Beschreibung

Heute bist du mein Stern - und morgen bist du mir schnuppe! Mit knapp fünfzig Jahren fährt Tine zum ersten Mal in ihrem Leben zur Kur. Allerdings nicht ganz freiwillig. Nach einem Ausraster im Job, bleibt ihr jedoch keine andere Wahl. Beladen mit einem pinkfarbenen Monstertrolley und diversen Problemchen macht sie sich auf den Weg ins schöne Allgäu, um in den Bergen ihr Lachen und ihre Lebenslust wiederzufinden. Sie beginnt ein Glückstagebuch zu führen und lässt sich immer öfter auf Abenteuer ein, die sie zuvor nicht für möglich gehalten hätte. Tines Vorurteile im Hinblick auf Kurschatten, auch 'Sternschnuppen' genannt, sind jedoch nicht aus der Welt zu räumen. Doch dann interessiert sich plötzlich der heißbegehrte Christian von Dorschweiler für Tine und lässt sie nicht nur beim Gleitschirmfliegen abheben. Kann es für Tine und 'Dirndl-Dorschi' eine gemeinsame Zukunft geben oder wird die Beziehung schneller erlöschen als das Alpenglühen? Witzig, turbulent und lebensklug lässt Rita Roth uns am Leben einer Frau teilhaben, die mit der Erkenntnis nach Hause fährt, dass es für einen Neuanfang nie zu spät ist.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 280

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Rita Roth

Sternschnuppenküsse

Eine Auszeit im Allgäu

Dieses Buch widme ich all jenen, die für die Erfüllung ihrer Wünsche und Träume nicht nur auf Sternschnuppen vertrauen. BookRix GmbH & Co. KG80331 München

* Gut zu wissen

 

 

 

Diese Geschichte ist frei erfunden.

Alle Namen, Personen, Handlungen und Begebenheiten entspringen der Fantasie der Autorin.

Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.

 

Die zauberhafte Landschaft des Allgäu mit dem Ort Füssen und das Schloss Neuschwanstein gibt es tatsächlich,

ebenso einige der genannten Kuranwendungen

 

 

Sternschnuppen - Eine Definition

 

 

 

*Heute bist Du mein Stern und morgen bist Du mir schnuppe*

 

Kurschatten werden neuerdings als Sternschnuppen bezeichnet. Zu dieser Erkenntnis kam ich bei meiner Recherche zu diesem Roman. Hinzufügen möchte ich jedoch, dass es unter den Sternschnuppen hin und wieder auch Fixsterne gibt, die mit ihrem Funkeln dauerhaft Licht und Freude in das Leben eines anderen Menschen bringen.

Betthupferl

 

Verächtlich lehnte ich das Angebot ab.

Ich wollte keinen alten Sack in meinem Bett.

Angeblich sollte er echt heiß sein,

über ungeahnte Kräfte verfügen.

 

Meine Neugier siegte,

ich musste ihn testen.

 

Wortlos legte er sich zu mir,

schmiegte sich an meine nackte Haut.

Er wollte mich verwöhnen,

zog mich, auf sich.

So eng, dass ich mich kaum rühren konnte.

 

Jeden Morgen beglückte er mich.

Sehnsüchtig erwartete ich ihn,

ließ mich fallen, gab mich ihm hin.

Er duftete so gut und seine Power war enorm.

 

Unsere Zeit war begrenzt.

Hätte ich mich bloß eher auf ihn eingelassen,

auf meinen heißgeliebten Heusack.

 

Inhaltsverzeichnis

 

Große Ereignisse werfen ihre Schatten vorausFreiheit und AbenteuerWillkommen im ‚Haus Sonnengold’Schreck in der MorgenstundeRund um den SeeDen Rücken stärkenDer PorschetypRaus aus dem AlltagPsycho-PhilErotic EricAugen auf beim Dirndl-KaufIm Irish Pub geht’s abHaare gut – alles gutJetzt oder nieGleitschirmsprungAuszeit mit eigenen GesetzenDas JodeldiplomSternschnuppenküsseLästerliesenDampferfahrtÜberraschung für Dirndl-DorschiMisswahlenGelegenheit macht LiebeDie SchlossführungLustschreie in der NachtBesuch aus der HeimatBergwanderungCrying HeartFunkstilleKleine GeschenkeGespräche von Frau zu FrauGlücksmomente und VeränderungenDie Englein singen hörenBodenseeimpressionenAbschiedsstimmungSpiele in der NachtKurz und schmerzlosSweet SinDie HeimreiseEnde

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus

 

»Meinen Sie, ich sitze zum Spaß hier und warte nur auf Leute wie Sie, die den lieben langen Tag ihren Bauch in die Sonne halten? Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind?« Aufgebracht schlug ich mit der flachen Hand auf die vor mir liegende Akte.

»Ich darf doch wohl auch mal Urlaub machen! Das steht mir zu, schauen Sie doch ...«

»Wie bitte? Urlaub wollen Sie machen? Sind wir denn hier im Reisebüro? Wo soll’s denn hingehen?« Abschätzig musterte ich die Frau auf der anderen Seite des Schreibtisches. Viel zu gut sah sie aus, sonnengebräunt, gepflegt und topmodisch gekleidet. Die machte auf mich nicht den Eindruck, als ob sie jemals gearbeitet hätte.

»Mallorca«, sagte sie leise. »Bitte! Ich muss dahin. Es kann Ihnen doch egal sein, wann ich meinen Urlaub nehmen will. Es sind ja nur vierzehn Tage.«

»Es kann mir egal sein? Was denken Sie denn, weshalb ich hier sitze? Damit Leute wie Sie mir egal sind?« Den flehenden Blick meiner Kundin bemerkte ich nicht mehr, als ich den Stapel unbearbeiteter Akten vom Schreibtisch fegte und hysterisch anfing zu lachen. Ausgerechnet in dem Augenblick öffnete mein Chef die Tür.

»Bitte! Bitte helfen Sie mir!« Heulend sprang meine Kundin auf und wandte sich ängstlich an meinen Vorgesetzten. Es dauerte nicht lange, da präsentierte er mir eine Dienstaufsichtsbeschwerde.  

 

Freiheit und Abenteuer

 

Das Einzige, was ich anscheinend fest im Griff hatte, waren meine Walkingstöcke.

Fest umklammerte ich sie, während Markus neben meinem Pink Panther, wie ich meine rosafarbene Neuerwerbung eines Monstertrolleys nannte, unruhig von einem Bein auf das andere trat. Der Zug hatte bereits fünf Minuten Verspätung und unser Knuddelhund Moppel schaute mich verstört aus seinen schwarzbraunen Knopfaugen an. Er winselte kaum hörbar und machte mir den Abschied damit auch nicht leichter.

»Ach Moppelchen«, versuchte ich ihn zu trösten. »Ja, ich werde dich auch vermissen. Frauchen kommt doch bald wieder.« Sanft redete ich auf unseren süßen Mopsmischling ein und kraulte ihm das Köpfchen. Mein kleiner Liebling würde mir total fehlen, das war mir jetzt schon klar.

 »Frauchen ist bald wieder da, es sind ja nur drei Wochen. Mit Herrchen wirst du auch viel Spaß haben. Nicht wahr, Markus?«

Nickend stimmte Herrchen zu. »Wir werden schon klarkommen, Christine. Die paar Wochen schaffen wir auch ohne dich.«

Etwas unbeholfen nahm er mich in den Arm, ich wusste, dass ihm der Abschied schwerfiel. Markus hasst Abschiede jeglicher Art und ich rechnete es ihm hoch an, dass er mich trotzdem zum Bahnhof gebracht hatte. Meine Abreise hatte seinen Tagesplan durcheinandergebracht. Vielleicht befürchtete er, dass ich nicht wirklich losfahren würde und in letzter Minute einen Rückzieher machen könnte.

Meine bescheuerten Frauchengespräche wurden durch eine schrille Stimme aus dem Lautsprecher unterbrochen: »Vorsicht an der Bahnsteigkante, der Zug nach Berlin über Hannover fährt jeden Moment ein!«

»Erhol dich gut, mein Schatz und komm mit deiner alten Power und mit deinem Lachen zurück. Ach ja, und melde dich unbedingt sofort, sobald du angekommen bist.« Der Rest von Markus’ guten Ratschlägen und Wünschen ging im Bremsenquietschen des einfahrenden ICE unter. Hatte er tatsächlich etwas von Kurschatten gesagt - oder hatte ich mich verhört? Das Wort klang mir in den Ohren, ebenso wie Moppelchens schmerzliches Gejaule, als sich die Tür des Waggons endgültig hinter mir schloss.

***

Der Zug war brechend voll. Mit meinem Monsterkoffer kämpfte ich mich zu meinem Platz durch. Auf meinem Nachbarsitz breitete sich ein korpulenter Mann aus, der sofort beide Armlehnen für sich in Anspruch nahm und der es noch nicht einmal für nötig hielt, meinen Gruß zu erwidern. Das fing ja gut an. Erst die Verspätung und dann noch so ein Piesepampel. In meinen Sitz zurückgelehnt, nahm ich mit den Ellenbogen Kontakt zu dem Dicken auf, bis er seinen Arm schließlich zurückzog.

Jetzt lockten also Freiheit und Abenteuer! Mir stand der Sinn weder nach Verlockung noch nach Abenteuer. Meine Freunde beneideten mich um die verordnete Auszeit und hegten die wildesten Phantasien, in denen sich alles um Kurschatten drehte. Sie erzählten mir unglaubliche Geschichten über Techtelmechtel während der Kur. Angeblich sollte es tatsächlich vorkommen, dass langjährige Ehen durch das Auftauchen eines Kurschattens auseinanderbrachen. Meiner Meinung nach war das alles absoluter Quatsch.

»Wie bitte? Haben Sie etwas gesagt?« Ich hatte gar nicht bemerkt, dass mein unfreundlicher Nachbar mich angesprochen hatte und auf eine Antwort wartete.

Ich musterte den Dicken, so wie ich es im Job täglich machte und war überrascht. Er konnte tatsächlich lächeln und sogar sprechen. Interessiert schaute er meine Walkingstöcke an.

»Wohin geht die Reise denn?«

»Ins Allgäu, in die Nähe von Füssen. Ich will nur hoffen, dass ich den Anschlusszug noch bekomme.« Ich war mir sicher, dass er mich nur fragte, weil er herausfinden wollte, wann er sich wieder ausbreiten konnte.

»Dann will ich Ihnen mal die Daumen drücken, dass Sie den Zug auch wirklich kriegen.« Sein gemurmelter Kommentar war bestimmt nett gemeint, löste aber eine gewisse Panik in mir aus. Freundlicherweise versicherte mir der Kontrolleur, dass der Anschlusszug auf uns warten würde.

So war es tatsächlich. Aufatmend kuschelte ich mich in meinen Sitz, stellte die Lehne zurück und dann machte ich es mir gemütlich. Meine Gedanken kreisten um die Arbeit, aber auch um meine Beziehung zu Markus. Die Landschaft zog an mir vorüber, wie mein knapp fünfzigjähriges Leben. Von Bahnhof zu Bahnhof wurde der Abstand größer. Für die Zeit der Kur wollte ich alles hinter mir lassen, das hatte ich mir fest vorgenommen.

***

Meine Ärztin hatte mir ernsthafte Anzeichen eines Burnouts attestiert. Diese Diagnose hielt ich für reichlich übertrieben, auch wenn ich nicht leugnen konnte, dass ich in den letzten Monaten ständig genervt, reizbar und müde war. Vor allem müde! Abgesehen von meinem Knuffelhund gab es kaum etwas, das mir Freude bereitete. Mein herzhaftes Lachen, für das ich im Freundeskreis bekannt war und das man an mir so liebte, war mir abhandengekommen. Ob ich es im Allgäu wiederfinden würde?

Vor ungefähr zwei Jahren, als ich meinen Arbeitsplatz wechseln musste, fing alles an. Das behauptet Markus jedenfalls. Mein Job wurde durch Umstrukturierungsmaßnahmen an einen neuen Standort verlegt und ich hatte die Wahl entweder zu pendeln oder mich auf einen Arbeitsplatz in einer anderen Behörde zu bewerben. Ich entschied mich für einen anderen Arbeitsplatz am Ort und landete als Jobvermittlerin in einer Arbeitsagentur.

Mit Herzblut ging ich in dem neuen Job auf. Es gelang mir erstaunlich oft, die Arbeitsuchenden zu vermitteln, die Statistik sah gut aus, meine Zuverlässigkeit und mein Verantwortungsgefühl wurden gelobt. Einigen Kollegen war das ein Dorn im Auge und mein Erfolg wurde argwöhnisch kommentiert.

Als mein Aufgabenbereich erweitert wurde, konnte ich meinen Kunden nicht mehr die erforderliche Zeit widmen. Wenn ich meinen Chef darauf ansprach, reagierte er auf diesen Missstand verständnisvoll und verwies gleichzeitig schulterzuckend auf die Dienstvorschriften.

Das letzte Bild, bevor ich einschlief, war der Ausraster in meinem Büro. Bei der Erinnerung daran schäme ich mich noch heute. Ich hatte eine Kundin angeschrien, auf den Tisch gehauen und gerufen: »Was glauben Sie denn, wer Sie sind? Meinen Sie, ich sitze zum Spaß hier und warte nur auf Leute wie Sie, die den lieben langen Tag ihren Bauch in die Sonne halten?«

Es dauerte nicht lange, da präsentierte mein Chef mir eine Dienstaufsichtsbeschwerde. Ich wäre am liebsten im Boden versunken und frage mich seitdem, wie das hatte passieren können. Normalerweise brachte mich so schnell nichts aus der Ruhe. Und nun fuhr ich zum ersten Mal in meinem Leben zur Kur.

***

Eine Kollegin hatte mir das Kurhaus und den Ort empfohlen. Ich wäre eigentlich viel lieber ans Meer gefahren. Die Kollegin schwärmte jedoch so sehr von der Landschaft, dem See, den sanften Ausläufern der Alpen und dem exzellenten Therapieangebot, dass ich mich darauf einließ. ‚Außerdem ist das Essen hervorragend und man trifft in dem Haus interessante Menschen’, versicherte sie mir mit einem Augenzwinkern und fügte leise hinzu ‚und Männer’. Womit sie gleich wieder bei ihrem Lieblingsthema war.

Ich konnte es nicht mehr hören, immer dieses Gerede über Kurschatten, die neuerdings Sternschnuppen genannt werden. Automatisch schaltete ich ab. Diese Art von Sternen war mir wirklich schnuppe. Mein Interesse an einem Flirt oder an Kurbeschattung bewegte sich weit unter dem Nullpunkt. Außerdem bin ich schon lange mit Markus zusammen, der liebevoll und nett ist und mir kurz nach unserem Kennenlernen das Möpschen mit dem treuen Blick und dem Temperament eines Terriers geschenkt hatte.

An Markus nervt mich eigentlich nur seine Campingbesessenheit, neben ein paar anderen Kleinigkeiten. Jeden Freitag will er auf einen Campingplatz und dort das Wochenende mit mir verbringen. Die Rollen hat er klar verteilt. Ich darf kochen und alles schön sauber halten, während Markus an der ollen Schrottkarre schraubt und werkelt. Und in den Campingnächten will er mich als strahlendes Weib für Lust und Leidenschaft in der schmalen Koje. Meine Lust auf Sex ist mir jedoch mit meinem Lachen abhandengekommen.

Früher liebten wir uns, sobald wir eine Gelegenheit fanden, und wir fanden ständig Gelegenheiten. Markus hatte eine Schwäche für Outdoorsex. Es war ausgesprochen prickelnd und unsere spezielle Art und Weise, die Natur zu erkunden.

Manchmal frage ich mich, ob es an den Wechseljahren liegen könnte, dass ich so lustlos geworden bin? Ich beschloss, auch diesen Punkt mit Hilfe der Therapie zu bearbeiten.

Gähnend griff ich zum letzten Mal nach meinen Stöcken und schnappte mir mein pinkes Monster. Ich hatte mein Ziel erreicht.

 

Willkommen im 'Haus Sonnengold'

 

‚Haus Sonnengold' stand auf dem Schild, das ein grauhaariger Herr in die Höhe hielt, um seine Schäfchen einzusammeln. Mit wissendem Blick musterte der alte Mann die Ankömmlinge. Anscheinend erkannte er schon von Weitem seine Kurgäste.

»Grüß Gott die Damen«, begrüßte er mich und die andere Frau, die mit mir angereist war. Galant verstaute er unser Gepäck, hob nur kurz einmal die Augenbraue, als er meinen Pink Panther ins Auto hievte. Meine Walkingstöcke überließ ich aber nicht seinen zupackenden Händen, die hielt ich eisern fest. Schließlich waren sie das Einzige, das ich noch im Griff hatte.

Meine Freude über die nette Begrüßung hielt sich in Grenzen. Viel lieber hätte ich mich erst einmal allein umgesehen und in Ruhe einen Zigarillo geraucht. Seit mindestens fünf Minuten umklammerte ich die Schachtel in meiner Jackentasche. Von Sucht kann bei mir allerdings nicht die Rede sein, ich bezeichne mich als Genussraucherin. Das Rauchen ist mein kleiner Luxus und wirklich das einzige Laster, das ich pflege. Die ganze Zeit über hatte ich mich auf diesen Moment gefreut, noch einmal tief durchatmen, bevor es mit der Kur richtig losgehen würde.

Unser Fahrer plauderte fröhlich mit uns, bis die andere Dame anfing, munter drauflos zu schnattern. »Ich bin die Iris«, stellte sie sich vor und fügte ungefragt hinzu, dass ihr Vater den Namen für sie ausgesucht hatte, weil sie so schöne blaue Augen hätte, so wie die gleichnamige Blume.

Unauffällig beobachtete ich sie von meinem Platz auf der Rückbank und steckte sie sofort in die Schublade ‚Sternschnuppe’. Zu Iris hätte mein pinkes Monster viel besser gepasst. Ihr Nagellack leuchtete in der gleichen Farbe, ebenso ihre Jacke. Iris war nicht nur blauäugig, sie war auch noch superblond, mit reichlich Dekolleté und einem sinnlichen Mund, der in Magentapink leuchtete.

»Ich bin Christine, kannst aber Tine zu mir sagen«, nahm ich das Gespräch auf und gab bereitwillig Auskunft darüber, wie günstig ich mein pinkes Monster erstanden hatte. Mit treuer Miene gestand sie mir allen Ernstes, dass sie mich um dieses Gepäckstück beneidete.

»Und weshalb bist du hier, Tine?«

»Ähm ...« Hektisch begann ich in meiner Tasche zu wühlen. Auf so indiskrete Fragen war ich nicht vorbereitet. Auf keinen Fall wollte ich den wahren Grund meines Aufenthalts verraten. Es schien Iris zum Glück auch nicht ernsthaft zu interessieren. Als ich zu einer Antwort ansetzte, plapperte sie bereits munter weiter.

»Ich muss unbedingt etwas für meinen Rücken tun, das ewige Sitzen am Computer vertrage ich einfach nicht. Man wird schließlich auch nicht jünger.« Dann senkte sie die Stimme und flüsterte, dass sie gemobbt würde und aus diesem Grund das Angebot der Psychologischen Beratung in Anspruch nehmen müsse. »Die Therapie wird von einem sehr einfühlsamen und sehr gutaussehendem Psychologen durchgeführt«, ließ sie in einem Nebensatz durchblicken.

Als wir wenige Minuten später ankamen, kannte ich das halbe Leben von Iris. Ich wusste, dass sie immer Pech mit den Männern hatte, sie aber trotzdem liebte. »Ich hatte in meiner Kindheit ein wirklich problematisches Verhältnis zu meinem Vater. Er hat mich nie so geliebt, wie ich mir das gewünscht hätte.«

Damit ließen sich all ihre Männerprobleme erklären und nun versuchte sie anscheinend, dieses tragische Schicksal durch zahllose Liebschaften zu kompensieren.

Mir lag ein bedauerndes ‚Oh’ auf der Zunge, als Ferdi, unser Fahrer, vor dem Portal des Kurhauses anhielt und uns einen erholsamen Aufenthalt wünschte. Beflissen schleppte er Iris’ Koffer bis zur Rezeption. Mich und meinen Trolley beachtete er nicht weiter, ich konnte selber schleppen.

So ist das also. Neben diesem Typ Frau bin ich anscheinend unsichtbar. Das war so einer der wenigen Momente, in denen ich mich dafür verfluchte, dass ich mich nicht wenigstens minimal geschminkt hatte, auch wenn ich sonst einen natürlichen Stil bevorzuge. Das Einzige, wobei ich der Natur nachhalf, war meine Frisur. Meinen Kurzhaarschnitt färbte ich seit Jahren mit pflegendem Henna. Das Ergebnis war ein herrlich leuchtender Rotton, der meine grünen Augen schön hervorhebt und von meiner dicken Nase ablenkt.

***

Mein Zimmer im ‚Sonnengold’ war noch schöner, als im Prospekt abgebildet. Da ich bereit war, etwas mehr Geld auszugeben, hatte ich mich für eines der Luxuszimmer mit Balkon und Seeblick entschieden. Es war recht groß und gemütlich, und wahrscheinlich hatte ich sogar Sonnenuntergangsgarantie.

Ich schaute mich um und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Herrlich! Das Abenteuer konnte losgehen. Eine erste Euphorie breitete sich in mir aus. Alles wirkte so freundlich und hell. Unwillkürlich musste ich an ›Heidi auf der Alm‹ denken und fragte mich, ob die Geschichte wohl hier oben in den Bergen gespielt haben könnte.

Gespannt auf das, was mich erwarten würde, eilte ich zu meinem ersten Termin, zur Hausführung. Die Chefin begrüßte die Neuankömmlinge höchstpersönlich. Ein junges Mädel im Dirndl bot uns Willkommensgetränke an. Es gab tatsächlich Alkohol, ich konnte es kaum glauben und entschied mich für einen Sekt ohne O-Saft. Meine Vorstellung davon, wie eine Kur zu sein hatte, fing an, sich aufzulösen. Vielleicht war das Ganze gar keine so schlechte Idee gewesen.

Iris, die Blauäugige, stand mir gegenüber. Es war nicht zu übersehen, dass sie ihren Blick bereits schweifen ließ und abcheckte, ob ein passender Schatten für sie dabei sein könnte. Ihre blauen Augen blieben an dem Mann neben mir hängen, einem ziemlich großen Kerl mit lockigen, längeren Haaren, die er offen trug. Sein Haar war grau, fast weiß und ließ seine sonnengebräunte Haut noch dunkler wirken. Anscheinend gefiel er sich in der Runde der Neuankömmlinge, die überwiegend aus Frauen bestand. Er fing gleich an, uns mit zweifelhaften und zweideutigen Witzen zu unterhalten.

»Ich bin Wiederholungstäter«, erzählte er stolz und die Chefin lobte ihn dafür. Ob ihm wohl das silberne oder goldene Duschbad oder die blauweiße Badelatsche mit in Gold graviertem Namen verliehen wird?, fragte ich mich. Zwischen Iris und dem Witzbold flogen nicht nur Blicke hin und her, sondern auch Worte. Schnell war ich mir sicher: Da geht noch was. Wenigstens in diesem Punkt würde mein Klischee erfüllt werden.

Die lange Fahrt hatte mich mehr angestrengt, als ich mir eingestehen wollte. Obwohl ich ziemlich geschafft war, entwickelte ich bei der Hausführung den Ehrgeiz, mir alles zu merken.

Als wir die Bäderabteilung betraten, bildete ich mir ein, in einem Wellness-Tempel zu sein. Die Wände, die Fliesen, alles war in warmen Gelb- und Rosttönen gehalten und geschmackvolle Bilder zierten die Wände. Kleine, bunte Mosaikfliesen bildeten den Abschluss, aromatische Düfte nach Sauna und Massage stiegen mir in die Nase und verbreiteten eine entspannte Stimmung. Es war soo schön!

Inmitten des Wassertretbeckens ragte eine Säule empor, auf der eine nackte Schönheit einer Muschel entstieg. Daneben lag das kleine Schwimmbad, in das ich mich auf den ersten Blick verliebte. Marmorsäulen und dezente Deckenstrahler ließen es äußerst exklusiv wirken und die vorgewärmten, apricotfarbenen Badetücher unterstrichen diesen Eindruck. Auf der zugehörigen Terrasse konnte man relaxen, mit Blick auf sanfte Berge und auf Schloss Neuschwanstein, das sich in strahlendem Weiß vor dem Grün der Wiesen und Berge abhob.

Konnte die Wirklichkeit so kitschig schön sein? Langsam fragte ich mich, ob das alles nicht nur ein Traum war. Falls es ein Traum sein sollte, dann wollte ich nicht mehr aufwachen. Die Menschen, die uns im Haus begegneten, lächelten allesamt. Ob das wohl ansteckend war? Vielleicht würde ich nach den drei Wochen auch wie ein grinsender Breitmaulfrosch durch die Gegend hüpfen? Bei dieser Vorstellung musste ich innerlich lachen. Ich sah das Bild genau vor mir. Fett grinsend saß ich auf einem Seerosenblatt, Mücken tanzten um mich herum und ab und zu ließ ich meine Zunge hervorschnellen und verspeiste eine. Anschließend gab ich ein rülpsendes ‚Quak’ von mir.

Der Lockenkopf strahlte mich an und meinte: »Das ist aber unfair, dass Sie sich selbst Witze erzählen und uns nicht daran teilhaben lassen.« Ich muss ihn wohl ziemlich dämlich angesehen haben, bis er mich schließlich direkt auf mein Lachen ansprach. Anscheinend hatte ich nicht nur still in mich hineingekichert.

Iris wickelte eine blonde Strähne um ihren Finger und ließ ihren Blick zwischen dem Typen und mir hin- und herwandern. Ich sah ihn mir genauer an und schätzte ihn auf Ende fünfzig, auch wenn er versuchte, wie ein Mittvierziger rüberzukommen.

Wir setzten unseren Rundgang fort, bis wir uns im Speisesaal wiederfanden. Auch hier war alles freundlich und liebevoll hergerichtet. Weiße Tischtücher, gestärkte Stoffservietten und frische Blumen auf den Tischen ließen erst gar keine Kantinenatmosphäre aufkommen.

»Vroni wird Sie nun an Ihren Tisch begleiten. Für das Mittag- und Abendessen haben Sie dort immer Ihren festen Platz. Zum Frühstück können Sie sich hinsetzen, wo Sie möchten.« Die Chefin des Hauses trippelte klackernden Schrittes zurück in ihr Büro. Mein Stoßgebet, dass ich nicht mit Iris und dem Lockenkopf an einem Tisch sitzen musste, wurde erhört.

 

Schreck in der Morgenstunde

 

Mit letzter Kraft hatte ich meine Koffer ausgepackt und mich für einen Moment auf den Balkon gesetzt. Mit meinem Krimi in der Hand schlief ich ein. Im Halbschlaf muss ich dann wohl noch den Weg ins Bett gefunden haben.

Mitten in der Nacht fuhr ich schlaftrunken hoch. Ich glaubte, den Schatten einer Person zu erkennen. Meine Hände ballten sich reflexartig zu Fäusten, bereit, gnadenlos zuzuschlagen. Ich konnte mich nicht sofort erinnern, wo ich war. Meine grauen Zellen waren noch nicht online.

»Grüß Gott Frau Landgraf, Sie müssen’s net erschrecke«, trällerte eine fröhliche Stimme. «Ich bin die Rosi und ich bringe Ihnen den Heusack.«

Das Mädchen legte mir einen kräuterduftenden, heißen Sack unter meinen Rücken, drückte mich resolut zurück in die Kissen und flüsterte mit ihrem süßen Akzent: »So, nu schlafen’s noch a bisserl. Den Heusack bringen’s nachher einfach mit nunter in den Therapiebereich. Frühstück gibt’s ab acht Uhr.«

Lautlos huschte das Mädel davon, es war erst sechs Uhr früh. Konnte ich denn nicht einmal hier ausschlafen? Die wohlige Wärme im Rücken und der würzige Duft von frischem Heu taten ihre Wirkung. Ich fiel zurück in den Schlaf, bis mein Wecker gnadenlos klingelte. Aus Angst, das Frühstück zu verschlafen, hatte ich ihn eingepackt. Auf die Weckfunktion meines Handys wollte ich mich nicht verlassen. Außerdem war ich unsicher, ob man in dem Haus überhaupt ein Handy benutzen durfte. Ich hatte ja die wildesten Geschichten gehört.

***

Der letzte Traum war noch lebendig, als das Piepen mich in die Wirklichkeit zurückholte. Das Ding in meinem Rücken half mir bei der Erinnerung, wo ich mich befand. Es war inzwischen abgekühlt und der Duft nach frischem Heu erfüllte den ganzen Raum.

In meinem Traum hatte ich mich fliegen sehen. Ganz frei und leicht erhob ich mich in die Lüfte, drehte Spiralen, flog höher und höher. Warme Winde trugen mich hinauf, weit weg von den Häusern der Stadt. Es fühlte sich an, als würde der Wind mich zärtlich streicheln, sanft umspielte er meinen Körper. Statt meiner Lieblingsjeans trug ich ein flatterndes, farbenfrohes Gewand. Ich kam mir vor wie ein exotischer Vogel in der Morgensonne, schillernd bunt und schön.

Von weit oben konnte ich mein Amt mit den herumwuselnden Menschen entdecken. Es wurde kleiner und kleiner. Plötzlich änderte sich die Szenerie und ich kreiste über einem See, der ungewöhnlich ruhig und in tiefem Blau schimmerte. Funkelnde Lichter hüpften und tanzten auf seiner Oberfläche, wie ein Funkenregen.

Ich genoss den Anblick der Landschaft, die in saftigem Grün unter mir lag. Sanfte Berge schmiegten sich um den See und die Luft fühlte sich warm und frisch zugleich an. Ich atmete tief ein, ließ mich tragen und konnte mich nicht sattsehen. Mit spielerisch leichten Bewegungen landete ich am Ufer des Gewässers.

Das letzte Bild, das von meinem Traum hängengeblieben war, zeigte mir mein Spiegelbild in dem See. Ich war mir nicht sicher, ob die Person, die mich anlächelte, wirklich ich sein sollte. Die leuchtend roten Haare und die markante Nase sahen aus wie meine. Aber die Augen sahen anders aus. Sie hatten das gleiche Grün wie meine Augen, doch in dem Spiegelbild glänzten sie und strahlten mich an. Außerdem war das Gesicht glatt und die Mundwinkel zeigten nach oben. Ein süßes Grübchen in der Wange gab dem Spiegelbild eine frechfröhliche Lebendigkeit.

Was für ein schöner Traum! Mit einem Lächeln verschwand ich im Bad.

***

An meinem Tisch saßen außer mir noch zwei Männer und zwei Frauen. An die einzelnen Namen und die dazugehörigen Gesichter konnte ich mich nicht mehr erinnern. Wir hatten uns zwar gestern Abend vorgestellt und waren zum Du übergegangen, leider hatte ich die Namen jedoch vergessen. Die wichtigsten Regeln konnte ich mir allerdings merken.

Erstens: Beim Essen wird nicht über Krankheiten gesprochen!

Zweitens: Gespräche über den Job sind tabu! Man durfte höchstens erzählen, wo man arbeitet, eventuell noch in welcher Position. Mehr nicht! Das kam mir sehr entgegen. Ich war gespannt, ob sich alle daran halten würden.

 

Nach dem Frühstück ging ich zur Eingangsuntersuchung. Frau Doktor verordnete mir Entspannung und Bewegung, dazu Massagen, Bäder, Kneipp’sche Güsse und psychologische Beratung. Zwei Psychotermine pro Woche schienen ihr in meinem Fall angebracht zu sein. Dann bin ich wohl ein Härtefall!, dachte ich, zog mir meine Laufschuhe an, stöpselte mir die Hörer meines Smartphones ins Ohr und trabte los.

 

Rund um den See

 

Der See lag gegenüber vom Kurhaus und hatte eine frappierende Ähnlichkeit mit dem Gewässer in meinem Traum. Im Vorbeilaufen registrierte ich einen Campingplatz, der ziemlich gut und ziemlich teuer aussah. Er war sogar mit Sternchen ausgezeichnet worden. Akkurat reihten sich die Wohnmobile nebeneinander auf. Manche sahen richtig luxuriös aus. Unser in die Jahre gekommener Campingbulli konnte da nicht mithalten. Siedendheiß fiel mir Markus ein. Ich hatte vergessen, ihm nach meiner Ankunft eine SMS zu schicken. Dabei hatte ich ihm hoch und heilig versprochen, mich sofort zu melden, wenn ich gut angekommen wäre. Aber eigentlich hätte Markus sich ja auch melden können.

Wenig später lief ich durch ein Wäldchen. Ich beschleunigte mein Tempo und allmählich verschwanden die Gedanken aus meinem Kopf. Ich lief schön gleichmäßig und genoss den Anblick der Bilderbuchlandschaft. Die Luft schien hier im Allgäu irgendwie anders zu sein, würzig und süß.

Der Typ in meiner Laufapp, ich nenne ihn Paule, feuerte mich an. Ich sollte einen Sprint einlegen, dann wieder gemächlich zu traben. Erste Schweißperlen standen mir auf der Stirn, als ich das Wäldchen verlassen hatte und in der Vormittagssonne zwischen den Wiesen hindurchlief.

Beinahe wäre ich gestolpert, als mich jemand an der Schulter berührte. »Gut so, weitermachen«, hörte ich im Vorbeilaufen und sah einem knackigen Hintern und strammen Waden hinterher, die sich zügig entfernten. Der dazugehörige Mann drehte sich kurz um, winkte, zwinkerte und lief weiter. Schnaufend erkannte ich, dass es einer meiner Tischnachbarn gewesen war. Nett sah er aus. Ich überlegte, wie er hieß, aber sein Name wollte mir beim besten Willen nicht einfallen. Beim Frühstück hatte ich ihn nicht gesehen, aber beim Mittagessen würde er mir nicht entkommen.

Verschwitzt und mit hochrotem Kopf huschte ich aufs Zimmer und beeilte mich, pünktlich zum Essen zu erscheinen. Mein Interesse an der Umgebung, an den Menschen war erwacht. Der Traum in den Morgenstunden hatte mich beflügelt.

***

Als ich mich im Speisesaal umschaute, wurde mir klar, dass ich definitiv die falschen Klamotten eingepackt hatte. Sportkleidung wurde zu den Mahlzeiten nicht gern gesehen. Damit hatte ich mich für die Reise eingedeckt. Aber an etwas Schickes hatte ich nicht gedacht. In meinem Schrank hingen nur meine geliebten Jeans, dazu Shirts in allen Farben und zwei Blusen. Für heiße Tage sogar drei Sommerkleider.

Mit einem Blick auf meinen Kurplan stellte ich fest, dass mich hier wohl kein Urlaub erwarten würde.

»Hallo Tine, zeig mal deinen Terminplan! Wie früh geht’s denn bei dir immer so los?« Mit gekonntem Hüftschwung rauschte Iris an meinen Tisch.

»Hm«, erwiderte ich einsilbig.

»Zeig mal, hast du Termine bei PP?«, wollte sie wissen.

»PP? Was meinst du denn damit?« Ich glaube, ich schaute etwas dümmlich drein.

Schon hielt Iris meine Mappe in der Hand und machte große Augen. »PP ist Psycho-Phil, du weißt ja, der von dem ich dir erzählt habe.« Iris schluckte. »Sag mal Tine, ist das denn wohl richtig eingetragen, dass du zweimal in der Woche bei PP bist?«

»Wenn es da drinsteht, dann soll es wohl so sein. Habe ich mir noch nicht so genau angesehen.« Ich nahm ihr die Mappe aus der Hand, das ging diese blauäugige Quasselstrippe überhaupt nichts an.

Bevor Iris weiter lamentieren konnte, dass sie keine Therapie bei PP trotz Mobbing verordnet bekommen hatte, wurde die Suppe serviert. Mein Platz lag strategisch günstig, ich hatte alles gut im Blick. Leider wurde ich dauernd abgelenkt. Der Sprinter, der mich am See überholt hatte, saß mir schräg gegenüber und entwickelte sportlichen Ehrgeiz darin, mich zu unterhalten.

»Du hast einen echt guten Laufstil, Tine. Ich habe das beobachtet, ziemlich locker. Und du hältst die Stöcke richtig in der Hand. Das ist nämlich gar nicht so einfach. Die meisten Walker machen das verkehrt. Gehst du auch joggen?«

»Wie, du hast das beobachtet? Wie meinst du das denn? Bist du die ganze Zeit langsam hinter mir her getrabt und hast meine Beinarbeit beobachtet? Ich fasse es ja wohl nicht, Toni!« Mit strengem Blick musterte ich ihn. Zum Glück standen Namensschilder auf dem Tisch, so musste ich mir nicht die Blöße geben, dass ich mir seinen Namen nicht gemerkt hatte. Der ganze Typ war nicht von Bedeutung für mich, wieso sollte sich mein Gehirn also den Namen merken? Bei näherer Betrachtung kam ich zu dem Schluss, dass er von hinten deutlich besser aussah als von vorne.

»Du kannst auch bestimmt gut joggen, da wette ich mit dir. Ich zeige dir mal, wie das geht, ich kann dich trainieren, dich richtig fit machen. Wandern wäre auch etwas für dich. Am Samstag, da wird wieder die große Wanderung zum Tegelberg angeboten. Da gehen wir hin, nicht wahr?«

Ohne Luft zu holen, unterbreitete er mir immer neue Vorschläge. Mountainbike fahren sollte ich auch mit ihm. Er würde eine einfache Strecke mit nur geringen Höhenmetern auswählen und für den Anfang nicht mehr als vierzig Kilometer. Er würde mich mitziehen, schließlich sei er dreifacher Ironman! Da hatte ich den Salat.

Das Geschwätz des Superhelden nahm und nahm kein Ende und konnte mich momentan nicht beeindrucken. Meine Aufmerksamkeit galt dem Essen. Wenn ich Hunger habe, bin ich ungnädig, dann sollte man mich besser in Ruhe lassen. Das Einzige, was mich an ihm faszinierte, war die Kunst ohne Pause zu reden und trotzdem den Teller leer zu bekommen. Nicht nur ein Marathonläufer, sondern auch noch ein  Marathonschwätzer.

Zwischen gedünstetem Fischfilet an Safransoße und Salzkartoffeln wechselte er vom Laufsport zum Radsport und verkündete stolz, dass er drei Räder mitgebracht hatte. Die Route für nachmittags hatte er gut ausgearbeitet, nur das Wetter war ihm drei Grad zu heiß. Anschließend wollte er in den See springen, um noch ein paar tausend Meter zu schwimmen und sich abzukühlen.

»Sag mal Toni, hast du denn nachmittags überhaupt keine Anwendungen?«

Meine restlichen Tischnachbarn grinsten wissend und Angie, die mir gegenübersaß, verdrehte die Augen. Diese Frage hätte ich mir besser verkneifen sollen. Toni holte aus und erzählte voller Stolz, während er hastig sein Dessert löffelte, dass er mit seinem Charme die Damen in der Therapieplanung davon überzeugen konnte, dass er nachmittags seine eigene Bewegungstherapie absolvierte und seine Termine nach Möglichkeit auf den Vormittag gelegt werden sollten.

»Der Toni ist schon ein schlauer Fuchs.« Angie zwinkerte mir zu. »Du glaubst gar nicht, was der noch für Tricks draufhat. Das lernt man alles bei der Polizei.« Bevor er mich weiter zutexten konnte, widmete ich mich meinem Dessert, einer Erdbeercreme mit Schokostreuseln.

»Also Tine, mein Angebot steht«, wandte er sich an mich, bevor er einen Abstecher an den Nebentisch machte und einen neu gewonnenen Sportpartner zum Aufbruch zu drängte.

»Puh!« Die gesamte Tischrunde seufzte laut auf. Als Lina, eine von diesen netten und hübsch anzusehenden Bedienungen im Dirndl, den Tisch abräumte, war ein mitleidiges Schmunzeln um ihren Mund nicht zu übersehen.

Wir blieben noch einen Moment sitzen, plauderten über Anwendungen und was man in und um Füssen Schönes unternehmen kann. Meine Tischnachbarn waren bereits in der zweiten oder dritten Woche und kannten sich bestens aus. Bis auf den dreifachen Ironman schien meine Essensgruppe in Ordnung zu sein. Ich hatte nicht vor, dauernd mit den anderen zusammenzuglucken. Ich wollte einfach nur Ruhe und Zeit haben, für mich allein.

Lautes Gekicher am Tisch schräg gegenüber ließ mich aufhorchen. So diskret wie möglich riskierte ich einen Blick und versuchte, mir ein Bild über die Zusammensetzung der Runde zu machen. Interessant!

Fünf Frauen umringten einen Mann und jede von ihnen hing gebannt an seinen Lippen, wenn sie nicht lachten. Ihn konnte ich nur von hinten sehen. Er saß relativ ruhig und gelassen da und genoss anscheinend die Aufmerksamkeit der Damen und ihre Versuche, seine Gunst zu gewinnen.

Leider konnte ich mir das Schauspiel nicht in Ruhe ansehen, auf meinem Plan stand mein erster Massagetermin. Ich schlenderte Richtung Bäderabteilung, machte vorher einen Abstecher auf mein Zimmer, hüllte mich in den kuscheligen Bademantel und schnappte mir meine Therapiemappe. Seit Jahren war ich nicht mehr zur Massage gewesen oder in die Sauna gegangen, entsprechend sahen meine Badeschlappen aus. Sie waren nicht sonderlich modern, einfach blauweiß. Ich schämte mich ein wenig dafür, als ich den anderen Kurgästen in ihren schicken Outfits begegnete. Die Bademäntel waren zum Glück alle gleich, sie gehörten zum Haus.

 

Den Rücken stärken

 

Mit Blick auf die Rezeption wartete ich darauf, dass ich aufgerufen wurde. Die Stühle neben mir waren noch frei, nur leider nicht mehr lange. Der Lockenkopf setzte sich neben mich, er hatte auch gleich einen Termin.

»Hallöchen, dann wollen wir uns mal ein bisschen verwöhnen lassen. Deshalb sind wir ja schließlich hier.«

»Hm«, erwiderte ich.

Eingehend musterte er meine Füße. Sie schienen vor seinen Augen zu bestehen. Dann gab er mir den Tipp, bei Gelegenheit einmal in den Ort zu fahren und mich in den Sportabteilungen der ansässigen Geschäfte nach Badelatschen mit etwas mehr Fußbett umzusehen.

»Ach tatsächlich? Ist es so offensichtlich, dass meine Füße ein anderes Fußbett brauchen?« Irritiert schaute ich ihn an. Eigentlich hatte ich eine nette, bewundernde Bemerkung über meine, wie ich finde, wirklich schönen Füße erwartet.

Süffisant grinste er mich an und erwiderte: »Mag sein, dass deine Füße auch nur ein anderes Bett brauchen.«

Bevor mir eine Antwort auf diese Unverschämtheit einfiel, wurde er in die Kabine gerufen. Der andere Typ, der mittlerweile auf dem anderen Stuhl neben mir Platz genommen hatte, konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.