Steamtown - Die Fabrik - Carsten Steenbergen - E-Book
Beschreibung

Auf den Stufen der Bakers Hall von Steamtown liegt eine bestialisch zugerichtete Leiche. Der junge Agent Eric van Valen wird zusammen mit dem abgehalfterten Pater und Ætheromanten Siberius Grand und dem seltsamen Forensiker Mister Ferret vom Ministerium Seiner Majestät beauftragt, den Mörder zu finden - oder wenigstens jemanden, der schuldig genug aussieht. Doch was als simple Mordermittlung in der Unterwelt der von Plasmalicht und Kohlefeuer erhellten Stadtmetropole beginnt, scheint tiefer zu gehen und konfrontiert sie mit ihren düstersten Albträumen. Albträume, in denen höllische Geschöpfe auf die drei Ermittler lauern, dunkle Vergangenheiten und eine Verschwörung, die die Stadt Steamtown in ihren Grundfesten erschüttert. Bekannt geworden durch Live-Hörspiel-Auftritte und ihre Werke als erfolgreiche Krimi- und Phantastik-Autoren, kreieren T.S.Orgel und Carsten Steenbergen mit Steampunk aus Deutschland ein unvergleichbares, mitreißendes Ensemble der Spitzenklasse. Carsten Kuhr von Phantastik-News sagt dazu:»Stilistisch unauffällig, inhaltlich packend und überraschend wartet so ein spannender Roman [...] auf den Leser, der bestens unterhält und nicht nur den Fans des Subgenres zu empfehlen ist.«

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Copyright ©2015 by Papierverzierer Verlag

1. Auflage, Papierverzierer Verlag, Essen

Lektorat, Herstellung, Satz, Layout: Papierverzierer Verlag

Alle Rechte vorbehalten.

Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sindurheberrechtlichgeschützt. Sie dürfen ohne vorherigeGenehmigungweder ganz noch auszugsweise kopiert,verändert, vervielfältigt oderveröffentlichtwerden.

Steamtown–Die Fabrikist auch als Hörbuch und gedruckterhältlich.

ISBN 978-3-944544-35-9

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschenNationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Gewidmet Askra Hesiod und seinem Zepter aus einem Gespross frisch grünenden Lorbeers.

Inhaltsverzeichnis
Steamtown - Die Fabrik
Impressum
Prolog
Kapitel I - Der Tote von Bakers Hall
Kapitel II - Wächter im Dunkeln
Kapitel III - Besessen
Kapitel IV - Kampf um Lethe
Kapitel V - Quexerbrut
Kapitel VI - Moloch
Kapitel VII - Heer der Toten
Kapitel VIII - Plasmafeuer
Epilog
Carsten Steenbergen
T. S. Orgel

Prolog

Verdammter Nebel!Hartlefield wäre beinahe in einen Laternenpfahl gerannt. Gehetzt blickte er sich um und versuchte, sich neu zu orientieren. Stinkende Nebelschwaden waberten im grünlichen Licht der Laterne und verwandelten alles, was sich mehr als eine Armeslänge entfernt befand, in vage Schemen. Augenblicke zuvor war er an der Einmündung zur Crickade Lane vorbeigekommen. Also musste er sich irgendwo zwischen Tanner Street und Slaughter House befinden.

Wie überaus passend, schoss es dem untersetzten Mann durch den Kopf. Keuchend stolperte er weiter.Der Marktplatz … Wenn ich es bis dorthin schaffe, bin ich gerettet. Dort steht immer ein Polizist. Selbst zu dieser Nachtzeit und bei diesem Wetter! Noch zwei Häuserblocks. Zwei verdammte Blocks nur!Hartlefield schnaufte bereits wie eine alte Dampfmaschine kurz vor dem Platzen.

Ich hätte mich mehr der Leibesertüchtigung widmen sollen, dachte er,und ein gesünderes Dasein führen. Und regelmäßiger in die Kirche gehen.Überhaupt: Wo waren eigentlich die ganzen Prediger, wenn man sie einmal im Leben wirklich gern gesehen hätte? Tagein, tagaus standen sie an den Straßenecken und predigten Nächstenliebe, Armut, Verzicht und all diese Sachen. Aber wenn das Wetter schlecht wurde, dann verzogen sie sich lieber in die nächste Kneipe und versoffen die erbettelten Spenden. Dabei wäre das jetzt der geeignete Zeitpunkt, eine gestrauchelte Seele zu retten, die alles tun würde, nur um von der verdammten Straße herunterzukommen.

Irgendwo hinter ihm schepperte etwas auf das Straßenpflaster. Hartlefield fuhr so heftig zusammen, dass er ins Stolpern geriet. Dann beschleunigte er sein Tempo, so gut es eben noch ging.Ruhig Blut, vermutlich bin ich ihnen längst entkommen, versuchte er sich selbst zu überzeugen.Das war nur ein streunender Hund. Einer, der in den Mülltonnen nach Fleischresten wühlt. Das war immerhin möglich. Straßenköter waren in dieser Gegend nicht selten. Sie fanden in den engen Gassen und verwinkelten Hinterhöfen immer etwas zum Fressen. Andererseits: Besonders wahrscheinlich war es nicht – denn die Hunde waren in der Regel klüger als die Prediger. Bei dem Wetter hatten sie sich lange vor den Betbrüdern in irgendwelche geschützten Ecken verzogen. Gott, wie er sie beneidete!

Dort!Vor Hartlefield wurde es heller. Einige Schritte weiter wichen die Häuser zurück. Der Marktplatz. Der erstickende Nebel verhüllte die große Fläche zwischen den desolaten Häuserfronten des Chester Market Square und gab dem Flüchtenden das Gefühl, ins Nichts zu laufen.Links!Er stolperte über das Kopfsteinpflaster zur nächsten der gusseisernen Laternen und von dort aus weiter zur übernächsten. Die Lampen hingen wie grüne, flackernde Irrlichter im Dunst. Die Schwaden glitten beiseite, für einen Augenblick nur, und gaben den Blick auf zwei oder drei Holzbuden frei, die sich wie die Höcker von urzeitlichen Leviatanen in der Dunkelheit abzeichneten. Dann wallte die nächste Nebelwand heran, so dass Hartlefield beinahe in einen der Brunnen gestolpert wäre. Er prallte gegen den schmiedeeisernen Zaun und stieß sich wieder davon ab, ohne auf die Schrammen zu achten, die die rostigen Verzierungen an seinen Händen hinterließen. Ein gigantischer Bronzeengel ragte über ihm auf und schien ihn teilnahmslos aus dem Dunst zu mustern.Weiter, nur weiter!Irgendwo vor ihm musste der Polizist Wache stehen.Wo, verdammt noch eins?Hartlefield ließ alle Vorsicht fahren.Hilfe!, brüllte er. Oder wollte er brüllen. Was sich seiner Kehle entrang, war ein Krächzen, das selbst in seinen Ohren lächerlich dünn klang. Der Nebel verschluckte den Laut. Eine neue Welle der Angst durchflutete ihn. Was, wenn er den Verfolgern verraten hatte, wo er war? Sofern sie ihm noch auf den Fersen waren.Sofern?Im Grunde seines Herzens wusste er, dass sie ihn noch immer verfolgten. Sie würden nicht aufgeben. Das taten sie nie.

Denk logisch, John! Der Polizist steht wahrscheinlich vor der Bakers Hall.Die Gilde bezahlteschließlichgut genug dafür, dass die Schutzleute einzusätzlichesAuge auf ihre Besitztümer warfen.Links!Wieder hörte er ein Geräusch hinter sich. Näher diesmal.Von wegen Hunde! Um diese Zeit ist doch kein Köter auf dem Platz!Unwillkürlich warf Hartlefield einen Blick über die Schulter.Nichts!Er stolperte, ruderte mit den Armen, suchte verzweifelt nach Halt und schlug der Länge nach hin. Sein Fuß hatte sich zwischen zwei Pflastersteinen verkeilt. Schmerzhaft klatschte er auf das Kopfsteinpflaster und schürfte sich Hände und Knie auf. Der Aufschlag trieb ihm die Luft aus den Lungen und ließ Funken vor seinen Augen tanzen. Das Gesicht landete in einer Pfütze aus brackigem Abwasser. Er schmeckte Fäulnis und Blut.

Aufschluchzend schüttelte er die Benommenheit ab und rappelte sich wieder auf die Füße.Vorwärts!Er stolperte über die glitschigen Steine auf die nächste Insel aus grünlichem Licht zu.Immer nur weiter. Nicht umsehen! Nur ein paar Schritte noch und du hast es geschafft!Tränen liefen Hartlefield über die Wangen und mischten sich mit dem Blut, das ihm aus der Nase rann.Wo ist dieser verfluchte Polizist?!Im gleichen Moment lichtete sich der Nebel und Hartlefield erblickte die vertraute Silhouette: Schutzhelm, Uniform, Schlagstock. An der Koppel baumelten Handschellen und das Holster der Dienstwaffe. »Dank sei dem Herrn!« Er war gerettet.

Der Polizist drehte sich zu ihm um und tippte grüßend an seinen Helm. »Sie sind ja völlig außer Atem«, stellte er fest, als Hartlefield vor ihm auf die Knie fiel. »Ein paar Leibesübungen hätten Ihnen beizeiten bestimmt gut getan, John.«

Hartlefield lachte auf. Das Geräusch ähnelte eher einem Gurgeln. »Das hätten sie, mit Sicherheit.« Keuchend rang er nach Atem. »Sie … Sie müssen mir …« Er stockte.John?Grauen wallte in ihm auf, dicker als der Nebel um ihn herum. Ein Wimmern entrang sich Hartlefields Kehle, als ihm klar wurde, dass der Schutzmann ihn mit seinem Namen angesprochen hatte. Plötzlich verstand er. Langsam sah er in das Gesicht des Polizisten, der über ihm aufragte. Warme Nässe durchtränkte seine Hose und eine hauchfeine Dampfwolke vermischte sich mit dem herankriechenden Dunst.

Das letzte, was Hartlefield in seinem Leben sah, waren die stechenden Augen des Polizisten, die ihn unbarmherzig musterten. Ebenso endgültig und dunkel wie das Mündungsloch der Dienstwaffe, das auf seine Brust gerichtet war.

Kapitel I

Der Tote von Bakers Hall

Mit lautem Knarren öffnete sich die Eingangstür der Spelunke. Das Geräusch ließ eine Welle der Stille durch den schummrigen Raum schwappen, als Dutzende Gespräche erlahmten und nervöse Blicke zur Tür huschten. Hier und da fuhr eine Hand reflexartig unter Wams oder Mantel, wohl, um nach einer Waffe zu tasten. Dann erkannten die Gäste den Neuankömmling, der jetzt in das diffuse Halbdunkel der »Buckligen Ratte« trat. Die Stimmung entspannte sich merklich. Augenblicke später flammten die Gespräche wieder auf, durchsetzt mit rauem Gelächter. Die mehr als halbseidenen Gestalten, die sich dicht um die verrauchten Tische drängten, hatten den Ankömmling als einen der Ihren erkannt und wandten sich wieder den eigenen Geschäften zu. Geschäfte der Art vermutlich, von denen das Ministerium die wenigsten auch nur halbwegs als legal einstufen würde. Wenn Grand es sich recht überlegte, wahrscheinlich nicht mal ein Einziges. Nicht, dass es ihn sonderlich interessiert hätte. Was noch gelinde ausgedrückt war – eigentlich ging es ihm gepflegt am Arsch vorbei. Er war hier, um seinen Feierabend zu genießen. Allein und ohne Störung. Und dafür war das der perfekte Ort.

Pater Siberius Grand sog den Geruch von billigem Fusel und saurem Schweiß ein, der ihn wie einen alten Freund umarmte. Er ließ die Tür zufallen und bahnte sich seinen Weg zu der Eichentheke, welche die gesamte linke Seite des Raumes einnahm. Über ihm an der Decke drohte ein ehemals opulenter Kronleuchter, Zeichen der Pracht vergangener Tage. Vereinzelte, grünlich flackernde Plasmalichter glimmten inmitten von Spinnweben und sorgten für schummrige Beleuchtung.

Der Pater suchte sich ein freies Fleckchen an der Bar, schob einen Betrunkenen rüde beiseite und musterte ihn flüchtig. Der Mann war einer der üblichen Verlierer an diesem Ort. Sein Kopf war auf die Theke gesunken, seine Rechte umklammerte jedoch weiterhin das Glas. Grand seufzte und zog sich einen schmierigen Barhocker heran. Er nickte der leicht bekleideten Animierdame zu. An diesem Abend hielten sich zwei von ihnen in derBuckligen Ratteauf. Sicherlich waren sie weder ihre Ehre noch ihr Geld wert. Die neben ihm war korpulent, mit tiefem Ausschnitt über dem wogenden Busen und kurzen, kastanienbraunen Locken, die gerade einmal bis zu den Ohren herabfielen. Ihr Lächeln erreichte die Augen nicht. Die andere war eine magere Rothaarige, die ihn mit einem koketten Winken begrüßte. »Da ist ja mein Süßer. Bereit für ein Abenteuer, Pater?«

»Heute nicht, Lilly. Ich hatte einen schweren Tag.«

»Wie immer, Sib. Wie immer. Aber falls du es dir doch anders überlegst …« Sie zwinkerte Grand versöhnlich zu. Als er nicht reagierte, runzelte sie leicht die Stirn. Dann zuckte sie mit den Schultern und wandte ihre Aufmerksamkeit dem Schaumwein in ihrem Glas und einem etwas vielversprechenderen Gast zu.

Bleiern ließ sich Pater Siberius auf den Hocker fallen. Der Betrunkene nahm das zum Anlass, zur Seite zu kippen und sich mit einem Grunzen an seine Schulter zu lehnen. Einen Moment sah der Pater auf ihn hinab. Dann drehte er das breite Kreuz, das einem Preisboxer zweifellos zum Neid gereicht hätte, zur Seite. Der Betrunkene rutschte ab, verlor das Gleichgewicht und plumpste geräuschvoll zu Boden. Er machte etwa genauso viele Anstalten, von alleine wieder aufzustehen, wie Pater Siberius, ihm aufzuhelfen. Also gar keine. An diesem Ort war sich jeder selbst der Nächste.

Grand gab dem Barkeeper ein Zeichen. Gus O’Brian, der am anderen Ende der Theke geschäftig Gläser in einer angelaufenen Messingspüle wusch, war der Besitzer der verräucherten Spelunke. Eine Bezeichnung, die hier am Rande von Orums Lot, der berüchtigten Hafengegend der Stadt Steamtown, beinahe für ein gehobenes Etablissement stand. »Hey, Gus.« Ein Nicken und ein Grinsen von tabakfleckigen Zähnen. »Einen Branntwein, wenn es keine Mühe macht.«

Der Wirt stellte das garantiert unsaubere Glas beiseite. Immer noch grinsend kam er zu Pater Siberius herüber. Sein fetter Schädel glänzte vor Schweiß und vor dem fassartigen Bauch spannte sich eine fleckige Schürze, deren weiße Tage schon Ewigkeiten zurückliegen mussten. Genau an dieser wischte er sich die Hand ab, bevor er sie über die Theke reichte. »Mühe? Doch nicht für einen alten Freund, Sib. Ich mach dir gleich nen Doppelten. Wirst ihn brauchen, wie’s aussieht. Kommst direkt von der Schicht, he?« Gus deutete auf den schwarzen Mantel und das ebenso schwarze Hemd des Paters, das am Kragen mit dem Kollar seines geistlichen Standes versehen war.

Siberius nickte. Eigentlich war er mit knapp über fünfzig Jahren viel zu alt, um für die Kirche den Handlanger in den Straßen zu spielen. Sich um verkommene Subjekte kümmern, sie auf den rechten Weg des Glaubens zurückbringen und all diesen Scheiß. Pah. Aber was tat man nicht alles, um über die Runden zu kommen. Er warf einen Blick in den fleckigen Spiegel hinter der Bar und bemerkte, dass er seinen Zylinder auf dem Kopf trug. Daran befestigt war ein Plasmaokular, das ihm bei der Arbeit half. Höhnisch funkelte es ihn an. Zumindest kam es Pater Grand so vor. Er nahm den Zylinder mit einer fahrigen Bewegung ab, legte ihn vor sich auf die Theke und drehte ihn so herum, dass das Okular in eine andere Richtung wies. Er hatte heute einfach keine Lust, es anzuschauen.

Gus hatte inzwischen ein großes Glas mit dem georderten karamellfarbenen Getränk vor ihm abgestellt und der Pater stürzte es in einem Zug herunter. »Noch einen.«

»Kommt sofort, mein Alter.«

Als er das zweite Glas in der Hand hielt, schaute sich Pater Siberius um, so wie er es stets tat, wenn er hier war. Wie immer blieb sein Blick an dem ebenso riesigen wie hässlichen, ausgestopften Kopf der Dämonenratte hängen, der seit dem Tag der Eröffnung des Etablissements an der Wand hing. Und so wie jedes Mal würde Gus nicht zögern, ihm die Geschichte der Ratte zu erzählen, die für den blumigen Namen der Spelunke verantwortlich war. An einer Hand zählte Pater Siberius die Sekunden herunter, bis der dicke Mann von seinem damaligen »Abenteuer« zu berichten begann.Fünf, vier, drei, zwei …

»Hey, Sib, hab ich dir eigentlich mal erzählt, wie ich an diesen hübschen Schädel gekommen bin?«

Ungefähr eintausend Mal, dachte Siberius, aber er sagte es nicht. Er wollte seinem Freund nicht den Spaß verderben. Dafür hatte er nicht genug davon. Also Freunde. Am einfachsten war es, sich für die Zeit, bis der Wirt zum Ende kam, stupide auszublenden, den Kopf abzuschalten, nicht zu denken. Irgendwie erholsam, wenn man es genau nahm. Das monotone Dröhnen von Gus’Stimme, zusammen mit dem warmen Brennen des Alkohols, machte es leichter, zu verdrängen. Zu vergessen. Besonders Emilie, seine Frau … Falscher Gedanke. Ganz falsch. Lieber die Ratte.

Unwillkürlich glitt sein Blick erneut zu dem entstellten Rattenschädel, dem man, auch wenn der restliche Körper fehlte, die ungeheure Masse der Kreatur noch immer ansah. Das Vieh musste einmal die Größe eines Ebers gehabt haben. Dazu eitrige und verwucherte Beulen und Ekzeme, wie die meisten ihrer verfluchten Art. Wo immer diese Drecksmonster herkamen–oder anders gesagt: aus welchem Pfuhl sie entstiegen–, eins hatten sie alle gemeinsam: Man begegnete ihnen besser nicht allein und auf keinen Fall unbewaffnet. Niemand wusste, was die Dämonenratten einst in die Kanalisation und inzwischen in die dunkleren Ecken der heruntergekommenen Viertel gelockt hatte. Nicht einmal das Ministerium, das die bloße Existenz solcher Biester lange verleugnet hatte. Klar, in den Upper Quartern der Reichen gab es sie ja auch nicht. Noch nicht. Vorerst waren die Ratten ein Problem der armen Leute.

»… und dann sprang mich das Scheißvieh mit ihren glühenden Augen ohne Rücksicht auf Verluste an. Ich sag dir, groß wie ein kleines Pony und ebenso schwer. Dass ich unter diesem Fleischberg überhaupt rausgekommen bin, war ein absolutes Wunder. Ich war ja schließlich allein in dem beschissenen Keller. Ich habe es also gerade noch geschafft, mein Messer nach vorne zu bringen, bevor …«

Gus unterbrach sich selbst und Siberius war von einer Sekunde auf die andere wieder da. Es war bestimmt das erste Mal, dass der Wirt seine Geschichte nicht zu Ende brachte. Und das konnte nichts Gutes bedeuten. »Was fällt dir ein, du Arschloch? Sib, pass auf! Hinter dir!«

Siberius warf sich instinktiv zur Seite. Eine halb volle Flasche verfehlte um Haaresbreite seinen Kopf und zerbarst auf der Theke. Splitter und Branntwein prasselten auf den Pater nieder und er konnte gerade eben den Arm schützend vor das Gesicht reißen. Trotzdem hinterließ eine der Scherben eine glühende Spur auf seiner Wange.

»D … duu Sch … Scheißßßkerl«, nuschelte der Betrunkene von vorhin. Er hatte es irgendwie geschafft, zurück ins Bewusstsein zu finden und sich schwankend auf die Füße zu bringen. »Isch h …h … habe disch sof … sofort erkannt. Schl … Schläch … Schlächter vvvon Arminton. D … du hascht mmmeine Familie auf … auf … dem Gewissen. Du elen … elendiger Wischser.« Der Mann hieb mit einer Kohlenschaufel-großen Faust nach dem Pater.

Jetzt, da er die volle Aufmerksamkeit des Geistlichen gewonnen hatte, stellte der Angreifer kein Problem mehr dar. Mit einem Seufzen wich der Pater dem unbeholfenen Schwinger aus und verpasste dem Mann seinerseits einen Treffer am Kinn. Vor allem, um ihn wieder auf Abstand zu bekommen. Die Vorsicht war unnötig. Der Säufer verlor das Gleichgewicht, stürzte und krachte mit dem Kopf gegen das harte Thekenholz. Mit einem trockenen Pochen prallte er von der Theke zurück und brach wie vom Blitz gefällt zusammen. Schlaff kam er schließlich auf den Holzbohlen zu liegen. Der Geräuschpegel wogte ununterbrochen weiter. Niemand schien etwas mitbekommen zu haben. Oder niemand ließ sich etwas anmerken. Betrunkene und Schlägereien gehörten nun mal in jede anständige Kneipe. Und wenn der Pater zuschlug – dann sah man ohnehin besser weg.

»Verdammt«, fluchte Siberius. »Was für ein Vollidiot. Was wollte das Arschloch überhaupt hier? Der ist nicht aus der Gegend.«

Gus kam hinter der Theke hervor und beugte sich prüfend über den Gestürzten. Er zuckte mit den Schultern und sah den Pater an. »Den hast du gründlich aus den Socken gehauen. Komplett weggetreten. Mann, Sib, musste das sein?«

Der Pater musterte den Bewusstlosen. Er hatte sich geirrt. Der Kerl war keiner der üblichen Trinker der »Ratte«. Dazu war seine Kleidung zu ordentlich. Nicht aus der Gegend. Und er hatte Arminton erwähnt. Das verfluchte, verdammte, beschissene scheiß Arminton. »Scheiße, Gus! Du weißt, dass das keine Absicht war. Und jetzt? Ich habe echt keine Lust, das meiner Dienststelle zu melden, nur für den Fall, dass der Penner nachher zur Polizei läuft, weil ihn der Schlä…«, er zögerte und spürte einen Geschmack von bitterer Galle auf der Zunge, »… ein Pater angegriffen hat. Verdammt, ich habe Feierabend. Ist es denn zu viel verlangt, einfach mal ungestört zu sein?«

»Reg dich nicht auf, Sib«, beschwichtigte ihn der Wirt. »Ich kümmere mich darum. Cutter Pew ist der richtige Mann für diesen Job. Er wird ihn überzeugen, die Klappe zu halten. Wenn er wieder nüchtern ist. Du wirst sehen, niemand wird dich deswegen belangen. Vertrau dem alten Gus.« Er sah Siberius an. »Aber dafür schuldest du mir was.«

»Geht klar.« Pater Grand schnaubte ungehalten. Er wusste genau, was er davon zu halten hatte, wenn der Wirt von Schulden sprach. Es würde sicher nicht angenehm werden, eine solche Verpflichtung wieder gutzumachen. Aber was sollte es. Er hatte genug Probleme, um sich darüber auch noch zu ärgern.

Was für ein verdammter Scheißtag.Siberius stürzte den Rest Branntwein aus seinem Glas hinunter, schob ein paar Münzen auf die Theke und verließ die »Bucklige Ratte«. Er hatte genug für heute. Mehr als genug. Um den Betrunkenen und sein Schicksal tat es ihm nicht leid. Davon gab es schließlich jeden Tag ausreichend. Sogar welche, die deutlich mieser dran waren als dieses Arschloch. Aber es würde wieder Gerüchte geben und das konnte er wirklich nicht gebrauchen. Meist dauerte es nicht lange, bis das Ministerium von so einer Sache Wind bekam. Spätestens dann würde er beim Boss vorbeitraben und eine Erklärung abgeben dürfen. Echt beschissen dieser Tag. Und das Schlimmste: Siberius war sich sicher, dass der folgende Tag keinen Deut besser werden würde.

Ich weiß, was Sie jetzt denken. Aber Sie haben unrecht. Ich besuche diesen Ort nicht, weil ich einer der Verlierer dieser wunderschönen, verkommenen Stadt bin. Weil ich wie so viele ihrer glückloseren Bewohner meine vergeblichen Hoffnungen in das Glücksspiel setze, um meinem Elend zu entkommen. Nur um gerade dadurch unverrückbar in meinem Schicksal am Rand der Gosse festgehalten zu werden. Dem schmutzigeren und verdammt glitschigen Rand, an dem sich der Abschaum sammelt und man jeden Augenblick in der Gefahr ist, losgerissen oder getreten zu werden und haltlos und endgültig im vernichtenden Strudel des nächsten Kanals zu verschwinden.

Nein, meine Beweggründe sind anderer Art. Ich bin aus rein beruflichen Gründen hier. Fragen Sie nicht, was mein Beruf ist. Ich könnte es Ihnen sagen, aber dann müsste ich Sie töten. Also–um mir die Mühe zu sparen und Ihnen eine Chance zu geben, sich als schlauer zu erweisen, als Sie aussehen, überlasse ich den Gegenstand meiner Profession ganz Ihren Spekulationen. Jedenfalls halte ich mich heute hier in diesem paradiesischen Fleckchen von Steamtown auf, um einen Auftrag zu erledigen. Einen Auftrag, der mir …

»Halt’s Maul, Trottel!«

Der dünne Mann unterbrach seinen inneren Monolog mit der plötzlichen Erkenntnis, dass er einen äußeren Monolog gehalten hatte, ohne sich dessen bewusst zu sein. Ein schneller Seitenblick vergewisserte ihm allerdings, dass sich der Kerl neben ihm zwar gestört gefühlt, jedoch nicht wirklich auf seine Worte geachtet hatte. Erleichtert ließ er die Schultern hängen. Es war eine schlechte Angewohnheit, die Sache mit dem inneren Monolog. Das war ihm klar. Aber er konnte nicht viel dagegen tun. Das passierte ihm jedes Mal, wenn er nervös war. Und zur Nervosität hatte er Grund genug. Denn einen Auftrag hatte er tatsächlich. Und wenn er den in den Sand setzte … Er fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen und beschloss, lieber nicht über diese Option nachzudenken.

Vorsichtig schob sich der dünne Mann von seinem ungehaltenen Nachbarn fort und bemühte sich so unauffällig wie möglich, einen günstigeren Standort zu finden. Unauffälligkeit fiel ihm nicht sonderlich schwer. Zum einen, da an seiner Gestalt ohnehin alles durchschnittlich schien–der abgetragene Wollmantel, der zu gewaltig für seine mageren Schultern wirkte, der fadenscheinige Bowler, der altmodische braune Anzug, die bleiche Haut, die seine knochigen Hände überspannte. Zum anderen brodelte hier ein chaotisches Gemisch von Gestalten, die in den meisten Fällen ebenso heruntergekommen und nahezu ausnahmslos doppelt so gefährlich aussahen wie er.

Die lärmende, lachende, streitende und grölende Menge um den unscheinbaren Mann herum war in eine fast greifbare Wolke aus beißendem Tabakqualm gehüllt. Dezent abgeschmeckt mit billigem Parfum, dem scharfen Geruch nasser Wolle, der sauren Note von vergossenem Bier und ungewaschenen Menschen und einem deutlichen Hauch von Exkrementen und Tieren. All das schien der dünne Mann jedoch nicht wahrzunehmen. Den Kopf samt Bowler tief zwischen die Schultern gezogen schob er sich durch die Menge in den hinteren Teil des Raumes. Hier wirkte die Luft–wenn das möglich war–sogar noch stickiger, und ein feiner Dampf stieg von den feuchten Kleidern der Menschen auf. Draußen regnete es–schon seit Stunden. Nein, es war für jemanden wie den dünnen Mann wirklich nicht schwer, hier unauffällig zu sein.

Eine der mit einem schmierigen Film überzogenen Lampen flackerte und legte ungesunde, grüne Schatten auf die Gesichter. Die Mundwinkel des dünnen Mannes zuckten zu so etwas Ähnlichem wie einem Lächeln. Ein guter Platz. Vorsichtig schob er sich zwischen den Leibern der anderen bis an die Bande der Grube vor, genau an jene Stelle, die sich direkt unter der flackernden Lampe befand. Das unstete Licht würde den zufälligen Beobachter ablenken und seine Bewegungen zusätzlich verbergen.

Der dünne Mann warf einen schnellen Blick in die Grube, die dieser Lokalität hier ihren Namen gab. Noch war nicht viel mehr zu sehen, als ein mannstiefer Kreis mit einem Durchmesser von gut acht Metern, ausgestattet mit Sandboden, glatten Wänden und einer rostigen Brüstung, die Zuschauer am Hineinfallen hindern sollte. Die Luken in diesen Wänden waren im Moment geschlossen. Der Mann hob seinen Blick und begann, das Publikum Person für Person zu mustern.

Die meisten der Anwesenden waren gewöhnliche Arbeiter der umliegenden Manufakturen, Fabriken und Mietskasernen, die sich hier zu einer abendlichen Zerstreuung eingefunden hatten; um ihren Tageslohn aufzubessern oder ihn, was weit wahrscheinlicher war, zu verspielen und sich sinnlos zu besaufen, um ihr Elend zu vergessen. Abgehärmte, raue, unwichtige Gesichter mit lautem Lachen und resignierten Augen.

Hier und da gab es aber auch andere.

Dort, der Kerl im tiefgrünen Anzug zum Beispiel. Die Ringe an seiner Hand waren mehr wert, als all die übrigen Besucher in einem Monat verdienen mochten. Zusammen. Der dünne Mann musterte die Umgebung des Grünen und nickte. Gleich drei der Gestalten in seiner Nähe konnte er unzweifelhaft als Leibwächter identifizieren. Seine Augen wanderten weiter. Die hübsche, blonde Frau mit dem Muttermal am Hals kannte er. Constance DeGuin. Und da war ihr Bruder, ein schweigsamer Albino, der in gewissen Kreisen als einer der tödlichsten Duellanten der Stadt berüchtigt war.

Der Besucher im modisch geschnittenen, grauen Anzug und dem Spazierstock, genau gegenüber, auf der anderen Seite der Grube, kam ihm ebenfalls vage bekannt vor. Der dünne Mann beobachtete ihn für einige Augenblicke, kam jedoch zu keinem Ergebnis. Jedenfalls sah auch dieser Gast nach Geld aus. Und allein die selbstsichere Art, wie er sich bewegte, ließ vermuten, dass er sich selbst zu verteidigen wusste.

Weiter links stand ein Pulk aufgeregt schwatzender Adeliger. Die geckenhaften Herren mimten die souveränen Männer von Welt, die Damen hingegen pressten parfümierte Spitzentücher vor ihre Gesichter und musterten ihre Umgebung mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination. Es war offensichtlich, dass die Gesellschaft zu einem extravaganten Abenteuer in die verruchten Niederungen von Orums Lot herabgestiegen war. Der dünne Mann schnaubte. Leichte Beute für Taschendiebe.

Wenige Schritte daneben fiel sein Blick auf einen bulligen Mann, der aufmerksam zu ihm herübersah. Teurer, schlecht sitzender Anzug, rotfleckiges, verschwitztes Gesicht, Goldzähne im darin aufblitzenden Grinsen. Layton Thurgood. Der Gastgeber der »Grube« und damit der Betreiber der berüchtigtsten Arena für illegale Tierkämpfe und Wetten von Orums Lot. Nicht zu vergessen sein Arbeitgeber für den heutigen Abend. Der dünne Mann nickte kaum merklich und hob die Handfläche seiner Linken wie zum Gruß. Thurgoods Grinsen verbreiterte sich um eine Spur. Dann wandte er sich wieder seinem Ehrengast zu, einer in dunklem Samt und Spitze gekleideten Dame, deren verschleiertes Gesicht nicht zu erkennen war.

Der dünne Mann senkte die Hand und blickte sich verstohlen um. Seine Nervosität nahm weiter zu. Wenn er den Auftrag erfolgreich hinter sich brachte, würde er seine Schulden bei Thurgood beglichen haben. Wäre da nicht dieses nagende Gefühl, das sich wie ein Wurm durch seine Eingeweide zu fressen schien. Von dem miesen Prickeln im Nacken ganz zu schweigen. Er konnte förmlich spüren, dass er beobachtet wurde. Irgendwie glaubte er nicht, dass der heutige Tag zu seinen Glückstagen gehörte.

Mit einem Seufzen brach der dünne Mann die rast- und fruchtlose Suche seiner im Schatten der Hutkrempe verborgenen Augen ab. Falls ihn jemand beobachtete, so tat er es derart geschickt, dass wenig Hoffnung bestand, ihn von seinem Platz aus auszumachen. Falls nicht, bestand immer noch die Möglichkeit, dass er einfach nur paranoid war.

Ein Pfiff und das unmittelbar darauffolgende Rasseln versteckter Ketten lenkten seine Aufmerksamkeit zurück auf die Grube. Dort öffneten sich zwei der Luken. Aus dem Dunkel dahinter huschten die beiden Hauptakteure des Abends und reckten ihre zitternden, fleischfarbenen Nasen in die Luft. Ein Trenngitter in der Mitte verhinderte, dass sie zu früh aufeinander losgingen. Ein Raunen ging durch die Menge, vermischt mit einigen Ohs und Ahs und dem spitzen Schrei einer der Damen.

Der dünne Mann hatte kaum einen Blick für die hässlichen Wesen übrig. Wie die meisten der ernsthaft Wettenden hatte er die Tiere schon zu Beginn des Abends in ihren Käfigen begutachtet. Das kleinere hatte die Größe eines Kampfhundes und zeigte das graue, borstige Fell und die überlangen Zähne einer typischen Kanalratte der Docks von Steamtown. Diese Biester waren für ihre außerordentliche Wendigkeit und Intelligenz bekannt und in Gruppen selbst für erfahrene Jäger gefährlich. Und das hier war ein ungewöhnlich beeindruckendes Exemplar.

Ihr Gegner allerdings war beinahe dreimal so groß. Ein von schmutzig weißem Fell bedeckter, unförmiger Klumpen aus Muskeln und Zähnen, dessen rechte Körperhälfte von unansehnlichen Wucherungen gräulichen Fleisches verunziert waren. Nur der nackte Schwanz vom Umfang eines Kinderarmes wies auch dieses Tier als Ratte aus. Eine Mutation aus den Tunneln unter den Fabriken von Tanners Flats. Ekelhafte Viecher, die in letzter Zeit immer häufiger in Erscheinung traten.

Der dünne Mann hatte die beiden Kontrahenten vor dem Kampf ausgiebig studiert und war zu dem Schluss gekommen, dass der Mutant ohne Zweifel überlegen war. Die Arena war schlicht nicht groß genug, als dass die andere Ratte ihre Gewandtheit hätte ausspielen können. Oh, es würde sicherlich ein denkwürdiges Schauspiel werden – am Ende jedoch musste die gesunde Ratte unterliegen. Aber was wichtiger war: Ernsthaft Wettende mussten zum selben Schluss gekommen sein. Unerfahrenere Zuschauer setzten vielleicht auf die Wendigkeit und Intelligenz der kleineren – aber wer immer bereit war, größere Summen in diesem Spiel zu riskieren, wusste, dass diese Mutationen nie müde wurden. Und genau darum ging es heute.

Die richtigen Leute mussten auf die richtige Ratte setzen. Dieser Teil war Thurgoods Sache. Ein Wort hier, ein Zwinkern da, ein Nicken dort und Geld, unverschämt viel Geld, würde fließen. Der dünne Mann sollte dafür sorgen, dass es am Ende in die richtige Richtung floss. Während die letzten Wetten getätigt wurden, überprüfte er zum wiederholten Male den Sitz des kleinen Gerätes in seinem linken Ärmel. Sein Blick begegnete dem Thurgoods, welcher ihm kaum merklich zunickte. Der dünne Mann verzichtete auf eine Reaktion und konzentrierte sich stattdessen auf das Geschehen. Auf einen Wink des Hausherrn wurde das Trenngitter hochgezogen und der Kampf begann.

Die starren, schwarzen Augen des dünnen Mannes, die so sehr denen der Ratten unten in der Arena glichen, waren unverrückbar auf ihr Ziel gerichtet. Es würde ein außerordentlich schwieriger Schuss werden. Und er hatte nur einen Versuch.

Von einem allgemeinen Aufbranden des Lärmpegels begleitet, prallten die Kontrahenten in der Grube aufeinander. Johlend beugten sich die gewöhnlicheren unter den Zuschauern über die Brüstung, begierig, kein noch so kleines Detail des blutigen Schauspiels zu versäumen. Aufgepeitscht, hungrig und vor dem Kampf zusätzlich bis zur Wut gereizt, fielen die beiden so unterschiedlichen Ratten übereinander her und rollten in einem knurrenden, geifernden Knäuel durch die Arena. Gelbe Zähne blitzten und schnappten, Krallen rissen tiefe Furchen in Fell, Haut und Muskeln. Vereinzelte Blutstropfen sprühten hinauf bis auf die Jacken, Gesichter und Dekolletés der Zuschauer.

Eine der feinen Damen am Grubenrand fiel in Ohnmacht, aber der dünne Mann war sich nicht sicher, ob das der Furcht, dem Ekel oder einfach nur der Aufregung und einem zu eng geschnürten Korsett zuzurechnen war. Unauffällig löste er seine linke Manschette. In der Grube trennten sich die Gegner für einen Moment des gegenseitigen Taxierens voneinander. Beide bluteten bereits aus mehreren Wunden und der kleineren Kanalratte war eines ihrer Ohren zum größten Teil abhandengekommen. Die Tiere umschlichen sich knurrend und schrill quiekend. Besser gesagt: Die graue Ratte schlich–immer an der Wand des kreisrunden Kampfplatzes entlang, ohne ihren größeren Gegner aus den Augen zu lassen, der sich in der Mitte der Arena um die eigene Achse drehte. Mit einem Zischen huschte der Mutant vor und versuchte, seine krummen Zähne in die Seite des anderen Tieres zu schlagen. Doch der flinkere Gegner sprang, landete auf ihrem Rücken und hinterließ eine weitere klaffende Wunde in der Flanke des Kolosses.

Murren brandete rings um ihn auf, das meiste geäußert von den zahlreichen Arbeitern. Interessiert stellte der dünne Mann fest, dass das Fräulein DeGuin voller Unmut die Stirn krauszog und der Pulk der jungen Adeligen in das allgemeine Buhen einfiel. Der Gesichtsausdruck des Grauen Anzuges ihm gegenüber blieb unlesbar und der dünne Mann wandte seinen Blick dem Ringträger in Grün zu. Auch dieser Mann trug das stoische Gesicht des professionellen Spielers zur Schau. Und doch vermeinte er, eine gewisse Anspannung in seinen Kiefermuskeln zu erkennen. Nun, der Mann konnte es nicht wissen, aber seine Besorgnis war durchaus berechtigt.

Der Mutantin war noch immer kein Zeichen der Ermüdung anzusehen. Jede der furchtbaren Verwundungen, die ihr die kleinere Gegnerin zufügte, steckte sie weg, als wären es nur oberflächliche Kratzer. Ihr nächster Angriff erfolgte so heftig, dass die graue Ratte nur mit äußerster Mühe ausweichen konnte–und auch nur, indem sie die Wand der Grube hinaufsprang, wobei sie beinahe die Brüstung erreicht hätte. Ihre Flucht wurde allerdings von einem der Männer Thurgoods durch eine bereitgehaltene Eisenstange vereitelt und sie stürzte wieder in den blutgetränkten Sand hinab. Fast sofort war der Koloss über ihr, und als sich der beißende, tretende, kreischende Knoten aus Rattenkörpern das nächste Mal löste, hinkte die kleinere Ratte auf einem der Vorderläufe. Der Großteil ihres Schwanzes hing lose an einem blutigen Fetzen Fleisch.

Johlende Zustimmung brandete auf und übertönte das Protestieren der wenigen Zuschauer, die wider besseren Wissens oder aus purer Verzweiflung auf die kleinere Ratte gesetzt hatten. Allem Anschein nach erlahmten die Kräfte der Grauen. Ihr Blut strömte aus zahlreichen Wunden und auch die beiden folgenden Vorstöße der Mutantin hatten weitere Verletzungen zur Folge. Auf den Gesichtern der wohlhabenden Wettenden machte sich Zufriedenheit breit und der Ringträger schien bereit, sich abzuwenden, um seine Gewinne abzuholen, noch bevor der Kampf beendet war.

Es wurde Zeit für den dünnen Mann. Beiläufig umfasste er mit der rechten Hand den linken Unterarm und tastete nach dem Knopf, den er unter dem Stoff seines Ärmels verborgen wusste. Gleichzeitig winkelte er die Linke unauffällig ab, bis sich aus der jetzt geöffneten Manschette ein kurzes Messingrohr hervorschob. Ein letztes Mal überprüfte er sorgfältig sein Ziel. Die Mechanik an seinem Arm war von unvergleichlicher Präzision und Wucht. Jedoch enthielt sie nur ein einziges Projektil–um nachzuladen, hätte er Mantel und Hemd ausziehen müssen. Er hatte also nur diesen einen Versuch. Trotz der geringen Entfernung war es beileibe kein einfacher Schuss. Aber genau dieses Handicap war es, weswegen Thurgood ihn beauftragt hatte. Der dünne Mann zitterte nie und seine unheimlichen, schwarzen Augen verloren nie ihr Ziel.

Grinsend bleckte er die vorstehenden Zähne und betätigte den Auslöser. In diesem Moment johlte die Menge erneut vor Begeisterung auf. Ein Ellenbogen traf den dünnen Mann an der Schulter und lies ihn beiseite taumeln. Er stolperte in den Arbeiter neben ihm, dann gegen das Geländer. Verdammt! Sein unfehlbarer Schuss war fehlgegangen! Eine der jungen Adeligen auf der anderen Seite der Grube betastete verwirrt das winzige Projektil aus Kupfer und Glas, das über ihrem Korsett aus der seidenen Bluse ragte. Schließlich erfasste ein Zittern ihren Arm und der seltsame Pfeil entglitt den plötzlich verkrampfenden Händen. Mit starrer Miene verfolgte der dünne Mann, wie das Beben auf den ganzen Körper der Frau übergriff. Ihr Kiefer verkrampfte, ihr Gesicht nahm eine zusehends ungesunde Färbung an und zwischen glitzernden Schweißperlen traten die Adern deutlich sichtbar auf ihre Haut.

Das war … nun, das war nicht gut. Nein, ganz gewiss nicht. Thurgood deutete ihm unwirsch, endlich zu schießen. Nein, Thurgood konnte nicht wissen, dass der Schuss vertan war. Noch nicht. Leider würde sich das jeden Moment ändern. Der Blick des dünnen Mannes huschte zu der jungen Dame zurück. Ihre Augen waren blutunterlaufen und Schaum trat in Flocken über die blutrot geschminkten Lippen. Endlich bemerkte einer ihrer Begleiter ihren Zustand und ergriff besorgt ihren Arm.

Da brach mit einem gellenden Aufkreischen die Starre der Getroffenen und wie entfesselt stürzte sie sich auf den Adeligen und fuhr ihm mit ihren manikürten Nägeln ins Gesicht. Der Adelige fiel zu Boden und die Frau warf sich auf eine ihrer Gefährtinnen, riss sie an den Haaren zur Seite, schmetterte einem anderen ihrer Begleiter den Ellbogen auf die Nase und schleuderte beide von sich, als seien sie bloße Stoffpuppen. Dann sprang sie mit ausgestreckten Krallenfingern und gebleckten Zähnen auf den nächststehenden Zuschauer.

Der dünne Mann fluchte leise. Langsam und unauffällig wich er von der Brüstung zurück. Es wurde Zeit zu verschwinden. Die junge Dame würde nicht innehalten, alles anzugreifen, was sich bewegte, bis sie bewusstlos oder tot wäre. Und unter dem Einfluss der Droge war beides nur mit Einsatz schwerer Bewaffnung zu bewerkstelligen. Ein Desaster! Das Projektil war für eine Ratte bestimmt gewesen! Die kleinere Ratte, die mit seiner Hilfe ihre größere Konkurrentin bis zur Unkenntlichkeit zerfleischt und damit Layton Thurgood unermessliche Wettgewinne eingebracht hätte. Jenem Layton Thurgood, der mit plötzlichem Erkennen im Blick zu ihm herüber sah, als oben die junge Frau im wachsenden Tumult ihr nächstes Opfer anfiel und unten in der Grube die Mutantin ihre Gegnerin und ein gutes Stück von Thurgoods Vermögen zerfetzte.

Oh, er war so was von erledigt, wenn er nicht sofort hier herauskam. Der dünne Mann wirbelte herum, drückte den Bowler fest auf seinen Kopf und quetschte sich zwischen den hinter ihm Stehenden hindurch Richtung Ausgang. Aber kaum hatte er ein halbes Dutzend Schritte getan, legte sich eine Hand auf seine Schulter und eine kühle Stimme sagte dicht neben seinem Ohr: »Mister Ferret, nehme ich an.«

Der dünne Mann ächzte und seine gerade Haltung fiel in sich zusammen. Doch als er den Kopf wandte, entdeckte er zu seiner Verwunderung keinen der strategisch verteilten Schläger Thurgoods, sondern den Herrn im grauen Anzug. In diesem Moment flankierten ihn zwei weitere Männer mit ähnlicher Bekleidung. Mister Ferret nickte nervös. »Sie haben mich beobachtet«, stellte er kleinlaut fest.

Die beiden Flankenmänner grinsten und einer deutete einen Ellenbogenstoß an und zwinkerte. Der dünne Mann erstarrte, als er plötzlich verstand. »Natürlich«, sagte der Graue Anzug. »Das ist unsere Aufgabe. Mister Ferret, wir haben Ihnen ein Angebot zu machen, dass Sie, vermute ich …«, und dabei blickte er in Thurgoods Richtung zurück, »… nicht abzulehnen in der Lage oder wenigstens willens sind. Habe ich recht?«

Mister Ferrets Blick war auf den Knauf des Gehstocks in der Hand des Unbekannten gefallen und hätte er noch blasser werden können, so hätte er es jetzt getan. In diesem Augenblick wusste er, woher er das Gesicht des Mannes kannte. Mit einem sinkenden Gefühl im Bauch nickte er.

»Ausgezeichnet, Mister Ferret«, sagte der andere und schob ihn in Richtung Ausgang. »Wir haben einen Auftrag für Sie.«

»Einen wunderschönen guten Morgen, Mister van Valen!« Miss Bloomfield nickte dem jungen Mann, der soeben das Gebäude betreten hatte, freundlich zu. Der Angesprochene schaute die ältere Dame am Empfang einen Moment lang verwirrt an und erwiderte den Gruß mit einem kurzen, entschuldigenden Lächeln. »Oh. Ja. Es ist in der Tat ein wunderschöner Morgen, Miss Bloomfield.«

Eric van Valen nahm den Zylinder vom Kopf und reichte ihn samt Mantel an den hageren Portier weiter, der so unauffällig und leise neben ihm aufgetaucht war, dass man ihn für einen Geist hätte halten können. Ebenso diskret wie zuvor verschwand der Mann wieder in irgendwelchen finsteren Ecken des weitläufigen Ministerialgebäudes. Und wie jedes Mal verursachte sein Erscheinen in Eric das undefinierbare Gefühl, genau gemessen, gewogen und gerade noch einmal für ausreichend befunden worden zu sein. Ein kalter Schauer kroch ihm über den Rücken.

Miss Bloomfield, die gute Seele der Abteilung für Innere Angelegenheiten, stellte das absolute Gegenteil des Portiers dar. Eine immer gut gelaunte, kräftig gebaute Mittfünfzigerin, deren Lächeln und die schreiend bunt geblümten Kleider von zweifelhafter Mode die einzigen Lichtpunkte in den ansonsten kühlen und bedrückend tristen Gängen der Behörde waren. Eric griff nach der aktuellen Tageszeitung und dem Stapel bestehend aus Briefen und Akten, die sie ihm reichte, bedankte sich höflich und lenkte die Schritte in Richtung seiner Büroetage.

»Ach, Mister van Valen …«, hielt ihn Miss Bloomfield auf, »Sie haben um elf Uhr einen Termin. Ministerialrat Granville erwartet Sie. In seinem Büro.«

»Ministerialrat Granville?« Eric runzelte verwundert die Stirn. Der Privatsekretär von V.C. Bullcroft höchstpersönlich. Es war äußerst ungewöhnlich, dass ein Mann von seiner Position einen einfachen Agenten empfing. War er negativ aufgefallen? Oder hatte er auf irgendeine ungünstige Weise die grauen Schatten der unzähligen Ministeriumsmitarbeiter verlassen? Er war den ihn gestellten Aufgaben doch stets pünktlich und gewissenhaft nachgekommen.

»Hat er angedeutet, um was es geht?«

»Tut mir leid, Mister van Valen. Der Ministerialrat hat sich mir gegenüber diesbezüglich nicht ausgelassen.«

»Ich verstehe. Schade. Aber trotzdem danke, Miss Bloomfield.«

Was nur wollte Ministerialrat Granville von ihm? Ihn wegen einer Verfehlung rügen? Nein, darum konnte es sich nicht handeln. Es musste etwas anderes sein. Der junge Mann schüttelte den Kopf. Was immer es war, er würde es erst erfahren, wenn er dem Ministerialrat gegenübersaß.

»Achten Sie bitte darauf, pünktlich zu sein«, ermahnte ihn Miss Bloomfield mit sorgenvollem Blick, ehe sie sich dem nächsten Besucher der Behörde zuwandte.

In Gedanken versunken betrat Eric das Büro, das er mit einem gewissen Agenten Smith teilen musste. Obwohl es eigentlich keinen Sinn hatte, geboten es ihm die Manieren eines Gentleman, den kleinen Mann zu grüßen. Dieser spitzte jedoch, ohne auch nur einen einzigen Augenblick aufzuschauen, weiter konzentriert an einem Bleistift herum. Eric setzte sich in seinen Lehnstuhl und machte sich an die Durchsicht der Unterlagen: Briefe, Akten, Dokumente. Derselbe nutzlose Behördenkram, wie er ihn jeden Tag auf den Tisch bekam. Doch heute gelang es ihm einfach nicht, sich zu konzentrieren. Der Gedanke an den bevorstehenden Termin ließ ihn nicht los. Um sich abzulenken, nahm er sich die Zeitung vor. Auf der Titelseite prangte eine reißerische Schlagzeile:

GRAUSAMER MORD VOR DER BAKERS HALL!

GILDE FORDERT MEHR POLIZEIPRÄSENZ.

Die verdammte Gilde. Die forderte sogar mehr Polizeipräsenz, wenn es regnete. Kopfschüttelnd ließ Eric das Blatt in den Papierkorb fallen und wandte sich erneut seiner Arbeit zu. Dabei bemerkte er nicht, dass zusammen mit der Zeitung auch eine handschriftliche Notiz in den Müll wanderte. »Vertraulich« stand darauf geschrieben. Und zwei Namen: »Ferret« und »Grand«.

Die Büros, in denen sich Eric um kurz vor elf Uhr einzufinden hatte, lagen im einzig repräsentativen Gebäudetrakt der Behörde. Die sonst kahlen Wände waren mit edlen Holztäfelungen verkleidet und anstatt der mit Emailkacheln gefliesten Böden schmeichelte erlesener Marmor dem Auge. Teure persische Teppiche ließen die Schritte angenehm gedämpft klingen. Dort und da waren kleine Tische und Ledersessel diskret in verschwiegenen Ecken drapiert und wer sich hier niederließ, wurde umgehend von Bediensteten mit Branntwein und anderen Annehmlichkeiten versorgt. Über allem lag ein dezenter Geruch nach teuren Zigarren, altem Geldadel und diplomatischen Verwicklungen.

Eric waren solche Räumlichkeiten nicht unvertraut, dennoch fühlte er sich darin nicht wirklich wohl. Ein Schicksal mit einem seltsamen Sinn für Humor hatte ihn zwar in diese Welt hineingeboren und ihm ein sorgenfreies Leben sowie eine gute Ausbildung ermöglicht, verhinderte aber ironischerweise zugleich, dass er jemals ganz dazugehören würde – oder überhaupt irgendwohin.

Ministerialrat Granville wusste dagegen genau, wo er hingehörte und wo er noch hinwollte. Er stammte von einem der aufstrebenden neuen Adelsgeschlechter ab, die seit einigen Jahrzehnten maßgeblich die Geschicke des Landes mitbestimmten. Der hagere Mann mit dem sorgfältig gescheitelten Haar und dem goldenen Monokel hatte eine Ausbildung an der diplomatischen Universität genossen und war ein Meister in der Kunst der Etikette. Wenn es darauf ankam, konnte er die schönsten Schmeicheleien und Komplimente von sich geben, die ihn bei den selbstgefälligen Treffen der Gesellschaft zu einem gern gesehenen Gast machten.

Unter der Hand munkelte man in der Behörde, dass er in den letzten Jahren das Licht der Sonne nicht mehr erblickt habe, da er so tief in den Allerwertesten der städtischen Honoratioren stecke. Doch wenn er mit Untergebenen und seiner Meinung nach Tiefergestellten in der Hierarchie zu tun hatte, konnte Granville auch völlig anders sein. Unter den einfachen Mitarbeitern, Agenten und Bediensteten galt er gemeinhin als die Personifizierung des Bösen, oder–um es charmant auszudrücken–als ausgemachter »trou de cul«.

Der Ministerialrat vermochte Eric hingegen kaum in eine Schublade einzuordnen. Aus diesem Grund bedachte er den jungen Mann vor seinem Schreibtisch lediglich einige wohlüberlegte Minuten lang mit absoluter Ignoranz, ehe er den Federhalter sinken ließ und ihn durch das goldene Monokel geringschätzig musterte.

»Eric van Valen, nehme ich an?«, fragte er schließlich mit gehobener Augenbraue. Im Grunde eine unnötige Frage, da der livrierte Bedienstete Eric bereits bei seinem Eintreten vorgestellt hatte. Eric nickte. »Ja Sir«, erwiderte er höflich. »Der bin ich.«

»Sie haben sicher in der heutigen Zeitung über diesen Mordfall gelesen, Mister van Valen«, begann Granville ohne Umschweife. »Ein marktschreierischer, geradezu unverschämter Bericht, der nur so vor Unsachlichkeiten und Halbwahrheiten strotzt. Eigentlich kein Fall, mit dem sich das Ministerium herumschlagen sollte, zumal es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um nichts weiter als einen Straßenraub oder eine andere Lappalie handelt.« Der Ministerialrat machte eine wegwerfende Handbewegung. »Aber ärgerlicherweise führen zwei Umstände dieser Tat dazu, dass sich offensichtlich gelangweilte Bürger nun berufen fühlen, eine größere Sache daraus machen zu wollen: Zum einen geschah die Tat direkt vor der Bakers Guildhall. Und es ist kein Geheimnis, dass die Gilden auf der Seite der oppositionellen Kräfte stehen, wenn es darum geht, die Kompetenzen unserer Ordnungshüter in Zweifel zu ziehen. Zum anderen war das Mordopfer ein höherer Angestellter der Steamtown Power Transmission Ltd.«

Granville gab einen theatralischen Seufzer von sich. »Die Bürger haben das Vertrauen in die Arbeit der Polizei verloren, doch ein solcher Vorfall ist dazu geeignet, auch einflussreiche Persönlichkeiten in der Stadt unruhig zu machen. Mister van Valen, ich nehme an, die derzeitige Situation ist Ihnen hinreichend bekannt. Die Opposition lässt keine Gelegenheit aus, um der Regierung Schaden zuzufügen. Selbst so eine unbedeutende Kleinigkeit könnte letzten Endes genügend Unheil anrichten, um die politische Ordnung empfindlich zu stören. Aus diesem Grund wurde das Ministerium dazu aufgefordert, eigene Ermittlungen anzustrengen.« Granville zog eine Schublade seines Schreibtisches auf und entnahm ihr eine lederne Dokumentenmappe. »Da man Sie für einen zuverlässigen und loyalen Mitarbeiter hält, der aufgrund gewisser Fakten für diese spezielle Untersuchung geradezu prädestiniert erscheint, wurde Ihnen die Aufgabe übertragen, den Fall schnellstmöglich aufzuklären. Man verlangt von Ihnen nichts weiter, als dass Sie den Mörder finden. Den Schuldigen–oder zumindest irgendjemanden, der schuldig genug aussieht. Wir brauchen einen Täter, der noch vor Ende der Woche am Galgen baumelt, damit das Volk zufriedengestellt ist.«

»Sir?«

»Schauen Sie mich nicht so entgeistert an. Das ist eben Politik. Machen Sie sich darüber keinen Kopf und finden Sie einfach Ihren Mann.« Ministerialrat Granville schob die Dokumentenmappe über den Tisch und klopfte mit seinem perfekt manikürten Zeigefinger darauf. »Ich habe Ihnen zur Unterstützung zwei äußerst tatkräftige Mitarbeiter an die Seite stellen lassen. Mit Hilfe dieser beiden sollten Ihre Nachforschungen auf jeden Fall zu einem zufriedenstellenden Ergebnis kommen«. Er zog eine Augenbraue bedeutungsvoll nach oben. »Auf die eine oder andere Art.«

Die Polizei hatte den Platz um die Bakers Hall großräumig abgeriegelt und den Haufen Schaulustiger, der sich trotz des unablässigen Nieselregens eingefunden hatte, nicht gerade sanft hinter die Absperrungen zurückgetrieben. Der Beamte, der Eric hindurchwinkte, machte sich nicht die Mühe, das Absperrband für ihn anzuheben. Man konnte an seiner Miene deutlich die Abneigung gegen Mitarbeiter des Ministeriums ablesen. Als Eric ihn nach dem Einsatzleiter fragte, zeigte er nur wortlos über die Schulter und spuckte ihm beiläufig einen Priem übelriechenden Kautabaks vor die Füße. Eric ignorierte die offensichtliche Beleidigung und wandte sich ohne eine angebrachte Reaktion in die angezeigte Richtung. Es würde keinen guten Eindruck machen, direkt bei der ersten Gelegenheit einen Streit vom Zaun zu brechen.

Am Fuß der Treppe zur Gildenhalle, durch Leinentücher von den neugierigen Blicken der Schaulustigen abgeschirmt, hatte sich eine kleine Gruppe von Männern um einen unförmigen Haufen versammelt. Eine ungewöhnliche Ernsthaftigkeit und bedrückte Stimmung schien die Anwesenden ergriffen zu haben. Als sie zurücktraten, um sich dem Neuankömmling zuzuwenden, gaben sie den Blick auf das Objekt ihres Interesses frei. Was Eric zu sehen bekam, verschlug ihm den Atem – beinahe mehr, als der durchdringende Gestank von Blut, Gedärm und Exkrementen. Eine Wolke Schmeißfliegen, durch die allgemeine Bewegung aufgescheucht, erhob sich summend vom Leichnam.

Erics Magen verkrampfte sich schlagartig. Ihm blieb gerade noch Zeit, am Geländer der Treppe Halt zu suchen und sich darüber zu beugen, als sich auch schon die sauren Reste seiner letzten Mahlzeit über die Stufen ergossen. Erst nach heftigem Würgen und Husten konnte sich Eric schließlich weit genug fangen, um sich dem Einsatzleiter vorzustellen. Sorgfältig vermied er es, den Blick auf das zu richten, was er gesehen hatte.

»Ich möchte mich für mein Verhalten entschuldigen, Chief Inspector O’Donohue«, murmelte er kläglich. »Ich hoffe, ich habe Sie dadurch nicht in Verlegenheit gebracht.«

»Machen Sie sich nichts draus, Sir«, munterte ihn der leitende Ermittler auf. Chief Inspector O’Donohue war ein stämmiger Mann in den mittleren Jahren mit deutlich ausgeprägter Halbglatze und der irritierend hemdsärmeligen Art, wie sie der unteren Mittelschicht zu eigen war. Er klopfte dem leichenblassen jungen Mann mitfühlend auf die Schulter. »Dieser Anblick kann einen gestandenen Polizisten umhauen. So etwas sieht man nicht alle Tage. Ist definitiv nichts für schwache Nerven oder einen vollen Magen.« Er nickte zu den anderen Anwesenden hinüber. »Den meisten von uns geht es auch nicht viel besser als Ihnen. Ihr Kollege ist der Einzige, der damit ganz gut zurechtzukommen scheint.«

»Mein Kollege?«

»Der dünne Mann dort drüben. Ein ziemlich seltsamer Vogel, wenn Sie mich fragen. Ist mir nicht geheuer. Sie sollten ihn im Auge behalten.«

Als hätte sie ihre Worte gehört oder zumindest ihre Blicke gespürt, richtete sich die außergewöhnliche Gestalt auf, die zuvor noch wie eine große, zerzauste Krähe neben den Überresten dessen gehockt hatte, was wohl einmal ein Mensch gewesen sein mochte. Nachlässig wischte sie sich die blutigen Hände an einem Tuch ab, das aus ihrer Manteltasche hing, und wandte sich dann zu ihnen um.

Das erste, das Eric an diesem Mann auffiel, war, dass er tatsächlich dünn war. Hohlwangig wäre vielleicht ein treffenderer Ausdruck. Ausgezehrt sicherlich die bessere Formulierung. Das zweite waren die Augen, die Eric jetzt auf sich gerichtet fühlte. Sie waren kalt, leblos – wie die gläsernen Knopfaugen eines Stofftieres, das er einst als Kind besessen hatte. Eric brauchte einen Moment, um zu erkennen, was ihm daran so seltsam erschien, und als er es in Worte fassen konnte, waren sie nicht weniger unheimlich. Da war kein Weiß in den Augen des Mannes. Schwarze Knopfaugen, wie die einer Ratte oder eines anderen Nagetiers.

»Mister Ferret, Sir«, sagte der dürre Mann und streckte Eric eine noch immer besudelte Hand entgegen. »Das ist eine hübsche Leiche, die Sie hier haben. Ich gratuliere, Sir«, sagte er an O’Donohue gewandt und lächelte.

Das war das Dritte, das Eric auffiel: blendend weiße und absolut ebenmäßige Zähne, die so gar nicht zur etwas schäbigen Erscheinung des Kerls passten. Dadurch, dass sie allerdings leicht vorstanden, wurde die Anmutung eines überdimensionierten Nagetieres noch verstärkt. Erst mit einem Augenblick Verspätung ging Eric auf, dass der Mann sich soeben vorgestellt haben musste.

»Ich nehme an, Sie sind der Beauftragte des Ministeriums, Sir?« Die Knopfaugen waren wieder zu ihm zurückgewandert und das Nagetierlächeln folgte ihnen. »Mister Ferret, technischer Corporal der 2. Klasse, Sir, Dienstnummer 682-423877-32-06«, sagte der Nagetiergesichtige mit leise raspelnder Stimme und nickte in die Richtung der Leiche. »Die Polizei ist bereits seit Stunden damit beschäftigt. Aber so, wie das aussieht, kann es eine Weile dauern. Eine wirklich interessante Arbeit. Wer immer das getan hat, befleißigt sich einer faszinierenden Mischung aus Präzision und Brutalität. Nicht viel übrig, was man verwenden könnte. Wobei mir Ihr Mitarbeiter versicherte, Chief Inspector, dass der Täter Glück hatte, überhaupt noch etwas zum Ermorden zu haben. Das Herz dieses Mannes sieht aus, als hätte er ohnehin nur noch wenige Tage zu leben gehabt.« Mister Ferret deutete zum Leichenbeschauer, der soeben einen im Gesicht grünlichen Ikonographen anwies, die notwendigen Bilder des Leichnams zu machen.

Tumult kam zwischen den Schaulustigen auf, als sich ein großer, breitschultriger Mann mit einem langen, dunklen Mantel rücksichtslos durch die Menge schob. Auf dem Kopf trug er einen flachen Zylinder, an dessen Rundung ein auffälliges Okular angebracht war. An Kragen seines schwarzen Hemdes blitzte ein schlampig befestigter Stehbund. Mit grober Bestimmtheit rempelte er das neugierige Publikum beiseite, verabreichte hier einen Ellbogenstoß und trat dort einem, der nicht schnell genug reagierte, auf die Zehen, bis er die Absperrung des Tatorts erreicht hatte. »Der Segen des Herrn über euch alle, schaulustiges Pack, und jetzt lasst mich gefälligst durch. Ich bin Pater.« Den letzten Gaffer, der ihm die Sicht versperrte, brüllte er förmlich aus dem Weg, bevor er ihm einen Stoß verpasste. »Beweg dich, du Arschloch!«

Der Pater hob das Absperrband, ohne auf die Proteste des Polizeibeamten zu achten. Sein Blick glitt über die geschäftigen Beamten und blieb schließlich an der verstümmelten Leiche hängen. »Meine Güte, was für eine verdammte Sauerei.« Er räusperte sich geräuschvoll und spuckte aus. »Welcher Penner konnte sich denn hier nicht zurückhalten? Wie soll man so vernünftig seine Arbeit machen? Soll ich etwa einem Eimer Matsch die Letzte Ölung verpassen? Eine Zumutung ist das.« Mit gequälter Miene massierte er sich die Schläfe.

Dann fanden die Augen den Agenten und seinen hohlwangigen Gesprächspartner. Er taxierte den jungen Mann, dem »aufstrebender Ministerial-Agent« beinahe auf den Leib geschrieben schien. Er grunzte entnervt, zuckte mit den Schultern und schlenderte um die Leiche herum. Vor dem Chief Inspector und den beiden Männern blieb er stehen und musterte sie mit einem geringschätzigen Blick.

»Ich nehme an, dass Sie hier der glorreiche Wortführer vom Dienst sein sollen«, stellte er fest. Er nickte dem Agenten zu, ohne auch nur Anstalten zu machen, ihm die Hand zu reichen.

Mister Ferrets Knopfaugen huschten über die massige Gestalt des Paters und seine Miene verdüsterte sich für einen Moment. Was kein schöner Anblick war. Dann jedoch fand er sein seltsames Lächeln wieder. »Ah. Pater Grand. Willkommen in unserer illustren Runde«, sagte er mit einer leise kratzenden Stimme. »Dem Ministerium muss ja wirklich unglaublich an der Aufklärung dieses Unfalls gelegen sein, wenn es solch fähige Männer wie uns darauf ansetzt.«

Ferret wandte sich O’Donohue und Eric zu. »Chief Inspector, Sir, darf ich vorstellen: Pater Grand, Ministerial-Kaplan im Dienst ihrer Majestät und unserer Behörde, Ihnen vermutlich nicht unbekannt durch den Arminton-Vorfall. Der gute Pater gilt als ein wenig reizbar, aber ich hatte schon das Vergnügen, mit ihm zusammenzuarbeiten. Als Ætheromant zumindest ist er sehr brauchbar. Und wenn er hin und wieder jemandem die Nase bricht, dann sollte man ihm das nicht übel nehmen. Hat wohl mit seiner Profession zu tun.« Er machte mit einem der Spinnenfinger eine kreisende Bewegung vor seiner Schläfe, bei der nicht ganz klar war, ob er damit auf das Plasma-Okular am Kopf des Paters hinwies, auf dessen klerikalen Stand oder sogar etwas völlig anderes andeuten wollte.

»Aber genug geschwatzt«, unterbrach er sich eilig, als er den Ausdruck im Gesicht des Paters sah. »Wir haben noch viel zu tun. Pater, wenn Sie dann so gütig wären, und einen fachkundigen Blick auf unseren ausgeweideten Freund werfen würden? Er wurde mit einer Flechette beschossen, Chief Inspector. Soviel ist sicher.«

»Mit einer Flechette erschossen?«, fragte der Chief Inspector ungläubig. Diese mit Dampfdruck betriebenen Waffen waren äußerst selten. In erster Linie, da sie in Steamtown auf das Schärfste verboten waren. Statt eines einzelnen Projektils verschossen sie Hunderte winziger, scharfkantiger Metallsplitter, die dazu durch den Dampfstoß kochend heiß wurden. Schon ein Streifschuss zog daher grässlichste Verstümmelungen nach sich.

»Beschossen«, korrigierte Mister Ferret fröhlich. »Ob das die Todesursache war, wissen wir noch nicht. Ich habe weit mehr als nur eine Handvoll Splitter geborgen. Da hat es jemand gut gemeint und ein volles Magazin in den Leib des Entleibten gepumpt. Ich werde sie mir später genauer ansehen, dann kann ich Ihnen vielleicht sagen, um welchen Waffentyp es sich gehandelt hat. Interessanterweise weist er jedoch auch Plasmaverbrennungen auf. Und unter dem Gehackten der Flechettes finden sich Schnittwunden, von denen Ihr Leichenbeschauer schwören mag, es handle sich um Messerwunden.« In dieser letzten Aussage schwang hörbarer Zweifel mit. »Da haben wir drei mögliche Todesursachen. Ziemlich viel Aufwand, wenn mich jemand fragen sollte. So, Pater, kommen Sie? Ihre Meinung ist gefordert.«

Pater Grand warf dem dünnen Mann einen ärgerlichen Blick zu und zog geräuschvoll die Nase hoch. »Wie könnte ich so einer charmanten Einladung nicht folgen, Ferret. Schöner Anzug im Übrigen. Wieder beim Leichenausstatter gewesen?« Die Worte troffen vor Sarkasmus, doch der Pater war sich sicher, dass sie auf Ferret keine Wirkung hatten. Trotzdem: Er konnte diesen Kerl einfach nicht leiden. Und warum mit seiner Meinung hinter dem Berg halten? Brachte nichts. Vor allem Grand nicht, auch wenn ihm dieser Wesenszug in der Vergangenheit durchaus das eine oder andere Mal eine gehörige Portion Ärger eingebracht hatte. Grand hatte schlicht kein Faible für jene Sorte Mensch, wie Ferret einer war. Wobei »Mensch« kaum der richtige Ausdruck für so eine erbärmliche Kreatur war. Widernatürlich traf es besser. Nur gut, dass es nicht allzu viele von diesen Typen gab.

Mit einem unwilligen Knurren drehte sich der Pater um und wandte sich der ausgeweideten Leiche zu. Und Ferret tat es ihm nach.

O’Donohue musterte die beiden Kontrahenten nachdenklich. »Das gleiche Schema«, murmelte er leise.

»Wie bitte?«, fragte Eric erstaunt.

»Nichts, Sir, nichts.« Der Chief Inspector strich sich über die Halbglatze. »Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, Mister van Valen: Seien Sie auf der Hut. Vertrauen Sie niemandem.«

»Danke.« Eric runzelte irritiert die Stirn, verkniff sich jedoch eine Nachfrage. »Ich werde es beherzigen, Chief Inspector.«

In der Zwischenzeit hatte der Ikonograph seine Bilder vom Tatort fertig entwickelt. Mit einem weißen Seidentuch tupfte er behutsam die letzten Plasmatröpfchen fort, die zwischen Bildträgerschicht und Deckblatt hervorgequollen waren. »Bitte die Oberfläche nicht berühren«, ermahnte er Eric, als er ihm die Lichtbilder reichte. »Sonst könnten sie hässliche Flecken bekommen – nicht, dass das bei diesem Anblick einen Unterschied machen würde.« Er wandte sich um und drückte O’Donohue einen Streifen Plasmapapier in die Hand. »Und das hier kam soeben für Sie an, Chief.«

Der Chief Inspector überflog die Nachricht. »Wie es scheint, wurde unser Mann inzwischen eindeutig identifiziert. Ein gewisser John Walter Hartlefield. 43 Jahre, Buchhalter in der Steamtown Power Transmission Ltd.«

»Ich weiß, Sir«, warf Eric ein. »Das stand bereits im Morgenblatt.«

O’Donohue seufzte. »Es musste ja ausgerechnet ein früher Zeitungsbote sein, der den Leichnam fand. Ich fürchte, die erste Ausgabe war gedruckt, bevor man uns auch nur verständigt hatte. Wie auch immer.« Er deutete auf eines der Bilder, das eine Großaufnahme von dem entstellten Gesicht des Mordopfers mit einem vor Entsetzen weit aufgerissenen Auge zeigte. Das andere fehlte–samt Ohr und einem Stück des Schädels. »Wohnhaft in 7 Flan Close, Bakers Grove. Verheiratet und … sechs Kinder. Donnerwetter! Die können einem wirklich leidtun.« Er reichte das Bild an Eric weiter. »Haben Sie ihn schon mal gesehen?«

Eric genügte nur ein kurzer Blick, um erneut bittere Galle in sich aufsteigen zu spüren. Er würgte und lenkte sich ab, indem er sich auf das träge Spiel einer dicken, bunt schillernden Fliege konzentrierte. Das Insekt turnte, offenbar satt und zufrieden mit sich und der Welt, die ihr hier so reichlich Nahrung spendete, auf dem Geländer der Treppe herum. »Nein. So etwas habe ich … ich meine … der Mann sagt mir nichts«, erwiderte er schwach.

»Ich fürchte, dass die Familie es inzwischen von der Presse erfahren hat«, sagte O’Donohue. »Wir müssen der Ehefrau trotzdem noch die offizielle Nachricht überbringen und sie gleichzeitig dazu bewegen, uns einige unangenehme Fragen zu beantworten.«

»Sie meinen, weil es sich um ein Eifersuchtsdrama handeln könnte?«

Der Chief Inspector schaute Eric befremdet an. »Die Rache einer betrogenen Ehefrau kann in der Tat furchtbar sein«, antwortete er trocken. »Aber die jahrelange Diensterfahrung sagt mir, dass wir in diesem speziellen Fall getrost in eine andere Richtung ermitteln können.«

»Nur nicht so schüchtern, Pater. Der Kerl hier beißt nicht mehr«, sagte Mister Ferret und winkte den missmutigen Kaplan an seine Seite. Den widerwärtig süßlichen Gestank nach Innereien, der sich mit dem metallischen Geruch von trocknendem Blut vermischte, schien er nicht wahrzunehmen. Im Gegensatz zu den um ihn herum arbeitenden Spezialisten der Polizei trug er keine mit Minze und Kampfer beträufelte Gesichtsmaske als Mittel gegen den betäubenden Gestank. Gleichmütig wedelte er die Schwärme von Fliegen aus dem Weg.

»In Ordnung«, deutete Mister Ferret dem Pathologen der Polizeitruppe, der mit einer langen Pinzette zwischen den Pflastersteinen rund um den Toten stocherte und einzelne Reste daraus hervorholte. »Zeigen Sie dem Pater, was wir gefunden haben.«

Der Uniformierte, der seine Haare mit viel Brillantine auf den Schädel gekleistert hatte, nickte Siberius zu. »Wenn Sie einmal schauen möchten, Pater.« Er deutete auf drei tiefe Einschnitte in der Taille des Toten, die trotz der verheerenden Flechette-Wunden erkennbar waren. »Gehen glatt durch. Das war kein gewöhnlicher Messerstecher. Dafür braucht man Kraft! Das macht man nicht mal eben so mit links. Nicht mal ein kräftiger Kerl wie Sie.« Der Pathologe hustete trocken. »Und hier. Noch mehr Messerwunden. Insgesamt habe ich bereits ein Dutzend gezählt, und das, ohne den Toten zu bewegen.«

Mister Ferret war inzwischen von der anderen Seite an den Leichnam herangetreten und hatte sich hockend vorgebeugt, bis die Nase nur Zentimeter von der Stelle entfernt war, an der sich einst Hartlefields Brustkorb befunden hatte. In den Augen Grands und der umstehenden Polizisten nahm seine Ähnlichkeit mit einem aasfressenden Vogel damit beinahe schon groteske Ausmaße an. Er schob die langen Finger tief in die Wunde, um sie auseinanderzuziehen. »Sehen Sie das, Grand? Der Schnitt geht glatt durch bis an die Wirbelsäule. Alle drei Schnitte, um genau zu sein. Nur wenig mehr, und wir müssten hier zwei Fundorte absperren lassen. Jeden für eine Hälfte. Für mich sieht das nicht nach einem Messer aus«, sagte er mit einem Seitenblick auf den Pathologen, »sondern als ob jemand versucht hätte, den guten Mann mit einem Schwert zu zerhacken. Mit einem Militärsäbel vielleicht.«

Der Uniformierte schnaubte abfällig. »Einem Säbel? Kommen Sie, Ferret. Niemand läuft mit einem Säbel durch die Stadt und hackt auf unsere Bürger ein!«

»Ah«, entgegnete Ferret vollkommen ernst und hob einen blutigen Finger. »Und niemand läuft durch die Stadt und beschießt einen bereits fast halbierten Sterbenden mit einem halben Dutzend Flechette-Ladungen. Wie konnte ich nur auf diese Idee kommen?«