Sterben lernen - Wolfgang Bergmann - E-Book

Sterben lernen E-Book

Wolfgang Bergmann

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8,99 €

  • Herausgeber: Kösel
  • Kategorie: Ratgeber
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2011
Beschreibung

Unheilbarer Knochenkrebs – diese Diagnose erhielt der große Pädagoge und Bestsellerautor Wolfgang Bergmann mit 61 Jahren. Kurz nach dem niederschmetternden Befund beginnt er auf einer Palliativstation, seine Gedanken und Ängste zu notieren. Dabei konfrontiert er sich und den Leser mit dem, was meist ausgeklammert wird. Was ist der Tod? Was ist das Ich im Angesicht des drohenden Endes? Radikal ehrlich und ohne religiösen Trost zeigt sich Wolfgang Bergmann in seinen Ängsten und Zweifeln – und auch in den Momenten, in denen er überraschend Frieden findet. Wolfgang Bergmann starb kurz nach Vollendung dieses Textes.

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Seitenzahl: 45

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Inhaltsverzeichnis

InschriftEINSZWEIDREIVIERFÜNFSECHSSIEBENACHTNEUNZEHNELFZWÖLFDREIZEHNVIERZEHNFÜNFZEHNSECHZEHNSIEBZEHNACHTZEHNNEUNZEHNZWANZIGEINUNDZWANZIGZWEIUNDZWANZIGDREIUNDZWANZIGIN MEMORIAM - ANNELIE KEILDER AUTORÜBER DIESES BUCHCopyright

Weh dem Geborenen, dass er stürbe,ehe er die goldene Frucht genossen.Was weinst du unter dämmernden Bäumen

NACH GEORG TRAKL

EINS

Die Nachricht kam abrupt, unvorbereitet. Nichts wies auf eine Krebserkrankung hin, andere Diagnosen waren im Spiel, bis eine Computertomografie allen Spekulationen ein Ende bereitete. Metastasierungen im gesamten Körperskelett, unheilbar.

Was macht die menschliche Seele mit solchen Informationen? Kippt sie weg? Vielleicht wäre das besser, aber mir nicht möglich. Nein, leugnen war meine Antwort nicht, sondern exakt das Gegenteil: So hart und kalt, so leer gefegt von aller begütigenden Emotionalität wie diese Nachricht malte ich mir das Sterben jetzt aus und ließ dieses grausame – und mich gleichzeitig so merkwürdig unberührt lassende – Wissen in meine kurze Zukunft hineinfließen.

Meine Psyche greift zu einem Trick: Sie übersteigert die abstrakte und konkrete Kälte noch einmal, nimmt sie als Zukunftslosigkeit an und vermeidet jede Begütigung und Trost. Ich verblocke mich in die Unabwendbarkeit der Krankheit. In der Palliativstation greife ich ein Notizbuch, beginne zu schreiben – kursierende Fragen um die ausgebliebene Antwort: Was erwartet mich noch? Sie ist schnell gegeben: nichts. Das Nichts.

Aber das ist nicht die ganze Wahrheit, bei Weitem nicht. Meine Krebs-Information, so abstrakt und naturwissenschaftlich ärztlich sie codiert ist, birgt ein Geheimnis. Das Geheimnis des Welträtsels: der Geburt und des Sterbens. Und beide sind unsäglich, sie gehen jeder Erfahrbarkeit voraus. Solches Wissen, das sich um sich selber dreht, das kann man nicht mehr wegstoßen. Es ist innerster, unumgänglicher Seeleninhalt bis zum realen Tod hin.

ZWEI

Ich nahm die mögliche Klage um mich und mein Leben in mir auf, die sich nun doch leise summend in mir ausbreitete, und formte sie zur Sprache. Zum Klang einer bewussten Sprache. Dann suchte ich andere Ausdrucksformen des Nicht-Aussagbaren und kehrte zur Sprache zurück: In ihr flimmert mehr, als sie sagt, in ihr tönt Feineres und Höheres wie in einem Chorgesang. Was ertrage ich? Wie werde ich sie bestehen, diese Hungerstunden des nahen Sterbens?

So versuchte ich es: Sprache formte ein Leben lang meine inneren Bilder, meine Existenz. Mein Geschriebenes war immer klüger als ich, die Sprache und die Schrift eilten immer dem Bewussten voraus. Und nun soll meine Sprache also auch den Tatsachen des Lebens und des Sterbens standhalten, auch den bittersten.

Je unversöhnter ich mit dem Tod bin, desto ruhiger schaue ich ihm entgegen.

DREI

Ich schreibe. Der Tod ist das Nichts, die reine Negativität, es ist lächerlich, in ihm nach Sinn zu suchen. Erschöpft in den ersten Tagen im Krankenbett wusste ich es nun endgültig: kein Sinn, nur »nichts«. Sind das Verzweiflungssätze? Ach was, das Gegenteil ist wahr. Es sind Ermutigungssätze.

Ja, das habe ich mich gefragt, abgeklopft, ins Stille geweint und wieder Mut gefasst. Je klarer die Konfrontation mit diesem Tod ist, ich akzeptiere ihn nicht. Es gibt keine Versöhnung mit ihm, nur das trostlose Widerstehen: Du da, hämmernde Qual – ich will dich nicht. Und dann dröhnt es noch lauter, vielleicht sogar stimmlos, aber ich höre es trotzdem, es poltert und schlägt, schmerzhaft hämmert es in meinem Kopf: Es gibt kein Entkommen.

Jetzt bitte kein Trost.

Die höchste Ermutigung, die ich empfange, ist das Eintauchen in diese Verneinung. Nein, ich will dich nicht, nicht sterben, will nicht vergehen, in mir glüht noch so viel Lust auf Leben, auf die Kinder in meiner Praxis mit ihrem unermüdlichen Vertrauen, die besorgten Eltern, die ihre Kinder eigentlich trösten sollten und selbst so viel Trost brauchen, aber auch auf die neblig verhangenen Silberfäden, die durch die Zweige eines uralten Baumes direkt vor meinem Fenster flattern, wer weiß, woher die gekommen sind. Auf all das habe ich Lust, drängende Lust – und nun all das nie wieder? Kann das denn möglich sein?

Ja, sagt meine Wahrheitsstimme: Das ist möglich. Und mehr: Es tritt ein. Nächste Woche oder in einem Monat. Habe ich vor Ostern noch einige Schübe an Zeit, an denen ich mich freuen kann, oder zieht es mich jetzt doch schon hinein in eine müde Resignation, die nichts mehr hören und wissen will, von Sterben und Tod und von Leben erst recht nicht, sondern nur müde ist? Ich weiß nicht, wohin es mich zieht. Ich begreife aber immerhin eine vorletzte Wahrheit: Ja, Charakter und Mut und all das, das ist jetzt fast schon vorbei, das waren die Gefühle im letzten Abschnitt meiner früheren Existenz, jetzt kommt es nicht mehr auf mich an, mein Wollen, meine Freuden und Kränkungen. Mein Charakter und das große Ego-Ich vergehen wie der Schnee im Frühjahr – jetzt stößt mir alles nur noch zu, der Morgen und der Abend, mein beglücktes und mein trauriges Beschauen. Alles wirkt wie von weit her auf mich ein und ich versuche, Sinne und Seele frei zu halten für jeden geringsten Impuls, jedes Anklopfen der körperlichen und seelischen Realitäten, die mit mir spielen. Mal sind sie trostreich und sogar beglückend, dann wieder in Kürze traurig und stumm vor der Frage: warum und wie lange noch? Auf beides gibt es keine Antwort, das weiß ich ja, frage aber trotzdem insgeheim immer weiter.

VIER