All berichten, scheinen wenig mit der feisten russischen Rentnerin zu tun haben, die nun wieder in ihrer Heimat in Jaroslawl lebt. Um Walentina Tereschkowa ist es still geworden. Sie will mit keinem Journalisten reden. Sie trifft niemanden, den sie nicht kennt und liebt.

Und sie ist nie wieder ins All geflogen. Grinsend sah man Wladimir Putin im Juni 2013 neben ihr stehen, zum 50. Jubiläum ihres Weltraumabenteuers. Er steckte ihr einen weiteren, vielleicht letzten Orden an den Blazer. Seit Jahren sitzt Tereschkowa für seine Partei in der Duma, ein altsowjetischer Allstar als Aushängeschild, wie eh und je. Aus der offiziellen Heldenfigur ist der Mensch Tereschkowa nie öffentlich herausgetreten, sie altert, wie sie gelebt hat: als folgsamer Teil der russischen Nomenklatura, ohne erkennbare eigene Agenda, ohne vernehmbare eigene Stimme.

Nur einmal noch, mit 76 Jahren, hat sie sich zu Wort gemeldet. Ihr Traum sei es, zum Mars zu fliegen, sagte Tereschkowa im Sommer 2013. Eine zu lange Strecke, als dass sie lebend zurückkommen könnte, aber das erschreckt sie nicht. »Ich war bereit, mein Leben der Raumfahrt zu opfern, und bin es noch immer.« Eines scheint von ihrer Selbstverwirklichung bis zum Schluss geblieben zu sein: die Selbstaufgabe für einen roten Planeten.

KATHARINA VON OHEIMB – ABGEORDNETE

Sie nahm sich, was sie wollte

Katharina von Oheimb gebar sechs Kinder, verschliss vier Ehemänner, leitete drei Fabriken und zog ins Parlament ein

VON ANITA BLASBERG