Stille - Tim Parks - E-Book

Stille E-Book

Tim Parks

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Beschreibung

Harold Cleaver ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Fernsehjournalist. Über sein denkwürdiges Interview mit dem amerikanischen Präsidenten spricht man im ganzen Land, nicht nur in London. Man spricht aber auch über das gerade erschienene Buch seines Sohnes, ein kaum verschlüsselter Roman über seinen Vater: "Im Schatten des Allmächtigen". Und plötzlich ist ihm klar, dass er weg muss. Weg von der medialen Öffentlichkeit, weg von seiner langjährigen Lebensgefährtin und den gemeinsamen Kindern. Das Bedürfnis nach Stille ist übermächtig. Er bucht einen Flug nach Mailand und fährt in ein entlegenes Dorf in Südtirol, um dort eine Hütte "über der Lärmgrenze" zu finden, wo er für niemanden mehr erreichbar ist. Wochen später, eingeschneit in dieser abgelegenen Hütte, muss er feststellen, dass die Stille kein Garant für Ruhe ist und dass nichts so verstörend ist wie die Stimmen im eigenen Kopf.

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Seitenzahl: 497

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TIM PARKS

Stille

Roman

Aus dem Englischenvon Ulrike Becker

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

 

 

 

 

ERSTER TEIL

I

Im Herbst 2004, kurz nach seinem denkwürdigen Interview mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten und dem Erscheinen der in Romanform geschriebenen Autobiografie seines älteren Sohnes, die den unbarmherzigen Titel Im Schatten des Allmächtigen trug, bestieg der Star-Journalist, Fernsehmoderator und Dokumentarfilmer Harold Cleaver in London Gatwick eine Maschine der British Airways nach Mailand-Malpensa, fuhr anschließend mit der italienischen Eisenbahn bis Bruneck in Südtirol und dann mit dem Taxi Richtung Norden in das Dorf Luttach nahe der österreichischen Grenze, von wo aus er sich eine abgelegene Bleibe in den Bergen suchen wollte, um dort die nächsten, wenn auch nicht unbedingt die letzten Jahre seines Lebens zu verbringen. Um dich aus der Verantwortung zu stehlen, war Amandas Kommentar gewesen. Sie ist die Mutter seiner Kinder. Die Verantwortung eines Mannes in meiner Lebensphase, erklärte der bedeutende und übergewichtige Harold Cleaver seiner Partnerin nach dreißig gemeinsamen Jahren, kann höchstens eine finanzielle sein, und in Umsetzung eines nur wenige Stunden alten Entschlusses überschrieb er ihr eine sehr beachtliche Geldsumme, die weder sie noch ihre drei lebenden Kinder im Augenblick dringend brauchten, außer vielleicht der jüngere Sohn Phillip, der ständig Geld brauchte, aber nie etwas annahm.

Nachdem Harold Cleaver am nächsten Morgen, immer noch leicht benebelt von seinem folgenschweren Schritt, in den Zug nach Gatwick eingestiegen war, schaltete er seine beiden Handys aus. Dies ist nicht einfach eins deiner vielen Projekte, sagte er sich noch einmal. Er saß einem jungen Mann mit CD-Spieler gegenüber, dessen Lippen sich lautlos bewegten. Diesmal willst du nicht, wie bei anderen längeren Reisen, ein Buch schreiben oder einen Dokumentarfilm drehen. Der junge Mann, stellte er fest, hatte einen glasigen Blick. Gott sei Dank hat er mich nicht erkannt. Der CD-Spieler surrte. Das kulturelle Umfeld Südtirols, wie immer es sich auch darstellen würde, sagte sich Cleaver entschlossen, muss weder analysiert noch ironisiert, kritisiert oder gepriesen werden. Eine Tonbandstimme kündigte das Schließen der Türen an. Aus dem Leben in einer einsamen Berghütte musste weder eine Geschichte noch eine Serie werden. Auch kein neues Walden. Der Zug setzte sich in Bewegung. Die Themse lag plötzlich unter ihnen, dann hinter ihnen. Der vertraute Anblick von Südlondon verschwand mit wachsender Geschwindigkeit in der Ferne.

Und es geht auch nicht darum, irgendwelche Empfehlungen zu geben, überlegte Cleaver eine Stunde später immer noch, während ihn der Flughafen-Shuttle zum Terminal Zwei brachte, oder angeblich gewonnene Erkenntnisse nach Hause zu berichten. Er hatte Glück und bekam ein Ticket für einen unmittelbar bevorstehenden Flug. Kein Gepäck, erklärte er. Nichts. Nichts, murmelte Cleaver noch einmal, als er seinen Sicherheitsgurt festzog, das zur öffentlichen Diskussion beitragen könnte, wird von dieser Reise mitgebracht werden. Nach all den Jahren als prominenter öffentlicher Redner würde er sich nun von dieser Rolle verabschieden. Denn das ist der außergewöhnliche Gedanke, der sich in diesen letzten, von trauriger Berühmtheit und privatem Tumult geprägten Tagen Harold Cleavers bemächtigt hat: Ich muss endlich die Klappe halten.

Im Zug von Mailand nach Verona saß Cleaver mit einer jungen Frau im Abteil, die sich in eine Lektüre vertieft hatte, die nach einer fotokopierten Marktforschungsstudie aussah. Sie enthielt Säulendiagramme, und er bemerkte den Zwischentitel Bacino di afflusso. Ihre Augen glitten über das Gedruckte und hielten hier und da zögernd inne, ehe sie mit einer schnellen, raubvogelartigen Handbewegung ein Wort oder einen Teilsatz unterstrich. Etwa alle fünf Minuten schob sie geistesabwesend ein weißes Schultertuch zurück, das immer wieder auf ihre schlanken Arme rutschte, manchmal lächelte sie gedankenverloren oder runzelte die Stirn, und mit ihrer freien Hand wickelte sie bedächtig eine dunkle Haarsträhne um die versierten Finger. Als sie in Verona eintrafen, war Cleaver mit sich zufrieden, weil er sie nicht angesprochen hatte. Erst als er aufstand, um das Abteil zu verlassen, trafen sich ihre Blicke in der beidseitigen Gewissheit, dass sie einander nie wiedersehen würden. Ein ausgezeichneter Anfang, dachte er. Mutter klagte ständig darüber, hatte sein älterer Sohn im ersten Absatz von Im Schatten des Allmächtigen geschrieben, dass mein Vater vollkommen unfähig war, die Finger von den Frauen zu lassen, ebenso wie er vollkommen und absolut unfähig war, etwas zu essen, zu trinken oder eine Zigarette abzulehnen, und erst recht unfähig, eine Gelegenheit zu einem öffentlichen Auftritt auszuschlagen, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit. Er war der Ehrgeiz und das Laster in Person – in jeder Lebenslage gierig, geil und geltungssüchtig, mit großem G. Ich habe, fiel Cleaver plötzlich beim Studieren der Abfahrtstafel am Bahnhof Porta Nuova in Verona ein, abgesehen von Tee und Toast am frühen Morgen heute noch nichts zu mir genommen.

Von Verona aus nahm er einen zweiten Zug, der sich an der Etsch entlang nach Norden durch das Valpolicella in die düsteren Berge des Trentino hineinschlängelte. An den Hängen standen nur vereinzelt Häuser. Die kahlen, formlosen Erhebungen zu beiden Seiten der Strecke wirkten unüberwindlich. Es war hochinteressant, dachte Cleaver, wie die Leute auf das Buch seines Sohnes reagiert hatten, oder vielmehr auf das Buch seines Sohnes in Verbindung mit seinem berühmten Interview mit dem amerikanischen Präsidenten. Er war solche Gedanken leid. Als in Rovereto eine Gruppe von rucksackbepackten Teenagern zustieg, tastete Cleaver in seiner Tasche nach den Ohrstöpseln. Nicht, dass er etwas zu Lesen dabeigehabt hätte. Gelesen wird nicht mehr, hatte er beschlossen. Aber er wollte einfach nichts mitbekommen vom Gemeinschaftsleben der Jugendlichen, von ihrer lauten, kollektiven Identität, selbst wenn er ihre Sprache nicht verstand. Wenn ich schon die Klappe halten muss, dachte er, dann kann ich auch meine Ohren außer Betrieb setzen. Keine Stimmen mehr, in jeder Hinsicht.

Als er dann fast allein auf dem Bahnsteig in Franzensfeste stand, kurz unterhalb des Brennerpasses, war Cleaver verblüfft über die milde, beinahe süße Luft. Wonach riecht es hier? Frisch gemähtes Gras, Kuhdung, Sägespäne, Schmelzwasser, das über Felsen rinnt. Unsicher stand er da und lauschte dem durchdringenden Bimmeln der Bahnhofsglocke, das die Ankunft seines Zuges verkündete. Er hob den Kopf und erblickte einen Wasserfall, der von hoch oben herabstürzte. Ich werde keine Briefe schreiben, dachte er, jetzt in dem Bewusstsein des nahen Endes seiner Reise. Er hatte keinen Laptop mitgenommen. Auch keinen Taschencomputer. Nicht mal Stift und Papier. Was auch immer mit mir oder um mich herum geschehen wird, muss weder jemandem erzählt noch sonst irgendwie zum Ausdruck gebracht werden.

Zwischen Franzensfeste und Bruneck verkehrt die Bahn nur eingleisig. Cleaver schaute aus dem Fenster, während der Zug mehrmals einen grauen Fluss überquerte, der in die entgegengesetzte Richtung floss. Außer ihm saß nur noch ein weiterer Mann im Wagen. In Ehrenburg hielten sie fast zwanzig Minuten, um auf den nach Westen fahrenden Zug zu warten. In dem tiefen Tal wurde das Dämmerlicht zunehmend fahler. Nach einem Knallen der Türen wirkte die Luft noch stiller und kälter. Lange bevor sie Bruneck erreichten, stellte sich der andere Reisende schon an die Tür und nahm immer wieder ungeduldig seine Aktentasche von einer Hand in die andere.

Luttach, sagte Cleaver zum Taxifahrer. Es war das erste Wort, das er sprach, seit er in Gatwick sein Ticket gekauft und von der Victoria Station aus Amanda angerufen hatte, um sich zu verabschieden. Es war sein Reiseziel. Sag mir wenigstens, wo du hin willst, hatte sie gefordert. Alle Welt versucht dich zu erreichen. Luttach? fragte der Fahrer nach. Er füllte den Ortsnamen mit Heiserkeit. Cleaver hatte sich geweigert. Luttach, sagte er jetzt erneut, diesmal mit etwas anderer Betonung, um den Fahrer zufrieden zu stellen. Der Mann mit dem geröteten Gesicht trug einen grünen Filzhut und einen dichten Schnurrbart. Er kann sein Glück kaum fassen, dachte Cleaver, als das Taxameter zu ticken begann. Das ist ein Londoner Gedanke, rief er sich gleich darauf zur Ordnung, ein alter Gedanke. Wenn mein Vater, hatte sein älterer Sohn geschrieben, Gelegenheit hatte, bis zur nächsten Straßenecke mit dem Taxi zu fahren, dann tat er es. Schließlich lebte er ständig auf Spesen. Die einzige offene Rechnung in meinem Leben, witzelte er gern bei Essenseinladungen, ist die Spesenrechnung. Dies war seine letzte Taxifahrt, beschloss Cleaver. Er zahlte mit seinem eigenen Geld.

Der Wagen fuhr ruhig gen Norden, das Ahrntal hinauf. Wieder überquerten sie mehrmals einen Fluss, der in die entgegengesetzte Richtung floss. Hier war das Wasser schneller, mit weißen Kronen gesprenkelt. Sie fuhren stetig bergauf. Als sie das Dorf Gais passierten, herrschte bereits dichte, herbstliche Dunkelheit. An den oberen Berghängen leuchteten vereinzelte Lichter. Das ist Cleaver von seinem ersten (und bis heute einzigen) Besuch in Südtirol im Gedächtnis geblieben: einsame Lichter hoch oben in den nächtlichen Alpen. Dieses Bild hat ihn jetzt wieder hergelockt.

Als das Tal sich oberhalb von Sand in Taufers zu einer Schlucht verengte, fragte der Fahrer auf Deutsch: Wohin wollen Sie? I’m sorry? Cleaver spricht nur wenige Worte Deutsch und hat auch nicht vor, mehr zu lernen. Im Gegenteil, er ist hier, gerade weil er kein Deutsch spricht. Address, sagte der Mann. Hotel, erklärte Cleaver. Er erinnerte sich nicht mehr, in welchem Hotel er mit Giada gewohnt hatte. Egal. Irgendein Hotel. Der Fahrer schüttelte den Kopf und riskierte einen kurzen Blick über die Schulter nach hinten. Alles geschlossen. Er sprach langsam und überdeutlich. Der Sommer ist zu Ende. Der Winter ist noch nicht da. Alles geschlossen, sagte er noch einmal.

Cleaver schwieg. Der Mann wird gesehen haben, dass ich kein Gepäck dabeihabe, dachte er. Oberhalb der Schlucht fuhren sie, wieder auf ebener Straße, durch die Neubausiedlung an der Talstation des Skilifts. Der gesamte Komplex lag im Dunkeln. Hotels, alles geschlossen, beharrte der Fahrer. Aber er fährt weiter, dachte Cleaver. Fünf Minuten später bog der Wagen in die blitzsaubere Hauptstraße von Luttach ein. Die Schaufenster der Geschäfte waren dunkel. Überall sind die Rollläden heruntergelassen. Cleaver machte keine Anstalten auszusteigen. Hotel? sagte er fragend. Ein Taxifahrer weiß immer, wo man ein Bett für die Nacht findet. Das Taxameter zählt weiter, jetzt die Zeit anstelle der Entfernung. Zimmer? schlägt der Mann vor. Ja, sagte Cleaver. Vielleicht verstand er mehr Deutsch, als er dachte. Immerhin hat er den Grundkurs bestanden. Vor langer Zeit. Der Wagen fuhr die Hauptstraße entlang und bog dann nach links ab, den Berg hinauf.

Kommen Sie doch. Der Fahrer nahm Cleaver beim Arm und stieß mit der Schulter eine schwere Tür auf. Es ist eine Kneipe, ein kahler Raum mit Holzfußboden, hölzernen Tischen und Bänken, wo ein Dutzend rotgesichtiger Männer in zwei Gruppen beim Kartenspiel sitzen und sich laut unterhalten. Aber die Bedienung ist eine Frau. Der Fahrer ging hin, um mit ihr zu reden. Die beiden sind alte Freunde. Von der Tür aus genoss Cleaver die Fremdheit, das Stimmengewirr, das sich als bloßer Lärm wahrnehmen ließ, die ungewohnte Einrichtung, die Kleidung der Männer, den Geruch. Es ist der Geruch von Holz, dachte er, und von Rauch und Leder und Bier. Es war aufregend. Die Wand, stellte er fest, war ebenfalls mit Holz verkleidet, und ein Paar alte hölzerne Skier war gekreuzt über dem Tresen drapiert. Auf dem Sims eines Kamins mit glimmenden Holzscheiten saßen verstaubte Porzellanpuppen.

Die Frau kam zu ihm. Man könnte sie als attraktiv bezeichnen, allerdings schon jenseits ihrer besten Jahre. Wie viele Tage? Sie wischt sich die Hände an einer blauen Schürze ab. Ihr Rock ist aus grauer Wolle. Cleaver schüttelte den Kopf. Dann bemerkt er verärgert, dass er sich vorstellt, er stehe vor der Kamera. Für ein imaginäres Publikum spielt er den berühmten Mann bei einem Besuch in Hintertupfingen. Seht nur, wo Harold Cleaver diese Woche mit seiner Show gastiert! Beachten Sie, würde er dem Publikum sagen, das ungewöhnlich große, holzgeschnitzte Kruzifix dort über der Eckbank, die verrenkten Glieder der Christusfigur, den trüben, resigniert nach oben gerichteten Blick. Armin! Die Frau ging zu einer Tür und rief einen dunklen Korridor hinab. Armin! Du musst damit aufhören, ermahnte sich Cleaver. Armin, kimm iatz! Du musst einfach hier sein, sagte er sich, nichts weiter. Kein laufender Kommentar. Die Männer an den Tischen zeigten keinerlei Neugier. Jemand knallte eine Karte auf den Tisch und lachte heiser. Sie sprechen nicht mal Deutsch, stellt Cleaver fest, sondern irgendeinen derben Bergdialekt. Umso besser.

Ein Junge im besten Teenageralter erschien zögernd. Sein Haar ist lang und scheint rabenschwarz gefärbt zu sein. Er trägt einen Ohrring mit silbernem Totenschädel daran. How many days you want the room? fragte er. I’m not really quite sure as yet, sagte Cleaver. Dann korrigierte er sich: I don’t know. Die Frau hat gesehen, erkannte er, dass ich keine Tasche dabeihabe. At least three or four. Drei, teilt der Junge seiner Mutter mit und will gleich wieder gehen. Der Fahrer klopft Cleaver auf den Arm. Fifty Euros, sagt er. Das scheint übertrieben, aber wie soll ich ihm erklären, dass ich das Taxameter sehen will? Einer der Kartenspieler wirft dem Neuankömmling einen wissenden Blick zu. Aus Gewohnheit will Cleaver um eine Quittung bitten, sagt dann aber auf Deutsch: Nein, schon gut, und reicht dem Mann fünfundfünfzig Euro. Bis er sie aussprach, war ihm nicht bewusst gewesen, dass er diese Redewendung kannte.

Auf einer Reihe von Simsen und Tischchen, verteilt über drei Etagen hölzerner Treppen und knarrender Treppenabsätze, stehen weitere Porzellanpuppen in traditionellen Bauerntrachten von vor mindestens einem Jahrhundert. Ihre harten, hellen Gesichter mit den weit aufgerissenen, glasigen blauen Augen leuchten, als Cleaver schwer atmend an ihnen vorbei nach oben steigt. Die attraktive Frau, die ihre besten Jahre schon hinter sich hat, geht voran. Ihre langen braunen Strümpfe und die grünen Hausschuhe sind keine fünfzig Zentimeter von seinem Gesicht entfernt. Er kann sie riechen. Er findet die Treppe anstrengend, die Stufen sind steiler als zu Hause. Auf dem Absatz im dritten Stock steht ein riesiges altes Puppenhaus, vielleicht einsfünfzig breit und je einen Meter hoch und tief. Weiße und rosafarbene Porzellangesichter schauen strahlend aus allen Fenstern. Das Licht im Treppenhaus ist düster und gelb, die geblümten Kleider der Puppen wirken muffig. Die Wand ist waagrecht mit dunklen Holzplanken getäfelt, und zwischen zwei Fenstern mit zugezogenen Vorhängen hängt eine alte hölzerne Sichel. Cleaver lächelte. Irgendwie ist es doch schade, dass keine Kamera dabei ist.

Aber zur Überraschung des berühmten Mannes befindet sich in seinem Zimmer ein todschicker Fernseher mit einer beeindruckenden Fernbedienung. Wie beeindruckend wäre es erst, denkt er, wenn ich jetzt sagen würde: Nein, bitte nehmen Sie den weg! Ein Köder, nach dem ich nicht schnappen darf. Während er versucht, wieder zu Atem zu kommen, fängt die Frau an, sehr schnell auf ihn einzureden. Sie zeigt auf dieses und jenes. Warum tut sie das, obwohl sie weiß, dass ich kein Deutsch kann? Sie zeigt auf eine Tür ein Stück den Flur entlang, zeigt ihm Handtücher, wiederholt Dinge, die sie schon hundert Mal gesagt hat. Sie tut ihre Pflicht, egal, ob er sie versteht oder nicht. Jetzt kommt ihm das Wort Frühstück bekannt vor. Heißes Wasser, die Frau wedelt mit einem Zeigefinger. Noch nicht. Dann ist sie verschwunden.

Hier bin ich also. Cleaver legte sich aufs Bett. Er trägt einen Ledermantel, ein Jackett, ein pinkfarbenes Hemd mit gelber Krawatte, dunkle Hosen. Als er am Morgen das Haus verließ, hätte er ebenso gut ins Studio fahren und seine Kündigung zurückziehen können. Gab es irgendjemanden von Bedeutung, der ihn nicht angefleht hatte, es sich noch einmal zu überlegen? Und das war erst gestern gewesen. Denk noch mal drüber nach, beharrte Michaels. Mein Gott! Das Zimmer war feucht. Es war lange nicht geheizt worden. Man hatte nicht mit Gästen gerechnet. Du bist ein fettes Schwein, verkündete Cleaver und verschränkte die Arme über seinem Bauch. Ein Mann von deinem Körperumfang, er sprach die Worte laut aus, sollte selbst genug Wärme erzeugen können. Das Zimmer ist ziemlich groß, aber auch ziemlich leer und ziemlich staubig. Zu gern reimte mein Vater die Worte fett und nett, hatte sein älterer Sohn geschrieben. Cleaver hat keinen Grund, Schrank und Schubladen zu öffnen. Wie ist die Aussicht? Er steht auf. Nur eine schmale Gasse, eine fensterlose Hauswand. Beim Umdrehen sieht er eine weitere große Puppe, die in einem Reif staubiger Rüschen auf der Kommode sitzt; ihr Gesicht hat den gleichen starren Ausdruck stupider Zufriedenheit wie die Gesichter der anderen. Die Augen sind blau, weit aufgerissen, der Blick starr.

Cleaver fröstelt. Hier wären wir also, wiederholt er und legt sich erneut aufs Bett. Die einzige Decke ist eindeutig klamm. Als er sich auf die Seite dreht, spürt er seine Handys. Endlich kann ich abspecken, dachte er. Alles abbrechen, abschalten und ausspannen. Er nahm die Telefone aus seiner Tasche und legte sie auf den Nachttisch. Kiefernholzplatte. Alle Möbel in diesem Zimmer sind aus unbehandelter Kiefer. Oder Esche, vielleicht auch Birke. Cleaver hat keine Ahnung von Holz. Konsequenterweise hätte ich gar kein Telefon mitnehmen sollen, überlegt er. Andererseits wird man auch nicht über Nacht zum Heiligen. Gibt es hier oben in den Bergen überhaupt Empfang? fragte er sich. Er lächelte, schüttelte den Kopf, gab dann aber bewusst einer anderen Versuchung nach. Er stand auf, ging zum Fernseher, drückte auf den Einschaltknopf und griff nach der Fernbedienung.

Während er es sich wieder auf dem Bett bequem macht, merkt er, dass er kalte Füße hat. Wie kann man so fett sein und trotzdem kalte Füße haben? Ein Mann trug gerade ein Mikrofon in die Zuschauerreihen eines Aufnahmestudios. Sofort war Cleaver gespannt. Er schaute auf seine Armbanduhr. In diesem Augenblick saß eine seiner beiden Vertretungen in der Maske. Bin ich tatsächlich ausgestiegen? Nachdem ich aus dem Präsidenten der Vereinigten Staaten Hackfleisch gemacht habe? Auf dem Höhepunkt meiner Karriere? Er schaute zu, wie der Moderator das Mikrofon einem hübschen Schmollmund auf einem leicht erreichbaren Gangplatz entgegenhielt. Für Cleaver ist klar, dass das Mädchen absichtlich dort platziert worden ist. Sie spricht jetzt, eifrig und selbstbewusst, auf Deutsch. Sie haben vermutlich eine Kamera, die den Mittelgang hinunter auf die Rückwand des Studios gerichtet ist und das Nicken des Moderators aufnimmt. Das Übliche. Der großartige Mann stimmt ihr zu. Cleaver hat keine Ahnung, worüber sie sprechen. Wahrscheinlich ein ernstes Thema. Plötzlich lachen alle. Eine Überkopfkamera macht einen Schwenk. Die Leute lachen immer alle zusammen. Das Licht ist ein bisschen grell, findet Cleaver. Ein vereinzeltes Lachen ist peinlich. Das Studio ist in mattschwarz gehalten, mit olivgrünen Sitzen und orangefarbenen Stellwänden. Ausgesprochen deutsche Farben. Haben nicht alle deutschen U-Bahnhöfe, überlegt Cleaver, grüne und orangefarbene Kacheln an den Wänden? Er schaltet um. Eine ernst blickende Frau mit üppiger Figur verliest auf Italienisch die Nachrichten. Cleaver hört zu. Sie benutzt die gleiche festgelegte Sprachrhythmik, die gleiche sowohl routiniert als auch dramatisch wirkende Technik der plötzlichen, ungewöhnlichen Betonung, die er selbst so meisterhaft beherrscht. Aber das ist eine alte Beobachtung. Er hat das gleiche im Französischen, einer Sprache, die er versteht, und im Spanischen, einer Sprache, die er nicht versteht, festgestellt. Alles muss dringlich klingen, und dennoch muss die routinierte Sicherheit des Vortragenden Zuversicht ausstrahlen.

Er schaltet auf Programm zehn, dann zwölf. Plötzlich hört er Englisch. BBC World. Sie haben eine Satellitenschüssel! Damit hat er nicht gerechnet. Vielleicht werden sie in den Nachrichten zur vollen Stunde auch ein paar Worte über sein, Harold Cleavers, überraschendes Ausscheiden aus der seriösesten und erfolgreichsten Talkshow Englands verlieren: Crossfire. Aber im Moment interviewt ein alter Bekannter, Martin Clabburn, gerade einen Mann mit Turban. Sie wollen doch wohl nicht bestreiten, dass Sie wissentlich mit einer der skrupellosesten Regierungen unserer Zeit zusammengearbeitet haben? Martin wirkt aufgebracht, wahrt aber die Fassung. Der Turbanträger gibt eine ebenso gefasste wie kämpferische Antwort. Sie sind Verbündete. Die Show geht weiter. Cleaver lutscht an seinen Zähnen. Nichts, sagt eine Stimme in seinem Kopf jetzt immer wieder, könnte die Richtigkeit deiner Entscheidung, dich zurückzuziehen, klarer bestätigen als diese Farce einer reinen Scheinkonfrontation. Clabburn startet brav einen weiteren verbalen Angriff, und der Turbanträger schießt ebenso brav zurück. Wie ermüdend. Aber solange du hier liegst und dir das anschaust, bist du nicht wirklich ausgestiegen. Der Zuschauer ist immer ein Komplize. Eine Nahaufnahme suggeriert, dass Clabburns einziges wahres Gefühl die Genugtuung über das Unbehagen ist, das er dem Mann verursacht. Cleaver zerreißt Präsidenten in der Luft, so hatte der Guardian sein berühmtes Interview beschrieben. Der Typ mit dem Turban scheint den Streit zu genießen.

Dann muss Cleaver ein paar Minuten verpasst haben – vielleicht ist er tatsächlich eingedöst –, denn auf einmal setzt unvermittelt und laut die Abspannmusik ein; der Bildschirm verwandelt sich in ein Kaleidoskop aus dramatischen Szenen und Hightech-Gegenständen, die zwischen Aufständen, Blutbädern und jubelnden Sportlern durch das All zu wirbeln scheinen. Das Fernsehen wird von solchen Clips überschwemmt, hatte Cleavers älterer Sohn in seiner Abhandlung der vielen kontroversen Fernsehdebatten und Dokumentarberichte seines Vaters geschrieben. Wie der Junge behaupten konnte, das Buch sei ein Roman, ist Cleaver ein Rätsel. Eine Mischung aus Luftangriffssirene und den angesagtesten und verführerischsten technischen Spielereien, hatte sein Sohn geschrieben: mit dem Ziel, wie mein Vater mir einmal bei einem seiner zahllosen Versuche, mich als Journalist und Autor zu coachen, erklärt hat – denn man muss wissen, dass mein Vater mit keinem Menschen reden konnte, ohne zu versuchen, ihn zu verführen, falls er eine Frau war, oder ihn zu coachen, falls er ein Mann war –, mit dem Ziel, erklärte mir mein Vater, im Zuschauer sowohl extreme Spannung als auch extreme Selbstzufriedenheit zu erzeugen, und zwar beides gleichzeitig. Habe ich tatsächlich etwas so Intelligentes gesagt? fragte sich Cleaver. Er lächelte. Aus seinem Sohn war jedenfalls ein wahrer Meister geworden. Ich habe ihn gut gecoacht. Meinen älteren Sohn. Dann schaute Cleaver im unruhigen roten Licht dieses absurd langen Abspannclips zu der Puppe auf der Kommode hinüber. Sie schaut zu; ihre Porzellanaugen blicken verzückt, ihr Lächeln ist beneidenswert leer. Cleaver nahm die Fernbedienung und schaltete ab.

Sofort hörte er das Singen. Die Männer unten singen. Man hört auch Akkordeonklänge. Ich habe Hunger, stellt Cleaver fest. Ich darf nicht erwarten, ausgerechnet an einem Tag wie heute compos mentis zu sein, geistig alles unter Kontrolle zu haben. Halt dich einfach an den Plan. Kompost mentis. Das war ein alter Witz. Er zog seine Schuhe an und ging auf den Flur hinaus, konnte aber den Lichtschalter nicht finden. Vielleicht hatte die attraktive Vermieterin ihm dazu etwas erklärt. Auf dem dunklen Treppenabsatz war der Gesang deutlicher zu hören. Cleaver strich wahllos mit den Fingern über die Wände. Männliche Stimmen sangen aus voller Kehle auf Deutsch. Er riskierte, sich einen Splitter einzufangen. Er kehrte in sein Zimmer zurück, machte das Licht wieder an und ging bei geöffneter Tür erneut zum Treppenabsatz. Von jedem dunklen Sims starrten ihn beim Abstieg einfältig lächelnde Puppen an. Diese Puppen haben etwas Lautes an sich, entschied Cleaver. Etwas Chorales. Der Männergesang unten schwoll an, während Cleaver vorsichtig an den stummen weiblichen Puppen vorbeiging. Der Rhythmus wirkte jetzt militärisch. Fast alle Politiker, dachte Cleaver und blieb stehen, bis seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, die ich interviewt habe, waren Männer, wohingegen fast alle Zuschauer oder Leser, die mir geschrieben haben, Frauen waren.

Doch als er auf die letzte Stufe trat, wähnte er sich schon unten, stolperte deshalb und fiel vorwärts gegen einen Tisch, auf dem zwei glänzende Augen vor sich hin starrten. Eine Tür wurde aufgestoßen, und rechts von ihm war plötzlich helles Licht; die Kartenspieler waren am Ende ihres Liedes angelangt, johlten und klopften selbstgefällig auf den Tisch. Ein großer Mann mit Bart stapfte, ohne Cleaver eines Blickes zu würdigen, den Flur hinunter. Cleaver stellte die umgefallene Puppe wieder hin und betrat die Kneipe.

Er saß schon fünf Minuten an einem Ecktisch, ehe die Frau sich von der gegenüber liegenden Wand löste und zu ihm kam. In ihrer Schürze stand sie vor ihm, die Haare unter einem weißen Kopftuch verborgen. Die meisten der Puppen trugen ebenfalls Kopftücher. Cleaver wollte sich nicht darauf beschränken, mit den Fingern auf seinen Mund zu zeigen. Er lächelte entschuldigend und sagte: Do you, ähm, have anything to eat? Sie fuhr sich mit der Zunge über die Unterlippe und schaute ihn unverwandt an. Sie weiß natürlich nicht, dass Harold Cleaver daran gewöhnt ist, zu über zehn Millionen Zuschauern zu sprechen. Bread? fragte er. Die Frau zog die Augenbrauen hoch und blickte sich sichtlich ungeduldig um. Zwei Männer sangen leise und ließen dabei ihre Gläser klingen. Bier? fragte sie barsch. Cleaver gab auf und machte die zeitlose Geste. Er hob die rechte Hand, schob drei Finger zum Mund und riss die Augen auf – erfahrungsgemäß für jedes Publikum ein charmantes, selbstironisches Flehen. Zu spät, sagte die Frau. Ihr Gesicht ist attraktiv – sie hat freundliche Fältchen um die strahlenden Augen –, zeigt aber schon die leicht hängenden Züge des fortgeschrittenen Alters. Trinkn, Trinkn, Trinkn! intonieren die Männer jetzt lauter und hauen die Gläser auf den Tisch. Die Frau schob den Ärmel ihrer Strickjacke zurück und klopfte auf ihre Uhr. Zu spät. Brot, fiel Cleaver ein, und: Speck? Sie schürzte die Lippen und wandte sich ab.

Cleaver beugte beim Essen den Kopf über seinen Holzteller. Das Bier ist eiskalt. Er fragt sich, ob die Männer seinetwegen aufgehört haben zu singen. Über fünfzig Millionen Menschen haben sein Interview mit dem Präsidenten gesehen, als CBS es in den Staaten ausstrahlte. Geben Sie zu, Mr. President – Cleaver stellte fest, dass er den Speck in kleinere Stücke schneiden musste –, dass Sie ihr Augenmerk nur auf laufende Debatten und Konflikte wie den Nahen Osten, den Terrorismus, die Steuerlast des Mittelstands gerichtet und dabei die wirklichen Herausforderungen der Zukunft – die Erderwärmung, die Überflussgesellschaft, die Förderung erneuerbarer Energien – außer Acht gelassen haben. Als der Präsident zögerte, fügte Cleaver hinzu: Oder halten Sie es in einer Demokratie für unvermeidlich, dass ein erfolgreicher Politiker nur mehr der Dirigent des Chors ist, der am lautesten singt? Der faserige Speck bleibt immer wieder zwischen seinen Zähnen hängen. Eins möchte ich klarstellen, sagte der gut aussehende Präsident in aggressivem Tonfall, ich bin mein eigener Herr. Daraufhin lächelte Cleaver sein berüchtigtes Lächeln. Er lächelt jetzt wieder so, während er kaut: Mr. President, Sie haben soeben zwei Gemeinplätze benutzt, einen nach dem anderen. Er brauchte einen Zahnstocher. Selbst ein Roboter könnte bessere Antworten geben.

Plötzlich gab es Streit unter den Kartenspielern. Jemand wurde des Mogelns bezichtigt. So kam es Cleaver jedenfalls vor. Der einzige Mann in Schlips und Sakko warf sein Blatt auf den Tisch und schob angewidert seinen Stuhl zurück. Als er aufstehen wollte, sprang ein anderer auf und schubste ihn zurück. Merkwürdigerweise trug er einen ledernen Cowboyhut. Der gut gekleidete Mann geriet ins Schwanken und wäre beinahe hingefallen. Alle schrien oder lachten. Die Wirtin rannte zum Tisch. Ein jüngerer Mann, fast noch ein Junge, in grünen Kordhosen und kariertem Hemd hob ein rotes Akkordeon vom Boden auf und spielte leise und gequetscht einen Volkstanz. Perfekte Untermalung, dachte Cleaver. Ganz plötzlich war der Streit vorbei, und ein weiteres Tablett mit Biergläsern wurde zum Tisch gebracht.

My room is cold, erklärte er der Frau. Do you have an extra blanket? Er machte eine Bewegung, als kuschele er sich ein, als ziehe er etwas bis über den Kopf. Sie konzentrierte sich auf das Zählen von Münzen aus dem Portemonnaie, das sie am Bauch trug. Blanket! Or I’ll freeze! Brrr! Es war ein Fehler gewesen, kaltes Bier zu bestellen. Unvermittelt kam der Mann mit dem Cowboyhut zu ihnen. A big blanket for a big man!, sagte er angeberisch. Dann sagte er etwas auf Deutsch zu der Frau. Sie nickte. Welcome to Südtirol! fuhr er überschwänglich fort. Er hat einen schmalen, fast zylindrischen Kopf, eine Adlernase und blitzende Augen. You want to ride a horse while you are in Luttach, you come to Hermann! Onkel Hermanns Stall! Schon hatte er Cleaver seine Visitenkarte zwischen die eiskalten Finger gesteckt. A big horse for a big arse! Er klatschte in die Hände und lachte. You want a woman, you ask Frau Schleiermacher. She knows everybody. Ha, ha, ha! A bigger whore for the man who has more, witzelte Cleaver. Die Witze meines Vaters waren ebenso unpassend wie unvermeidlich, hatte sein Sohn geschrieben. Aber Hermann kam nicht mehr mit. Südtirol welcomes you, wiederholte er nickend und streckte lachend die Hand aus. Er hatte einen eisernen Händedruck.

Cleaver war seit etwa fünf Minuten wieder auf seinem Zimmer, als der Junge mit den schwarz gefärbten Haaren die zweite Decke brachte. Beim Anblick seines teuflischen Ohrrings musste Cleaver lächeln. Aber er hatte den Namen des Jungen vergessen. Hieß er wirklich Amen? Fremdländische Namen finden in unserem Gedächtnis keine Schlupflöcher. Cleavers ältere Tochter Angela hatte auch mal eine Phase gehabt, in der sie alle möglichen grotesken Todessymbole trug. Es war eindeutig übertrieben, das als Versuch zu interpretieren, ihren besorgten Eltern zu zeigen, wie unglücklich sie war. Es gibt Horden von Teenagern, die satanischen Nippes tragen, sagte Cleaver laut. Hauptsächlich Ohrringe und Armreifen aus dunklem Silber oder grauem Stahl, oder schwarze T-Shirts mit orangefarbenen Höllenfeuer-Motiven. Die moderne Welt parodiert eben alles, was einmal von Bedeutung war und uns zum Zittern brachte. Aber Cleaver hatte nie daran gedacht, seinen Sohn wegen dieser Interpretation zur Rede zu stellen. Kaum hatte er sich hingelegt, wurde ihm klar, dass die zusätzliche Decke nicht ausreichen würde, um warm zu werden.

Das Problem sind seine Füße. Die zweite Decke würde bestimmt reichen, dachte Cleaver, wenn seine Füße schon warm wären. Er knipste die Nachttischlampe aus. Leider waren sie jedoch taub vor Kälte. Er tastete nach dem Kabel und knipste die Lampe wieder an. Die Tiroler Puppe starrt immer noch auf den toten Bildschirm. Ach, wäre man doch so unbekümmert wie eine Puppe! So beneidenswert unempfindlich gegen Hitze und Kälte!

Cleaver stand auf. Er hatte sich bis auf Hose und Unterhemd ausgezogen. Er ließ die Zimmertür offen, tappte auf den Flur hinaus – was für eine Figur er jetzt wohl abgab – und öffnete die Tür, hinter der nach den Gesten der Wirtin das Bad sein musste. Zu Hause nahm er immer ein heißes Bad, wenn er kalte Füße hatte. Die Zeiten, als Amanda sie ihm zwischen ihren Schenkeln gewärmt hatte, waren vorbei, noch ehe sie richtig begonnen hatten. Die Beziehung meiner Eltern als stürmisch zu bezeichnen, hatte sein älterer Sohn geschrieben, wäre so, als sagte man, Arafat und Sharon hätten ab und zu eine kleine Meinungsverschiedenheit. Das Wasser, das aus der Dusche kam, war kalt. Cleaver wartete, hielt ab und zu einen Finger in den Strahl. Die Vergleiche meines Sohnes lassen manchmal doch zu wünschen übrig, dachte er. Er lachte sogar. Der Strahl aus dem Duschkopf war kräftig, blieb aber kalt, so kalt wie die Wasserfälle, die nachts über alpine Felsen hinabstürzen. Heißes Wasser. Das hatte sie definitiv gesagt, aber jetzt fragte sich Cleaver, ob das nicht irgendwie im Zusammenhang mit Frühstück gestanden hatte. Noch nicht. Als er in sein Zimmer zurückkehrte, beschlich ihn zum ersten Mal das Gefühl, dass dies ein ernsthaftes Problem war.

Cleaver zog alle seine Sachen wieder an, auch den Ledermantel, und stieg zurück ins Bett. Dann stand er erneut auf und legte die beiden Decken so hin, dass er sich in sie einrollen konnte. Dicker fetter Rollmops, murmelte er. Sein Gesicht und die kahle Stelle auf dem Kopf sind jetzt bedeckt. Er atmete in der Dunkelheit seinen eigenen warmen Atem ein. In diesem Zimmer riecht es komisch, stellte er fest. Das war ihm vorher nicht aufgefallen. Meine Füße werden überhaupt nicht wärmer. Sie schienen vom Rest seines Körpers abgetrennt zu sein, so als wäre das, was er für Kälte hielt, der berühmte Phantomschmerz nach einer Amputation.

Verdammt! Plötzlich sehnt er sich nach einer Zigarette. Cleaver machte Licht. Die Stellen in Im Schatten des Allmächtigen, in denen von der chronischen Hypochondrie des Vaters des Erzählers die Rede war, gehörten eindeutig zu den gemeinsten und witzigsten. Cleaver rollte sich aus den Decken, setzte sich auf, zog die Füße an und begann sie zu massieren. Zum Teufel mit dem Buch. Die Haut sieht seltsam gräulich aus. Das Merkwürdige ist, hatte sein älterer Sohn geschrieben, dass mein Vater ständig überzeugt war, kurz vor dem Herzinfarkt zu stehen, ihn das aber keineswegs davon abgehalten hat, exzessiv zu essen, zu trinken, zu rauchen und herumzuhuren. So fest er auch rubbelte, Cleavers Füße blieben, wie sie waren: grau, kalt und klamm. Er hatte seit sechs Monaten mit keiner Frau geschlafen und seit über drei Monaten keine Zigarette mehr geraucht, daher deprimierte es ihn, dass er jetzt eine wollte. Wie soll ich mir die Zeit vertreiben, bis meine Füße warm werden? Er schaute sich nach der Fernbedienung um. Und so einer will in einer einsamen Berghütte leben! Morgen musste er Verschiedenes besorgen. Sich ordentlich ausstatten.

Er zog seine Schuhe wieder an und ging im Zimmer auf und ab. Er war auf Eisblöcken unterwegs. Auch nach einer Viertelstunde hatte sich daran nichts geändert. Die Puppe starrt ihn an. Verdammt noch mal, geh gefälligst runter und frag, ob du noch eine Decke haben kannst, sagte eine Stimme, oder noch zwei, oder ein Federbett oder eine Wärmflasche. Waren in Deutschland nicht sowieso Federbetten üblich? Aber Cleaver wird nicht fragen gehen. Das weiß er. Es hat mit dem Sprachproblem zu tun. Und noch etwas: Er weiß, er würde sich schämen. Die Wirtin hat befunden, dass zwei dicke Decken reichen. Es ist keine besonders kalte Nacht. Es ist Herbst, aber noch nicht Winter. Er will seine Schwächlichkeit nicht zeigen. Mein Vater, hatte sein Sohn geschrieben, wäre beim Hundertmeterlauf gegen Carl Lewis angetreten, im Boxring gegen Mohammed Ali und auf dem Tennisplatz gegen Pete Sampras. Er war der wettbewerbsgeilste Mensch, den die Welt je gesehen hat. Manchmal hatte ich das Gefühl, er hatte sich Mutter ausgesucht und sie sich ihn, weil sie beide in der Medienbranche arbeiteten und so ihr Leben lang tagein, tagaus miteinander konkurrieren konnten. Es ist aber nicht wahr, dass ich mit den Kindern konkurrieren wollte, dachte Cleaver. Diese verflixten Füße. Er schaltete den Fernseher wieder ein.

Als hätte er nach einem Blick auf die Uhr zur Fernbedienung gegriffen, begann auf BBC just in diesem Moment die stündliche Nachrichtensendung. 23 Uhr mitteleuropäischer Zeit. BBC World, erklärte eine autoritäre Stimme. Demand a broader view! Cleaver setzte sich aufs Bett und zog seine Schuhe wieder aus. Der Sender mit Weitblick! Wer einen wirklich intelligenten Blick auf die Dinge werfen wollte, würde sich diesen Slogan nicht auf die Fahne schreiben. Was meinem Sohn fehlt, erkannte Cleaver jetzt, während er Bilder von den Ruinen einer Palästinensersiedlung betrachtete, und vielleicht macht ihn gerade das so erfolgreich, ist der Sinn für Pathos. Das Pathos der ewigen Oberflächlichkeit des Journalismus, das Pathos von Ehe und Elternschaft, das Pathos von kalten Füßen, zum Kuckuck. Obwohl Amanda und er natürlich nie geheiratet hatten. Jedes Mal, wenn Mutter ihm einen Antrag machte, lehnte mein Vater ab, und jedes Mal wenn er ihr einen Antrag machte, lehnte sie ab. Wir sind nicht für einander geschaffen, witzelte mein Vater. Das Miteinander schafft uns, konterte meine Mutter. Bis hierher haben wir es immerhin geschafft, gab mein Vater zurück. Cleaver massierte seine gequälten Füße. Mein Sohn ist ein Genie der Karikatur, entschied er. Alle Menschen und Dinge in seinem Buch waren so beschrieben, dass er, sie oder es in eine vorgefertigte Schublade passte. Deshalb konnte man sich Figuren und Handlung leicht merken. Darin liegt der Schlüssel zum Erfolg. Ein Name, den das Publikum wiedererkennt. Zusammenhänge, die klar durchschaubar sind. Dem Jungen ist das Pathos an der ganzen Geschichte völlig entgangen, dachte Cleaver, und der Spaß ebenso. Ich habe selber mindestens die Hälfte davon längst vergessen.

Unwillkürlich griff Cleaver nach dem roten Handy auf dem Nachttisch und schaltete es ein. Ich muss aufhören, mir ständig solche unfruchtbaren Gedanken über meinen Sohn zu machen, sagte er sich. Es war ermüdend. Das kleine Display leuchtete. Du bist schließlich nicht nach Südtirol gekommen, um dich mit der Welt, die du hinter dir gelassen hast, zu unterhalten. Der Name HAROLD CLEAVER erschien, zusammen mit seiner Festnetznummer zu Hause. Das muss ich auch ändern. Dann geschah ein paar Sekunden lang nichts. Cleaver hatte oft versucht, sich bildlich vorzustellen, wie das kleine Ding in der sirrenden Luft seine Fühler ausstreckt, auf der Suche nach einem ihm freundlich gesinnten Netz, in das es sich einklinken kann. In solchen Momenten besitzt sogar das Handy ein gewisses Pathos, dachte er, ein eingebildetes Pathos, den Wunsch, sich in das kollektive Gedächtnis einzuklinken. Auf BBC begann die rituelle Analyse der Aktienmärkte. Jeder besitzt inzwischen im Gehirn eine Nische für den Nasdaq, den Wechselkurs von Dollar und Yen.

OST-NET, verkündet das Display plötzlich. Fast sofort fing das Telefon zu vibrieren an. 1 Kurzmitteilung, 2 Kurzmitteilungen, 3, 4, 5, 6. Der Zähler hörte bei 15 auf, und ein kleiner Briefumschlag in der linken oberen Ecke begann zu blinken. Speicher voll. Kein Platz für weitere Kurzmitteilungen. Cleaver griff in die Innentasche seines Mantels. Dann in die Jackentasche. O nein! Er kann seine Lesebrille nicht finden. Schnell durchsuchte er alle Taschen, das Jackett, die Hosen. Bin ich wirklich so bescheuert? Aber vielleicht war es sowieso besser, die Mitteilungen nicht zu lesen. Er hatte das Lesen ganz generell aufgeben wollen. Er strengte seine Augen an, um die Buchstaben zu erkennen, und fragte sich, in welcher Reihenfolge die Mitteilungen geschrieben worden waren. Konnte man das irgendwie erkennen? Sie waren alle von Amanda. Nein, er konnte den Text nicht entziffern.

Cleaver musste sich vom Fernseher abwenden und das Telefon unter den Schirm der Nachttischlampe halten, direkt neben die Birne. Jetzt ging es gerade so.

Was soll ich mit deinem ganzen kram machen, du drückeberger? Wenn du wirkl. weg bist, will ich es hier nicht mehr haben

Kaum hatte Cleaver auf »löschen« gedrückt, signalisierte ein Vibrieren das Eintreffen einer weiteren Nachricht.

Übrigens solltest du die tel.Rechn. sehen, die deine tochter verursacht hat

Wieder löschte Cleaver, und wieder vibrierte das Handy gleich darauf. Amanda, dachte er, konnte in jeder Lebenslage SMS verfassen, beim Kochen, beim Autofahren, auf dem Klo. Amanda ist dem Simsen verfallen. Er kniff die Augen zusammen:

Michaels hat 5x in 15 min angerufen. Habe ihn dran erinnert, d. man deserteure auf der flucht erschießen soll

Cleaver lächelte und löschte.

Ich wusste du bist zu feige das handy dazulassen

Jetzt musste er kurz die Augen schließen. Die Buchstaben verschwammen. Auf BBC hatte eine Sendung über eine sibirische Sprache begonnen, die kurz vor dem Aussterben war. Es ist erstaunlich, wie viel Begeisterung und Energie ein Fernsehteam in solche Berichte stecken kann, die 99,99 Prozent der Zuschauer in keinster Weise betreffen. Das Tolle war anscheinend, dass diese mongolisch aussehenden Leute nur ein Wort brauchten, um zu sagen: Ich gehe jetzt auf Bärenjagd.

Ich werde dein zeug wirklich wegwerfen – er schaute wieder aufs Handy – incl. Erstausgaben, ist dir das klar?

Obwohl es dort kaum noch Bären gab, klagte jetzt der Reporter, und noch weniger Sprecher dieser Sprache, die sie jagen könnten.

Liebster abtrünniger, wahrsch. treffen wir uns e.T. rein zufällig an angies grab. Keine angst, ich werde so tun als ob ich d. nicht erkenne

Cleaver schüttelte den Kopf. Sie schlug unter die Gürtellinie, um eine Antwort zu erzwingen. Angelas Unfall, murmelte er, konnte man wohl kaum als Chronik eines angekündigten Todes bezeichnen.

O, michaels hat NOCHMAL angerufen und gefragt ob ich deinen job will. Ich! Kaum zu glauben, oder?

Cleaver glaubte es keine Sekunde.

Wenn du mir nicht sagst wo du bist geh ich zur polizei und melde dich vermisst

Jedes Mal, wenn Cleaver eine SMS löschte, vibrierte das Telefon erneut. Es hörte nicht auf.

Ich liebe dich. Du bist d. Einzige mit d. ich je leben wollte, der einzige mit d. ich kinder wollte

Cleaver fragte sich, ob sie betrunken war.

Zähl nicht darauf dass ich mich umbringe, schrieb sie.

Ich weiss du tust nur so als würdest du diese nachr. nicht lesen

Ich hasse dich

Bill White rief an, will deine dok über den balkan nach frankr. verkaufen. Wollte nicht über geld reden

Schlaf gut, Harry, wo immer du bist. Hast du deine beruhigungsp. genommen?

Ich wusste, dass du ein feigling bist

Immer noch trafen Mitteilungen ein. Cleaver taten schon die Augen weh. Ohne zu lesen, drückte er wiederholt die Taste, mit der man die Mitteilungen lesen und löschen konnte, bis das Telefon nach drei, vier Minuten endlich still blieb. Er schaltete es aus. Ich werde nicht antworten.

Auf BBC wurde jetzt begeistert über die Special Effects in einem neuen Film über das Übersinnliche berichtet. Anscheinend war die Computeranimation spannender als das Thema. Cleaver schaltete auch den Fernseher aus. Bleibt mir nichts übrig, als mich hinzulegen, dachte er. Er zog seinen Ledermantel aus, wickelte sich wieder in die Decken und legte den schweren Mantel doppelt gefaltet auf seine Füße. Sie schmerzen vor Kälte. Was zum Teufel mache ich hier, weit weg von zu Hause und allen Annehmlichkeiten? Er hat keine Pillen bei sich. Zu dumm. Die Puppe sah zu, wie er das Licht ausmachte.

Er konnte nicht schlafen. Denk an nichts, sagte sich Cleaver entschlossen, an nichts, an nichts, an nichts. Wie eine Puppe. Die Minuten vergingen. Zähl alle Frauen, mit denen du je im Bett warst. Das war ein verlässlicher Zeitvertreib. Es ermüdete ihn. Aber das mit dem Mantel hätte ich längst so machen sollen. Seine Füße wurden langsam warm, und ehe er sich’s versah, erwachte er in den frühen Morgenstunden, weil ihm zu warm war. Das ist ja fantastisch. Er ging auf die Toilette, zog sich anschließend bis auf die Unterwäsche aus und legte die Decken neu zurecht. Seine Füße glühten jetzt. Willkommen in Südtirol, sagte er zu ihnen. Er kicherte. Sein ganzer Körper fühlte sich wunderbar präsent an, wunderbar behaglich. Wann habe ich mich je so wohl gefühlt, so entspannt? Was für eine übertriebene Reaktion! Harold Cleaver lag im Dunkeln und empfand ein außergewöhnlich starkes Wohlbehagen. Er hatte es geschafft. Er war entkommen.

II

Das Haus heißt Rosenkranzhof und liegt etwa 700 Meter oberhalb des Dorfes Steinhaus, einem Wintersportzentrum nordöstlich von Luttach. Cleaver fand es jedoch nicht gleich. Am ersten Tag kaufte er sich Stiefel, warme Kleidung, Toilettenartikel, Wanderstöcke, ein Regencape und einen Rucksack. Aus seiner Kreditkartenabrechnung würde man entnehmen können, wo er sich aufhielt, dachte er, deshalb rief er die Bank an und bat darum, alle Zahlungen im direkten Abbuchungsverfahren vorzunehmen. Er würde seine neue Postanschrift umgehend mitteilen. Dann veranlasste er das gleiche beim Mobilfunkanbieter seines privaten Handys. Nachdem die Anrufe erledigt waren, schaltete Cleaver das Telefon wieder aus, ließ die weiterhin eintreffenden SMS unbeachtet und beschloss, das Handy nur alle achtundvierzig Stunden einzuschalten. Ganz kurz. Am Abend. Sein berufliches Handy, das zugleich sein Flirthandy gewesen war, wollte er gar nicht mehr einschalten.

Das Mädchen von der Touristeninformation verstand nicht, was er wollte. Vielleicht kannte sie das Wort »remote« nicht. Sie tut nur so, als hätte sie verstanden, dachte Cleaver. Wir haben hier einen Katalog mit Zimmern auf dem Bauernhof, sagte sie. Ihre hübschen jungen Hände schlugen eine gedruckte Broschüre auf, die seitenweise Fotos und Preislisten enthielt. Mit den üblichen verschlüsselten Angaben über das genaue Angebot. Fünf Minuten zum Skilift in Sand in Taufers. Selbstverpflegung. Es war eine englische Ausgabe. Von der Seilbahn in Steinhaus per Fußweg zu erreichen. Maximale Belegung: acht Personen. Zwei Parkplätze. Ich möchte etwas Einsames, wiederholte Cleaver, ganz weit oben. Er machte eine Armbewegung. Für Monate, nicht für ein paar Wochen. Jahre vielleicht, dachte er. Das Mädchen starrte ihn an. Sie war nicht unattraktiv: honigblond, rosige Wangen, offene, verständnislos blickende Augen. Seiner jüngeren Tochter Caroline nicht unähnlich. Sie ging durch eine Tür nach hinten, um Hilfe zu holen. Ein Mann Anfang Vierzig erschien. So eine Unterkunft, mein Herr, so weit ab von allem, hätte wahrscheinlich keinen Strom und wäre auch sonst nicht sehr komfortabel. Genau das suche ich, beharrte Cleaver.

Der glatt rasierte, ernste Mann mit dem fliehenden Kinn benutzte ein bürokratisches »Wir«. Wir vermitteln nur Unterkünfte, die unseren hohen Qualitätsstandards entsprechen. Wir besichtigen sie alle vorab. Darauf sind wir stolz. Als Cleaver sich zum Gehen wandte, sagte der Mann: Wenn sie alleine etwas mieten, können Sie auch hier im Ort ganz für sich sein. Die Menschen in Südtirol sind sehr diskret. Mit so viel Weisheit und so gutem Englisch hatte Cleaver nicht gerechnet. Schließlich, fuhr der Angestellte der Touristeninformation fort und lächelte bedeutungsvoll, könnte es sich als nachteilig erweisen, von lebenswichtigen Dienstleistungen abgeschnitten zu sein. Das Mädchen lächelte ebenfalls. Sie zeigten ihm, dass ihnen sein Alter und sein Körpergewicht nicht entgangen waren. Ich möchte eine abgelegene Hütte, wiederholte Cleaver. So absurd das sein mochte, aber die Tatsache, dass es ihm gestern Abend gelungen war, seine Füße warm zu kriegen, verlieh ihm die nötige Entschlossenheit, um bei seinem Plan zu bleiben. Ich will eins von diesen einsamen Lichtern hoch oben in den nächtlichen Bergen sein, dachte er. Wenn der Herzinfarkt zuschlägt, dann soll es eben so sein.

Bei seiner Rückkehr zum Unterfurnerhof – so hieß seine Pension, wie er jetzt feststellte – lag ein Federbett auf seinem Bett, aber als er nach unten zu Frau Schleiermacher ging, erwähnte sie diese Veränderung nicht. Armin, rief sie, Armin! Meine Mutter, übersetzte Armin lustlos, versteht nicht, warum Sie eine Unterkunft so weit oben suchen. Der Junge hat blonde Augenbrauen unter den rabenschwarzen Haaren und blassblaue Augen. Heute hängt an seinem Ohr eine dreifache Sechs. Aus seinem Zimmer drang verzerrte Gitarrenmusik über den Gang. I have decided to be alone, sagte Cleaver. Es fiel ihm schwer, den Stolz aus seiner Stimme zu verbannen. Er war kein bisschen verärgert, dass letzte Nacht das Federbett gefehlt hatte, ganz im Gegenteil: Ich habe meine erste Prüfung bestanden, dachte er. Allein, erklärte der Junge. Seine Mutter kniff die Augen zusammen. Sie hat kluge, lebhafte Augen. Sie sprach fast eine ganze Minute lang. Sie kennt nichts, kürzte Armin ab. Er wirkte aufrichtig mürrisch. Sich die Haare rabenschwarz färben und satanischen Schmuck tragen ist nicht so radikal wie die Entscheidung, allein zu sein, dachte Cleaver, nicht mal in Südtirol. Diese scheinbare Rebellion, hatte er Angela einmal erklärt, als sie sich dem Piercing verschrieben hatte, zeigt deine Verbundenheit mit der Gesellschaft nur umso deutlicher. Kapierst du das nicht? Frau Schleiermacher redete immer noch. Du führst einen Kampf, und das ist die stärkste Verbindung, die es gibt. Es gibt sehr viele verlassene Häuser oben in den Bergen, übersetzte Armin, aber wenn niemand dort wohnt, dann weil sie … Er stockte. Sein Mutter hatte ein Wort benutzt, das zu lang und zu komplex war, um es zu übersetzen. Sie wiederholte es. Verwirrt wanderte Armins Blick von ihr zu ihrem Gast und wieder zurück. Dann erhellte ein Lächeln sein Gesicht: weil sie Scheiße sind.

Cleaver kaufte sich eine Karte und wanderte drauflos. Oberhalb von Luttach beschreibt das Ahrntal eine Biegung von Norden nach Nordosten. Um die Morgensonne auszukosten, nahm er zunächst die südlichen Hänge in Angriff. Es war seltsam, den Tag zu beginnen, ohne mit den neuesten Nachrichten bombardiert zu werden, mit E-Mails und mit Fakten über die nächsten Talkshowgäste, mit Zusammenfassungen aller ihrer Äußerungen zu jedem nur erdenklichen Thema. Welche Punkte standen heute im Parlament auf der Tagesordnung? Über den Titel »Crossfire« hatte er sich in letzter Zeit öfter geärgert.

Er ging eine schmale Straße hinauf, die laut Schild nach Weißenbach und Rio Bianco führte. Ohne Brille konnte er diese Orte auf der Karte nicht finden. Erst nachdem er das gleiche Schild drei, vier Mal auf der kurvenreichen Straße gesehen hatte, wurde Cleaver klar, dass es sich bei Weißenbach und Rio Bianco um ein und denselben Ort handelte – eins war die Übersetzung des anderen. Er blieb stehen. Man übersetzt einen Namen, um ihn sich zu eigen zu machen, dachte er. So wie Amanda, die ihn hartnäckig Harry nannte anstatt Harold. Sie wollte, dass ich ihr Harry bin. Cleaver kannte sich in der Geschichte dieses Fleckchens Erde nicht so gut aus, er wusste nur, dass es nach dem Ersten Weltkrieg von Österreich an Italien gefallen war. Für alle anderen war er Harold gewesen. Man stelle sich vor, in London würden alle Namen und die Sprache geändert! Arc de Marbre! St. Johanns Holz. Mit einem Schlag wären alle Berühmtheiten und klugen Köpfe impotent, der Kraft ihrer Redekunst beraubt. Ponte della Torre! Obwohl sich das letztendlich als Erleichterung erweisen könnte, als erholsam. Bäckerstraße! Cleaver erinnerte sich, wie er mit Giada darüber gelacht hatte, wie erholsam eine eventuell bevorstehende Impotenz sein könnte. Kommen, bevor er steht, meinst du wohl, kicherte sie. Sie war ein temperamentvolles Mädchen. Sie waren zum Skilaufen nach Tirol gefahren, nicht zum Wandern. Menschen wie Giada wanderten nicht. Suchen Sie mir einen Wintersportort, hatte er seinem Reisebüro in der King’s Road aufgetragen, wo man mich auf keinen Fall erkennt. Einmal allerdings, am letzten Tag der Reise, waren sie in einer Gruppe auf eine geführte Schneeschuhwanderung gegangen. Die tiefe Stille der schneegefüllten Furchen und Mulden hatte das Geplapper der anderen Wanderer unerträglich gemacht. Für meinen Vater, hatte sein älterer Sohn geschrieben, waren laute Gespräche, ebenso wie Unterhaltungen im Allgemeinen, nur dann akzeptabel, wenn er sie selber führte. Vielleicht habe ich die Handys für den Fall mitgenommen, dass Giada versucht, mich zu erreichen, sagte sich Cleaver. Oder irgendeine andere Frau. Nein, so war es nicht. Und sie würden es auch nicht versuchen. Es wird keine Affären mehr geben. Der Herr hat’s gegeben, murmelte Cleaver, der Herr hat’s genommen.

Er marschierte weiter in Richtung Weißenbach. Der Name klang glaubhafter als Rio Bianco. Er lächelte. Aber nach zwanzig Minuten stetigem Aufstieg war er erschöpft, und ihm war viel zu heiß. Ich wiege mindestens zehn Kilo zu viel. Er zog seine Jacke aus und stopfte sie in den Rucksack. Vielleicht sogar fünfzehn. Er nahm eine Speckfalte am Bauch zwischen die Finger und drückte sie zusammen. Das muss weg.

Schwer atmend setzte er sich auf einen Baumstamm und schaute sich um. Benannt, wie er jetzt feststellte, nach dem Flüsschen, das unter einer niedrigen Holzbrücke hindurchplätscherte, bestand Weißenbach aus ganzen vier Gasthöfen mit geschlossenen Rollläden, dem Augenschein nach ehemalige Bauernhöfe, deren Besitzer außerhalb der Saison selbst Urlaub machten, vielleicht auf den Seychellen oder in London, womöglich in Westmünster. Einen ganzen Tag damit zubringen, dachte Cleaver plötzlich zu seiner eigenen Überraschung, solche Zusammenhänge zu begreifen, ein Bild wie dieses ganz zu erfassen: diese alten Häuser, halb aus Holz, halb aus Stein, in dreizehnhundert Meter Höhe erbaut und Jahrhunderte lang genutzt, um Heu zu lagern und Kühe einzustellen; dann in jüngster Zeit ihre durch die veränderte wirtschaftliche Situation bedingte Umwandlung in Hotels, vorwiegend für Skisportler, in deren Verlauf die alten Namen erneut in schnörkeliger gotischer Schrift auf die hölzernen Fassaden gemalt wurden. Ja, das Offensichtliche zu bewältigen, dachte er und rückte seine fetten Schenkel auf dem rohen Baumstamm, der am Wegrand lag, in eine bequemere Position, das war ein wahrhaft ehrgeiziges Ziel: ohne einen Dokumentarfilm zu drehen oder einen Artikel vorzubereiten; kein Foto, keinen Clip, nichts, was man schneiden und verändern konnte, sondern etwas Echtes, Wirkliches und Unnachgiebiges eingehend zu betrachten, seinen Geruch, seine unbeugsame Gegenwärtigkeit zu erkennen – den Holzrauch in der Luft, das Rauschen und Glucksen des Wassers –, bis man ganz sicher war, die Sache voll und ganz erfasst und in seinem Schädel verankert, für alle Zeiten dort eingehämmert zu haben wie einen langen Nagel in einen alten Balken. Das ist es, was ich lernen muss. Deshalb bin ich hergekommen.

Erschreckenderweise gelang es ihm erst beim zweiten Versuch aufzustehen. Um Himmels Willen! Er war gerade mal fünfundfünfzig. Cleaver überquerte die Straße, stieß die Tür unter einem Schild mit der handgemalten Aufschrift Unterholzerhof auf und stand in einer großen, schäbigen Kneipe. Wobei das Wort Stube ihm gleich passender erschien. Diese Gaststuben sind nicht zu vergleichen mit Pubs. Niemand war zu sehen. Das Licht ist trübe. Jahrelang, jahrzehntelang sogar, überlegte Cleaver und setzte sich erneut hin, diesmal auf eine Bank, die einem Kirchengestühl glich, hat man jeden Tag, jede Stunde sogar, von Nachrichtensendung zu Nachrichtensendung seine Meinung über Thatcher und Reagan, Blair und Bush, über genveränderte Lebensmittel, die Prügelstrafe, Afghanistan oder die unendliche Peinlichkeit der liberalen Demokraten revidiert, Gedanken um Gedanken durch Worte und Bilder absorbiert, ohne dass irgendetwas je wirklich festgeklopft worden wäre. Auch hier hing in der Ecke ein Kruzifix. Es ließ sich immer alles neu schneiden, für ein anderes Publikum neu arrangieren. Diese Bank ist sehr hart, dachte er. Nichts wurde je abgeschlossen und geklärt. Er schaute sich um. Das graue Licht hatte etwas Dumpfes an sich. Wann werde ich endlich bedient? fragte er sich. Er hatte Durst.

Abgesehen von dem Kruzifix, waren die dunklen, holzgetäfelten Wände mit dem behängt, was Cleaver mittlerweile als den üblichen Südtiroler Nippes erkannte: antikes Bauerngerät, Gewehre, ein ausgestopfter Habicht, vor Jahrzehnten getrocknete Blumen, ein Troll mit einer Axt. Auch das sind Dinge, die man tagelang betrachten könnte. Die Vorhänge waren staubig rot. Ganz zu schweigen von der unablässigen Meinungsanpassung, führte Cleaver seinen vorherigen Gedankengang fort, in Sachen Privatisierung, Homo-Ehe, Klonen, Rap. Es war ein Strom ständig wechselnder Phänomene, ein Tumult in einer Sortierfabrik. Aber es war schon komisch, fiel ihm jetzt auf – seine Wadenmuskeln schmerzten –, dass er zwar überhaupt nicht in Eile war, wirklich kein bisschen, aber dennoch ungeduldig darauf wartete, bedient zu werden. Wo waren die Leute? Es hatte mit der Dynamik zu tun, so nahm er an, die beim Betreten eines Ortes entstand, der eigens zum Bedienen von Gästen geschaffen wurde. Ich könnte am Verhungern sein, dachte er. Man betritt einen Ort, an dem Essen serviert wird, und sofort ist man auf Austausch gepolt: Man will, dass die Sache in Bewegung kommt, Essen her, Geld hin, und das, obwohl man es eigentlich überhaupt nicht eilig hat. Im Gegenteil, man kann eine Pause gut gebrauchen. Cleaver runzelte die Stirn und rieb sich die Waden. Ich muss mir angewöhnen, immer eine Flasche Wasser mitzunehmen, dachte er. Wenn es ein Getränk gab, hatte sein älterer Sohn geschrieben, das mein Vater auf den Tod nicht ausstehen konnte, dann war es Wasser: Das ist mein Beitrag zur Erhaltung lebenswichtiger Rohstoffe, sagte er gerne, während er die übliche Flasche Bordeaux öffnete.

Bitte? sagte eine ruhige Stimme. Cleaver hob den Kopf und erblickte vor sich einen alten Mann. Groß, gebeugt, mit überproportional großen Ohren, angetan mit einer Lederschürze. Trinken, sagte Cleaver zu ihm. Bier? fragte der Mann. Seine knorrigen Finger umklammerten ein Geschirrtuch. Nein. Ein paar Sekunden herrschte Schweigen. Die wässrigen Augen des Kellners machten keine Anstrengung, ihn in den Blick zu nehmen. Apfelschorle? schlug er vor. Cleaver zögerte. Er hatte nicht verstanden. Apfelsaft, sagte der alte Mann. Okay, ja. Cleaver hob eine Hand vom Tisch, um die Größe des Glases anzuzeigen, das er wollte. Big. Der Mann machte kein Zeichen des Verstehens. Steif ging er zur Theke und machte sich ruhig und ganz langsam dahinter zu schaffen, wusch Gläser, wischte hier und da etwas weg. Er kommt gar nicht darauf, dachte Cleaver, dass ich es eilig haben könnte. Schließlich kam der Kellner langsam wieder angeschlurft und brachte ihm mit angespannten Handgelenken und konzentriertem Gesichtsausdruck auf einem wackligen Blechtablett ein großes Glas mit einer trüben gelblichen Flüssigkeit. Danke. Cleaver nahm einen Schluck. Es schmeckte frisch und sauer. Bitte schön, sagte der alte Mann ruhig.

Während Cleaver trank, schlenderte der Kellner zum Fenster und starrte, die fleckigen Hände vor der Schürze gefaltet, mit seinen blassen Augen zwischen den Vorhängen hindurch auf die bewaldeten Hänge. Obwohl seine Bank in die andere Richtung zeigte und er zur Theke und zum Kruzifix schaute, war Cleaver sich seiner stillen Anwesenheit intensiv bewusst. Während er mich kaum wahrnimmt, wurde ihm klar. Er denkt ganz bestimmt nicht an mich.

Cleaver verdrehte den Kopf, um den Alten anzuschauen. Den Mann umgab eine faszinierende Ruhe; wie gemalt stand er da, eine Hand in der Hosentasche unter der Schürze, das faltige Gesicht ausdruckslos, und wartete, bis sein Gast wieder ging. Es ist ihm egal, dachte Cleaver, ob ich fünf Minuten bleibe oder fünfzig. Es spielt keine Rolle. Aus irgendeinem Grund löste das in ihm den Wunsch aus, bald zu gehen. Wieder verdrehte er den Kopf, um einen Blick auf die knollige Nase, die langen Ohren und die blassen, geschlossenen Lippen zu werfen. Die Ruhe des Mannes hatte etwas Puppenartiges. Er will und erwartet rein gar nichts von mir, dachte Cleaver. Zugleich stieg Ärger in ihm auf. Warum? Er trank aus. Warum will ich, dass er etwas von mir will? Aber als Cleaver sich erhob, um zu gehen, stellte sich heraus, dass der Alte die unverschämte Summe von fünf Euro von ihm wollte. Fünf Euro für ein Glas Apfelsaft! Der Kellner steckte das Geld mit kaum mehr als der Andeutung einer Verbeugung ein. Auf Wiedersehen, murmelte er.

Hundert Meter hinter der Siedlung endete die Straße, und Cleaver musste seine Wanderstöcke einsetzen. Dafür habe ich sie schließlich gekauft. Er war mit sich zufrieden. Angeblich handelte es sich um norwegische Laufstöcke. Er schüttelte lächelnd den Kopf. Ein steiler Pfad führte im Zickzack aufwärts in dichten Kiefernwald hinein. Es machte Spaß, die Stöcke in den Boden zu rammen und das schattengesprenkelte Licht zwischen den Baumstämmen zu betrachten, das dem stillen, zeitlos trüben Licht in den Tiroler Gaststuben nicht unähnlich war. Die Lärchen verfärben sich schon, dachte Cleaver. Wie wäre er sonst darauf kommen, dass es Lärchen waren? Will ich die geistige Leere etwa ausfüllen, indem ich alles hier beim Namen nenne, fragte er sich, jetzt, da es keine Besprechungen, keine E-Mails und keine Zeitungen mehr gibt: die Zweige, die Dornensträucher, die Moose, all die kleinen Pflanzen mit ihren unterschiedlichen Blättern? Die Insekten. Cleaver hat sich mit Pflanzen und Blumen nie ausgekannt. Ganz zu schweigen von Pilzen. Er hatte nie viel Zeit für Aufenthalte auf dem Land. Wenn mein Vater Blumen kaufte, um meine Mutter zu beschwichtigen, hatte sein älterer Sohn geschrieben, dann ging er einfach in den Blumenladen und sagte: Zehn von den roten da – er täuschte dabei gern einen Unterschichtakzent vor –, fünf von den gelben, drei von den rosa, und dazu so ein bisschen Grünzeug, das überlasse ich Ihnen. Nicht ganz, mein Lieber, protestierte Cleaver. Ich habe immer Rosen gesagt. Amanda mochte nur Rosen. Grünzeug kann stimmen. Aber was soll man denn dazu sagen? Blattwerk? Er weiß noch genau, wie er einmal ungeduldig im feuchten Dämmerlicht eines Blumenladens in der Nähe der U-Bahnstation Edgware Road mit den Zwillingen an der Hand darauf wartete, bedient zu werden. Daddy kauft nur Blumen, wenn Mami sauer ist, erklärte Angela der Verkäuferin, als sie an der Kasse den Preis eintippte. Knauserig war ich wirklich nie, dachte Cleaver. Tatsächlich! sagte das Mädchen lachend. Also, ich an ihrer Stelle wäre ständig wütend, wenn ich dann so hübsche Geschenke wie dieses hier kriegen würde. Manchmal kam es im Blumenladen zu angenehmen Momenten der Komplizenschaft, erinnerte sich Cleaver. Warum hat er das eigentlich nie ausgenutzt? Er erinnerte sich an strahlende Augen, die zu ihm hochblickten, während geübte Finger einen Bindfaden um steife grüne Stängel knoteten.

Nach kurzer Pause ging Cleaver weiter. Keine Gefahr, nicht abzunehmen, wenn du so etwas jeden Tag machst. Erneut dachte er: Seltsam, wie süß und harzig die Bergluft war, und wie laut, selbst nach so langer Wanderung, noch der Verkehrslärm von der Hauptstraße tief unten im Tal heraufdrang. Nein, laut eigentlich nicht, korrigierte er sich, aber hartnäckig, vereinnahmend. Ich brauche ein Haus oberhalb der Lärmgrenze, sagte sich Cleaver. Er hat keine Ahnung, wie er so ein Haus finden soll. Als er in einer Senke unterhalb des Pfades vier verfallene Mauern entdeckte, beschloss er, den Standort näher zu erkunden. Gleich darauf trat er mit einem Fuß in ein mit Blättern und Matsch gefülltes Loch. Er schlug schmerzhaft mit dem Knie auf eine Steinplatte. So viel zu den norwegischen Laufstöcken. Als er seinen Stiefel aus dem Schlamm zog, stank er. Sinn und Zweck dieses Rückzugs, rief er sich ins Gedächtnis – er musste sich ein paar Minuten hinsetzen und sich das Knie reiben –, obwohl mir das Wort Rückzug nicht gefällt, Sinn und Zweck dieser Übung, wie immer man sie nennen will, ist es, meinen Geist all dem zu entziehen, was ihn viel zu lange gefesselt hat. Ich werde lernen, frei zu sein.