Verlag: neobooks Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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E-Book-Beschreibung Stigmata - Silvia Maria de Jong

Was tut eine Frau und Mutter, wenn sie erfährt, dass der Mann, der ihr das Leben gerettet hat und in den sie sich gerade zu verlieben beginnt, ein Mörder ist? Kann eine solche Beziehung eine Chance haben? Darf sie einen Mann mit so einer Vergangenheit überhaupt lieben? Und wird diese Liebe sie letztendlich töten? Zwei Ausgestoßene, die gemeinsam den dunklen Schatten ihrer Vergangenheit begegnen. Vor der großen Kulisse des französischen Atlantiks entspinnt sich ein dramatischer Liebesroman mit Thriller Elementen.

Meinungen über das E-Book Stigmata - Silvia Maria de Jong

E-Book-Leseprobe Stigmata - Silvia Maria de Jong

Silvia Maria de Jong

Stigmata

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Impressum:

Stigmata

Widmung

Demons

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Nachwort

Impressum neobooks

Vorwort

Liebe Leser,

ich danke Ihnen, dass Sie sich für Stigmata entschieden haben und wünsche viel Spaß und Spannung beim Lesen.

Wenn Ihnen mein Roman gefällt, würde ich mich sehr über eine Rezension von Ihnen freuen.

Und nun viel Lesegenuss wünscht

Ihre Silvia Maria de Jong

Besuchen Sie mich auch bei Facebook,

auf www.silvia-maria-dejong.de

oder schreiben Sie mir eine E-Mail:

info@silvia-maria-dejong.de

Impressum:

Korrektorat/Lektorat: U. Menzel

Cover: S. Stede

© Alle Rechte vorbehalten Silvia Maria de Jong

Stigmata

Zwei Leben. Zwei Schicksale. Eine Liebe, die unweigerlich den Weg ins Verderben nimmt…

Thierry und Liliana, beide vom Schicksal schwer gezeichnet, begegnen einander am Wendepunkt ihres Lebens. Thierry kehrt nach einer neunjährigen Haftstrafe zurück in seine Heimat, konfrontiert mit Anfeindungen und Verleumdung. Eine zarte Bande der Freundschaft entspinnt zwischen den Beiden. Er hilft Liliana, die nach dem Tod ihres Mannes dem Alkohol verfiel, wieder auf die Beine.

Eine Begegnung die auf den ersten Blick für Liliana lebensrettend ist, auf dem zweiten aber ebenso tödlich sein kann…

Widmung

Für Josef und Christine de Jong,

die immer an mich geglaubt haben

und meine Geschicke aus anderen Dimensionen

lenken und leiten.

Für immer in meinem Herzen.

Demons

I want to hide the truth

I want to shelter you

But with the beast inside

Ther’s nowhere we can hide.

When you feel my heat

Look into my eyes

It’s where my demons hide

It’s where my demons hide.

Don’t get to close

It’s dark inside

It’s where my demons hide

It’s where my demons hide.

Your eyes, they shine so bright

I want to save that light

I can’t escape this now

Unless you show me how.

Aus Demons

Von den Imagine Dragons

Eins

Freiheit

Unsere Seele ist

wie ein Vogel

dem Netz des Jägers

entkommen;

das Netz ist zerrissen

und wir sind frei.

Psalm 124,7

Im letzten, rötlichen Aufflackern des Tages erreichte er den

Dünenkamm. Still verharrte er auf der Erhebung und versuchte

den widersprüchlichen Gefühlen, die in ihm tobten, nachzuspüren.

Unter seinen bloßen Füßen ahnte er noch die Wärme des Tages im feinkörnigen Sand. Er hob den Kopf und blickte in den dunkler werdenden Himmel. In der Ferne erklang Donnergrollen, Wind frischte auf und trieb erste Regenwolken voran, welche die kaum aufgegangenen Sterne verdunkelten. Unterhalb der Düne peitschte die schäumende Gischt an den weitläufigen Strand. Tosend türmten sich die Wellen zu Meter hohen Ungeheuern auf, schlugen ineinander und trieben ihr Spiel mit den wild tanzenden, fest vertäuten Bojen, die den Badegästen die nicht zu überschreitenden Grenzen markierten.

Zu dieser Stunde und bei einem aufkommenden Unwetter war der Strand menschenleer. Ohnehin war die Saison fast vorüber.

Thierry legte den Kopf in den Nacken und atmete tief, füllte seine Lungen mit der salzigen Luft bis sie bersten wollten.

Mit geschlossenen Augen sank er in die Knie, grub die Hände in den Sand und spürte den Atem des rauen Windes, der leise flüsternd seine alte, vertraute Melodie sang. Gott allein wusste wie sehr er die Weite und Einsamkeit des Ozeans vermisst hatte. Neun Jahre glichen einer Ewigkeit, einem ganzen Leben,

wenn man etwas so schmerzlich vermisste. In Gedanken war er tausendmal hierher zurückgekehrt, kannte jeden Stein, jeden Strauch, jede noch so geringe Wegbiegung. In mancher Nacht schien die Sehnsucht ihm fast den Verstand zu rauben, trieb ihn bis an die Grenzen seiner eisernen Selbstbeherrschung.

Doch jetzt, da er endlich zurückgekehrt war, wo er den Sand wahrnehmbar durch seine Finger rinnen spürte, wo er den rauen Duft des Windes vernahm, das Dröhnen der Brandung in seinen Ohren bebte, fühlte er, wie das Salz der Gischt auf seinen Lippen sich mit dem Salz seiner Tränen verband.

Lautlos durchbrachen sie das eiserne Siegel hinter dem er seine Gefühle verborgen hielt. Er war ein Sohn des Meeres. Solang er zurückdenken konnte, war er auf die See hinausgefahren, wenn die Geschehnisse der Zeit ihn bewegten, quälende Gedanken ihn heimsuchten, Fragen auf seinen Lippen brannten die niemand beantworten konnte oder Freude seine Brust sprengen wollte.

Der Atlantik rief ihn in dunklen Nächten und an stürmischen Tagen. Und er folgte diesem Ruf, diesem unwiderstehlichen Drang in seinem Herzen, der ihn hinaus auf die Wellen trieb.

Die Jahre der Dunkelheit, die wie ein Schatten auf seiner Seele ruhten und ein Teil von ihm waren, konnte er nicht ungeschehen machen. Sie waren ein fester Bestandteil seiner Persönlichkeit, eingraviert in den Geist, wie ein Tattoo in die Haut. Unauslöschlich gezeichnet für alle Zeit.

Doch er musste sein Leben leben, was auch immer in der Vergangenheit geschehen war. Er konnte es zumindest versuchen, wenn auch die Umstände dagegen sprachen. Das war er sich schuldig. Niemand hier, da war er sicher, hatte sein Gesicht und die Geschichte, die sich mit seinem Namen verband, vergessen. Sie hassten ihn und würden alles daransetzen ihm das Leben auf der Insel zur Hölle zu machen, ihn niemals vergessen lassen, warum er die vergangenen neun Jahre an jenem Ort verbracht hatte, der ihn zu dem machte, was er heute war. Ein Mensch dessen Seele tiefe, kaum vernarbte Wunden davon trug.

Er hob die Hand und hielt sie gegen das schwindende Licht. Seine Finger zitterten. Unbewusst schloss er sie zur Faust.

War er wirklich bereit diesen Menschen gegenüber zu treten? Jedem einzelnen in die Augen zu sehen, ohne den Blick schuldbewusst zu senken?

Leicht schwankend kam er auf die Beine und stieg langsam die hohe Düne herab, knöcheltief versanken die Füße im lockeren Sand.

Die Flut hatte bereits vor Stunden eingesetzt, so dass sein Weg über den ebenen Strand bis hin zur Brandung kaum hundert Meter betrug.

Aus Erfahrung wusste er, dass in weniger als einer Stunde der komplette Strand überspült sein würde. Dann hatte die Flut ihren Höhepunkt erreicht.

In dem Moment als das kühle Nass seine Zehenspitzen berührte schien ein Stromstoß durch seinen Körper, bis in die Fingerspitzen zu laufen.

Sehnsucht, so hatte er es in den letzten neun Jahren erfahren, war etwas, das den Menschen krank machte, ihn langsam von innen auffraß, bis nichts mehr blieb außer einer hohlen, leblosen Hülle.

Heimweh brachte ihn fast um. Dieses Eiland war sein Zuhause, seine Familie, solange er zurückdenken konnte.

Hier wollte er leben und wenn die Zeit gekommen war, auch eines Tages sterben.

Langsam schritt er am peitschenden Wasser entlang, die kühle prickelnde Gischt benetzte seinen Körper, durchtränkte den Saum seiner Jeans, ohne das er sich dessen wirklich bewusst wurde.

Seine Gedanken kehrten zurück in ein anderes Leben. Ein Leben, in dem er geglaubt hatte, glücklich zu sein.

Ein Leben in dem er sich nun, im Rückblick, als Fremdkörper sah.

Er hatte hinter einer Fassade gelebt und dem Treiben dort draußen zugesehen, ohne eingreifen zu können.

Oder hatte er nicht eingreifen wollen? Hatte er die Augen verschlossen, um der bitteren Wahrheit nicht ins Gesicht sehen zu müssen? Vielleicht wäre alles anders gekommen, hätte er die Dinge damals so gesehen wie sie waren. Vielleicht würde er auch dann bittere Erinnerungen im Herzen tragen und mit seinem Schicksal hadern... doch er wäre noch fähig zu empfinden. Wut und Trauer, Schmerz und Hoffnung...vielleicht...

Das Mondlicht, welches sich für Augenblicke einen Weg durch die dichte Wolkendecke bahnte, reflektierte etwas Schimmerndes im festen Sand. Thierry sank auf die Knie und griff eine Muschel auf.

Fast ehrfurchtsvoll befreite er die nicht mehr ganz vollkommene Schale von den feinen, glitzernden Sandkörnern und strich zärtlich über das wellige Relief.

Reine Weißtöne vermischten sich über sanftes Grau bis hin zu einem dunklen Graphit. Voller Dankbarkeit, die Natur in all ihren Farben und Düften so intensiv wie ein Kind zu erleben, schlossen seine Finger sich um die Muschel.

Mittlerweile hatte der Wind zugenommen, die ersten, schweren Regentropfen fielen auf ihn herab. Jeden Moment würde der nachtschwarze Himmel seine Schleusen öffnen und die Flut eines tobenden Spätsommergewitters, an der Küste Frankreichs bräche über ihn herein.

Nie war der Anblick des Meeres reizvoller, nie lockender, als bei einem tosenden Aufruhr der Elemente.

Thierry hob den Kopf und blickte hinaus auf das Meer. Meter hoch türmten die Wellen sich, schlugen ineinander, rissen alles mit fort, was auch immer ihnen zu trotzen versuchte.

Er erinnerte sich an eine ähnliche Nacht, vor mehr als zwölf Jahren. Damals war er weit hinaus gefahren, um seine Netze zu werfen. Der Himmel, welcher in einem Moment noch klar und wolkenlos war, hatte sich im Nu verfinstert und Augenblicke später schlug die Hölle los.

Sein kleiner Fischkutter schaukelte und tanzte einen Teufelstanz, mal oben mal unten, von allen Seiten schien das Wasser ins Innere zu drängen. Salzige, schäumende Gischt säumte über den Bug, drückte das kleine Boot schwer auf die Seite, bevor die Spitze hoch schoss und es im nächsten Augenblick fast senkrecht auf den Wellen ritt.

In jener Stunde hatte Thierry mit allem abgeschlossen. Er hatte geahnt, dass es in dieser Nacht kein Entkommen geben würde. Das Meer musste sich teilen, ihn verschlingen und in den Tiefen begraben. Und dennoch zürnte er nicht. Das Wasser in seiner Urgewalt war sein Freund, sein Zuhause.

Sein Schiff war für solchen Seegang nicht gebaut. Es war ein leichter Fischkutter, einfacher Bauweise, für seichte Gewässer, wenngleich der Name „Resistance“ auch über äußerliche Mängel hinwegtäuschen mochte.

Wenn er auch nur ansatzweise versuchte die Küste zu erreichen, würde das Boot am nächsten Wellenkamm zerschellen, dessen war er ganz sicher.

So saß er in der winzigen Kabine, betete ein Vaterunser nach dem anderen, das einzige Gebet, das er aus Kindertagen noch beherrschte, und harrte der Dinge die kommen mochten.

Ebenso plötzlich wie der Orkan aufgezogen war verschwand er auch wieder. Als Thierry in der Ferne die Lichter der Küste sah, ließ die Anspannung der letzten Stunde ihn zusammenbrechen. Er hatte still da gesessen und in die Dunkelheit gestarrt, mit dem Wissen dem Tod nur knapp entkommen zu sein.

Von jener Nacht an wusste er, dass es etwas Höheres, Allgegenwärtiges gab, das die Schicksale der Menschheit lenkte.

Er hob den Blick und starrte hinaus auf das Meer. Ein schmerzliches Sehnen zog durch seine Brust, als ihm einmal mehr bewusst wurde das man ihn zehn Jahre seines Lebens beraubt hatte.

Die besten Jahre.

Etwas dort in den weiß flutenden Wellen erweckte seine Aufmerksamkeit und riss ihn zurück in die Gegenwart. Angestrengt starrte er in die gurgelnde Schwärze, versuchte seinen Blick und seine Sinne zu schärfen.

Er schüttelte den Kopf. Nein, er musste sich täuschen, da war nichts außer dem tobenden Ozean.

Doch gerade als er sich abwenden wollte, sah er es erneut. Einen Sekundenbruchteil nur, bewegte es sich auf der Welle, ritt mit ihr, bevor sie zerschellte.

Ein Stück Holz ,vielleicht auch eine Boje, nicht mehr.

Du siehst Gespenster alter Junge, mahnte er sich, warst zu lange fort.

Und wenn dort draußen ein Mensch war, der mit seinem Leben rang, der Hilfe brauchte?

Thierry spürte die Feuchtigkeit des Atlantiks und des Regens, die ihn mit anschwellender Intensität durchnässten. Niemand wagt sich bei einem solchen Wetter in die Fluten, niemand dem sein Leben lieb und teuer ist, dachte er.

Plötzlich riss die dichte Wolkenformation sekundenlang auseinander und der Mond warf sein helles Licht auf das tobende, schäumende Gewässer und da sah er es ganz deutlich. So klar, als würde er direkt daneben stehen. Das Blut schien ihm in den Adern zu gefrieren, doch gleichzeitig schlug sein Herz einen so harten, schnellen Rhythmus, dass heftige Übelkeit in ihm aufwallte.

Dort draußen war ein Mensch, dessen Kopf wie ein Softball von einer Welle zur nächsten geschleudert wurde. Wie riesige, gefräßige Ungeheuer schlugen sie ineinander, schienen alles zu verschlucken, was sich ihnen in den Weg stellte.

Eine Sekunde nur, zögerte er. Eine Sekunde, in der seine Augen hilfesuchend den Strand hinauf wanderten, sein Verstand ihm signalisierte, dass die tobende, dunkle Masse dort draußen tödlich sein konnte und eine Stimme in ihm ihn doch geradewegs in die Brandung trieb.

Mit einer einzigen Bewegung riss er sich das Hemd vom Körper und stürzte Kopfüber in die Fluten. Unermüdlich kämpfte er gegen das tosende Donnern um sich herum. War einen Moment noch über Wasser während im Nächsten der Sog ihn in die Tiefe zog.

Gott, was hatte er sich gedacht. Er war nicht mehr der kraftvolle, junge Schwimmer, der jedem Wetter trotzte, stark durch das tägliche Training. Die Zeit hatte ihn altern lassen, die Jahre ihn seiner Kräfte beraubt.

Er kämpfte gegen unsichtbare Mächte, die ihn zu umfangen schienen, ihn hinab zogen in die Dunkelheit, in den sicheren Tod. Er strampelte, trat sich mit wilden Beinbewegungen hinauf an die Oberfläche. Als er den peitschenden Meeresspiegel durchbrach, rang er nach Luft. Füllte seine berstenden, schmerzenden Lungen mit dem Leben bringenden Sauerstoff.

Er verharrte, ließ sich einen Moment vom Wasser treiben, bis sein Körper neue Kraft gewann, dann sah er sich verzweifelt um. Wo war er? Wo war der andere?

Thierry spürte, dass er ihm nah war, dass er vielleicht nur noch die Hand ausstrecken brauchte. Jahrzehntelange Erfahrung mit dem Atlantik hatte ihn gelehrt, seinem Instinkt zu vertrauen...doch er konnte weder hören noch sehen, in dem seufzenden, jaulenden Wasser, das ihn umgab.

Die Nacht war undurchdringlich schwarz, nur durch schäumend weiße Gischt erhellt, die sich wie Geister vor seinen Augen erhob, ihn mit sich riss, wieder in die Tiefe zog und im nächsten Moment hoch warf, als sei er nichts weiter als eine Stoffpuppe.

Es war sinnlos, waghalsig. Er spürte die Kälte die seinen Körper langsam lähmte, die schwindenden Kräfte. Wenn er nicht augenblicklich versuchte den Strand anzusteuern würde er verloren sein.

Noch einmal sah er sich suchend um und sah die Welle, fünf, vielleicht sechs Meter hoch, welche sich drohend hinter ihm auftürmte und mit rasender Geschwindigkeit auf ihn zukam.

Grundgütiger, er hatte schon zu viel Energie verloren. Sie würde ihn vernichten, würde ihn in den sicheren Tod reißen. Doch ein Blick zum Ufer zeigte ihm, dass es unmöglich war dorthin zu gelangen. Schon spürte er die Strömung, die ihn dichter an das Ungetüm heranzog.

Als die Welle auf ihn stürzte schloss er die Augen, der Dinge harrend die ihn erwarten würden.

Etwas prallte mit so immenser Kraft gegen ihn, dass es Thierry den Atem raubte und er sich Halt suchend daran festklammerte. Er ließ auch nicht los, als der Sog der Welle ihn hinab in die Dunkelheit zog.

Über ihm, um ihn herum, nichts als gurgelndes, säuselndes Wasser. Seine Gliedmaßen schienen gefühllos, auf Grund der durchdringenden Kälte und der Krämpfe, die ihn nur einige Augenblicke zuvor noch quälten. Er hatte das Gefühl, als schwebe sein Kopf in einem Vakuum, einem luftleeren Raum, der sich unendlich schnell im Universum bewegte.

Thierry spürte das seine steifen Finger sich zu lösen begannen von jenem Anker an dem er so krampfhaft festhielt.

Nein, es durfte nicht sein, nicht jetzt, noch nicht.

Nicht aufgeben, du darfst jetzt nicht aufgeben. Neun Jahre hast du gegen unsichtbare Geister gekämpft, da muss es doch ein Kinderspiel für dich sein, dich den sichtbaren zu stellen.

Mit letzten Kraftreserven sank er in die Knie, stieß sich von dem sandigen, weichen Meeresboden ab und strebte, unendlich langsam wie ihm schien, der Oberfläche zu.

Als er die Wassergrenze durchbrach, spürte er, wie das entweichende Leben in seinen Körper zurück glitt.

Gleichsam mit der zerschellenden Flutwelle schien auch das Unwetter abzuebben. Zum ersten Mal warf er einen Blick auf den Gegenstand, den das gurgelnde Wasser ihm in die Arme getrieben hatte.

Erstaunen machte sich breit, als er die Biegsamkeit der Materie spürte. Ein Mensch.

Er hielt einen Menschen in den Armen, eingehüllt in schwere Kleider, die ihn unweigerlich, auch bei ruhigerem Seegang, in die Tiefe ziehen mussten. Der leblose Körper, den er fest umschlungen hielt, fühlte sich steif und eiskalt in seinen Armen an. Er musste ihn an Land bringen und beatmen, solange noch die Chance auf Leben bestand.

Doch es fiel ihm schon schwer sich allein fortzubewegen, wie sollte es da gelingen, für zwei zu sorgen?

Du schaffst es, du musst.Er schob dem anderen beide Arme um den Leib und zog ihn auf sich, während er halb auf dem Rücken schwimmend versuchte den Strand anzustreben.

Zeitweise, wenn er glaubte das Brennen in seinen Lungen nicht länger ertragen zu können, wenn seine Last, die kaum Gewicht trug, ihn nieder zu drücken drohte, ließ er sich von den Wellen, die an Kraft verloren hatten treiben. Dann setzte er wieder seine Beine ein, trat und schob, spürte, dass seine Reserven sich dem Ende neigten und kämpfte doch wie ein Besessener.

Aus den Tiefen des Ozeans erklang ein fernes Grollen, welches sich in ein klagendes Stöhnen steigerte und das er doch nicht als Ausmaß seiner eigenen Qual erkannte.

Und dann spürte er plötzlich den schwammig, sandigen Untergrund, der deutlich das Ufer ankündigte.

Mühsam stemmte er die Beine auf den Grund, griff seiner kostbaren Fracht unter die Arme und zog und zerrte sie mühevoll aus der salzigen Gischt, soweit, bis er den feineren, vom Regen feuchten Sand erreichte, der jedoch vom Meer unberührt blieb.

Seine Hände waren so starr, dass es ihm kaum gelang die oberen Knöpfe des Mantels zu öffnen. Als der schwere Stoff vorn auseinander fiel, glaubte er in der fast schwarzen Dunkelheit die Statur eines Kindes zu erkennen. Mit zitternden Fingern versuchte er den Puls an der Hauptschlagader des schlanken Halses zu ertasten...doch da war nichts.

Ohne zu zögern begann er mit der Wiederbelebung.

Den Hals seines Gegenüber leicht überstreckt holte er tief Atem, verschloss die Nase des vor ihm liegenden, leblosen Körpers und presste seine Lippen auf den geöffneten Mund.

Nach zwei Atemstößen begann er mit der Herzmassage. Seine Hände waren eiskalt, fast taub und vermochten kaum seinem Willen zu gehorchen, dennoch rang er um Beherrschung, wenngleich sein ganzer Körper nach einer Pause verlangte.

Thierry ertastete die untere Hälfte des Brustbeins, spürte eine leichte Erhebung und stellte erstaunt fest, dass er eine junge Frau aus den Fängen des Meeres gerettet hatte. Die Handwurzeln übereinander gelegt, begann er mit kräftigen Stößen. Er spürte wie das Brustbein nachgab und gegen die Wirbelsäule stieß.

...dreiundzwanzig, vierundzwanzig, fünfundzwanzig,... er lauschte, starrte auf den Brustkorb ...nichts geschah. Wieder tastete er nach dem Puls, doch er spürte nichts als kühle, feuchte Haut.

Erneut beatmete er, setzte die Herzmassage...zehn, elf, zwölf...

„Atme verdammt. Atme endlich..., “ der Verzweiflung nah schrie er die Worte heraus, immer kraftvoller wurde die Massage bis er das Beben spürte, welches durch ihren Körper lief.

Sekunden später begann sie zu würgen, zu husten und zu spucken.

Thierry fasste sie bei den Schultern und drehte sie auf die Seite. Ein Schwall salzigen Wassers ergoss sich in den vom Regen feuchten Sand.

„So ist‘s gut, ja.“ Zaghaft strich er ihr, in einer impulsiven Geste über das nasse, kurz geschnittene Haar, in dem Versuch ihr Zittern und das heftige Schluchzen zu mildern.

„Du hast es geschafft, du lebst. Alles wird gut werden.“

Ganz langsam spürte Thierry wie die Anspannung nachließ und eine bleierne Ruhe von seinem Körper Besitz ergriff. Seine Glieder waren so schwer, dass er befürchtete keinen Fuß vor den anderen setzen zu können. Es war, als habe ihm jemand den Willen ausgehaucht und nur noch seinen reglosen Körper zurückgelassen.

Nur fünf Minuten so verharren, den Kopf auf dem weichen Untergrund gebettet...zu Kräften kommen...

Der verbliebene Wind strich über seinen feuchten Körper hinweg und ließ ihn frösteln.

Sie sollten schnellstmöglich ins Trockene.

Er warf einen Blick auf die junge Frau die, ihm abgewandt, noch immer rasselndem Atems, dalag. Er konnte ihr Schluchzen nicht länger vernehmen, aber am Zucken der Schultern ahnte er, dass sie weinte.

Vorsichtig, damit sie nicht erschrak, berührte er ihre Schulter.

„Es ist kalt und wir sind beide völlig unterkühlt. Wir sollten gehen, bevor der Regen erneut einsetzt.“

Sie sagte nichts, sah ihn auch nicht an, sondern verharrte reglos in ihrer Position.

Vermutlich war sie zu schwach um zu laufen, doch er konnte sie unmöglich tragen, dafür hatte er sich zu sehr verausgabt.

Mit vor Erschöpfung zittrigen Händen wischte er sich das Wasser vom Gesicht und sah sich suchend nach seinem Hemd um, welches er sich in der Eile vom Leib gerissen hatte. Die Schuhe lagen irgendwo auf dem Dünenkamm. Die Flut hatte nun fast den Höchststand erreicht und somit den Strand fast vollständig überspült. Vermutlich war es der schäumenden Gischt zum Opfer gefallen.

Thierry rutschte auf Knien um die reglose Gestalt herum, so dass er ihrem Gesicht zugewandt war.

„Wenn Sie sich auf mich stützen werden wir den Weg die Düne hinauf schaffen. Kommen Sie, ich helfe Ihnen.“ Seine Stimme klang sanft und doch eindringlich, so als spräche er zu einem Kind.

„Gehen Sie... lassen ...lassen Sie mich hier zurück... aber gehen Sie...“

Thierry hatte Mühe die von Schluchzern und heftigen Hustenanfällen durchsetzen Worte zu verstehen. Ihr ganzer Körper begann vor Erschöpfung und Kälte zu zittern.

„Ich werde Sie hier auf gar keinen Fall allein lassen...“

„Gehen Sie...lassen Sie mich sterben...“ Mit heiserer Stimme schrie sie diese Worte fast heraus, begleitet von einem klagenden Laut, der ihm eine zusätzliche Gänsehaut verschaffte, „ ...lassen Sie mich sterben.“ Flüsternd und kraftlos kamen die Worte nun über ihre Lippen.

Sekundenlang war er zu gelähmt um etwas zu sagen, zu gelähmt, um überhaupt zu reagieren. Er starrte auf die schattenhafte Gestalt, die im blassen Mondlicht zusammen gekrümmt vor ihm lag und sich leise weinend wiegte.

Er berührte zaghaft ihren Arm: „Sie haben einen Schock, das ist völlig normal nach dem was Sie erlebt haben, aber wir sollten wirklich...“

„Bitte..., gehen Sie...“

Mit festem Griff umfasste er ihren Arm und zog sie hoch. Das Gesicht dem ihren sehr nah sagte er bestimmt: „Hören Sie zu, ich habe ganz sicher nicht mein Leben dort draußen riskiert und Sie aus den Fluten gerettet, um Sie hier sterben zu lassen.“

In der Dunkelheit, die sie umgab konnte er das Entsetzen auf ihrem Gesicht eher spüren als sehen und dennoch ließ sie es zu das er ihr auf die Beine half.

Sie konnte kaum mehr als neunzig Pfund wiegen, doch er hatte das Gefühl jeden Moment unter ihrer Last zusammenzubrechen. Ihren rechten Arm legte er um seine Schulter während er mit seinem linken ihre Taille umfasste, um sie zu stützen.

Mühsam und quälend war der Weg über die beschwerliche Düne. Immer wieder stolperten sie, fielen in den regenfeuchten Sand und rappelten sich nur unter Aufbietung aller Kräfte wieder auf. Zeitweise dachte Thierry, es sei einfacher sich allein auf dem Weg zu machen und Hilfe zu holen. Doch wer würde ihm schon Hilfe gewähren, an welche Türe konnte er klopfen, ohne dass man ihm die selbige, noch bevor er überhaupt seine Bitte vorbringen konnte, wieder zuschlug. Und dann in diesem Aufzug. Barfuß, mit nacktem Oberkörper und nur einer tropfnassen, sandverklebten Jeans an den Beinen.

Und nicht zuletzt war da dieses Mädchen. Wenn sie noch Herr ihrer Sinne war, und sie wirklich nur den einen Wunsch hatte zu sterben, dann war es einfach zu gefährlich sie allein zu lassen. Er konnte dieses Risiko nicht eingehen.

„Wo wohnen Sie? Hier in der Nähe? Sind Ihre Eltern zu Hause oder jemand der auf sie wartet?“

Kaum spürbar schüttelte sie den Kopf. „Niemand...wartet auf mich:“

Da klang keine Bitterkeit in ihren Worten, nur tiefe Resignation, die davon zeugte, dass sie mit allem Weltlichen abgeschlossen hatte.

Thierry blieb stehen. Sie hatten den Fuß der Düne erreicht und sein Herz raste vor Anstrengung so sehr, dass er glaubte es wolle ihm jeden Moment aus der Kehle springen. Sein Atem kam in heftigen Stößen über seine Lippen als er sie bei den Schultern ergriff und zu sich drehte.

„Sag...sagen Sie mir wohin ich Sie...bringen kann.“

Der kaum vorhandene Mond beleuchtete nur schwach ihr Gesicht, doch in der Dunkelheit vermutete er, dass sie kaum älter als zwanzig war. Er spürte einen Stich im Herzen, so jung und schon so verzweifelt, dass sie ihrem Leben ein Ende setzen wollte, bevor es überhaupt begann.

„Warum... tun Sie das? Warum lassen Sie mich nicht einfach...hier zurück und gehen?“

Er legte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und fuhr sich mit einer Hand durch das nasse Haar. Eine Klammer legte sich um seine Brust, zog sich hinauf zu seiner Kehle und machte eine Antwort fast unmöglich, dennoch flüsterte er: „Weil ich den Abgrund an dem Sie stehen, nur allzu gut kenne.“

Er war sich des tiefen Schmerzes und der Qual, die in seiner Stimme lagen nicht bewusst doch etwas, das bisher in Fesseln gelegen hatte, löste sich in dem Mädchen.

Plötzlich schien sie stärker und kräftiger als er selbst zu sein.

Sie ergriff seine Hand, führte ihn durch die nächtliche Dünenlandschaft bis hin zu einem nahe gelegenen Haus.

Mit letzter Kraft stiegen sie die drei hölzernen Stufen der schmalen Veranda hinauf, welche das Gebäude umgab. Die Tür war nur angelehnt. Thierry gab ihr einen leichten Stoß, so dass sie sich unter Stöhnen öffnete. Sanft fallendes Mondlicht, welches sich gerade in diesem Moment einen Weg durch die dichte Wolkendecke bahnte, beschien die ebene Wohnfläche. Er trat einen Schritt zur Seite, um ihr den Vortritt zu lassen, spürte jedoch ihr Zögern, so als gäbe es dort eine unüberwindbare Barriere, eine Grenze , die zu überschreiten sie vernichten würde.

Er legte den Kopf in den Nacken und fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. Er war hungrig, müde und bewegte sich am Rande der Erschöpfung. In seinem Kopf begann ein bohrender Schmerz zu pochen und er fror bis ins Mark.

Thierry trat einen Schritt vor, über die Schwelle und tastete an der Wand nach dem Lichtschalter. Einen Augenblick später erstrahlte der Raum im gleißenden Licht einer Glühbirne, deren Halterung in einer alten Öllampe montiert war, welche im Luftzug leicht hin und her schwenkte.

Thierry schloss einen Moment geblendet die schmerzenden Augen.

Schließlich blickte er sich vage um. Sein Blick erfasste als erstes den schweren Holztisch, der von vier verschiedenen Stühlen flankiert, den Mittelpunkt des Wohnbereichs bildete. Zur linken befand sich eine Kochnische, zur rechten ein alter karminroter Chaiselongue, durch dessen Bezug sich deutlich die Federn zeichneten.

Doch am auffälligsten waren die Vasen, Schalen und Töpfe. Sie standen überall, in jeder Form und Farbe, bemalt mit Meereslandschaften, die er selbst auf den kurzen Blick hin, als sehr kunstvoll empfand. Auf dem Fenstersims, den abgestoßenen Wohnzimmertisch, auf dem offenen Kamin oder in Regalen, welche die Wände zierten.

Er wandte sich um und betrachtete die Frau, die noch immer, tropfnass im Türrahmen stand, genauer.

Ihr dunkles Haar war fast streichholzkurz zu einer knabenhaften Frisur geschoren. Der schwere Mantel war voller körnigem Sand und schien ihren schmalen Körper fast zu erdrücken. Doch am auffälligsten waren Ihre grünen Augen. Von einem dichten Wimpernkranz umgeben, blickten sie ihn mit einer so tiefen Traurigkeit an, dass er erschauerte.

Thierry trat auf den Kamin zu und begann, das in einem Korb liegende Holz auf der Feuerstelle zu stapeln.

Mit vor Kälte zitternden Händen stopfte er Zeitungspapier zwischen die Holzscheite und entzündete ein Streichholz.

Als die Flammen schließlich über die Scheite leckten erhob er sich.

Mit einer Handbewegung deutete er auf ihre nasse Kleidung:

„Sie sollten das ausziehen.“

Sie sah an sich hinunter, so als würde ihr erst jetzt bewusst, dass sie einen noch immer tropfenden Mantel trug, welcher bereits Wasserlachen auf den ausgebleichten, unebenen Holzdielen hinterließ.

Schweigend trat sie auf eine Tür zu, die vom eigentlichen Wohnraum abführte und öffnete sie.

Als sie das Licht in dem angrenzenden Raum anknipste, erkannte Thierry ein spärlich eingerichtetes Schlafzimmer.

Sie öffnete den Kleiderschrank, griff Jeans und ein blau kariertes Hemd heraus und übergab ihm dieses wortlos. Sofort erkannte er, dass es sich um Herrenkleider handelte .Dann schloss sie die Tür hinter sich.

Thierry spürte eine leichte Unruhe, es war nicht gut sie jetzt alleine in diesem Raum zurück zulassen. Gerade noch hatte sie versucht ihrem Leben ein Ende zu setzten, was also wenn sie ihr Vorhaben nun fortsetzte?

Entschlossen drückte er die Klinke hinunter.

„Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, dass die Tür geschlossen bleibt…“

Sie hatte den Mantel bereits abgestreift: „Keine Sorge…ich werde schon nichts anrichten…“Ein müdes Lächeln glitt über ihre Züge: „Aber wenn Sie wollen, lasse ich die Tür offen.“

Thierry nickte knapp und entledigte sich dann selbst seiner nassen Jeans.

Die Hose, die sie ihm gegeben hatte, war zwar ein wenig weit, passte jedoch im Groben. Mit noch immer vor Schwäche zitternden Fingern knöpfte er schließlich das Hemd zu.

Sie lebte hier also nicht allein. Die Kleidung, die er nun trug, ließ ihn darauf schließen. Irgendjemand hätte sie früher oder später vermisst.

Thierry sah sich um. Das, was sie jetzt brauchten, war ein Cognac, der sie von Innen wärmte und die aufgewühlten Nerven zur Ruhe brachte, vielleicht auch den Schmerz hinter seiner Stirn betäuben würde. Doch weder in dem Schrank unter der Spüle, noch in den beiden Hängeschränken über dem Herd konnte er etwas Brauchbares finden.

„Was suchen sie?“ Ihre Stimme klang zaghaft, fast ein wenig verängstigt und er rief sich in Erinnerung, dass sie sich völlig fremd waren. Sie hatte keine Ahnung, wen sie da in ihr Haus geholt hatte, und somit war ihr Misstrauen gerechtfertigt.

Thierry wandte sich um und sah sie an. Die nasse Kleidung hatte sie gegen eine dunkle Freizeithose und einem blauen T-Shirt getauscht. Jetzt, da das grelle Licht ihr Gesicht beschien, erkannte er die feinen Linien um Augen und Mund, die darauf hinwiesen, dass sie doch älter sein musste als er anfangs vermutet hatte.

„Ich suche nach etwas Trinkbarem.“

„Wasser und Cola steht im Kühlschrank. Kaffee und Tee finden sie in den Dosen dort drüben“, Sie deutet auf ein Regal über dem Spültisch.

„Ich hatte eher an etwas Stärkeres gedacht, etwas das unsere Lebensgeister wieder weckt, vielleicht einen Cognac oder ähnliches…“

„So etwas hab ich nicht, tut mir Leid.“ Mit einem Seufzen sank sie auf den Chaiselongue, zog die Knie unter das Kinn und umschlang die Beine mit beiden Armen.

„Na gut, dann mach ich uns eben einen starken Kaffee.“ Erneut suchte er in Schubladen und Schränken, fand Kessel, Filter und Kanne.

Während er damit beschäftigt war den Kaffee zu bereiten, fragte er sich wie er nun weiter vorgehen sollte. Er hatte die Frau aus den Fluten gerettet, ja. Aber des Weiteren ging ihr Leben ihn nichts an. Nichts lag ihm ferner als in irgendwelche problematischen Lebensumstände hineingezogen zu werden. Gott bewahre, er hatte genug mit sich selbst zu tun. Am besten würde sein, den Kaffee zu trinken und sich dann auf den Weg zu machen.

Andererseits konnte er sie unmöglich sich selbst überlassen. Sie hatte gerade einen Suizidversuch hinter sich. Aus Erfahrung wusste er, dass es kaum bei dem einen Mal blieb. Wenn jemand den absoluten Wunsch hegte sein Leben zu beenden, würde er dieses auch ein zweites Mal versuchen.

Er füllte die schwarze, dampfende Flüssigkeit in zwei Becher und reichte ihr einen davon.

„Danke,“ sagte sie leise und umschloss mit beiden Händen die Tasse um sich daran zu wärmen. Thierry zog sich einen Stuhl heran und ließ sich müde darauf nieder.

„Ist ihre Familie nicht da?“

„Ich habe keine Familie.“ Ihre Stimme klang emotionslos.

Er zupfte an dem Hemd, das er trug: „Aber die Kleidung…“

„Ist von meinem verstorbenen Mann. Ich wohne alleine hier.“ Nach kurzem Zögern fügte sie hinzu: „Ich bin Liliana und wer sind Sie?“

„Thierry.“ Er nippte nachdenklich an seinem Kaffee, spürte wie die heiße, bittere Flüssigkeit seinen müden Geist belebte.

„Liliana. Ein ungewöhnlicher Name. Sie sind keine Französin, oder?“

Sie schüttelte leicht den Kopf: „Nein, ich komme aus Deutschland. Mit achtzehn Jahren kam ich als Au-Pair hier her und bin geblieben.“

„Sie sprechen sehr gutes Französisch, man hört praktisch keinen Akzent.“ Doch auch sein Kompliment konnte ihr kein Lächeln entlocken.

Einige Sekunden haderte er mit sich. Wie weit konnte er gehen? Stand es ihm zu, nach dem Wie und Warum zu fragen? Andererseits musste er wissen, ob er sie in dieser Nacht allein lassen konnte.

„Warum Liliana, warum haben Sie das getan? Gibt es nicht immer einen Ausweg?“

„Nicht immer,“ sagte sie leise und ihre Augen füllten sich mit Tränen, „Das war keine leichtfertige Entscheidung…Ich…Es gibt keine realistische Lösung meiner Probleme. Ich habe Abschied genommen. Von allem…Und ich weiß nicht, ob ich das ein zweites Mal schaffe…“

Sie sprach mehr zu sich selbst, dennoch zuckte Thierry bei ihren Worten zusammen. Für sie war dieses Thema mit dem missglückten Versuch noch nicht erledigt.

„Wissen Sie, nichts ist so wertvoll wie das Leben. Es steht uns nicht zu, es mit einer einzigen Handbewegung hinweg zu wischen. Vielleicht sollten Sie den Umstand, dass ich Sie heute vor dem sicheren Tod bewahrt habe, als Geschenk sehen und einen Neuanfang wagen.“

Diese Worte auszusprechen, über das Leben und den Tod zu sinnieren, bereiteten ihm Unbehagen und er wandte verlegen den Blick ab um dem ihren auszuweichen.

„Was wissen Sie schon?“ Ihre Stimme war schwer vor Resignation.

„Mein Leben ist sinnlos. Alles, wofür es sich zu Leben lohnt, habe ich verloren...alles.“

Ein Schluchzen löste sich aus ihrer Kehle und erfüllte für Sekunden die Räumlichkeit, jagte ihm eine Gänsehaut über den Körper.

Er hob den Kopf und sah die Tränen auf ihren Wangen.

Gut, solange sie noch fähig war Emotionen zu zeigen, war ihre Seele noch lebendig. Sie mochte gebrochen sein, aber sie war nicht tot.

„Ich weiß sehr viel mehr als du ahnst...“ Für einen Moment war sein eigenes Leid so präsent, dass er sich unterbrach, wartete bis der Gefühlssturm in seinem Innern zur Ruhe kam.

„ Natürlich kenne ich deine Geschichte nicht...Aber meine eigene hat mich oft genug an den Rand des Wahns getrieben. Diese Klippe, auf der du dich befindest, kenne ich selber nur allzu gut. Doch es gehört viel mehr Mut dazu, hinabzusteigen als zu springen. Manche Wege mögen ungangbar scheinen, doch irgendwo im Dickicht gibt es immer eine Lücke, und mag sie noch so klein sein.“

Neugierig hob die junge Frau den Kopf und betrachtete ihn. Er konnte die einzelnen Tränen in ihren dunklen Wimpern schimmern sehen und beneidete sie darum. Nur selten hatte er geweint, hatte die Erleichterung gespürt, wenn die Anspannung nachließ und Tränen sich ihren Weg aus den fest verriegelten Toren der Selbstbeherrschung bahnten. Neun Jahre hatte er es nur hin und wieder, in den dunklen Stunden einsamer Nächte gewagt sich dieser „Schwäche“ hinzugeben.

„Bist du neu auf der Insel? Ich… ich habe dich noch nie hier gesehen.“ Die Frau, die sich Liliana nannte, wischte sich mit einer müden Handbewegung die Tränen vom Gesicht, bevor sie an dem mittlerweile fast kalten Kaffee nippte.

Thierry tat es ihr gleich, ehe er antwortete: „So kann man das nicht sagen. Ich war lange Jahre fort.“ Sie nickte leicht und er vermutete, dass sie sich mit dieser Erklärung zufrieden gab.

„Hast du Familie hier?“

„Nein... nicht mehr, “ sein Zögern hatte nicht länger als eine Sekunde angehalten, dennoch konnte er deutlich erkennen, dass es ihr nicht entgangen war. Ihre grünen Augen musterten ihn mit einer Intensität, derer sie sich vermutlich nicht einmal bewusst war und die ihm eine unangenehme Hitze durch den Körper jagte.

„Mein Bruder ist schon vor Jahren fortgezogen, er lebt in Quiberon, auf der Halbinsel Quiberon, im Süden der Bretagne, meine Vorfahren kommen von dort.“

Selbst in seinen eigenen Ohren, klang das nach einer lahmen Erklärung. Doch er war nicht bereit, hier und jetzt seine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die sie vermutlich unlängst kannte, nur nicht mit seinem Gesicht in Verbindung brachte.

Thierry empfand einen galleartigen Geschmack, der sich in seinem Mund ausbreitete. Er wollte jetzt nicht daran denken...nicht heute.

Mit einem leisen Geräusch stellte er den Kaffeebecher auf den Esstisch und erhob sich.

Durch ein Fenster direkt über der Küchenspüle fiel sanftes Mondlicht. Thierry stützte sich auf die Arbeitsplatte, beugte sich vor und warf einen Blick hinaus. Er sah, dass die Wolkendecke aufgerissen war und erste Sterne am Himmel aufgingen. Das Unwetter war weiter die Küste hinauf gezogen.

Er sehnte sich danach an den Strand zurückzukehren, um in den frühen Morgenstunden die ersten Fischerboote zu beobachten, die sich aufmachten ihre Netze auszuwerfen, mit der Hoffnung, reich beschenkt zurückzukehren. Ein Wunsch, der ihm in all den Jahren, die er hinaus gefahren war, gewährt wurde. Er kannte die Fischgründe mit den reichsten Erträgen und dem besten Fisch. Ein Geheimnis, das er bewahrt hatte und welches ihm in den Jahren seiner Fischereitätigkeit den besten Ruf auf der Insel einbrachte. Bis zu jenem Tag... jenem Tag, der sein Dasein grundlegend veränderte. Nachdem nichts blieb bis auf die Asche dessen, was einmal sein Leben gewesen war.

Ein schmerzliches Ziehen in seiner Brust brachte ihn zurück in die Gegenwart. Zurück in das Strandhaus mit seinen ausgebleichten Dielen, den von Wind und Feuchtigkeit verzogenen Türen und Fensterläden, die im verbliebenen Luftstrom leicht in den Angeln knarrten. Zurück zu Liliana, jener Frau, die noch vor einer Stunde dem Tod ins Auge gesehen hatte, fest entschlossen, ihr Leben in dieser Nacht zu beenden.

Er richtete sich auf und wandte sich um.

Zusammengeschnürt wie ein Paket lag sie auf der Recamiere. Die Beine fest angezogen, so als Suche sie Halt in sich selbst, als hätte sie Angst, der nächste Windstoß könne sie fortreißen.

Er trat zu ihr und sank in die Knie. Gleichmäßig und leicht strömte der Atem über ihre Lippen. Die salzigen Spuren der Tränen auf ihren Wangen waren noch nicht ganz getrocknet und obwohl sie schlief, lagen Schmerz und Verzweiflung in ihren Zügen, als Mahnmal der Wunden, die das Leben ihr zugefügt hatte.

Er griff nach der Patchwork-Steppdecke, die fein säuberlich zusammengelegt am Fußende des Möbels lag, und breitete sie behutsam über die schlafende Frau.

Sie regte sich nicht. Vielleicht war es gut, dass die Erschöpfung ihren Tribut forderte. Vielleicht konnte sie morgen ihre in Trümmern liegende Welt in einem neuen, hoffnungsvolleren Licht sehen. Vielleicht.

Es gab keine Garantie dafür, dass sie den Selbstmordversuch nicht wiederholte. Sollte dieses der Fall sein, war es wichtig, dass jemand da war, der sie von ihrem verzweifelten Vorhaben abbrachte.

Er konnte sie in dieser Nacht nicht allein lassen. Und was trieb ihn auch an?

Ein einsames, kaltes Haus, das nichts als böse Erinnerungen barg und das ihn doch zu rufen schien. Nachdem er sich trotz des vergangenen Leides sehnte.

Niemand wartete auf ihn, dort. Pascal würde erst am Vormittag des nächsten Tages eintreffen. Er würde ihn nicht vermissen. Da konnte er ebenso gut die Nacht hier bei der Fremden verbringen.

Er hob die Hand und strich ihr behutsam über das Gesicht. Für einen winzigen Moment glätteten sich die Falten um Augen und Mund unter der Berührung, bevor ein leises Schluchzen aus ihrer Kehle aufstieg und ein Schauer den zarten Körper schüttelte.

Während er sich erhob, wickelte er sie fester in die Decke ein. Dann schürte er mit dem Haken das Feuer und warf einige trockene Holzscheite nach, die gestapelt in einem Flechtkorb neben dem Kamin bereit lagen, um die Flammen in Gang zu halten.

Minutenlang starrte er versonnen in das flackernde Licht. Bilder blitzten vor seinem geistigen Auge auf. In schneller Folge wechselten sie von Kindheit zu Jugend. Erinnerungen an ein Leben, in dem er nicht länger verweilen konnte. Und doch hatte er nie mehr verlangt. Das Leben, das er geführt hatte, war die Erfüllung all dessen gewesen, was er sich je erhofft, je gewünscht hatte.

Immer wieder hatte Pascal in den letzten Wochen versucht ihn umzustimmen. Unmissverständlich hatte er Thierry klar gemacht, dass diese Insel für ihn nicht länger die Heimat bot, die er immer in ihr gesehen hatte. Der sichere Hafen, der Zufluchtsort war Zweifeln und Anschuldigungen gewichen und hatte sich mittlerweile zum Feindessland entwickelt.

Trotzdem hatte er nicht eine einzige Sekunde daran gedacht, nicht zurückzukehren.

Diese Insel hatte sein Herz gefangenen genommen, vom ersten Moment an, da es schlug.

Hier lagen seine Eltern begraben und hier wollte auch er eines Tages sterben. Es war ihm gleichgültig, was die Menschen über ihn dachten. Dass sie ihn verurteilten, ohne ihm auch nur die Chance zu geben, seine Version der Geschichte zu berichten.

Er liebte das Meer, und wer ihm das Meer nahm, der nahm ihm alles.

Pascal hatte bei seinen Ausführungen natürlich argumentiert, dass die Wellen nicht nur auf der Ile d' Oleron an den Strand rollten, sondern an der gesamten Küste der Nation. Doch das hatte Thierry nicht umstimmen können. Dieses Eiland nahm ihn in seinen Bann, hielt ihn gefangen und fragte nicht nach dem, was möglicherweise besser für ihn gewesen wäre.

Er erhob sich mühsam. Jeder Knochen in seinem Körper schmerzte, erinnerte ihn ungnädig daran, dass er nicht mehr jener kraftstrotzende, junge Mann war, der spielend jegliches Hindernis überwand.

In der vergangenen Nacht hatte er kaum Schlaf gefunden und der Tag schien kein Ende zu nehmen.

Bleierne Müdigkeit senkte sich auf ihn hinab. Er entzündete ein Licht, welches auf einem Beistelltisch stand und die Räumlichkeit mit sanftem Schein erfüllen würde, bevor er die Deckenleuchte löschte und auf dem Sessel neben dem Chaiselongue sank.

Eine Nacht Aufschub war vielleicht nicht das schlechteste, bevor er sich seinem neuen Leben stellen musste, mit all den Fallstricken und Geistern der Vergangenheit, die es für ihn bereithielt. Dieser Gedanke ging ihm durch den Kopf, bevor seine Sinne entschwanden und er in einen traumlosen Schlaf fiel.

Zwei

Erkenntnis

Und plötzlich weißt du:

Es ist Zeit, etwas Neues

zu beginnen und

dem Zauber des Anfangs

zu vertrauen.

Meister Eckhart

Die Sonne sandte ihre ersten roten Strahlen durch die nach Osten ausgerichteten Fenster, malte mit farbigen Fingern Kreise auf Wände und Schränke und tanzte im bunten Reigen über den von der Zeit ausgeblichenen Fußboden.

Liliana lag ganz still, wagte es kaum zu atmen. Ihr Körper fühlte sich wund und erschöpft an.

Erinnerungen an die vergangene Nacht rollten in einer dunklen Welle über sie hinweg. Sie schloss gequält die Augen und krümmte sich noch ein wenig mehr zusammen.

Wie konnte sie einen weiteren Tag überstehen, mit dem Wissen, dass nichts geblieben war.

Ihre Gedanken wanderten zu Elise. Für Sekunden sah sie die kindlichen Gesichtszüge, mit den tiefen Grübchen auf beiden Wangen, vor sich. Ihr bezauberndes Lachen, welches fröhlich durch das Haus hallte.

Kummer schnürte ihr die Brust zu, so dass sie unwillkürlich aufstöhnte, als sie sich des Momentes entsann, in dem sie Abschied genommen hatte.

Eine Woche war vergangen seit jenem Tag. Elise hatte das Wochenende bei ihr verbracht und Liliana bemühte sich darum, ihrer Tochter wunderbare Stunden zu bereiten, so wie sie es immer tat, wenn die Kleine zu Besuch kam. Und dennoch hatte das Kind gespürt, dass an jenem Wochenende etwas anders war. Immer wieder hatte sie ihre Mutter mit diesen großen, fragenden Augen angesehen, so als wisse sie um das Vorhaben Lilianas Bescheid.

Als sie ihr Mädchen zum Abschied noch einmal fest in die Arme nahm, hatte Liliana sie beschworen, niemals zu vergessen, wie unsagbar tief die Liebe war, die sie miteinander verband.

Tränen hatten schmerzhaft in ihren Augen gebrannt, als sie das Gesichtchen ihrer Tochter zwischen die Hände nahm und sagte: „Du bist das Allerbeste was mir in meinem Leben begegnet ist, Elise. Ich liebe dich, mehr als sich in Worte fassen lässt. Mehr als du dir je vorstellen kannst.“

Die Kleine hatte sich ein wenig aus der festen Umarmung der Mutter gelöst, nachdenklich den Kopf zur Seite gelegt und gefragt: „Größer als das Meer, Maman?“

Liliana konnte ihre Tränen nicht länger zurückhalten. Schluchzend hatte sie den zarten Kinderkörper an die Brust gedrückt, sich der eindringlichen Blicke ihrer Schwiegereltern bewusst, die dieser emotionalen Szene beiwohnten.

„Größer als der Ozean und größer als das Universum, mein Schatz.“

Dann hatte sie ihrer Tochter einen letzten, zärtlichen Kuss auf das seidige, dunkle Haar gegeben, bevor sie ihre Hände auf die Schultern des Mädchens legte und sie sanft in die Richtung ihrer Großmutter schob.

Liliana sah den Schatten, der über das Kindergesicht huschte, die Tränen, die wie bei jedem Abschied Elise Wangen benetzten, und es zerriss ihr fast das Herz.

Dieser Moment bestärkte sie nur darin, dass es gut war, dieses Leid zu beenden. Sie konnte und durfte Elise nicht länger diesen Zerreißproben aussetzen, die an Bertolt Brechts „Kaukasischem Kreidekreis“ erinnerten.

In Schultagen hatte sie das Stück Brechts, welches auf dem biblischen Urteil Salomons gründete, erarbeitet. Schon damals hatte diese Geschichte sie tief berührt und schon damals wusste sie, sie hätte ebenso gehandelt wie die Ziehmutter.

Liliana konnte sich noch sehr gut an die tragische Geschichte, in der es um zwei Frauen ging, die sich beide als Mutter eines Kindes ausgaben, erinnern.

In dem Bühnenspiel wurde vor dem Richter ein Kreidekreis auf den Boden gemalt, in dem das Kind stand. Wer letztendlich die meiste Kraft habe, das Kind zu sich und aus dem Kreis zu ziehen, der sei die wahre Mutter.

Mit aller Macht zerrte die leibliche Mutter an dem Kind, da sie ein großes Erbe erwartete.

Die Ziehmutter aber, die dieses Kind so sehr liebte, dass sie ihm keinen Schaden zufügen wollte, ließ den Jungen schließlich los.

Der Richter erkannte in ihr, durch ihr umsichtiges Verhalten, die wahre Mutter und sprach der Frau schließlich das Kind zu.

Und genauso fühlte auch sie sich.

Wie jene Mutter wollte sie Elise nicht länger den Qualen aussetzen, die jede weitere Trennung mit sich brachte. Das Tauziehen um das kleine Mädchen, welches sich zwischen ihr, Liliana, und den Großeltern entspann, musste ein für alle Mal ein Ende haben. Auch wenn das bedeutete, dass sie selbst verzichten musste.

Viel zu oft hatte sie des Nachts gehört, wie die Kleine sich in den Schlaf weinte, wie sie schreiend nach Albträumen erwachte und zitternd in Lilianas Bett kroch. Ganz nah hatte sie ihren kleinen Körper dann an den ihrer Mutter gedrängt um zu spüren, dass sie wirklich beieinander waren.

Dieser endgültige Abschied vor acht Tagen, hatte Liliana schon fast umgebracht, hatte ihr den letzten Funken Lebensmut geraubt.

Bis gestern Abend hatte sie mit sich gerungen, ob dieser Schritt, den Freitod zu wählen wirklich der einzige Ausweg war. Würde sie damit ihrem Kind nicht noch größeres Leid zufügen?

Doch so sehr sie auch wünschte, es gäbe eine andere Möglichkeit, sie fand keine.

Elise gehen zu lassen, mit dem Wissen, sie vermutlich nie wieder zu sehen, fortan ohne ihr Kind weiterleben zu müssen, das konnte sie nicht ertragen.

Genauso wenig konnte sie es ertragen, zu wissen, dass ihre Tochter über kurz oder lang an der Situation, wie sie derzeit war, zerbrach.

Liliana wusste sicher, dass Eliane und Patrice, ihre Schwiegereltern, sehr gut zu Elise waren. Die Kleine vergötterte ihren Großvater geradezu und er las ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Doch die Spannungen zwischen Mutter und Großeltern blieben dem Kind nicht verborgen. Elise litt unter den Streitigkeiten, die sich immer wieder aufs Neue ergaben und es war nicht absehbar, dass Elise in naher Zukunft zu ihr, Liliana, zurückkehren würde. Wenn dieser Tag überhaupt jemals käme.

Eliane und Patrice waren sehr wohlhabende Menschen, die sich die besten Anwälte leisten konnten und diese auch zum Einsatz brachten.

Liliana dagegen führte jeden Tag einen neuen Kampf ums Überleben, sie konnte Elise bei weitem nicht das Leben bieten wie ihre Schwiegereltern es taten, doch sie fragte sich im Stillen, ob es wirklich das war was ein Kind brauchte und sich wünschte.

Sie konnte in diesen Minuten keine Entscheidung treffen wie sie fortzufahren gedachte. Ihr Kopf schmerzte bei den Erinnerungen der Vergangenheit, die über sie hereinbrachen.

Zögernd richtete sie sich auf und erschrak, als sie den fremden Mann schlummernd in dem Sessel neben ihrer Schlafstätte fand.

Die langen Beine hatte er ausgestreckt und an den Fußknöcheln übereinander geschlagen.

Mit verschränkten Armen lehnte er rücklinks gegen die Sessellehne, während sein Kinn auf die Brust gesunken war. Seine gleichmäßigen Atemzüge füllten die Stille.

Warum war er geblieben?

Sie musste gestern vor Erschöpfung eingeschlafen sein. Liliana berührte die bunte Patchwork-Decke und sann darüber nach, ob er sie zugedeckt hatte?

Sie schüttelte leicht den Kopf und kämmte mit den Fingern verwirrt durch das kurze Haar.

Sich erhebend kam sie, ein wenig unsicher auf den Beinen, zum Stehen.

Welch seltsame Wege das Schicksal geht, dachte sie, während sie die Kaffeedose vom Regal nahm und das schwarze Pulver löffelweise in den Filter füllte.

Wäre Thierry nicht zufällig gestern Abend am Strand aufgetaucht, befände sie sich mittlerweile vermutlich irgendwo im Nirwana.

Liliana erschrak ein wenig über den Weg ihrer Gedanken. Darüber, wie emotionslos sie über ihren eigenen Tod nachsann.

Wochenlang hatte sie beobachtet, dass dieser Strandabschnitt, zu einer bestimmten Uhrzeit menschenleer war. Und bei einem aufkommenden Unwetter würde sich ohnehin niemand in die Nähe des Wassers wagen. So hatte sie geglaubt.

Vielleicht hatte ihr das Schicksal durch diese ungewollte Rettung tatsächlich eine Chance zum Neuanfang gegeben. Und vielleicht hieß dieser Neuanfang, dass sie kämpfen sollte. Kämpfen um ein Leben mit Elise an ihrer Seite.

Liliana seufzte schwer, als sie den Wasserkessel unter den kalten Strahl hielt und ihn mit der klaren Flüssigkeit füllte. Der Kopf schwirrte ihr von den aufgewirbelten Gedanken, die wie Blätter im Herbstwind durcheinander stoben.

Sie war unfähig Klarheit in ihr Wollen und Wünschen zu bringen.

Hinter ihr erklang ein tiefes Räuspern. Sie drehte sich um und blickte in die klaren, blauen Augen eines Mannes, der ihr völlig fremd war und mit dem sie doch ein sehr intimes Geheimnis verband.

Plötzlich schämte sie sich angesichts ihrer Tat vom Vorabend und versuchte dieses Gefühl mit einem unsicheren Lächeln zu überspielen.

„Guten Morgen...“ Sie deutete auf das Sitzmöbel, aus dem er sich mit steifen Gliedern erhob: „Die Nacht war sicher nicht sehr bequem in dem alten Sessel:“

Er erwiderte ihr Lächeln, dabei fiel ihr sein Grübchen auf, welches das markante Kinn prägte:

„Ich habe schon auf bedeutend unbequemeren Untergründen geschlafen. Es besteht also kein Grund zur Sorge. Ich werde dich nicht auf Schmerzensgeld verklagen.“

Einige Sekunden musterte er schweigend ihre Züge, so als suche er nach Anzeichen dafür, dass sie ihr Vorhaben doch noch in die Tat umsetzen wollte.

Liliana fühlte sich unbehaglich unter seinem eindringlichen Blick und so war sie froh, als der Kessel zu pfeifen begann und sie sich um die Zubereitung des Kaffees kümmern musste.

Wenige Augenblicke später erfüllte der Duft frischen Kaffees den Wohnraum und sie spürte, wie ihre Nerven sich langsam beruhigten.

Sie füllte zwei Becher und stellte sie auf den Tisch. Dann öffnete sie eine Tür, welche in die kleine Vorratskammer führte, die an die Küchenzeile anschloss, und suchte nach etwas Essbarem. Sie fand schließlich noch eine Packung eingeschweißte Croissants und ein Stück Butter.

„Tut mir Leid, mehr kann ich leider nicht anbieten. Meine Vorräte sind aufgebraucht. Ich hatte nicht vor...“ Sie biss sich auf die Lippen und schluckte die letzten Worte hinunter. Es war auch gar nicht nötig diesen Satz zu Ende zu führen. Ein Blick in die Augen des Mannes und sie erkannte, dass er unlängst wusste, was sie hatte sagen wollen.

Er nahm ihr die Croissants ab und legte sie auf den Tisch, dann suchte er in Schränken und Schubladen nach Teller und Messer.

Als er ihr schließlich gegenüber saß, stellte er behutsam die Frage, die ihm vermutlich schon die ganze Zeit unter den Nägeln brannte: „Wie geht es dir heute Morgen?“

Sie wollte sagen `'Gut, kein Grund zur Sorge. Ich werde keine Dummheiten mehr begehen.'

Doch sie wusste, dass sie eine verdammt schlechte Lügnerin war. All ihr Denken und Fühlen stand deutlich sichtbar in ihren Augen. Eine Schwäche, die sie auch nicht mit dem folgenden Lächeln überspielen konnte.

„Besser, danke.“ Sie ahnte, dass er sie durchschaute. Sein prüfender Blick zeichnete eins zu eins ihre Mimik nach.

„Du musst nicht länger den Babysitter für mich spielen... ich... ich werde nicht... “

„Natürlich wirst du. Das Thema ist mit dem missglückten Versuch gestern Abend noch nicht abgeschlossen für dich. Ich kann diese tiefe Entschlossenheit in dir fast greifen, so deutlich spüre ich sie.“ Er atmete tief und fuhr sich mit beiden Händen durch das braune Haar. Eine Geste der Ratlosigkeit, wie Liliana erkannte.

„Ich weiß nicht, was oder wer dich dazu bewegt einen solchen Schritt zu wagen, aber glaube mir, das Leben ist viel zu kostbar. Vielleicht scheint dir deine Situation zum momentanen Zeitpunkt ausweglos, aber schon morgen können sich ganz neue Möglichkeiten erschließen. Die Sonne geht immer wieder auf, wenn die Nacht auch noch so undurchdringlich scheint.

Auch wenn du dich einsam fühlst, es gibt ganz sicher Menschen, die dich vermissen würden. Die du durch dein Handeln verletzen würdest, weil deine Tat verdammt egoistisch ist.“

Liliana wich seinem Blick aus.

Sie empfand Wut über seine anmaßenden Worte, gleichzeitig quälten sie aber auch tiefe Schuldgefühle. Er sprach genau jene Dinge an, die sie hatten hadern lassen.

Würde Elise sie eines Tages hassen, weil sie ihr nicht die Möglichkeit ließ, frei zu entscheiden, ob sie mit ihrer Mutter leben wollte, auch wenn dieses bedeutete, dass es nur zeitweise möglich war? Doch zum jetzigen Zeitpunkt konnten weder sie noch Elise darüber entscheiden, bei wem das Kind leben sollte. Darüber entschieden einzig und allein Anwälte und Richter, die behaupteten, zu wissen wo das Wohlergehen ihres Kindes gesichert war. Und das war derzeit ganz sicher nicht bei Liliana.

Sie schüttelte den Kopf, einen Gefühlsausbruch mühsam beherrschend.

„Du kannst dir nicht anmaßen, über mich zu urteilen. Was weißt du schon von mir oder meinen Beweggründen, geschweige denn von meinem Leben und den Menschen die daran Teil haben? Ich habe dich nicht gebeten mich zu retten. Du mischt dich unaufgefordert in Dinge ein, die dich nichts angehen und von denen du keine Ahnung hast.“

Ihre Stimme bebte vor Zorn, so scharf waren ihre Worte.

Während sie gesprochen hatte, hielt sie den Blick eisern auf die Kaffeetasse in ihren Händen gesenkt, nicht gewillt dem Wissen in diesen blauen Augen zu begegnen.

Doch er schwieg beharrlich nach ihrem Ausbruch und so war sie schließlich gezwungen den Kopf zu heben.

Er saß, das unrasierte Kinn auf seine ineinander verschränkten Hände gestützt, still da und betrachtete sie mit einer Zufriedenheit, die sie zu spät erkennen ließ, dass er ihr eine Falle gestellt hatte.

„Ich wusste es.“ Leiser Triumph klang aus seinen Worten. „Ich wusste, dass trotz des Ausmaßes deiner Verzweiflung noch eine gehörige Portion Leben in dir steckt. Jemand, der sich so beharrlich zu verteidigen versteht, ist dem Leben viel näher als dem Tod.“

Liliana schloss die Augen und atmete hörbar ein.

„Also gut, du hast mich auf die Probe gestellt und ich bin dir auf den Leim gegangen. Und jetzt? Was bedeutet das nun, deiner Meinung nach, Herr Psychologe.“

Er lächelte verschmitzt, mit leicht zur Seite geneigtem Kopf und ließ sich zufrieden in seinem Stuhl zurück sinken.

„Ich würde sagen, eins zu null für mich.“

Nervös zog sie eine Augenbraue in die Höhe, schwieg jedoch.

„Du bist mir nun etwas schuldig. Ich schlage dir einen Deal vor.“

Hier saß ein Mann an ihrem Küchentisch, der ihr völlig fremd war. Aus dem Nichts war er aufgetaucht. Sicher, er hatte ihr das Leben gerettet, wenn das auch nicht unbedingt ihrem Willen entsprochen hatte, so sprach es doch für den Fremden. Aber wer immer er war, was er darstellte oder vor ihr verbarg, konnte sie nicht ahnen.

Trotz ihrer Todessehnsucht am vergangenen Abend beschlich sie nun ein leises Unbehagen.

Er konnte ein strahlender Held sein, ebenso wie ein gesuchter Verbrecher. Was forderte dieser Mann nun von ihr ein? Eine eiskalte Gänsehaut kroch ihren Körper hinauf und ließ sie frösteln.

Thierry schien ihr Unbehagen zu bemerken. Er beugte sich vor und sagte sanft:

„Ich will dich nicht ängstigen Liliana. Alles, was ich möchte, ist sicher gehen, dass du dich zu keinen weiteren Dummheiten hinreißen lässt.“

Er deutet mit einer Handbewegung auf die Uhr an der Wand hinter ihr.

„Ich kann nicht länger bleiben um mich selbst davon zu überzeugen. In einer Stunde habe ich einen Termin... “ Er unterbrach sich kurz. Irgendetwas schien ihn für Sekunden aus dem Konzept zu bringen. Sie konnte ein Flackern in seinem Blick sehen, eine gewisse Unruhe, die nichts mit der derzeitigen Situation zu tun hatte, das ahnte sie instinktiv.

„Also, der Deal besteht darin, dass du dir so gut wie möglich den Tag vertreibst ohne über dein Ansinnen vom gestrigen Abend nachzudenken. Dafür bin ich in den frühen Abendstunden zurück um nach dir zu sehen.“

Die Sanftheit in seiner Stimme, so als spräche er zu einem ungezogenen Kind, und der Vorschlag an sich ließen Liliana schließlich aus der Haut fahren:

„Ich bin verdammt noch mal keine sechs Jahre alt und ganz sicher brauche ich keinen Aufpasser. Die letzten Jahre habe ich mein Leben auch ganz gut allein gemeistert...“

„Daran zweifelt niemand. Doch es ist ziemlich eindeutig, dass du durchaus jemanden gebrauchen kannst, der dir die Sonnenseiten des Lebens zeigt. Liliana, lass es zu, dass dir jemand über die ersten Hürden hilft, bis du wieder sicheren Stand hast.“

„Und dieser jemand willst du sein?“

Sie bemerkte sein Zögern. Er schluckte, so dass sein Kehlkopf sich auffällig bewegte, bevor er weiter sprach: „Ich bin vielleicht wirklich nicht die geeignete Person dafür...“ Liliana hatte den Eindruck, dass diese Worte eigentlich nicht für ihre Ohren bestimmt waren.

„Aber fürs erste, bis wir jemanden gefunden haben, der dieser Aufgabe eher entspricht, könntest du vielleicht mit mir vorlieb nehmen?“

Liliana blieb ihm die Antwort schuldig, indem sie schwieg.

Thierry schob seinen Stuhl zurück und erhob sich. Mit den Händen strich er sich durch das etwas zu lange Haar, welches im Nacken auf den Hemdkragen fiel.

„Nun gut, ich sollte dann wohl aufbrechen.“

Sie erhob sich ebenfalls und deutet auf seine nackten Füße.

„Du kannst unmöglich ohne Schuhe gehen. Warte, ich muss irgendwo noch ein paar Badeschuhe von meinem verstorbenen Mann haben.“

Sie trat in das angrenzende Schlafzimmer und öffnete Mathieus Kleiderschrank. Augenblicklich schlug ihr der vertraute Geruch entgegen und sie klammerte sich Halt suchend an die Schranktür. Wann würde es endlich aufhören? Auch nach fast vier Jahren waren all die Erinnerungen und der damit verbundene Schmerz noch so frisch, als ob es gestern gewesen sei.

Liliana schloss die Augen und versuchte ihre Gefühle unter Kontrolle zu bekommen während sie ihren Kopf gegen das raue Kiefernholz lehnte.

„Liliana...? Alles okay?“ Thierrys tiefe, fremdartige Stimme riss sie zurück aus der Vergangenheit. Sie erschrak so heftig, dass sie leise aufschrie. Sie hatte ihn völlig vergessen.

„Verzeih, ich wollte dich nicht...“

Sie schüttelte ungehalten den Kopf. „Schon gut“, murmelte sie, sank auf die Knie und begann in den Tiefen des Schrankes nach den Schuhen zu suchen.

Überdeutlich spürte sie seine Anwesenheit. War sich bewusst, dass er die hektischen Bewegungen, den unruhigen Atem und ihre Unsicherheit wahr nahm. Doch er war taktvoll genug zu schweigen.

Nach einer Ewigkeit, wie Liliana schien, hielt sie schließlich die Schuhe in den Händen.

Noch immer zittrig erhob sie sich, durchschritt den Raum und reichte sie ihm.

Thierry quittierte die Schuhe mit einem leicht schiefen Lächeln bevor er sich bückte und hinein schlüpfte. Da es sich um offene Badeschuhe handelte, war gut sichtbar, dass seine Zehen, ebenso wie die Ferse deutlich über dem Sohlenrand standen.

Liliana empfand die Situation in ihrer Schlafkammer plötzlich als ungewöhnlich intim. Die enge des Raumes machte ihr seine Größe und das fremdartige umso deutlicher bewusst. Sie trat einen Schritt zurück. Mit einem schüchternen Lächeln begegnete sie schließlich Thierrys Blick:

„Tut mir Leid, etwas anderes habe ich leider nicht. Vermutlich schulde ich dir nun ein paar Schuhe.“

Er erwiderte ihr Lächeln und winkte ab: „Es wird schon gehen. Immer noch besser als barfuß laufen zu müssen und so die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.“

Und das war etwas, schien Liliana, was er absolut vermeiden wollte.

Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab, trat zurück in den Wohnraum und sah sich noch einmal um.

Schließlich nickte er ihr kurz zu: „Also dann Liliana, ich hoffe wir sehen uns heute Abend.“

Er wartete ihre Antwort nicht ab. Im nächsten Moment schloss sich die Tür hinter ihm.

*

Sein Weg führte ihn über die sichere Verlassenheit des Strandabschnittes, der ihn direkt nach La Cotiniere bringen würde.

Der Sand unter seinen kaum beschuhten Füßen war noch immer feucht vom Regen der vergangenen Nacht. Wind zerzauste sein Haar, zerrte an der Kleidung und ließ ihn erschauern. Deutlich war der Atem des nahenden Herbstes zu spüren.

Thierry vergrub die Hände tief in die wärmenden Taschen seiner geborgten Jeans und hob den Blick zum Himmel, an dem in schnellen Zügen regenschwere, graue Wolkenformationen dahin trieben.

Grau wie seine Stimmung, die düster auf seiner Seele lastete.

Er war zu Hause. Nach all den Jahren der Sehnsucht, die ihn innerlich langsam auszuhöhlen drohte und nichts als leblose, tote Materie zurück ließ, war er nun an jenem Ort, an den er sich in den endlosen Stunden schlaflos verbrachter Nächte hin geträumt hatte.

In seinen Träumen war Oleron