Sterben Sie bloß nicht im Sommer - Constanze Kleis - E-Book
Beschreibung

Wieso wird man für Ärzte praktisch unsichtbar, sobald man einen kranken Angehörigen hat? Wie kommt das Stockholm-Syndrom auf die Intensivstation? Und weshalb braucht man für die Beschaffung von Pflege, die den Namen verdient, ähnlich viel kriminelle Energie wie für den Kauf einer ordentlichen Portion Heroin? Als ihre Mutter an einem unheilbaren Hirntumor erkrankt, muss sich die Autorin nicht nur mit der Aussicht auf einen endgültigen Abschied auseinandersetzen; sie erlebt im Backstagebereich unseres Gesundheitswesens obendrein, wie Würde, Fürsorge, Mitgefühl und Interesse systematisch kaputtgespart werden. Dabei erhält sie ein paar überlebenswichtige Lektionen. Dinge, die Sie unbedingt wissen sollten, bevor es mit Ihnen oder Ihren Liebsten zu Ende geht. Schließlich stirbt man nur einmal … »Glauben Sie mir kein Wort – ich bin eine Angehörige!«

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:253


CONSTANZE KLEIS

Sterben Sie bloß nichtim Sommer

Und andere Wahrheiten, die Sie über Ihr Ende wissen sollten

eBook 2012 © 2012 DuMont Buchverlag, Köln Alle Rechte vorbehalten Umschlag: Zero, München Umschlagabbildung: plainpicture/Bildhuset

In Erinnerung an

Irmtraud und Inge

Nicht der Tod, sondern das Sterben beunruhigt mich.

Vorwort

Als bei meiner Mutter ein unheilbarer Hirntumor festgestellt wurde, hatten wir – mein Vater, meine Schwester und ich – in vier Kliniken und sieben Krankenhausstationen über drei Monate lang bis zu acht Stunden täglich die Gelegenheit, das Kleingedruckte im deutschen Gesundheitssystem kennenzulernen. Wir erhielten dabei einige lebenswichtige Lektionen, die nur einen Haken hatten: Man versteht sie erst, wenn man so nah dran ist, dass man am liebsten ganz weit weg sein möchte, mindestens auf Höhe von UDFy-38135539, der am weitesten entfernten bislang bekannten Galaxie. Leider geht es einem dann meist schon so schlecht, dass es keine Alternativen gibt. Deshalb dieses Buch. Wer so schwer erkrankt wie meine Mutter, lebt in der Regel nicht mehr lange genug, um noch aus Erfahrung klüger werden zu können. Erfahrungen, die man sich und denen, die man liebt, sehr gerne ersparen würde. Man muss schon kerngesund sein, um die Zumutungen in Medizin, Reha und Pflege nicht nur zu ertragen, sondern auch zu überleben. Ein Paradox, das ich mit diesem Buch lösen möchte. Es zeigt, welche Regeln man beim Gang über die Reling beherzigen sollte, um sich vielleicht sogar das Leben oder wenigstens seine Würde zu retten. So gilt bei einer Krebsdiagnose etwa: Der frühe Vogel fängt den Wurm. Denn die intensivste Betreuung, das meiste Mitgefühl, das größtmögliche Interesse von Ärzten und Pflegepersonal erhält man, wenn man sehr jung sehr, sehr krank wird. Schon ab 50, das belegen Studien, genießt man bei Medizinern nämlich kaum mehr Aufmerksamkeit als ein Sauerstoffatom. Überlebenswichtig außerdem: sich niemals abwimmeln lassen. Sollte Ihr Arzt der Meinung sein, der Druck auf der Lunge, der Knoten in der Brust, das eingeschränkte Blickfeld könnten getrost noch ein paar Wochen bis zur Begutachtung warten, erklären Sie ihm, dass Sie auch bereit wären, sich so lange nackt ins Wartezimmer zu legen, bis er sie endlich rausrückt: die Überweisung an den Facharzt. Und noch etwas: Vermeiden Sie Krebsdiagnosen im Hochsommer. Schlimm genug, überhaupt in ein Krankenhaus zu müssen. Noch schlimmer, wenn sich das Ende des Lebens in der Ferienzeit anbahnt. Es ist ja nicht nur ungünstig, ausgerechnet dann in vollen Windeln zu liegen, wenn das Thermometer Rekordtemperaturen anzeigt; das ohnehin knappe Personal könnte urlaubsbedingt zudem derart überlastet sein, dass der Hausmeister Sie in Ihrem Bett zur Strahlentherapie schiebt, gemeinsam mit der Sekretärin vom Empfang. Gut, Sie könnten dabei einiges über die Ferienziele des Klinikpersonals erfahren. Aber Sie haben ja nur noch ein paar Wochen zu leben und deshalb eigentlich andere Probleme. Zum Beispiel die Sache mit dem Essen. Natürlich serviert man Ihnen schon wieder etwas, das Sie nicht runterbringen, weil die Krankheit Ihnen nicht nur ein deutlich vorgezogenes Verfallsdatum, sondern auch massive Schluckbeschwerden beschert. Und das, obwohl nicht mal die »Schwarzwaldklinik« so oft wiederholt wurde wie der Satz: »Würden Sie bitte das Essen püriert servieren.« Es mag daran liegen, dass er etwas weinerlich vorgetragen wurde, denn wegen der grauenhaften Diagnose und der Aussicht, sehr bald ohne Sie auskommen zu müssen, sind Ihre Angehörigen zu ziemlichen Heulsusen mutiert. In solch einer Verfassung Forderungen zu stellen ist, auch dies eine weitere Lektion, ähnlich beeindruckend wie der Widerstand Österreichs gegen den ›Anschluss‹ 1938. Ein Gespräch mit einer Psychoonkologin könnte da vielleicht tröstlich sein, und theoretisch hat so eine Station der potentiellen Löffelabgeber auch so jemanden im Angebot. Praktisch ist sie aber gerade im Urlaub. Oder auf Fortbildung. Oder krankgeschrieben. Und schon hat man seine Antwort auf die Frage, was es noch mal war, wofür sich das Weiterleben lohnt: Lange genug die Augen offen zu halten, um überprüfen zu können, ob sie tatsächlich existiert. Wäre ja schön, mal mit jemandem zu reden. Zumal Ärzte und Klinikpersonal im Umgang mit Patienten und Angehörigen kaum mehr Text haben als Buster Keaton. Bevor Sie Geiseln nehmen, damit Ihnen überhaupt mal jemand mehr als zwei Minuten Aufmerksamkeit schenkt, erfahren Sie hier auch, wie man sich als Patient Gehör verschafft, ohne auf den letzten Metern des Lebensweges noch straffällig zu werden. Wieso man niemals ohne Patienten-Beipackzettel – also Vorsorgevollmacht, Betreuungs- und Patientenverfügung – krank werden sollte. Weshalb die Organisation von Pflege, die den Namen verdient, in entscheidenden Teilen der Heroinbeschaffung ähnelt. Und schließlich wird auch noch das größte aller Geheimnisse aufgedeckt: was eigentlich am Kranksein so verdammt teuer sein soll, dass ausgerechnet Würde, Respekt, Fürsorge und Menschlichkeit schon totgespart werden müssen, bevor Sie selbst so weit sind. Sollten Sie demnächst ins Gras beißen müssen, werden Sie mit diesem Buch und seinen zwölf Überlebensregeln für das Sterben also optimal auf das vorbereitet sein, was Ihnen hierzulande als Patient blüht. Besser wäre natürlich, Sie nehmen es – noch bei bester Gesundheit – zum Anlass, einmal genauer hinzuschauen und vielleicht auch einmal deutlich zu werden, der Politik oder einfach nur Ihren Ärzten gegenüber. Solange Sie es noch können und man Ihnen zuhört …

Der Anfang vom Ende

»Was würdest du tun, wenn du nur noch sechs Monate zu leben hättest?«, habe ich sie gefragt. Wir hatten uns gerade eine DVD angeschaut: »Das Beste kommt zum Schluss«. Die Geschichte: Zwei ältere Männer (Jack Nicholson und Morgan Freeman), beide todkrank, erfüllen sich noch ein paar letzte Wünsche: Fallschirmspringen, einen Shelby Mustang fahren, die Pyramiden und das Taj Mahal sehen, auf Großwildjagd gehen, einem fremden Menschen etwas Gutes tun, so sehr lachen, bis man weint, das schönste Mädchen der Welt küssen. Was sie in Hollywood halt so machen, wenn der Krebs kommt. »Vielleicht noch einmal nach Sylt?«, sagt meine Mutter. Und dann: »Ich glaube, ich möchte nicht groß etwas ändern. Ich würde weiter ganz normal leben wollen.«

Was nach einem höchst bescheidenen Wunsch klingt, wird für uns bald unerreichbar sein. Wir wissen es noch nicht. Aber ich ahne, dass sich da etwas anbahnt, das unsere Welt auf den Kopf stellen könnte. Meine Mutter, die sonst immer gern und viel redete, die so begeisterungsfähig war, die so viele Pläne für Reisen, Essen, Theaterbesuche, Shopping-Trips machte, als hätten wir alle die Lebenserwartung von Galapagosschildkröten, ist in den letzten Wochen seltsam schweigsam geworden. Was vorher undenkbar schien, ist nun Alltag; sie hat meinem Vater nach und nach klaglos das Feld in der Küche überlassen, den Einkauf, das Kochen und auch die Wäsche. Es ist, als wäre sie von einem undurchdringlichen Panzer aus freundlicher Milde umgeben, an dem alles abzuprallen scheint. Meine sonst so lebhafte Mutter sitzt nun oft einfach nur da und lächelt. Ich weiß, es stimmt etwas nicht. Aber sie hat keine Schmerzen, nichts, was sie quält. Sie sagt, sie wäre bloß immer so müde und erschöpft. »Du musst einfach mehr Sport machen!«, hatte ich ihr geraten. Ohne Widerspruch – und auch das ist neu – absolviert sie nun zweimal pro Woche in einem Fitnesscenter eine Art Zirkeltraining. Doch sie fühlt sich nicht besser. Drei Mal geht sie deshalb zu ihrem Hausarzt. Mit »Bluthochdruck« und »Reizblase« bringt meine Mutter von diesen Besuchen gleich zwei Diagnosen mit nach Hause. Und Rezepte. Sie schluckt nun regelmäßig einige Tabletten. An ihrem Zustand ändert sich nichts. Bloß ein trockener, quälender Husten kommt noch dazu. Wir finden seine Ursache im Beipackzettel eines der Medikamente als Nebenwirkung beschrieben.

Wie so oft verabrede ich mich auch in dieser Zeit mit meiner Mutter in der City zum Essen. Als wir uns begrüßt haben, holt sie aus ihrer winzigen Umhängetasche ein großes Stück abgepackten Ziegenkäse. »Isst du doch so gern!«, sagt sie. Wir stehen an der Frankfurter Hauptwache, meine Mutter mit diesem Stück Ziegenkäse in der Hand, das sie zwischen Haustürschlüssel, Taschentuch, Lippenstift und Personalausweis aus einem Frankfurter Vorort mit in die Stadt gebracht hat. Alles bereitet ihr große Mühe. Kaum etwas interessiert sie noch. Sie achtet nicht mehr auf sich. Ihre Haare sind fettig. Ihr, die sonst so viel Freude an schöner Kleidung hatte, ist nun egal, was sie trägt. Meine Schwester und ich müssen sie in letzter Zeit sogar zum Duschen regelrecht überreden. Aber sie hat daran gedacht, dass ich gern Ziegenkäse esse und wie es mich freuen wird, wenn sie daran denkt. Sie kann ja nicht ahnen, dass mir dieses Bild »Mutter mit Ziegenkäse an der Frankfurter Hauptwache« mal das Herz brechen wird.

Als mich meine Mutter am folgenden Sonntag mit ihrem Auto zum S-Bahnhof fährt, hat sie offensichtlich Probleme, sich nach links zu orientieren. Mir fällt auf, wie oft sie in letzter Zeit nicht bemerkt, wenn ihre Brille links nicht richtig hinter dem Ohr sitzt oder ihre Jacke über die linke Schulter rutscht. Mein Vater behauptet tapfer, alles sei wie immer. Als könnte er dem Alltag damit eine Nachspielzeit verschaffen. Doch ich finde die Symptome mittlerweile alarmierend. Am Montag rufe ich sofort ihren Hausarzt an. Äußere meinen Verdacht: Ein kleiner Schlaganfall vielleicht? Herr Doktor findet es rührend, wie ich mich um meine Mutter sorge. Er sagt es in einem Tonfall, aus dem man mühelos heraushört, wie übertrieben er diese Sorge findet. Trotzdem: Meine Mutter soll sofort vorbeikommen.

»Er hat mich zum Kardiologen überwiesen«, berichtet mir meine Mutter später am Telefon mit dieser merkwürdig schwachen und krächzenden Stimme, mit der sie jetzt spricht. Ich bin kein Medizinexperte. Aber wozu ein Herzspezialist, wenn da etwas ist, was die Persönlichkeit offenbar so massiv verändert? Auch eine Überweisung zum Neurologen hat ihr der Hausarzt gegeben. Der Kardiologe ist auf den kommenden Montag terminiert, der Neurologe in zehn Tagen. Am Nachmittag habe ich die beste Freundin meiner Mutter am Telefon. Sie sagt, da stimme etwas nicht. Auch ihr ist aufgefallen, was längst nicht mehr zu übersehen ist: Meine Mutter ist eine andere. Ich fahre abends außerplanmäßig zu meinen Eltern. Morgen will ich den Arzt gemeinsam mit meiner Mutter aufsuchen. Ich werde darauf bestehen, dass da etwas sein muss, was ganz sicher nicht auf die lange Bank geschoben werden kann.

»Sie haben ja keinen Termin!«, stellt die Sprechstundenhilfe fest. Und: »Klar können Sie warten. Aber ich sage Ihnen gleich: Das bringt nichts. Herr Doktor ist völlig ausgebucht, und ich werde Sie bestimmt nicht dazwischenlassen. Nein, auch nicht, wenn Sie hier den ganzen Vormittag herumsitzen. Sie haben doch Ihre Überweisungen. Was wollen Sie denn noch?« Ja, was wollen wir eigentlich? Vielleicht ein bisschen mehr Respekt? Mehr Sorgfalt? Ein wenig mehr Kompetenz hätte allerdings auch schon gereicht. Zu den Dingen, die dieser Arzt nicht mal in Erwägung gezogen hat, zählt ja nicht nur der Umstand, dass wir Kunden sind und keine Bittsteller, sondern auch die Möglichkeit einer akuten neurologischen Störung: Bei meiner Mutter werden bald andere »eine ca. 7 bis 8 Zentimeter durchmessende Raumforderung mit perifokalem Ödem und Verlagerung der Mittellinie« feststellen. Kurz: einen Gehirntumor, der meine Mutter in wenigen Wochen umbringen wird.

Heute denke ich, wir hätten einfach schreien sollen. Ich hätte der Sprechstundenhilfe eine Szene machen können, wegen der sie heute noch mindestens zweimal wöchentlich zur Therapie muss. Aber ich lasse mich mit meiner lächelnden Mutter tatsächlich einfach wegschicken. Ich möchte zu gern glauben, dass es hier nicht um Leben und Tod geht. Dass dieser Arzt weiß, was er tut oder eben unterlässt. Und deshalb: Ja, ich gehöre auch zu den Umfallern, die Seiner Majestät, dem Arzt, keinesfalls Scherereien machen möchten. Die bloß nicht unangenehm auffallen wollen, die auch dann noch tapfer behaupten, dass der Kaiser super Kleider anhat, wenn der selbst schon schreit – »Hey, siehst du das nicht: Ich bin doch nackt!« Der einzige Trost: Ich bin nicht allein. Ganz Deutschland, das bestätigen regelmäßig die einschlägigen Umfragen, ist ein einig Volk von Weißkittelverehrern, allzeit bereit, etwaige Zweifel, es könnte sich bei Ärzten auch bloß um Menschen handeln, unter einem Container voller Vertrauensvorschüssen zu begraben. Vielleicht personifiziert der Arzt ja unseren ewigen Kindertraum von einem höheren Wesen, das uns, mächtig und über jeden Zweifel erhaben, an die Hand nimmt? Möglicherweise ist es nur Selbstschutz, wenn wir jenen, die an den Schaltstellen unserer Gesundheit sitzen, blind folgen, weil uns kaum etwas anderes übrig bleibt. Vielleicht liegt es an vertrauensbildenden Maßnahmen wie »Dr. House«, an »Emergency Room« und ›Dr. Brinkmann‹. Jedenfalls nehmen im Gesundheitswesen Tätige regelmäßig gemeinsam mit Feuerwehrmännern und Piloten Spitzenplätze beim Image-Ranking ein. Womit wir schon beim ersten großen Fehler sind, den man als Kranker machen kann: seinen Arzt auf ein Podest zu stellen. Denn auf das ärztliche Urteil, auch das bestätigen Studien, ist oft kaum mehr Verlass als auf Kim Jong-un. »15 Prozent aller Befunde in Praxen und Kliniken sind schlicht und ergreifend falsch«, schreibt der Spiegel.[1] Und dass sich zwischen September 2009 und Oktober 2010 mehr als 2000 Patienten bei der unabhängigen Gutachterkommission der Ärztekammer Nordrhein beschwert hätten, weil sie sich schlecht behandelt fühlten. Gutachter haben die Vorwürfe überprüft und erstmals die Gründe für die Beschwerdelawine analysiert: Den Ärzten waren die meisten Fehler gar nicht bei der Therapie passiert (25 Prozent), sondern bei der Diagnose (39 Prozent). Die Dunkelziffer der Unzufriedenen und falsch Behandelten dürfte allerdings höher liegen. Auch weil manche Ärzte sich in einer ähnlichen mentalen Lage befinden wie ein von einem elterlichen Fanclub großgezogener achtjähriger Sonnenkönig, den man nicht mal in Sichtweite des gefährlichen Verdachts kommen lässt, er könnte etwas tun, das nicht geradezu genial ist. Eine Annahme, die – mea culpa – allerdings auch von den Patienten selbst befeuert wird.

So gern man hierzulande sein Mütchen an Menschen kühlt, die ziemlich sicher nicht zurückbeißen dürfen – wie etwa Kellner, Putzfrauen, Verkäuferinnen –, so kollektiv kneift man vor der Autoritätsperson in Weiß. Wir sind die Schafe, von denen Arthur Schopenhauer schreibt, sie würden dem Leithammel nachgehen, wohin er auch führt, weil es ihnen leichter sei »zu sterben als zu denken«. Kaum jemand beschwert sich direkt oder gibt zumindest eine Rückmeldung. Sind sie nicht zufrieden, wechseln Patienten lieber den Arzt, ohne den Kompetenzvortäuscher darüber zu informieren, welch kapitalen Bock er geschossen hat. So entgehen gerade denjenigen, die es besonders nötig hätten, auf ein paar gravierende Unterschiede zwischen ihnen und dem Allmächtigen hingewiesen zu werden, einige für den Patienten bisweilen lebenswichtige Lektionen in Fehlbarkeit. Das Patientennomadentum und Ärzte-Hopping verursacht aber nicht nur persönliche Dramen, sondern auch Kosten. Der Arztreport der Krankenkasse BARMERGEK zählt vor, dass jeder zehnte Deutsche im Jahr zu mehr als sechs Ärzten geht und rund ein Prozent der Patienten sogar mehr als zehn Ärzte pro Jahr aufsuchen.[2] Sicher sind darunter einige, denen es wahnsinnig viel Freude bereitet, in überfüllten Wartezimmern darauf zu hoffen, in diesem Leben noch einmal einen Behandlungsraum von innen zu sehen. Die Mehrheit aber dürfte einfach nur auf der Suche nach dem Arzt ihres Vertrauens sein.

Allein die Diagnose meines doppelten Bandscheibenvorfalls etwa hat drei Orthopäden und eine – privat zu zahlende – völlig nutzlose Schiene zur Stabilisierung des intakten Handgelenks verschlissen, bis der letzte Facharzt tatsächlich die Ursache für die Taubheitsgefühle in beiden Händen fand. Einen Frauenarzt habe ich gewechselt, weil der mich bei meinen Besuchen dauernd nach Krankheiten fragte, die ich gar nicht gehabt hatte: ›Was macht Ihr Scheidenpilz? Alles wieder gut?‹ Jeder kennt solche Geschichten – wie sie auch eine Freundin erlebte. Sie besuchte die Vertretung ihrer Hausärztin, nachdem sie sich schon zwei Wochen sehr schlecht gefühlt hatte. Der Allgemeinmediziner ließ sich die Symptome schildern, schaute sie an und meinte, sie habe gar nichts. Als sie darauf bestand, sich wirklich krank zu fühlen, bot er ihr – leicht entnervt – ein Antibiotikum an. Das lehnte sie ab. Begründung: Ohne Befund, einfach so ins Blaue hinein, wollte sie keine Medikamente nehmen. Als es ihr immer schlechter ging und ihre Hausärztin schließlich aus den Ferien zurück war, stellte die Medizinerin Pfeiffersches Drüsenfieber fest. Meine Freundin hat weder den ersten Arzt angerufen noch ihm eine Mail geschickt, um ihm eine seinen Fähigkeiten angemessene berufliche Alternative vorzuschlagen. Dabei kann man noch froh sein, wenn man ›bloß‹ in einem Bereich kränkelt, der nicht das Leben kostet. Meine Tante litt lange unter Rückenschmerzen. Ihr Hausarzt, den sie deshalb mehrfach aufsuchte, sah keinen Anlass, sie zu einem Facharzt zu überweisen. Stattdessen erklärte er ihr, der Vollzeithausfrau, wie man den Staubsauger richtig bedient, damit der Rücken nicht belastet wird. Ihr Brustkrebs nutzte dankbar die so gewonnene Zeit, um weiterhin in ihre Wirbelsäule zu metastasieren. Meine Tante starb ein Jahr später mit prima Staubsaugerkenntnissen.

Beim großen Mediziner-Glücksrad hat eigentlich jeder schon mal eine mehr oder weniger große Niete im weißen Kittel gezogen. Je älter man wird, umso mehr fallen diese Erlebnisse ins Gewicht. Spätestens nach dem vierzigsten Geburtstag erlebt man, wie das Unterhaltungsprogramm im Freundeskreis zunehmend von Gruselgeschichten bestritten wird, in denen Fehldiagnosen die Hauptrolle spielen. »Meine Ärztin hat mir gerade geschwollene Mandeln bescheinigt«, sagt eine Freundin. »Meinen Einwand, dass die schon 1981 entfernt wurden, hat sie sportlich weggesteckt.« Sicher verdankt sich ein Teil dieser Horrorszenarien dem Umstand, dass der Mensch lieber den Zaun als die Löcher darin sieht und bisweilen eine bizarre Freude an »Wer-weiß-noch-was-Schlimmeres«-Wettbewerben empfindet. Irgendwann aber wirft sich ja dann doch immer ein Ärzte-Ehrenretter in die Brust und meint, also er könne überhaupt nicht klagen. Und dass auf jeden schlechten Arzt ganz sicher ungleich viel mehr gute kommen. Das sei, erklärte mir jüngst jemand, wie in diesem Coca-Cola-Spot: alles eine Frage der Perspektive. In dem Spot heißt es hoffnungsfroh: »Auf jeden produzierten Panzer kommen 131.000 produzierte Kuscheltiere, auf jede Mauer auf der Welt kommen 200.000 ›Willkommen‹-Fußmatten, und während ein Wissenschaftler eine neue Waffe entwickelt, backen eine Million Mütter einen Schokoladenkuchen.« Soll man es also tröstlich finden, wenn auf jeden nicht erkannten Krebs 34.967 richtig diagnostizierte Nasennebenhöhlen-Entzündungen kommen? Und hat jemand, dessen Mutter gerade nicht in der Küche einen Schokoladenkuchen backt, sondern der vielleicht gerade beim Spielen durch eine Landmine beide Beine verloren hat, einfach nicht die richtige Perspektive? Diese Art von Milchmädchenrechnungen mag funktionieren, solange man sich auch medizinisch auf der Fußmattenkuscheltierschokoladenkuchen-Seite des Lebens befindet. Bis man eines Tages in jenem Drittel der Männer mit Prostatakarzinom landet, die eine falsche Therapie erhalten, weil der Arzt eine ganz einfache Anamnesefrage nicht gestellt hat.

Nein, ich bin nicht der Meinung, dass Ärzte Übermenschen sein sollten und keine Fehler machen dürfen. Aber ich finde, ein guter Arzt müsste die Möglichkeit eines Fehlers immer schon mitdenken. Seine Handlungen sollten von einem gesunden Misstrauen gegen sich selbst begleitet sein und hätten damit ein vielleicht lebensrettendes Korrektiv. Eine Idee, der sich das Internetportal www.jeder-fehler-zaehlt.de verdankt. Betrieben wird das Portal für Hausarztpraxen vom Institut für Allgemeinmedizin der Frankfurter Goethe-Universität. Es folgt dem schönen Grundgedanken: »Man muss nicht alle Fehler erst selbst gemacht haben, um aus ihnen lernen zu können. Berichten ist sinnvoll, vor allem, wenn es zu einer konstruktiven Reaktion führt.« Ärzte, vor allem Allgemeinmediziner, können auf dieser Seite anonym ihre Fehler und »kritische Ereignisse« aus der Praxis schildern. Diese werden dann analysiert, ausgewertet und auch kommentiert. Auf diese Weise will man »Erkenntnisse über Fehlerarten, -häufigkeiten und ihre Ursachen« gewinnen. Ein besonderes Augenmerk soll dabei auf Fehler verursachende Bedingungen gerichtet werden, woraus sich wiederum Hinweise zur Fehlervermeidung ergeben. Auf der Seite heißt es weiter: »In Deutschland sind damit die Hausärzte die erste Fachgruppe, die über ein bundesweites Fehlerberichtssystem zur Verbesserung der Patientensicherheit verfügt.«

Immerhin: ein Anfang. Auch wenn ein entscheidender Fehler unter den mittlerweile mehr als 700 gemeldeten Ereignissen nicht zu finden ist: dass man ausgerechnet dort, wo es um Leben und Tod gehen kann, keinesfalls von Kategorien wie »Pech« und »Glück« abhängig sein sollte. Von denselben Schicksalsmächten also, denen wir auch verregnete Sommer, abstehende Ohren oder unglückliche Ehen verdanken. Es darf nicht sein, dass man – bloß weil der Kosmos einen schlechten Tag hat – an eine austrainierte Niete gerät, die einen Krebs selbst dann nicht erkennt, wenn er ihr auf den Kopf fällt. Entschuldigungsverweigerer, die es mit Elton John halten: »Sorry seems to be the hardest word.« Zu groß ist offenbar die Panik, dass, wer Verantwortung übernimmt, auch zur Verantwortung gezogen werden könnte.

Kein Wort des Bedauerns auch von dem Orthopäden, den der 66-jährige Wolfgang G. nach einem Sturz mit blutender Hand aufsuchte. Der Facharzt stellte einen Haarriss fest und schiente die linke Hand bis zum Ellenbogen. Wolfgang G. tritt kurz danach mit seiner Frau eine Kreuzfahrt an. Schon bald wird die Hand blau. Der Schiffsarzt schneidet den Verband auf und findet darunter üble Gerüche vom schon verfaulenden Fleisch. Offenbar hatte niemand an das Notwendigste gedacht: die Wunde zu säubern. Das wird nun nachgeholt. Wolfgang G. trägt die Schiene die nächsten drei Wochen nur noch bei Ausflügen. Wieder daheim, will der behandelnde Orthopäde sich nicht mehr an seine Diagnose erinnern. Nun heißt es, Wolfgang G. habe eine Arthrose.

Ein »Es tut mir wirklich leid!« hätte da nicht nur gezeigt, dass man den Patienten nicht für einen kompletten Vollidioten hält, der Dinge hört, die angeblich niemals gesagt wurden, der Schmerzen hat, die er nicht haben darf. Mit einer Entschuldigung demonstriert man seine Bereitschaft, dazuzulernen. Man gibt dem Patienten Zuversicht, dass mit dem nächsten etwas sorgsamer umgegangen wird. Der Lernbedarf scheint groß zu sein. 5 Prozent der routinemäßigen Autopsien offenbaren, so schreibt Der Spiegel, dass dem Tod eine Fehldiagnose vorausgegangen war. »Für Deutschland und andere westliche Länder fehlen Zahlen, aber allein in US-Kliniken sterben jedes Jahr schätzungsweise 80.000 Menschen nach Pannen bei der Diagnose.«[3].

Welche Einzelfälle hinter diesen Zahlen stehen, zeigt ein weiteres Kapitel aus der Krankenakte von Wolfgang G. Er hatte sechs Monate nach einer Hüftoperation unter starken Schmerzen gelitten. Erst in der operierten Hüfte, dann im Oberschenkel. Der behandelnde Knie- und Hüftspezialist konnte nichts Außergewöhnliches feststellen. Er verordnete Krankengymnastik, die jedoch nichts an den Schmerzen änderte. Der nächste Arzt verschrieb zehn Mal Akupunktur für 500 Euro. Der dritte Arzt ließ für 500 Euro ein MRT von Wirbelsäule und Hüfte erstellen und meinte darauf, eine spinale Einengung im Lendenwirbel zu erkennen. Arzt Nummer vier fand, das sei doch jetzt eine prima Gelegenheit für den Jahres-Check-up – Kosten 600 Euro –, und verkündete, der Patient sei kerngesund. Als der kerngesunde Patient dann auch noch anfing stark zu husten, kam der fünfte Arzt zum Zuge. Der fand sie endlich, die Lungenembolie. Da war ein Viertel des einen Lungenflügels schon abgestorben. Leider gehört Wolfgang G. nicht allein gleich neben Carlo Little (der damals den Einstieg bei den Rolling Stones verpasste) in die Top-Ten der größten Pechvögel aller Zeiten. Es gibt unendlich viele Menschen da draußen, die Ähnliches erleben, wie auch eine 47-Jährige aus Norddeutschland. Ihr wurden Zäpfchen sowie Salben verordnet, weil sie aus dem Anus blutete. »Obwohl die Blutungen wochenlang anhielten, obwohl die Patientin sich achtmal vorstellte, hielt es die Ärztin nicht für nötig, den Enddarm der Gepeinigten mit dem Finger zu inspizieren. Das tat dann Monate später ein Urologe – und ertastete sofort ein Krebsgeschwür.«[4]

Fehlleistungen, für die es eine Vielzahl möglicher Gründe gibt. Einer, der auch auf der Website jeder-fehler-zaehlt.de besonders häufig auftaucht: die Hektik in den Praxen. Zeitmangel verstärkt zwangsläufig die Kommunikationsprobleme und damit die Fehlerquote. Die Anamnese – also das Patientengespräch – ist in den letzten zwanzig Jahren auf ein Fünftel der Zeit geschrumpft, die es vordem einnahm. Exakt 103 Sekunden lang lassen Ärzte ihre Patienten durchschnittlich während einer Sprechstunde reden. Es spricht in erster Linie der Arzt[5], als wäre es sein Körper, über den da verhandelt wird, seine Symptome, seine Gesundheit. So spart man Zeit und riskiert Irrtümer. Daneben gibt es allerdings noch einige andere beträchtliche Risikofaktoren aus dem Bereich der sogenannten ›Human Factors‹:

1. Hoffnung auf einen guten Ausgang

Ärzte diagnostizieren demnach unbewusst eher Krankheiten, die erfolgreich zu behandeln sind.

2. Häufung

Kam in letzter Zeit eine Krankheit – beispielsweise Grippe – besonders häufig in der Praxis vor, erhöht das die Wahrscheinlichkeit weiterer, gleicher Diagnosen ebenso wie die Gefahr, dass Krankheiten – nur weil sie sehr viel seltener vorkommen – übersehen werden.

3. Wahrscheinlichkeit

Obwohl Patienten durchaus verschiedene Krankheiten gleichzeitig haben können, legen Ärzte sich auf die Diagnose fest, die statistisch am häufigsten vorkommt.

4. Selbstüberschätzung

Ärzte machen keine Fehler, und je mehr sie davon ausgehen, dass das so ist, umso eher neigen sie dazu, ihre Diagnosen nicht in Frage zu stellen.

5. Versunkene Kosten

›Sunk costs‹ ist ein Phänomen, das man auch in der Wirtschaft oder in Partnerschaften häufig antrifft: Je mehr in eine Sache – also auch in eine Diagnose – schon investiert wurde, je mehr Einsatz also bereits ›versenkt‹ wurde, desto geringer die Bereitschaft, eine andere Richtung einzuschlagen oder ein einmal gefasstes Urteil zu revidieren, weil man nur die Verluste der bereits getätigten Investitionen sieht und nicht den Gewinn einer Kursänderung.

6. Ankereffekt

Der erste Eindruck dominiert alle weiteren – die Wahrnehmung geht sozusagen schon sehr früh bei einer Annahme vor Anker –, und in der Folge werden Symptome, die anderes vermuten lassen, ignoriert.

Zwei Tage nachdem wir von dem Hausarzt quasi vor die Tür gesetzt worden sind, kehrt meine Mutter von einem Zahnarztbesuch in der Stadt nicht mehr zurück. Selbst mein Vater macht sich nun Sorgen. Während ich noch auf der Frankfurter Zeil nach ihr suche, verzweifelt genug, um zu hoffen, sie zwischen Tausenden von Menschen auf einer von Deutschlands belebtesten Einkaufsstraßen zu entdecken, ruft mich meine Schwester an. Zwei Frauen haben unsere Mutter in einem Frankfurter Stadtteil weit abseits ihres eigentlichen Weges völlig entkräftet und leicht verwirrt aufgefunden. Sie liegt in der Notaufnahme eines Krankenhauses. Eine Viertelstunde später bin ich bei ihr. Sie erzählt mir völlig aufgelöst, wie sie erst die falsche S-Bahn genommen habe und dann irgendwie in diesen ihr fremden Stadtteil geraten sei, an diesem extrem heißen Tag. »Ich dachte, ich muss nur laufen, laufen – bis ich etwas finde, was mir bekannt vorkommt.« Und sie lief und lief, bei weit über dreißig Grad. Aber es gab nichts Bekanntes mehr. Es ist schlimm. Es ist gut. Wir befinden uns in dieser Klinik offenbar auf der Fußmattenkuscheltierschokoladenkuchen-Seite des deutschen Gesundheitssystems. Die Ärztin hört genau zu, als ich ihr von meinen Mutter-Beobachtungen erzähle. Sie ordnet sofort verschiedene Tests an und nimmt meine Mutter erst einmal stationär auf. Als Erstes wird ein Diabetes diagnostiziert. Jetzt soll meine Mutter in der Klinik auf eine für sie optimale Insulin-Dosis eingestellt werden. Wegen der Symptome, die ich der Ärztin geschildert habe, ist für die kommenden Tage endlich auch ein MRT geplant. Es ist Freitag. Samstag, Sonntag und Montag sind mein Vater, meine Schwester und ich unendlich erleichtert darüber, meine Mutter in den Händen einer Ärztin zu wissen, die mit ihrer Aufmerksamkeit, ihrem Interesse und ihrer Umsicht unser medizinisches Karma wieder ins Lot bringt. Meine Schwester und ich lesen uns im Internet in das Thema Diabetes ein. Schaffen Diabetiker-Kochbücher, Zeitschriften und Unterhaltungselektronik ins Krankenhaus und, wegen der schnarchenden Bettnachbarin, den Porsche unter den Ohrstöpseln. Meine Mutter – sonst immer leicht aus der Fassung zu bringen und schnell den Tränen nahe – bleibt auch hier ungewöhnlich heiter. Am Dienstag ruft mich die Stationsärztin im Büro an. »Wir haben bei Ihrer Mutter einen Tumor im Kopf entdeckt. Er ist schon sehr groß. Könnten Sie gleich kommen? Wir haben es ihr gerade gesagt.«

Altsein kann töten

Ob meine Mutter, wäre sie jünger gewesen, mit ihren Symptomen nicht sofort in die Neurologie überwiesen worden wäre? Wer weiß das schon. Sicher ist: Je älter man wird, umso mehr rückt man in den toten Winkel unseres Gesundheitssystems. Könnte man es sich aussuchen, müsste man eigentlich sagen: »Ich möchte meinen Krebs bitte vor der Rente! Das ist einfach gesünder.« Was damit gemeint ist, dokumentiert die Wissenschaftsjournalistin Ursula Biermann eindrucksvoll mit folgendem Witz: »Eine alte Frau geht zum Arzt. Das rechte Knie tut ihr sehr weh. Der Arzt untersucht sie, kann die Ursache für den Schmerz aber nicht finden. Schließlich sagt er: ›Liebe Frau, das liegt am Alter.‹ Da entgegnet ihm die Frau: ›Das glaube ich Ihnen gern, nur mein anderes Knie ist genauso alt. Dem fehlt aber nichts.‹«[6] Meint: Wer über 50 ist und zum Arzt geht, hat nicht nur mit seiner Krankheit, sondern auch mit Vorurteilen zu kämpfen: dass er ja sowieso schon ganz vorn auf der Todesliste steht, sich also nicht so anstellen soll, wenn es ein wenig flotter geht. Dass es ihm eindeutig an Einsicht in die natürliche Begrenztheit der menschlichen Lebenszeit fehlt. Und dass er nicht mehr ganz bei Trost ist, wenn er sich für das bisschen Restleben noch ein größeres medizinisches Engagement erwartet, das doch in Jüngere sehr viel besser investiert ist. Entsprechend wird man behandelt. Wie entwürdigend das bisweilen sein kann, hat Ursula Biermann am eigenen Leib erfahren. Als sie zu einer Darmspiegelung in eine Freiburger Klinik einbestellt wird, gibt sie am Empfang zunächst ihre Überweisung ab, geht in den Untersuchungsraum und wird dort von einem »ziemlich jungen Pfleger« aufgefordert, sich »unten frei zu machen«.[7] Halbnackt auf ihrem Stuhl hält sie ihre Handtasche auf dem Schoß, um ihre Blöße zu bedecken. Während sie noch dort sitzt, stürmt der Pfleger erneut in das Zimmer, fragt nach den Überweisungspapieren und hört gar nicht hin, als Ursula Biermann ihm sagt, die habe sie doch längst schon abgegeben. Er tritt an ihren Stuhl, »öffnete die Tasche auf meinem Schoß und suchte in den einzelnen Fächern nach den Papieren. Ich habe eine große Tasche, in der ich auch DIN-A4-Unterlagen transportieren kann.«[8] Der Pfleger wühlt also eine geraume Zeit in ihrer Intimsphäre herum. Eine Erfahrung, die die Journalistin zum Anlass für weitere Recherchen nimmt, aus denen mehrere Beiträge für das Fernsehen und ein Buch entstehen. Darin kommt auch Prof. Dr. Cornelia Kricheldorff, Professorin für Angewandte Soziale Gerontologie an der katholischen Fachhochschule Freiburg, zu Wort. Sie verfolgt sehr aufmerksam, wie es von verschiedenen Seiten immer wieder Vorstöße gibt, alten Menschen wichtige Leistungen zu verweigern. »Solche Vorstöße stehen für eine Haltung, die in manchen Kreisen der Bevölkerung durchaus auch Rückhalt findet.«[9] Bis hin zu Fragen wie: Lohnt sich das? Müssen Alte denn überhaupt noch so intensiv ärztlich betreut werden wie Jüngere? Und auch in privaten Gesprächen hört man immer wieder: Wozu eine neue Hüfte für jemanden, der damit sowieso nur bis zum Altencafé der Arbeiterwohlfahrt geht oder an der Supermarktkasse alle mit der Suche nach dem absolut perfekt passenden Münzgeld aufhält? Also für Menschen, die ein so schlechtes Timing haben, dass sie nicht wissen, wann es Zeit ist zu gehen. In Kinder, ja da ist man gerade noch bereit zu investieren. (Obwohl dort mittlerweile auch der vermeintliche ›Sparzwang‹ regiert. Seit April 2012 wird in der Kinderchirurgie kein präoperativer Krankenhaustag mehr vergütet. Stattdessen sollen die kleinen Patienten – auch Säuglinge – erst am Morgen der Operation nüchtern im Krankenhaus anreisen, dort umgehend auf ihren Eingriff vorbereitet und anschließend operiert werden.[10]) Aber ältere Menschen gelten als unwirtschaftlich. Bei ihnen glaubt sich die Gesellschaft noch am ehesten eine Entsolidarisierung leisten zu können. Mit was soll der Senior auch drohen? Dass er seine Rente demnächst auf Nummernkonten auf den Caiman-Inseln bunkern wird?

Unterstellt wird stets, dass es die Alten sind, die die Kassen und damit unser aller Budget belasten. So erfolgreich wie die Politik Mütter und kinderlose Frauen gegeneinander in Position gebracht hat, um von den legitimen Ansprüchen auf Kinderbetreuung und Frauenförderung abzulenken, so erfolgreich hat man den Älteren die Verantwortung für die Kostenexplosion im Gesundheitswesen in die orthopädischen Schuhe geschoben. In der Hundedressur nennt man es ›Hetzmaterial‹, was da Jüngeren so großzügig und erfolgreich zum kräftigen Zubeißen angeboten wird: dass man sich etwa an künstlichen Hüften gesundsparen könnte, dass wir dem Alzheimerpatienten den drohenden Kollaps des Gesundheitssystems verdanken und wir ohne all die Rentner, die glauben, sie hätten mit über 70 noch den Anspruch auf Lebensqualität, sehr viel besser dran wären. Wahr ist: In den USA und in den meisten anderen entwickelten Ländern liegt das versicherungsmathematisch beste Alter im siebten Lebensjahr.

»Nachdem man sieben Jahre alt geworden ist, verdoppelt sich das Sterberisiko alle acht Jahre«, so der Wissenschaftsautor David Shields.[11] Meint: Was Kosten in die Höhe treibt, ist nicht das Alter, sondern das Sterben. »Jeder Mensch verursacht den Löwenanteil der Gesundheitskosten im Laufe seines ganzen Lebens fast immer im letzten Jahr vor seinem Tod«, schreibt der Frankfurter Chirurg, Autor und engagierte Verfechter einer »Medizin mit menschlichem Gesicht« Dr. Bernd Hontschik. Und: »Es ist dabei nicht nur völlig gleichgültig, ob man mit 40 oder mit 80 Jahren stirbt, sondern es ist sogar umgekehrt: Je jünger man zum Zeitpunkt seines Todes ist, desto intensiver sind die medizinischen Anstrengungen, umso höher also auch die Kosten. Und wie wir wissen, stirbt der Mensch nur einmal.«[12] Man müsste schon das Sterben an sich abschaffen, um – nach der Logik der Lebensberechner – Geld zu sparen. Trotzdem werden die Älteren in den Arztpraxen behandelt, als würden sie das von den Kassen so sorgsam gehortete Geld praktisch vor den Augen der jüngeren Generation verbrennen. So ergab eine Studie von Wissenschaftlern des University College London,[13] dass ältere Patienten unter anderem deutlich häufiger gebeten wurden, zu einem anderen Zeitpunkt wiederzukommen. Auch der Altenbericht der Bundesregierung listet eine ganze Reihe von Fehlentwicklungen bei der medizinischen Versorgung älterer Menschen auf. In Vergleichsstudien zwischen jüngeren und älteren Patienten mit Todesursachen wie zum Beispiel Krebserkrankungen und Erkrankungen des Herz-Kreislaufs-Systems entdeckt der Bericht »altersdiskriminierende Muster«. Dabei sei aufgefallen, dass Patienten im Alter von mindestens 65 Jahren mit Herzinfarkt »eine weniger kostenintensive Behandlung« als jüngere erhielten und »ein Maximum ärztlicher Bemühungen im mittleren Alter zu beobachten [war], während bei den über 90-Jährigen durchgehend die wenigsten Leistungen erbracht wurden«, wenn sie an Symptomen wie akutem Oberbauchschmerz, einem schwachen Herzen oder Gefäßerkrankungen litten.[14]