Sternhagelglücklich - Christoph Koch - E-Book

Sternhagelglücklich E-Book

Christoph Koch

0,0
7,99 €

Beschreibung

Glück kann man nicht kaufen, aber finden …

Von 100 Befragten werden 99 auf die Frage, wie es geht, antworten: »Es könnte besser sein.« Und auf die Frage, was ihnen zum Glück fehle, sofort Antworten haben. Doch macht mehr Geld, ein Vollrausch oder die Familie wirklich glücklich?

Christoph Koch hat sich auf die Suche begeben: Bei Psychologen und Hirnforschern. In Indien und im Altersheim. Beim Sport und (zweimal!) vor dem Traualtar. Statt zum Supermarkt zu gehen, ist er gehüpft. Er hat Psychopharmaka geschluckt und für sein Experiment sogar im Lotto gewonnen. Am Ende kommt er zu einem erstaunlichen Ergebnis.

Jeder sucht sein Glück. Christoph Koch sucht es an ganz besonderen Orten …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 335

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Christoph Koch

sternhagelglücklich

Wie ich versuchte,

der zufriedenste Menschder Welt zu werden

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

1. AuflageOriginalausgabe © 2012 by Christoph Koch /Blanvalet Verlag, Münchenin der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München.Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Michael Gaeb.Satz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-641-07274-2V002

www.blanvalet.de

November

Wie man mit einer einzigen Frage glücklicher wird

Warum wir immer reicher werden – aber nicht zufriedener

Was Sie in diesem Buch erwartet

»Niemand in dieser Stadt ist glücklich – außer den Verlierern. Schau mich an: Mir geht es miserabel. Das ist der Grund, warum ich reich bin!«

Hollywood-Agent Ari Gold in der TV-Serie »Entourage«

»Oh, fuck!« Jessica fällt die Gabel aus der Hand.

Die anderen Gäste, die ihre Pfannkuchen und Omelettes verspeisen, schauen neugierig zu unserem Tisch herüber. Crazy Germans!

»Ich meine natürlich … Ja! Ja! Tausendmal ja!« Jessica fällt mir um den Hals. Mein Puls normalisiert sich wieder. Sie hat Ja gesagt. Und den Heiratsantrag angenommen, den ich ihr gerade entgegengestammelt habe. Hier in der Wüste von Las Vegas, im »Peppermill«, der wahrscheinlich kitschigsten Frühstückslounge in den gesamten USA. Türkis, Pink und Lila sind die vorherrschenden Farbtöne, man sitzt unter künstlichen Kirschblüten, und im Hinterzimmer leuchten lodernde Kaminflammen mit LCD-Flachbildschirmen um die Wette. Der Zucker im riesigen Streuer ist knallbunt, die Bedienungen tragen zu viel Make-up, und aus dem Eingangsbereich hört man die Spielautomaten piepsen und klingeln. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – dieses Bombardements der Geschmacklosigkeiten ist dieser Ort seit unserer ersten gemeinsamen Reise vor drei Jahren für uns ein besonderer. Denn auf jener Reise haben wir damals – spätestens genau hier! – nicht nur erkannt, dass wir gut zusammenpassen, sondern auch, dass wir uns oft für dieselben merkwürdigen Dinge begeistern können. Dass wir zum Glücklichsein kein Sternerestaurant brauchen und keine gedämpften Klassikklänge. Sondern nur einander – und eine gut gelaunte Bedienung, die unaufgefordert Kaffee nachschenkt und alle Gäste »Honey« nennt.

Glücklich bleiben!

Das mit dem Hochzeitsantrag hatte ich anders geplant. Nur leider waren die letzten vierundzwanzig Stunden offen gestanden die Hölle gewesen, und ich hatte ein paar kleinere Planänderungen vornehmen müssen. Die Schwierigkeiten hatten begonnen, als ich auf dem Flug nach Las Vegas bemerkte, dass ich meinen Führerschein zu Hause vergessen hatte. Nach ein paar hektischen Telefonaten hatte ich unseren Nachbarn so weit, dass er uns eine Kopie des Führerscheins in die Mietwagenzentrale faxte. Doch dort zeigte man sich unnachgiebig. »Kein Originaldokument, kein Auto«, sagte die Frau am Schalter und wandte sich wieder dem Studium ihrer strassbeklebten Fingernägel zu. Jessica, die damals noch ledige Frau an meiner Seite, hatte ihren Führerschein glücklicherweise dabei, aber eine unüberwindbare Abneigung gegen Autos mit Automatikschaltung. »Ich hab mal zehn Minuten in einem gesessen und beinahe einen Fußgänger umgefahren«, erklärte sie mir, als ich vorsichtig nach dem Grund forschte.

»Noch Fragen?« Die Dame am Mietwagenschalter sah kurz von ihren Nägeln auf. »Keine Autos mit Gangschaltung auf dem ganzen Parkplatz, nur Automatik.«

Eine Stunde und viele tiefe Atemzüge später rollten wir dennoch den Las Vegas Strip hinunter, vorbei an den leuchtenden Kasinofassaden – und mein Plan, nach dem Check-in im Hotel ein romantisches Restaurant aufzusuchen, Champagner zu bestellen und die Frage zu stellen, die ich schon die ganze Zeit unruhig in meinem Herzen getragen hatte, nahm wieder Form an. Allerdings nur so lange, bis der Reifen des Mietwagens platzte und wir mit einem immer langsamer werdenden »Katschunk-katschunk-katschunk« an den Straßenrand eierten.

Als uns ein mexikanischer Mechaniker später ein kleines Notrad montiert hatte, mit dem wir zumindest vorsichtig bis zum Hotel rollen konnten, waren wir mittlerweile seit rund sechsunddreißig Stunden auf den Beinen – genervt, verschwitzt und müde. Denkbar schlechte Voraussetzungen, um auf die Knie zu fallen und sich um eine gemeinsame Zukunft zu bemühen.

Doch nun ist die Frage heraus, Jessica strahlt mich an, und ich bin so glücklich, wie es ein Mann nur sein kann, der gerade alles in die Waagschale geworfen – und gewonnen hat. Der Rest des Tages vergeht wie im Flug: Ringe kaufen, Kleid aussuchen – und auf dem Standesamt von Las Vegas die sogenannte Wedding License erwerben: die Lizenz zum Heiraten. Sechzig Dollar, zahlbar in Cash, hier ist Ihr Stempel, der Nächste bitte!

Als wir das Standesamt verlassen, kommt sofort ein Mann angelaufen, der uns in die nächstgelegene Hochzeitskapelle lotsen will. Er bekommt Provision für jedes geangelte Paar, wie wir später erfahren. Wir bedanken uns, sagen ihm freundlich, dass wir schon versorgt sind, und gehen weiter, da ruft er uns hinterher: »Stay happy – and keep loving each other!« Bleibt glücklich – und hört nicht auf, euch zu lieben!

Bleibt glücklich! Ist das eher ein frommer Wunsch – oder ein gut gemeinter Ratschlag? Gar eine Aufforderung, die wir gefälligst zu befolgen haben? Kann man glücklich werden – und wenn man es ist: glücklich bleiben? So wie man an Gewicht zu- und abnehmen kann? Krank werden kann oder gesund? Oder ist Glück eher ein Zustand, der einen unverhofft ereilt wie ein Schnupfen oder ein Lottogewinn? Den man nicht beeinflussen kann, sondern nur akzeptieren, als Schicksal oder Zufall?

Die Meinungen über diese Frage sind vielfältig: Während die einen sagen, manche Menschen seien ihr Leben lang glücklicher als andere, ganz einfach weil es bestimmte Gene gebe, die sie mit dieser Eigenschaft ausstatten, sind andere der Meinung, jeder Einzelne könne durchaus beeinflussen, wie glücklich er ist.

Ich selbst bin in dieser Frage noch unentschieden. Tendenziell glaube ich eher an die These des Volksmunds, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. Dass wir also sehr wohl beeinflussen können, ob wir gut gelaunt oder mit hängenden Mundwinkeln durchs Leben gehen. Das ist aber auch eher ein diffuses Gefühl, vielleicht sogar Wunschdenken. Belegen kann ich es nicht.

Andererseits kenne ich auch Menschen, die immer schon und anscheinend von Geburt an glücklich waren – und ich habe von Studien gehört, die besagen, dass selbst Menschen, die im Lotto gewinnen oder durch einen Unfall querschnittsgelähmt sind, nach ungefähr einem Jahr wieder genauso glücklich sind, wie sie es vorher waren.

Um herauszufinden, ob ein Streben nach Glück überhaupt möglich ist, ob es Wege, Tricks und Geheimnisse gibt, die uns ein froheres, zufriedenes Leben schenken können, habe ich mich für dieses Buch auf eine »Probefahrt ins Glück« begeben: ein Jahr lang Rezepte ausprobiert, Ratschläge befolgt und mit Menschen gesprochen, die behaupten, Wege zum Glück zu kennen.

Wir werden nicht glücklicher

Es heißt, dass die Menschen früher glücklicher gewesen seien. Damals, als das Leben noch weniger hektisch war, man seine Nachbarn noch kannte und einem egal sein konnte, was am anderen Ende der Welt passierte. Diese Behauptung von der »guten alten Zeit« ist sicherlich nicht immer richtig und oft stärker aus Nostalgie gespeist als aus nachvollziehbaren Vergleichen. Aber die Zahl der Unglücklichen, die zum Beispiel an Depressionen leiden, nimmt unbestreitbar zu. Mehrere Studien haben gezeigt, dass es sich hierbei nicht nur um eine reine Zunahme von Diagnosen handelt. Depressionen werden nicht verstärkt festgestellt, weil es etwa »modern« geworden ist, schon wegen der kleinsten Sorge zum Seelenklempner zu rennen – sondern weil tatsächlich immer mehr Menschen an den entsprechenden Symptomen leiden.

Gleichzeitig wurde »nach oben«, also in der Zahl sehr glücklicher Menschen, in den letzten fünfzig Jahren keinerlei Zuwachs verzeichnet.1 Wir sind also nicht glücklicher als unsere Eltern oder Großeltern, auch wenn unser Lebensstandard, unser Durchschnittseinkommen und unsere Lebensumstände im Vergleich deutlich besser sind. Die Menschen (zumindest auf der Nordhalbkugel) erreichen nachgewiesenermaßen ein immer höheres Lebensalter, die durchschnittliche Körpergröße steigt langsam, aber stetig an, und die Ergebnisse unserer Intelligenztests fallen jedes Jahr ein klein wenig höher aus. Wir werden immer größer, reicher, älter und klüger – aber ausgerechnet in Sachen Glück treten wir auf der Stelle? Man kann es sich kaum vorstellen, aber es ist so.

Dabei ist der Wunsch, glücklich zu sein – oder zumindest ein kleines bisschen glücklicher zu leben als gerade in diesem Augenblick –, für die meisten von uns wohl der zentrale Antrieb für unser Tun.2 Wir wollen Geld verdienen, um damit Dinge zu kaufen, die uns glücklich machen sollen. Wir legen Wert auf unser Äußeres, um damit anziehend auf andere Menschen zu wirken, in deren Gesellschaft (oder in deren Bett) wir uns glücklicher wähnen. Wir glauben der Werbung, die uns in TV-Spots oder auf Plakatwänden verheißt, dass wir nur das richtige Waschmittel, Bier oder Auto kaufen müssen, um so glücklich leben zu können wie die Protagonisten der Reklamewelt. Wir fahren in den Urlaub, gehen ins Kino oder in ein Museum, um ein paar angenehme Stunden oder Tage zu verbringen, Schönheit zu genießen und am Ende ein wenig glücklicher in unseren Alltag zurückzukehren. Wir ziehen um, weil wir hoffen, dass uns die neue Wohnung oder gar die neue Stadt ein angenehmeres Leben beschert. Und: Wir heiraten, in dem Wunsch und Glauben, dass wir die richtige Person gefunden haben, die uns glücklich macht und mit der wir unser Glück teilen wollen.

Wissenschaftlich verbrieft ist, dass dieser Wunsch zumindest in Sachen Ehe erfüllt wird. Denn es besteht tatsächlich ein Zusammenhang zwischen der Frage, wie glücklich man ist, und ob man einen Ehering trägt. Denn egal welche der zahlreichen Studien zu diesem Thema man analysiert: Die Gruppe der Verheirateten hat stets die höchsten Werte auf der Glücksskala. Mit einigem Abstand folgen die unverheirateten Paare, dann die Singles, schließlich die getrennt Lebenden und die Geschiedenen.3 Oft wird deshalb behauptet, dass Heiraten der sicherste Weg zum Glück sei. Man kann es aber auch genau andersherum sehen und wie der Psychologe und Anthropologe Daniel Nettle fragen: »Könnte es nicht auch sein, dass Glücklichsein der sicherste Weg zur Ehe ist?« Eine Langzeitstudie aus Deutschland gibt ihm recht: Vierundzwanzigtausend Teilnehmer wurden dort über einen Zeitraum von fünfzehn Jahren beobachtet: Diejenigen, die im Lauf dieser Zeit heirateten, waren vorher schon glücklicher gewesen als die anderen.

Natürlich war dies nicht der Grund für mich, um Jessicas Hand anzuhalten4, aber unsere Blitzhochzeit in Las Vegas ist die erste Glückshypothese, die ich am eigenen Leib überprüfen kann. Macht Heiraten wirklich glücklich? Der erste Eindruck: ein ganz klares Ja. Vom Adrenalinrausch des Antrags über die wilde Shoppingtour durch Juwelier- und Modeläden bis zu den Anrufen bei Verwandten und engen Freunden wirkten die Vorbereitungen wie die fröhliche, aufgekratzte Variante des Glücklichseins. Die Hochzeitszeremonie selbst bringt dann eher ein feierlicheres, ernsthafteres Glücksgefühl.

Den Elvis-Imitator, den man in jeder Vegas-Kapelle dazubuchen kann, damit er die Braut zum Altar führt und anschließend drei Wunschlieder spielt, haben wir vorsorglich weggelassen. Statt »Love Me Tender« oder »Blue Suede Shoes« erklingt der feierliche Hochzeitsmarsch, als wir gemeinsam mit zitternden Knien auf den gut gelaunt schmunzelnden Reverend zugehen. Ich bin bis in die Haarspitzen voll mit einem Glück, das sich aus vielen einzelnen Empfindungen zusammensetzt: aus dem Gefühl der Sicherheit zum Beispiel, die große Liebe gefunden zu haben. Aus der Freude darüber, dass wir den Mut haben, uns aneinander zu binden. Aus der Vorfreude auf die gemeinsame Zukunft. Aber auch aus meiner Freude über Jessicas Freude. Über ihren überraschten Blick, als sie unsere zwei Trauzeugen sieht. Zwei Freunde, die heimlich nach Las Vegas gekommen waren und bereits unbemerkt in der ersten Bankreihe der Kapelle Platz genommen hatten, während der Reverend uns in seinem kleinen, vollgestopften Büro die letzten Instruktionen gab. »Wollen Sie die Trauung mit Gott oder ohne?«, hatte er beispielsweise gefragt und uns mehrfach ermuntert, nicht nervös zu sein, sondern den Moment einfach zu genießen.

Letztlich tragen zum gesamten Glücks-Hoch einer Hochzeit aber auch so banale Dinge bei wie die Freude, dass die Organisation geklappt hat. Dass vom Führerschein-Horror bis zum Papierkram alles überstanden ist, dass die Limousine, die uns abholen soll, pünktlich kommt und die Überraschungsgäste da sind. In meinem Glücksrausch nestle ich zum falschen Zeitpunkt den Ring an Jessicas Finger und lehne mich viel zu früh vor, um sie zu küssen. »Noch nicht! Noch nicht!«, bremst mich der Reverend streng. Dann muss er selbst lachen.

Nach der Zeremonie werden draußen in der Sonne von Nevada noch schnell ein paar Fotos geschossen, dann werden wir auch schon wieder vom Gelände der Hochzeitskapelle komplimentiert. Das nächste Brautpaar wartet schließlich schon. Ebenso wie die nächste Erkenntnis: dass das Glück nämlich noch wächst, wenn man es teilen kann. Denn wären unsere Freunde Silke und Flori nicht als Trauzeugen angereist, würden Jessica und ich jetzt alleine auf der Straße stehen – zwischen einem Burger King und einem Billigmotel, das auf einer großen Tafel mit der Anzahl seiner Sexfilmkanäle wirbt. Nicht unbedingt romantisch. Aber so ist es nun mal: Egal wie sehr einen die Hochzeit berührt – für den Rest der Welt ist es nur ein ganz normaler Dienstag. Autos hupen – aber nicht unseretwegen, sondern weil der Idiot vor ihnen nicht losfährt. Für die Menschen um uns herum ist alles wie immer. Umso schöner, dass wir noch jemanden dabeihaben, mit dem wir diesen besonderen Tag feiern können. Es ist fast ein wenig so, als spiegelte sich das Glück in den Menschen, mit denen man es teilt, und strahlte sogar noch verstärkt wieder auf einen selbst zurück.

Als ich mich später etwas intensiver mit dem Thema Glück beschäftige, stelle ich fest, dass diese Erkenntnis alles ist, nur nicht neu. Schon Aristoteles ging davon aus, dass für ein glückliches Leben (das er »eudaimonia« nannte) das Glück anderer Menschen und ein »Leben in der Verflochtenheit« nötig seien. Geteiltes Glück sei die geistige Voraussetzung für das Erreichen gemeinsamer Ziele und gleichzeitig die Voraussetzung, um andere zu verstehen oder sich mit ihnen identifizieren zu können. Von den vielen Denkern, die in den nachfolgenden Jahrhunderten darauf aufbauten, formulierte es wohl niemand so prägnant wie Albert Schweitzer, der schrieb: »Das Glück ist das Einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt.«

Die vielen Wege zum Glück

Doch welche anderen Rezepte gibt es für ein glückliches Leben – abgesehen davon, die richtige Person zu heiraten und allein schon dieses Glück mit anderen zu teilen? Die Reihen der Ratschläge, der Studien, der Ratgeberbücher und Fernsehsendungen, die sich dem Thema widmen, sind endlos. Es gibt die Theorie von der »Bestellung beim Universum« und den Büroseufzer: »Ich brauch dringend Schokolade – die macht ja glücklich!« ProSieben sendet den »Glücksreport«, und die neugegründete Zeitschrift »happinez«, die sich selbst als »Mindstyle Magazine« bezeichnet, rät unter anderem: »Flüstern Sie sich heute mehrmals zu: Ich liebe das Leben, und das Leben liebt mich.« Und sie empfiehlt als Glücksrezept, sich mit den Fingern auf die »13 Entspannungspunkte Ihres Körpers« zu klopfen, bis ein »Pop-up« erscheint – ein Gefühl, das angeblich so plötzlich auftaucht wie ein Werbefenster im Internet.

Jeder scheint andere Tipps aus dem Hut zu zaubern, wenn es darum geht, wie ein zufriedenes Leben am besten zu erreichen sei. Selbst die antiken Philosophen hatten mehr als eine Meinung dazu: Während Aristoteles oder Stoiker wie Seneca davon ausgingen, dass man Glück durch geistig-philosophische Tätigkeit, durch Tugendhaftigkeit und Verantwortungsbewusstsein erreiche, setzten hedonistische Glücksphilosophen wie Epikur eher auf individuelle und körperlich-sinnliche Lust.

Doch wer Epikur nur als genusssüchtigen Hedonisten darstellt, dem es ausschließlich um körperliche Freuden und schnelle Befriedigung der Bedürfnisse ging, tut ihm unrecht. So schrieb er in einem Brief an seinen Freund Menoikeus: »Es ist unmöglich, ein lustvolles Leben zu führen, ohne dabei auch vernünftig, edel und gerecht zu leben. Und es ist ebenso unmöglich, vernünftig, edel und gerecht zu leben, ohne dabei lustvoll zu sein.« Es gibt also mindestens ebenso viele Glücksrezepte wie unterschiedliche Kekssorten in einem der gigantischen Supermärkte von Las Vegas.

Natürlich kann niemand jeden Glücksratschlag ausprobieren – schon allein, weil es scheint, als kämen täglich fünf neue dazu. Ich habe mir für dieses Buch aber vorgenommen, zumindest von den Glücksrezepten, die mir sinnvoll erscheinen, so viele wie möglich auszuprobieren. Und damit es am Ende keine Tränen gibt: Nein, die »Bestellung beim Universum« ist nicht darunter. Meine Leidensbereitschaft und meine Toleranz für Quatsch haben Grenzen.

Trotzdem soll das Spektrum der Dinge, die ich dem Realitätstest unterziehe, möglichst breit sein: alte Weisheiten und moderne Theorien, fernöstliche Ideen und modern-pragmatische, Langzeitversuche und einmalige Experimente, Abstraktes wie Meditation und Handfestes wie Psychopharmaka. Ein Jahr lang will ich versuchen, an verschiedenen Schrauben zu drehen, um herauszufinden, wie ich mein Leben glücklicher und zufriedener leben kann – wenn es irgendwie geht, am Ende sogar »sternhagelglücklich«. Denn das ist es doch, was sich jeder von uns wünscht.

Wenn ich Menschen von meinem Unterfangen erzähle, möglichst viele Glückstrategien und -tipps ausprobieren zu wollen, um so glücklich wie möglich zu werden, sagen viele: Was für ein Unsinn! Du machst doch schon einen extrem zufriedenen Eindruck! Was zwei Dinge beweist: dass sie mich nicht so gut kennen, wie sie glauben. Und dass ich ein ganz passabler Trickser und Schauspieler bin. In Wirklichkeit bin ich nämlich ein muffliger Miesepeter, dessen Inneres man sich am besten so vorstellt wie den kleinen, rundlichen alten Mann in dem Animationsfilm »Up!«, der einfach seine Ruhe und mit niemandem etwas zu tun haben möchte. Wenn die internationale Jugend in der Sprachschule nebenan auf Spanisch und in siebzehn anderen Sprachen an der Tischtennisplatte und aus dem Fenster heraus ihrer Lebensfreude laut Ausdruck verleiht, würden sich sicherlich viele mit ihnen freuen. Andere würden statt der Lebensfreude immerhin die optischen Reize der Südländerinnen zu schätzen wissen. Bei mir kommt nur eins an: Lärm.

Wenn das Telefon klingelt, freue ich mich nicht wie andere Menschen, dass jemand mit mir sprechen will. Ich denke: Wer will denn jetzt schon wieder was?! Wenn etwas gut läuft, wenn etwas geklappt hat, wenn ich ein Lob bekomme, freue ich mich etwa vier Sekunden lang darüber. Dann denke ich darüber nach, was ich als Nächstes tun muss.

Ich bin lieber drinnen als draußen, meckere lieber, statt zu loben, und bin leider viel zu oft neidisch auf die Erfolge meiner Mitmenschen. Aber zu diesen schönen Eigenschaften und ihren Auswirkungen auf das Lebensglück später mehr.

Das Happy-o-Meter

Für fast alles, was uns umgibt, existieren objektive Einheiten und geeichte Messgeräte. Wie kalt es in einem Raum ist, können wir an einem Thermometer ablesen (es sei denn, wir sind in den USA, wo uns die verrückten Amerikaner erst noch Rechenaufgaben abverlangen, bevor wir erfahren, wie viel Grad Celsius sechsundneunzig Grad Fahrenheit sind). Wenn wir wissen wollen, ob der Rasenmäher hinter unserem Haus oder das Düsenflugzeug am Himmel lauter ist, können unsere Smartphones dies mittlerweile aufs letzte Dezibel genau messen.

Schwieriger wird es mit dem Glück. Hier gibt es weder eine überprüfbare Einheit noch präzise Messinstrumente. Nicht dass zahlreiche Wissenschaftler nicht alles versucht hätten, um selbige zu entwickeln. Sie analysierten Gehirnströme, um herauszufinden, in welchen Regionen bei positiven Emotionen mehr Aktivität zu beobachten war. (Im linken präfrontalen Kortex.) Sie zählten, wie oft Menschen blinzeln. (Wenn wir glücklich sind, seltener, als wenn wir unglücklich sind.) Sie maßen die elektrischen Signale, die die Muskeln in unserem Gesicht erzeugten. (Wenn wir lächeln, wird der Zygomaticus major in unseren Wangen aktiviert, bei Sorgen oder Ärger der Corrugator supercilia auf unserer Stirn.) Meines Wissens gibt es noch keine Studie, die versucht hat, das Glücksniveau in einem Unternehmen mit der Anzahl der verkauften Schokoriegel in der Firmenkantine zu korrelieren – aber sollte jemand für so etwas einen Forschungsetat übrig haben, kann er sich jederzeit gerne an mich wenden.

Ganz gleich welche Maßnahmen die Forscher anwendeten, um das Glück der Versuchspersonen zu messen: Am Ende kamen sie fast immer zu dem Ergebnis, dass das genaueste Messgerät ein sehr einfaches, wenn nicht gar banales war. Statt sie zu verkabeln, ihren Hautwiderstand oder die Tätigkeit ihrer Schweißdrüsen zu messen, erwies es sich als am hilfreichsten, die betreffende Person möglichst zeitnah zu fragen, wie glücklich sie war – zum Beispiel auf einer Skala von eins bis zehn.

Ich habe mir an dieser Erkenntnis ein Beispiel genommen: Wenn ich also in diesem Buch feststelle, dass mich Tätigkeit X glücklich macht, Tätigkeit Y jedoch nicht, dann basiert dies auf meinem zutiefst subjektiven Eindruck in jenem Moment. Und nicht auf einem Labortest, der nachweist, dass in meinem Blut dieses oder jenes Hormon nach Tätigkeit X höher konzentriert war als nach Tätigkeit Y.5

Der Knopf ohne Wirkung

Noch viel spannender als die Frage, wie man Glück messen kann, ist jedoch eine andere: Können wir beeinflussen, wie glücklich wir sind?

Jeder von uns kennt Menschen, die auch dann noch gute Laune haben, wenn eine Sturmböe gerade ihren Regenschirm zu einer Schultüte am Stil umgedreht hat und der Regen ihnen waagerecht ins Gesicht klatscht. Die glücklich und ausgeglichen sind, selbst wenn es in ihrem Leben gerade drunter und drüber geht. Die eine Kündigung abschütteln wie ein Hund das Wasser in seinem Fell und noch in der verkorkstesten Urlaubsreise etwas finden, worüber sie aus vollem Herzen lachen können.

Gleichzeitig gibt es Menschen, bei denen auch eine extrem gute Nachricht sofort von Selbstzweifeln, Unzufriedenheit oder Antriebslosigkeit geschluckt wird wie eine Bowlingkugel von Treibsand. Bei vielen dieser Menschen hat man den Eindruck: Sie können tun, was sie wollen, und es kann ihnen passieren, was mag – sie bleiben stets latent unglücklich.

Heißt das also, dass wir viel weniger Einfluss darauf haben, wie zufrieden wir mit unserem Leben sind, als uns all die Regalmeter um Regalmeter Ratgeberliteratur glauben machen wollen?

Vor Jahren habe ich erfahren, dass der Knopf, den man drückt, damit sich in einem Fahrstuhl die Türen schneller schließen, bei vielen Aufzügen überhaupt nicht verkabelt ist – um Unfälle zu vermeiden, so die offizielle Begründung. Ich selbst habe unzählige Fahrstühle erlebt, in denen das Drücken auf diesen Knopf keinerlei Wirkung zeigte. Trotzdem drücke ich diesen Knopf – wie vermutlich die meisten Menschen – immer wieder, wenn mir die Türen zu lange offen stehen bleiben. Genauso sinnlos ist es, immer fester und länger auf die Tasten der Fernbedienung zu drücken, wenn deren Batterien zur Neige gehen. Trotzdem tue ich es, und ich wette, Sie tun es auch.

Doch was, wenn all unsere Bestrebungen, ein glücklicheres Leben zu führen, so unsinnig und wirkungslos wären wie das Einhämmern auf den Tür-schließen-Knopf im Fahrstuhl und das ausdauernde Herumpressen auf der Fernbedienung? Wenn wir – um eine etwas seriösere Metapher zu wählen – an Deck eines Schiffes stünden, das einen reißenden Strom hinuntertreibt, und hochkonzentriert am Steuerrad drehten – gar nicht gewahr, dass es in Wahrheit die Strömung und die Kurven des Flusses wären, die unseren Kurs bestimmen?

Glückliche Zwillinge

Lange Zeit glaubte man – unter anderem basierend auf den Theorien Sigmunds Freuds –, dass unser geistiges und seelisches Wohlergehen fast ausschließlich von den Erlebnissen in unserer Kindheit abhinge, letztlich also von äußeren Umständen. Erst in den letzten drei Jahrzehnten veränderte sich dieses Bild nachhaltig.6 Zahlreiche Studien analysierten das Leben von eineiigen Zwillingen, die zwar das gleiche genetische Material aufwiesen, aber in unterschiedlichen Familien aufwuchsen, also unter jeweils anderen äußeren Bedingungen. Fast immer waren sich die eineiigen Zwillinge (die hundert Prozent identische Gene hatten) in ihrem Verhalten und Wesen ähnlicher, selbst wenn sie getrennt voneinander aufwuchsen, als zweieiige Zwillinge oder »normale« Geschwister, die durchschnittlich nur die Hälfte ihres Genmaterials gemeinsam hatten.7 Der US-Psychologe Jonathan Haidt beschreibt es sehr treffend: »Egal ob es um Eigenschaften wie Intelligenz, Extrovertiertheit, Ängstlichkeit oder Religiosität geht oder um die Vorliebe für Jazz und die Abneigung gegen scharfes Essen – eineiige Zwillinge sind sich ähnlicher als zweieiige, und dabei macht es so gut wie keinen Unterschied, ob sie gemeinsam aufgewachsen sind oder nicht. Gene sind keine Blaupause für die Persönlichkeit eines Menschen; man stellt sie sich besser als Rezepte vor, aus denen sich über Jahre hinweg ein Mensch entwickelt.« Da eineiige Zwillinge aus dem exakt selben Rezept hervorgehen, entwickeln sie sich oft so extrem ähnlich, während bei zweieiigen Zwillingen die Rezepte unterschiedlich sind und nur in Teilen auf denselben Zutaten basieren.

Ergibt es also überhaupt irgendeinen Sinn, sich um sein Glück zu kümmern? Wenn doch ohnehin alles schon vor unserer Geburt in der großen genetischen Lotterie entschieden wurde?

Ich denke schon. Denn so, wie man aus demselben Kochrezept ein köstliches, aber auch ein fades Gericht zubereiten kann, kann sich auch das genetische Rezept, das in uns angelegt ist, ganz unterschiedlich entwickeln. »Etwa zur Hälfte«, lautet die herrlich unpräzise Einschätzung der Forscher hinsichtlich der Frage, inwieweit unsere Persönlichkeit und unser grundsätzliches Glücksniveau durch unsere Gene bestimmt sind. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass etwa die Hälfte durch äußere Umstände und durch uns selbst beeinflusst wird. Um noch einmal auf die Schiffsmetapher zurückzukommen: Wenn wir davon ausgehen, dass wir am Steuer eines Schiffes stehen, dessen Ruder aufgrund eines Defekts nur die Hälfte der Zeit funktioniert und die andere Hälfte nicht – sollten wir also auf der Brücke bleiben und versuchen, unseren Kurs zumindest so gut es geht zu beeinflussen? Oder sollten wir unter Deck gehen, uns in die Hängematte legen und schicksalsergeben darauf warten, dass wir auf Grund laufen?

Ich bin dafür, an Deck zu bleiben und auszuprobieren, womit sich das Ruder bewegen lässt. Womit wir also unser Glück beeinflussen können – auch wenn wir womöglich erkennen müssen, dass wir gegen die Natur gelegentlich machtlos sind.

1 Zu diesem Ergebnis kommen sowohl Langzeitstudien der amerikanischen »General Social Survey«, des Gallup-Instituts, des Eurobarometers (ab 1975) sowie vergleichbare Studien in Japan. Fast überall stagniert in der Bevölkerung entwickelter Staaten die Zahl der Befragten, die sich selbst als sehr glücklich bezeichnen, seit Jahrzehnten bei etwa dreißig Prozent.

2 Nach der bekannten Bedürfnispyramide des US-Psychologen Abraham Maslow müssen zuerst die Grundbedürfnisse wie Nahrung und Schlaf sowie Sicherheitsbedürfnisse wie Unterkunft und Schutz vor Gefahren gestillt sein. Danach folgen aber schon die drei Stufen, die allesamt mit dem Streben nach Glück zu tun haben: soziale Bedürfnisse (Familie, Freunde, Partnerschaft), danach Individualbedürfnisse (Status, Respekt, Anerkennung) und am Ende Selbstverwirklichung (Individualität und Talententfaltung).

3 Bei den Witwen und Witwern ist es etwas komplizierter bzw. je nach Einzelfall unterschiedlich: Manche von ihnen sind glücklicher als Singles, andere wiederum unglücklicher als die Geschiedenen. Ich persönlich vermute, dabei spielt eine Rolle, wie lange die betreffende Person schon verwitwet ist und wie glücklich ihre Ehe war – aber auch, wie viel Vermögen der bzw. die Verstorbene hinterlassen hat.

4 Ebenso wenig sollten übrigens Steuervorteile der Grund für eine Eheschließung sein. Zumindest für Freiberufler heißt Heiraten ohnehin eher Steuernachteil – denn alles wird viel komplizierter. Aber dazu mehr in meinem nächsten Buch: »Ich bin dann mal beim Steuerberater – Wie ich ein Jahr lang versuchte, die Briefe des Finanzamts zu verstehen«.

5 Darüber hinaus bin ich der festen Überzeugung, dass sich andauernd in den Arm piksen und sich Blut für solcherlei Untersuchungen abnehmen zu lassen definitiv nicht glücklich macht und somit das Ergebnis eher verfälschen als validieren würde.

6 Was keineswegs bedeutet, dass Erlebnisse während der Kindheit –zum Beispiel das Gefühl von Geborgenheit, Sicherheit und Vertrauen – unwichtig und ohne Einfluss wären.

7 Bei dieser Zwillingsforschung waren vor allem David T. Lykken und Auke Tellegen von der University of Minnesota wegweisend, die beinahe fünfzehnhundert eineiige und zweieiige Zwillingspaare analysierten. Ende der Achtzigerjahre entdeckte außerdem der Neuropsychologe Richard Davidson von der University of Wisconsin, wie sich identisches Genmaterial auf ein identisches Glückserleben auswirken könnte: Er bemerkte, dass Menschen, die stärkere Aktivitäten im linken präfrontalen Kortex aufwiesen, glücklicher, weniger ängstlich und seltener depressiv waren als Menschen mit höherer Aktivität im rechten präfrontalen Kortex.

Zehn kleine Glücksmomente

•Am Sonntag eigentlich bis Mittag schlafen wollen – dann aber doch früh aufwachen und merken, dass man ausgeschlafen ist

•Am Winteranfang die dicke Jacke aus dem Keller holen – und in der Tasche einen krumpeligen Geldschein finden

•Eine Lücke in der eigentlich schon vollen Spülmaschine finden, in die die plötzlich aufgetauchte Müslischale doch noch genau reinpasst

•Von einem Fremden nach dem Weg gefragt werden – und sogar eine Abkürzung kennen

•Von einem Freund ins Vertrauen gezogen werden

•Wenn es am zweiten Tag des Campingurlaubs aufhört zu regnen und der Himmel aufreißt

•Wenn die Computerfestplatte genau einen Tag, nachdem man die Diplomarbeit abgegeben hat, den Geist aufgibt

•Nach einer durchfeierten Nacht im Morgengrauen an einer Bäckerei vorbeikommen, die gerade frische Croissants macht

•Taxifahrer, die von selbst die Musik lauter machen, wenn ein gutes Lied kommt, und bei nervtötender Werbung den Sender wechseln

•Am Geldautomaten das rettende Rattern hören, das einem signalisiert, dass die Auszahlung klappt, obwohl man eigentlich pleite ist

Dezember

Warum heiraten auch unglücklich machen kann

Wie ein Glücksbote arbeitet

Wieso unsere Fernseher immer größer werden – und gleichzeitig immer kleiner

»Verliebt sein – während ich meinen Kleiderschrank aufräume.«

US-Komiker Bill Maher im Magazin Vanity Fair auf die Frage, was für ihn perfektes Glück bedeute

Dass Heiraten nicht nur glücklich, sondern – zumindest kurzfristig – auch extrem unglücklich machen kann, lerne ich, kurz nachdem wir von unserer Hochzeitsreise im sonnigen Kalifornien in den verschneiten Berliner Winter zurückkehren. Mein Ehering ist verschwunden. Nach nicht einmal drei Wochen Ehe!

Ich sitze gerade im Auto, als ich bemerke, dass mein rechter Ringfinger sich seltsam unbekleidet anfühlt. Beim Verlassen der Wohnung hatte ich ihn noch. Wo kann er sein? Dann fällt es mir ein: Um die zugefrorenen Scheiben freizukratzen, habe ich mir Handschuhe angezogen – bestimmt ist der Ring beim Ausziehen im Finger des Handschuhs stecken geblieben. Ich fahre also rechts ran und durchsuche zuversichtlich den Handschuh, den ich in meiner Eile vorhin auf den Rücksitz geworfen habe.

Nichts.

Auch auf dem Rücksitz selbst ist der Ring nicht zu finden. Ich merke, wie mir der Angstschweiß ausbricht. Denk nach! Als ich die Handschuhe auszog, stand ich neben dem Auto. Es ist also gut möglich, dass der Ring vor der Autotür in den Schnee gefallen ist. Ich wende. So schnell, wie ich gern würde, kann ich auf den verschneiten Straßen leider nicht fahren. An der Stelle, an der ich geparkt hatte, steht natürlich schon wieder ein anderes Auto. Zu allem Überfluss schneit es nicht nur immer weiter, sondern es wird auch langsam dunkel. Ich halte in zweiter Reihe, steige aus und umkreise fluchend den alten Parkplatz. Durchwühle den Schnee. Der ist natürlich nicht sauber, weiß und pulvrig, sondern, wie es sich für eine Großstadt gehört, grau, matschig und an manchen Stellen gruselgelb.

Der schneesiebende Kinderfresser

Der neue Schnee fällt schneller, als ich den alten durchsuchen kann. Ich renne nach oben in die Wohnung und bestelle im Internet eines dieser Metallsuchgeräte, mit denen wir in Kalifornien Rentner am Strand nach verlorenen Münzen suchen sahen. Neunundachtzig Euro, achtundvierzig Stunden Lieferzeit. Mir ist alles recht. Dann schnappe ich mir das große Plastiksieb, mit dem ich sonst die Nudeln abgieße, und laufe wieder nach unten. Die Löcher sind groß genug, um den Schnee durchzulassen, aber klein genug, um den Ring aufzufangen. Die Freude über meinen brillanten Einfall weicht jedoch schnell der Ernüchterung. Erfolglos siebe ich eine halbe Stunde lang Schnee. Menschen gehen vorbei und sehen mich an – jedoch nicht mitleidig, sondern mit einer eigentümlichen Mischung aus Neugier und Abscheu. Kinder zeigen mit dem Finger auf mich und fragen ihre Mütter, was »der komische Mann da« macht, bevor ihre Mütter sie ängstlich weiterziehen, so als wäre ich ein gefährlicher Irrer, der – wenn er erst mal mit dem Schneesieben fertig ist – ihren kleinen Moritz-Tjorven oder ihre niedliche Sophie-Lara mit Haut und Haar verspeisen würde.

Irgendwann steht ein Mann mittleren Alters vor mir. Ist etwa endlich jemand bereit, mir in meiner Notlage zu helfen?

»Was machen Sie da an meinem Auto?«, herrscht er mich stattdessen an.

Während ich ihm meine Situation erkläre, werfe ich weiter wie besessen Schnee durch das Küchensieb. Er merkt scheinbar, wie ernst es mir ist, und hat ein Einsehen. Er fährt sogar netterweise seinen Wagen ein wenig zur Seite und macht mir mit seinen Scheinwerfern Licht, damit ich besser suchen kann.

»Ehering, was?«, sagt er, während er sich eine Zigarette anzündet und sich an seinen Wagen lehnt. Beim Suchen helfen will er mir offensichtlich nicht, was ich in Anbetracht der Schneeverfärbungen auch gut verstehen kann. »Na, das gibt sicher Ärger …«

Ich überlege, ob ich ihm für diese präzise wie überflüssige Einschätzung danken soll, habe dann aber zu viel Angst, dass er sein Auto wegfährt und ich wieder im Halbdunkel herumkriechen muss. Natürlich gibt das Ärger. Wie soll man denn glaubhaft erklären, dass es einem ernst ist mit Ehe und Treue und ewiger Liebe, man aber nicht einmal in der Lage ist, länger als drei Wochen auf so einen vermaledeiten Ring aufzupassen?

Mein Vater hat seinen Ehering beim Schwimmen im Badesee verloren, es liegt also ein wenig in der Familie. Aber er hatte immerhin den Anstand, sich diesen Fauxpas erst nach etwa zwanzig Jahren Ehe zu erlauben und nicht bereits nach zwanzig Tagen.

Nach einer weiteren halben Stunde habe ich wirklich jede einzelne Schneeflocke, die im Umkreis von zehn Metern gefallen ist, durch das Sieb geschickt. Meine Hände sind trotz der Handschuhe steif gefroren, und mir bleibt nichts anderes übrig, als aufzugeben. Innerlich habe ich mich bereits darauf eingestellt, nach Hause zu gehen, den Verlust zu beichten und auf der Webseite von Tiffany’s zähneknirschend einen neuen Ring zu bestellen. Vorher jedoch schaue ich ein letztes Mal auf der Rückbank des Autos nach. Natürlich habe ich dort schon dreimal alles abgesucht, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Ich finde vieles in den Ritzen zwischen den Sitzen (das Auto ist immerhin schon fast zwanzig Jahre alt), aber keinen Ring. Erst als ich unter dem Fahrersitz nach dem Eiskratzer taste, mit dem das ganze Unglück begann, macht mein Herz plötzlich einen Sprung. Wie Bilbo Beutlin – nur mit ein wenig kleineren Füßen – starre ich ungläubig auf den Ring in meiner Hand.

Die Erleichterung ist unbeschreiblich; gleichzeitig komme ich mir aber auch albern vor. Nicht so sehr wegen der Schneewühlerei mit dem Nudelsieb. Eher wegen der dabei empfundenen Verzweiflung. Gibt es nicht schlimmere Dinge auf der Welt als einen verlorenen Ring? Tsunamis und Hungersnöte in der Ferne, Obdach- und Chancenlose vor meiner eigenen Haustür?

Aber der Ring in meiner Hand ist in diesem Moment konkret, das Leid der Welt leider nicht. Obwohl ich weiß, dass die großen Probleme der Welt samt und sonders weiter bestehen, dass Menschen immer noch hungern und Kriege führen, gehe ich an diesem Abend beschwingt und federnden Schrittes nach Hause, denn das eine kleine Problem, das heute meines war, hat sich innerhalb einer einzigen Sekunde in Luft aufgelöst.

Manchmal ist das größte Glück einfach nur, wenn ein schon sicher geglaubtes Unglück nicht eintritt. Wenn man noch einmal mit dem Schrecken davonkommt. Oder ganz einfach, wenn man ein in tiefster Verzweiflung bestelltes Metallsuchgerät mit einem Anruf bei der Hotline stornieren kann und sich die Frau dort über die Geschichte mit dem Hochzeitsring kaputtlacht. Ich lache mit und bestelle stattdessen gleich ein neues Nudelsieb.

»Was ist denn damit passiert?«, fragt Jessica, als sie das alte verdreckt im Mülleimer entdeckt.

»Ach, nicht so wichtig«, sage ich müde. »Das erzähle ich dir ein anderes Mal.«

Ein Zentner Truthahn

Wie viele Menschen tendiere ich normalerweise dazu, solche Missgeschicke abzutun, sobald sie überstanden sind. »War doch klar, dass der Ring wieder auftaucht …«, oder: »Ist ja noch mal gut gegangen …« Diesmal will ich jedoch nicht so einfach zur Tagesordnung übergehen. Ich versuche mich zu erinnern, ob ich während meiner fieberhaften Suche leichtsinnigerweise irgendeinem Gott irgendwelche Dinge versprochen habe für den Fall, dass ich den Ring wiederfinde. Kirchen zu bauen, Opfertiere zu schlachten oder irgendetwas in der Art. Aber nein, da war nichts. Dafür bin ich wohl nicht religiös genug – oder in verfahrenen Situationen einfach nur zu trotzig, um göttliche Hilfe zu erbitten?

Vielleicht wäre es dennoch eine gute Idee, mich in den kommenden Wochen etwas freigiebiger zu zeigen. Gar nicht im Sinne eines Tauschgeschäfts oder Ablasshandels, sondern weil ich gelernt habe, wie glücklich es machen kann, Fremden etwas zu schenken.

Es ist noch gar nicht so lange her. Es war der letzte Abend unserer Hochzeitsreise in Kalifornien, der zufällig auf Thanksgiving fiel: jener Feiertag, an dem die Amerikaner ihrer siedelnden Vorfahren gedenken, Gott für die gute Ernte danken und wahnsinnig viele Truthähne verspeisen. Als Tourist ist man an einem solchen Tag, an dem sich das ganze Land in Bewegung und in Flugzeuge setzt, um daheim bei der Familie die immer gleichen alten Streitthemen auszugraben, ein wenig fehl am Platz. Das Restaurant in Los Angeles, in dem wir uns für ein traditionelles Thanksgiving-Dinner angemeldet hatten, war deshalb auch nahezu menschenleer. Umso voller waren die Teller und Schüsseln, die an unseren Tisch gebracht wurden. Nach den Vorspeisen waren wir bereits satt. Der Truthahn-Hauptgang wäre auch für vier Personen ein reichlicher gewesen, die Nachspeisen hätten für acht gereicht. Zwar gibt es in den USA die praktische Tradition des Doggy Bag, in dem man die Essensreste nach Hause tragen kann – aber dass wir am nächsten Morgen diverse Truthahnkeulen, große Mengen Bratensoße und ein Dutzend Cupcakes und Muffins mit auf die Heimreise nehmen würden, schien uns unwahrscheinlich.

Es war schließlich Jessica, die die rettende Idee hatte: »Komm mit«, sagte sie, griff sich die schwere Papiertüte und zog mich an der Hand hinter sich her.

Es dauerte keine zwei Minuten, da sahen wir den ersten Obdachlosen, von denen in Los Angeles Tausende ihre Einkaufswagen durch die Straßen schieben. Großartige Idee! Doch natürlich kamen sofort Zweifel. Würde es nicht gönnerhaft und gutsherrenartig wirken, dem armen Mann auf der Straße die Reste hinzuwerfen, die man sich selbst beim besten Willen nicht mehr in den eigenen maßlosen Bauch stopfen mochte?

Zum Glück war Jessica pragmatischer: »Happy Thanksgiving! Es klingt vielleicht blöd«, sagte sie, »aber möchten Sie vielleicht etwas von unserem Essen?«

Der Mann mit dem Einkaufswagen, der ein wenig aussah wie ein zahnloser James Brown an einem nicht sonderlich guten Tag, nahm die Tüte freudestrahlend an sich. »Klingt überhaupt nicht blöd, ich freu mich«, sagte er und lachte. »Nur her damit – und euch auch ein frohes Thanksgiving!«

Den ganzen Weg zurück ins Hotel sagten wir kein Wort, aber unsere Bäuche, die vorher einfach nur wehgetan hatten von viel zu viel Truthahn, waren auf einmal wohlig warm und prickelten vor Glück.

Runter mit den Spendierhosen!

Wenn aber Geben offensichtlich derart glücklich machen kann – warum schaue ich dann so oft weg, wenn mich jemand vor dem Supermarkt um Geld bittet oder mir in der U-Bahn eine Obdachlosenzeitung verkaufen will? Wenn es um meine Bequemlichkeit geht, sind mir zehn Euro für ein Taxi selten zu schade – aber einen oder zwei habe ich nicht übrig, wenn mich ein Mensch in einer Notlage darum bittet?

»Es sind einfach zu viele«, beginnt normalerweise mein innerer Entschuldigungsmonolog. »Wenn ich jedem, der mich fragt, etwas gebe, stehe ich nächsten Monat selber an der Treppe zum U-Bahn-Schacht und muss so tun, als könnte ich Akkordeon spielen.«

Ich ahne natürlich, dass diese Behauptung Quatsch ist und reiner Selbstbetrug. Deshalb fasse ich den Beschluss, den ganzen nächsten Monat jedem einzelnen Menschen Geld zu geben, der mich darum bittet.

Gleich am nächsten Tag wird mein Vorsatz auf eine harte Probe gestellt: schnorrende Punks mit Hunden vor der Sparkasse. Ein gebrechlicher Mann mit traurigen Augen am Eingang zum Supermarkt. Am Bahnsteig ein Mann, dem ein Bein fehlt – in der einen Hand eine Krücke, in der anderen einen Pappbecher für Kleingeld. In der U-Bahn eine Frau, die ein Obdachlosenmagazin verkauft. Beim Aussteigen der obligatorische Akkordeonmann. Später zwei Jungs mit Gitarre und Schlagzeug, die eher so aussehen, als würden sie sich auf einer Europarundreise mit ihrer Musik über Wasser halten, als ernsthaft Not zu leiden. Trotzdem: Alle bekommen etwas. Ein oder zwei Euro, je nach Kleingeldlage in meiner Hosentasche. Der Akkordeonspieler hat Pech und bekommt nur einen Schwung 5-, 10- und 20-Cent-Münzen. Zehn bis fünfzehn Euro sind so am Ende des Tages locker weg, denke ich zuerst mit Schrecken – dann erinnere ich mich daran, wie ich, ohne zu zögern, auf »Bestellen« geklickt hatte, als vor einiger Zeit das iPad von Apple erschienen war. In wenigen Sekunden hatte ich mich von dem x-fachen Betrag getrennt, und zwar ohne jede Form von Gewissensbissen oder Bedenken. Jetzt also nicht beim Glück anfangen zu knausern!

Das Tolle an der Spendierhosen-Politik: Sie macht tatsächlich glücklich. Jeder einzelne dieser Menschen musste sich schließlich überwinden, um überhaupt um Hilfe zu bitten. Und jedem einzelnen sieht man an, wie groß die Freude ist, dass ausnahmsweise mal jemand nicht durch ihn hindurchsieht.