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Diplomarbeit aus dem Jahr 2004 im Fachbereich Soziale Arbeit / Sozialarbeit, Note: 1, Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut, ehem. Fachhochschule Landshut, Sprache: Deutsch, Abstract: Schizophrenie – ein Wort das in vielen Menschen Angst und Unsicherheit auslöst. Noch heute gibt es zahlreiche Mythen über diese Krankheit. Erwähne ich dieses Wort gegenüber Bekannten, so fällt häufig: „das sind doch die mit einem «Verfolger»“ oder „die haben doch eine gespaltene Persönlichkeit“. Viele Menschen können nicht wirklich etwas mit diesem Begriff anfangen, sich nicht wirklich etwas darunter vorstellen. Somit können sich Mythen über diese Krankheit leicht verbreiten und zur Stigmatisierung der Betroffenen beitragen. Die heutige Medienwelt beteiligt sich in besonderem Maße daran. Was dies für Folgen für die Betroffenen haben kann, habe ich manchmal in meinem Praktikum in einer Tagesstätte für psychisch kranke Menschen erlebt. Viele der Besucher konnten selbst in diesem geschützten Rahmen nicht offen über ihre Krankheit sprechen. Sie verschwiegen vielmehr ihre Krankheit oder gaben an, dass sie zum Beispiel wegen eines Nervenleidens oder ähnlichem hierher kamen. In einem Gespräch in der Gruppe wurde besonders deutlich, welches Bild die Besucher selbst von ihrer Krankheit hatten. So bezeichneten sie sich etwa als die „Irren“ oder auch die „Verrückten“. Dies zeigt deutlich ihre bisherigen Erfahrungen. In der Öffentlichkeit werden auch heute noch eher die Begriffe „Irre“, „Verrückte“, „Geisteskranke“ oder „Psychopathen“ verwendet, als der Begriff Schizophrenie. Stigmatisierung scheint also in einem beträchtlichen Maße zum Leben schizophrener Menschen zu gehören. Aus diesem Grund scheint es mir wichtig, mich einmal genauer mit diesem Thema auseinanderzusetzen.
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Veröffentlichungsjahr: 2004
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4.3 Arbeit……………………………………………………………………………………………… S.60 4.4 Lebensqualität…………………………………………………………………………………. S.635 Auswirkungen der Stigmatisierung auf das Leben der Angehörigen…………………………………………………………………………. S.685.1 Stigma und Schuldzuweisung……………………………………………………………. S.68 5.2 Umgang mit Krankheit und Stigma……………………………………………………. S.716 Entstigmatisierung am Beispiel der Anti-Stigma-Kampagne……… S.726.1 Entstehung………………………………………………………………………………………. S.73 6.2 Ziele……………………………………………………………………………………………….. S.74 6.3 Überblick über weltweite Aktivitäten…………………………………………………. S.74 6.4 „Open the doors“: Das Anti-Stigma-Programm in Deutschland…………….. S.76 6.4.1 Struktur…………………………………………………………………………………………. S.76 6.4.2 Programm und Methodik………………………………………………………………… S.77 6.4.3 Effekte…………………………………………………………………………………………… S.78 6.4.5 Beispiel München als Projektzentrum………………………………………………. S.80 6.5 Bewertung………………………………………………………………………………………… S.827 Stigmabewältigung durch Empowerment…………………………………. S.837.1 Konzept und professionelle Haltung……………………………………………………. S.83 7.1.1 Definition………………………………………………………………………………………. S.84 7.1.2 Bausteine von Empowerment………………………………………………………….. S.84 7.1.3 Aufgabe des professionellen Helfers…………………………………………………. S.85 7.1.4 zentrale Handlungsprinzipien…………………………………………………………. S.87 7.2 Methoden………………………………………………………………………………………… S.94 7.3 Grenzen des Empowerment-Konzeptes……………………………………………….. S.998 Resümee………………………………………………………………………………… S.102 Erklärung gemäß § 31 Abs.5 der Rahmenprüfungsordnung…………….. S.103 Literaturverzeichnis…………………………………………………………………… S.104
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Einleitung
Schizophrenie - ein Wort das in vielen Menschen Angst und Unsicherheit auslöst. Noch heute gibt es zahlreiche Mythen über diese Krankheit. Erwähne ich dieses Wort gegenüber Bekannten, so fällt häufig: „das sind doch die mit einem «Verfolger»“ oder „die haben doch eine gespaltene Persönlichkeit“. Viele Menschen können nicht wirklich etwas mit diesem Begriff anfangen, sich nicht wirklich etwas darunter vorstellen. Somit können sich Mythen über diese Krankheit leicht verbreiten und zur Stigmatisierung der Betroffenen beitragen. Die heutige Medienwelt beteiligt sich in besonderem Maße daran. Was dies für Folgen für die Betroffenen haben kann, habe ich manchmal in meinem Praktikum in einer Tagesstätte für psychisch kranke Menschen erlebt. Viele der Besucher konnten selbst in diesem geschützten Rahmen nicht offen über ihre Krankheit sprechen. Sie verschwiegen vielmehr ihre Krankheit oder gaben an, dass sie zum Beispiel wegen eines Nervenleidens oder ähnlichem hierher kamen. In einem Gespräch in der Gruppe wurde besonders deutlich, welches Bild die Besucher selbst von ihrer Krankheit hatten. So bezeichneten sie sich etwa als die „Irren“ oder auch die „Verrückten“. Dies zeigt deutlich ihre bisherigen Erfahrungen. In der Öffentlichkeit werden auch heute noch eher die Begriffe „Irre“, „Verrückte“, „Geisteskranke“ oder „Psychopathen“ verwendet, als der Begriff Schizophrenie. Stigmatisierung scheint also in einem beträchtlichen Maße zum Leben schizophrener Menschen zu gehören. Aus diesem Grund scheint es mir wichtig, mich einmal genauer mit diesem Thema auseinanderzusetzen.
Da der Begriff Schizophrenie in der Bevölkerung so undifferenziert gebraucht wird und es so viele verschiedene Blickwinkel gibt, wie man sich mit diesem Thema auseinandersetzen kann, werde ich in meiner Diplomarbeit als erstes genauer auf eine sehr häufig gebrauchte Sichtweise eingehen, nämlich den medizinischen Blick auf die Schizophrenie.
Als nächstes werde ich mich mit Stigmatisierung auseinandersetzen. Hierbei ist mir wichtig, kurz zu klären, was denn Stigmatisierung bedeutet. Es interessiert mich besonders, wie Stigmatisierung entsteht, wie sie verläuft, welche Funktionen Stigmata haben, welche Folgen sich daraus ergeben und wie die Betroffenen darauf reagieren.
Es ist mir wichtig herauszufinden, wie Schizophrenie in der Gesellschaft tatsächlich gesehen wird. Um die heutige Sicht beurteilen zu können, werde ich zuerst einen Rückblick in die
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Psychiatriegeschichte wagen. Da in Bezug auf Schizophrenie auch häufig von abweichendem Verhalten gesprochen wird, werde ich mich in einem kurzen Abschnitt mit dem Thema Normalität auseinandersetzen. Um das Thema Schizophrenie und Gesellschaft noch besser beleuchten zu können, werde ich als nächstes die zahlreichen Vorurteile und Mythen über die Schizophrenie darstellen. Da die Medien sehr viel zum Bild der Schizophrenie in der Öffentlichkeit beitragen, werde ich darauf eingehen, wie diese Krankheit in den visuellen und in den Printmedien dargestellt wird. Um dieses Thema abzuschließen ist es mir wichtig, die Einstellung der Bevölkerung gegenüber schizophrenen Menschen an Untersuchungsergebnissen zu erläutern.
Anschließend werde ich mich damit beschäftigen, welche Auswirkungen die Stigmatisierung nun tatsächlich auf das Leben schizophrener Menschen hat. Besonders interessieren mich dabei die Bereiche Krankheitsverlauf, Isolation, Arbeit und Lebensqualität, da sie dem Leser in etwa ein Bild vermitteln, was Stigmatisierung für den Betroffenen bedeutet.
Doch nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für deren Angehörige kann die Stigmatisierung Auswirkungen haben. Deshalb werde ich in einem extra Punkt darauf eingehen. Häufig kommt es zu einer Schuldzuweisung, was es für die Angehörigen besonders schwierig macht, mit dieser Krankheit umzugehen. Aus diesem Grunde ist es mir auch wichtig, Wege aufzuzeigen, wie Angehörige mit der Krankheit und dem Stigma besser zurechtkommen können.
Um aufzuzeigen, was zur Entstigmatisierung beigetragen werden kann, werde ich eine aktuelle Bewegung vorstellen, die weltweit auf dem Vormarsch ist, nämlich die Anti-Stigma-Kampagne. Dabei werde ich erläutern, wie diese entstanden ist, welche Ziele sie verfolgt und welche weltweiten Aktivitäten es gibt. Um sich ein genaueres Bild machen zu können, werde ich besonders auf das Anti-Stigma-Programm in Deutschland eingehen und hierbei München als ein Projektzentrum vorstellen.
Als letzten Punkt werde ich mich mit Stigmabewältigung durch Empowerment auseinandersetzen. Grundsätzlich werde ich zunächst einmal klären, was unter dem Begriff Empowerment zu verstehen ist und dabei auf Konzepte und die professionelle Haltung eingehen. Außerdem werde ich einige Methoden erläutern. Um Empowerment bewerten zu können, werde ich auch die Grenzen dieses Konzeptes aufzeigen.
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Um den Lesefluss des Textes nicht zu behindern, wurde nur die männliche Schreibweise verwendet. Damit sollen trotzdem auch immer beide Formen gemeint sein.
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Um die Schizophrenie zu erklären, gibt es verschiedene Modelle, die man heranziehen kann. So gibt es zum Beispiel das tiefenpsychologische Modell, das lern- und sozialwissenschaftliche Modell oder das systemische Modell. Das wohl zur Zeit am häufigsten gebrauchte Modell, dürfte das medizinische sein. Aus diesem Grund werde ich mich zu Beginn meiner Arbeit mit dem medizinischen Krankheitsbild der Schizophrenie auseinandersetzen. Um einen ersten Eindruck von der Krankheit zu bekommen möchte ich Asmus Finzen zitieren, der sagt:
„Die Schizophrenie ist die schillerndste aller psychischen Störungen. Sie kann leicht sein oder schwer. Sie kann akut und dramatisch verlaufen oder schleichend und für Außenstehende kaum wahrnehmbar. Sie kann kurze Zeit andauern oder ein ganzes Leben. Sie kann einmalig auftreten. Sie kann in längeren oder kürzeren Abständen wiederkehren. Sie kann ausheilen oder zu Invalidität führen. Sie trifft Jugendliche im Prozess des Erwachsenwerdens und in der beruflichen Entwicklung. Sie trifft Frauen und Männer, die mitten im Leben stehen und solche an der Schwelle zum Alter“ (Finzen, 2003, S.20).
Trotz dieses vielfältigen Erscheinungsbildes spricht man dennoch von einem Krankheitsbild. Man kann zwar nicht wirklich von einem einheitlichen Erscheinungsbild reden, aber es lassen sich typische Gemeinsamkeiten herausfinden. Die Ausprägung der Erkrankung hängt eng mit der Persönlichkeit und der Lebensgeschichte des Patienten zusammen.
Im Laufe der Psychiatriegeschichte wurden zahlreiche Versuche unternommen, die verschiedenen Symptome zu gruppieren. Wie bei Tölle beschrieben, teilte sie Bleuler zum Beispiel in Grundsymptome und akzessorische Symptome auf. Zu den Grundsymptomen zählen bei ihm Störungen des Denkens, der Affektivität und des Antriebs, während Wahn, Halluzinationen und katatone Störungen zu den akzessorischen Symptomen gehören. Die akzessorischen Symptome sind zwar beeindruckend, allein aber nicht ausschlaggebend für eine Schizophrenie. Eine weitere Unterscheidung ist die Einteilung in primäre und sekundäre Symptome, die aber im Wesentlichen der obigen Aufteilung entspricht. In der heutigen Psychiatrie wird oft zwischen Plus- und Minussymptomatik unterschieden, da dies besonders wichtig für die medikamentöse Behandlung ist(Tölle, 1999, S.192).Um den Leser nicht zu sehr zu verwirren, werde ich in diesem Rahmen nicht näher darauf eingehen. Im Folgenden werde ich viel mehr einen Überblick über die möglichen Symptome geben und beziehe mich
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dabei auf verschiedene Autoren(Bäuml, 1994, S.14-17; Finzen, S.43-58; Möller, Laux & Deister, 1996, S.135-138; Tölle, S.193-201).Aus Gründen der Übersichtlichkeit werde ich die Symptome in Anlehnung an Asmus Finzen wie folgt gruppieren:
•Störungen des Denkens
•Störungen des Gefühls
•Ich-Störungen
•Akzessorische Symptome
Hierbei ist aber zu beachten, dass nie sämtliche Symptome auf einmal auftreten und ihre Ausprägung sehr unterschiedlich sein kann.
Die Störungen des Denkens sind die wichtigsten Symptome der Schizophrenien. Hierzu zählen verschiedene Einzelsymptome.
•Lockerung des Denkzusammenhangs, Ideenflucht, ZerfahrenheitDas Denken von Schizophrenen erscheint oft zusammenhanglos und alogisch. Häufig wird der Gedankenablauf durch Assoziationen oder gleiche Wortendungen bestimmt. Ihre Äußerungen sind oft sehr absurd oder bizarr, da sie sich nicht selten in Widersprüche verstricken. Bei der so genannten Ideenflucht schießt dem Patienten ein Gedanke nach dem anderen in den Kopf und er spricht dabei wie ein Wasserfall. Charakteristisch für Schizophrenie ist, dass geordnetes und zerfahrenes Denken oft in raschem Wechsel auftreten. Bei zerfahrenem Denken gibt es häufig keinen Zusammenhang mehr zwischen einzelnen Worten oder Sätzen. Alle Gedanken erscheinen gleich wichtig, so dass kein bestimmtes Ziel verfolgt wird. Die Betroffenen können somit sehr leicht von allem möglichem abgelenkt werden. Ist die Zerfahrenheit sehr stark, spricht man auch von„Verworrenheit“ (Finzen, 2003, S.43).
•Begriffsverschiebungen, -verbindungen, -verdichtungen, -zerfallDarunter versteht man, dass Begriffe auf verschiedenste Weise verändert werden. So sind etwa Wortneubildungen wie „trauram“ aus den Wörtern „traurig“ und „grausam“ keine Seltenheit. Hier werden zwei Begriffe zu einem verbunden. Wenn unterschiedliche, nicht zusammenpassende Bedeutungen miteinander verbunden werden, nennt man dies Kontamination. Manchmal können Begriffe auch nur noch wörtlich und nicht mehr im übertragenen Sinne verstanden werden. Dies fällt vor allem auf, wenn man den Patienten mit
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Sprichwörtern konfrontiert. Es gibt jedoch auch das genaue Gegenteil, nämlich den Symbolismus. Dieser liegt dann vor, wenn Begriffe nur noch metaphorisch begriffen werden.
Man sollte nicht vergessen, dass die erläuterten Denkformen manchmal ansatzweise auch bei Gesunden zu finden sind, nämlich bei Stress, nach langer Schlaflosigkeit oder bei Unaufmerksamkeit.
•Sprache und Schrift
Die Sprachfähigkeit ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Sie reicht von starkem Rededrang über Redehemmung bis hin zu Mutismus. Unter Mutismus versteht man, dass der Patient nicht mehr spricht. Des Öfteren findet man auch eine verspielt wirkende, ornamentale Ausdrucksweise, sowohl in der Wortwahl, der Aussprache als auch im Schriftbild. Wenn der Patient kaum sinnvolle Äußerungen und beziehungslose Antworten auf Fragen gibt, so spricht man von der so genannten Schizophasie, einer Sprachverwirrtheit. Manchmal kommt es vor, dass die Patienten einzelne Worte wiederholen. Dies nennt man Echolalie. Allgemein kann man jedoch sagen, dass die Symptome der Sprache und Schrift eher selten sind und durch die heutige Behandlung kaum noch auftreten.
Neben den Störungen des Denkens, stehen vor allem auch Störungen des Gefühls im Vordergrund. In diesem Bereich können die Störungen unterschiedlichste Gestalt annehmen. Sowohl gehobene als auch gedrückte Stimmungslagen sind möglich. Derartige Stimmungsveränderungen können wir sicherlich gut nachempfinden. Doch was genau das Spezielle dieser Erkrankung ist, möchte ich an den folgenden Einzelsymptomen darstellen.
•Affektive Schwingungsfähigkeit, affektive Verstimmung
Bei vielen ist die affektive Schwingungsfähigkeit eingeschränkt. Sie wirken daher auf Außenstehende häufig gleichgültig. Allgemein fällt auf, dass vielfach der Bezug zur Situation fehlt. Viele schizophrene Menschen können nicht spüren, was andere Menschen empfinden. Durch ihre unangemessenen Reaktionen lösen sie in ihrem Gegenüber Unbehagen aus und dies kann dazu führen, dass sie zurückgewiesen werden. Einerseits können die Stimmungslagen gehoben andererseits aber auch depressiv sein. Gehobene Stimmungslagen können manisch geprägt sein, dass heißt die Patienten wirken dann enthemmt, unangemessen fröhlich, oberflächlich heiter und rücksichtslos. Demgegenüber
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stehen depressive Verstimmungen, die sehr uneinheitlich sein können. Zum Teil ähneln sie melancholischen Depressionen, wobei die Patienten ratlos, hilflos und anlehnungsbedürftig wirken. Diese Verstimmungen sind häufig situationsabhängig. Wenn die Verstimmungen zu stark werden, kann es zu Suizidalität kommen. Allgemein sind solch veränderte Stimmungslagen sehr unbeständig. Sie könne in kurzer Zeit umschlagen. Dies kann von vielen Außenstehenden nicht nachvollzogen werden, so dass es häufig dazu kommt, dass sich beide Seiten nicht verstehen. Verständlicherweise fördert das wiederum die Gereiztheit, so dass sich Patient und Angehöriger in einen immer größeren Konflikt begeben. Letztendlich wächst dadurch das Unverständnis für den Kranken nur noch mehr.
•Angst
Angst ist ein sehr zentrales Symptom, das wohl bei jedem schizophren erkrankten Menschen im Laufe seiner Krankheitsgeschichte irgendwann einmal auftritt. Dies ist auch nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, welche Veränderungen ein Patient durchmacht. Alles was vorher vertraut war, wird plötzlich unbekannt, wenn nicht sogar unheimlich. Durch die Veränderungen, die der Patient durchmacht, verändern sich auch seine Beziehungen zu seinen Mitmenschen. Oft verliert er die Orientierung. Diese Angst kann soweit führen, dass der Patient seinen einzigen Ausweg im Suizid sieht. Schizophreniekranke Menschen sind in der Regel emotional wenig belastbar, sehr sensibel und verletzlich.
•Anhedonie
Diesen Begriff gibt es erst seit wenigen Jahren. Damit ist gemeint, dass sich diese Menschen leer und hoffnungslos fühlen. Sie sehen keine Perspektive und kennen weder Glück noch Zufriedenheit. Wie man sich vorstellen kann wird dieses Symptom als sehr quälend erlebt und kann daher auch zum Suizid führen.
•Inadäquate Gefühlsreaktionen
Darunter versteht man, dass derjenige der davon betroffen ist, seine Erfahrungen und Empfindungen nicht in angemessener Weise mitteilen kann. Man nennt dies auch Parathymie. Man kann sich das so vorstellen, dass ein schizophrener Mensch, der zwar traurige Gefühle hat, nach außen hin heiter erscheint und lacht.
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Neben den beiden Hauptsymptomgruppen treten bei Schizophrenien häufig auch noch Störungen des Handelns, des Wollens und des Ich-Erlebens auf. Diese verursachen meist Störungen des Alltags und der Beziehungen zu anderen Menschen. Deshalb ist es von Vorteil zu wissen, welche Einzelsymptome darunter zu verstehen sind.
•Ambivalenz, Nicht-Wollen-Können
Unter Ambivalenz versteht man das Erleben von gegensätzlichen Gefühlsregungen wie etwa Lachen und Weinen, Liebe und Hass. Gegensätze können nicht bewusst erlebt werden, sondern treten gleichzeitig und gleichwertig in Erscheinung und blockieren sich manchmal, so dass die Erkrankten wie gelähmt erscheinen. Soziale Verpflichtungen werden nicht erkannt oder als unwichtig erachtet, wodurch nach außen hin oft der Eindruck entsteht, dass sie bestimmte Dinge einfach nicht tun wollen, zu faul dazu sind. Es wird verkannt, dass dies ein Symptom der Krankheit sein kann und stattdessen wird der Kranke mit guten Ratschlägen konfrontiert, wie er möge sich doch zusammenreißen. Indem er aber bestimmten sozialen Aufgaben nicht mehr nachkommen kann, droht er nach und nach aus dem sozialen Netz zu fallen. Nicht selten vernachlässigen schizophrene Menschen ihre Körperpflege oder ihren Haushalt bis sie schließlich im schlimmsten Fall ihre Wohnung verlieren und keine Kontakte mehr zu anderen Menschen haben.
•Störungen des Ich-Erlebens
Hierbei geht es darum, wie ein Mensch sich selbst erlebt. Bei einer Schizophrenie kann es sein, dass Gedanken, Gefühle oder Teile des Körpers als fremd empfunden werden. Man spricht dann auch von Depersonalisation. Die Grenzen zwischen Ich und Umwelt werden durchlässig und man kann nicht mehr unterscheiden, was zu einem selbst gehört und was zur Außenwelt. Häufig glauben diese Menschen, dass andere ihre Gedanken lesen können oder sie sogar von anderen Menschen gesteuert werden. Ab und zu verwechseln sie auch Menschen miteinander, die oberflächlich gesehen Gemeinsamkeiten aufweisen. Im Extremfall halten sie sich selbst für eine andere Person.
•Gedankendrängen, Gedankeneingebung, Gedankenentzug
Beim Gedankendrängen können die Betroffenen die Gedanken nicht mehr kontrollieren, sie drängen sich ihm förmlich auf. Das löst im Erkrankten ein Gefühl der Überwachung aus. Oft glauben sie auch, dass ihnen die Gedanken von außen eingeflößt werden. Dies wird als sehr
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bedrohlich erlebt. Es kann jedoch auch das Gegenteil eintreten, nämlich dass ihre Gedanken mittendrin abbrechen und sie das Gefühl haben, dass sie ihnen von außen entzogen werden. Nicht selten ist Angst die Folge.
•Autismus
Der Autismus eines Schizophreniekranken ist nicht mit dem frühkindlichen Autismus zu verwechseln. Man versteht darunter viel mehr eine Art sozialen Rückzugs. Sie haben kaum Kontakt zu anderen Personen und leben somit in einer eigenen Welt. Kennzeichnend sind die emotionale Distanz zu anderen Menschen und die Versunkenheit in sich selbst. Diese Menschen verhalten sich meist passiv und nehmen demzufolge auch nicht am kulturellen Leben teil. Die autistische Welt des Schizophrenen ist meist geprägt durch Wünsche und Befürchtungen.
Zu den akzessorischen Symptomen zählen Wahn, Halluzinationen und Störungen der Psychomotorik. Nach außen hin scheinen diese Symptome als die auffälligsten und sind für viele sicherlich die bekanntesten. Sie allein aber können nicht ausschlaggebend für eine schizophrene Erkrankung sein. Sie sind vielmehr zusätzliche Symptome, die bei vielen Kranken noch hinzukommen. Treten diese Symptome auf, werden die meisten von ihrer Umgebung erst als krank eingestuft. Sie können allerdings auch bei anderen Erkrankungen, wie etwa dem Alkoholdelir auftreten.
