Stille Nacht allerseits - Jörg Maurer - E-Book

Stille Nacht allerseits E-Book

Jörg Maurer

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8,99 €

Beschreibung

Was Sie garantiert noch nicht über Weihnachten wussten – das unersetzliche Geschenk für Erdlinge und Außerirdische

Bestsellerautor Jörg Maurer spürt dem Geheimnis von Weihnachten nach. Er entdeckt Alpenländisches und Globales, kuriose Bräuche und erstaunliche Lieder, Heilige Nächte und profane Fakten, besinnliche Verbrechen und zwielichtige Evangelisten. Ob Weihnachtsbaumweitwerfen, kuriose Krippenfiguren oder die schrägsten Einspielungen von "Stille Nacht" - Weihnachten mit Jörg Maurer ist einfach ein Fest!

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EPUB

Seitenzahl: 185

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Jörg Maurer

Stille Nacht allerseits

Was Sie von Weihnachten nie gedacht hätten

FISCHER E-Books

Inhalt

Ein BriefEvangelisten im NebelFakten, Fakten, FaktenIm KaufhausDie Wucht der AufzählungDie Macht der WiederholungDer Reiz der RekordeKinder zeichnen WeihnachtskugelnVorlesen an WeihnachtenDie vierte WandDas ewige Lied: Stille NachtLehrerkorrekturenStille Nacht – Hitliste der besten EinspielungenWeihnachtskartengrüßeDigitale WeihnachtsgrüßeDer erste bekannte Fall von StalkingWir warten aufs ChristkindDer WeihnachtsmarktWeihnachtsmärkte abseits vom MainstreamZen in der Kunst des GlühweintrinkensWeihnachtsmuffelWie diesjahr die Schneeflocken fallenWeihnachten ironisch feiernWeihnachtsstressWeihnachtsbeleuchtungWeihnachtsgedudelWeihnachten und ModeDas Christkind rät – glückliche Kinderaugen leicht gemachtWeihnachten und KarnevalDie arme Kristýna aus GřcDer Weihnachtsbaum und der ChristklotzPhilosophen schmücken den WeihnachtsbaumSonderbare Orte, um Weihnachten zu feiernGeschenkeHey, SiriMilitärische Operationen an WeihnachtenComputergenerierte BeiträgeDer grantige HirteDie Hirten aus dem HinterhaltDie KrippeKrippen für verschiedene soziologische SchichtenDer vierte HeiligendreikönigLittle Drummer BoyHüllen aus der HölleWeihnachtliche KinderverseFakten, Fakten, FaktenWeihnachtsbäuche aus aller WeltWeihnachten als deutscher ExportschlagerWas SüßesCarquinyolis-Rezept zum NachbackenWeihnachtsgedichteDas Weihnachtsoratorium von BachR.Weihnachten in der MalereiChristmas CrimesKriminelle HaikusWeihnachten in heißen GegendenDie coole HerbergssucheWeihnachten in der LiteraturFakten, Fakten, FaktenErwachsene backen Weihnachtssterne – ein PsychotestAdventskränzeWeihnachtsfilmeDie TodesfalleEin Brief, unter der Tür durchgeschobenDer Dank

Liebe Außerirdische,

 

ihr wollt etwas über die menschliche Kultur erfahren? Prima. Und ihr fangt gleich mal mit den Weihnachtsmythen, Heiligabendbräuchen und Glühweinzutaten an? Guter Plan! Schön finde ich auch, dass ihr ausgerechnet auf mein bescheidenes Weihnachtsbüchlein gestoßen seid. Liebe fremde Lebensformen, wo ihr auch immer sitzt und wie ihr auch immer ausseht, so viel will ich euch gleich verraten: Es gibt noch einige andere Bücher über Weihnachten. Tausende. Millionen. Fast jeder in unserer menschlichen Zivilisation, der halbwegs schreiben kann, hat sich in einem Buch dazu geäußert. Ein gewisser Markus war der Erste, seine Geschichte wurde der Bestseller der Antike, und dann ging es zweitausend Jahre lang Schlag auf Schlag. Ein Ende ist nicht abzusehen, denn gerade das Internet-Zeitalter hat den X-mas-Hype wieder in Schwung gebracht, nachdem das beschauliche Fest in den Siebzigern und Achtzigern des vorigen Jahrhunderts in schweren Spießerverdacht geraten war.

 

Liebe fremde Lebensformen, hofft bitte nicht darauf, den Mythos Weihnachten durch die Lektüre dieses Büchleins voll und ganz zu verstehen. Weihnachten ist nicht dazu da, um es zu verstehen. Das wäre geradezu das Ende von Weihnachten. Andersrum wird ein plätzchengefüllter Stiefel draus: Das Unerklärliche und Nebulöse ist ihm eigen, wie der Sonnenbrand und das Erdbeereis dem Juni.

 

Viel Spaß beim Erforschen, Verirren und Entdecken!

Evangelisten im Nebel

O Weihnacht! Weihnacht!

Höchste Feier!

Wir fassen ihre Wonne nicht,

sie hüllt in ihre heil’gen Schleier

das seligste Geheimnis dicht.

(Nikolaus Lenau, 1802–1850)

Der Mensch liebt ihn nun mal, den undurchdringlichen Nebel. Im Fall von Christi Geburt gehen die geheimnisvollen Unbestimmtheiten schon mit den ersten Aufzeichnungen los. Das bekannte Weihnachtsevangelium von Lukas beginnt mit den oft rezitierten Worten:

»Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging …«

Aber kann man Lukas’ Aufzeichnungen über den Weg trauen? Er ist der unbelegteste Kandidat in dem ohnehin schon schemenhaften Evangelisten-Quartett. Seine Biographie ist so löchrig wie die Bretterwand des Stalls von Bethlehem. Der Eintrag im Heiligenlexikon lautet dementsprechend:

Lukas (vielleicht auch Lucanus), zweiter (nach anderen Forschungen: dritter) Evangelist, hatte vermutlich griechische Wurzeln, sein Geburtsort soll Antiocha in Syrien (heute Antakya in der Türkei) gewesen sein. Man nimmt an, dass er zwischen 10 v. Chr. und 15 n. Chr. geboren wurde, die Identität mit dem Begleiter von Paulus gleichen Namens ist umstritten. Eine Legende erzählt, dass er um 80 n. Chr. in Theben gestorben ist, er war vermutlich Arzt, einige medizinische Fachausdrücke sprechen dafür. Sein Märtyrertod ist ungesichert, wird jedoch immer wieder gern beschrieben.

Oder, in griffig-nebeliger Kurzform:

Lukas (Lucanus?), zweiter (dritter?) Evangelist von griech. (?), cypr. (??) oder indischer (???) Abstammung. Arzt (?), Begleiter von Paulus (??). Geb. zw. 10 v. Chr. und 15 n. Chr. in Antiocha (?), gest. um 80 n. Chr. im ägypt. Theben (?) als Märtyrer (?).

Man sieht: Wenn ein Mythos dauerhaft sein soll, muss er wohl auf jeden Fall eine unklare Basis haben. Nur zum Vergleich der biographische Lexikoneintrag eines anderen Sinnstifters:

Karl Marx, geboren am 5. Mai 1818 um 2:00 Uhr in Trier, Stadtteil Mitte-Gartenfeld, Brückenstraße 10(heute Karl-Marx-Straße), Querstraßen: Jüdemerstraße und Lorenz-Kellner-Straße, als drittes Kind des Anwaltes Heinrich Heschel …

So funktioniert es eben nicht! Die Ideologie dieses anderen Schwärmers musste ja zum Scheitern verurteilt sein! Denn je widersprüchlicher und unhaltbarer die Grundlagen sind, desto weniger werden sie in Frage gestellt. Gerade Phantastereien und steile Thesen locken das Publikum an. Gewissenhafte historische Forschungen hingegen, die beispielsweise zum Ergebnis kommen, dass Jesus nie in Bethlehem gewesen sein kann und Weihnachten eigentlich im Sommer gefeiert werden müsste, interessieren deshalb kaum jemanden. Die Antworten auf diese Fragen sind so enttäuschend, wie wenn man erfährt, wie ein Zaubertrick funktioniert.

 

Vielleicht musste die vor zweitausend Jahren gültige römische Staatsreligion auch deswegen der christlichen weichen. Zeus, Hera & Co. traten einfach zu erkennbar menschlich auf. Jeder der Götter war für einen klar abgegrenzten Bereich zuständig – wie unmystisch. Sie hatten ihre Schwächen – wie unheroisch. Hätten sich die griechisch-römischen Göttervorstellungen in Mitteleuropa gehalten, würden heutzutage Blitze statt Bergkreuzen auf den Gipfeln blinken. Und statt der Kirchen hätten wir zugige Göttertempel mit Bodenfliesen aus Blutwurstmarmor. Die Weihnachtskrippen allerdings würden vielleicht ähnlich aussehen, denn die Parallelen zu Chr. Geburt sind durchaus auffällig: Zeus’ Mutter Rhea (Ressort: Behaglichkeit, Fruchtbarkeit) bringt das Götterbaby Zeus in einer Höhle zur Welt, da es sein Vater Kronos (Ressort: Zeitmanagement) aufzufressen droht. Rhea gibt Kronos anstatt des Säuglings einen in eine Windel gewickelten Stein, den Kronos verschlingt. – Aber all das ist bekanntlich nicht so gelaufen, wir feiern nun mal unser christliches Weihnachten, diese neblige Mischveranstaltung, basierend auf unklaren Quellenlagen, ungesicherten Eckdaten und kaum zu haltenden Voraussetzungen. Herrlich!

Fakten, Fakten, Fakten

Trotzdem finden sich in all dem Nebel einige knallharte Fakten rund um Weihnachten:

Das Stichwort ›Weihnachten‹ bringt bei Google 94 Millionen Ergebnisse, ›Ostern‹ lediglich 39 Millionen. Dabei ist doch eine Wiederauferstehung viel ungewöhnlicher als eine Geburt!

In Somalia und Tadschikistan ist es aus religiösen Gründen gesetzlich verboten, Weihnachten zu feiern. In Brunei kann es sogar bis zu fünf Jahre Gefängnis für festliche Weihnachtsdekorationen und das Singen von Weihnachtsliedern geben.

Die Geburt Jesu wird von der Forschung fast übereinstimmend zwischen 7 und 4 v. Chr. angesetzt. Wir leben demzufolge also schon über zweitausend Jahre in einem postfaktischen Zeitalter.

In Puccinis Oper La Bohème, deren Handlung größtenteils am Heiligabend spielt, wird kein einziges Weihnachtslied gesungen.

Der Verein Deutsche Sprache (VDS) hat den Begriff »X-mas« 2008 zum »überflüssigsten und nervigsten Wort des Jahres« gewählt. Der Anglizismus stehe »in Deutschland im krassen Gegensatz zu allem, was man mit Weihnachten verbindet: Gemütlichkeit, deutsche Weihnachtstraditionen, Romantik, Christlichkeit«.

»O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter« war ursprünglich ein Liebeslied. Es begann mit den Zeilen »O Mägdelein, o Mägdelein, wie falsch ist dein Gemüte!«.

Fußballfans merken sich die 4 Evangelisten folgendermaßen: Lukas Podolski, Johannes B. Kerner, Markus Babbel, Lothar Matthäus.

Im Kaufhaus

Und als Gott der Herr sah, dass alles gut war, da schuf er noch das Weihnachtsfest, um die Kaufleute zu erfreuen. Und er ging in einen Supermarkt, ergriff an einem Stand einen Schokoladen-Nikolaus und sprach: »Sehet die Früchte meiner Schöpfung!«

»Macht sechsdreißig«, sagte die Verkäuferin.

 

Gott der Herr legte ein paar reich verzierte Münzen auf den Kassentisch.

»Wollens mich verarschen?«

»Ich will ja jetzt nicht den Schöpfer raushängen lassen, aber ich habe dich geschaffen, mein Kind, ich habe den Kassentisch geschaffen, und ich könnte mir auch einen eigenen Schokoladen-Nikolaus schaffen. Also nimm die Münzen und seis zufrieden!«

»Herr Abteilungsleiter! Kommens! Schnell! Da ist einer wahrscheinlich wieder zu lang am Glühweinstand rumgehangen.«

»Gibt es Schwierigkeiten?«, fragte der Abteilungsleiter.

»Ja, der Herr wirft mir da Spielzeuggeld her und patzt an den Schoko-Nikoläusen rum.«

Der Abteilungsleiter betrachtete die Münzen, die auf dem Tisch lagen.

»Könnte ich Sie einen Moment alleine sprechen?«, flüsterte er dem Herrn zu.

»Ja, natürlich. Worum geht es?«

»Ich könnte Ihnen meine Seele verkaufen.«

»Ich glaube, Sie verwechseln mich da jetzt«, sprach Gott der Herr.

Die Wucht der Aufzählung

Zum Auftakt seines Weihnachtsevangeliums mutet uns der Evangelist Matthäus ein stattliches Verzeichnis der Vorfahren Jesu zu:

Seit diesen Tagen ist Weihnachten die Zeit der Listen. »Listen« jetzt nicht im Sinne von Hinterlisten und Arglisten, Ränkespielen und Winkelzügen, Machenschaften, Kniffen, Bluffs und Finten (das vielleicht auch), sondern eher im Sinne von To-do-Listen, Menüfolgen, Best-of-Alben, Timetables, Tischordnungen, Sammelnachrufen (»Diese Stars werden uns fehlen«), Wohlfühlskalen, In-und-out-Katalogen und der eben zitierten Rückbesinnung auf die Liste der Vorfahren. Auf Platz 1 der Liste aller Weihnachtslisten steht natürlich der Wunschzettel, der an das Christkind gerichtet ist. Mit dieser kindlichen Bedarfsoffensive wird der junge Christenmensch auf wunderbare Weise in die bunte Welt des Konsums eingeführt. Der Germanist und Dichter Hoffmann von Fallersleben (der auch die deutsche Nationalhymne getextet hat) schilderte die Listenhaftigkeit des Weihnachtsfestes 1835 ganz unbekümmert:

Morgen kommt der Weihnachtsmann,

Kommt mit seinen Gaben.

Trommel, Pfeife und Gewehr,

Fahn und Säbel und noch mehr,

Ja ein ganzes Kriegesheer,

Möcht’ ich gerne haben.

 

Bring’ uns, lieber Weihnachtsmann,

Bring’ auch morgen, bringe

Musketier und Grenadier,

Zottelbär und Panthertier,

Ross und Esel, Schaf und Stier,

Lauter schöne Dinge.

Es handelt sich bei der Urfassung sicherlich um keinen politisch korrekten Wunschzettel, im 19. Jahrhundert dachte man sich wohl nicht so viel dabei. Wegen der delikaten militärischen Stellen wurde das Lied mehrmals umgedichtet und entschärft, heutzutage allerdings könnte man es in der Kita wieder im Fallersleben’schen Original singen, weiß doch kein Mensch mehr, was ein »Musketier« und ein »Grenadier« ist.

 

Viele Institutionen tragen ihre besonderen Listen zum weihnachtlichen Wohlbefinden bei: Die Kirche bietet im Advent-Countdown eine ganze Latte von Feierlichkeiten und hochheiligen Ereignissen an. Die Liste der weltlichen und heidnischen Brauchtümer ist nicht weniger lang. Doch auch in der medialen Begleitung der Vorweihnachtszeit wimmelt es von Top-und-Flop-Listen, Jahresrückblicken und Ratgeber-Regeln: »12 Dinge, die sich Lady Gaga für ihre Christmas-Party vorgenommen hat«, »7 Sprüche, die man an Heiligabend vermeiden sollte«. So ein Jahresrückblick kann auch ganz schön anstrengend sein: Das Magazin Cicero stellt seit 2006 zum Jahresende »Die wichtigsten 500 Intellektuellen« vor. Gibt es denn überhaupt so viele? Man muss wohl einer von ihnen sein, um die Platzierungen nachvollziehen zu können. (Politiker sind übrigens ausgeschlossen.) Äußerst beliebt scheinen auch Präsentationen von Christmas Carols zu sein: »Die 50 beliebtesten Weihnachtslieder«, »Die 10 unbekanntesten Weihnachtslieder aus dem Erzgebirge«, wobei es die Bild-Zeitung mit den »10 nervigsten Weihnachtsliedern« leider wieder einmal auf den Punkt gebracht hat:

10 

Last Christmas – The Crazy Frog-Version

All I want for christmas is you – Mariah Carey

Christmas in my heart – Sarah Connor

The Christmas Song – David Hasselhoff

Rudolph, the Red Nosed Reindeer – Ella Fitzgerald

Weihnachts-Song – Sido

Feliz Navidad – Jose Feliciano

Heidschi Bumbeidschi – Heintje

Jingle Bells – Kelly Family

Und auf dem Siegertreppchen steht …

Morgen kommt der Weihnachtsmann – Kinderchor-Version

Schon wieder der Weihnachtsmann! Und dann auch noch in einer der vielen extrapappigen Steppke-Interpretationen. Liebe Außerirdische, ihr habt von all den Liedern wahrscheinlich nie gehört, denn sie sind allesamt nicht auf der »Voyager Golden Record« zu finden, also auf den Datenplatten mit den irdischen Kulturgütern, die 1977mit der Voyager ins Weltall geschickt wurden, auf dass ferne fremde Zivilisationen (ja, genau solche wie ihr!) innerhalb der nächsten 500 Millionen Jahre etwas über die menschliche Kultur erfahren sollen. »Johnny B. Goode« von Chuck Berry ist zum Beispiel drauf. Dabei wäre doch gerade »Morgen kommt der Weihnachtsmann« äußerst geeignet gewesen, menschliches Denken zu begreifen.

Die Macht der Wiederholung

»Religion ist wohldurchdachtes Delirium«

(Émile Durkheim)

Weihnachten scheint auch die große Zeit der Wiederholungen zu sein. In Wort und Tat wird das ewig Gleiche zelebriert, Abweichungen sind streng verpönt. Und auch die Zelebration des ewig Gleichen wird in ewig gleichen Worten beklagt, und auch diese periodischen Klagen werden stereotyp meta-beklagt, und so weiter. »Periodizität« nennt es die Wissenschaft, »Turnus« die Geschäftswelt, »Ritual« die Brauchtumskunde, »Wiederkehr und Verheißung« die Theologie. Feste Bestandteile des Repetitionsmarathons sind die Worte aus dem Evangelium:

»Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging …«

Die Gemeinde nimmt es dem Pfarrer überhaupt nicht übel, dass er dieses Jahr schon wieder mit derselben Geschichte daherkommt, im Gegenteil. Wenn etwas so oft wiederholt wird, muss es wahr sein. Dann gibt es keinen Weg mehr zurück in den Zweifel.

 

In der Musik ist die Wiederholung ein gezieltes Stilmittel. Nicht umsonst haben barocke Klänge in der Weihnachtszeit Konjunktur, denn die üppigen Koloraturen, Verschnörkelungen und Iterationen des Barock verstärken den trancebildenden Effekt. Weihrauch und Wiederholung scheinen ohnehin die Grundpfeiler der liturgischen Feier zu sein, und beim Weihnachtsfest wird dies am deutlichsten. Die Psychologie spricht in diesem Zusammenhang von behandlungsbedürftiger »Stereotypie«. Das ist eine Verhaltensanomalie in Form von wiederholten und ständig gleichbleibenden Handlungen ohne Ziel oder Funktion, die der konkreten Umweltsituation nicht entsprechen und häufig zwanghaften Charakter tragen. Hierzu gehören sieben auffällige Verhaltensweisen:

Kontinuierliches Schnüffeln (Weihnachtsmärkte?)

Lecken, Beißen, Zwangsnagen (Plätzchen?)

Krankhaft häufig wiederholte Gedanken (»Schon Geschenke besorgt?«)

Wäre die Community der Weihnachtsfeiernden (und dazu gehört eigentlich jeder) eine einzige Person, würde der behandelnde Psychiater sofort eine »zwanghafte Persönlichkeitsstörung« diagnostizieren. Die liegt dann vor, wenn folgende Eigenschaften und Verhaltensweisen hinzukommen:

Zählzwang

Ständige Beschäftigung mit Details, Regeln, Listen, Vorgaben

Sklavisches Befolgen von Konventionen

Und auf dem Siegertreppchen steht …

Manisches Sammeln, Dokumentieren und Zeigen von unnützen Informationen (Instagram? Facebook? Twitter?)

Für diese alternativlose »Ewige Wiederkunft des Gleichen« hat der antike Philosoph Platon ein ausdrucksstarkes Symbol gefunden, den »Ouroboros«, das ist eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Das mythologische Untier sieht auch schon ein bisschen wie eine Weihnachtskugel aus:

Dieser Ouroboros braucht weder Augen noch Ohren, weil außerhalb von ihm nichts existiert, auch keine Arme und Beine, weil außerhalb kein Ort ist, zu dem er sich begeben könnte. Er kreist in und um sich selbst und bildet dabei den Kreis als vollkommenste aller Formen. Er wiederholt sich selbst, um seiner selbst willen. Gibt es in unserem digitalen, medienfixierten Zeitalter dafür nicht den Begriff der Filterblase?

 

Aber vielleicht ist uns der christlich anmutende Weihnachtsfestkreis durch die regelmäßig sich wiederholenden Naturabläufe aufgezwungen worden. Bei den vorchristlichen Völkern wurde die Wintersonnenwende am 21. Dezember gefeiert. Ab da werden die Tage wieder länger, und man konnte ein Ende des unangenehmen und lebensfeindlichen Winters absehen. Die Adventszeit, der Nikolaustag, die Fastenzeit bis zum Epiphaniasfest (Heilige Drei Könige) sind nichts anderes als christliche Reaktionen auf diese heidnischen Kulte. Im römischen Reich etwa wurden in der Zeit vom 17. bis zum 25. Dezember die »Saturnalien« abgehalten, das waren Feiertage zu Ehren des Gottes Saturn (Ressort: Zeit, Sonne, Wärme, Ackerbau). Die Römer beschenkten einander, lange bevor die Heiligen Drei Könige Gold, Weihrauch und Myrrhe brachten. Sie hoben die Standesunterschiede für kurze Zeit auf und bewirteten Sklaven am eigenen Tisch, bescherten sie also. Als die christliche Kultur die römisch-heidnische ablöste, wurde jedenfalls der letzte Tag der Saturnalien von den Kirchenoberen zum Geburtsdatum von Jesus bestimmt. Die Saturnalien wurden auch »Die Geburt der unbesiegten Sonne« genannt, die Anbetung der Sonne wurde durch die Anbetung des Sohnes ersetzt. Das Geburtsdatum wurde erst um 300 n. Chr. festgelegt, amtskirchlich offiziell sogar erst 813 n. Chr. Wir haben die großartig gefeierten Traditionen unserer Feiertage also nur ausgeliehen.

 

Immer Anfang Dezember beginnt der jährliche Wahnsinn. Der 1. Dezember ist nach altem Volksglauben ein »Schwendtag« (mhd. swende, »Vernichtung, Verbannung«), an solch einem Tag ist es ratsam, nichts Neues zu beginnen, nichts zu planen und keine Reise anzutreten. Nach dem Mythologieforscher Adalbert Kuhn sollen genau am 1. Dezember die beiden Sündenpfuhle Sodom und Gomorra untergegangen sein. Die Weihnachtszeit geht also schon gut los.

Der Reiz der Rekorde

Der dänische »Heissihønd«-Stand provoziert am Weihnachtsmarkt in Zürich: Hier gibts einen Hotdog für schlappe 250 Franken. Er enthält ein 80 g-Kobe-Rindfleisch-Würstchen, weißen Alba Trüffel und persischen Safran, dazu gibt es einen winzigen Schluck Cristal-Roederer-Champagner – alles nur auf Bestellung.

Die schnellste Tannenbaumfällerin der Welt ist Erin Lavoie aus den USA. Sie schaffte 27 Stück in nur zwei Minuten. Seit 2008 hält sie den Weltrekord.

Die Weihnachtstanne mit dem teuersten Baumschmuck im Wert von 11026900 US-Dollar steht in einem Hotelfoyer in Abu Dhabi, Vereinigte Arabische Emirate. Die Tanne ist behängt mit Brillant-Uhren, echten Perlen und Schmuck aus Gold, Edelsteinen und Diamanten. Überraschenderweise ist das Ganze lediglich mit einer schlichten roten Kordel abgesperrt.

Am 19.12.2015 formierten sich in Indien 4030 Teilnehmer zum größten menschlichen Christbaum.

Ebenfalls in Indien, in Kochi, wächst der größte Weihnachtsstern. Im Jahr 2009 war die Pflanze 36,59 Meter hoch und 4200 Kilogramm schwer. Viel Spaß beim Gießen.

Die wertvollste Weihnachtskarte der Welt wurde 2001 für 28000 US-Dollar auf einer Auktion verkauft. Sie ist eine von den ersten gedruckten Weihnachtskarten aus dem Jahre 1843, es gibt noch elf weitere.

Die Weltmeisterschaft im Weihnachtsbaum-Werfen fand 2016 nun schon zum elften Mal im pfälzischen Weidenthal statt. Geworfen wird mit 1,50 Meter hohen Fichten, nach Angaben der Organisatoren traten über 80 Amateursportler an. Es gab drei Disziplinen. Die Teilnehmer mussten die Fichten wie einen Speer werfen, wie einen Hammer schleudern und in der Hochsprunganlage über die Latte bringen. Als offizielles Dopingmittel war Glühwein erlaubt.

Das tiefste »Ho! Ho! Ho!« wurde von dem Briten James Gover gebrummt, die Guinness-Schiedsrichter maßen 62,81 Hertz. Hochachtung.

Kinder zeichnen Weihnachtskugeln

Zur Entspannung nach so vielen Fakten lassen wir Kinder Weihnachtskugeln zeichnen und deuten die frappierenden Ergebnisse. Die spontanen Kritzeleien ergeben tiefe Einblicke in die Seelen der Zwei- bis Vierjährigen. Die meisten zeichnen folgende Kugeln:

Das sind brave, ausgeglichene Kinder. Sind sie etwas lebhafter, können die Zeichnungen natürlich auch wilder ausfallen. Hier die Skizze eines gesunden, nach allen Seiten hin offenen Rabauken:

Unter den vielen gesichteten Zeichnungen fallen jedoch einige besondere auf. Sie sind von Kindern mit kleinen, liebenswerten Macken. Hier die außergewöhnlichsten:

Nachdenkliches Kind

Angeber

Außenseiter

Trotzphase

Kind mit neuer Graphikkarte

Kind mit geringem Selbstwertgefühl

Kubist

Missverständnis des Wortes »Weihnachtskugel«

Vorlesen an Weihnachten

Buchhändler schwärmen gerne von ihren himmelhohen Dezemberumsätzen, die die des ganzen übrigen Jahres mehrfach übersteigen. Weihnachtszeiten und Vorweihnachtszeiten sind jedenfalls Lese- und Vorlesezeiten, wobei das Vorlesen im trauten Kreis der Lieben vermutlich nur noch rudimentär gepflegt wird. Wenn, dann auf vornehmer Ebene, etwa im großbürgerlichen Milieu der Familie Buddenbrook von Thomas Mann. Dort übernimmt das die altehrwürdige Konsulin.

»Sie rückte die Lampe zurecht und zog die große Bibel heran, deren altersbleiche Goldschnittfläche ungeheuerlich breit war. Dann schob sie die Brille auf die Nase, öffnete die beiden ledernen Spangen, mit denen das kolossale Buch geschlossen war, schlug dort auf, wo das Zeichen lag, daß das dicke, rauhe, gelbliche Papier mit übergroßem Druck zum Vorschein kam, nahm einen Schluck Zuckerwasser und begann, das Weihnachtskapitel zu lesen.

Sie las die altvertrauten Worte langsam und mit einfacher, zu Herzen gehender Betonung, mit einer Stimme, die sich klar, bewegt und heiter von der andächtigen Stille abhob.«

Wenn es noch eine Stufe drüber sein darf: Die englische Königsfamilie hält sich zum Beispiel immer noch einen »Royal Reader«. Der Name des aktuellen ist schwer zu ermitteln, der bekannteste historische war jedenfalls ein gewisser Jean André Deluc, ab 1774 Vorleser am englischen Königshaus, bei der damaligen Königin von England, Sophie Charlotte von Mecklenburg-Strelitz. Aber was liest so ein Royal Reader bei Königs an nasskalten Dezemberwochenenden vor? Schlägt er die handgeschöpfte King James Bible von 1611 auf und zelebriert mit zitternder Stimme die Weihnachtsgeschichte:

»And she brought forth her firstborn son, and wrapped him in swaddling clothes, and laid him in a manger; because there was no room for them in the inn …«

Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass der erste Royal Reader niemand anderer war als William Shakespeare, der zwischen 1568 und 1572 Queen Elisabeth I. vorgelesen hat, natürlich selbst verfertigte, für die Tudors maßgeschneiderte Weihnachtsgeschichten:

THE CARPENTER OF GALILEE

Kripp’ oder Herberg’, das ist hier die Frage!

Ist’s edler im Gemüt, noch weiter an die Tür’n  zu klopfen

und hinter ihnen grimme Herbergsleut’ zu schauen,

die, aus dem Schlaf geweckt, nur murmeln,

dass heut’ kein Lager frei; dass man bis Ostern  ausgebucht bis in die kleinste Besenkammer sei!

Oder soll man dort in dieser Krippe nächt’gen,

die unter Tags dem Feldgetiere Nahrung bietet?

Soll man so künft’ge Leser der Geschichte

schaudern machen beim Gedanken,

dass mancher Strohhalm, den der Ochs verschmähte,

das nackte Hinterteil des Jesukindleins piekst?

Da denkt der weise Josef, ’s wär wohl besser,

wenn Herbergsgäste spät’rer Zeiten auf jeden Fall

im Nachttisch des Hotels die Krippen-Variante läsen.

Und denken: »Hier schläft sich’s besser als im Stall –

trotz Straßenlärms und hoher Zimmerspesen!«

Auch an deutschen Schulen wird durchaus noch aus leibhaftigen Büchern vorgelesen, etwa in der lange herbeigesehnten letzten Schulstunde vor den Weihnachtsferien. Gerade Deutschlehrer entlassen die Wissbegierigen gerne mit etwas heimischer Literatur in die Vakanz. Der Text will allerdings gut ausgewählt sein, sollte er doch mit einer erkennbaren Pointe abschließen und, ganz wichtig, genau eine Dreiviertelstunde dauern. Ein kürzerer Text zwingt Lehrer wie Schüler zu Reflexionen des Vorgelesenen, was wiederum zu einer Art Deutschunterricht führt, und das wollen ja beide Seiten nicht. Kürzt der Lehrer einen längeren Text wiederum auf Schulstundenlänge, fällt das immer mindestens einem Schlaumeier unter den Schülern auf, und die vorweihnachtliche Stimmung ist dahin. Leider gibt es in der ganzen deutschen Literaturgeschichte, von den Merseburger Zaubersprüchen bis zu Judith Herrmanns Prenzlauer Beschwörungen, keine einzige Erzählung, die genau eine Dreiviertelstunde dauert! Dabei ist die Schulstundenlänge eine Universalie. Alles Wichtige auf dieser Welt dauert 45 Minuten. Die entscheidende Halbzeit eines Fußballspiels. Ein Gespräch über das Wesentliche. Die tödliche Wirkdauer des Gifts der australischen Würfelqualle. Zentrale Bibelstellen wiederum sind von frappierender Kürze: