Starters - Lissa Price - E-Book

Starters E-Book

Lissa Price

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Beschreibung

Die Body Bank, ein mysteriöses wissenschaftliches Institut, bietet Callie eine einzigartige Möglichkeit, an Geld zu kommen: Sie lässt ihr Bewusstsein ausschalten, während eine reiche Mieterin die Kontrolle über ihren Körper übernimmt. Aber Callie erwacht früher als geplant, in einem fremden Leben. Sie bewohnt plötzlich eine teure Villa, verfügt über Luxus im Überfluss und verliebt sich in den jungen Blake. Doch bald findet sie heraus, dass ihr Körper nur zu einem Zweck gemietet wurde - um einen furchtbaren Plan zu verwirklichen, den Callie um jeden Preis verhindern muss ...

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EPUB



Cover   Impressum

 Lesen was ich will!

www.lesen-was-ich-will.de

Für Dennis, der immer daran glaubte.

Übersetzung aus dem Amerikanischen von Birgit Ress-Bohusch

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage 2013

ISBN 978-3-492-95552-2

Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel »Starters«

bei Delacorte/Random House USA, New York 2012

Deutschsprachige Ausgabe

© , ein Imprint der Piper Verlag GmbH, München 2012

Umschlaggestaltung: Uno Werbeagentur, München

Umschlagabbildung: Getty Images / Stuart McClymont

Datenkonvertierung: psb, Berlin

kapitel 1

kapitel 1Enders machten mir Angst.

Der Pförtner führte mich lächelnd zum Eingang der Body Bank. Er war noch nicht uralt, vielleicht hundertzehn, doch das reichte, um mir Gänsehaut zu verschaffen. Wie die meisten Enders trug er falsches Silberhaar, eine Frage der Ehre in seinem Alter.

Im Innern des ultramodernen Gebäudes mit seinen hohen Decken kam ich mir noch kleiner vor als sonst. Ich folgte ihm durch die Eingangshalle, als schwebte ich durch einen Traum, in dem meine Füße den Marmorboden kaum berührten.

Er lieferte mich bei der Rezeptionistin ab. Sie trug weißes Haar und einen mattroten Lippenstift, der beim Lächeln auch auf ihren Schneidezähnen zu sehen war. In der Body Bank mussten sie nett zu mir sein. Aber wenn sie mir auf der Straße begegneten, behandelten sie mich wie Luft. Da spielte es keine Rolle, dass ich mal die Klassenbeste gewesen war – als es noch Schulen gab.

Nun war ich sechzehn. Noch ein Baby in ihren Augen.

Das Klappern hoher Absätze hallte von den kahlen Wänden wider, als mich die Empfangsdame in ein kleines Wartezimmer führte. Es war ebenfalls fast leer. In den Ecken standen mit Silberbrokat bezogene Stühle, die alt und kostbar wirkten, aber der Chemiegeruch in der Luft zeugte von frischer Wandfarbe und Synthetikmaterial. Auch das Vogelgezwitscher, das eine natürliche Umgebung vortäuschen sollte, war unecht. Ich warf einen Blick auf meinen zerschlissenen Trainingsanzug und die abgestoßenen Schuhe. Ich hatte die Sachen mehrmals gewaschen, aber manche Flecken ließen sich nicht mehr entfernen. Und weil ich den langen Weg nach Beverly Hills zu Fuß durch Nieselregen marschiert war, fühlte ich mich wie eine verwahrloste Katze.

Meine Füße schmerzten. Ich hätte mich gern auf einen der Stühle sinken lassen, wagte es aber nicht, mit meinem nassen Hintern den Brokat zu beschmutzen. Ein hochgewachsener Ender kam in den Warteraum gerauscht und beendete mein Etikette-Dilemma.

»Callie Woodland?« Er warf einen Blick auf seine Uhr. »Ich hatte Sie früher erwartet.«

»Tut mir leid. Der Regen …«

»Schon gut. Jetzt sind Sie ja hier.« Er streckte mir die Rechte entgegen.

Das Silberhaar bildete einen starken Kontrast zu seiner künstlichen Bräune. Je breiter er lächelte, desto größer wurden seine Augen, was mich nervöser machte als sonst, wenn ich einem Ender gegenüberstand. Sie verdienten es nicht, Senioren genannt zu werden, auch wenn sie das am liebsten hörten, diese raffgierigen alten Kerle am Ende ihres Lebens. Ich zwang mich, seine runzlige Hand zu schütteln.

»Ich bin Mr. Tinnenbaum. Willkommen bei Prime Destinations.« Er nahm auch seine Linke zu Hilfe, um meine Hand fest zu umschließen.

»Ich wollte nur mal sehen …« Ich ließ meinen Blick durch den Raum schweifen, als sei ich gekommen, um mir ein Bild von der Innenausstattung zu machen.

»Wie das hier so läuft? Natürlich. Fragen kostet nichts.« Er ließ endlich meine Hand los, strahlte mich aber weiterhin an. »Kommen Sie, ich zeige Ihnen alles.«

Er streckte den Arm aus, als könnte ich die Tür nicht allein finden. Seine Zähne blitzten so weiß, dass ich immer ein wenig zusammenzuckte, wenn er lächelte. Wir gelangten durch einen kurzen Korridor in sein Büro.

»Hier herein, Callie. Nehmen Sie Platz!« Er schloss die Tür und deutete auf einen Stuhl vor dem Schreibtisch.

Ich biss mir auf die Zunge, um ein Keuchen zu unterdrücken. Das hier war die totale Extravaganz. An einer Wand stand ein massiver Kupferbrunnen, aus dem unentwegt klares, kühles Wasser plätscherte, als gäbe es das umsonst.

Ein gläserner Schreibtisch mit eingebetteten LED-Lichtern und einem Airscreen in Augenhöhe beherrschte das Zentrum des Raums. Der Bildschirm zeigte ein Mädchen in meinem Alter mit langem rotem Haar und einem Sporttrikot. Es erinnerte mich an ein Fahndungsfoto. Allerdings lächelte die Abgebildete, und ihr Gesichtsausdruck wirkte freundlich. Hoffnungsvoll.

Ich nahm auf einem modernen Metallstuhl Platz, während Mr. Tinnenbaum hinter dem Schreibtisch stehen blieb und auf den Screen deutete. »Ein neues Mitglied, das genau wie Sie durch einen Freund von unserem Unternehmen erfuhr. Die Frauen, die ihren Körper mieteten, waren sehr angetan.« Er tippte eine Ecke des Schirms an, und das Bild wechselte. Jetzt war ein durchtrainierter Teen zu sehen in einem engen Schwimmanzug. »Die Empfehlung kam von ihm. Adam ist nicht nur Schwimmer, sondern auch Snowboard- und Skifahrer und ein hervorragender Kletterer. Er wird gern von Outdoor-Fans gemietet, die seit Jahrzehnten keine anstrengenden Sportarten mehr betreiben können.«

Seine Worte brachten mir die harten Tatsachen zu Bewusstsein. Widerlich alte Enders mit Gelenksarthrose, die eine Woche lang diesen Jungen mieteten. Die in seinen Körper schlüpften, um sich noch einmal jung zu fühlen. Fast drehte es mir den Magen um. Ich wollte aufspringen und die Flucht ergreifen, aber ein Gedanke hielt mich zurück.

Tyler.

Ich umklammerte die Sitzkante meines Stuhls mit beiden Händen. Mein Magen knurrte. Tinnenbaum reichte mir eine Zinnschale, auf der Papierförmchen mit riesigen Pralinen, groß wie Cookies, arrangiert waren. Meine Eltern hatten früher auch so eine Zinnschale besessen.

»Mögen Sie Supertruffles?«, fragte er.

Ich nahm wortlos eine der Pralinen, ehe ich mich auf meine verlorenen Manieren besann. »Danke.«

»Nehmen Sie ruhig mehr!« Er schwenkte die Schale einladend vor meiner Nase.

Ich nahm eine zweite und eine dritte, da die Schale immer noch in Reichweite schwebte, und schob sie mitsamt den Papierförmchen in die Tasche meines Kapuzenshirts. Er schien enttäuscht, dass ich sie nicht sofort aß, als sei das das Highlight seines Tages. Hinter meinem Stuhl plätscherte der Brunnen herausfordernd. Wenn mir der Kerl nicht bald etwas zu trinken anbot, würde er erleben, dass ich aufspringen und meinen Kopf unter die Fontäne halten würde, das Wasser schlabbernd wie ein Hund.

»Könnte ich bitte ein Glas Wasser haben?«

»Natürlich.« Er schnippte mit den Fingern und erhob dann die Stimme, als spräche er in ein verborgenes Mikro. »Ein Glas Wasser für die junge Dame.«

Sekunden später betrat eine Ender das Büro. Sie hatte eine Modelfigur. Und sie balancierte ein mit einer Stoffserviette umhülltes Glas Wasser auf einem Tablett. Ich nahm das Glas und sah darin kleine Würfel wie Diamanten glitzern. Eis. Sie stellte das Tablett neben mir ab und ging wieder.

Ich legte den Kopf in den Nacken und trank das Glas in einem Zug leer. Kühl und süß benetzte die Flüssigkeit meine Kehle. Mit geschlossenen Augen genoss ich den Nachgeschmack des saubersten Wassers, das ich seit Ende des Krieges getrunken hatte. Nachdem der erste Durst gestillt war, ließ ich einen der Eiswürfel in meinen Mund gleiten und zerbiss ihn krachend. Als ich die Augen öffnete, merkte ich, dass Tinnenbaum mich anstarrte.

»Noch ein Glas?«, fragte er.

Ich war drauf und dran, Ja zu sagen, aber sein Blick verriet mir, dass dieses Angebot nicht ernst gemeint war. Ich schüttelte den Kopf und lutschte die Reste des Eiswürfels. Meine Fingernägel hoben sich noch schmutziger als sonst gegen das blitzblanke Glas ab, und ich stellte es hastig auf das Tablett zurück. Während ich zusah, wie das Eis schmolz, dachte ich darüber nach, wann ich zuletzt gekühltes Wasser getrunken hatte. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Dabei war es erst ein Jahr her. Der letzte Tag in unserem Haus, bevor die Marshals kamen …

»Möchten Sie Genaueres erfahren?«, fragte er. »Über Prime Destinations, meine ich.«

Ich beherrschte mich, nicht mit den Augen zu rollen. Enders. Weshalb sonst war ich wohl hier? Ich deutete ein Lächeln an und nickte.

Er tippte eine Ecke des Airscreens an, einmal, um das Bild zu löschen, und ein zweites Mal, um die Holo-Motions in Gang zu setzen. Die erste Sequenz zeigte eine Seniorin, die sich in einer Art Liegesessel zurücklehnte. An ihrem Hinterkopf war eine kleine Kappe befestigt, von der bunte Kabel zu einem Computer liefen.

»Die Kundin wird in einem Ruheraum von gut geschulten Medizintechnikern mit einem Body Computer Interface, dem sogenannten BCI, verbunden und dann in Dämmerschlaf versetzt«, erklärte er.

»Wie beim Zahnarzt.«

»Genau. Ein Monitor überwacht Ihre Vitalfunktionen während der gesamten Reise.« Auf der anderen Seite des Schirms schlief ein junges Mädchen auf einer weich gepolsterten Liege. »Sie erhalten eine besondere Art Narkose und bleiben für die Dauer des Mietverhältnisses in unserer Obhut. Eine schmerzfreie und völlig harmlose Angelegenheit. Eine Woche später wachen Sie auf, ein wenig benommen vielleicht, aber auch sehr viel reicher.« Wieder blitzten seine Zähne.

Diesmal zwang ich mich, nicht zusammenzuzucken. »Und was geschieht in dieser Woche?«

»Sie nimmt Ihren Platz ein.« Er rieb die Handflächen gegeneinander. »Schon mal von computergestützten künstlichen Gliedmaßen gehört? Die Versehrten steuern diese Prothesen nur mit der Kraft ihrer Gedanken. So ähnlich verhält es sich auch hier.«

»Sie stellt sich also vor, sie sei ich. Wenn sie etwas haben will, denkt sie daran, und meine Hände greifen danach?«

»Als befände sie sich in Ihrem Körper. Sie steuert Ihren Körper und wird wieder jung.« Er schob die Hand des einen Arms unter den Ellbogen des anderen. »Für eine gewisse Zeit zumindest.«

»Aber wie …?«

Er wies mit dem Kinn auf die andere Seite des Schirms. »Hier drüben, in einem anderen Raum, wird die Spenderin – das wären Sie – über ein drahtloses BCI mit dem Computer vernetzt.«

»Drahtlos?«

»Wir setzen in Ihren Hinterkopf einen winzigen Neurochip ein. Sie werden überhaupt nichts spüren. Völlig schmerzlos. Das gibt uns die Möglichkeit, Sie permanent mit dem Computer zu koppeln. Dann schicken wir Ihre Gehirnströme in den Computer, und der stellt die Verbindung zu unserer Kundin her.«

»Stellt die Verbindung her.« Ich legte meine Stirn in Falten und versuchte mir das bildlich vorzustellen. BCI. Neurochip. Im Hinterkopf. Das wurde mit jeder Minute unheimlicher. Mein Wunsch, die Flucht zu ergreifen, wurde stärker. Aber gleichzeitig wollte ich mehr in Erfahrung bringen.

»Ich weiß, das ist alles so neu für Sie.« Er bedachte mich mit einem überheblichen Grinsen. »Wir versetzen Sie in einen Dauerschlaf. Das Gehirn der Kundin übernimmt Ihren Körper. Während dieses Vorgangs beantwortet sie eine Reihe von Fragen, die ihr unser Team stellt, um sicherzugehen, dass alles so funktioniert, wie es soll. Danach kann sie frei über den gemieteten Körper verfügen.«

Der Airscreen zeigte Bilder des gemieteten Körpers beim Golf, beim Tennis und beim Schnorcheln.

»Da der Körper sämtliche Muskelaktivitäten gespeichert hat, ist die Mieterin in der Lage, alle Sportarten auszuüben, die auch Sie beherrschen. Und wenn der Urlaub vorbei ist, bringt sie den Körper hierher zurück. Die Verbindung wird in der richtigen Reihenfolge gelöst. Danach holen wir die Kundin aus ihrem Dämmerschlaf. Sie unterzieht sich einem abschließenden Check und kehrt entspannt in ihren Alltag zurück. Bei der Spenderin, also Ihnen, stellt der Computer die vollen Gehirnfunktionen wieder her. Sie erwachen in Ihrem Körper, als hätten Sie ein paar Tage geschlafen.«

»Und wenn etwas passiert, während sie meinen Körper benutzt? Beim Snowboarden oder Surfen beispielsweise? Wenn ich verletzt werde?«

»Das ist noch nie vorgekommen. Unsere Kunden unterzeichnen einen Vertrag, der sie für Schäden haftbar macht, und hinterlegen eine Kaution. Glauben Sie mir, jeder ist darauf bedacht, diese Summe zurückzubekommen.«

Er sprach über mich wie über einen Mietwagen. Mich fröstelte, als glitt ein Eiswürfel meine Wirbelsäule entlang. Das erinnerte mich an Tyler, der einzige Grund, der mich in diesem Stuhl hielt.

»Was geschieht mit dem Chip?«, erkundigte ich mich.

Er erstarrte eine Sekunde, fing sich aber gleich wieder. »Der wird nach dem dritten Einsatz entfernt.« Er reichte mir ein Schriftstück. »Hier. Das beruhigt Sie vielleicht.«

Folgende Regeln sind zu beachten, wenn Sie einen Exklusiv-Urlaub bei Prime Destinations buchen:

1. Es ist nicht gestattet, das Äußere des Mietkörpers in irgendeiner Weise zu verändern. Das gilt auch, aber nicht nur, für Piercings, Tattoos, Haareschneiden oder -färben, kosmetische Kontaktlinsen und Schönheitsoperationen wie Brustvergrößerungen.

2. Es ist nicht gestattet, Zähne zu plombieren, ziehen oder mit Schmucksteinen versehen zu lassen.

3. Es ist nicht gestattet, sich weiter als fünfzig Meilen von Prime Destinations zu entfernen. Entsprechende Karten stehen zur Verfügung.

4. Jeder Versuch, den Chip zu verändern, ist strengstens untersagt und führt zur sofortigen Auflösung des Vertrags ohne Kostenrückerstattung. Zusätzlich wird eine Strafgebühr erhoben.

5. Sollte es Probleme mit Ihrem Mietkörper geben, kehren Sie umgehend zu Prime Destinations zurück. Bitte denken Sie stets daran, dass Sie einen jungen Menschen gebucht haben, und behandeln Sie seinen Körper mit der gebührenden Sorgfalt.

Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass der Neurochip darauf ausgelegt ist, illegale Aktivitäten des Kunden wirksam zu verhindern.

Die Regeln trugen keineswegs dazu bei, mich zu beruhigen. Sie zeigten im Gegenteil eine Reihe von Problemen auf, die ich bisher noch gar nicht bedacht hatte.

»Wie steht es mit … sonstigen Vorkommnissen?«, fragte ich.

»Was genau meinen Sie?«

»Ich weiß auch nicht.« Mir wäre es lieber gewesen, er hätte das Wort ausgesprochen. Aber nein, das überließ er mir. »Sex?«

»Was ist damit?«

»Darüber steht nichts in Ihren Regeln.« Ich wollte mein erstes Mal sicherlich nicht erleben, wenn ich gar nicht dabei war.

Er schüttelte den Kopf. »Das wird den Kunden unmissverständlich klargemacht. Sex ist verboten.«

Schon klar. Zumindest würde eine Schwangerschaft unmöglich sein. Jeder wusste, dass seit den Massenimpfungen Schwangerschaften, hoffentlich nur zeitweise, ausgeblieben waren. Mein Magen verkrampfte sich. Ich schüttelte mit einer Kopfbewegung die Haare aus den Augen und erhob mich.

»Danke für das Gespräch, Mr. Tinnenbaum. Und für die Demonstration.«

Seine Lippen zuckten. Er versuchte das mit einem schwachen Lächeln zu überspielen. »Übrigens, wenn Sie sofort unterzeichnen, erhalten Sie einen Bonus.« Er holte ein Formular aus seiner Schublade, füllte es aus und schob es mir über den Schreibtisch zu. »Das ist für drei Buchungen.« Er steckte die Kappe auf seinen Füllfederhalter.

Ich nahm den Bogen an mich. Es waren mehr Stellen vor dem Komma, als ich erwartet hatte. Ich setzte mich wieder und atmete tief durch.

Er streckte mir den Füller entgegen. Ich nahm ihn nicht.

»Drei Buchungen?«, fragte ich zurück.

»Ja. Und Sie erhalten das Geld bei Vertragsabschluss.«

Das Formular flatterte. Ich merkte, dass meine Hände zitterten, und legte den Vertrag auf den Schreibtisch.

»Das ist ein sehr großzügiges Angebot«, sagte er. »Gerade aufgrund des Bonus.« Der Füller kam noch näher.

Ich brauchte dieses Geld. Tyler brauchte es.

Als ich den Füller nahm, glaubte ich das Sprudeln des Zimmerbrunnens lauter zu hören. Ich starrte das Dokument an, sah aber nur mattroten Lippenstift, die Augen des Pförtners, Mr. Tinnenbaums unnatürlich weiße Zähne. Ich setzte die Feder auf das Papier, doch bevor ich unterschrieb, schaute ich noch einmal auf. Vielleicht wollte ich eine letzte Rückversicherung. Mr. Tinnenbaum nickte und lächelte. Sein Anzug war perfekt, bis auf einen kleinen weißen Fussel auf dem Revers, der die Form eines Fragezeichens hatte.

Tinnenbaum war so gierig. Ich legte den Füller hin.

Seine Augen verengten sich. »Irgendwas nicht in Ordnung?«

»Meine Mutter hat mir etwas beigebracht.«

»Und das wäre?«

»Eine wichtige Entscheidung immer zu überschlafen. Lassen Sie mir noch etwas Zeit zum Nachdenken.«

Sein Blick wurde eisig. »Ich kann nicht garantieren, dass das Angebot dann noch gilt.«

»Darauf muss ich es ankommen lassen.« Ich faltete den Vertrag, schob ihn in die Tasche und erhob mich.

»Können Sie sich das leisten?« Er stellte sich mir in den Weg.

»Vermutlich nicht. Aber ich muss dennoch darüber nachdenken.« Ich umrundete ihn und ging zur Tür.

»Rufen Sie an, wenn Sie Fragen haben«, rief er mir etwas zu laut nach.

Ich lief an der Empfangsdame vorbei, die verstört darüber schien, dass ich so schnell wieder aufkreuzte. Sie folgte mir mit dem Blick, während ich mir ausmalte, wie sie einen Alarmknopf drückte. Ich lief weiter. Der Pförtner starrte mich durch seine Glastür an, bevor er sie öffnete.

»Sie gehen schon?« Sein dumpfer Gesichtsausdruck hatte etwas Makabres.

Ich rannte wortlos nach draußen.

Frische Herbstluft schlug mir entgegen. Ich atmete tief ein, als ich mich an den Enders vorbeischlängelte, die den Gehsteig in Horden bevölkerten. Ich war wohl die Erste und Einzige, die Tinnenbaums Angebot abgelehnt hatte. Die nicht auf seine Überredungskünste hereingefallen war. Aber ich hatte gelernt, den Enders zu misstrauen.

Ich schlenderte durch Beverly Hills und wunderte mich über die Wohlstandsviertel, die es ein Jahr nach dem Krieg immer noch gab. Hier war nur jede dritte Schaufensterfront leer. Designerklamotten, optische Elektronik, Bot-Shops, alles, um die Kaufsucht reicher Enders zu befriedigen. Das Geschäft lohnte sich, denn wenn etwas kaputt war, musste man es mangels Ersatzteilen oder jemandem, der es hätte reparieren können, einfach neu kaufen.

Ich hielt den Kopf gesenkt, um nicht aufzufallen. Obwohl ich im Moment nichts Illegales tat, hatte ich für den Fall, dass mich ein Marshal anhielt, nicht die nötigen Papiere, die mich als Minderjährige mit Familie auswiesen.

Während ich an einer Ampel wartete, hielt neben mir ein Truck mit einem Pulk grimmiger Starters, die verdreckt und abgerissen um einen Berg von Schaufeln und Spaten auf der Ladefläche kauerten. Ein Mädchen mit einem Kopfverband starrte mich aus toten Augen an.

Ich sah ein kurzes Aufflackern von Neid darin, als sei mein Leben besser als ihres. Als der Truck wieder anfuhr, verschränkte das Mädchen die Arme und schlang sie fest um den Oberkörper. Ich wusste, dass es ihre Schmerzen verschlimmerte, mich frei auf der Straße zu sehen. So elend mein Dasein war, das ihre war noch elender. Es musste doch irgendeinen Weg aus diesem Wahnsinn geben. Einen anderen Weg als diese unheimliche Body Bank oder legalisierte Sklavenarbeit.

Ich hielt mich auf den Nebenstraßen und machte einen weiten Bogen um den Wilshire Boulevard, der die Ordnungshüter wie ein Magnet anzog. Zwei Enders, Geschäftsleute in schwarzen Regenmänteln, kamen auf mich zu. Ich senkte das Kinn auf die Brust und vergrub die Hände in den Taschen meines Hoodies. Links spürte ich den Vertrag, rechts die Papierförmchen mit den Supertruffles.

Bitter und süß.

Die Gegend wurde rauer, je weiter ich mich von Beverly Hills entfernte. Ich wich überfüllten Mülltonnen aus, die auf ihren längst fälligen Abtransport warteten. Eine der Fassaden war rot bemalt. Kontaminiert. Die letzten Granaten hatten die Sporen vor mehr als einem Jahr zu uns getragen, aber die Entseuchungsteams hatten es nicht bis hierher geschafft. Oder hatten es nicht gewollt. Ich drückte meinen Ärmel auf Mund und Nase, so wie mein Vater es uns beigebracht hatte. Auch wenn dies vermutlich nichts nützte.

Es begann zu dämmern. Ich holte meine Handleuchte hervor und befestigte sie am linken Handrücken, schaltete sie aber nicht ein. Wir hatten in unserem Viertel die Straßenlaternen kaputtgemacht, weil wir im Schutz der Schatten eher den Marshals entwischen konnten, die uns mit irgendwelchen Vorwänden einzufangen und in Heime einzuliefern versuchten. Zum Glück hatte ich bis jetzt noch keine dieser Einrichtungen von innen gesehen, aber eine der schlimmsten, Institut 37, war nur wenige Meilen entfernt. Andere Starters hatten darüber berichtet.

Etwa zwei Straßenblocks von unserem Unterschlupf entfernt wurde es dann so dunkel, dass ich die Handleuchte einschalten musste. Eine Minute später entdeckte ich auf der anderen Straßenseite zwei helle Lichtstrahlen, die sich in meine Richtung tasteten. Freunde, dachte ich, weil sie ihre Leuchten an ließen. Doch in der gleichen Sekunde erloschen beide Lichter.

Renegaten.

Mein Magen verkrampfte sich, und das Herz schlug mir bis zum Hals. Ich rannte los. Zum Nachdenken blieb mir keine Zeit. Der Instinkt leitete mich zu meinem Unterschlupf. Eine aus der Verfolgergruppe, ein hochgeschossenes Mädchen mit langen Beinen, war mir so dicht auf den Fersen, dass es meinen Hoodie zu packen versuchte.

Ich rannte noch schneller. Der Eingang unseres Hauses war nur noch einen halben Straßenblock entfernt. Sie startete den nächsten Angriff, und diesmal erwischte sie meine Kapuze.

Ich stürzte, als sie mich nach hinten riss, und landete hart auf dem Rücken. Ein heftiger Schmerz erfüllte meinen Kopf. Sie setzte sich rittlings auf mich und machte sich daran, meine Taschen zu durchsuchen. Ihr Begleiter, ein kleinerer Junge, blendete mich mit dem Strahl seiner Leuchte.

»Ich habe kein Geld.« Ich blinzelte und versuchte ihre Hände wegzustoßen.

Sie schlug mir mit der flachen Hand gleichzeitig auf beide Ohren. Ein fieser Trick, den man in der Gosse lernte. Meine Schläfen begannen zu dröhnen.

»Kein Geld?« Ihre Worte hallten dumpf in meinem Schädel wider. »Dann steckst du tief in der Scheiße.«

Eine Flut von Adrenalin schoss durch meine Adern und verlieh meinem Arm ungeahnte Kraft. Ich drosch ihr die Faust unter das Kinn. Sie kippte vornüber, richtete sich jedoch wieder auf, bevor ich mich befreien konnte.

»Jetzt bist du tot, Baby!«

Ich drehte und wand mich, aber ihre Schenkel hielten mich wie eine Stahlklammer fest. Sie holte zu einem Hieb aus, in den sie ihr ganzes Körpergewicht legte. Instinktiv rollte ich den Kopf zur Seite, und ihre Faust prallte auf das Pflaster. Sie schrie laut auf.

Beflügelt von ihrem Schrei, bäumte ich mich auf und kam frei, während sie die schmerzende Hand an den Körper presste. Mein Herz hämmerte wie verrückt. Inzwischen hatte ihr Begleiter einen Steinbrocken aufgehoben. Ich rappelte mich auf.

Etwas fiel mir aus der Tasche. Alle starrten das Ding an.

Eine der kostbaren Pralinen.

Der Junge richtete den Strahl der Handleuchte darauf.

»Essen«, keuchte er.

Das Mädchen kroch auf die Beute zu, die gebrochene Hand immer noch gegen die Brust gepresst. Ihr Freund bückte sich und schnappte sich das Ding zuerst. Sie erwischte seine Hand, brach ein Stück der Praline ab und verschlang es gierig. Er stopfte sich den Rest in den Mund. Ich nutzte die Ablenkung und rannte zum Seiteneingang meines Unterschlupfs. Ich stieß die Tür auf, meine Tür, und stolperte ins Innere.

Ich betete, dass sie mir nicht folgten. Vermutlich hatten sie zu große Angst vor meinen Mitbewohnern und vor den Fallen, in die sie geraten könnten. Ich richtete die Handleuchte auf die Stufen, die nach oben führten. Frei. Zwei Treppenabsätze bis zum Dachgeschoss. Ich erklomm sie und spähte durch ein verdrecktes Fenster in die Tiefe. Die Renegaten wuselten wie Ungeziefer die Straße entlang. Es war Zeit für eine rasche Bestandsaufnahme. Mein Hinterkopf schmerzte immer noch von dem harten Zusammenprall mit dem Pflaster, aber ich war ohne offene Wunden und offenbar auch ohne Knochenbrüche davongekommen. Eine Hand auf die Brust gepresst, bemühte ich mich, langsamer zu atmen.

Dann wandte ich meine Aufmerksamkeit den Räumlichkeiten selbst zu. Ich horchte, so gut ich konnte, aber meine Ohren hatten sich noch nicht von den Hieben erholt. Ich schüttelte den Kopf, um das störende Rauschen und Dröhnen zu vertreiben.

Keine neuen Geräusche. Keine neuen Bewohner.

Keine Gefahr.

Der Bürosaal am Ende des Korridors zog mich an wie ein Leuchtfeuer. Er verhieß Ruhe und Schlaf. Schreibtische bildeten eine Barrikade um unser provisorisches Lager in einer Ecke des großen, kahlen Raums und schufen die Illusion von Behaglichkeit. Tyler schlief wahrscheinlich schon, und ich tastete nach den restlichen Pralinen in meinen Taschen. Vielleicht war es vernünftiger, ihn erst am Morgen damit zu überraschen.

Aber ich konnte einfach nicht so lange warten.

»Hey, wach auf! Ich habe was für dich.« Ich schob mich an den Schreibtischen vorbei, aber da war nichts. Keine Decken, kein Bruder. Nichts. Unsere spärlichen Habseligkeiten – verschwunden.

»Tyler?«, rief ich.

Das Schlucken fiel mir schwer. Ich stürzte zur Tür, aber als ich sie erreichte, ging sie auf, und eine vertraute Gestalt erschien auf der Schwelle.

»Michael!«

Er schüttelte sich das wirre blonde Haar mit einem Ruck aus der Stirn. »Callie, du bist es.« Er klemmte sich die Handleuchte unter das Kinn und schnitt eine Furcht einflößende Grimasse. Aber gleich darauf lachte er los.

Wenn er lachte, war mit Tyler bestimmt alles in Ordnung. Ich schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter.

»Wo ist Tyler?«

»Ihr beide müsst zu mir ziehen. Hier drinnen ist das Dach undicht.« Er richtete den Strahl seiner Lampe auf einen dunklen Fleck an der Decke. »Das war doch okay, oder?«

»Ich weiß nicht. Kommt darauf an, wie geschmackvoll deine Einrichtung ist.«

Ich folgte ihm in ein Großraumbüro am anderen Ende des Korridors. In zwei der Ecken bildeten Schreibtische gemütliche, schützende Nischen. Als ich näher kam, sah ich, dass er unsere Sachen genau so arrangiert hatte wie in unserem Unterschlupf. Tyler saß an der Wand, eine Decke um die Beine gewickelt. Er wirkte so winzig, wie er da auf seinem Schlafsack kauerte, viel jünger als sieben. Vielleicht lag es daran, dass ich ihn einen Moment lang verloren geglaubt hatte, oder auch an der Tatsache, dass ich den ganzen Tag fort gewesen war, aber plötzlich fiel mir auf, wie sehr er sich verändert hatte. Er hatte Untergewicht, seit wir auf der Straße lebten. Seine Haare mussten geschnitten werden. Und ich bemerkte dunkle Ringe unter seinen Augen.

»Wo warst du, Monkey?« Tylers Stimme klang heiser.

Ich ließ mir meine Besorgnis nicht anmerken. »Draußen.«

»Du warst so lange weg.«

»Aber du hattest doch Michael.« Ich kniete neben ihm nieder. »Und es hat eben lange gedauert, bis ich etwas ganz besonders Feines für dich auftreiben konnte.«

Ein zaghaftes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. »Was?«

Ich holte eines der Papierförmchen aus meiner Tasche. Tylers Augen weiteten sich.

»Eine Supertruffle?« Er schaute Michael an, der neben mir stand. »Wow!«

»Ich habe noch eine.« Ich zeigte ihm das zweite Förmchen. »Die sind beide für dich.«

Er schüttelte den Kopf. »Eine nimmst du.«

»Du brauchst die Nährstoffe«, sagte ich.

»Hast du denn heute schon gegessen?«, erkundigte er sich. Ich starrte ihn an. Konnte ich ihn anschwindeln? Nein, er kannte mich zu gut.

»Dann gehört sie euch beiden«, erklärte er.

Michael zuckte mit den Achseln, und das Haar fiel ihm wieder über Stirn und Augen. Lässig sah das aus und irgendwie ganz typisch für ihn. »Einverstanden, bevor du mich schlägst.«

Tyler lächelte und nahm meine Hand. »Danke, Callie.«

Er versuchte meine Finger ganz fest zusammenzudrücken, wie er es früher immer gemacht hatte.

Aber er schaffte es nicht.

Wir saßen um einen Schreibtisch in der Mitte des Saals, den wir zum Esstisch umfunktioniert hatten. Michaels Handleuchte stand in der Mitte, auf Kerzenmodus eingestellt. Wir schnitten die Riesenpralinen in kleine Stücke, die wir spaßeshalber Vorspeise, Hauptgericht und Dessert nannten. Die süße zähe Leckerei war ein Zwischending aus einem Brownie und Fudge und schmeckte einfach himmlisch. Obwohl wir sie langsam auf der Zunge zergehen ließen, war sie viel zu schnell alle.

Tyler wirkte nach dem Essen etwas munterer. Er sang vor sich hin, während Michael das Kinn auf die Hand stützte und mich über den Tisch hinweg anstarrte. Er brannte darauf, mich über die Body Bank und alles andere auszufragen. Ich sah, wie sich sein Blick auf meine frischen Schrammen heftete.

»Das süße Zeug macht Durst«, sagte ich.

»Genau.« Tyler nickte.

Michael stand auf. »Dann fülle ich mal besser die Wasserflaschen.« Er schnappte sich unsere Flaschen, die an Riemen neben der Tür hingen, zusammen mit dem Eimer für das Waschwasser. Dann verließ er den Raum.

Tyler ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken. Die Begeisterung über die Supertruffles forderte ihren Tribut. Ich strich ihm über das babyweiche Haar und den Nacken. Der Kapuzenpulli war ihm von der Schulter gerutscht und gab die Impfnarbe frei. Ich fuhr mit dem Finger darüber, dankbar für das kleine Mal. Ohne diese Impfung wären wir jetzt tot wie unsere Eltern. Tot wie alle Menschen zwischen vierzig und sechzig. Da wir Jungen, ebenso wie die Alten, besonders anfällig gegen die Genozid-Sporen waren, hatte man unsere beiden Altersgruppen zuerst geimpft.

Und jetzt gab es nur noch Starters und Enders. Was für eine makabere Ironie war das?

Nach ein paar Minuten kam Michael mit den gefüllten Wasserflaschen zurück. Ich ging ins Bad, wo er den Eimer mit dem Waschwasser abgestellt hatte. In der ersten Woche, die wir hier verbracht hatten, waren die Leitungen noch intakt gewesen. Mit einem Seufzer erinnerte ich mich an den Luxus von fließendem Wasser. Inzwischen mussten wir unser Wasser aus außen gelegenen Brunnen stehlen.

Das kalte Wasser erfrischte mich, obwohl wir schon November hatten und die Heizung längst nicht mehr funktionierte. Ich wusch mir das Blut von Gesicht und Armen.

Als ich in den Bürosaal zurückkehrte, hatte es sich Tyler in unserer Ecke bequem gemacht. Michael lag uns gegenüber, in seiner Burg, die das Spiegelbild der unseren war. Nun, da wir uns alle in einem Raum befanden, fühlte ich mich sicherer. Falls wir ungebetenen Besuch bekamen, konnte einer von uns den Eindringling von hinten angreifen. Michael hatte ein Metallrohr. Ich besaß einen Mini-Zip-Taser, der meinem Vater gehört hatte. Er war nicht so wirksam wie die Elektroschocker der Marshals, aber ich verließ mich voll und ganz auf ihn. Irgendwie traurig, dass mir eine Waffe Trost spenden musste.

Ich setzte mich auf meinen Schlafsack und zog die Schuhe aus. Dann schlüpfte ich aus dem Hoodie und tat, als wollte ich mich schlafen legen. Ich hatte im Geiste eine Liste der Dinge angelegt, die mir am meisten fehlten. An diesem Abend erweiterte ich sie um einen Schlafanzug. Einen Schlafanzug aus Flanell, warm aus dem Trockner. Ich hatte es satt, immer in Straßenklamotten zu schlafen, immer darauf vorbereitet, zu fliehen oder in einen Kampf verwickelt zu werden. Ich sehnte mich nach einem flauschigen Pyjama und einem tiefen Schlaf, in dem für ein paar Stunden die Welt vergessen war.

»Michael hat unser Zeug rübergeschafft.« Tyler ließ seine Handleuchte über unsere Bücher und sonstigen Schätze wandern, die auf den Schreibtischen ringsum gestapelt waren.

»Ich weiß. Das war ganz lieb von ihm.«

Der Lichtstrahl ruhte auf einem Stoffhund. »Es ist alles wie zuvor.«

Erst dachte ich, er meinte, wie früher bei uns zu Hause, aber dann wurde mir klar, dass er vom Vortag sprach. Michael hatte sich die Mühe gemacht, unsere Habseligkeiten genau so zu arrangieren wie in unserem vorigen Unterschlupf, weil er wusste, wie kostbar sie für uns waren.

Tyler holte unseren Holo-Frame herunter. Das machte er hin und wieder, wenn er besonders traurig war und nicht einschlafen konnte. Er hielt ihn in der Handfläche und ging die einzelnen Holo-Videos durch – die Familie am Strand, wir Kinder beim Spielen im Sand, Dad bei Zielübungen am Schießstand, die Hochzeit unserer Eltern. Mein Bruder stoppte an der gleichen Stelle wie immer – einer Aufnahme unserer Eltern, entstanden drei Jahre zuvor während eines Segeltörns, kurz bevor die Kämpfe im Pazifik begonnen hatten. Beim Klang ihrer Stimmen wurde mir immer noch schwer ums Herz. »Tyler, du fehlst uns sehr. Und Grüße und Küsse an dich, Callie. Pass gut auf deinen Bruder auf!« Im ersten Monat war ich stets in Tränen ausgebrochen, wenn ich diese Worte hörte. Das war vorbei. Inzwischen klangen sie hohl wie namenlose Schauspieler in einem Film ohne Titel.

Tyler weinte nie. Er prägte sich ihre Stimmen immer wieder ein. So waren Mom und Dad jetzt für ihn.

»Okay, genug für heute. Zeit fürs Bett.« Ich griff nach dem digitalen Bilderrahmen.

»Nein. Ich will mich erinnern.« Er sah mich bittend an.

»Hast du Angst, dass du sie vergisst?«

»Vielleicht.«

Ich wies auf die Leuchte, die um sein Handgelenk geschnallt war. »Weißt du noch, wer sie erfunden hat?«

Tyler nickte. »Dad.«

»Genau. Mit einigen anderen Wissenschaftlern zusammen. Also, wann immer du dieses Licht siehst, denk daran, dass Dad über dich wacht.«

»Tust du das?«

»Jeden Tag.« Ich strich ihm über das Haar. »Keine Sorge, wir werden sie niemals vergessen. Ehrenwort.«

Schließlich einigten wir uns auf ein Tauschgeschäft. Tyler bekam anstelle des Bilderrahmens sein Lieblingsspielzeug, einen kleinen Robodog – das einzige Spielzeug, das ihm geblieben war. Das Ding schaltete auf Softmodus und lag wie ein echter Hund in seinem Arm. Mal abgesehen von den grünen Leuchtaugen.

Ich stellte den Rahmen wieder auf die Schreibtischplatte über uns. Tyler hustete, und ich zog ihm den Schlafsack bis ans Kinn hoch. Jedes Mal, wenn er hustete, erinnerte es mich an die Diagnose des Klinikarztes, der ihn untersucht hatte. »Seltene Lungenkrankheit. Vielleicht heilbar. Vielleicht auch nicht.« Ich sah, wie sich seine Brust hob und senkte, und hörte, wie seine rasselnden Atemzüge allmählich ruhiger und tiefer wurden. Ich kroch aus meinem Schlafsack und spähte um die Schreibtische herum.

Michaels Handleuchte erhellte die Wand. Ich warf mein Kapuzenshirt um die Schultern und lief barfuß zu ihm hinüber.

»Michael?«, wisperte ich.

»Komm rein!« Er dämpfte seine Stimme ebenfalls.

Ich war gern in seiner kleinen Festung. Er hatte sie mit Bleistift- und Kohlezeichnungen ausgeschmückt und in jedem freien Winkel Papier, Stifte und sonstiges Arbeitsgerät verstaut. Michael skizzierte Szenen unserer Stadt, schilderte aus seiner Sicht die Straßenschluchten mit ihren leeren Häusern, dazu die Horden von Halbwüchsigen – die Gleichgesinnten, aber auch die Renegaten mit ihren Handleuchten und zerlumpten Klamotten, die sich Wasserflaschen um die dürren Hüften geschnallt hatten und sich mit Gewalt nahmen, was sie zum Überleben brauchten.

Er legte sein Buch weg, lehnte sich an die Wand und deutete auf seine Armeedecke.

Dann sah er mich prüfend an. »Also – was ist mit deinem Gesicht passiert?«

Ich betastete meine Wange. Sie fühlte sich heiß an. »Sieht es so schlimm aus?«

»Tyler hat nichts gemerkt. Wahrscheinlich, weil es hier drinnen so dunkel ist.«

Ich nahm ihm gegenüber im Schneidersitz Platz.

»Renegaten?«

Ich nickte. »Mir fehlt nichts weiter.«

»Wie war es bei den Enders?«

»Irgendwie seltsam.«

Er ließ den Kopf hängen und schwieg.

»Was ist los?«, fragte ich.

Als er aufschaute, merkte ich, dass er rot angelaufen war. »Ich hatte solche Angst, du würdest nicht zurückkommen.«

»Ich hab’s doch versprochen, oder?«

Er nickte. »Schon.« Plötzlich hatte er feuchte Augen. »Aber ich dachte … wenn du nun nicht zurückkommen könntest?« Seine Stimme war kaum hörbar.

»Ach, Michael.« Ich legte ihm eine Hand auf die Schulter.

Er wischte sich mit dem Handrücken die Tränen ab. »Also, wie findest du den Laden?«

»Hast du gewusst, dass die dir einen Neurochip einsetzen?« Ich deutete auf meinen Hinterkopf. »Hier.«

»Wo? Lass sehen!« Er berührte mein Haar.

»Nein, doch nicht sofort, Dummkopf. Ich wollte mir die Sache erst mal ansehen.«

Ich las die Sorge in seinen Zügen, bemerkte den weichen Blick, mit dem er mich musterte. Komisch, ich hatte ihn früher kaum bemerkt, obwohl er in der gleichen Straße wie wir gewohnt hatte. Wie verrückt, dass uns erst der Sporenkrieg zusammengebracht hatte.

Als ich die Hände in die Taschen schob, stieß ich auf etwas. Ein Blatt Papier. Ich zog es ans Licht.

»Was ist das?«, fragte er.

»Der Vertrag. Den gab mir der Kerl von der Body Bank mit.«

Ich faltete das Formular auf und strich es glatt.

Michael beugte sich vor. »Die Summe sollst du kriegen?« Er entriss mir das Dokument.

»Gib her.«

Er las den Kontrakt. »… für drei Buchungen.«

»Ich mach’s nicht.«

»Warum nicht? Das ist eine Menge.«

»So viel zahlen die doch nie. Genau das ist es, was mich stutzig macht. Der hohe Betrag.«

»Und überhaupt, ich frage mich, wie diese Leute das Gesetz umgehen. Es ist sicher nicht erlaubt, Starters zu mieten.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Irgendein Schlupfloch werden sie gefunden haben.«

»Oder sie halten die Sache streng geheim. Zumindest machen sie keine Reklame dafür.«

Er hatte recht. »Mir hat es der Typ erzählt, der eine Zeitlang im ersten Stock wohnte.«

»Wahrscheinlich kriegt er eine Art Kopfgeld für jeden Starter, den er anwirbt.«

»Da hat er in meinem Fall Pech.« Ich legte mich auf die Seite und stützte das Kinn auf eine Hand. »Ich traue denen nicht.«

»Du musst müde sein. Das war ein langer Fußmarsch.«

»Zu müde zum Schlafen.«

»Morgen sehen wir an der Laderampe nach, ob wir etwas Obst erstehen können.«

Seine Worte klangen verschwommen, und meine Lider fühlten sich wie Blei an. Irgendwann schlug ich die Augen auf und sah, dass er mich anlächelte. Ich musste eingeschlafen sein.

»Geh schlafen, Kleines.«

Ich nickte, schob den Vertrag zurück in die Tasche und kehrte zu Tyler zurück. Ich wickelte mich in den Schlafsack und stellte die Handleuchte auf Sparmodus ein.

Der Winter in Südkalifornien war nicht brutal, aber bald würde es nachts doch ziemlich kalt werden. Ich musste sehen, dass ich für Tyler ein warmes Plätzchen fand. Ein richtiges Heim. Aber wie? Das war die Sorge, die mich jede Nacht von Neuem beschlich. Ich hatte gehofft, die Body Bank wäre die Lösung. War sie aber nicht. Die Leuchte ging aus, als ich langsam einnickte.

Das Kreischen der Rauchmelder riss mich aus meinem unruhigen Schlaf. Bitterer Qualm drang mir in die Nase. Tyler setzte sich hustend auf.

»Michael?«, rief ich.

»Feuer!«, gab er zurück.

Die Uhr an meiner Handleuchte zeigte 5 Uhr morgens an. Ich tastete nach meiner Wasserflasche und schraubte sie auf. Dann griff ich in die Schublade über mir und zerrte ein T-Shirt heraus. Ich feuchtete es an.

»Drück das auf Mund und Nase!«, befahl ich Tyler.

Michaels Leuchte durchbrach die Rauchschwaden. »Kommt!«, rief er.

Ich hakte meinen kleinen Bruder unter. Unsere Handleuchten durchdrangen den Qualm nur zum Teil. Geduckt tasteten wir uns zur Tür.

Michael legte mir eine Hand auf die Schulter und dirigierte mich zur Treppe. Rauch verdunkelte das Treppenhaus. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, aber wir schafften es. Meine Beine fühlten sich wie Gummi an, als wir ins Freie traten.

Wir entfernten uns von dem Gebäude, aus Angst vor den Flammen und herabstürzenden Trümmern. Im Halbdunkel des frühen Morgens sahen wir einige Mitbewohner herauskommen. Zwei von ihnen kannten wir. Dann waren da noch drei, die wohl in den unteren Stockwerken gehaust hatten.

Sie alle starrten entsetzt die Fassade an.

»Wo sind die Flammen?«, fragte ich.

»Wo ist das Feuer?«, setzte Michael hinzu.

»Sind das alle?«, schrie ein Mann.

»Ja.« Ich sah einen Ender näher kommen. Er mochte um die hundert sein und trug einen schicken Anzug.

»Sicher?« Der Ender sah die Hausbewohner an. Sie nickten. »Gut.« Der Mann hob die Hand, und drei weitere Enders in Bauarbeiterkleidung näherten sich dem Gebäude.

Einer riss das Klebeband vom Schloss des Seiteneingangs, ein anderer nagelte einen Zettel an die Tür. Der Anzugträger drückte uns eine Kopie des Zettels in die Hand.

Michael las vor: »Betreten des Gebäudes und des zugehörigen Grundstücks ab sofort verboten. Der neue Eigentümer.«

»Die haben uns glatt ausgeräuchert«, sagte einer unserer Mitbewohner.

»Ich fordere euch auf, das Gelände zu verlassen«, befahl der Anzugträger mit ruhiger, aber entschiedener Stimme.

Als sich keiner von uns rührte, fügte er hinzu: »Ihr habt eine Minute Zeit.«

»Aber unsere Sachen …« Ich lief auf das Gebäude zu.

»Ihr dürft da nicht mehr hinein«, erklärte der Anzugträger. »Ich hafte dafür, dass euch nichts passiert.«

»Sie können uns doch nicht unsere Habe vorenthalten«, beschwerte sich Michael.

»Das Besetzen von Häusern ist gesetzeswidrig«, sagte der Ender. »Ich warne euch. Noch dreißig Sekunden.«

Mir wurde schlecht. »Alles, was wir noch besitzen, ist da drin. Bitte – wenn wir das Gebäude schon nicht betreten dürfen, dann lassen Sie wenigstens unsere Sachen nach draußen bringen.«

Er schüttelte den Kopf. »Dazu ist keine Zeit. Verschwindet lieber. Die Marshals sind bereits unterwegs.«

Das reichte, um die Mitbewohner in die Flucht zu schlagen. Ich legte einen Arm um Tylers Schultern und wandte mich ebenfalls zum Gehen, aber dann wagte ich einen letzten Versuch. Der Mann im Anzug hatte uns bereits den Rücken zugekehrt, doch der Bauarbeiter sah uns und nickte ihm zu. Er drehte sich um.

»Bitte. Unsere Eltern sind tot.« Ich kämpfte mit den Tränen. »Die letzten Aufnahmen, die wir von ihnen haben, sind in diesem Haus. Im zweiten Stock, am Ende des Korridors. Könnte jemand den Bilderrahmen retten und uns herunterwerfen?«

Er schien einen Moment lang zu überlegen. Dann murmelte er ein knappes »Tut mir leid« und wandte sich ab, ohne mich auch nur anzusehen.

Ich hatte mich noch nie so leer gefühlt. Es war sinnlos, mit ihm zu diskutieren. Über achtzig Jahre trennten uns; er würde nie verstehen, was wir durchgemacht hatten.

»Callie, es ist okay.« Tyler zerrte an meiner Hand. »Wir können auch ohne die Bilder an sie denken, nicht wahr? Wir vergessen sie ganz bestimmt nicht.«

Eine Sirene heulte auf. »Die Marshals«, sagte Michael. »Los jetzt!«

Wir hatten keine Wahl, also drehten wir uns um und flohen ins Halbdunkel des frühen Morgens.

Zurück ließen wir die letzten Erinnerungsstücke an unsere Familie. An das Leben, das seit einem Jahr nicht mehr existierte.

kapitel 2

kapitel 2Wir hasteten die Straße entlang, weg vom Geheul der Polizeisirene. Ich wagte einen kurzen Blick über die Schulter. Silberhaarige Männer in stahlgrauen Uniformen sprangen aus ihrem Fahrzeug. Michael hob Tyler hoch, und wir rannten so schnell wir konnten. Wir stürmten in einen engen Durchgang zwischen unserem Unterschlupf und einem anderen verlassenen Bürogebäude.

Zwar war zu hören, dass uns die Marshals folgten, aber wir hatten den Durchgang hinter uns gelassen, bevor sie ihn erreichten. So konnten sie nicht sehen, in welche Richtung wir uns wandten. Sie besaßen Waffen und hundert plus Jahre Erfahrung, aber wir hatten junge Beine.

Wir liefen hinter eine lange Sträucherhecke im Hof zwischen den Gebäuden. Die Büsche waren halb verdorrt und kratzig, aber im Morgengrauen reichte das Gestrüpp als Sichtschutz aus. Jetzt erwies es sich als nützlich, dass wir bei unserem Einzug ein paar Verstecke angelegt hatten. Ich bog die Äste zur Seite, Michael setzte Tyler ab, und wir drängten uns aneinander.

Die Marshals kamen heran. Ich spähte durch eine Lücke im Astwerk und beobachtete jede ihrer Bewegungen. Einer wandte sich nach links, der andere kam direkt auf uns zu.

Tyler atmete keuchend, wie immer vor einem Hustenanfall. Ich spürte, wie sich die Härchen an meinen Armen aufrichteten. Michael schob eine Hand über Tylers Mund.

Der Marshal kam näher. Hatte er uns gesehen? Er bückte sich und zog seine Waffe. Mein Herzschlag war so laut, dass er in meinen Ohren widerhallte. Ich packte Michaels Hemd und presste meine Wange an seine Schulter.

Die Hand des Marshals griff in das Laub vor meinem Gesicht. Er war so nahe, dass ich den Ölgeruch seiner Handschuhe vernehmen konnte. Ich hielt den Atem an.

»Er ist hier!«, hörten wir den anderen Marshal rufen.

Dann zerfetzte dieses Geräusch, dieses elektronische Lichtbogenknistern, das uns ein Kribbeln über den Rücken jagte, die kalte Nacht.

Zip-Taser.

Qualvolle Schreie folgten dem Knistern. Sie durchdrangen uns, bis unsere Zähne und Seelen schmerzten. Das Laub zitterte, als unser Marshal zum Ort des Geschehens rannte.

Ich presste mein Gesicht gegen das Astwerk, um besser sehen zu können. Ein Junge lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden. Seine Schreie gingen allmählich in ein Stöhnen über.

Einer der Marshals legte ihm Handschellen an und drehte ihn um. Ich erkannte, dass es ein Bewohner unseres Gebäudes war, ein Typ, den ich nur flüchtig wahrgenommen hatte. Der Zip-Taser hatte eine Seite seines Nackens so versengt, dass die Haut schwarz war. Das passierte, wenn sie ganz aus der Nähe abdrückten oder die Wirkung zu hoch eingestellt war.

Sie machen das absichtlich, dachte ich, um uns zu brandmarken.

Der Junge begann wieder zu schreien, als sie ihm Arme und Brust mit einem Riemen zusammenschnürten, und flehte sie an, ihn nicht mitzunehmen. Sie kümmerten sich nicht um seine Beteuerungen, sondern richteten ihn auf und zerrten ihn mithilfe von zwei Stricken, die sie durch den Riemen gezogen hatten, hinter sich her. Die Füße des Jungen schleiften über den Boden. Bei jedem Schlagloch schrie er laut auf.

Es war, als hätten sie ein Tier erbeutet.

Sie waren Feiglinge, jagten uns nur in der Nacht, unbemerkt von möglichen weichherzigen Enders, die hätten einschreiten können.

Wir kauerten dicht zusammengedrängt im Schutz der Sträucher. Das hielt Tyler warm und vom Husten ab und erstickte jedes noch so leise Geräusch, das wir verursachten. Jeder Schrei ließ uns zusammenzucken. Wenn wir nur ein paar Hausbesetzer mehr gewesen wären! Dann hätten wir die Marshals von hinten anspringen und sie beißen, kratzen oder schlagen können, bis sie den Jungen losließen.

Das Schreien wurde leiser, als sie den Durchgang erreicht hatten. Dann hörten wir, wie ihr Wagen startete. Sie zogen ab, zufrieden mit ihrem Einsatz. Sie hatten einen Gefangenen gemacht und damit ihr Soll erfüllt.

Und morgen würden sie wiederkommen.

Tyler ließ seinem lange unterdrückten Husten freien Lauf, bis er röchelte und damit einen weiteren Anfall heraufbeschwor. Wir krochen aus der Hecke, weil der Boden dort zu feucht für ihn war. Michael zog sein Sweatshirt aus und streifte es Tyler über. Die beiden setzten sich auf einen niedrigen Pflanzentrog aus Beton und rückten ganz eng zusammen, während ich unruhig auf und ab lief.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Michael. »Wir haben unsere Schlafsäcke verloren.«

»Und meinen Zip-Taser.« Ich schluckte bei dem Gedanken an die Waffe des Marshals. »Unsere Wasserflaschen. Dazu alles, was wir von daheim gerettet, bevorratet oder zusammengebaut hatten.«

Meine Worte hingen in der kalten Nachtluft. Das Elend, das sie zum Ausdruck brachten, drohte mich zu überwältigen.

Tyler setzte noch einen obendrauf.

»Mein Robodog ist weg«, ergänzte er.

Er schob die Unterlippe trotzig vor, konnte aber nicht verhindern, dass sie zitterte. Der Hund war nicht nur ein Spielzeug – es war das letzte Stück, das ihm Mom geschenkt hatte. Wäre ich ein besserer Mensch gewesen, hätte ich zugegeben, dass ich ihn nur zu gut verstand, weil ich selbst untröstlich über den Verlust des Holo-Frames mit den Bildern unserer Eltern war. Unwiederbringliche Erinnerungsstücke. Unser früheres Dasein, das Leben, das wir bis vor einem Jahr geführt hatten – undokumentierte Geschichte. Die letzte Verbindung gekappt.

Aber ich behielt meine Gefühle für mich. Sich jetzt gehen zu lassen, war auch keine Lösung.

»Also, was nun?«, fragte Tyler. »Wohin sollen wir gehen?« Ein trockener Husten schüttelte ihn.

»Wir können nicht hierbleiben«, erklärte ich. »Die kommen morgen mit mehr Leuten zurück, jetzt, da sie die Übermacht zurückgewonnen haben.«

»Ich kenne noch ein leerstehendes Gebäude«, warf Michael ein. »Nicht weit entfernt. Höchstens zwanzig Minuten.«

Noch ein Gebäude. Noch ein kalter, harter Fußboden. Noch ein Unterschlupf auf Zeit. Etwas in mir zerbrach.

»Zeichne mir eine Karte.« Ich fischte den Vertrag aus der Tasche meines Hoodies und riss eine Ecke ab.

»Warum?«, fragte Michael.

»Ich stoße später zu euch.« Ich schob Michael das Papier hin, und er begann zu zeichnen.

»Wo willst du hin?« Tylers Stimme klang heiser.

»Ich bin für einen oder zwei Tage weg.« Ich sah Michael an. »Ich weiß, wo ich Geld auftreiben kann.«

Michael schaute von seiner Skizze auf. Unsere Blicke trafen sich. »Callie – bist du sicher, dass das der richtige Weg ist?«

Ich betrachtete Tylers erschöpftes Gesicht, seine eingefallenen Wangen und verquollenen Augen. Der Rauch hatte seinen Zustand verschlimmert. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn er es meinetwegen nicht schaffen würde. »Nein. Aber mein Entschluss steht fest.«

Kurz darauf machte ich mich auf den Weg zu Prime Destinations. Die Karte hatte ich in die kleine Tasche an meiner Lampe geschoben. Als ich Beverly Hills erreichte, war es 8 Uhr 45, und die Läden waren noch geschlossen. Ich begegnete einer Handvoll Enders, die zu viel Make-up trugen und sich mit auffälligem Schmuck behängt hatten. Die moderne Medizin konnte die Lebensspanne der Enders auf zweihundert Jahre ausdehnen, aber sie konnte sie offenbar nicht davon abhalten, Modesünder zu werden. Die Gruppe betrat ein Restaurant. Als sich die Tür öffnete, stieg mir der Geruch von Eiern mit Schinkenspeck in die Nase. Mein Magen knurrte.

Diese reichen Enders taten, als sei nie Krieg gewesen. Am liebsten hätte ich sie geschüttelt. Habt ihr das alles schon vergessen? Die Schlachten an der Pazifikküste, die zu keiner Entscheidung führten? Die neue Taktik des Feindes, mit Sporen gefüllte Gefechtsköpfe einzusetzen? Und unseren brutalen Gegenschlag mit EMP-Waffen, die ihre Computer, ihre Flugzeuge und natürlich ihre Börsenmärkte zum Absturz brachten?

Wir hatten Krieg, Leute. Einen Krieg, den keiner gewann. Nicht wir und nicht die Pazifikstaaten. Innerhalb eines Jahres hatte sich das Gesicht Amerikas völlig verändert: Nun gab es nur noch ein paar verstreute Starters wie mich in einem Meer silberhaariger Enders, die sehr reich, sehr gut genährt und sehr vergesslich waren.

Nicht alle gehörten zu den unermesslich Reichen, aber keiner von ihnen war so arm wie wir, die weder arbeiten noch wählen durften. Dieser Trend hatte sich schon vor dem Krieg angekündigt, aber nun, da die Alten weit in der Überzahl waren, ließ sich die Entwicklung nicht mehr aufhalten. Ich hasste es, über den Krieg nachzudenken.

Ich kam an einer Pizzeria vorbei. Geschlossen. Doch das Hologramm im Fenster sah zum Anbeißen aus, mit blubberndem Käse. Das ausströmende künstliche Aroma wirkte zu echt. Ich dachte mit Sehnsucht an den würzigen Geschmack von Tomatensauce und heißem, halb zerlaufenem Mozzarella. Was mir fehlte, war nicht nur Essen, sondern vor allem heißes Essen.

Als ich den Sitz von Prime Destinations erreichte, zögerte ich. Das Unternehmen war in einem freistehenden, fünf Stockwerke hohen Gebäude mit silbern verspiegelten Fenster- und Türfronten untergebracht. Ich betrachtete mich in der Fassade des Haupteingangs. Zerfetzte Klamotten, rußverschmiertes Gesicht, umrahmt von wirren Strähnen. War ich noch irgendwo darunter, ich selbst? Mein Spiegelbild verschwand, als der Wachmann die Tür öffnete. »Schön, Sie wiederzusehen.« Er grinste unverhohlen.

Während ich am Empfang auf Tinnenbaum wartete, bemerkte ich in einem offen stehenden Konferenzraum jenseits der Eingangshalle zwei streitende Männer. Einer von ihnen war Tinnenbaum. Den anderen konnte ich nur von hinten sehen. Er war groß und trug einen eleganten schwarzen Wollmantel. Unter seinem weichen Filzhut lugten ein paar Zentimeter Silberhaar hervor. Er schlug sich mit den Handschuhen mehrmals in eine Hand, ehe er sie so heftig gegen die Tischkante rammte, dass Tinnenbaum zusammenzuckte.

Kurz darauf verschwand er aus meinem Blickwinkel. Der hochgewachsene Mann jedoch blieb und starrte wütend in eine Vitrine mit elektronischem Zubehör. Ich konnte seine Züge in der Glasscheibe nicht deutlich ausmachen, aber ich hatte das Gefühl, dass er mich besser sah als ich ihn. Ich spürte ein Prickeln im Nacken. Er starrte mich unverwandt an, so als würde er mich mit Blicken vermessen.

Warum?

In diesem Moment kam Tinnenbaum allein aus dem Raum und schloss die Tür hinter sich. Er hatte dieses abartige Grinsen wiedergefunden, das sein Markenzeichen zu sein schien.

»Callie. Ich hatte gehofft, dass wir Sie wiedersehen würden.« Er reichte mir die Hand. »Entschuldigen Sie, dass ich Sie warten ließ, aber das war mein Boss.« Er deutete mit dem Kinn auf den Konferenzraum.

»Schon okay. Er ist sicher ein bedeutender Mann.«

»Man könnte sagen, dass er Mr. Prime Destinations höchstpersönlich ist.« Er machte mit dem freien Arm eine weit ausholende Geste. »Das alles hier ist sein Baby.«

Ich folgte ihm in sein Büro und nahm ihm gegenüber am Schreibtisch Platz, während er seinen Airscreen einschaltete. Mein Blick schweifte nach rechts, und ich fragte mich, ob das gerahmte Bild in Wahrheit ein Überwachungsfenster war.

»Und wer, sagten Sie, empfahl Ihnen unser Unternehmen?«

»Dennis Lynch.«

»Woher kennen Sie ihn?«

»Er war ein Klassenkamerad. Vor dem Krieg.«

Er sah mich an, als erwartete er mehr.

»Nach dem Krieg begegnete ich ihm zufällig auf der Straße. Er erzählte mir von Ihrem Institut.«

Ich erwähnte nicht, dass Dennis ebenfalls zur Hausbesetzer-Szene gehörte. Tinnenbaum wusste, dass ich illegal wohnte, aber ich wollte ihm das nicht unbedingt schwarz auf weiß geben.

Meine Auskunft schien ihn zufriedenzustellen. »Und in welchen Sportarten sind Sie besonders gut?«

»Bogenschießen, Fechten, Schwimmen und Schießen.«

Er zog eine Augenbraue hoch. »Schießen?«

»Mein Vater kannte sich mit Waffentechnik aus. Er war im Science Corps und ein guter Sportschütze. Er brachte mir das Schießen bei.«

»Er ist tot?«

»Ja. Meine Mutter auch.«

»Sie haben auch sonst keine Angehörigen mehr?«

»Ganz recht.« Blöde Frage. Würde ich auf der Straße leben, wenn ich Großeltern hätte?

Er nickte und klopfte mit den Fingerspitzen auf die Schreibtischplatte. »Nun, dann wollen wir mal sehen, wie gut Sie sind.«

Ich rührte mich nicht vom Fleck.

»Oder haben Sie noch irgendwelche Fragen?«

Allerdings. »Und wenn ich nun geschnappt werde? Wegen Schwarzarbeit?«

Er lächelte. »Von Arbeit kann hier nicht die Rede sein. Sie erweisen uns einen kleinen Gefallen. Im Schlaf, wohlgemerkt. Das Geld, das Sie von uns bekommen, ist deshalb auch kein Gehalt, sondern ein Stipendium.« Er schob seinen Stuhl zurück. »Keine Sorge. Dieses Abkommen ist für beide Seiten von Vorteil. Wir brauchen Sie, und Sie brauchen uns. Nun lassen Sie uns erfahren, wie Sie in Form sind.«

Mr. Tinnenbaum stellte mich einer Frau namens Doris vor, die mich unter ihre Fittiche nehmen sollte. Sie hatte das Silberhaar der Enders, aber den Körper einer Ballerina. Im Gegensatz zu den meisten anderen war sie modebewusst, kombinierte sie den Retro-Look mit Stilelementen der Avantgarde. Ihr Kostüm war ein Klassiker der Vierzigerjahre, doch dazu trug sie einen Gürtel, der ihre winzige Taille noch schmaler aussehen ließ. Dafür hatte sie sich garantiert ein paar Rippen entfernen lassen.

Ende der Leseprobe