Starke Kinder brauchen Regeln - Ulla Nedebock - E-Book

Starke Kinder brauchen Regeln E-Book

Ulla Nedebock

0,0

Beschreibung

Bis hierhin – und wie weiter? Trotzige Reaktionen, Geschrei, Tränen: Im Alltag mit Kindern gibt es eine Menge Konfliktsituationen, die praktisch in allen Familien vorkommen. Dieser Ratgeber hilft Ihnen dabei, eigene Erziehungsstärken zu nutzen und mit kleinen Veränderungen viel zu bewirken. In fünf einfachen Schritten lernen Sie sinnvolle Grenzen zu ziehen und im turbulenten Alltag umzusetzen. Für alle, die nicht mehr jeden Tag über „Darf ich Handy spielen?“, „Ich mache das aber nicht!“ und „Sag doch mal ‚Guten Tag‘!“ diskutieren möchten! Ein Ratgeber mit der Formel: Liebe + altersgerechte Regeln = stressfreier Alltag + glückliche Kinder.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 275

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



INHALT

Danksagung

Vorwort

Über mich

Eltern sein heißt erziehen – erziehen heißt Eltern sein

Regeln und Respekt hängen zusammen

„Richtig“ erziehen?

Das Ziel im Blick behalten

Was Stress macht

Wunschziel: glückliche Familie

Schick das Baby wieder weg!

Hilfe, mein Kind hilft!

Was ist denn jetzt schon wieder?

Erzähl mir doch nichts!

Wieso darf ich nicht?

Ich hab doch so wenig Zeit für sie

Jeden Morgen Tränen

Du brauchst doch keinen Schnuller mehr!

So große Wut

Jetzt mach doch mal!

Kackabrot

Tür zu!

Sag „Guten Tag!“

Das schmeckt mir aber nicht!

Das ist meine Sache!

Mein Kind ist das schwarze Schaf

Du kannst das doch mal abgeben!

Mittagsruhe für alle

Wie oft willst du eigentlich noch zur Toilette gehen?

Ich will bei euch schlafen

Kann ich mich einmal in Ruhe unterhalten?

Das bildest du dir ein!

So wird nie etwas aus dir!

Ich will das auch!

Schön hast du das gemacht!

Mama, jetzt schau doch mal!

Lass mich mal machen

Darf ich mit dem Handy spielen?

Ganz alleine

Bei Oma darf ich immer fernsehen!

Meine Familie – was ist jetzt wichtig?

Was belastet mich am meisten?

Wie wünsche ich mir unsere Familie?

Was machen wir richtig gut?

Das Baum-Modell

Eltern sind Vorbilder

Die Wurzeln: die innere Haltung

Der Stamm: Strategie statt Gestolper

Die Zweige: Familienregeln

Konfliktmanagement – neue Wege gehen und Mut machen

Den Kurs beibehalten

Eigene Erziehungsstärken nutzen

STAMM – in 5 Schritten Konflikte anders lösen

S für Strategie: raus aus dem Teufelskreis

T für Ton: einfach sprechen

A für ankommen: gehört werden

M für Mut machen: das Gute anerkennen

M für miteinander stark sein: die Familie zählt

Familienregeln für uns

Gibt es schon Regeln in der Familie?

Unsere Baustellen – was soll sich ändern?

Familienrat

So viele Erziehungsziele

Welche konkreten Familienregeln passen zu unseren Problemen?

Welche Werte stecken hinter den Regeln?

Den Charakter stärken

Familienregeln einführen

Warum logische Folgen besser sind

Konsequent sein

Widerstand aushalten

Ausnahmen

Familienregeln verändern das Familienleben

Schlusswort

Anhang

Hilfreiche Internetadressen

Bücher zum Weiterlesen

DANKSAGUNG

Mehrere Experten haben mit hilfreichen Tipps aus der Praxis dazu beigetragen, dass dieses Elternbuch Sie bei der Erziehung Ihrer Kinder unterstützt.

Maria Fatelnig-WinterPädagogin und Leiterin der bilingualen Vorschule der Internationalen Deutschen Schule Brüssel (IDSB), Brüssel

Andrea Kube M.A.Leiterin der Evangelischen Familien-Bildungsstätte Wetterau, Master-Facilitator TugendProjekt (Int. Virtues Project), www.andrea-kube.de

Beatrice SchulzDiplom-Psychologin und Familientherapeutin, Berlin

Dr. Michael WeeberKinderarzt, Waldkirch

VORWORT

Haben Sie auch so ganz normale Kinder? Solche, die manchmal vergessen, dass man drinnen nicht Fußball spielen soll und die ihre Socken nach dem Ausziehen einfach fallen lassen? Die Tomaten nur als Soße essen und abends nicht gerne Zähne putzen? Dann herzlichen Glückwunsch!

Kinder zu haben gehört meiner Meinung nach mit zum Besten, was einem im Leben passieren kann. An manchen Tagen jedoch lastet die Verantwortung zentnerschwer auf den Schultern. Man fühlt sich in der Rolle der Meckerziege und „bösen Mama“ absolut nicht wohl, obwohl man doch eigentlich nur versucht, endlich einmal konsequent zu sein. Abends nimmt man sich vor, beim nächsten Mal nicht laut zu werden, sondern freundlich und ruhig mit dem Kind umzugehen. Und trotzdem passiert es.

Es ist so schwer, liebevoll zu sein, wenn das Kind scheinbar keinen Respekt zeigt. Aber muss sich das immer wiederholen? Das Kind macht irgendetwas, das es nicht soll, man wird ärgerlich, das Kind protestiert, man droht, das Kind weint und schreit, man ist enttäuscht, wütend, frustriert, erschöpft – oder alles auf einmal. Die schlechte Nachricht ist: Ja, vom Krabbelalter bis zum Erwachsenenalter wird es solche Situationen immer wieder geben, weil es schlichtweg zur Entwicklung dazu gehört. Die gute Nachricht ist: Wir Eltern haben die Möglichkeit, die Anlässe für Streit und Tränen zu reduzieren und wir können uns Strategien zurechtlegen, anders mit Konflikten umzugehen. Die Frage ist doch: Wie reagieren wir? Welche Grundhaltung vertreten wir? Was wollen wir erreichen? Wir alle wollen unseren Job als Eltern gut machen, richtig gut. Zum Glück sind wir mit unseren Sorgen nicht alleine.

Die große Auswahl an Elternkursen und Büchern über Kindererziehung spiegelt das Bedürfnis vieler Eltern nach Hilfe und Sicherheit. Nach etwas, das ihnen den Rücken stärkt, wenn sie sich fragen, ob sie auf dem richtigen Weg sind. Nach etwas, das ihnen die Verantwortung für die Erziehung nicht als bedrückende und schwierige Aufgabe erscheinen lässt. Nach etwas, woran sie sich halten können im unkalkulierbaren Familienalltag. Nach etwas, das ihnen Unvollkommenheit zugesteht und sie über sich selbst lachen lässt. Nach etwas, das sie entlastet, sodass am Ende das herauskommt, was für alle – Eltern und Kinder – gut ist.

Ich selbst hätte mir in schwierigen Zeiten eine Art „Werkzeugkoffer“ gewünscht oder ein Rezept. Nun ja, wir wissen alle, dass es das nicht gibt. Kinder sind keine Maschinen, an denen man herumschrauben kann, und bei Rezepten entscheiden in erster Linie die Zutaten. Doch selbst bei Beachtung der Zutaten kommt nicht immer etwas Gutes dabei heraus. Dazu sind Kinder viel zu verschieden. Zum Glück! Jedes Kind für sich ist einzigartig und besonders.

Was es wohl gibt, sind bestimmte Strategien, mit denen das Elternleben einfacher und das Erziehen effektiver wird. Diese Strategien möchte ich Ihnen in diesem Buch ans Herz legen. Sie sind alltagstauglich, auch in stressigen Situationen umsetzbar und führen zu schnellen und spürbaren Ergebnissen. Mit wenigen Veränderungen kann man viel für die Familienatmosphäre tun. Die Beispielgeschichten im ersten Teil des Buches illustrieren das an typischen Alltagssituationen mit Kindergartenkindern. Im zweiten Teil geht es darum, sich über die eigenen Vorstellungen von Erziehung klar zu werden und das Baum-Modell für eine starke Familie genauer kennenzulernen. Der Baum hat Wurzeln, nämlich klare Wertvorstellungen für die Erziehung, den Stamm, eine am Alltag orientierte Strategie, um Konflikte auf andere Art zu lösen und Stärken zu fördern, und Zweige – praktische Familienregeln mit logischen Folgen.

Ich muss Sie allerdings warnen: Dieses Buch kann Nebenwirkungen haben. Es könnte sein, dass Sie an Ihrer Einstellung zum Thema Erziehung etwas ändern müssen – und an sich selbst. Jetzt legen Sie das Buch nicht gleich weg – so schlimm wird es nicht. Im Gegenteil: Sie werden feststellen, dass Ihr Familienleben entspannter und fröhlicher wird. Sie müssen nicht mehr dauernd das Gleiche sagen, Sie werden weniger schimpfen, keifen oder schreien und endlich, endlich hört auch mal jemand zu. Wie alle Mütter und Väter besitzen Sie einen großen Fundus an Stärken und Fähigkeiten, und oft geht es nur darum, diese besser für die Erziehung der Kinder zu nutzen. Die erfreulichste Nebenwirkung werden Sie selbst spüren: Mutter und Vater zu sein fühlt sich leichter an.

Das klingt nach Machbarkeit. Ja, Kinder gut zu erziehen ist machbar. Aber es liegt in der Natur der Sache, dass im Familienleben nichts bleibt, wie es war. Was gestern noch gar kein Problem war, kann heute einen Wutanfall auslösen. Was gestern in Ordnung war, kann heute für Verärgerung sorgen. Von uns als Eltern wird viel Anpassungsvermögen verlangt. So bleibt die Erziehung unserer Kinder eine ständige Herausforderung. Sie ist machbar, gut machbar, doch leicht wird es nie sein.

Da Ihre Kinder, außer mit Ihnen und vielleicht einigen Verwandten, die meiste Zeit mit Erzieherinnen und den anderen Kindern im Kindergarten verbringen, drehen sich mehrere Beispiele um diese Welt, die so einen großen Anteil am Leben von Vorschulkindern hat. Und deswegen finden sich in diesem Buch immer wieder Kästen mit der Überschrift: „Hand in Hand mit dem Kindergarten“. Erzieherinnen sind meist die ersten Ansprechpartner, wenn es um Probleme mit den Kindern geht. Von ihrer Erfahrung hofft man zu profitieren. Dem habe ich in diesem Ratgeber Rechnung getragen, denn wer sonst macht so vielfältige Erfahrungen mit kleinen und schon etwas größeren Kindern und ihren Besonderheiten? Ebenso sind die Kästen „Bewährte Tipps von Eltern“ zu verstehen. In ihnen sind Erfahrungen anderer Mütter und Väter versammelt, von denen alle profitieren können.

Noch einige kurze Anmerkungen: Wenn hier von „Mutter“ oder „Vater“ die Rede ist, steht das stellvertretend für die wichtigsten Bezugspersonen. Das kann selbstverständlich auch die Oma oder jemand anders sein. Ebenso sind „Kindergarten“ oder „Kindertagesstätte“ in diesem Buch austauschbar, und mit dem Begriff „Erzieherin“ sind natürlich auch die (leider zu wenigen) „Erzieher“ gemeint.

Ulla Nedebock

ÜBER MICH

Seit fast zwanzig Jahren mache ich täglich den Spagat zwischen Kindererziehung, Kinderbeglückung, selbstständiger Arbeit mit Termindruck, Ehefrau, Haushalt, Garten, Kindertaxi- und Einkaufsfahrten und der Versorgung diverser eigensinniger Hühner, Meerschweinchen und Kaninchen. Überdies sind wir mit unseren drei Kindern häufig umgezogen, und die Familie sollte der Hafen sein, in dem alle wieder Kraft tanken konnten. Ich wollte auch gerne so eine Mutter wie in der „Toffifee“-Werbung sein, die glücklich mit Mann und Kinderschar in einem aufgeräumten Wohnzimmer auf einem hell bezogenen Sofa ohne Schokoflecken sitzt und scheinbar sonst nichts zu tun hat.

In Wirklichkeit aber hat mich das Thema Kindererziehung immer wieder an mir zweifeln lassen. Und auch wenn ich vom heutigen Standpunkt aus sagen würde, dass wir als Familie eigentlich alles ganz gut hingekriegt haben, bin ich davor selbst heute nicht gefeit. Geholfen haben mir immer Gespräche mit Freunden, meinem Mann, Profis wie Erzieherinnen und Familientherapeuten sowie Menschen, die in Familienbildungsstätten oder ähnlichen Institutionen arbeiten. Diese Jahre haben Spuren hinterlassen, die nur Eltern an sich entdecken: Beim Abendessen in der Pizzeria schiebe ich die Rotweingläser zum Befremden unserer kinderlosen Freunde in die Mitte des Tisches, damit keiner sie umwirft – auch wenn die Kinder heute zu Hause geblieben sind. Ich habe ein fantastisches Gehör entwickelt – war es meine neue Lidschattenpalette oder die Dose mit den Haarklammern meiner Tochter, die gerade so laut gescheppert hat? Mein schlechtes Gewissen nagt an mir, wenn ich die Fußgängerampel bei Rot überquere, selbst wenn es drei Uhr nachts und weit und breit kein Mensch zu sehen ist.

Während meine eigenen Kinder heranwuchsen, durfte ich als Kursleiterin in Mutter-Kind-Kursen zur musikalischen Früherziehung miterleben, wie verschieden Eltern mit ihren Kindern umgehen, und wie unterschiedlich Kinder sich entwickeln. Dort war immer Raum und Zeit für die Sorgen der Mütter und Väter. Zunehmend habe ich an wissenschaftlichen Seminaren und Kongressen über Kindesentwicklung und Förderung von Begabungen teilgenommen und mich zum Thema Erziehung und Bildung weitergebildet. Überdies haben Familientherapeuten und Psychologen ihr Wissen mit mir geteilt, und nicht zuletzt haben mir viele Mütter und Väter, die ganz selbstverständlich „ihren Job machen“, ihre persönlichen, bewährten Tipps anvertraut.

Im Laufe der Jahre habe ich erkannt, wie es gehen kann, dieses Kindererziehen. So, dass die Abende, an denen man unzufrieden auf dem Sofa sitzt, weil man doch eigentlich konsequent sein wollte, es aber irgendwie nicht geschafft hat, nur noch selten vorkommen. So, dass Kinder und Eltern ihre Familie trotz aller notwendigen Konflikte als etwas Wertvolles schätzen und es genießen, von diesem sicheren Hafen aus die Welt zu erkunden.

Nachdem ich in den letzten Jahren zwei Elternratgeber zur Entwicklung, individuellen Förderung und der Eltern-Kind-Bindung bei Babys und Kleinkindern veröffentlicht habe, möchte ich Ihnen nun diesen Elternratgeber für Kinder bis ins Vorschulalter ans Herz legen, damit Sie die Zeit mit Ihren Kindern noch mehr genießen können. Den Grundstein dafür, nämlich eine starke Eltern-Kind-Bindung, haben Sie bestimmt schon in den ersten Lebensjahren gelegt. Wissenschaftliche Ergebnisse aus unterschiedlichen Fachgebieten – in letzter Zeit auch aus der Gehirnforschung – zeigen eindeutig, wie wichtig Nähe und Geborgenheit von Anfang an sind. Die meisten Entwicklungspsychologen sind sich zudem darüber einig, dass sich ein Erziehungsstil, bei dem Mutter und Vater führen und zugleich begleiten, für die Persönlichkeitsentwicklung und Charakterformung bewährt. In so einer Familie aufzuwachsen ist eine gute Basis für ein glückliches Leben.

Uns allen liegt das Schicksal unserer Kinder am Herzen. Es soll ihnen gut gehen, jetzt und später. Ich wünsche Ihnen und Ihren Kindern, dass Sie einen guten Weg zusammen gehen.

ELTERN SEIN HEISST ERZIEHEN – ERZIEHEN HEISST ELTERN SEIN

Wir geben unseren Kindern Wärme und Geborgenheit, wir schenken ihnen Liebe im Überfluss. Das müssen wir nicht lernen, sondern wir tun es einfach. Und wie ist das mit der Erziehung? Wir wollen ja so viel für unser Kind: Glück, Erfolg, eine runde Persönlichkeit, gute Charakterstärken, Gesundheit … Da gerät man leicht in die Perfektionismusfalle.

Wenn Sie dieses Buch gekauft haben, weil Sie Kinder zu erziehen in höchstem Maße anstrengend finden, gehören Sie damit zur Mehrheit der Eltern in Deutschland. Drei Viertel der deutschen Mütter sagen, dass sie sehr hohe Anforderungen an sich stellen und dass sie mit sich als Mutter häufig oder gelegentlich unzufrieden sind. Bei den Männern glauben zwei Drittel, dass sie ihrer Vaterrolle nicht gut genug gerecht werden. Hetze und Zeitdruck im Alltag werden zwar als sehr belastend empfunden, aber viel mehr Druck scheint von der langen Liste an Anforderungen im Kopf zu kommen, was angeblich eine „gute Mutter“ und einen „guten Vater“ ausmacht. Geborgenheit wollen Eltern vermitteln, ein Vorbild sein, die Kinder sollen optimal gefördert werden – und sie wünschen sich mehr Gelassenheit.

Dieser Ratgeber will Eltern entlasten. Wir alle machen Fehler, auch bei der Kindererziehung. Da führt kein Weg daran vorbei. Schauen wir also lieber nach vorne, als uns zu zermalmen. Es gilt, den bestmöglichen Zustand anzustreben, aber nicht den perfekten. Es reicht vollkommen aus, wenn wir es schaffen, möglichst wenig falsch zu machen, und uns vornehmen, gelassener mit unseren Fehlern umzugehen und manches in Zukunft anders zu machen.

Wo sonst im Leben gibt es das: Ein völlig hilfloses kleines Wesen wird einem von heute auf morgen anvertraut. Es gibt kein Bewerbungsverfahren, keinen Eignungstest, in dem wir geprüft werden, ob wir uns als Eltern für dieses kleine Wesen eignen. Und tatsächlich haben wir ja zunächst nicht viel mehr vorzuweisen als sehr viel Liebe und eine Portion Bauchgefühl. „Learning by doing“ ist die Devise. Manch einer hat vielleicht das Glück gehabt, in einer großen Familie aufgewachsen zu sein, in der er miterleben und beobachten konnte, wie man mit so einem kleinen Menschen umgeht, was Umsorgen und Erziehen ist. Andere haben ihre Freunde beobachtet, wie sie mit der Herausforderung „Kind“ umgegangen sind, dies bewundert, manchmal kritisiert und gestaunt. Doch egal, woher wir kommen, wenn ein Kind in unser Leben tritt, müssen wir uns selbst bis zu einem gewissen Grad neu erfinden. Die Rolle der Mutter und die Rolle des Vaters sind zunächst einmal neu und müssen gefüllt werden. Und jeder findet dabei seinen ganz persönlichen Stil.

Regeln und Respekt hängen zusammen

Es läuft immer darauf hinaus: Ohne gegenseitigen Respekt gibt es kein gutes Familienleben. Es gilt, respektvoll mit den eigenen Kindern umzugehen und gleichzeitig den nötigen Respekt von den Kindern einzufordern. Dafür bieten Familienregeln einen ausgezeichneten Rahmen. Kinder wissen, woran sie sind, und können sich in diesem Rahmen frei bewegen und ausprobieren. Aus Familienregeln erwachsen Gewohnheiten, über die man gar nicht mehr nachdenken muss. So muss man nicht täglich alles wieder neu verbieten, erlauben, ausdiskutieren oder ausfechten. Familienregeln und Grenzen geben Halt, Sicherheit und Orientierung, denn sie beruhen auf einem an Werten orientierten Leben. Mütter und Väter haben diese Werte bereits verinnerlicht, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind. Kinder müssen dieses imaginäre Netz an Werten erst noch knüpfen.

Damit solche Regeln und damit zusammenhängende Grenzen von den Kindern akzeptiert werden, ist der erste Schritt, die eigene Rolle anzunehmen. Sie sind die Mutter oder der Vater. Sie wünschen sich von Ihren Kindern, respektiert zu werden. Das setzt voraus, dass Eltern sich auch wie Eltern benehmen. Kinder brauchen mehr als Geborgenheit und Liebe, nämlich auch Führung und Begleitung. Wenn Eltern sich wie Eltern benehmen, heißt das eben auch, dass sie diejenigen sind, die Grenzen setzen, die Regeln vorgeben und darauf achtgeben, dass diese eingehalten werden. Wenn man das mit einem liebevollen Blick auf das Kind und freundlich, aber fest macht, ist das die beste Voraussetzung dafür, dass Erziehung gelingt.

Der liebevolle Blick auf das Kind – warum ist er so wichtig? Damit man sieht, was das Kind schon mitbringt und was es noch braucht. Welche Charakterstärken und Fähigkeiten es bereits besitzt und bei welchen es noch die Unterstützung der Eltern braucht. Damit man nicht an den Besonderheiten der Kinder „vorbei erzieht“, sondern sie respektiert.

Das Ruder in die Hand nehmen

In diesem Buch verwende ich immer wieder das Bild des Segelboots. Es schwimmt mal in ruhiger, mal in stürmischer See, aber Sie als Eltern halten das Ruder in der Hand und wissen, wohin sie wollen. In sehr stressigen Zeiten hilft es, sich dieses Bild vor Augen zu führen und sich bewusst zu fragen: Was ist in diesem Sturm jetzt nötig? Wie halte ich das Ruder ruhig in der Hand?

Freuen Sie sich darauf, dass Sie langfristig mit Familienregeln seltener Nein sagen müssen. Zugegeben, das klingt paradox. Aber Familienregeln konzentrieren sich nicht auf das Negative, sondern auf das Positive, auf die bessere Lösung. Sie machen klare Vorgaben und vermitteln Orientierung. Familienregeln sind Teil des Baum-Modells, so wie auch die gestärkte Haltung, die Ermutigung, die Wertschätzung und ein neues Konfliktmanagement in fünf Schritten. Das alles zusammen sind Hilfestellungen, mit denen Sie den Familienalltag weniger stressig und für alle Beteiligten angenehmer und zufriedenstellender gestalten können. Sie als Eltern werden gelassener mit Ärger und Streit umgehen, es wird insgesamt weniger Konflikte geben – vor allem weniger von den ständig wiederkehrenden Konflikten –, und das Verhältnis zwischen Ihnen und Ihren Kindern wird entspannter, freudvoller und näher. Die Familienatmosphäre wird sich durch gegenseitigen Respekt und ein tiefes Zusammengehörigkeitsgefühl auszeichnen.

„Richtig“ erziehen?

Gibt es ein Richtig oder Falsch beim Erziehen der eigenen Kinder? Ja, ganz klar, es gibt Maßnahmen, die falsch sind und dem Kind schaden. Schlagen, treten, verletzen, Grobheiten hinterlassen Narben für sein ganzes Leben. Und das gilt nicht nur für körperliche Gewalt. Seelische Grausamkeit hat ebenfalls fürchterliche Auswirkungen auf die Entwicklung eines Kindes. Was man im Kindesalter erlebt, wird einen auch im Erwachsenenalter begleiten. Hierüber sind sich die allermeisten Eltern bewusst, und dennoch kommt es im Alltag, unter Zeitdruck und in stressigen, belastenden Zeiten manchmal zu Verhaltensweisen oder Situationen, die man später bereut. Damit sich das nicht wiederholt, gilt es neue Wege im Umgang mit Konflikten zu finden. Anstelle von Selbstvorwürfen, was Sie denn in der Vergangenheit meinen, alles falsch gemacht zu haben, lassen Sie uns doch lieber überlegen, wie Sie in Zukunft reagieren wollen.

Nun werden Sie denken: „Sag ich doch! Ich muss also versuchen, alles richtig zu machen. Ich will ja, dass mein Kind glücklich wird, dass aus ihm ein selbstständiger, erfolgreicher und zufriedener erwachsener Mensch wird, der neugierig durchs Leben geht. Also, wie mache ich das richtig?“

Darauf gibt es nur eine Antwort: Alles richtig zu machen geht nicht. Verabschieden wir uns endlich von dem Gedanken, dass wir nur alles richtig machen und im Griff haben müssen, und dann wird es schon klappen. Nein, von unserer Erziehungsarbeit hängt es nicht allein ab. Es gibt noch eine Menge anderer Faktoren, die beim Großwerden eine Rolle spielen: Erbanlagen, die Wochenenden bei Oma und Opa, die Erzieherin, der neue Kindergartenfreund und vieles mehr. Was aus einem Kind einmal wird, liegt wirklich nicht nur in unseren Händen. Äußere Einflüsse können (und sollten) wir nicht immer steuern. Ganz bestimmt gehört auch eine gehörige Portion Glück dazu. Aber das, was wir tun können, nämlich da zu sein, zu begleiten, in den Arm zu nehmen, zu erziehen, sollten wir auch tun.

Das Ziel im Blick behalten

Es geht hier nicht darum, völlig konfliktfrei zu leben. Das will niemand, und schon gar nicht Kinder. Sie brauchen die Reibung, wollen Grenzen spüren, übertreten, zurückgeholt werden und hören, wenn sie zu weit gegangen sind. Das glauben Sie nicht? Ihrer Erfahrung nach sind Kinder am glücklichsten, wenn sie nicht eingeschränkt werden in ihren Freiheiten? Wenn ihnen keiner sagt, was sie tun oder lassen sollen? Es stimmt natürlich: Keiner sagt Sätze wie „Das ist echt toll, dass ich am Zebrastreifen warten darf“, „Danke, Mama, dass ich den Hund nicht am Schwanz ziehen soll“, „Super, Papa, dass ich nur eine halbe Stunde am Tag fernsehen darf“ oder „Das habe ich mir schon immer gewünscht, die Jacke an den Haken zu hängen.“ Wenn Ihr Kind jemals etwas in der Art sagen sollte, dann suchen Sie sich bitte professionelle Hilfe.

Interessanterweise empfinden Jugendliche in der Pubertät – obwohl sie ja in dieser Entwicklungsphase vehement um mehr Eigenständigkeit und Freiheiten kämpfen – es als Mangel an Interesse und liebevollen Kümmerns, wenn Eltern sie überhaupt nicht einschränken und keine Vorschriften machen, beispielsweise wann sie abends zu Hause sein sollen. „Ich bin meinen Eltern egal“ ist das vorherrschende Gefühl. Jüngere Kinder sind natürlich noch nicht in der Lage, so reflektiert darüber zu sprechen wie Jugendliche in der Pubertät. Sie verlangen mit anderen Mitteln danach, Aufmerksamkeit und Begrenzung zu bekommen. Kindern Liebe zu zeigen ist nun mal nicht das Gleiche wie Kindern uneingeschränkte Freiheiten zu geben.

Mit Liebe und Verstand Grenzen setzen

Liebe zu Kindern äußert sich auch darin, dass man sie führt und begleitet. Besonders in Krisenzeiten ist unsere Bereitschaft groß, etwas dafür zu tun, die familiäre Situation zu verbessern. Doch wenn man sich dabei nicht klarmacht, welche langfristigen Ziele –oder Werte – man damit verfolgt, bleibt man in den meisten Fällen in den Anfängen stecken. Nachher gibt man sich leicht damit zufrieden, dass es „einigermaßen gut läuft“, und ist froh, gut durch die Woche zu kommen. Das geht solange gut, bis sich die Situation wiederholt und man wieder zum Handeln gezwungen ist.

Damit man nicht in die alten Muster verfällt, gibt es in diesem Buch Checkkästen. Sie helfen Ihnen, Ihre Gedanken und Vorstellungen über Kindererziehung zu ordnen. Dabei werden Sie sich zunehmend klarer darüber, welche wiederkehrenden Konflikte Ihre Familie belasten, wie Sie sich möglicherweise in einen Teufelskreis hineinmanövriert haben und wie Sie das ändern können. Wie eine Strategie, die Sie sich mithilfe der Checkkästen überlegt haben, dazu führt, dass Sie aus einer wiederkehrenden Konfliktsituation aussteigen und neue Wege gehen können. Überdies helfen Ihnen die Checkkästen, sich bewusst zu machen, warum Sie überhaupt erziehen, welche Werte Ihnen persönlich wichtig sind und wie Familienregeln Sie wirkungsvoll unterstützen können. Das ist ein Stück Arbeit, bildet jedoch langfristig ein sinnvolles Fundament für den Familienalltag. Was man wie und wann tut, basiert darauf. Jeder wird seine ganz persönlichen Antworten auf die Fragen finden, und so individuell wird der Erziehungsstil gefärbt sein. In jedem Fall werden Sie eine klare innere Haltung gewinnen, die Ihnen Sicherheit gibt.

Vielleicht machen Ihnen diese Aussichten Lust, etwas Neues auszuprobieren. Sie können sicher sein, dass Sie weniger das Gefühl haben werden, durch unruhige See zu steuern. Wer dagegen von heftigen Windböen hierhin und dorthin getrieben wird, wer von Stürmen – etwa rabiaten Wutanfällen des Kindes – überrascht wird, tut sich schwerer.

Ich möchte an dieser Stelle noch mal eines klarstellen: Es gibt mit unseren Kindern immer wieder Phasen, in denen wir uns hilflos fühlen, keine Lösung mehr sehen und meinen, niemand verstehe unser Problem. Das fühlt sich dann an wie nach einem fürchterlichen Sturm. Davor kann uns auch der beste Erziehungsratgeber nicht bewahren. Nehmen wir uns trotzdem vor, dann das Ruder nicht abzugeben und das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Es steht nicht alles in unserer Macht – aber wir machen unseren Job.

WAS STRESS MACHT

Im Alltag mit Kindergartenkindern gibt es eine Menge Situationen, die praktisch in allen Familien vorkommen und Stoff für Konflikte bieten. Sehr häufig wiederholen sie sich, zum Leidwesen der Eltern. Das Baum-Modell hilft, aus eingefahrenen Verhaltensmustern auszusteigen und neue, tragfähige Lösungen zu finden.

Wenn Menschen Eltern werden, lernen sie an sich Seiten kennen, von denen sie keine Ahnung hatten. Hätten Sie früher geglaubt, dass Sie morgens entnervt Ihr Kind anbrüllen würden, weil ihm das Marmeladenbrot auf den Boden gefallen ist? Hätten Sie gedacht, dass Sie ungeduldig in der Tür stehen und mit dem Schlüsselbund klappern würden, weil Ihr Kind immer noch nicht den zweiten Schuh angezogen hat? Hätten Sie erwartet, dass Sie Sätze sagen würden, wie: „Ich hab’s doch gleich gesagt!“, „Hab ich’s nicht geahnt?“, „Das war ja klar!“, „Du nervst!“? So etwas wollten Sie nie sagen! Und doch rutscht es heraus.

Wunschziel: glückliche Familie

Dabei lieben wir Eltern unsere Kinder, auch wenn wir solche Sätze zu ihnen sagen, die wir nie sagen wollten. Doch Hetze und Stress siegen im Alltag häufig über unsere guten Vorsätze. Eigentlich wollen wir doch nur, dass alle glücklich sind und dass es irgendwie funktioniert. Das heißt nicht, dass sich jedes Familienmitglied wie ein Zahnrädchen in einer Maschine drehen soll, ohne das Recht auf Freiheiten und Veränderung. Wir wünschen uns eine funktionierende Familie im besten Sinne: Hier ist man zu Hause, hier sprechen alle die gleiche Sprache und verstehen einander. Hier findet man Verständnis, Unterstützung, Liebe, Rückhalt, Trost, Freude, aber auch konstruktiven Widerstand, Grenzen und ja, auch Streit und Wut. Konflikte werden ausgetragen und ausgehalten, und gemeinsam sucht man nach Lösungen. Das ist es, was eine starke Familie ausmacht.

Ein Wunschtraum? Ja, denn in allen, wirklich allen, Familien gibt es Zeiten, in denen eben mal nicht alles so läuft. Auch wir als Eltern müssen immer wieder lernen, uns auf neue Entwicklungsaufgaben unserer Kinder einzustellen. Das kostet Zeit und Nerven, weil Konflikte schlichtweg dazugehören. Dennoch möchte ich Sie ermutigen, diesen „Traum“ anzustreben – aber bitte ohne Perfektionismus! Voraussetzung dafür ist, dass Sie sich selbst über Ihre eigenen Bedürfnisse und Wertvorstellungen im Klaren werden. Dazu gibt es in den Kapiteln „Meine Familie – was ist jetzt wichtig?“ und „Familienregeln für uns“ Checklisten, mit deren Hilfe Sie Ihrer Motivation, warum Sie erziehen wollen, näher kommen werden.

Viele Eltern haben ähnliche Sorgen

Doch zunächst können Sie an den Beispielen in den folgenden Kapiteln sehen, dass viele Eltern ähnliche Sorgen haben und Konflikte durchleben wie Sie. So sehr sich Kinder in ihren Anlagen und in ihrem Charakter unterscheiden, so gibt es doch immer Entwicklungsstadien und Hürden, die fast alle Kinder mit ihren Eltern gemeinsam meistern müssen. Die Beispiele wollen Ihnen Denkanstöße und Anregungen geben, aus gewohnten Verhaltensmustern auszusteigen. Im besten Falle machen Ihnen die Geschichten aus anderen Familien Mut, mithilfe anderer Strategien neue Wege in Ihrem Erziehungsalltag zu gehen. Oft ist es so, dass man selbst nicht sicher und überzeugt ist, auf dem richtigen Weg zu sein. Das bremst einen unbewusst aus und wirkt sich nachteilig auf die Glaubwürdigkeit aus. Manchmal weiß man nicht, wo man anfangen soll. Das Gefühl sagt einem, dass man etwas ändern muss, aber was und wie?

Sie werden beim Lesen der Beispiele feststellen, dass ein kleiner Schritt häufig schon eine große Verbesserung bewirkt. Eine einzige umgesetzte Familienregel bringt eine große Veränderung hin zu mehr Familienfrieden. Es geht nicht darum, alles anders zu machen, sondern wenig, aber das innerlich klar und bestimmt. Dafür ist ein Faktor unverzichtbar: Nur mit einer klaren inneren Haltung wird es gelingen, im turbulenten – ein beschönigendes Wort für chaotischen – Familienalltag so zu handeln, wie man es sich vorgenommen hat.

Schick das Baby wieder weg!

DU SOLLST DOCH NICHT ZWICKEN

Die Mutter ist im Waschkeller, als sie hört, wie der sechs Monate alte Ben oben im Wohnzimmer laut zu weinen beginnt. Gerade eben haben er und seine fünfjährige Schwester Mia noch ganz friedlich miteinander gespielt.

„Was ist denn los?“, fragt die Mutter, während sie die Treppensicherung öffnet und ins Wohnzimmer kommt.

„Ich hab gar nichts gemacht!“, sagt Mia schnell und sucht sich einen grünen Baustein.

Ben liegt auf dem Boden und weint. Die Mutter nimmt ihn auf den Arm und sieht, dass seine rechte Backe ganz rot ist und sich zwei Kerben abzeichnen.

„Mia, hast du Ben wieder gezwickt?“, fragt sie streng.

„Wieso ich? Ich hab gar nichts gemacht!“, wiederholt Mia, ohne aufzublicken.

In letzter Zeit ist es häufiger vorgekommen, dass Mia ihren Bruder gezwickt oder geschubst hat. Vor zwei Tagen hat die Mutter zufällig gesehen, wie die große Schwester ihrem kleinen Bruder mit dem Bobbycar über die Hand gefahren ist, auch gebissen hat sie ihn schon. Doch meist passieren solche Sachen in Momenten, in denen die Mutter gerade nicht schaut.

Mias Mutter hat Verschiedenes versucht: Sie hat gefragt, wie Mia sich wohl fühlen würde, wenn jemand ihr so wehtun würde. Sie hat Mia eine Auszeit verordnet. Sie hat sich auch in Streitereien und Beschimpfungen verwickeln lassen: „Lüg nicht! Ich hab es doch gesehen.“ – „Gar nicht!“ – „Ich weiß wirklich nicht, was ich noch mit dir machen soll. Warum bist du nur so böse?“ Sogar „Soll ich dir mal zeigen, wie weh das tut, was du da machst?“ hat sie schon mit einer drohenden Ausholbewegung gebrüllt. Die Mutter ist inzwischen völlig ratlos.

Mias Mutter weiß, dass es so nicht weitergehen kann, sie möchte gegensteuern. Nur ist die Situation im Moment verfahren, und die beiden finden keinen Weg heraus. Die Mutter hatte damit gerechnet, dass es für Mia schwierig werden würde, wenn der kleine Bruder Mia „entthront“. Es war zu erwarten, dass Mia sich nicht so sehr über die Anwesenheit des Babys freuen würde, wenn es erst mal da war. Aber dass es so schwierig werden würde, das hatte die Mutter nicht gedacht.

Erkennen Sie die eine oder andere Reaktion an sich wieder? Bestimmt haben Sie auch schon mal Ihr Kind beschimpft und klein gemacht, weil es jemandem anderen wehgetan hat, so sehr waren Sie außer sich. Kein Wunder, Kinder bringen einen manchmal an die Grenzen der eigenen Kraft. Da sagt man Dinge, die man nie sagen wollte. Und kurz darauf schämt man sich dafür.

Die Perspektive des Kindes einnehmen

Was könnte Mias Mutter tun? Sie könnte sich eine Strategie überlegen, wie sie selbst reagieren möchte. Dann fällt es leichter, beherrscht und eindeutig zu bleiben. Der erste Schritt ist, die Sache aus Mias Sicht zu betrachten. Warum benimmt sie sich so? Dazu muss sie Mias Gefühle respektieren, auch die schlechten. Das erstgeborene Kind hat ein Recht, das neue Baby abzulehnen und es als Störung zu empfinden. Für Mia sieht es so aus: Ben nimmt ihr die Mama weg. Egal, was er will, Mama kommt sofort angerannt und nimmt ihn auf den Arm. Ben darf sogar bei Mama und Papa im Zimmer schlafen. Und wenn Mia weint? Dann heißt es: „Du bist doch mein großes Mädchen“, „Du bist doch kein Baby mehr wie der kleine Ben.“ Mama hat Ben lieber als mich.

Wenn Mias Mutter versucht, die Gefühle ihrer Erstgeborenen zu verstehen, wird sie auch die daraus resultierenden Bedürfnisse erkennen. Mia hat alles Recht der Welt, auf diesen Störenfried eifersüchtig zu sein.

Eltern haben in dieser Situation häufig Schuldgefühle. Zum einen gegenüber dem erstgeborenen Kind, weil sie fürchten, seinen Bedürfnissen nicht gerecht zu werden, zum anderen dem neuen Baby gegenüber, weil sie es nicht vor den Übergriffen des großen Geschwisterkinds schützen können. Dazu kommt eine Mischung aus Wut, Sorge und Hilflosigkeit. Auch Scham ist dabei, denn wer gibt schon gerne zu, dass sein eigenes Kind das Baby zwickt, beißt oder auf andere Weise verletzt. Machen Sie klar: Das Gefühl „Eifersucht“ ist völlig in Ordnung, nur das Zwicken und Beißen nicht, und sagen Sie ruhig, dass Sie die Gefühle nachvollziehen können.

Es hilft, sich zunächst klarzumachen: Wir haben nichts Schlimmes getan, wir haben einfach nur noch ein Kind bekommen. Und dass dies die Welt des älteren Kindes auf den Kopf stellt, ist kein Wunder. Oft ist es gut, die Sorgen mit Freundinnen zu teilen. Wie sind andere Mütter damit umgegangen, wenn ihre Kinder gebissen, gekratzt oder gehauen haben? Hat es geholfen, das Geschwisterkind mit in die Versorgung des Säuglings miteinzubeziehen? Was hat es bewirkt, wenn man öfter Zeit nur mit dem „großen“ Kind verbracht hat?

BEWÄHRTE TIPPS VON ELTERN

In die Hocke gehen oder hinknien, jedenfalls auf Augenhöhe, dem Kind in die Augen sehen und ruhig und bestimmt sagen:

• „Ich möchte nicht, dass du deinen Bruder zwickst. Ich verstehe, dass du wütend bist, aber du darfst ihn nicht zwicken.“

• „Das tut deinem Bruder weh. Ich weiß, dass du sehr freundlich und friedlich sein kannst. Was sollen wir nachher zusammen spielen?“

• „Gestern hast du deinem Bruder kein einziges Mal wehgetan. Das war gut. Ich weiß, dass du sehr freundlich sein kannst.“

• „Zwicken ist verboten! Ich verstehe, dass dich das stört, wenn ich mich so viel um das Baby kümmere. Wenn ich das … erledigt habe, machen wir etwas zusammen.“

Was immer gut ist: tief durchatmen und sich sagen, dass diese anstrengende Phase vorübergehen wird. Die Eifersucht ist völlig normal.

• Keine Versprechungen machen wie „Du bekommst einen neuen Spielkameraden.“

• Sich aufteilen: Mal verbringt die Mutter „Extrazeit“ mit dem älteren Geschwisterkind, mal der Vater.

• Dem großen Kind ganz viel Kuschelzeit schenken, auch wenn es gerade in einer Phase mit Zwicken o. Ä. ist. Es braucht viel Zuwendung und körperliche Nähe.

• Für sich selbst gut sorgen, damit man entspannter durch den Tag kommt.

• Sich selbst nicht die Schuld dafür geben.

• Keine Floskeln wie „Sei schön lieb“, „Mach ‚ei’“.

• Den Übergriffen nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken. Nicht jedes Mal einen Riesenzirkus daraus machen, sondern nur kurz und knapp darauf eingehen: „Nein, nicht wehtun.“

• Zu einem späteren Zeitpunkt das Problem in Ruhe thematisieren, ohne zu richten und zu schimpfen. Bei etwas älteren Kindergartenkindern fragen: „Was denkst du? Hast du eine Idee, wie wir das alle zusammen besser hinkriegen?“

• Das ältere Kind in die Betreuung des Babys miteinbeziehen.

• Das ältere Geschwister weiterhin als Kind behandeln und nicht dauernd „vernünftiges“ Verhalten erwarten. Hier regieren Gefühle, nicht die Vernunft. Das Kind braucht Verständnis für seine neue Position in der Familie.

• Die Position des älteren Kindes nicht zu sehr betonen mit „Du bist doch jetzt die Große!“