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Als die Psychologin Emma Best eine Patientin mit Amnesie behandelt, wird sie in ein bitterböses Spiel verwickelt ...
Blutüberströmt wird Laura Winters mitten in London auf der Straße gefunden. Schnell stellt sich heraus, dass das Blut nicht ihres ist – und dass Laura keinerlei Erinnerung daran hat, was passiert ist. Die Trauma-Expertin Emma Best wird mit dem mysteriösen Fall beauftragt. Laura erzählt freimütig von ihrem wunderbaren Freund, der in ihrer Darstellung allerdings zu gut erscheint, um wahr zu sein. Überhaupt fragt sich Emma, ob Laura nicht ein dunkles Geheimnis verbirgt. Je mehr Laura ins Detail geht, desto beunruhigter ist Emma. Denn der Mann, den ihre Patientin als ihren Freund beschreibt, hat eine unheimliche Ähnlichkeit mit Emmas Ehemann. Als dieser von einer Geschäftsreise nicht zurückkehrt, hat Emma einen grauenvollen Verdacht: Hat Laura ihren Mann ermordet?
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Seitenzahl: 395
Veröffentlichungsjahr: 2026
Blutüberströmt wird Laura Winters mitten in London auf der Straße gefunden. Schnell stellt sich heraus, dass das Blut nicht ihres ist – und dass Laura keinerlei Erinnerung daran hat, was passiert ist. Die Trauma-Expertin Emma Best wird mit dem mysteriösen Fall beauftragt. Laura erzählt freimütig von ihrem wunderbaren Freund, der in ihrer Darstellung allerdings zu gut erscheint, um wahr zu sein. Überhaupt fragt sich Emma, ob Laura nicht ein dunkles Geheimnis verbirgt. Je mehr Laura ins Detail geht, desto beunruhigter ist Emma. Denn der Mann, den ihre Patientin als ihren Freund beschreibt, hat eine unheimliche Ähnlichkeit mit Emmas Ehemann. Als dieser von einer Geschäftsreise nicht zurückkehrt, hat Emma einen grauenvollen Verdacht: Hat Laura ihren Mann ermordet?
Weitere Informationen zu Naomi Williams
sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin
finden Sie am Ende des Buches.
Naomi Williams
Psychothriller
Aus dem Englischen von Andrea Brandl
Die englische Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel »The Woman in Ward 9« bei Headline, an Hachette UK Company, London.
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Deutsche Erstveröffentlichung März 2026
Copyright © 2025 by Naomi Williams
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2026
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich
Pflichtinformationen nach GPSR.)
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München
Umschlagmotive: © Silas Manhood / Trevillion Images, FinePic®, München
Redaktion: Friederike Arnold
BH · Herstellung: ik
Satz: KCFG – Medienagentur, Neuss
ISBN 978-3-641-33228-0V001
www.goldmann-verlag.de
Für Emma Warburton.
Mit all meiner Liebe und Dankbarkeit
für Jahrzehnte unangemessenen Gelächters.
Polizeisirenen weckten mich. Vielleicht war es auch das Krachen splitternden Holzes, als sie die Tür meines Hauses einschlugen. Wecken traf es nicht ganz, sondern eher: katapultierten mich ins Bewusstsein zurück.
Ich blinzelte verwirrt und hob den Kopf. Haare klebten mir im Gesicht und an den Lippen. Ich wischte mir die Strähnen von den Wagen und stützte mich auf die Ellbogen, während ich mich fragte, wieso ich auf kalten, nassen Fliesen lag.
Noch immer desorientiert, kam ich auf die Knie und ließ den Kopf auf die Brust sinken, als mir prompt schwindlig wurde. Das nackte Grauen packte mich, als ich sah, dass die Vorderseite meiner weißen Bluse leuchtend rot war. Mein Magen rebellierte. Ich würgte, empfand aber keinen Schmerz. Vorsichtig tastete ich unter der Bluse meinen Bauch ab. Keine Schmerzen. Das war nicht mein Blut.
Mir stockte der Atem. Das Gefühl des feuchten Baumwollstoffs auf der Haut war unerträglich. Mit zitternden Fingern zupfte ich daran herum, während ich fieberhaft überlegte, was um alles in der Welt passiert sein mochte, doch in meinem Kopf herrschte nichts als beängstigende Leere.
Ich versuchte aufzustehen, aber meine Beine wollten mein Gewicht nicht tragen. Rufe ertönten. Ich wandte mich um, registrierte, wie Leute hinter mir herumliefen, dann stehen blieben, reglos, alle Blicke auf mich gerichtet.
Und dann wurde wieder alles schwarz um mich.
Montag
Ich breitete die Mappen mit den psychiatrischen Fallgutachten auf dem Tisch im Therapieraum aus und suchte nach dem Etikett mit dem Namen meiner neuen Patientin: Laura Winters. Ihre enthielt nur die wesentlichsten Angaben. Alter, Familienstand, nächste Angehörige, Beruf, Vorerkrankungen, Haftgrund. Meine Aufgabe bestand darin, durch unsere Sitzungen, von denen die erste in wenigen Minuten beginnen sollte, Lauras magere Akte mit Inhalt zu füllen.
An die Umschlagseite war ein kleines quadratisches Foto einer dunkelhaarigen Frau getackert. Sie war etwa in meinem Alter und wirkte recht normal, allerdings wusste ich aus Erfahrung, dass ein unschuldiges Gesicht nicht viel zu bedeuten hatte. Das wahre Ich verbarg sich hinter einer Maske aus Haut und Muskeln. Ich studierte ihre Augen und fragte mich, welche Geheimnisse sich hinter dem leeren Ausdruck darin verbergen mochten. War dies das Gesicht einer Zeugin, eines Opfers oder einer Mörderin? Mir blieb weniger als eine Woche, um die Antwort auf diese Frage zu finden. Kein Wunder, reagierte mein Körper mit beginnenden Spannungskopfschmerzen auf diesen Druck.
Warum hatte sie explizit nach mir verlangt und darauf beharrt, ich sei die einzige Psychologin, mit der sie reden würde? Da sie selbst vor ihrer Festnahme in diesem Beruf tätig gewesen war, ging ich davon aus, dass es an meinem Ruf lag … zumindest im positiven Sinne. Ich hatte mich dafür engagiert, dass Betroffene in Frauenhäusern mehr Unterstützung bekamen. Offenbar hatte sie nichts von dem Fehler mitbekommen, der mir letztes Jahr unterlaufen war. Ich sah zu der Uhr über der Tür. Bald.
Dann ließ ich den Blick durch den kleinen Raum schweifen, in dem die täglichen Therapiegespräche stattfinden sollten. Eine wenig einladende Atmosphäre: kahle Wände und nur ein einzelnes, vergittertes Fenster ziemlich weit oben. Dabei war natürliches Licht hilfreich, damit Patienten sich entspannten. Die sirrende Neonlampe mit ihrem harschen Licht an der Zimmerdecke hätte kaum unnatürlicher sein können.
Zwei gedrungene Sofas standen im 90-Grad-Winkel an den Wänden und nahmen viel zu viel Platz in dem kleinen Raum ein. Auf dem Kiefernholztischchen stand eine Schachtel Papiertaschentücher, das oberste halb herausgezogen wie eine gehisste weiße Fahne. Ich selbst empfand den Raum schon als vollgestopft, beinahe klaustrophobisch, wie würde sich dann erst jemand mit psychischen Problemen hier fühlen – vor allem, weil ich angewiesen worden war, die Tür stets geschlossen zu halten, selbst wenn ich mich allein hier aufhielt.
Ich dachte an meine großzügige, in besänftigendem Grün gehaltene Praxis in London. Meine Patienten saßen in einem gemütlichen Lehnsessel und strichen beim Sprechen meist reflexartig über den petrolfarbenen Samtbezug, weil die rhythmische Bewegung der Finger auf dem weichen Stoff etwas Beruhigendes hatte. Sollte jemand auf die Idee kommen, über das rosa Synthetikgewebe der Sofas hier zu streichen, bekäme derjenige von der statischen Aufladung wohl so einen heftigen Schlag, dass ihm die Haare zu Berge stehen.
Beim Gedanken an meine Behandlungsräume überfiel mich Heimweh. Mein Rücken schmerzte von der dünnen Matratze in dem Zimmer, das man mir für Lauras Behandlung zur Verfügung gestellt hatte. Alles war mit denselben Teppichfliesen ausgelegt, auch die Personalräume im angrenzenden Gebäude, wo sich mein Zimmer befand. Es handelte sich um eine ehemalige Kaserne, und ich konnte nachts kaum schlafen, weil ich unter meiner dünnen Zudecke so fror. Dafür herrschte hier, im modernen Teil, eine geradezu lähmende Hitze. Ich berührte den schmalen Heizkörper, zog meine Hand jedoch abrupt zurück, als ich sie mir beinahe verbrannte. Ich kniete mich hin, um nach einem Temperaturregler zu suchen, wobei ich nur hoffen konnte, dass meine neue Patientin nicht ausgerechnet jetzt hereinkam und von meinem Hinterteil begrüßt wurde. Leider waren da bloß Metallrohre, die im Fußboden verschwanden.
Ich setzte mich wieder hin und hob zur Abkühlung mein Haar im Nacken an, wo sich bereits der Schweiß sammelte. So konnte ich keine Therapie beginnen. Ich sollte entspannt sein, mich gut vorbereitet fühlen, nicht klebrig und unbehaglich. Im Geiste ohrfeigte ich mich für meine Neugier. Ich hätte die Behandlung ohne Weiteres ablehnen können, mit dem Argument, es sei ein zu großes Opfer, mein ganzes Leben auf Eis zu legen, doch die Geheimniskrämerei hatte mich gereizt. Und zugegebenermaßen hatte auch mein Stolz eine Rolle gespielt. Es war schmeichelhaft, ausgewählt worden zu sein, außerdem war es nach den Ermittlungen gegen mich die Art von Bestätigung, die ich dringend brauchte.
Metallisches Hämmern ertönte vor dem Fenster, gefolgt vom Dröhnen eines Motors. Auch das noch. Laute Geräusche waren auch nicht gerade der ideale Hintergrund für eine Therapie. Wieder sah ich mich in dem kargen Raum um, der auch meine eigene Gefühlslage beeinflusste: Die kahlen Wände und die zerknautschten Sofakissen verströmten eine trostlose Hoffnungslosigkeit. Der krasse Gegensatz zu meinem gewohnten behaglichen Arbeitsumfeld beschwor aufs Neue Schuldgefühle wegen des angenehmen Lebens herauf, das Connor und ich führten, vor allem im Vergleich zu dem, was einige meiner weiblichen Schützlinge im Frauenhaus durchmachen mussten. Es tat mir bestimmt gut, eine Weile hier zu sein, in diesem Ambiente. Es würde mir helfen, dankbar für meine Freiheit und meine häusliche Behaglichkeit zu sein. Schon jetzt fehlte Connor mir. Zum Glück wären wir in ein paar Tagen beide wieder zu Hause, wo wir hingehörten.
Das Dröhnen draußen verstummte. Eine unnatürliche Stille im Raum blieb zurück. Ich schloss die Augen und versuchte, meinen schmerzenden Ischiasnerv zu ignorieren. Es war wichtig, mir vor Augen zu halten, weshalb ich hier war: Nach dem, was meiner Schwester zugestoßen war, hatte ich eine Laufbahn als Psychologin eingeschlagen, um Frauen nach einem erlittenen Trauma helfen zu können. Und der Vorfall hier war zweifellos traumatisch. So unwohl ich mich hier fühle, es war die richtige Entscheidung gewesen, den Fall zu übernehmen, und je schneller ich Laura half, sich an die Geschehnisse jener Nacht zu erinnern, umso schneller konnte ich nach Hause zurückkehren – sofern ich es in den sechs Tagen intensiver Therapie schaffte, die man uns zugestanden hatte.
Ich schlug die Akte mit dem Etikett »Laura Winters« neben dem Foto auf. Ich würde Laura nach Kräften beim Versuch unterstützen, Zugriff auf ihr Unterbewusstsein zu bekommen, wohin sie ihre Erinnerungen verbannt hatte. Da niemand am Tatort gewesen war und man keine Leiche gefunden hatte, musste die Polizei herausfinden, mit wessen Blut sie besudelt gewesen und wo die Person war, vor allem solange die Chance bestand, dass sie noch lebte.
Laura Winters. Ich sprach ihren Namen in der Stille des Raums aus, wiederholte ihn mehrmals, bis mein Mund sich daran gewöhnt und er sich zu zwei Worten ohne eine besondere Bedeutung verwaschen hatte. Mehr war Sprache gar nicht, sinnierte ich: eine Aneinanderreihung von Lauten, um zu kommunizieren, was in unseren Köpfen vor sich ging.
Oder was wir andere glauben machen wollten.
Wir nutzten Sprache auch, um zu lügen. Deshalb hatte man mich aus meiner gemütlichen Praxis und meinem behaglichen Zuhause weggeholt, hatte ich meinen reizenden Ehemann und mein angenehmes Leben zurückgelassen, um in einer seelenlosen Anstalt zu bleiben, bis Laura Winters mir sagen konnte, was sich in dieser Nacht ereignet hatte.
Sie behauptet, nicht zu wissen, weshalb sie ihr Gedächtnis verloren oder man sie überhaupt in diesem Zustand aufgefunden hat, über und über mit dem Blut eines anderen Menschen besudelt. Das Einzige, dessen sie sich sicher zu sein scheint, ist, dass ich die einzige Psychologin bin, mit der sie reden kann – oder will.
Ich blickte von der Akte auf, als die Tür aufgeschlossen wurde. Eine Frau in einem Hosenanzug trat lächelnd einen zögerlichen Schritt vor. »Emma?« Mit ihr kamen ein muskulöser Mann mit zurückgegeltem Haar und eine stämmige Frau, beide in blauer Pflegerkleidung, herein. Ihre Dienstausweise mit dem Heaton-Place-Logo trugen sie an Schlüsselbändern um den Hals. Ich durfte nicht vergessen, nach meinem eigenen Ausweis zu fragen. Bislang hatte ich meinen elektronischen Zugangsschlüssel noch nicht bekommen, und ich war nicht gern in verschlossenen Räumen eingesperrt, selbst wenn es zu meiner eigenen Sicherheit war.
Ich klappte die Akte zu, trat um den Schreibtisch herum und streckte die Hand aus. »Ja, Emma Best. Freut mich, Sie kennenzulernen.«
»Melanie«, stellte sie sich vor. Ihre Hand war kalt, als sie die meine schüttelte. »Melanie Coldwell. Ich bin die leitende Psychologin hier in Heaton Place. Freut mich ebenfalls.«
Sie wirkte ein wenig zu jung für so eine Position. Ihr zartes, schmales Gesicht mit den großen braunen Augen und das dunkle, zu einem Pixie geschnittene Haar ließen sie eher wie ein junges Mädchen statt wie die Supervisorin eines Psychiatrieteams aussehen. Wahrscheinlich hatte sie eine entsprechende Ausbildung, um Kollegen anzuleiten und bei ihrer Tätigkeit zu unterstützen. Ich selbst fungierte als Supervisorin bei den beiden Kollegen, mit denen ich mir die Praxis in London teilte, hatte aber, trotz zahlreicher Anfragen, seit meine Arbeit in Fachkreisen wachsende Anerkennung fand, niemals die Supervision bei jemandem außerhalb meines direkten Umfelds übernommen. So ungern ich ablehnte, hatte ich stets das Gefühl gehabt, keine ausreichenden Kapazitäten zu besitzen. Vielleicht eines Tages, wenn ich weniger eingespannt war.
Melanie drehte sich um. »Das sind Aidan und Julie, zwei unserer Pfleger.« Die beiden hoben grüßend die Hand und nickten. Mein Blick fiel auf das Tattoo auf der Innenseite von Aidans Unterarm, ein Totenkopf mit einem altmodischen Schlüssel zwischen Ober- und Unterkiefer anstelle von Zähnen – reichlich geschmacklos, wenn man bedachte, wo er arbeitete.
»Ich werde während Ihrer Sitzungen mit Laura anwesend sein«, sagte Melanie.
»Oh.« Ich verkrallte die Hände an den Hüften. Es war lange her, seit ich das letzte Mal bei der Arbeit beobachtet worden war. »Ich wusste nicht, dass ich auch während der Therapiestunden Supervision bekomme«, sagte ich, wobei ich mich bemühte, mir meine Verärgerung nicht anmerken zu lassen. Ich war keine Anfängerin und konnte darauf verzichten, für meine Leistung bewertet zu werden. Harvey war seit einer halben Ewigkeit mein Supervisor. In den letzten zehn Jahren hatten wir eine Beziehung zueinander aufgebaut, und ich hatte vor, Probleme gegebenenfalls über FaceTime mit ihm zu besprechen. Von Melanie beobachtet zu werden, wäre mir unangenehm.
Melanie hob die Hand. »Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Ich bin nur hier, um Sie zu unterstützen. Sehen Sie mich als Verstärkung. Wir fanden, als Gegenleistung für Ihre Großzügigkeit, uns Ihre Zeit zur Verfügung zu stellen, verdienen Sie eine Handlangerin an Ihrer Seite.«
»Eine Handlangerin?« Ich hob die Brauen. Das war eine interessante Wortwahl für eine leitende Therapeutin. Vermutlich wollte sie sich bloß einschmeicheln, weil sich Heaton Place in einer sehr unangenehmen Lage befände, sollte ich das Handtuch werfen. Ich seufzte stumm. Das war das Problem bei der Zusammenarbeit mit Berufspsychologen: Letzten Endes hinterfragte man jedes Wort von ihnen und vermutete hinter allem irgendein Motiv.
Ich deutete auf die Sofas. »Wollen wir uns setzen?« Melanie folgte meiner Einladung, die beiden Pfleger blieben hingegen mit hinter dem Rücken verschränkten Händen in der Mitte des Raums stehen. Das Zimmer war nicht groß genug für uns alle. »Müssen beide hier …?«
»Sie sind ebenfalls über den Fall informiert«, warf Melanie ein, als sie sich zum Gehen wandten. »Sie werden bei jeder unserer Sitzungen draußen warten.« Die Tür schloss sich leise hinter den beiden.
»Das ist ungewöhnlich«, sagte ich, wobei ich die durchgesessene Sitzfläche und die fadenscheinigen Sofakissen überdeutlich spürte. Selbst eine private Einrichtung wie Heaton Place hatte keine Ressourcen, um Personal einfach herumstehen zu lassen.
»Das Problem ist …«, begann Melanie und sah zur Tür, dann wieder zu mir, »… wir müssen den Fall unter Verschluss halten, bis wir ein paar Antworten haben, deshalb wurde ein kleines Team eigens dafür abgestellt. Niemand außer dem Management, mir, Aidan und Julie weiß, was passiert und weshalb Laura hier ist. Für alle anderen ist sie Patientin X. Die Polizei und die Anwälte haben die ungewöhnliche Vereinbarung getroffen, sechs Tage Stillschweigen zu wahren, in der Hoffnung, dass Laura in dieser Zeit preisgibt, wer verletzt wurde und wo sich das Opfer aktuell befindet. Zwar wurde am Tatort extrem viel Blut gefunden, deshalb ist es unwahrscheinlich, dass das Opfer überlebt hat – aber solange auch nur der Hauch einer Chance besteht, müssen wir alles in unserer Macht Stehende tun, um Laura dazu zu bringen, sich zu erinnern, was vorgefallen ist.«
»Und diese sechs Tage sind in Stein gemeißelt?«
Melanie nickte. »Ich fürchte, ja. Bis Samstag. Wenn wir bis dahin nicht haben, was wir brauchen, wird sie in ein Gefängniskrankenhaus verlegt, und die Polizei hat keine andere Möglichkeit, als sie formal zu befragen. Da ihre mentale Verfassung so fragil ist, wäre dies unser Worst-Case-Szenario, und ich hoffe sehr, dass es nicht dazu kommt. Zudem wird ein riesiger Medienrummel losbrechen, wenn wir nicht aufpassen. Die Leute lieben geheimnisvolle Tragödien, nicht? Wir wollen nicht, dass die Presse Wind von dem Fall bekommt und die Welt vorschnell urteilt, bevor wir nicht die Wahrheit herausgefunden haben.«
»Verstehe.« Bilder von Connor flimmerten an meinem geistigen Auge vorbei, wie er letztes Jahr Journalisten und Fotografen anbrüllte, die mir vor dem Haus aufgelauert hatten.
Wieder schweifte Melanies Blick zur Tür und zurück zu mir. Sie zupfte an ihrem Daumennagel herum.
»Sie gehen davon aus, dass Laura gefährlich sein könnte?«, fragte ich und kämpfte gegen meine aufsteigende Angst an.
Ihre Hände wurden reglos. »Wie kommen Sie darauf?«
»Zwei Pfleger … Ihre abgekauten Fingernägel.« Ich deutete auf Melanies Daumen. Sie ballte die Fäuste im Schoß. »Dass man mich so überstürzt hergebracht hat … die ganze Geheimniskrämerei.« Ich blickte zu der Kamera in der linken Ecke über der Tür, deren Linse schwarz und rund wie eine menschliche Pupille war. »Die Dauerüberwachung.«
»Das Problem ist, dass wir nach wie vor nicht wissen, womit wir es zu tun haben«, sagte Melanie. »Sie könnte eine Zeugin oder aber ein Opfer sein. Oder eine Mörderin. Solange sie sich nicht daran erinnert, was in dieser Nacht vorgefallen ist, wissen wir nicht, wer sie ist und mit wessen Blut sie über und über beschmiert war. Deshalb müssen wir Vorsichtsmaßnahmen treffen.«
»Verstehe«, sagte ich. »Ich habe die Akte gelesen, wüsste aber gern, wie Sie Laura Winters einschätzen. Was wissen Sie bisher über sie?«
Melanie löste die Fäuste und legte die Hände auf ihre perfekt sitzenden Hosenbeine. »Sie wurde allein in ihrer Wohnung aufgefunden, nachdem ein Nachbar Schreie gehört und die Polizei alarmiert hatte. Sie war katatonisch und voller Blut, das nicht ihr eigenes war. Es klebte an ihren Händen und an der Vorderseite ihrer Kleidung, im Krankenhaus konnten jedoch keine Verletzungen festgestellt werden.«
»Gar keine?«
Melanie hob die Hände und ließ sie auf die Knie zurückfallen. »Nein. Physisch war sie unversehrt, aber nicht ansprechbar, sondern in völliger Schockstarre.«
Ich stand auf, trat an den Schreibtisch und nahm die Akte, meinen Stift und meinen Notizblock. »Wurden ihr irgendwelche Stimulanzien verabreicht, um sie aus diesem Zustand herauszuholen?«
»Nein, sie reagierte wieder, bevor die Ärzte Maßnahmen ergreifen konnten, scheint jedoch keinerlei Erinnerung daran zu haben, was vorgefallen ist.«
»Gar keine? Nicht einmal eine bruchstückhafte?«
»Keine.«
Ich überflog den getippten Bericht, überprüfte alle darin enthaltenen Informationen, ehe ich mich wieder setzte und Melanie ansah. »Und wie ist Ihre aktuelle Einschätzung ihres Zustands?«
Melanie blickte nach links, während sie nach den richtigen Worten suchte. »Luzid.«
Ich notierte den Begriff auf der ersten Seite meines Notizblocks.
»Und verängstigt.«
Auch das hielt ich fest. »Verängstigt. Aha.« Ich tippte mit dem Stift gegen meine Zähne. »Das wären wir in ihrer Situation wohl alle, nicht?« Ich las den letzten Absatz des Berichts noch einmal. »Sie besteht also darauf, ausschließlich mit mir zu reden.« Ich sah auf. »Was glauben Sie, warum das so ist?« Melanie errötete leicht, und ich spürte, wie mir die Hitze ins Gesicht stieg. Bestimmt dachte sie, ich sei auf Komplimente aus. Wenn sie wüsste, welche Zweifel mich in letzter Zeit im Hinblick auf meine Fähigkeiten quälten.
Selbst bevor meine Professionalität infrage gestellt worden war, hatte die Arbeit mit Frauen, die innerhalb ihrer Beziehungen Opfer von Gewalt geworden waren, meine Weltsicht verändert. Seit zehn Jahren behandelte ich Menschen, die Traumata erfahren hatten und unter PTBS litten, und hatte im Zuge dessen die schmutzige, grauenvolle Schattenseite der Menschheit erlebt. Trotz all meiner Bemühungen hatte ich nicht verhindern können, dass sich diese Erfahrungen auf alle anderen Bereiche meines Lebens auswirkten und Gefühle von Hilflosigkeit und manchmal schierer Verzweiflung in mir auslösten.
Melanie beugte sich vor, stützte ihre knochigen Ellbogen auf den Oberschenkeln ab und legte die Finger aneinander. »Wir haben überlegt, ob es etwas mit Ihrer Spezialisierung zu tun hat.« Sie tippte die Zeigefinger gegeneinander. »Wie Sie wissen, ist sie ebenfalls Psychologin und muss über Ihre Arbeit informiert sein. Sie wollte explizit Sie haben, aber nicht sagen, warum.«
Das war ein weiterer Grund, weshalb ich gezögert hatte, den Fall zu übernehmen. Auch wenn sie womöglich eine psychotische Episode durchmachte, waren wir Kolleginnen. Dieses Wissen verstärkte meine Anspannung noch.
Melanie lächelte. »Ich habe alle Ihre Publikationen gelesen und bewundere Sie für das, was Sie geleistet haben, um die Unterstützung in den Frauenhäusern zu verbessern. Es würde mich wundern, wenn Laura nicht auch über das alles informiert wäre.«
»Danke.« Das Wort »alles« ging mir im Kopf herum. Wenigstens war ich im vergangenen Jahr in der Presse nicht mehr erwähnt worden. »Wissen wir, ob Laura einen Partner hat?«, fragte ich, um das Gespräch auf den Fall zurückzulenken.
»Wir wissen, dass sie allein lebt, aber sie will uns nicht sagen, ob es jemanden in ihrem Leben gibt. Ihr Nachbar gab an, dass er bei ihr immer wieder denselben Mann hat kommen und gehen sehen, aber sie hat sich geweigert, der Polizei und ihrem Anwalt zu sagen, wer er ist. Natürlich versuchen sie, es in Erfahrung zu bringen, aber das ist aufwendig, und die bürokratischen Mühlen mahlen langsam, doch sie brauchen dringend Antworten. Deshalb sind ja alle so froh, dass Sie hier sind.«
»Kein Druck.« Ich lachte auf. »Wissen die, dass ich keine Kriminalpsychologin bin? Wenn sie sie tatsächlich für eine potenzielle Mörderin halten, sollten sie vielleicht …«
»Sie hat klipp und klar gesagt, dass sie nur von Ihnen behandelt werden will.«
Ich setzte mich zurück und schlug die Akte zu. »Okay.« Selbst wenn sie ein Verbrechen begangen hatte, hieß das nicht zwangsläufig, dass sie nicht auch Opfer war. Ich würde ihr helfen, so gut ich konnte. Ich ignorierte das leichte Prickeln direkt unter der Hautoberfläche. »Dann sollten wir am besten loslegen.«
Melanie nickte und stand auf. »Ich gehe sie holen.«
Ich blieb allein im Raum zurück und ging im Geiste meinen Körper von Kopf bis Fuß durch, versuchte bewusst, die verkrampften Muskeln im unteren Rücken und Nacken zu entspannen, atmete vier Sekunden ein, hielt sieben Sekunden die Luft an und zählte beim Ausatmen bis acht. Im Lauf meiner Karriere hatte ich mit vielen Verbrechensopfern zu tun gehabt – zu vielen –, doch jemandem, der möglicherweise einen anderen Menschen getötet hatte, war ich noch nie begegnet.
Ich gab den Versuch auf, meine Atmung kontrollieren zu wollen, und überlegte, ob ich einen Grund aus dem Hut zaubern könnte, nach London zurückkehren zu müssen. Ich tastete die Taschen nach meinem Handy ab, wobei ich kurz vergaß, dass ich es ja versehentlich am Empfang liegen gelassen hatte, wo ich bei meinem Eintreffen zahllose Formulare hatte ausfüllen müssen. Mir fiel auf, wie verwundbar ich mich ohne es fühlte. Wie die meisten anderen Menschen verließ auch ich mich auf das Gerät, und weil es nicht greifbar war, hatte ich das Gefühl, seltsam nackt zu sein. Also konnte ich gar nicht länger so tun, als würde ich dringend weggerufen werden.
Ich hob den Saum meines Oberteils an, dankbar für den Luftzug auf meiner erhitzten Haut. Es war völlig normal, dass ich in so einer Situation nervös war, sagte ich mir und zwang mich, mir vor Augen zu führen, weshalb ich diesen Beruf gewählt hatte. Ich rief mir Sarahs Gesicht ins Gedächtnis, ihr strahlendes Lächeln, ihre Lebensfreude, ihre Entschlossenheit, immer nur das Beste in anderen zu sehen. Sie würde wollen, dass ich alles in meiner Macht Stehende tat, um einem traumatisierten Menschen zu helfen.
Frauenstimmen drangen aus dem Korridor. Das Prickeln unter meiner Haut wurde so stark, dass ich zusammenzuckte.
Das Schloss klickte, und Melanie trat ein, gefolgt von einer dunkelhaarigen Frau. Ihre Schultern waren hochgezogen, und ich las Angst in ihren Augen. In diesem Moment wusste ich, dass ich an diesem Tag nicht nach London zurückkehren würde.
Ich erhob mich und trat auf sie zu. »Hi, Laura.« Ich wischte meine feuchte Handfläche an meiner Jeans ab, ehe ich sie ihr hinstreckte. »Ist es okay, wenn ich Sie Laura nenne? Ich bin Emma Best. Ich glaube, Sie wollten mit mir sprechen.«
Sie schüttelte mir die Hand. »Hi, äh, ja. Laura ist okay.« Ihre Stimme war leise.
»Bitte, setzen Sie sich doch.« Ich führte sie zum Sofa an der linken Wand und setzte mich auf das andere. Geräuschlos verließen Julie und Aidan den Raum. Durch die Scheibe konnte ich Aidans Ohr erkennen. Sie waren also direkt vor der Tür.
Melanie stand neben dem Schreibtisch und sah von mir zu Laura wie ein Kind, das zu spät zu einer Geburtstagsparty kam und nicht wusste, wohin es sich an den Tisch setzen sollte. Ich wandte mich wieder Laura zu. »Melanie ist die leitende Psychologin und Supervisorin. Ist es in Ordnung, wenn sie während der Sitzung bei uns bleibt?«, fragte ich, wobei ich Melanies Blick mied. Ich wollte, dass Laura ihre Zustimmung gab. Das verlangte die Berufsehre.
In der kurzen Stille sah Laura zu Melanie, wobei mir auffiel, wie ähnlich Laura Sarah sah. Lauras braunes, zu einem tiefen Zopf zusammengebundenes Haar war ähnlich gewellt wie der wilde Schopf meiner Schwester, der ihr bis über die Schultern gereicht hatte. Das Blau ihrer Augen war etwas heller und ohne den grünlichen Schimmer, der Sarahs Augenfarbe verändert hatte, je nachdem, was sie trug.
Als Laura sich mir wieder zuwandte, hatte ich Mühe, nicht Sarahs Gesicht in ihren Zügen zu sehen. Ich blinzelte. Die Frau, die vor mir saß, war nicht Sarah. Dies war nicht meine Schwester und dies nicht unsere Geschichte. Sondern eine gänzlich andere Tragödie.
»Sie hat mir auf dem Weg hierher schon gesagt, dass sie die ganze Zeit dabei sein wird«, antwortete Laura. »Ich habe nichts dagegen.« Ein nervöses Lächeln spielte um ihre Mundwinkel. Ihre Angst wirkte beruhigend auf mich. Zu beobachten, wie sie sich hektisch in dem trostlosen Raum umsah, sich wie in einer Falle fühlte, weckte zu meinem Erstaunen so etwas wie einen Beschützerinstinkt in mir. Ich verdrängte das Gefühl. Damit würde ich mich später befassen.
»Danke.« Ich schlug die Akte auf, während Melanie ihren Blazer auszog und über die Stuhllehne hängte. Ich beneidete sie nicht darum, dass sie direkt neben dem Heizkörper sitzen musste. Sie zog einen Stift heraus. Ich wandte mich an Laura. »Also, in dieser ersten Therapiesitzung würde ich gern etwas mehr über Sie erfahren, wenn das okay ist?« Ich ging davon aus, dass sie auf meine Herangehensweise vorbereitet war. Wahrscheinlich wählte sie bei ihren neuen Patienten dieselbe Taktik. Allerdings musste ich erst einmal herausfinden, woran sie sich aus der Tatnacht noch erinnerte.
Sie nickte.
»Bevor wir anfangen – könnten Sie mir sagen, wieso Sie Ihrer Meinung nach hier in Heaton Place sind?«
Ihr Blick schweifte zu Melanie, dann blickte sie auf ihre im Schoß verkrallten Hände. »Ich erinnere mich nicht.«
»Ich weiß, dass es Ihnen schwerfällt, Laura.« Ich bemühte mich um einen sanften Tonfall. »Aber könnten Sie mir sagen, was das Letzte ist, woran Sie sich erinnern, bevor …«, stammelte ich. Ich hatte mir nicht im Vorfeld überlegt, wie ich das in der Akte beschriebene Horrorszenario bezeichnen sollte. »Vor dem Vorfall.«
Langsam presste sie die Hände zusammen und löste sie wieder. »Ich erinnere mich, dass ich von der Arbeit nach Hause gefahren bin und den Schlüssel ins Schloss gesteckt habe. Danach weiß ich nichts mehr. Erst wieder, als ich hier zu mir gekommen bin.«
Ich konnte mir ohne Weiteres vorstellen, wie beängstigend das für sie gewesen sein musste. »Sie machen das sehr gut«, lobte ich sie. Klang das herablassend? Diesen Satz brachte ich häufig bei meinen Patienten an, allerdings waren sie normalerweise keine Kollegen. »Und was hat man Ihnen über die Zeitspanne gesagt, an die Sie sich nicht erinnern können?«
Sie legte ihre Hände mit den Handflächen nach oben auf die Schenkel – eine flehende Geste, als ergebe sie sich in die Therapie. Ich wertete das als gutes Zeichen. »Sie haben mir erzählt, ich sei voller Blut gewesen, als die Polizei mich gefunden hat.« Ihre Stimme bebte. »Aber ich erinnere mich nicht daran. Die Polizisten und Ärzte wollten dauernd von mir wissen, wessen Blut es ist, aber wenn ich es wüsste, würde ich es ihnen ja sagen.« Ihre Augen waren feucht. »Ehrlich – aber ich weiß es nicht.«
»Ich verstehe«, sagte ich. »Und Ihnen ist bewusst, dass wir gemeinsam versuchen werden, herauszufinden, woher das Blut kam und ob jemand medizinische Hilfe braucht?«
Sie kniff die Augen zu und nickte. Ich war froh, dass sie wusste, weshalb sie hier war, und wollte gerade die nächste Frage stellen, als ein lautes Kreischen vom Korridor hereindrang. Ein weiterer Schrei ertönte, gefolgt von einem dumpfen Knall. Ich ließ meinen Notizblock fallen.
Die Tür ging auf. Julie und Aidan kamen herein und schlossen sie eilig hinter sich.
»Was ist denn los?« Meine Frage ging in einem erstickten Heulen unter, das vom Korridor direkt vor der Tür zu kommen schien. Ich spähte an Julies blondem Undercut-Schopf vorbei zum Fenster in der Tür. Dunkel gekleidete Gestalten liefen vorbei, begleitet von lauten Rufen.
»Nichts, worüber wir uns Gedanken zu machen brauchen«, sagte Melanie.
Angespannt lauschte ich, als eine tiefe bellende Stimme das schrille Kreischen einer Frau übertönte, die völlig außer sich zu sein schien. »Sollten wir nicht etwas unternehmen?«, fragte ich und sah zu Aidan, über dessen muskulösem Unterarm sich tätowierte Schlangen aus den Augenhöhlen des Totenkopfs wanden und auf Ellbogenhöhe unter seiner blauen Kluft verschwanden. Er stand reglos neben der Tür, als ein grauenvolles Knacken ertönte, als würde nicht einmal ein Meter neben der Tür ein Kopf brutal gegen die Wand geknallt.
»Ich fürchte, dieser Aufruhr ist nicht weiter ungewöhnlich«, bemerkte Melanie. Das Heulen ging in Schluchzen über und verebbte nach ein paar Momenten zu ersticktem Keuchen. Wieder ertönte die tiefe Stimme, ruhiger jetzt, ehe auch sie leiser wurde. »Wir sind hier in einer geschlossenen Abteilung«, fuhr Melanie fort, »und wir behandeln Menschen mit sehr schweren Erkrankungen. Einige unserer Patienten sind extrem gefährlich, daher wird jedem ein entsprechendes Team zugeteilt, das sich exakt an die Vorschriften halten muss. So gewährleisten wir die Sicherheit unserer Patienten und unsere eigene. Wir halten uns an die Protokolle, und kein Team mischt sich in die Belange eines anderen ein. Wir sind speziell darin geschult, Situationen wie die, die Sie gerade mitbekommen haben, zu bewältigen.«
Plötzlich war ich dankbar, Aidan und Julie auf Schritt und Tritt bei mir zu haben. Anfangs hatte ich es für völlig übertrieben gehalten, doch offensichtlich war es das nicht. Ich sah Laura an, die die Hände so fest im Bündchen ihres Sweatshirts verkrallt hatte, dass ihre Daumenkuppen weiß wurden. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es für sie sein musste, gemeinsam mit Menschen hier eingesperrt zu sein, die als geistesgestört eingestuft wurden, und als ebenso gefährlich zu gelten wie sie. »Ist alles in Ordnung?«, fragte ich sie.
Sie nickte und lächelte nervös. Von dieser verängstigten Frau, die vor mir saß, konnte unmöglich dieselbe Bedrohung ausgehen wie von der Patientin, die für den Aufruhr auf dem Gang gesorgt hatte. Laura hatte ein Trauma erlitten, das war alles. In diesem Moment war ich absolut überzeugt davon.
Ich hob meinen Block vom Boden auf und hoffte, dass Laura das Zittern meiner Hände nicht bemerkte. Die Vorfälle auf dem Korridor hatten mich mitgenommen. Was ich hier erlebte, war weit von der Ruhe meiner Räumlichkeiten in London entfernt. Aidan öffnete die Tür, und er und Julie gingen wieder hinaus. Kurz wehte etwas kühlere Luft herein. Mein Blick blieb an einem roten Streifen an der gegenüberliegenden Wand hängen, ehe die Tür sich wieder schloss.
Ich wandte mich ab und bedachte Laura mit einem Lächeln, von dem ich hoffte, es strafe mein hämmerndes Herz Lügen. »Also gut«, sagte ich. »Bitte entschuldigen Sie.« Sobald die Worte über meine Lippen kamen, hörten sie sich blöd an, fand ich. Wieso entschuldigte ich mich für den Ausbruch eines anderen Menschen? »Wie ich erfahren habe, sind Sie ebenfalls Psychologin?« Ich lächelte.
»Ja, ich praktiziere seit zehn Jahren.«
Was würdest du fragen, wenn du an meiner Stelle wärst?, dachte ich, sprach die Frage jedoch nicht aus. Ich fühlte mich unvorbereitet. Wenn ich eine neue Patientin im Frauenhaus kennenlernte, hatte ich üblicherweise eine dicke Akte mit den Berichten von Polizei und Sozialarbeitern oder zumindest ihre eigenen detaillierten Angaben gelesen. Ich wünschte, in Lauras Fall hätte ich mehr als nur eine Handvoll Fakten zur Verfügung. Ich war besorgt, sie könnte meine Zögerlichkeit bemerken und denken, dass diese vermeintlich erfahrene Therapeutin, nach der sie explizit verlangt hatte, die auf Traumata und PTBS spezialisiert war und Fachartikel darüber verfasst hatte, wie man Opfern nach Gewaltanwendung durch ihre Partner bestmöglich helfen konnte, in Wahrheit keine Ahnung hatte, wie man eine Therapiesitzung begann.
»Und Sie sind in Suffolk aufgewachsen? Das ist eine schöne Gegend.«
»Ja. Es ist reizend dort.«
Kurz sah sie mich an, dann wieder auf ihre Beine. Sie trug wie ich Jeans und ein Sweatshirt. Normalerweise wäre ich für eine Therapiestunde nicht so lässig gekleidet, doch da die Bitte, Laura als Patientin zu übernehmen, so dringlich gewesen war, hatte ich mir keine großen Gedanken beim Packen gemacht. Ich hoffte, meine Wahl suggerierte Laura eine flache Hierarchie statt mangelnder Professionalität.
»Sie haben in Liverpool studiert? Das muss eine ziemliche Veränderung gewesen sein.«
Sie kreuzte die Beine an den Knöcheln. Ihre Zehen zeichneten sich unter dem dünnen Stoff ihrer Anstaltspantoffeln ab, als sie sie abwechselnd krümmte und wieder löste. »Ein bisschen anders als Suffolk, das stimmt, aber mir hat es in Liverpool gut gefallen. Es … hat mir die Augen geöffnet.«
»Das kann ich mir lebhaft vorstellen.« Ich malte mir aus, wie die blutjunge Laura aus einer ländlichen Gegend mit windschiefen Cottages und Heckenzäunen in den derben, lauten Großstadtgroove Liverpools zog.
Als mein Mann mich das erste Mal in seine Geburtsstadt mitgenommen hatte, war ich von der unverbrämten Energie hingerissen gewesen. Ich bin in einem ruhigen Londoner Vorort groß geworden und hatte deshalb gedacht, mich mit dem Großstadtleben auszukennen. Doch während London die Menschen ermutigt, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern, heißt Liverpool Fremde mit offenen Armen willkommen, manchmal sogar im wahrsten Wortsinn, und fordert durch neugierige Fragen und Treuebekenntnisse eine Intimität, wie sie Londonern fremd ist.
»Ich war ein paarmal da«, sagte ich. »Es muss toll gewesen sein, dort Psychologie zu studieren. Alle, die ich kennengelernt habe, wollten meine Lebensgeschichte hören und konnten es kaum erwarten, mir die ihre zu erzählen.«
»Die geborenen Psychologen.« Wieder lächelte Laura nervös. »Immer auf der Suche nach einer Geschichte.«
Vielleicht war Connor deshalb von dort weggezogen. Er ließ sich nicht gern in die Karten sehen. Inzwischen lebte er so lange in London, dass er seinen ohnehin nie sonderlich ausgeprägten Akzent nahezu vollständig abgelegt hatte. Die meisten vermuteten, er stamme aus einer der Grafschaften rings um London. Ich fand es toll, Dinge über ihn zu wissen, von denen andere keine Ahnung hatten. Die Intimität einer so engen Bindung wie unserer bedeutete, dass wir den anderen mit all seinen Facetten und Schichten kannten – von der strahlenden Fassade, die wir dem Rest der Welt präsentierten, bis hin zum Innersten unserer Seelen, die nur dem anderen vorbehalten waren.
»Wieso sind Sie nach Ihrem Abschluss nach London gezogen?«
»Mehr Menschen, mehr Probleme. Ich hatte gehofft, in einer Großstadt mehr Gutes tun zu können.« Sie zuckte die Achseln. »Ich wollte etwas bewirken.« Ihr Blick verdüsterte sich. »Das wollen wir doch alle, oder? Zu Beginn sind wir noch naiv, voller Enthusiasmus und der festen Überzeugung, dass wir uns einen Namen machen …« Sie verstummte.
Ich nickte. Mit einem Mal fühlte ich eine starke Verbundenheit mit dieser jungen Frau. Genau das hatte ich empfunden, nach dem, was mit Sarah passiert war. Auch ich hatte etwas bewirken wollen. Ich musste mich ermahnen, mich nicht zu sehr mit meiner neuen Patientin zu identifizieren. Das Einmaleins der Psychologie.
Die Art, wie Laura vor mir saß, die Hände zwischen den Schenkeln, hatte etwas Verwundbares. Sie hatte die Schultern nach oben gezogen, als wollte sie ihr Innerstes schützen. Ich wusste, dass es dumm, sogar unprofessionell war, so schnell – oder überhaupt – ein Urteil zu fällen, doch wenn diese intelligente, nervöse Frau in einen Mord verwickelt war, musste der Impuls dazu schon sehr extrem gewesen sein.
»Sie leben immer noch in London?«
»Ja, ich habe mir ein älteres Reihenendhaus in der Nähe des Krankenhauses gekauft, in dem ich arbeite.« Sie ergriff ihr Haar und zog daran, damit das schwarze Zopfband ein Stück höherrutschte, dann fuhr sie sich mit zitternden Fingern über den Kopf.
Ihre Augen waren feucht, als sie mich wieder ansah. Die Traurigkeit, die darin lag, erinnerte mich an den Blick meiner Mutter nach Sarahs Tod. Ich grub die Fingernägel in meine Handflächen und rief mir die Zielsetzung dieser Therapie ins Gedächtnis: Lauras Erinnerung an die Nacht wiederherzustellen, in der sie blutbeschmiert aufgefunden worden war. Jemand war in ihrem Haus gewesen, so viel stand fest. Aber wer, und wo war diese Person jetzt? »Leben Sie allein?«
»Ja.« Wieder hatte sie die Hände zwischen die Schenkel geschoben und starrte zu Boden. Es war deutlich zu merken, wie unwohl sie sich angesichts meiner Frage fühlte.
»Erzählen Sie mir mehr von Ihrem Zuhause.«
Sie sah mich an. »Es ist meine Zufluchtsstätte. Ich weiß, dass das ein seltsames Wort ist, aber in unserer Branche tut es gut, einen Ort zu haben, an dem man sich absolut sicher fühlt, stimmt’s?«
Ich nickte, wobei mir auffiel, dass sie bereits zum zweiten Mal von uns sprach. War das ein bewusster Versuch, eine Verbindung herzustellen? Mich daran zu erinnern, dass wir gar nicht so verschieden waren? Falls ja, musste ich auf der Hut sein. Ich durfte nicht zulassen, dass mich eine Patientin manipulierte. »Welches ist Ihr Lieblingsraum im Haus?«
»Die Küche.«
Ich bemühte mich um eine neutrale Miene, während ich ihr Gesicht musterte, um herauszufinden, ob sie sich vielleicht daran erinnerte, wann sie diesen Raum das letzte Mal betreten hatte. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht änderte sich nicht, als sie blinzelnd auf ihre Hände blickte. »Kochen Sie gern?«, fragte ich.
»Für mich allein eigentlich nicht oft, aber wenn …«
»Wenn …?«, hakte ich nach und wartete darauf, dass sie ins Detail gehen würde, doch der Moment zog sich. Ich hörte Aidan auf dem Korridor etwas brummen, das ich jedoch nicht verstehen konnte, dann folgte Julies tonlose Erwiderung, das Schweigen im Raum wurde immer bedrückender. Schließlich knickte ich ein. »Kochen Sie gern für andere?«
»Ja.«
»Jemanden im Speziellen?«
Laura setzte sich aufrechter hin. Als sie aufblickte, fing sich die Sonne, die durch das Fenster gegenüber fiel, in ihren Augen. »Ja. Daniel.« Die Art, wie sie seinen Namen aussprach, hatte etwas Leichtes, Unbeschwertes, als teile sie etwas besonders Kostbares mit mir, ein Geschenk. Allein die Erwähnung schien eine Verwandlung in ihr auszulösen. All die Angst und Zurückhaltung verschwanden, wichen einem Grinsen, das ihre Züge erhellte.
»Und wer ist Daniel?«, fragte ich mit neutraler Stimme, obwohl ich unbedingt mehr über diesen Mann erfahren wollte, den ihr Nachbar hatte kommen und gehen sehen. Aus dem Augenwinkel registrierte ich, dass Melanie das Gewicht auf ihrem Stuhl verlagerte.
»Mein Partner.«
Laura hatte also einen Lebensgefährten, allerdings hatte sie seit ihrer Einweisung nicht nach ihm gefragt. Mit der Polizei oder ihrem Anwalt wollte sie nicht über ihn sprechen, doch es hatte den Anschein, als sei sie bereit, mir mehr über ihn zu erzählen. Die Frage nach dem Warum kam mir in den Sinn, doch ich schob sie beiseite. »Wie haben Sie sich kennengelernt?«, fragte ich.
Sie löste ihre verschränkten Finger und ließ sich nach hinten sinken. »Bei einer Veranstaltung. Ganz altmodisch. Ich habe es mit Online-Dating versucht, aber es ist schwierig, jemanden kennenzulernen, bei dem man nicht gleich beim ersten Date eine Störung diagnostiziert, die eine nähere Bekanntschaft unmöglich macht, finden Sie nicht auch? Das ist der Nachteil am Job. Man will doch keine Beziehung, in der man den anderen ständig therapieren muss.«
Wieder bedachte sie mich mit einem spielerischen Lächeln. Noch ein Verbrüderungsversuch. Interessant. Ich lächelte zurück und war heilfroh, glücklich verheiratet zu sein. Das würde ich Connor gleich bei unserem nächsten Telefonat sagen. Meine Verärgerung, die ich seit unserer abendlichen Auseinandersetzung vor ein paar Tagen noch mit mir herumgeschleppt hatte, war verflogen, und ich sehnte mich danach, die Arme um ihn zu schlingen und ihm zu sagen, wie schön es war, mit ihm verheiratet zu sein. Und nicht nur, weil ich mich unter keinen Umständen noch einmal in den Dating-Dschungel begeben wollte. Heutzutage musste es sehr schwer sein, ein passendes Gegenstück zu finden, wenn man nicht wie Laura und ich von Berufs wegen die Alarmzeichen deuten konnte.
»Er hat mich auf einen Drink eingeladen, und … keine Ahnung …« Ein wehmütiger Ausdruck schlich sich auf ihr Gesicht. Das war ein gutes Zeichen. Erinnerungen waren genau das, was wir brauchten, vor allem wenn dieser Mann eine wesentliche Rolle in diesem geheimnisvollen Fall spielen sollte – was er tat, das sagte mir mein Bauchgefühl.
»Eigentlich war ich ja nicht auf Partnersuche. Ehrlich nicht. Aber er war so charmant und beharrlich, deshalb habe ich nachgegeben. Gott sei Dank. Ich weiß, dass das ein bisschen kitschig klingt, aber er ist das Beste, was mir in meinem ganzen Leben passiert ist.«
»Erzählen Sie mir mehr von Daniel.«
»Also, rein äußerlich … Er ist groß, ungefähr einen Meter siebenundachtzig.« Sie grinste. »Das klingt jetzt klischeehaft – groß, dunkler Typ, attraktiv –, aber es stimmt tatsächlich so. Auf eine traditionelle Weise gut aussehend. Sogar einen markanten Kiefer hat er, wie ein Cartoon-Held.«
Sie legte sich den Zeigefinger aufs Kinn. Wie gebannt lauschte ich, konnte es kaum erwarten, mehr zu erfahren, gleichzeitig war ich bemüht, nicht übereifrig zu wirken.
»Und sein Charakter? Wie ist er so?«
»Nett. Rücksichtsvoll. Wenn ich von einem Restaurant erzähle, das interessant sein könnte, reserviert er einen Tisch dort. Er ist aufmerksam, ruft immer an und schickt Nachrichten, wie mein Tag so läuft, oft. Und er ist witzig. Nicht der Typ, der Schenkelklopferwitze erzählt, sondern eher jemand, der schlagfertige, geistreiche Bemerkungen macht.«
Sie sah mich an. Ich nickte. »Er klingt perfekt«, bemerkte ich trotz eines latenten Unbehagens, das mich beschlich. Geschichten wie diese kannte ich: Männer, die zu toll waren, um wahr zu sein. Die sich unter dem Vorwand, besonders aufmerksam zu sein, ständig meldeten, bis das Ganze zu etwas sehr viel Bedrohlicherem mutierte. Ich verfügte über einen ausgeprägten Instinkt für potenziell unheilvolle Charakterzüge, trotzdem konnte ich nicht ausschließen, dass ich vorschnell urteilte. Sofort hatte ich Connors Stimme im Ohr, die mich sanft davor warnte, aufgrund meines Berufs ein schlechtes Bild von Männern zu entwickeln. Er hatte recht. Ich durfte nicht zulassen, dass eine vorgefertigte Meinung Einfluss auf meine Therapiegespräche mit Laura nahm. Stattdessen musste ich darauf achten, offen zu bleiben. Ich musste mehr über diesen Daniel in Erfahrung bringen.
»Er ist perfekt«, sagte sie und sah mir direkt ins Gesicht.
»Erzählen Sie mir mehr darüber, wie es war, als Sie sich kennengelernt haben.«
Und das tat sie. Ich ließ sie reden, verkniff mir die Frage, die mir die ganze Zeit auf der Zunge lag: Wo ist Daniel jetzt?
Die Vergangenheit
Ich hatte es nicht geschafft, mit dem Rauchen aufzuhören. Schon wieder nicht. Genervt trat ich mit dem Stiefelabsatz die Kippe auf dem feuchten Asphalt aus. Auch deshalb hatte ich mich für ein Seminar zum Umgang mit Gewohnheiten eingeschrieben – um endgültig den Absprung zu schaffen. Und um einige meiner ureigenen Dämonen zu vertreiben. Leider stellte sich heraus, dass sich die eine oder andere Gewohnheit nicht so einfach abschütteln ließ. Stattdessen entpuppten sie sich als hartnäckige kleine Mistkerle, die sich weigerten, mich in Ruhe zu lassen, ganz egal, welche raffinierten neuen Therapieansätze ich ausprobierte.
Vielleicht lag es daran, dass sie nicht nur meine Dämonen waren, sondern auch meine Familie unter ihnen litt. »Geteiltes Leid ist halbes Leid«, murmelte ich und lachte bitter. Vielleicht hätte ich mir das dritte Bier lieber verkneifen sollen.
Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen die Hotelmauer, sog tief den Duft des frischen Sommerregens ein und versuchte, mich an den korrekten Begriff dafür zu erinnern. Irgendetwas mit »Petri«, aber mir fiel nur »Petrischale« ein, und das war es eindeutig nicht. Ich hätte definitiv nach dem zweiten Glas aufhören sollen. Das Licht der Straßenlaternen rings um den Parkplatz spiegelte sich in den seichten Pfützen und schuf ein Muster aus gelben Flecken, deren Oberfläche sich unter der sanften Brise leicht kräuselte. Ich versuchte, Energie aufzubringen und wieder hineinzugehen. Diese Networking-Events waren fürchterlich anstrengend. Zu Beginn meiner Ausbildung zur Psychologin hatte ich mich als introvertierte Extrovertierte eingestuft. Rückblickend erkannte ich, wie übertrieben meine Kollegen und ich anfangs waren, wie wir uns pausenlos selbst in unseren Forschungen fanden, alles und jeden durch die Linse der Ego-Besessenheit betrachteten.
Trotz allem vertrat ich nach wie vor die Überzeugung, eine introvertierte Extrovertierte zu sein. Ich liebte den Kontakt mit anderen, gelangte allerdings schnell an den Punkt, an dem mein Geselligkeitsakku so leer war, dass ich nur noch nach Hause wollte. Und an diesem Punkt befand ich mich gerade. Ich hob den Zigarettenstummel auf und sah mich nach einem Mülleimer um.
»Da drüben steht einer«, sagte eine Männerstimme.
Erschrocken spähte ich in die Dunkelheit, aus der die Stimme gekommen war, heilfroh, dass sich der hell erleuchtete Hoteleingang direkt hinter mir befand. Sollte sich der Fremde als gefährlich erweisen, könnte ich jederzeit hineinlaufen.
Eine Gestalt löste sich aus den Schatten und kam auf mich zu. Sollte er eine Bedrohung sein, dann besaß er zumindest eine attraktives markantes Gesicht.
»Soll ich den nehmen?« Er streckte seine große Hand aus, die ich einen Moment lang verwirrt betrachtete. »Den Stummel?«, fragte er. »Ich werfe ihn für Sie weg.«
Ich streckte den Arm aus, zog ihn jedoch sofort zurück, als ich mich aus der Trance löste, die mich beim Beobachten seines geschmeidigen Gangs und seines selbstsicheren Grinsens überwältigt hatte. »Nein danke, aber … Sie wollen doch bestimmt meine ausgetretene Kippe nicht anfassen. Ich …« Ich schob mich an ihm vorbei und stieg über eine Pfütze hinweg. Zu meiner Erleichterung entdeckte ich einen schlanken Aluminiumaschenbecher. Ich ließ den Stummel hineinfallen und wischte mir die Hand am Rock ab.
Er sah zu, den Mund zu einem schiefen Grinsen verzogen. »Ich hätte das schon gemacht.«
»Was sind Sie?«, fragte ich und erwiderte sein Lächeln. »Eine Art Ritter in glänzender Rüstung, der jungen Damen bei der Müllbeseitigung hilft?« Wo war das denn plötzlich hergekommen? Ich hatte Mühe, nicht den Blick zu senken und eine Entschuldigung zu murmeln. Am Ende wurde mein Bemühen mit einem leisen Lachen belohnt.
»Benutzen Sie immer so fragwürdige Anspielungen?«
»Nein«, antwortete ich grinsend und fühlte mich seltsam mutig, sogar sexy. »Die war nur für Sie gedacht.«
»Da fühle ich mich aber geehrt«, erwiderte er und neigte den Kopf. »Sie gehen auf ein Networking-Event?« Sein langer schmaler Schatten fiel auf die Hauswand hinter ihm.
»Ja, aber ich bin nicht sicher, ob die Business-Welt das Richtige für mich ist«, erwiderte ich.
»Was versuchen Sie denn den Leuten anzudrehen?« Er schürzte die Lippen, als müsste er sich das Lachen verbeißen.
»Ich versuche gar niemandem etwas anzudrehen«, entgegnete ich und schlug einen empörten Ton an, »sondern knüpfe nur Kontakte … Ich strecke nur meine Fühler aus.«
»Aber die Business-Gewässer sind nichts für Sie?«
»Zu undurchsichtig.«
»Also dann zurück zu …«
Er hielt inne, doch ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte. Noch war ich unsicher, ob ich zu meiner Stelle bei der Gesundheitsbehörde zurückkehren oder eine eigene Praxis eröffnen sollte. Ich hatte gehofft, diese Veranstaltung verhelfe mir zu einem Job als Firmenpsychologin, doch die meisten, die ich bislang kennengelernt hatte, waren Inhaber kleinerer Firmen, die mich völlig verdattert ansahen, wenn ich die Vorteile von Psychologie am Arbeitsplatz hervorhob. »Ich weiß es noch nicht genau.«
»Vielleicht könnte ich ja bei der Entscheidungsfindung helfen«, bemerkte er. »Bei einem Espresso-Martini?«
Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Sie reden nicht lange drumherum, was?«
»Wer nicht wagt, der nie ein Herz erobert …«
»Ernsthaft?« Ich lachte. »Steigen Sie etwa wie ein Traumprinz nachts ins Schlafzimmer einer fremden Frau und legen ihr Pralinen aufs Kopfkissen?«
»Nein, eher das Gegenteil«, erwiderte er. »Ich schnappe die Burschen, die nachts in die Schlafzimmer fremder Frauen einsteigen.«
»Sie sind Polizist? Wo ist Ihre Uniform?«
Er senkte den Kopf. »Tut mir leid, keine Uniform. Das liegt hinter mir. Enttäuscht?« Er blickte mich fragend unter seinen dichten Wimpern hervor an.
»Ein bisschen.« Ich zuckte die Achseln und stieß ein Schnauben aus, das er zu meiner Erleichterung mit einem Lachen quittierte.
»Erlauben Sie mir, es bei einem Drink wiedergutzumachen.« Er trat näher.
Das orange Licht eines Taxis erhellte die Dunkelheit. Ich hob die Hand, ohne den Unbekannten anzusehen, und der schwarze Wagen fuhr durch Pfützen auf uns zu und hielt an.
