Sternenstaub auf Asphalt - Franziska Kernchen - E-Book

Sternenstaub auf Asphalt E-Book

Franziska Kernchen

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Beschreibung

Eine Stadt, die sich nur im Kreise dreht. Wer einmal bleibt, der wird nie seine Träume suchen. Die 17 Jährige Hanna lebt in genau dieser Welt, bis eines Nachts der rebellische Toni unter ihrem Fenster auftaucht und ihr die nächtliche Stadt zeigt. Auf Tonis Bitten hin begibt sie sich auf eine Reise, an ihrer Seite die 80-jährige Frau Gwendolyn und der überhebliche Alex. Im alten Wohnwagen der Dame reisen sie umher, um Hannas Träume zu suchen, die Sterne und alles was dazwischen liegt. Aber woher kommen Tonis Briefe? Und wieso weiß er, wo genau Hanna sich befindet? Und was hat das alles mit Atepa zu tun, dem seltsamen Indianermädchen, das ab und an im Rainy Day Café auftaucht und dann wieder verschwindet? Hanna erkennt, wie paradox die Welt ist, in der sie lebt. Wie unweigerlich Träume mit der Realität verbunden sind, Schönheit mit Hässlichkeit und Sternenstaub mit Asphalt.

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Seitenzahl: 406

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Franziska Kernchen, Jahrgang 1999, wuchs in der Seestadt Bremerhaven auf und schreibt Geschichten seit sie denken kann.

Ihren erster Roman Sternenstaub auf Asphalt, der aus vielen Beobachtungen, Begegnungen und Gedanken entstand, schrieb sie parallel zu ihrem Abitur. Sie liebt Bücher, spontane Abenteuer, Geheimnisse und die Sterne.

Für alle Traumtänzer und Sterngucker

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 19 1/2

Kapitel 20

Kapitel 20 1/2

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Epilog

Vorwort

Eine gute Geschichte hat immer einen guten Anfang. Alle Bücher beginnen mit einer tollen Einleitung, mit der der Leser sachte und behutsam in das Geschehen eingeleitet wird. Aber seien wir doch einmal ehrlich: Im wahren Leben gibt es keine Einleitung und keinen konkreten Anfang. Die meisten würden sagen, das Leben beginne mit der Geburt. Theoretisch stimmt das natürlich, aber eigentlich möchte keiner ein Buch lesen, das ganz bei der Geburt beginnt und über Irrelevantes berichtet.

Diese Geschichte wird wie das Leben sein: Unberechenbar, ohne erkennbaren Anfang, ohne erkennbares Ende, denn im eigentlichen Leben können wir so etwas auch nicht wirklich finden. Also beginne ich diese Geschichte nicht mit einer sachten Einleitung und nicht mit einem Es war einmal.

Ich fange einfach an einem warmen Sommernachmittag an.

Diese Geschichte spielt in einer kleinen Stadt irgendwo in der Nähe der Nordsee, der genaue Ort hat keine Bedeutung für die Geschehnisse.

Es war ein ungewöhnlich heißer Sommertag...

1. Kapitel

„Hanna, schön dich zu sehen!“ begrüßte Josh sie, der Inhaber des Rainy Day Cafés, in dem Hanna die Nachmittage jobbte. Wie der Name schon vermuten ließ, war das Café urgemütlich und besonders an regnerischen Tagen gut besucht. Dann verbreiteten die kleinen roten Stehlampen, die in den großen Fenstern standen, ein warmes Licht.

Das Café war relativ klein und an den Wänden waren Regale voller Bücher angebracht. Jegliche Buchklassiker fand man darin, von Alexandre Dumas über Sir Arthur Conan Doyle und Jane Austen bis hin zu Nicholas Sparks.

Das war wohl eine der Besonderheiten am Café, man konnte in den kuscheligen roten Polstern ganze Nachmittage verschwinden und in den Bücherwelten abtauchen.

Eine Flucht aus der Wirklichkeit, rein in bunte Welten, in denen alles möglich schien.

Josh wischte gerade mit einem Lappen über die kleinen runden Tische und die gemütlichen, dunkelrot gepolsterten Sitzbänke. Leise Musik aus den 80ern dudelte aus dem Radio. Hanna liebte das Café, es war schon immer ihr Lieblingsort in dieser karierten, engstirnigen Stadt gewesen.

Früher, als sie noch nicht Angestellte des Cafés gewesen war, hatte sie bei jedem Regentag das Café besucht, einen heißen Tee getrunken und war versunken gewesen in einem der vielen Bücher.

Als sie vor einem Jahr gehört hatte, dass eine Aushilfe gesucht wurde, hatte sie sich sofort dafür beworben und mit ihrer herzlichen und verträumten Art schnell ihren Platz in dem Café gefunden.

„Hallo Josh“, grüßte sie ihren Chef zurück.

Sie nannten sich beim Vornamen, Josh war nur etwa sieben Jahre älter als sie. Alles andere käme ihnen beiden seltsam vor und da sie jeden Nachmittag unter der Woche zusammen hier arbeiteten, hatte sich im Laufe der Zeit so etwas wie eine Freundschaft zwischen ihnen entwickelt.

Hanna ging in das kleine Hinterzimmer und legte ihre Tasche auf einen Stuhl. Dann zog sie sich eine helle Schürze über ihr blaues Sommerkleid und steckte das lange braune Haar zu einem Dutt auf.

„ Nicht so viel los heute, wie ich sehe!“ bemerkte sie, als sie in den Verkaufsraum des fast leeren Cafés trat. An einem Fenstertisch saß nur eine ältere Dame und an einem Anderen war ein junges Mädchen, das etwa so alt wie sie selbst sein könnte, in eines der Bücher vertieft.

Die alte Frau kam jeden Montag und jeden Donnerstag in das Rainy Day Café, daher nannte Hanna sie im Geheimen die Donnerstagsdame. Sie verbrachte an solchen Tagen meistens den kompletten Nachmittag im Café und trank ihren Tee, sah aus dem Fenster oder las in der Tageszeitung, ganz egal, ob es regnete oder die Sonne schien.

Heute schien die Sonne.

„Nein, bei diesem Wetter ist es auch kein Wunder. Heute Morgen war es etwas voller, da kamen einige Menschen zum Frühstücken, aber jetzt, bei den Temperaturen, geht kaum einer zum Kaffee trinken rein.“

„Ich habe gehört, dass es morgen regnen soll“, merkte Hanna augenzwinkernd an.

Das Café lebte quasi vom Wetter. War es warm und sonnig, dann war der Laden so gut wie ausgestorben. War es jedoch windig, kalt oder regnerisch, so war das kleine Café zum Bersten gefüllt.

Noch ein Grund, wieso Hanna den Regen so liebte.

Denn wenn es regnete, saßen so viele Menschen im Café beisammen, auch wenn jeder von ihnen in seiner eigenen Welt versank.

„Das hoffe ich doch. Wenn es so weiter geht mit dem Wetter, muss ich meinen Kaffee wohl oder übel für mindestens 5 € die Tasse verkaufen, um die Miete zahlen zu können.“

Josh rieb sich über das gebräunte Gesicht, dann verschwand er in dem kleinen Raum hinter dem Tresen, um die Abrechnungen zu machen. Hanna merkte selber, dass das Café momentan nicht so viel einbrachte, aber aus Erfahrung wusste sie, dass bei der nächsten Regenperiode die wenigen Einnahmen das vom guten Wetter ausgelöste Defizit in der Kasse wieder ausgeglichen sein würden.

Sie begann, die Theke abzuwischen.

Es gab immer noch nichts zu tun.

Sie arrangierte die Kuchenauslagen neu. Die Brownies nach ganz links, die Blaubeermuffins daneben, den Kirschkuchen nach ganz rechts und die Cupcakes irgendwo dazwischen.

Gut, was nun?

Die Teesorten! Sie machte sich daran, auch diese neu zu sortieren. Apfel kam dahin, wo gerade noch der Kräutertee war, der Ostfriesentee tauschte mit dem Rosentee den Platz und der schwarztee mit dem Pfefferminztee. Puh, an solchen Tagen machte die Arbeit im Café wenig Spaß. Im Radio wurde gerade irgendein altes Country Lied von Tim McGraw gespielt.

Hanna seufzte und sah zur Uhr. Eine halbe Stunde war erst vergangen, seit ihre Schicht begonnen hatte.

Na, vielleicht kommen ja am späten Nachmittag, wenn die Sonne weniger stark ist, ein paar mehr Kunden, dachte sie hoffnungsvoll.

Sie ließ ihren Blick durchs Café schweifen, während Tim Mc-Graw ein schmachtendes, sehnsuchtsvolles Lied sang. Das Mädchen, welches am Fenster saß, Hanna schätzte sie auf 17, blätterte gerade eine Seite aus Der Graf von Monte Christo um.

Sie selbst hatte den Roman schon gelesen, wobei sie den Anfang spannender als das Ende fand. Als der Protagonist auf der Flucht aus dem Gefängnis war, hatte sie noch mitgefiebert, aber sein Rachefeldzug an seine Peiniger fiel ihr zu langatmig aus.

Das Mädchen jedoch war schon bei der Hälfte des Buches angekommen und schien jede Seite der Geschichte förmlich zu verschlingen.

Hanna hatte schon öfter bemerkt, dass sie auf ihrer Unterlippe kaute, wenn sie in ein Buch versunken war, die braunen Augen waren konzentriert auf die Seiten gerichtet.

Sie sah immer ein wenig wie eine Indianerin aus, fand Hanna, deshalb nannte sie sie auch in Gedanken das Indianermädchen.

Mit ihren langen dunklen Haaren, in die kleine Zöpfchen geflochten waren und den Ethnomustern auf ihrer Kleidung erinnerte sie Hanna sehr an eine Ureinwohnerin, aber so hübsch wie sie war, könnte sie auch als Model die aktuelle Sommerkollektion vorführen. Sie wirkte so, als würde sie wahllos irgendwelche Sachen tragen, aber genau das ließ sie in ihrem braunroten Top mit wildem Rautenmuster, der alten, dunklen Jeans und den Römersandalen so hübsch wirken.

Die alte Dame, die am Fenster saß, winkte Hanna zu sich und diese eilte sofort an ihren Tisch.

„Hanna, Liebes, könntest du mir bitte noch einen Tee bringen?“

„Sicher, Frau Gwendolyn. Rosentee, wie immer?“

„Das wäre reizend von dir, mein Kind“, strahlte die alte Frau.

Hanna brühte den Tee auf und servierte ihn ihrer Kundin.

„Vielen Dank, Herzchen. Magst du dich ein Weilchen zu mir setzen?“

Hanna sah sich kurz im Café um, aber da immer noch kein neuer Gast aufgetaucht war, setzte sie sich an den Tisch der alten Frau gegenüber. Diese tauchte immer alleine auf, wenn sie in das Café ging, nie war ihr Mann, eine Freundin oder ein Familienmitglied an ihrer Seite.

„Ach Gott, es ist viel zu warm für so eine alte Frau. Was soll ich bei diesem Wetter schon machen? Ich gehe ein! Alte Menschen wie ich sind nicht gemacht für solche Temperaturen“, klagte diese.

„Vielleicht täte Ihnen bei solcher Hitze ja eine kalte Limonade besser als der heiße Tee“, beratschlagte Hanna.

„Es ist ja nicht nur die Wärme, Herzchen. Wenn es regnet, wird es mir nicht besser gehen und ich würde klagen über die kalte Nässe. Bei stürmischen Wetter wäre ich unzufrieden und bei blauem Himmel wäre es mir auch nicht recht. Ich bin zu alt, mir kann man kaum noch etwas recht machen.“

„Das Wetterphänomen, von dem Sie da gerade reden, kommt mir aber auch sehr bekannt vor. Es ist immer entweder zu warm oder zu kalt, nicht wahr?“ Hanna lachte ungezwungen.

„Oh nein, das meine ich nicht.“

Hanna sah der Dame offen in das faltige Gesicht. Ihr fiel auf, dass sie einen traurigen Zug um den Mund hatte und ihre Augen trüb und glanzlos in die von Hanna blickten.

Sie merkte, dass das Gespräch über den lockeren Smalltalk, den man gewöhnlich mit den Gästen des Cafés hielt, hinausreichen würde. Die Dame fuhr fort mit ihrer Erzählung.

„Die eigentliche Frage ist doch, was soll eine alte Frau wie ich überhaupt noch machen? Mein Mann ist schon längst verstorben. Schon seit zwei Jahren ist er tot und ich trauere ihm jeden Tag aufs Neue nach. Man sagt doch, die Zeit heile alle Wunden. Aber dem ist nicht so, überhaupt nicht. Es schmerzt jeden Tag aufs Neue, in einem leeren Bett aufzuwachen, das viel zu groß für eine Person ist. Das Haus ist viel zu still und mein einziger Gesprächspartner ist das Radio. Der Tag ist viel zu lang und hat viel zu viele Stunden, die alle irgendwie vergehen müssen.“

Sie sah Hanna in die Augen und fragte: „Ist es dir überhaupt recht, dass ich so offenherzig mit dir darüber spreche? Ich möchte dich in keinster Weise belasten mit den Sorgen einer alten Frau, Herzchen.“

„Nein, Sie belasten mich nicht mit Ihrer Geschichte. Im Gegenteil, ich höre Ihnen sehr gerne zu.“ Und für sich selbst dachte sie, dass die Dame wohl auch keinen anderen Zuhörer fand. Wenn man alleine lebte, wem konnte man dann schon von seinen Sorgen berichten?

„Nun gut. Wie erkläre ich das am besten?

Bestimmt kennst du das, wenn du dich auf etwas so sehr freust und nur die Sekunden zählst, bis die Zeit endlich um ist. Die Zeit vergeht viel zu langsam bis zum lange ersehnten Ereignis. Die Wartezeit vergeht immer quälend langsam, aber die Vorfreude und der Augenblick, wenn das lang Ersehnte endlich eintritt, das macht die lange Wartezeit wieder wett.

Nun, so ergeht es mir, jeden Tag. Ich warte, bis die Stunden vergehen, bis wieder ein weiterer Tag vergangen ist. Nur mit dem Unterschied, dass ich mir nicht genau erklären kann, worauf ich eigentlich warte. Mein Leben plätschert nur so dahin, es gibt keine Höhepunkte und keine Tiefpunkte mehr, nur noch eine ewige Konstante. Keine Sinusfunktion, eine einfache Gerade.“

Die Donnerstagsdame schien ganz vergessen zu haben, wo sie sich befand, sie schien vergessen zu haben, dass sie sich mit Hanna unterhielt, sie sagte geradeheraus, was sie dachte. Es war, als spräche sie mehr mit sich selbst.

„Ich kann es mir nicht anders erklären, aber wenn man am Ende seines Lebens steht und die letzten Schritte alleine gehen muss, dann wartet man in irgendeiner Art und Weise auf Erlösung. Auf irgendein Ereignis, das einem etwas bedeutet. Das einem verdeutlicht, wieso man am Leben ist. Auf irgendetwas, was all die lange Wartezeit rechtfertigt.

Denn Erlösung ist, wenn man aus dem Augenblick der Trauer, der Einsamkeit oder auch seiner eigenen Gefangenschaft befreit wird. Wenn man aufhört, in der kalten, dunklen Stille zu sein, wenn man nicht mehr gefangen ist in dem kläglichen Rest, was man noch Leben nennt.

Ich hatte meine Zeit, ich hatte ein wundervolles Leben, aber das, was mir jetzt nur noch geblieben ist, ist in keinster Weise zu vergleichen mit dem, was ich einst hatte.

Das Leben ist vergänglich, und alles, was letztendlich bleibt, ist eine verbitterte alte Frau. Alles, was am Ende bleibt, sind die Reste meiner Persönlichkeit.

Verlassen von all seinen Lieben, die nicht mehr mit einem selbst in der gleichen Welt leben. In einem kranken Körper gefangen.

Dann wartet man auf Erlösung. Auf ein Ende und auf einen wunderschönen Anfang. Auf ein Wiedersehen mit seiner Liebe. Auf die Wiedervereinigung mit seinem Ehepartner. Auf eine Art Paradies, das irgendwann eintreffen wird, wenn man nur lange genug in seinem letzten Kapitel des irdischen Lebens ausharrt.“

„Sie sprechen vom Tod?“ fragte Hanna leise.

Sie hing an ihren Lippen und lauschte ehrfürchtig auf jedes Wort, das die Donnerstagsdame zu ihr sprach.

Sie hatte komplett vergessen, dass sie in diesem Café zu arbeiten hatte und die Dame nur eine Kundin war. Die Distanz zwischen ihnen schien nicht mehr zu existieren, sie waren in diesem Moment wie zwei Freundinnen, die sich vertraulich von ihren tief versteckten Gedanken erzählten.

Auf eine merkwürdige Art und Weise schien es genauso sein zu sollen, wie es jetzt war.

Aber die Welt war auch merkwürdig.

Es passte.

„Oder was auch immer danach auf mich zukommen mag“, seufzte die Frau und zog ihre Stirn kraus. Sie überlegte einige Zeit, dann sagte sie: „Aber auf gewisse Weise hast du Recht damit. Wenn ich in meinem Leben nur noch warte, dass es endlich Montag ist und dann endlich Dienstag und dann endlich Mittwoch wird. Dass es endlich Sommer wird und endlich Winter und irgendwann Neujahr, ohne bestimmtes Ziel, dann wird mein Ziel wohl nicht mehr in diesem Leben liegen, meinst du nicht?

Wie könnte es auch in diesem Leben liegen?“

Ihre wasserblauen Augen nahmen einen verträumten Ausdruck an und sie fuhr fort.

„Früher haben mein Mann und ich oft gezeltet. Wir hatten einen Campingwagen, damit sind wir rausgefahren ins Grüne und haben uns die Sonne auf den Pelz scheinen lassen. Nur er, ich und die Landschaft. Das war schön.

Jetzt steht mein Campingwagen in der Garage. Er wird wohl nie wieder auf Abenteuerfahrt gehen.“

Hanna dachte an den einsamen Campingwagen, an die einsame Frau und an das einsame Grab ihres Mannes.

Sie schlug die Augen nieder.

„Ich sage dir, es ist ein schreckliches Gefühl, jeden Morgen aufzuwachen und zu wissen, dass wieder ein langer und einsamer Tag vor mir liegt, in dem ich zum Friedhof fahre und danach unsinnige Dinge tue. Ich gehe mittlerweile für eine Packung Käse einkaufen, bloß weil ich die Menschen um mich herum brauche und etwas, dass mir die Zeit vertreibt. Das ist kein schönes Leben mehr. Dieses Leben hat mit dem Tod meines Mannes für mich an Wert verloren. Und ich bekomme diesen Wert einfach nicht mehr zurück.“

Hanna wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Sie sah der alten Frau in die traurigen Augen, sie besah sich ihre von Sorgenfalten zerfurchte Haut.

Und dabei bewunderte sie die kleine, weißhaarige Frau, wie offen sie zu ihr war, mit was für einer Aufrichtigkeit sie mit ihr sprach. Nicht nur Bücher waren wie ein Strudel, der einen mit sich fortreißen konnte, auch Menschen waren das.

Man musste bloß zuhören.

Doch dieses Gespräch war anders, als all die anderen kurzen Dialoge, die sie für gewöhnlich führte. Hinter den Worten der Donnerstagsdame steckte eine tiefsinnige Traurigkeit.

Sie überlegte gerade, was sie wohl zu der Dame sagen konnte, damit es ihr besser ging, sofern es überhaupt so etwas zu sagen gab.

Hanna bezweifelte das.

Das Türglöckchen bimmelte und neue Kundschaft betrat das Café. Enttäuscht tauchte Hanna wieder auf in die Welt, in der sie sich gerade befand.

Musik, rote Polster, Kaffeemaschine. Sie war eine Angestellte dieses Cafés.

„Es tut mir leid“, sagte sie mit einem wehleidigen Blick.

„Ich hoffe sehr, dass wir dieses Gespräch so bald wie möglich fortsetzen können, Frau Gwendolyn.“

Diese nickte nur traurig, dann richtete sie ihren Blick aus dem Fenster.

Hanna stand auf und strich sich die Schürze glatt, dann machte sie sich daran, die Bestellung am Nachbartisch aufzunehmen.

2. Kapitel

„Es hat mich irgendwie berührt, was sie mir erzählt hat, Lucy.

Jedes Wort von ihr war tiefgründig und aufrichtig. Es war, als spräche alle Erfahrung aus ihr, alles, was sie in ihrem Leben gelernt hat. Als wäre sie sich sicher, dass jetzt ihre Zeit gekommen ist, um aufzubrechen.

Wenn ich daran denke, wie es wäre, sie zu sein..Wie ich später sein werde, wenn ich alles von der Welt bekommen habe, was ich immer wollte und sie letzten Endes meinen Ehemann eingefordert hat, weil das Leben ja so vergänglich ist.

Weil uns der Tod dazwischenfunkt, wenn es am Schönsten ist und sich dann das Leben nicht mehr lebendig anfühlt.

Eine leere Zeitspanne, die es mit sinnlosen Dingen zu füllen gilt.

Den ganzen Tag hört man dann nichts im Haus außer das Kühlschranksurren und das Ticken der Uhr. Stille, unterbrochen von hässlichen Geräuschen.“

Das Radio spielte irgendein Lied aus den Charts und der Wind wehte durch das heruntergekurbelte Autofenster, er zerzauste ihre Haare und strich warm über ihre Haut.

Die Ampel wurde grün und Lucy gab Gas. Es war Dienstagmorgen und da hatten die zwei Mädchen immer die ersten beiden Stunden frei. Deshalb holte Lucy sie jeden Dienstagmorgen mit dem Auto ab und sie fuhren zusammen zur Schule. Das hatte sich so vor einiger Zeit so ergeben und sie hatten diese Angewohnheit beibehalten.

Es war eine gute Gelegenheit, um sich auszutauschen.

„So ist das nun mal. Alles hat seine Zeit. Und wenn du mich fragst, so bin ich mir sicher, dass sie ein erfülltes Leben hatte.

Das ist der natürliche Lauf der Dinge, auch, wenn man ihn sich nur ungern vor Augen führt. Wenn etwas endet, endet es traurig.

Und endet es nicht traurig, so war das, was endet auch nicht schön genug, als dass es sich gelohnt hätte, es weiter zu führen.

Verstehst du, was ich damit sagen will, Hanna?“

Hanna nickte, sie verstand. Sie verstand immer, was Lucy meinte. Lucy sagte, wie so manches Mal, etwas Wahres und Tröstliches, wenn die Geschehnisse Hanna zu verschlucken drohten und sie begann, sich in anderer Leute Schicksal zu verlieren.

„Aber es ist so hart, sich das Ende aller Dinge vor die Augen führen zu lassen“, gab sie zu.

Lucy war schlau und manchmal schien es, als verstand sie Hanna, ob mit oder ohne Worte.

Hanna vertraute ihr, sie wusste, dass sie ihrer Freundin alles anvertrauen konnte, ihr von Dingen erzählen konnte, die sie beschäftigten, ohne dass Lucy sie für merkwürdig halten würde.

Eine ganze Menge Leute hielten sie für ein wenig merkwürdig, so kam es ihr oft vor.

Aber Lucy nicht, sie hörte mit unbewegtem Gesichtsausdruck Hannas wirren Erzählungen zu, wenn diese mal wieder ihre Gedanken ordnen musste.

So war es in ihrer jahrelangen Freundschaft schon immer gewesen. Hanna war der verträumte, nachdenkliche und etwas schwermütige Mensch, der sich über alles Gedanken machte und Lucy war das fröhliche, unbeschwerte Mädchen. Sie ergänzten sich in dem, was sie taten und in dem, wie sie dachten.

Ein lauter und ein stiller Mensch.

In allen guten Freundschaften gab es einen lauten und einen stillen Freund. Das hatte sie zumindest einmal irgendwo gelesen.

Schon als sie sich vor vier Jahren kennenlernten war es so und mit den Jahren wurden sie zusammen erwachsen, ohne dass sich etwas zwischen ihnen änderte. Im Gegenteil, je erwachsener sie wurden, desto mehr schienen sie zusammenzugehören.

Hanna änderte den Radiosender. Das tat sie dauernd, weil ihr die meiste Popmusik nicht gefiel. „Die beste Musik wurde schon längst komponiert“, pflegte sie zu sagen. „Das ganze moderne Zeug ist doch nur ein billiger Abklatsch von der Genialität der alten Musik.“. Und dann lachte Lucy nur und antwortete ihr, dass sie sich doch neulich erst zusammen das neue Album ihrer aktuellen Lieblingsband angehört hatten und dass das doch auch moderne Musik sei. Und meistens stimmte Hanna dann zu, doch schon nach fünf Minuten änderte sie den Radiosender erneut.

„Na gut, dieses Mal gebe ich dir Recht. Ich kann die Stimme der Sängerin auch nicht leiden. Ich weiß gar nicht, was alle an ihrer Musik finden. Klingt doch einfach nur nach Krach“, meinte Lucy achselzuckend, als Hanna gerade nach einem besseren Sender im Autoradio suchte.

„Diese moderne Musik immer. Ich versteh einfach nicht, wer so etwas in die Charts wählt. Ist doch eh nur...“

„...ein billiger Abklatsch von der Genialität der Musik der 80er“, fiel ihr Lucy ins Wort und dann lachten beide.

Es war genauso, wie es sein sollte.

Eine warme Sommerbrise wehte durch das Fenster hinein und der Fahrtwind spielte in Lucys dunkelrotem, schulterlangem Haar. Sie sah irgendwie immer ein bisschen wild aus, fand Hanna. Oft hatte sie sich ein Tuch in die Haare geknotet, sie trug gerne Klamotten im Vintage Stil und um ihre Handgelenke waren Unmengen von Armbändern geknotet. Heute hatte sie Römersandalen angezogen, ein beige-rot gepunktetes Maxikleid an und in ihre Haare hatte sie eine kreisrunde Sonnenbrille geschoben. Sie war ein hübsches Mädchen, sah immer ein bisschen auffällig aus und das gefiel Hanna an ihr. Ein wenig extravagant und bunt mit ihren roten Haaren, alles andere als langweilig.

Ob Lucy wohl jemals so grau wie Frau Gwendolyn werden würde?

Hanna warf ihrer Freundin einen prüfenden Blick von der Seite zu. Nein, ausgeschlossen!

Sie schaute auf die Uhr am Armaturenbrett.

„Oh je, in 15 Minuten beginnt der Unterricht“, bemerkte sie überrascht.

Augenblicklich wurde das Auto schneller. Was die Schule anging, war Lucy die Pünktlichkeit in Person, während Hanna so manches Mal auf den Schulwegen trödelte, wenn sie gerade über etwas Wichtiges nachdenken musste. So hatten die Dienstagsfahrten mit Lucy auch immer einen Vorteil für Hanna, denn sie kam an diesen Tagen immer pünktlich.

„Hatten wir eigentlich irgendetwas in Englisch auf?“

Lucy verzog ärgerlich das Gesicht.

„Na toll. Vergessen. Schon wieder. Frau Griem hat doch sowieso schon was gegen mich.“

„Ach was, gegen dich kann niemand was haben, und am allerwenigsten Frau Griem!“

Und es stimmte: Mit ihrer charismatischen Art konnte jeder Lucy leiden, sie hatte einfach so etwas an sich, das die Leute in ihren Bann zog. Sie war immer fröhlich, höflich und super organisiert.

„Stimmt“, grinste Lucy. „Eigentlich mag Frau Griem mich.

Aber was die Hausaufgabe angeht, sitze ich doch etwas in der Patsche.“

„Wieso denn? So wichtig ist das doch nun auch wieder nicht, du bist ansonsten doch eine super Schülerin.“

„Ansonsten schon, das stimmt. Aber wir sollten in der Lektüre die nächsten drei Kapitel lesen. Hat man das nicht, kann man die Aufgaben, die sie mit Sicherheit heute stellen wird, nicht beantworten. Und das bedeutet: eine schlechte mündliche Note.“

„Dann frag doch einfach mich. Ich hab es gelesen und kann dir alles Wichtige wiedergeben“, grinste Hanna.

„Du bist ein Engel!“ rief Lucy. „Schieß los.“

Lucys hellblaues, verbeultes Auto kam zehn Minuten vor Unterrichtsbeginn ruppig zum Stehen.

„Alles aussteigen!“ rief sie gut gelaunt, selber setzte sie sich die runde Sonnenbrille auf die Nase und kletterte aus dem Wagen.

Es würde wieder ein warmer Tag werden, der Himmel war strahlend blau und die Schülermassen, die in die Schule drängten, waren überwiegend in kurze Hosen und T-Shirts gekleidet.

Hanna entdeckte ihre Freundin Daphne in der Menge. Winkend kam sie in ihrem sommerlichen Kleid auf sie zugelaufen.

„Guten Morgen“, grüßte sie ihre Freundinnen lächelnd und umarmte beide.

„Was für ein Wetter. Sieht ganz danach aus, als würde ich heute wieder baden gehen müssen. Bei den Temperaturen kann ich leider nicht das Referat vorbereiten für nächste Woche. Das wäre doch eine absolute Verschwendung! Tja, schade ist das.“

„Ich hoffe, es regnet endlich bald mal, damit man wieder zu was kommt",stimmte Lucy ihr zu.

„Du siehst noch immer so blass aus, Hanna. Stört es dich nicht, bei dem bomben Wetter jeden Nachmittag im Café zu jobben?“

Hanna besah sich ihre zierlichen Arme. Sie waren wirklich ein wenig blass.

„An solchen Tagen ist die Arbeit tatsächlich manchmal anstrengend und eintönig, die Regentage gefallen mir im Café weitaus besser als die heißen Sommertage. Aber ich kann mich nicht beklagen. Die Bedingungen sind super, das Geld stimmt und noch dazu mag ich die Kunden, den Laden, den Kaffeeduft und die Musik. Aber am Wochenende muss ich ja nicht arbeiten, da können wir etwas zusammen machen. Wie wäre es mit Freibad?“

„Klingt gut“, stimmten ihr Daphne und Lucy zu. „Immerhin könntest du ein bisschen Farbe gut gebrauchen, sofern du vorhast, diesen Sommer noch einmal weiß zu tragen“, merkte Lucy an.

„Habe ich das denn vor?“ fragte Hanna.

„O ja! Es steht doch die Strandparty von Amanda aus meinem Mathekurs an.“

„Wann war das gleich nochmal? Tut mir leid, aber so etwas vergesse ich schnell.“

Lucy sah sie ein wenig vorwurfsvoll an.

„In vier Wochen. Haben wir doch schon drüber geredet. Vier Wochen Bräunungszeit also“, sagte sie augenzwinkernd.

„Denn wenn wir vorhaben, da als Strandschönheiten in weißen Kleidern aufzutauchen, und das haben wir vor, glaub mir Hanna, dann müssen wir noch ordentlich Farbe bekommen.“

Ausgelassen plaudernd betraten sie den Schulkorridor. Überall wuselten Schüler der Oberstufe entlang, alle waren darauf aus, in wenigen Jahren die Schule endlich beendet zu haben. Für Hanna würde das letzte Schuljahr beginnen.

Vor ihrem Spind standen einige Jungen und darunter auch zwei Mädchen. Hanna konnte Alex darunter ausmachen, den Typ, den alle Jungen bewunderten und dem die Mädchen hinterherliefen. Die Jungs versuchten manchmal, mit der gleichen kehligen Stimme zu sprechen oder genauso gut Basketball zu spielen wie er und sie fanden die gleichen Witze wie Alex lustig. Die Mädchen schienen ihn als so etwas wie ein Statussymbol zu sehen. Mit wem sich Alex abgab, der war in irgendeiner absurden Art und Weise cool.

Hanna fand das Gehabe um Alex albern. Sie fragte sich, wieso man überhaupt einen Jungen, den man nur als Figur, nicht aber als Mensch kannte, anhimmelte. Die Anderen bewunderten die Marke Alex, den Jungen dahinter kannten sie doch gar nicht.

Sie alle taten so, als würden sie super zusammen auskommen, aber Hanna konnte sich nur schwer vorstellen, dass Alex das ganze Gehabe um ihn wirklich gefiel.

Oder vielleicht ja schon, vielleicht war Alex ja auch einfach der großspurige Anführertyp, das Alphatier in einem Rudel.

„Wie kann er es nur gut finden, jeden Tag aufs Neue von einer Horde Jungs und ein paar dummen Mädchen umringt zu sein?

Ich meine, das muss doch unglaublich nerven, denkt ihr nicht?“ fragte Daphne.

„Och, wäre doch bestimmt mal ganz witzig, wenn einen alle als etwas Besonderes ansehen“, merkte Lucy mit einem verschmitzten Augenzwinkern an.

„Ja, aber wenn du dir vorstellst, tagtäglich einen Rudel von affigen Typen und nervigen Mädchen um dich zu haben, ich weiß nicht, das muss doch einfach nur stören“, fand Daphne.

„Lieber alleine sein als in der Gesellschaft von Narren“, zitierte Hanna.

„Es sei denn, er ist selber ein affiger Typ. Dann wäre er in bester Gesellschaft“, merkte Daphne an.

„Dann“, lachte Lucy, „wäre er aber ein sehr hübscher Affe.“

„Affe bleibt Affe, auch wenn sein Fell noch so glänzt“, erwiderte Daphne.

„Und dann würde ja auch Katie perfekt zu ihm passen.“

Sie nickte in die Richtung des großen, hübsch geschminkten Mädchens mit dem blond gesträhnten Haar. Sie war, wie immer, nach der neusten Mode angezogen : weiße Turnschuhe, enge Jeans und ein graues Top.

„Ach Gott, sie ist doch nicht mal eine individuelle Person. Für mich sieht sie immer so aus, als wäre sie das Model, das gerade den Look des Tages präsentiert. Oder die Mode der Zeit. Sie ist das Paradebeispiel dafür, dass viele junge Menschen, ohne ihrem eigenen Geschmack treu zu bleiben, genau das kaufen, was von den Herstellern und den Medien als en vogue angepriesen wird. Und von ihrer mangelnden Individualität will ich gar nicht erst anfangen zu sprechen. Lieber Fließbandware anstatt handgearbeitete Unikate.“

Hanna wechselte das Thema.

„Unglaublich, wie schnell das ging, unser letztes Jahr!“

„Freu dich nicht zu früh, Hanna. So schnell geht es dann doch nicht. Das Schuljahr wird wohl länger und anstrengender, als uns lieb ist. Und erst einmal müssen wir den Schultag bei dieser Hitze überstehen. Also auf zum Unterricht. Bringen wir es hinter uns.“

„Ich kann mich jetzt schon kaum konzentrieren, bei diesen Temperaturen“, stöhnte Daphne.

„Denk an deinen bevorstehenden Nachmittag im Freibad, dann geht es dir gleich besser“, grinste Hanna ihr zu, dann verschwanden sie in ihren Klassenräumen.

Pünktlich zum ersten Klingeln saß Hanna auf ihrem Platz, Lucy in der ersten Reihe, Hanna in der dritten. Sie hatten sich auseinander gesetzt, weil Lucy aus irgendeinem Grund immer gerne ganz vorne saß, wo sich Hanna hingegen immer viel zu beobachtet fühlte.

Mit einem freundlichen „Guten Morgen“ betrat Frau Griem das Klassenzimmer.

Sie trug wie immer einen bunten flatterigen Schal um den Hals, das Haar offen. Frau Griem arbeitete schon seit Jahren an dieser Schule und Hanna hatte sie schon immer gemocht, auch, wenn sie manchmal ein wenig seltsam war.

Frau Griem schien sich überraschend wenig aus Schulnoten zu machen. Ihr war es wichtiger, dass ihre Schüler untereinander viel auf englisch sprachen, dass sie sich alle gut verstanden und dass sie ihren Schülern erzieherische Werte vermitteln konnte.

Und sie war ein wenig sonderbar, aber genau das machte ihren Unterricht so interessant.

Sonderbare Menschen waren immer interessanter als die, die es nicht waren.

Sie war zweifellos keine Fließbandware.

„Ein neues Schuljahr hat begonnen. Euer letztes Jahr, wie ihr wisst. Das ist also das letzte Jahr, in dem ihr meinen Englischunterricht genießen könnt“.

Die Klasse lachte.

„Nun, wir haben viel vor dieses Jahr. Immerhin muss ich euch gut auf euren Abschluss vorbereiten. Aber was noch wichtiger ist...“

In diesem Moment klopfte es an die Klassenzimmertür. Hanna wusste schon, wer es war, noch bevor sie sich öffnete.

„Tut mir leid, Frau Griem, aber mein Wagen sprang nicht an.“

Ein großer Junge mit blondem Haar schob sich grinsend an der Lehrerin vorbei und ließ sich dann auf den Stuhl neben Hanna fallen. Toni Spencer kam immer zu spät, jeden einzelnen Tag.

Mal sprang sein Auto nicht an und an den Tagen, an dem er mit dem Bus fuhr, hatte dieser Verspätung oder es gab einen Stau.

Er hatte dauernd eine neue Ausrede, manchmal waren sogar sehr kreative mit dabei.

Einmal hatte er behauptet, ihm sei ein kleines Küken zugelaufen, um das er sich kümmern müsse. Einmal war ihm angeblich der Deckel vom Mixer abgesprungen und er musste den roten Saft von der Küchenwand wischen und einmal musste er seiner kleinen Schwester die Haare waschen. Hanna wusste, dass Toni Einzelkind war.

„Das ist ja ein hervorragender Start ins neue Schuljahr. Sie haben wohl nicht vor, von ihrer Tradition abzuweichen, nicht wahr, Mr.Spencer?“

Toni zwinkerte ihr verschwörerisch zu und Frau Griem schüttelte belustigt den Kopf.

Sie war die einzige Lehrerin, die nie schimpfte, wenn er zu spät kam. Wieso, wusste niemand so genau. Entweder es interessierte sie nicht, oder ihr Verhalten war auf ihre Wunderlichkeit zurückzuführen. Hanna tippte auf die zweite Möglichkeit.

„Nun, wo war ich also stehen geblieben?... Ach richtig, euer Abschluss und damit eine sehr wichtige Aufgabe, die es zu erfüllen gibt“, fuhr Frau Griem fort.

„ Nun, da ihr bald euren Abschluss habt, solltet ihr euch fragen: Was nun?“

Gedämpftes Stöhnen und Stühle scharren waren die Antworten auf ihre Frage. Niemand hatte Lust auf einen erneuten Vortrag über Studiengänge, Weiterbildung und Berufswahlen, damit waren sie schon die letzten beiden Jahre konfrontiert worden.

Auch Hanna war enttäuscht. Von Frau Griem hatte sie etwas Überraschenderes erwartet, aber keinen gewöhnlichen Vortrag darüber, dass sie sich endlich entscheiden sollten, welche berufliche Laufbahn sie einschlagen wollten.

Den Druck bekam sie schon von sämtlichen anderen Seiten zu spüren.

„Was wollt ihr machen, wenn ihr endlich euren Schulabschluss in der Tasche habt?“ fragte Frau Griem weiter.

Toni beugte sich zu Hanna und flüsterte ihr zu : „ Na, was hab ich wohl vor, wenn ich meinen alles andere als glorreichen Schulabschluss in der Tasche habe? Mit der Voraussetzung natürlich, dass ich ihn überhaupt bekomme. Aber man soll ja immer positiv bleiben.“ Er lachte verschmitzt.

Solche Gespräche hatte sie mit ihrem Sitznachbarn schon des Öfteren gehabt. Sie verstanden sich gut, aber richtige Freunde waren sie nie gewesen.

Toni Spencer war immer gut gelaunt, witzig und nett, aber er hatte so eine Einstellung, die Hanna nicht gefiel. Er nahm alles auf die leichte Schulter, für ihn schien das Leben wie ein Spiel zu sein, bei dem er die Regeln bestimmte. Mit seinem Charisma konnte er viele Leute um den Finger wickeln, aber sie bezweifelte, dass ihm das in der späteren Arbeitswelt oder bei Studienbewerbungen helfen würde, da sowohl seine Noten als auch seine Arbeitsmoral zu wünschen übrig ließen.

„Du solltest dich wirklich ein bisschen mehr in den Unterricht reinknien, oder wenigstens mal pünktlich kommen, immerhin ist das das letzte Jahr. Willst du es ihnen allen nicht einmal beweisen, dass du auch anders kannst?“ fragte sie.

„Ach Hanna“, Toni seufzte gespielt schwermütig, dann flüsterte er ihr zu: „Erstens wissen wir beide, dass ich das nicht eine Woche durchhalten würde. Und zweitens wissen die Lehrer das auch. Wieso sollte ich daran etwas ändern wollen? Und drittens, was auch immer ich nach der Schule anfangen werde, es wird etwas total Verrücktes sein, bei dem ich keinen guten Abschluss brauchen werde.“

„Etwas total Verrücktes?“ wiederholte sie neugierig. „Was denn zum Beispiel?“

„Das weiß ich noch nicht so genau, das ist ja das Verrückte daran“, lachte er, dann, nach einem vorwurfsvollen Blick von Frau Griem flüsterte er, nun etwas leiser: „ Hanna, woher soll ich wissen, was ich nach diesem Jahr machen möchte? Ich bin doch noch viel zu jung, um mir das zu überlegen.

Ich bin gerade mal achtzehn, das ganze Leben liegt vor mir. Ich mache mir Gedanken darum, wenn es soweit ist und dann werde ich wahrscheinlich alle mit meiner Wahl überraschen, am meisten mich selber.“

Das war einfach typisch für ihn, fand Hanna. Nun, bequemer war seine Einstellung wahrscheinlich, aber sonderlich klug erschien sie Hanna nicht. Was würde dann aus ihm werden?

„ Toni, wenn du dir das erst so kurzfristig überlegst, vielleicht nehmen sie dann gerade keine Bewerber mehr für die Stelle.

Oder die Anforderungen sind zu hoch und du wünscht dir, du hättest einen besseren Abschluss gemacht. Vielleicht bekommst du dann keinen Job mehr und landest irgendwo auf der Straße, als armer, arbeitsloser Penner!“

Toni lachte laut auf.

„ Als Obdachloser, nur weil ich die Schule ein wenig schleifen lasse und mir spontan überlegen werde, was ich machen möchte?“

Das war endgültig zu viel für Frau Griem, die die ganze Zeit über weiterhin ihren Vortrag gehalten hatte. Das genaue Thema hatten weder Toni noch Hanna mitbekommen.

„Das reicht! Mai? Gehen Sie bitte vor die Tür! Ich würde gerne mit Ihnen über ein ernstes Thema reden, aber offenbar interessiert es Sie nicht. Jedoch sollten die, die sich um ihre Zukunft scheren, weiterhin zuhören können, meinen Sie nicht?“ Sie wies auf die Tür.

„Ist schon in Ordnung Frau Griem, ich gehe“, sagte Toni und machte Anstalten, sich zu erheben, aber Frau Griem winkte ab.

Sie mochte sowohl Hanna als auch Toni, aber wenn sie sich dafür entscheiden musste, welcher von beiden ihrer Lieblingsschüler den Raum verlassen sollte, dann fiel ihre Wahl immer auf Hanna.

Die Lehrerin war bemüht, ein strenges Gesicht aufzusetzen, was ihr nicht sonderlich gut gelang, sie sah immer noch viel zu lieb aus, aber Hanna wollte keinen weiteren Ärger machen.

Also stand sie auf und ging.

Die warmen Sonnenstrahlen strichen über ihre Haut und ein kleiner Teil von Hanna genoss es, sich während der Unterrichtszeit zu sonnen. Ob die anderen wohl gerade die Lektüre besprachen? Der andere Teil in ihr sagte deutlich, dass es nicht in Ordnung war, es zu genießen, wenn man aus dem Unterricht geworfen wurde.

Und ausgerechnet in dem Moment, in dem das Gespräch mit Toni gerade erst interessant wurde!

Er war das direkte Gegenteil von ihr und obwohl sie sich des öfteren im Inneren über ihn und seine naive Einstellung ärgerte, so genoss sie auch die angeregten Debatten mit ihm. Sie genoss es immer, mit Menschen zu sprechen, die nicht ihrer Ansicht waren.

Aber oft genug regte sie sich einfach nur über Toni auf. Wieso genau sie neben ihm saß, wusste sie selbst nicht. Er schrieb dauernd von ihr ab oder ließ sich Aufgaben und Texte von ihr erklären, wusste aber selbst nie etwas zum Unterricht beizutragen.

Wie oft hatte Hanna schon gedacht, dass er ohne seine charismatische Art sicherlich schon sitzen geblieben wäre, aber er wurde jedes Jahr aufs Neue durchgewunken.

Er sah alles viel zu leicht, fand sie.

Oder aber die Menschen machten es ihm zu leicht, eins von beidem.

Toni schien es nichts auszumachen, dass er seiner Zukunft planlos entgegen sah, aber Hanna sorgte sich. Was war, wenn sie sich für den falschen Beruf entscheiden würde? Das falsche Ziel für ihr Leben sah und ihre Entscheidung nach einem endlos langen und teuren Studiengang bereute?

Oder wenn die Bezahlung nicht ausreichend war und sie später nicht von ihrer Arbeit leben konnte?

Was, wenn die Arbeit sie langweilen würde? Wenn sie jeden Morgen aufstehen würde und eine Tätigkeit ausüben müsste, die sie nicht leiden konnte?

Gefangen in einem ewig ödem Alltag, eine Routine, die sich tagtäglich wiederholen würde.

Nein, und genau deshalb musste sie den perfekten Beruf für sich finden, damit ihr solch eine graue Zukunft erspart bleiben könnte. Sie würde sich noch diese Woche intensiv informieren müssen über sämtliche Berufswahlen, denn die Zeit wurde knapp. So wie Toni würde sie das Projekt niemals angehen, frei nach dem Motto „wohin der Wind mich trägt.“

Schon wieder so eine naive Einstellung von ihm.

Nerviger Kerl.

Seine Einstellung ging nur in Märchen gut aus, im echten Leben würde man auf der Straße landen...

Die Pausenklingel unterbrach ihre Gedanken.

Immer mehr Schüler begannen, die Grünflächen auf dem Schulhof zu bevölkern, immer mehr setzten sich in den Schatten der großen Bäume oder in die pralle Sonne, genau wie Hanna. Irgendwo in der Menge entdeckte sie die kleine blonde Daphne und die rothaarige, bunte Lucy. Sie winkte ihnen zu.

Ihre Freundinnen kamen näher und legten dann ihre Taschen neben den Rucksack von Hanna.Sie ließen sich erleichtert ins warme Gras plumpsen.

„Was war denn los? Wieso musstest du den Unterricht verlassen?“ begann Lucy neugierig das Gespräch.

Verwundert fragte Daphne: „Du wurdest in Englisch bei Frau Griem rausgeschmissen? Schon wieder, Hanna?“

„Schon wieder? Nun ja, das klingt jetzt als wäre das bei mir an der Tagesordnung. Es war erst das dritte Mal.“

„Aber das dritte Mal in einem ziemlich geringem Zeitraum, seit dieser Toni neben dir sitzt. Als er noch in der letzten Reihe saß, hattest du nie Probleme. Aber ab dem Zeitpunkt, als Frau Griem ihn weiter nach vorne geholt hat und ihn daher genau neben dich setzte, bekommst du dauernd Ärger von der sonst so gutmütigen Lehrerin.“

„Ja, ich weiß, Daphne. Aber irgendwie lass ich mich immer wieder auf eine Diskussion mit ihm ein. Es ist einfach zu interessant, um die Möglichkeit auf eine Debatte mit ihm auszuschlagen.“

„Soso, Mr. Zuspätkommer-Spencer ist also interessant?“ hakte Lucy nach.

„Nein.“

„Aber?“

„Nicht er ist interessant, sondern seine Sichtweise.“

„Seine Sichtweise? Was sollte daran schon interessant sein? Er sieht die Dinge viel zu einfach, das ist alles!“ war sich Lucy sicher.

„Ja das stimmt, das tut er. Aber was interessant ist, ist, dass er denkt, er würde damit durchs Leben kommen. Dass er denkt, er hätte trotz alle dem noch Perspektiven.

Er hat keine Ahnung, was er tun will aber ist sich so sicher, dass ihm eine glorreiche Zukunft bevorsteht!“

„Eine glorreiche Zukunft?“ fragte Daphne. „Das hat er gesagt?“

„Naja, nicht so direkt. Aber ihr wisst ja, mit was für einer Selbstsicherheit er die Dinge sagen kann. Er ist so überzeugt von sich, zu überzeugt, wenn ihr mich fragt. Damit wird er eines Tages auf die Nase fallen und dann kommt er nicht mehr alleine hoch.“

„Und das macht dir Sorgen?“ Lucy sah sie unverwandt an, sie hatte ihren forschenden Blick aufgesetzt, mit dem es schien, als würde er Hannas Gedanken versuchen zu lesen.

Hanna nannte ihn auch den Lucy-Blick. Aber bisher hatte er noch nie erraten können, was in Hannas Kopf vor sich ging.

„Nein, das macht mir keine Sorgen. Ich mache mir keine Sorgen um Toni Spencer“, erwiderte sie, bedacht darauf, ihre Stimme überzeugt klingen zu lassen.

„So, wie er sich immer gibt, bin ich mir sicher, dass er auch alleine sehr gut im Leben zurechtkommen wird“, warf Daphne ein.

„Wenn er denn so ist, wie er sich gibt. Vielleicht tut er ja auch nur so selbstsicher und ist in Wahrheit ein Junge, der Angst vor der Zukunft hat...“

Lucy schüttelte den Kopf, fast ein wenig tadelnd, wie es den Anschein machte.

„Hanna, du versuchst wieder einmal etwas in andere Leute hinein zu interpretieren.“

Daphne gab ihr Recht.

„Es ist wohl eher unwahrscheinlich, dass er nur so stark und selbstbestimmt tut. Man merkt ihm seine Selbstsicherheit an, finde ich.“

Eine Zeit lang sagte niemand etwas, das Gespräch war im Sand verlaufen, wie Gespräche es für gewöhnlich irgendwann taten.

Sie alle hatten ihre Meinung und Hanna hasste es, wenn ihre nicht einmal in Betracht gezogen wurde.

Also sagte sie nichts mehr.

Es wurde immer wärmer, mittlerweile hatten auch die letzten Schüler ihre Jacken ausgezogen. Lucy zupfte ein Zopfgummi von ihrem Handgelenk und band ihr rotes Haar zu einem hohen Zopf. Eine kühle Brise strich über ihren Nacken und ließ sie wohlig aufseufzen.

„Viel besser.“

Toni trat aus der großen Flügeltür der Schule und ging mit selbstsicheren Schritten auf Alex und seine Gruppe zu. Katie war auch wieder unter ihnen. Er grüßte und beteiligte sich sofort lebhaft am Gespräch.

Worüber sie wohl so angeregt redeten, überlegte Hanna.

Über die Schule bestimmt nicht. Weder Toni noch einer der Anderen war sonderlich interessiert an Schulnoten und Klausuren.

Eventuell redeten sie über Fußball? Oder irgendeine Fernsehserie? Aus Erfahrung wusste sie, dass das wohl die Lieblingsthemen der Jungs auf ihrer Schule waren, über die sie sich ewig unterhalten konnten.

Manchmal war das Leben wie ein Stummfilm, wenn man keine Tonspur im Hintergrund laufen hatte sondern nur das Rauschen der Bäume und ein undurchdringliches Stimmengewirr, das keinen Sinn ergab, weil man kein einziges Wort daraus hören konnte. Hanna beobachtete die Szenerie eine Weile.

Wie wäre wohl der Ton zu der Szenerie, wenn es kein Stummfilm sondern ein Spielfilm wäre?

„Du starrst“. Daphne stupste sie an der Schulter und weckte Hanna aus ihren kurzen Tagtraum auf.

„Oh. Ich hab mich nur gefragt, worüber sie sich wohl unterhalten“, gab sie zu.

Lucy lachte. „Na so, wie Katie und ihre Freundin schauen, kann es nur um Fußball gehen. Hat sie gerade etwa gegähnt?“

Also doch Fußball, dachte Hanna.

„Ich frage mich wirklich, wieso sie sich immer an Alex dranhängt. Ich meine, seht ihn euch doch an, für mich sieht er einfach nur wie ein Großmaul aus. Gut, er ist vielleicht sehr groß und sportlich gebaut, aber diese blöde Poser Frisur ist doch einfach nur irritierend, oder?“

„Menschen sind nun mal komisch, Lucy. Katie sollte doch selber bemerken, dass sie bei Alex und seinen Freunden nicht sonderlich willkommen ist. Eigentlich ignorieren sie sie nur. Bei jedem Anderen würde Katie ihnen aber mal so richtig die Meinung geigen und sich in den Mittelpunkt spielen, aber bei Alex verhält sie sich fast schon zahm.“

„Der Tiger wird zur Schmusekatze“, grinste Daphne. „Man muss ihm nur den richtigen Bändiger vorsetzen.“

Hanna lachte, der Vergleich schien ihr wie aus einem kitschigen Liebesfilm, bei dem das Mädchen den wilden und unvernünftigen Jungen bekommt, der sich in ihrer Anwesenheit in den liebsten Menschen der Erde verwandelt.

So etwas sagte Daphne gerne, sie sah sich mit Begeisterung kitschige Filme an, hatte sämtliche Nicholas Sparks Streifen gesehen und darauf bestanden, dass seine Romane auch in den Regalen vom Rainy Day Café zu finden waren. Sonst, so hatte sie angedroht, würde sie keinen Fuß mehr hinein setzen. Denn ein Büchercafé ohne die richtigen Bücher sei reine Zeitverschwendung. Und so standen am nächsten Tag, schon etwas zerlesene, dafür aber beeindruckend viele Nicholas Sparks Bücher in den Regalen.

Daphne trank an dem Tag zwei Tassen Kaffee und eine Tasse Tee im Café.

„Bei so einem Wetter habe ich gar keine Lust, gleich rein zu gehen und Mathe zu machen“, stöhnte Lucy. Sie hatte die Augen geschlossen und genoss die Sonne in vollen Zügen. Lucy war eine Sonnenanbeterin, durch und durch.

Hanna liebte den Regen.

„Lass mich raten, du möchtest dich am liebsten noch weiter bräunen für die Strandparty von Amanda?“

„Ich habe vor, weiß zu tragen“, lachte Lucy. „Da muss man einfach braun sein, das sagt das Gesetz!“

„Das Gesetz?“ Hanna und Daphne lachten, das kannten sie schon von Lucy.

Sie wusste von tausenden von ungeschriebenen Gesetzen, die keiner kannte außer sie selber. Zum Beispiel, dass man bei Temperaturen über 25 Grad einfach nicht sein Zimmer aufräumen konnte, selbst, wenn man wollte.

„Tut mir ja sehr leid Lucy, aber du musst dich jetzt wohl oder übel zwischen zwei Gesetzen entscheiden, ein ungeschriebenes und ein geschriebenes Gesetz“, lachte Daphne.

„ Braun werden oder Matheunterricht“, ergänzte Hanna.

Lucy tat, als müsse sie die Sache erst einmal überdenken, dann verkündete sie: „ Na gut. Also erst Schule und dann werde ich das Bräunungsprojekt angehen.“

„Und du?“ wand sich Daphne an Hanna. „Du wirst wirklich den ganzen Tag wieder im Café arbeiten müssen? Bei dem Wetter ist doch eh nichts los!“

„Das schätze ich auch. Und es ist weder Montag noch Donnerstag. Ich werde also auch nicht die Donnerstagsdame bedienen können. Schade, ich habe sie so langsam wirklich ins Herz geschlossen. Aber vielleicht ist ja wieder das Indianermädchen da.“

„Das Indianermädchen?“ fragten ihre Freundinnen.

„Davon hast du uns ja noch gar nichts erzählt, Hanna. Ist sie auch eine Stammkundin?“

„Mal ist sie total oft hintereinander da und verbringt Stunden lesend im Café und dann taucht sie mehrere Wochen lang nicht auf. Seltsam, oder?“

„Wieso seltsam? Sie kann doch nicht ihre gesamte Freizeit im Café verbringen.“

„Ja, aber ihre Besuche erfolgen nach keinem genauen Muster.

Es gibt wirklich Wochen, in denen ist sie jeden Tag im Café für mehrere Stunden und mal ist sie ganze Wochen verschwunden.

Ich finde das schon etwas komisch.“

„Du siehst wieder Gespenster, Hanna“, lachte Lucy.

„Du bist nun mal eine Tagträumerin, da spinnst du dir manchmal zu viel zusammen. Mal hat man eben viel um die Ohren und mal hat man gar nichts zu tun. Das ist doch in keinster Weise ungewöhnlich.“

Hanna mochte Lucy wirklich, aber manchmal konnte diese ihre Gedanken einfach nicht nachvollziehen. Denn so oft diese es auch versuchte, ihr Röntgenblick funktionierte bei Hanna nicht.

Lucy schob so manches ihren Tagträumen zu, vieles nannte sie einfach nur Hannas Hirngespinste.

Lucy war kein Mensch, der sich viele Gedanken machte.

„Das hat doch nichts mit Träumereien zu tun. Ganz im Gegenteil, ich habe nun mal aufmerksam verfolgt, wann sie ihre Nachmittage im Café verbracht und gelesen hat und wann nicht.

Mir ist kein bestimmtes Muster aufgefallen, aber ich bin mir sicher, es gibt eines“, verteidigte sie sich.

„Frag sie doch einfach rund heraus, dann hast du deine Antwort“, sagte Lucy lapidar.

„Nein. Das gehört sich nicht.“

Lucy zuckte nur mit den Schultern, aber Daphne meinte: „Ich finde es auch ein wenig ungewöhnlich. Ich vermute nicht direkt irgendeine Besonderheit dahinter und bin mir sicher, dass sie kein dunkles Geheimnis oder Ähnliches hat,“ dabei warf sie einen kurzen Seitenblick zu Hanna, die eine Schwäche für Kriminalgeschichten hatte, „aber ich denke nicht, dass sich Hanna etwas einbildet. Man merkt einem Menschen immer gewisse Dinge an. Und wenn, wie Hanna meinte, ein Schleier des Wunderlichen um das Mädchen liegt, dann hat sie vielleicht Recht und es steckt mehr hinter ihren unregelmäßigen, aber dafür teilweise stundenlangen Besuchen im Café.“

„Genau“, seufzte Hanna, erleichtert über Daphnes Zustimmung, auch wenn sie sich insgeheim über Daphnes blumige Umschreibung vom Schleier des Wunderlichen amüsierte.

„Wenn sie heute wieder da ist, dann werde ich euch davon morgen berichten. Und sollte das der Fall sein, werde ich versuchen, ganz ungezwungen mit ihr zu plaudern. Sie ist in irgendeiner Art und Weise Besonders finde ich, und das werde ich dir beweisen, Lucy. “

„In Ordnung“, stimmte Lucy zu. „Ich bin gespannt, was sie zu dir sagt. Ich tippe auf so etwas wie Einen heißen Kakao bitte, oder Wo finde ich denn die Toilette?“

Hanna zuckte mit den Schultern.

„Mag sein. Vielleicht kann ich sie ja auch in ein Gespräch verwickeln.“

Die Schulklingel unterbrach ihre Unterhaltung und die vielen Schülergrüppchen machten sich langsam daran, ihre Taschen und Jacken einzusammeln und in Richtung Gebäude zu schlendern. Hanna stand auf und klaubte ihren Rucksack vom Boden auf.

„Ich sollte mich besser beeilen, ich habe jetzt Geschichte und da