Stille Zeugen - Ein Fall für Engel und Sander 1 - Angela Lautenschläger - E-Book
Beschreibung

Vor seinen Vergehen kann man nicht fliehen … Start der Serie um eine einzigartige Ermittlerin. „Stille Zeugen“ von Angela Lautenschläger bei dotbooks. Als die Nachlasspflegerin Friedelinde Engel zu dem Haus einer Toten geschickt wird, um deren Erbe zu regeln, erwartet sie nichts Außergewöhnliches. Im Keller der Toten findet Friedelinde jedoch eine zweite Leiche. Die zerbrechliche Frau selbst kann den kräftigen Mann unmöglich dort hinuntergebracht haben, doch wer sonst? Während der Kripo-Beamte Nicolas Sander bei seinen Ermittlungen im Dunkeln tappt, führt Friedelindes Suche nach den Erben der Frau in ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte zurück. Hängen die zwei Fälle zusammen? Friedelinde und Sander müssen Hand in Hand arbeiten, um die Schuldigen zu finden … und Hunderten Opfern Gerechtigkeit zu verschaffen. Der fesselnde Auftakt zur neuen Krimi-Reihe um die eigenwillige Nachlasspflegerin Friedelinde Engel und Kripo-Ermittler Nicolas Sander. Jetzt als eBook kaufen und genießen: „Stille Zeugen“ von Angela Lautenschläger. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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EPUB

Seitenzahl:475


Über dieses Buch:

Als die Nachlasspflegerin Friedelinde Engel zu dem Haus einer Toten geschickt wird, um deren Erbe zu regeln, erwartet sie nichts Außergewöhnliches. Im Keller der Toten findet Friedelinde jedoch eine zweite Leiche. Die zerbrechliche Frau selbst kann den kräftigen Mann unmöglich dort hinuntergebracht haben, doch wer sonst? Während der Kripo-Beamte Nicolas Sander bei seinen Ermittlungen im Dunkeln tappt, führt Friedelindes Suche nach den Erben der Frau in ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte zurück. Hängen die zwei Fälle zusammen? Friedelinde und Sander müssen Hand in Hand arbeiten, um die Schuldigen zu finden … und Hunderten Opfern Gerechtigkeit zu verschaffen.

Der fesselnde Auftakt zur neuen Krimi-Reihe um die eigenwillige Nachlasspflegerin Friedelinde Engel und Kripo-Ermittler Nicolas Sander.

Über die Autorin:

Angela Lautenschläger arbeitet seit Jahren als Nachlasspflegerin und erlebt in ihrem Berufsalltag mehr spannende Fälle, als sie in Büchern verarbeiten kann. Ihre Freizeit widmet sie voll und ganz dem Krimilesen, dem Schreiben und dem Reisen. Sie lebt mit ihrem Mann und vier Katzen in Hamburg.

Angela Lautenschläger veröffentlich bei dotbooks auch:

Geheime Rache. Ein Fall für Engel und Sander

Tödlicher Nachlass. Ein Fall für Engel und Sander

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Originalausgabe November 2017

Copyright © der Originalausgabe 2015 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Redaktion: Philipp Bobrowski

Titelbildgestaltung: © HildenDesign unter Verwendung mehrerer Motive von Shutterstock.com

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (sh)

ISBN 978-3-96148-039-5

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Angela Lautenschläger

Stille Zeugen

Ein Fall für Engel und Sander

dotbooks.

Kapitel 1

»Ich hatte an Frühlingsfarben gedacht, vielleicht zartes Rosa, dazu Tulpen und weiße Margeriten. Was meinst du?«

Friedelinde, deren Gedanken sich an diesem Morgen um die Frage drehten, ob sie gleich wieder ins Bett gehen oder sich zunächst dem Berg Arbeit auf ihrem Schreibtisch widmen sollte, sah ihre Freundin irritiert an. »Ich meine, dass du dich dann mit deiner Hochzeit beeilen musst. Der Frühling endet in einem Monat. Oder du heiratest im nächsten Frühjahr.«

Marie schien gar nicht wahrzunehmen, dass Friedelinde nicht ganz bei der Sache war. »Stimmt.« Sie saß im Schaufenster von Friedelindes Büro, den Rücken an die Fenstereinfassung gelehnt, die Füße auf die Fensterbank gezogen, und schlug mit dem Bleistift gegen ihre Vorderzähne. Noch vor einigen Jahren hatte ein nostalgisches Arrangement von Waschmittelverpackungen das Schaufenster des ehemaligen Lebensmittelgeschäfts geziert.

»Nächstes Jahr ist natürlich Quatsch. Da wollen wir ja schon das erste Kind haben. Also Sommer. Was blüht denn im Sommer?«

Friedelinde schloss die Augen und massierte sich die Schläfen. »Der Unsinn.«

»Ach Mann! Jetzt freu dich doch mal mit mir und mach konstruktive Vorschläge.«

»Marie, mach ich gern, wenn ich keine rasenden Kopfschmerzen und Halsschmerzen mehr habe. Ich kriege ganz klar eine Erkältung.«

Marie, sonst eigentlich ein mitfühlendes Wesen, hatte heute für Friedelindes Befindlichkeit keine Antenne. Sie war am Morgen mit der Nachricht in Friedelindes Büro gestürmt, dass ihr Freund Pablo ihr am Vorabend einen Heiratsantrag gemacht habe. Nach einer schlaflosen Nacht wollte sie sofort umfangreiche Hochzeitspläne austüfteln. Friedelinde, für die eine Eheschließung in etwa so aktuell war wie die Erfindung des Smartphones für einen Neandertaler, fehlten einfach die Nerven, um sich an der Ausarbeitung der Pläne zu beteiligen. Nachdenklich betrachtete sie Marie, die leise vor sich hin murmelnd das ehemalige Ladengeschäft von Feinkost Riekmann durchquerte. In den Wandregalen lagen heute Friedelindes Akten, dort waren Fotokopierer, Telefax und Büromaterial untergebracht, den Boden zierten immer noch die alten holländischen Fliesen. Auf dem ursprünglichen Platz des alten Verkaufstresens stand heute Friedelindes Schreibtisch. Neben der Eingangstür, die das Eintreten eines Besuchers immer noch mit der Türglocke des Lebensmittelgeschäfts ankündigte, war ein Schild angebracht: Friedelinde Engel, Nachlasspflegerin, Testamentsvollstreckung und Nachlassabwicklung. Nur wenn die Sonne schien und sie die Markise ausfuhr, war draußen noch zu lesen: Soll es frisch und schmackhaft sein, kaufe nur bei Riekmann ein.

Marie konnte ziemlich anstrengend sein, aber sie war auch eine gute Freundin. Ihr größter Freundschaftsbeweis war es, Friedelinde nicht länger Friedel zu nennen. Schließlich litt sie unter ihrem Vornamen ohnehin schon, aber ihre Eltern hatten ihr den Namen in guter Absicht in Gedenken an Friedelindes Großmutter verpasst. Einer der seltenen Fälle, in denen sich ihr Vater sogar gegen seine Frau durchgesetzt hatte. Allerdings hätte es nach Friedelindes Meinung ausgereicht, den Namen als zweiten Vornamen zu verwenden und einen zeitgemäßen ersten Vornamen zu wählen.

»Rosen. Rosen sind sehr schön.« Marie sah nachdenklich aus dem Fenster. »Hat aber jeder.«

Als zu Friedelindes Erleichterung das Telefon die Diskussion um den richtigen Hochzeitsschmuck unterbrach, hatte sie noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen.

Am Vorabend hatte sie einen ziemlich guten Parkplatz ergattert, was in Ottensen eine Rarität war, weshalb sie sich dazu entschloss, mit dem Fahrrad zum Amtsgericht Altona zu fahren. Etwa auf der Mitte der Strecke bereute sie diese Entscheidung. Sie wurde tatsächlich krank, und ihre Kräfte verließen sie allmählich. Auf dem Treppenabsatz zum ersten Stock tat sie so, als würde sie die Tafel mit den Namen der im Krieg gefallenen Richter studieren, um wieder zu Atem kommen. Als sie kurz darauf an die Tür des Dienstzimmers des Rechtspflegers Hitzelsberger klopfte, hatte sich ihr Herzschlag wieder beruhigt.

»Hallo, das ging ja schnell.«

Friedelinde nahm lächelnd Platz. Gegenüber einem potenziellen Auftraggeber hieß die Devise immer: einen entspannten, tatkräftigen und kompetenten Eindruck machen.

Hitzelsberger räumte ein paar Akten auf seinem Schreibtisch um und schlug dann eine auf.

»So, was haben wir denn. Hannelore Weber, Häuschen in Othmarschen, offenbar keine Angehörigen und wohl ein bisschen Geld auf dem Konto.« Er reichte Friedelinde einige Kopien über den Schreibtisch. »Das ist der gesamte Akteninhalt. Ist noch nicht sehr viel.«

Friedelinde warf einen flüchtigen Blick auf die Kopien. Ein bisschen Geld war gut. Allein auf dem Girokonto befanden sich mehr als zehntausend Euro. Herr Hitzelsberger reichte ihr ein blassgrünes Blatt, auf dem er sein Dienstsiegel angebracht hatte. Friedelinde nahm die Bestallungsurkunde entgegen, die ihr künftig als Ausweis in dieser Sache dienen würde. Sie unterschrieb die Erklärung, mit der sie sich verpflichtete, ihr Amt als Nachlasspflegerin für die unbekannten Erben der Hannelore Weber ordnungsgemäß und gewissenhaft auszuüben, und stand fünf Minuten später wieder auf dem Gerichtsflur, wo sie an die Fensterbank gelehnt den Akteninhalt noch einmal intensiv studierte.

Darin befand sich eine Melderegisterauskunft mit den Daten der ledigen Hannelore Weber. Laut Polizeiprotokoll waren die Ordnungshüter vom Briefträger alarmiert worden, der sich darüber gewundert hatte, dass der Briefkasten drei Tage lang nicht geleert worden war, obwohl die alte Dame nie verreiste. Die Streifenbeamten hatten daraufhin das Haus umrundet und durch das Wohnzimmerfenster die Bewohnerin leblos im Fernsehsessel sitzen sehen. Der alarmierte Schlosser hatte das Türschloss geöffnet, und der Notarzt hatte festgestellt, dass Hannelore Weber seit mindestens drei Tagen tot im Sessel gesessen hatte. Eine Fernsehzeitschrift war am fünften Mai aufgeschlagen, dem vermutlichen Todestag der alten Frau. Mehr als eine Woche hatte die Meldung dann noch für den Weg durch den Polizeiapparat bis zum Gericht gebraucht. Die Verstorbene hatte offenbar so zurückgezogen gelebt, dass ihr Tod drei Tage lang nicht aufgefallen war.

Von der Nachlassabteilung des Landeskriminalamtes erhielt Friedelinde die telefonische Auskunft, dass die Schlüssel zum neu eingebauten Türschloss im Polizeikommissariat 25 verwahrt wurden. Als sie eine Dreiviertelstunde später entkräftet das Haus der Toten in der Walderseestraße erreicht hatte, verfluchte sie ihre Entscheidung, dass sie den Parkplatz nicht hatte aufgeben wollen. Das war definitiv ihre letzte Amtshandlung. Anschließend würde sie sich für den Rest des Tages ins Bett legen und allenfalls noch in einer Apotheke einkehren.

Während sie darauf wartete, dass zwei Polizeibeamte das Polizeisiegel an der Haustür entfernten, entging Friedelinde nicht, dass sich die Gardine am Küchenfenster des Nachbarhauses bewegte. Seit die Polizei den Leichnam aus dem Haus getragen hatte, war die Nachbarschaft vermutlich besonders aufmerksam.

Die Entfernung des Siegels dauerte nur wenige Sekunden, und Friedelinde konnte das Haus betreten. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss, und Friedelinde nahm einen Augenblick die Atmosphäre auf. Es war still, keine Uhr tickte, kein Holz knarrte, es drangen auch keine Geräusche von draußen herein. Sie vermutete, dass das Haus in den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts errichtet und seither nicht modernisiert worden war. Auf dem Küchenboden lag Linoleum, an den Wänden hingen schlichte Küchenschränke. Sie würde die Räumungsfirma Heine beauftragen, Lebensmittel und Pflanzen zu entsorgen.

Rechts vom Flur gingen Ess- und Wohnzimmer ab, eingerichtet mit altmodischem Mobiliar. Auffällig war, dass es keine Fotos von Angehörigen oder wenigstens Haustieren gab. An den Wänden hingen lediglich Zeichnungen und Bilder mit Pflanzenmotiven. Im Sideboard fand sie Ordner mit Papieren zum Haus, Korrespondenz mit Versicherungen und Bankunterlagen. Sie packte alles in ihren Fahrradkorb, um es in den nächsten Tagen im Büro zu sichten.

Sie würde noch einen Blick in den Keller werfen und dann gehen. Nach einigem Suchen fand sie den Lichtschalter und stieg im trüben Licht die Treppe hinunter. Neben einem Heizungs- und einem Waschkeller gab es noch einen Vorratsraum, an dessen Wänden Regale mit eingemachtem Obst und anderem nicht identifizierbarem Inhalt standen. Frau Weber hatte sich offenbar in der erforderlichen Menge stark verschätzt.

Friedelinde wollte noch einen kurzen Blick in die Gefriertruhe werfen. Wenn die leer war, konnte sie den Stecker ziehen. Sonst sollte die Firma Heine sie gleich mit ausräumen. Sie klappte den Deckel der Truhe auf. Ihr Schrei bildete mit dem Läuten der Türglocke eine scheußliche Disharmonie.

Missmutig drückte er den Fahrstuhlknopf. Er wusste nicht, wovor er sich mehr fürchtete: den mitleidigen Blicken seiner Kollegen oder seiner Reaktion darauf. Als die Fahrstuhltür sich schloss, hoffte er, dass das blöde Ding zwischen zwei Stockwerken stecken bleiben würde, am besten bis in alle Ewigkeit. Seufzend trat er im siebten Stock auf den Flur und steuerte das Zimmer des Polizeipräsidenten an. Auf Dr. Mühlenbecks Aufforderung hin trat er ein.

»Mein Lieber!« Sein Vorgesetzter hatte einige Mühe, sich hinter seinem Schreibtisch hervor zu kämpfen. Das lag in erster Linie am Umfang seiner Körpermitte, die in keinem Verhältnis zu seinem schmalbrüstigen Oberkörper stand. Als er es geschafft hatte, umfasste er Sanders Hand mit beiden Händen. »Ich freue mich, Sie wieder bei uns begrüßen zu dürfen. Nehmen Sie Platz.«

Sander zog einen Besucherstuhl heran.

»Wie geht es Ihrer Frau?«

Die obligatorische Frage, vor der er sich gefürchtet hatte. Sander legte die Hände auf die Oberschenkel. »Sie kämpft sich ins Leben zurück.« Ein Leben ohne ihn.

Dr. Mühlenbeck rieb sich die Hände. »Es tut mir leid, das hatte ich Ihnen ja schon am Telefon gesagt. Sie wissen, dass wir Ihnen hier zur Seite stehen, soweit es uns möglich ist.« Er atmete schwer und ging zum Fenster. Offenbar konnte er ihm nicht in die Augen sehen, während er das sagte, was Sander jetzt erwartete. »Sie haben sich dazu entschlossen, in den Dienst zurückzukehren. Es ist vielleicht ganz gut, dass Sie am Alltag teilnehmen und wieder gefordert sind.«

Mühle hatte von dort, wo er stand, einen fantastischen Blick über den Stadtpark, allerdings glaubte Sander nicht, dass er den im Moment genoss.

»Sie sind ein temperamentvoller Mensch, manchmal gehen die Pferde mit Ihnen durch. Ihre Personalakte weiß ein Lied davon zu singen.«

Sander beschloss, den armen Mann von seinen Qualen zu erlösen. »Mit mir ist alles okay, Mü…, Herr Dr. Mühlenbeck. Ich würde einfach gern arbeiten, ohne dass viel Aufhebens um mich gemacht wird.«

Der Präsident wandte sich mit zufriedenem Gesichtsausdruck um.

»Schön, ich sehe, wir verstehen uns. Es ist nur so, dass es mir lieber wäre, wenn sie unsere Psychologin aufsuchen würden.« Er hob eine Hand, als Sander den Mund öffnete. »Und das ist keine Bitte.«

»Okay.« Sander war nicht sicher, dass er diese Zusage einhalten würde.

»Gut. Dann bringe ich Sie zu Ihrem Arbeitsplatz.«

Sander folgte dem Präsidenten auf den Flur. Sein früherer Kollege Hagen Rosenmüller hatte zwischenzeitlich zur Abteilung Organisierte Kriminalität gewechselt, und Mühle würde ihn jetzt seinen neuen Kollegen vorstellen. Am liebsten wäre es ihm gewesen, da weiterzumachen, wo er aufgehört hatte, aber man konnte nicht erwarten, dass sich die Welt nicht weiterdrehte, während man weg war.

Hagen war ein echter Kerl und – wenn man nicht gerade über das Gespür eines Kriminellen verfügte – in seiner Lederjacke äußerlich durchaus mit einem solchen zu verwechseln. Hagen sagte immer: »Das Einzige, was mich von all diesen Typen, die ich jeden Tag verhafte, unterscheidet, ist meine Pensionsberechtigung.«

»Ich habe Ihnen da einen ganz vorzüglichen Kollegen ausgesucht, und ich bin mir sicher, dass sie gut miteinander auskommen werden.«

Sanders Freude darüber, dass er wieder hinter seinem Schreibtisch sitzen würde, währte nur kurz. Der Wicht hinter Hagens ehemaligem Schreibtisch sah aus wie ein Schalterbeamter der Post – in den Achtzigerjahren. Ein schmächtiger Typ im blassgelben Hemd, die dazu passende ockerfarbene Windjacke hing über der Rückenlehne seines Stuhls. Die Frisur war schon vor zwanzig Jahren unmodern gewesen, und selbst sein Gesicht sah unmodern aus. Dass so was überhaupt in den Polizeidienst aufgenommen wurde, war Sander unverständlich. Ein Windstoß und der Typ klebte an der Wand.

»Herr Hagemann.« Mühle ging auf den jungen Mann zu. »Ich bringe Ihnen Ihren Kollegen Kriminalhauptkommissar Nicolas Sander.«

Der junge Mann sah freundlich lächelnd auf. »Hallo, Herr Dr. Mühlenbeck. Schön.« Hagemann kam um den Schreibtisch herum, um Sander, der in der Nähe der Tür stehen geblieben war, die Hand zu reichen. »Freut mich. Gernot.«

Sander, der unter Beobachtung seines Vorgesetzten stand, blieb gar nichts anderes übrig, als sich in sein Schicksal zu fügen.

»Ist doch okay, wenn wir uns gleich duzen?«, fragte Gernot Hagemann, als sie fünf Minuten später in ihrem Dienstwagen saßen.

»Ja, natürlich.«

»Also, ich bin der Gernot«, wiederholte Gernot Hagemann.

»Weiß ich. Ich bin Sa…« Nach einer Pause fügte er hinzu: »Nicolas.«

»Bist du nicht«, entgegnete Gernot. »Du bist Sander. Bis Mühle gesagt hat, dass ich künftig mit Nicolas Sander zusammenarbeiten werde, wusste ich gar nicht, dass du einen Vornamen hast. Hier bei uns bist du einfach nur Sander.«

Sander schmunzelte. Vielleicht war der Typ gar nicht so übel.

»Umgekehrt wirst du von mir noch nicht so viel gehört haben. Ich war ‘ne Weile krank und musste Innendienst schieben. Papierkram, du weißt schon. Muss ja auch sein.« Gernot richtete seine schmale Gestalt im Sitz auf. »Aber jetzt bin ich wieder in Topform und hab Mühle gebeten, mich zurück nach draußen zu lassen. Dorthin, wo das Verbrechen lauert.«

Das sollte seine Topform sein? Wie hatte der Mann ausgesehen, als er angeschlagen gewesen war? Sander war so irritiert, dass er beinahe vergaß, abzubiegen.

»Ich würde übrigens da vorn abbiegen.«

Irritiert folgte Sander der überraschenden Anweisung.

Gernot rieb sich zufrieden die Hände. »Jetzt sind wir seit kaum einer Minute ein Team und schon auf dem Weg zu unserem ersten Mord. Ist das nicht toll?«

»Toll.«

Sander schwieg. Der Tag entwickelte sich irgendwie anders, als er erwartet hatte.

»Vielleicht sollten Sie noch einen Schluck nehmen.« Frau Springer hob die Flasche mit dem klaren Inhalt und ohne Etikett in die Höhe.

Friedelinde winkte ab. »Nein, vielen Dank.« Sie war nicht sicher, ob ihre Halsschmerzen von der beginnenden Erkältung herrührten oder dem hochprozentigen Schnaps. Dennoch war sie froh, nicht mehr allein in Hannelore Webers Haus zu sein, auch wenn der Schnaps das Bild nicht wegspülen konnte, das sich in ihre Netzhaut eingebrannt hatte. Als sie den Deckel der Tiefkühltruhe angehoben hatte, war sie auf gefrorenes Gemüse und dergleichen gefasst gewesen. Aber in der Truhe hatte eine Leiche gelegen. Ein Mann mit angewinkelten Beinen, damit er überhaupt in die Truhe hineinpasste. Mehr war auf die Schnelle nicht zu sehen gewesen, denn sie hatte den Deckel wieder fallen lassen, war die Kellertreppe hinaufgerannt und hatte die Haustür aufgerissen, wo sie auf die ungeduldig wartende Nachbarin getroffen war. Und jetzt befand sie sich in der Obhut der aufmerksamen Nachbarin in dem Haus, in dem sich die Küchengardine bewegt hatte. Offenbar hatte ihre Neugierde die alte Frau nicht mehr in ihren eigenen vier Wänden gehalten, und Friedelinde war unendlich froh, dass Frau Springer nicht zu der Kategorie von Menschen gehörte, die das Treiben ihrer Nachbarn unberührt ließ. Jetzt saßen sie in der Küche der alten Dame und warteten auf die Polizei.

»Das ist wirklich ein Ding!« Frau Springer schenkte sich selbst noch ein Glas ein. Das dritte, wenn Friedelinde richtig mitgezählt hatte.

»Und Sie haben keine Ahnung, wer das sein könnte?«, fragte Friedelinde und versuchte, ihr Zähneklappern unter Kontrolle zu bringen.

Die Nachbarin schüttelte bedauernd den Kopf. »Die Weber hat doch so zurückgezogen gelebt. Kein Mensch hat sie besucht.«

»Vielleicht ist es ihr Mann. Ach nein, sie war ja nicht verheiratet. Ein Verehrer?«

»Die hatte keinen Verehrer!« Es klang, als wäre es ein vollkommen absurder Gedanke, dass ein männliches Wesen Hannelore Webers Haus betreten hätte. Aber dieser Mann hatte diesen fatalen Fehler offenkundig begangen. »Ich hab keine Ahnung, wie der da hineingeraten konnte.« Frau Springer schob die Küchengardine beiseite. »So, jetzt kommen sie endlich. Hat ja auch lange genug gedauert.« Sie ging in den Flur, und Friedelinde hörte sie sprechen.

Kurz darauf erschien Frau Springer mit einem Mann in der Küchentür und deutete auf Friedelinde. »Die sitzt hier.«

Wie sagte man so schön: Erst hatte sie kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu. Friedelinde sah sich einem Mann gegenüber, bei dessen Anblick man sich fragte, warum er einen nicht schon seit Langem von allen Plakatwänden sämtlicher Bahnhöfe herab anlächelte, um ein verführerisches Aftershave oder verheißungsvolle Unterwäsche anzupreisen. Und sie? Sie sah aus wie eine rotnasige Vogelscheuche. Aber es kam leider nicht in Betracht, dass sie ihre Mütze abnahm, denn ihre Haare waren darunter völlig zerdrückt. Deshalb flüchtete sie sich vorsorglich in einen Hustenanfall, der Frau Springer an ihre gastgeberischen Pflichten erinnerte.

»Na, nun nehmen Sie man noch einen Schluck.« Sie griff zur Flasche, aber der Mann riss sie ihr aus der Hand.

»Nee, das lassen Sie mal. Wir brauchen die Frau nüchtern, und die sieht jetzt schon nicht mehr ganz taufrisch aus.«

»Na, vielen Dank auch!«, empörte sich Friedelinde, aber Sander ging nicht auf sie ein.

»Können wir dann?«

»Ich weiß nicht, was wir können sollten, aber ich hielte es für eine gute Idee, wenn Sie sich erst mal vorstellen«, entgegnete sie spitz.

Sander grinste. »Kriminalhauptkommissar Sander, und Sie sind diese Nachlassdings …«

»Friedelinde Engel, Nachlasspflegerin.« Friedelinde machte keine Anstalten, aufzustehen.

Sander zog sie am Ellenbogen vom Stuhl. »Wir beiden gehen jetzt mal hübsch nach drüben«, sagte er zu ihr. Er wandte sich an Frau Springer: »Und Sie halten sich zu unserer Verfügung.«

Sie nickte ergeben.

Vor dem Haus von Hannelore Weber befreite Friedelinde sich vom Griff des Kommissars. Interessiert betrachtete sie die kleine Gruppe Menschen, bestehend aus vier uniformierten Beamten und einem jungen Mann in beigefarbener Windjacke, der sich als Sanders Kollege Gernot Hagemann vorstellte.

Sander sah Friedelinde an und deutete auffordernd auf seine offene Handfläche.

Friedelinde hob fragend eine Augenbraue.

»Den Schlüssel, wenn Sie so freundlich wären.«

»Ach, der Schlüssel. Selbstverständlich.« Friedelinde ließ den Schlüssel neben Sanders ausgestreckter Hand auf den Gehweg fallen. »Uuups.«

Sander bückte sich und hob den Schlüssel auf. »Wo liegt die Leiche?«

»Im Keller. Tun Leichen das nicht immer?«

Sander grinste und betrat das Haus. »Sie halten sich dicht hinter mir.«

»Ich kann Sie beruhigen. Der Mörder ist nicht mehr im Haus. Ich bin ihm jedenfalls nicht begegnet.«

»Wegen der Spuren.« Sander wandte sich zu ihr um. »Ist das da hinten die Kellertür?«

»Hm.«

Die anderen folgten ihnen. Im Gänsemarsch durchquerten sie den Flur und stiegen die Kellertreppe hinunter, an deren Fuß Friedelinde stehen blieb und auf die Truhe wies.

Sander zog Latexhandschuhe aus der Jackentasche und öffnete den Truhendeckel. »Männlich, sechzig bis achtzig Jahre, bekleidet«, verkündete er fachmännisch. Er berührte einen der beiden vor der Brust verschränkten Arme des Leichnams. »Und offenbar komplett durchgefroren. In Haar und Bart befinden sich Eiskristalle. Wann kommt Dr. Honecker?«

»Hornecker. Auf diesen kleinen Unterschied von großer Bedeutung legt der Rechtsmediziner wert. Kommt gleich«, erklärte Gernot.

Auch Friedelinde wagte einen zweiten Blick auf den Toten in der Truhe. Jetzt, wo sie ihm nicht mehr allein gegenüberstand, war ihre Furcht verschwunden und Mitleid gewichen. Der Mann sah friedlich aus, hatte die Augen geschlossen, und Friedelinde fand es furchtbar pietätlos, dass er hier abgelegt worden war. Wenigstens befanden sich keine Lebensmittel mehr neben ihm in der Truhe. Der Tote war ganz allein.

»Gut.« Sander wandte sich an einen der Beamten. »Sie sehen sich hier unten um, und wir anderen gehen wieder nach oben.« Mit einem Blick auf Friedelinde fügte er hinzu: »Sie auch.«

»Schade, ich wär gern noch ein bisschen hier unten geblieben.«

»Was haben Sie hier alles angefasst?«, fragte Sander, als sie im Wohnzimmer standen. Beamte der Spurensicherung waren zwischenzeitlich eingetroffen und hatten mit ihrer Arbeit begonnen. Gernot war irgendwo im Haus unterwegs.

»Alles.«

Sander stöhnte auf. »Na toll!«

»Entschuldigung. Ich wusste nicht, dass eine Leiche im Haus ist. Leichenfunde stehen nicht auf meiner Checkliste.« Sie fand es schrecklich, wenn sie so zickig reagierte, aber dieser eingebildete Schnösel trieb sie zur Weißglut.

Sander winkte einem Kollegen zu. »Nehmen Sie der jungen Dame mal die Fingerabdrücke ab. Nur zu Vergleichszwecken, versteht sich.« Dann wandte er sich dem Fahrradkorb auf dem Esszimmertisch zu. »Sind das die Unterlagen aus dem Haus?«

»Ja.«

»Haben Sie die schon durchgesehen?«

»Nein.« Friedelinde war von der Prozedur der Abnahme der Fingerabdrücke gefangen.

»Aha.« Es klang, als wolle Sander ihr diese Nachlässigkeit noch einmal durchgehen lassen. Er zog einige Blätter Papier hervor, betrachtete sie und steckte sie wieder zurück. »Hatte ja ein ganz hübsches Vermögen, die Dame. Und war immerhin Kundin einer Privatbank.«

Friedelinde ließ sich die Fingerabdrücke der anderen Hand abnehmen.

Sander wandte sich an einen der Beamten und deutete auf den Korb mit den Papieren. »Das kommt mit.«

Friedelinde sprang auf. »He, Moment mal. Das brauche ich!«

Der Beamte, der mit der Abnahme ihrer Fingerabdrücke noch nicht fertig war, drückte Friedelinde wieder auf ihren Stuhl.

»Sind Sie Mitglied der Mordkommission?« Sander hob eine Augenbraue und beantwortete seine Frage gleich selbst. »Sehen Sie. Also ist das unsers.«

»Ich kann meine Arbeit nicht machen, wenn ich die Konten nicht sperren lassen kann. Außerdem muss ich alles durchsehen, um zu gucken, was sonst noch zu tun ist.«

Sander trat ans Fenster und betrachtete interessiert den Garten. »Und ich muss gucken, wer der Tote ist.«

»Ach, und das steht da drin?«

Sander wandte sich zu ihr um. »Sehen Sie, deshalb bin ich bei der Polizei und Sie nicht. Hinweise. Es geht um Hinweise.«

Friedelinde sah ihn wütend an, weil ihr nichts einfiel, das sie hätte entgegnen können.

Gernot hatte seinen Rundgang beendet und eben den Raum betreten. »Wie wäre es, wenn ich mir die Unterlagen gleich heute mal vornehme, und sofort danach bekommt Frau Engel sie dann?« Er lächelte verbindlich von einem zum anderen.

»Von mir aus«, sagten Sander und Friedelinde im Chor.

»Aber eines sage ich Ihnen.« Sander sah Friedelinde aus zusammengekniffenen Augen an. »Wenn Sie bei der Bearbeitung des Nachlasses irgendwelche Hinweise auf etwas finden, dann latschen Sie nicht zur Presse, sondern zu uns. Klar?«

Friedelinde war nicht besonders scharf darauf, diesem arroganten Typen irgendwelche Hilfe angedeihen zu lassen, aber dass man ihr unterstellte, sie würde Informationen meistbietend an die Presse verschachern, nahm sie ihm wirklich übel. »Das Amt des Nachlasspflegers ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. Wen habe ich denn zuerst angerufen? Die Polizei oder SAT 1?«

»Frau Engel wird uns sicher behilflich sein, wenn es ihr möglich ist«, warf Gernot besänftigend ein.

Sander verschränkte die Arme vor der Brust. »Na schön. Wir müssen erst mal seine Identität feststellen. Haben Sie eine Idee?«

Friedelinde widerstand seinem Blick. Ideen hatte sie viele, aber keine Lust, sie mit ihm zu teilen. »Wenn sie verheiratet gewesen wäre, hätte ich vermutet, dass sie ihren nervtötenden Ehemann beseitigt hat, aber sie war klugerweise ledig.«

Sander nickte. »Liebhaber?«

»Oder ein aufdringlicher Vertreter.«

Sander legte den Kopf schief. »Auch eine Idee.« Er lauschte kurz dem Beamten, der ihm etwas ins Ohr flüsterte. »Sie können ruhig laut sprechen. Die Frau Engel ist nicht verdächtig, und möglicherweise können wir hier im Rahmen des Erlaubten kooperieren.«

Der Beamte lächelte Friedelinde schüchtern zu und wiederholte dann, dass sie keinerlei Einbruchspuren gefunden hätten.

Friedelinde verzog einen Mundwinkel. »Wäre ja auch komisch gewesen, wenn Frau Weber einen Einbrecher umnietet und zwischen ihren Tiefkühlsachen ein bisschen Platz für ihn schafft, anstatt die Polizei zu rufen. Na ja, mit der Polizei ist das ja auch so eine Sache. Stimmt der Spruch Die Polizei, dein Freund und Helfer heute eigentlich noch?«

»Selbstverständlich«, entgegnete Sander amüsiert. »Heute mehr denn je.«

»Dann ist ja gut. Kann ich dann jetzt gehen? Mir ist heute nicht so gut.«

»Ja klar.« Sander wies auf den Flur, aber in diesem Augenblick wurde eine Bahre aus dem Haus getragen, auf der unter einer Plane die Umrisse der tiefgefrorenen Leiche zu erkennen waren. Die Knie standen in die Höhe, und der Oberkörper lag nicht auf dem Untergrund. Ein dicker Mann stürmte ins Haus und versperrte den Trägern den Weg.

»Ach du meine Güte!«, rief der Dicke aus. »Das wird ein Weilchen dauern, bis wir den öffnen können.« Er machte keinerlei Anstalten, den Weg freizugeben.

Gernot zog ihn am Arm ins Esszimmer. »Sie stehen im Weg, Herr Dr. Hornecker.«

»Wie? Ja, natürlich.« Der Gerichtsmediziner fuhr sich mit einem Taschentuch über die feuchte Stirn. »Jetzt hab ich mich wie doll abgehetzt, und ihr bringt mir den Kunden schon nach Hause!«, empörte er sich. »Schon mal darüber nachgedacht, dass Lagerort der Leiche, Temperatur und weitere Einflüsse für meine Untersuchung wichtig sind?«

»Na, wir dachten eben, der liegt schon so lange da …«

»Jaja, wenn ihr Beamten schon mal denkt.« Während Gernot einen Kollegen bat, den Gerichtsmediziner in den Keller zu begleiten, ging Friedelinde zur Haustür. Sie wollte weg hier. Weg von diesem schrecklichen Ort und diesem Mann. Allerdings folgte Sander ihr mit dem Korb voller Unterlagen.

Als sie aus dem Haus trat, blieb sie abrupt stehen, als wäre sie gegen eine Wand geprallt. Vor dem Jägerzaun des Anwesens hatte sich eine Menge Schaulustiger eingefunden, Reporter hielten den Polizisten, die die Neugierigen in Schach hielten, Mikrofone unter die Nase, Blitzlichter flammten auf. Sander klemmte sich den Korb unter den linken Arm und fasste Friedelindes Ellenbogen. Diesmal war es ihr nicht unangenehm, dass er sie sicher geleitete.

»Tja, danke«, sagte sie verlegen, als er sie abseits der Menge wieder freiließ. Heldenhaft hatte er alle auf sie einstürmenden Reporter abgewehrt.

»Nichts zu danken. Wo steht Ihr Auto?«

»Zu Hause. Ich bin mit dem Fahrrad da.«

»Mit dem Rad?« Sander sah sie zweifelnd an. »Ich finde, Sie sehen nicht aus, als würden Sie es nach Hause schaffen, es sei denn Sie wohnen zwei Straßen weiter.«

Ihr Kampfgeist erwachte noch einmal. »Nun machen Sie sich mal keine Sorgen um meinen Gesundheitszustand.« Friedelinde schob sich die Mütze aus der Stirn, unter der ihr furchtbar warm war.

Gernot stellte sich zu ihnen. »Wir können die Frau Engel doch eben rumfahren. Liegt quasi auf dem Weg.«

Sander seufzte. »Von mir aus. Und anschließend filzen wir das Vermisstenregister nach vermissten alten Männern.«

Vor der Tür ihres Büros hielt Sander den Wagen an und öffnete ihr die Beifahrertür. »Haben Sie vielleicht eine Visitenkarte?«, fragte er, während Friedelinde nach ihrem Schlüssel kramte. »Ich geb Ihnen auch mal meine. Wir müssen unbedingt in Kontakt bleiben.« Als er Friedelindes Blick begegnete, fügte er hinzu: »In dieser Sache, meine ich. Ich hol mal eben Ihr Rad aus dem Kofferraum. Dauert offenbar noch ein Weilchen, bis Sie Ihren Schlüssel gefunden haben.«

Seufzend steckte Friedelinde den Schlüssel ins Schloss und betrat ihr Büro. Sie hatte große Lust, dem selbstgefälligen Kerl die Tür vor der Nase zuzuschlagen, ihm den Absatz in den Spann zu rammen oder ihn zu ohrfeigen.

Sander stellte ihr Fahrrad am Laternenpfahl ab und folgte ihr dann. Er sah sich irritiert um. »Schick. War das mal ein Laden?«

»Hm.«

»Lebensmittel vermute ich.«

»Hm.«

»Tolle Fliesen. Ich würde sagen holländisch. Windmühlen und so Zeugs. Hier gab’s bestimmt Milch und Käse.«

»Hm.« Friedelinde reichte ihm eine Visitenkarte.

Sander nahm sie grinsend entgegen. »War nett, mit Ihnen zu plaudern.«

Friedelinde schloss die Tür hinter ihm. Sie hasste arrogante Wichtigtuer.

»Ist das nicht eine tolle Nachricht?«

Nachdem ihr aufgegangen war, dass die anderen von ihren heutigen Erlebnissen noch nichts wussten, nickte Friedelinde ergeben. Maries Hochzeitspläne hatte sie völlig verdrängt. Tatsächlich hatte sie sich gleich nach ihrer Rückkehr in ihr Bett verkrochen, aber ausgerechnet, als es dämmerte, war sie wieder aufgewacht und hatte sich ganz schrecklich gefürchtet. Beinahe hätte sie sich diesen selbstgefälligen Kommissar herbeigewünscht, damit er vorsorglich einen Blick unter ihr Bett warf. Aber da er dort ohnehin nur auf Wollmäuse gestoßen wäre, hatte sie sich dazu entschlossen, sich in Gesellschaft lieber Menschen zu begeben, und das bedeutete, gegenüber in den Waschsalon zu gehen.

Der wurde von Elvira Schmidt betrieben, einer Spanierin, die ihren Nachnamen der Eheschließung mit einem Deutschen verdankte. Herr Schmidt hatte ihr anlässlich seines Todes ein hübsches Sümmchen hinterlassen, das, wie Elvira einmal in einer schwachen Minute angedeutet hatte, möglicherweise auf nicht ganz legalem Wege zusammengekommen war, weshalb man am besten den Mantel des Schweigens darüber breitete. Elvira lebte gleichwohl recht bescheiden, nur der ein oder andere Kunde, der einen verarmten Eindruck machte, bekam ein Darlehen, oder ihm wurden wenigstens die Waschgebühren erlassen.

Eine weitere positive Eigenschaft der Betreiberin des Waschsalons war, dass sie zum Abend hin Getränke an ihrem Tresen ausschenkte. Auch jetzt schob sie Friedlinde ungefragt ein Glas Rotwein hin. Nachdem sie Friedelinde kritisch gemustert hatte, nahm sie das Glas wieder an sich. »Ich mach dir mal besser einen Tee. Du siehst wirklich beschissen aus, Schätzchen.«

»Danke.« Friedelinde stützte den Kopf auf dem Ellenbogen ab.

»Hattest du womöglich Streit mit dem gut aussehenden Mann, der dich heute Mittag nach Hause gebracht hat? Hat er dich womöglich angefahren? Hat er deshalb dein Fahrrad im Kofferraum transportiert?«

»Ich hab heute einen Toten gefunden.«

»Ich denke, das ist dein Beruf«, bemerkte Marie ungerührt und blätterte eine Seite in einer Zeitschrift um, die sich mit Brautmoden befasste.

Elvira schlug eine Hand vor den Mund. »Wo?«

»Im Haus einer Toten.« Friedelinde nahm den heißen Tee entgegen.

Elvira verscheuchte zwei Kunden mit einer Handbewegung, mit der man auch Fliegen verjagte. Für profane Geschäfte war jetzt keine Zeit. »Und wer ist der Mann?«, fragte sie mit zusammengekniffenen Augen.

»Keine Ahnung. Es gibt bisher keine Hinweise auf ihn, selbst die Nachbarin, die ich persönlich als die Informationszentrale der Straße bezeichnen würde, hatte keinen Schimmer. Die Hausbesitzerin hatte nie Besuch, sagt die Nachbarin.«

»Jung? Alt?«

»Alt. Beide. Der tote Mann und die tote Frau.« Friedelinde wärmte sich die Finger am heißen Teeglas.

»Wie alt?« Elvira klang ungeduldig.

»Sie ist fünfundachtzig gewesen, wie alt er war, weiß ich nicht. Aber auch so in der Größenordnung.«

»Bekleidet?«

»Elvira, was wird das hier?«

»Nun sag schon.«

»Anzug und einen Mantel drüber.«

»Tasche?«

»Weiß ich nicht, hab keine gesehen.«

Elvira legte beide Unterarme auf den Tresen und sah Friedelinde und Marie, die ihre Hochzeitspläne augenblicklich vernachlässigte, mit wissendem Blick an. »Wir müssen doch wissen, weshalb dieser Mann diese Frau …« Sie warf Friedelinde einen eindringlichen Blick zu.

»Weber.«

»Diese Frau Weber aufgesucht hat. Aus seinem Erscheinungsbild können wir Rückschlüsse auf den Hintergrund seines Besuches ziehen. Anzug und Mantel sieht formell aus. Höflichkeitsbesuch, würde ich sagen, oder irgendein formeller Anlass. Dass er den Mantel noch trug, spricht dafür, dass er nicht weit gekommen ist mit seinem Besuch, ehe der Tod ihn ereilt hat. Bleibt noch die Frage, auf welche Weise der Tod ihn heimgesucht hat.«

»Nicht schlecht, Miss Marple.«

»Und diese Tiefkühltruhe steht im Keller?«, fragte Elvira, nachdem sie Friedelinde weitere Einzelheiten aus der Nase gezogen hatte. »Also, wenn das nicht gerade der Elektriker oder der Kammerjäger war, hätte ihn sein erster Gang vermutlich nicht in den Keller geführt, oder? Ich finde, da muss man sich doch wirklich fragen, wie konnte die alte Dame diesen Mann in den Keller bugsieren und ihn in die Truhe hieven?«

»Du meinst, jemand hat ihr geholfen?«, fragte Marie fasziniert.

Elvira hob die Handflächen zur Decke.

»Na toll!«, sagte Friedelinde. »Ich komme hierher, um mir Mut machen zu lassen, und ihr erzählt mir, dass hier noch ein Mörder frei herumläuft. Herzlichen Dank.«

Elvira tätschelte ihr den Arm. »Nun mach dir mal keine Gedanken. Wir sind ja bei dir, und außerdem sind das ja auch bloß wirre Gedanken einer Südeuropäerin.« Sie verlängerte Friedelindes Tee mit einem Schuss Rum.

Gedanken, an denen durchaus etwas dran war, dachte Friedlinde.

»Bleibt nur noch eine Frage zu klären«, fuhr Elvira fort und wischte angelegentlich über den Tresen. »Wer war der Mann, der dich nach Hause gebracht hat?«

»Kriminalhauptkommissar Nicolas Sander.«

Elvira schwieg beeindruckt, Marie sah Friedelinde mit offenem Mund an.

»Ja, meine Güte, ein Polizist eben. Sieht vielleicht nicht schlecht aus, hat aber Manieren wie ein Rhinozeros. Das ist ein total ungehobelter Klotz!«

Elvira lächelte wissend. »Ja, ja, das ist schlimm.«

In der Mitte des Konferenztisches stapelten sich Pizzakartons und Getränkedosen. Sander nickte Gabler anerkennend zu. Die Kollegen hatten den ganzen Tag mit der Spurensicherung und der Befragung von Zeugen zu tun gehabt und waren nicht dazu gekommen, etwas zu essen. Die Kalorien in der Tischmitte würden die Stimmung vor dem endgültigen Abfall der Leistungskurve hoffentlich steigern. Vermutlich auch die Anzahl der Fettflecken und Ränder von Getränkedosen auf ihren Unterlagen. Die Kollegen, die nach und nach eintrafen, bedienten sich an dem Buffet und begannen entweder zu essen oder in Tauschhandlungen mit ihrem Sitznachbarn einzutreten.

»Willst du lieber eine andere?«, fragte Sander Gernot.

»Ja, das wäre nett.« Gernot schnupperte. »Diese ist mit Anchovis, und die kann ich nicht leiden.«

»Kein Problem, hier haben wir Funghi.«

Schließlich wurden Pizzakartons gesammelt und Getränkedosen zerknüllt in den Mülleimer geworfen.

Als sei er erst zu diesem Zeitpunkt bestellt worden, betrat Dr. Mühlenbeck genau in diesem Augenblick den Raum. Sander warf Gernot, der die Aufgabe übernommen hatte, den Polizeipräsidenten über die Besprechung zu unterrichten, einen Blick zu und wurde das Gefühl nicht los, dass Gernot Mühle tatsächlich eine spätere Uhrzeit genannt hatte, damit sie ausreichend Muße für eine entspannte Mahlzeit hatten.

»Nun, meine Herren, lassen Sie sich nicht stören, fahren Sie fort.« Der Polizeipräsident nahm in einer Ecke des Raumes Platz wie ein Schuldirektor, der dem neuen Lehrer beim Unterricht zusehen wollte.

Gernot fasste kurz zusammen, dass es keine vermisste Person gab, bei der Übereinstimmungen mit dem Toten vorlagen. Hannelore Weber war seit 1945 an ihrer jetzigen Anschrift gemeldet, ohne dass eine Datenbank Bemerkenswertes über sie verraten hätte. Und die Unterlagen aus dem Haus der Hannelore Weber, in dem der Tote gefunden wurde, hätten auch keine Hinweise auf dessen Identität oder gar ein Mordmotiv ergeben.

»Was gibt’s bei Ihnen, Heinrichs?«, fragte Sander den Leiter der Spurensicherung.

»Wir haben noch keine gesicherten Erkenntnisse.« Er rutschte auf seinem Stuhl hin und her. »Insbesondere können wir keine Rückschlüsse auf Tötungsart und -zeitpunkt ziehen. Fingerabdrücke haben wir von drei Personen gefunden. Von dieser Nachlass…« Er seufzte und blätterte in seinen Unterlagen.

»Nachlasspflegerin.«

»Genau. Nachlasspflegerin. Frau Engel. Dann vermutlich die der Frau Weber und …« Er sah auf und lächelte erfreut. »Die eines unserer alten Kunden, Olaf Springer.«

»Springer? Ist der mit der Nachbarin verwandt?«

»Das ist ihr Neffe«, ergänzte Gabler, der gemeinsam mit einem Kollegen die Nachbarn befragt hatte. »Nach Auskunft von Frau Springer hat ihr Neffe der Frau Weber im Garten geholfen. Rasen gemäht oder auch mal was eingekauft.«

»Und weshalb hat Herr Springer Bekannte bei der Polizei?«

»Wegen diverser Drogendelikte. Hat auch mal ein paar Jahre in Fuhlsbüttel eingesessen. Seine Tante lässt nichts auf ihn kommen, aber nach unseren Maßstäben ist er schon ein mittelschweres Kaliber. Er wohnt jetzt in Elmshorn. Wir haben die Kollegen vor Ort mal hingeschickt, aber entweder war er nicht zu Hause, oder er lässt solche wie uns prinzipiell nicht rein.«

»Ich vermute eher Letzteres. Gernot und ich werden ihn uns morgen mal vorknöpfen. Gibt aber eigentlich auf den ersten Blick keine Verbindung von diesem Olaf Springer zu diesem Todesfall, oder?«

Gabler hob die Schultern. »Können wir noch nicht sagen. Steckt aber möglicherweise doch was dahinter, denn er arbeitet seit einer Weile in einer Gärtnerei in Elmshorn, und da ist er seit ein paar Tagen nicht zur Arbeit erschienen.«

»Und wenn er in Frau Webers Garten Hasch angepflanzt hat?«, überlegte Gernot.

»Also, soweit ich das beurteilen kann, wachsen in ihrem Garten herkömmliche Pflanzen. Blumen und so«, stellte Heinrichs fest.

»Blumen und so ist gut. Weißt du, dass man mit einer Engelstrompete jemanden ins Jenseits bringen kann? Oder Vogelbeeren, das geht auch ruckzuck.«

»Beeindruckende florale Kenntnisse, Gernot, aber bringt uns jetzt auch nicht weiter. Der steht schon mal ganz oben auf unserer Liste. Er hatte als einziger Kontakt zu Frau Weber, ist vorbestraft und untergetaucht. Was noch?«

»Ich hab bei den Hamburger Friedhöfen Bescheid gesagt, dass sie die Frau Weber noch nicht beerdigen sollen, weil wir erst die Fingerabdrücke nehmen müssen«, antwortete Gabler. »Ob eine Obduktion erforderlich ist, steht ja wohl noch nicht fest?«

»Wir wollen Dr. Honecker nicht über Gebühr belasten. Ist ja auch eine Kostenfrage«, stellte Sander mit Blick auf den Präsidenten klar.

»An den Toten kommt er noch nicht dran, der muss erst auftauen«, erklärte Gernot. »Das wird ein paar Tage dauern.«

»Tja, und im Haus selbst gab es eigentlich nichts«, fuhr Heinrichs fort. »Die Unterlagen haben wir der Frau Engel gebracht. Auffällig ist, dass es nichts Persönliches gibt. Keine Fotos, Briefe, kein Hinweis auf andere Menschen in ihrem Leben.« Er lehnte sich zurück, um dann gleich wieder vorzuschnellen. »Hätte ich fast vergessen.« Er hielt einen Schlüssel in die Höhe. »Den haben wir im Deckel der Zuckerdose im Küchenschrank gefunden. Sieht aus wie ein Schließfachschlüssel.«

Sander nahm den Schlüssel entgegen. »Gernot, schreib auf. Morgen Besuch bei dieser Privatbank, bei der die Weber Kundin war. Wie heißt die noch mal?«

»Konrad Theodor Pauly Bank.«

»Gut, wenn das die Fakten waren, dann würde ich sagen, machen wir jetzt Feierabend.« Sander nahm sich eine Coladose. Die Kollegen schoben ihre Stühle zurück und verabschiedeten sich. Mühle kam zu ihm und klopfte ihm auf die Schulter. »Das lief doch ganz ausgezeichnet, mein Lieber. Weiter so.«

Und dann war Sander allein nach seinem ersten Arbeitstag danach. Für ihn würde es immer ein Vorher und ein Nachher geben. Er war nicht ausgeflippt, hatte sich einigermaßen gut benommen, und sein Chef war zufrieden. Er warf die Pizzakartons in den Mülleimer, sammelte die Dose eines Kollegen auf, der den Mülleimer nicht getroffen hatte, und löschte das Licht. Ein ganz normaler Arbeitstag.

Es war finster und vollkommen still, bis ein schriller Ton an ihr Ohr drang. Er brach ab, um dann lauter als beim ersten Mal zu erklingen. Sie versuchte, sich durch die Dunkelheit zu tasten, bis sie mit dem Knie gegen etwas stieß. Ihre Hände spürten Holz, vielleicht eine Kiste. Wenn nur dieser Ton nicht wäre, sie konnte sich nicht konzentrieren. Sie konnte eine Leiste ertasten. Ein Deckel, es war ein Deckel. Als sie ihn anhob, sprang ein Clownskopf auf einer Sprungfeder herauf. Friedelinde schrak aus dem Schlaf auf. Das Telefon läutete noch immer. Barfuß und im Nachthemd tappte sie ins Büro hinüber und nahm den Hörer ab.

»Friedelinde!«

»Papa.« Friedelinde sank auf ihren Drehstuhl.

»Kind! Ich hab vielleicht einen Schreck gekriegt, heute Morgen. Ich nehme die Zeitung von der Fußmatte und sehe dich! Einen Sarg, Polizeiautos und du neben einem Polizisten!«

»Papa, das tut mir …«

»Und dann die Überschrift: Nachlasspflegerin findet Leiche!«

»Ich hätte dich angerufen, Papa, ich …«

»Was ist denn da los gewesen, sag mal?«

»Aber es geht mir nicht besonders gut, ich bin erkältet, und da …« Erst jetzt ging Friedelinde auf, dass die Sorge ihres Vaters offenbar einer hundsgemeinen Neugierde gewichen war. Detailliert ließ sich Johannes Engel die Einzelheiten des Vortages erzählen.

Friedelindes Füße waren Eisklumpen, als sie endlich auflegte. Aber ehe sie ins Bad gehen konnte, läutete das Telefon erneut. Nach einer weiteren Stunde neugieriger Anrufe beschloss sie, niemandem mehr Auskunft zu geben. Sie hatte sämtlichen Freunden die Geschichte erzählt, sogar einer Cousine, die sie seit der Beisetzung ihrer Mutter vor fünf Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Als jemand an ihre Glastür klopfte, wurde ihr bewusst, dass sie immer noch im Nachthemd war. Vorsichtig warf sie einen Blick durch die Jalousie. Sander lächelte ihr freundlich zu. Friedelinde ließ die Jalousie zurückschnellen. Sie hätte sich denken können, dass dieser Mann nicht so schnell aufgab. Sie drehte den Schlüssel im Schloss, und Sander schob die Tür auf.

»Hier!« Er klatschte ihr die Zeitung vor die Brust. »Sie sind das Stadtgespräch.« Er machte ein paar Schritte ins Büro. »Rieche ich hier Kaffee?«

Friedelinde überholte Sander, klatschte ihm die Zeitung ihrerseits vor die Brust und stolzierte ins Bad. »Ich rieche nichts«, erklärte sie, ehe sie ihm die Tür vor der Nase zuschlug.

Während Sander die Dusche im Bad laufen hörte, machte er sich mit der Kücheneinrichtung vertraut. Eine anständige Kaffeemaschine gab es nicht, aber immerhin einen Wasserkocher und Pulverkaffee. Er brühte sich eine Tasse auf und schlenderte durch die Wohnung. Nach hinten raus neben dem Bad lag das Schlafzimmer mit einem ungemachten Bett und herumliegender Kleidung, die sich den Platz mit unzähligen Büchern streitig machte. Auf dem Kopfkissen thronte ein rosa Bär. Im Wohnzimmer gab es einen gemütlichen Sessel inmitten einer stattlichen Anzahl weiterer Bücher und einen Esstisch. Aus dem Augenwinkel sah er, dass die Engel über den Flur huschte.

»Wollen Sie auch einen Kaffee?«, rief er, aber sie warf, ohne zu antworten, die Schlafzimmertür zu.

Sander brühte einen weiteren Kaffee auf, den er Friedelinde reichte, als sie in die Küche kam. Interessiert betrachtete er ihre Haare. Braun und mittellang. Zur Frisur konnte er nichts sagen, weil die Haare nass und ungekämmt um ihren Kopf schlotterten. Mit missmutiger Miene nahm Friedelinde ihm den Becher ab und warf nun doch einen neugierigen Blick auf die Zeitung, die auf dem Küchentisch lag.

»Oh Gott!« Sie sank erschrocken auf einen Stuhl. »Ich sehe ja furchtbar aus.«

»Na ja, so krass würde ich das nicht formulieren.« Sander lehnte am Herd.

Jetzt war sie schon mal in der Zeitung, und sogar auf der Titelseite, und dann sah sie zum Weglaufen aus. Außerdem wirkte die Tatsache, dass KHK Sander sie am Ellenbogen aus Hannelore Webers Haus führte, auf einmal nicht mehr fürsorglich, sondern so, als hätte er sie soeben als Mörderin überführt.

»Keine Sorge, im Text wird alles ausführlich erläutert. Es wird jedenfalls nicht der Verdacht erweckt, Sie hätten den armen Kerl eingefroren.«

Friedelinde warf ihm einen wütenden Blick zu. »Weshalb sind Sie eigentlich schon wieder da? Um die Zeitung zu liefern? Kaffee zu kochen? Oder sich über mich lustig zu machen?«

»Alles zusammen.« Sander stellte seinen leeren Becher in die Spüle. »Allerdings haben wir zwei jetzt auch was vor.«

»Ach, das wüsste ich aber.« Friedelinde hustete. Außerdem hatte sie Hals- und Kopfschmerzen. Die kalten Füße heute Morgen würden ihr den Rest geben. Sie kramte in der Küchenschublade eine Aspirin in einer verkrumpelten, leicht verschmutzten Umhüllung unter dem Besteckeinsatz hervor.

»Na ja, ich hatte ja gestern schon angekündigt, dass Sie uns ein bisschen helfen können, und jetzt ist es so weit.«

Friedelinde warf die Sprudeltablette in ein gefülltes Wasserglas. Sander rückte keinen Zentimeter beiseite, sodass sie sein Aftershave riechen konnte, das leider nicht schlecht war.

»Sicher ist es doch mit Ihrem Amt vereinbar, dass Sie die Polizei unterstützen. Möglicherweise ist es geradezu eine Pflicht?«

Klang beinahe freundlich und hatte Ähnlichkeit mit einer Bitte. Sie kehrte zum Küchentisch zurück. Ihre Füße würden vermutlich nie wieder normale Körpertemperatur erreichen.

»Wir haben im Haus der Frau Weber einen Schließfachschlüssel gefunden und müssen in das Bankfach sehen. Dafür müsste ich erst umständlich einen Beschluss beim zuständigen Richter erwirken, und das dauert. Wenn ich Sie dabei habe, geht es schneller. Und Sie wollten doch ohnehin zur Bank, nicht?«

Dummerweise traf das zu. Der Besuch bei der Privatbank stand heute Morgen ganz oben auf ihrer Liste. Sie brummte etwas, was Sander offenbar als Zustimmung interpretierte.

»Prima, dann mal los.«

Friedelinde suchte ihre Akte und packte ihre Tasche.

Die Konrad Theodor Pauly Bank war in einem eindrucksvollen Gebäude mit Blick auf die Binnenalster untergebracht, in direkter Nachbarschaft weiterer Privatbanken, die sich diese Lage leisten konnten.

»Damit man gleich weiß, wo das Geld bleibt«, stellte Sander fest, der seinen Wagen im Halteverbot abstellte. Er erklomm die Stufen zum Eingang sehr viel leichter als Friedelinde, die den Empfangstresen in der Marmorhalle etwas außer Atem erreichte. Sie fühlte sich ziemlich schwach, nachdem sie am Vortag außer einer Tasse Tee mit Rum und am Morgen einem Glas Wasser mit Aspirin nichts zu sich genommen hatte.

Die Schönheitskönigin hinter dem Tresen legte eben den Hörer auf und verkündete, dass sich gleich jemand um Sander kümmern würde. Wenn Sie Glück hatte, durfte Friedelinde vermutlich auch mit von der Partie sein. Um überhaupt zum Zuge zu kommen, nötigte sie der jungen Frau ihren Personalausweis und ihre Bestallungsurkunde auf mit der Bitte, beides doch schon einmal zu kopieren. Diesem Wunsch kam die Empfangsdame mit einem kaum wahrnehmbaren Widerwillen nach.

Sie hatten eben in einer Ledersitzgruppe Platz genommen, als eine elegant gekleidete Dame im Kostüm auf Sander zustürmte.

»Die Polizei«, sagte die Dame, die sich als Gisela Bleiberger vorstellte. Vermutlich waren Beamte der Exekutive hier ebenso ungern gesehen wie die Steuerfahndung.

»Mordkommission. Es geht um Ihre verstorbene Kundin Hannelore Weber.«

»Und die ist umgebracht worden?«

»Nein, also das wissen wir noch nicht. Lesen Sie keine Zeitung?«

»Nein, wieso?«

Frau Bleiberger ließ sich dazu überreden, das Gespräch in ihrem Büro fortzuführen. Mit desinteressierter Miene nahm sie die Papiere und den Ausweis an sich, die die Empfangsdame ihr auf dem Weg dorthin in die Hand drückte.

Während Sander Friedelinde und sich vorstellte und erklärte, worum es ging, versuchte Friedelinde ihre Abneigung gegen diesen Raum und diese Frau in den Griff zu kriegen. Mit einem Sparkassenkonto fühlte man sich in dieser Bank einfach unwohl, und der Teppich war so flauschig und tief, dass man befürchten musste, nie wieder herauszufinden.

»Es geht uns insbesondere darum, einen Blick in das Schließfach zu werfen«, schloss Sander.

»Na ja, und auch darum, dass Sie meine Daten in Ihr System aufnehmen und mir Auskunft über den Nachlass erteilen«, meldete Friedelinde sich zu Wort.

Sie erhielt die gewünschten Auskünfte und stellte fest, dass Hannelore Weber als reiche Frau gestorben war. Auf mehreren Konten befand sich die stattliche Summe von beinahe dreihunderttausend Euro. Das war zwar viel, aber nicht für die Kundin einer Privatbank.

»Wie kommt es eigentlich, dass Frau Weber Kundin bei Ihnen gewesen ist?«

»Sie war früher Mitarbeiterin unseres Hauses«, stellte Frau Bleiberger fest. »Das Haus sieht es gern, wenn die Mitarbeiter ihre Konten nicht bei anderen Instituten unterhalten.«

»Und kannten Sie sie auch persönlich?«

»Nein, sie hat keine größeren Bankgeschäfte abgewickelt. Unten am Schalter dürfte sie der ein oder andere Kollegen kennen, wenn sie Bargeld abgehoben hat.« Sie dachte eine Augenblick nach. »Und die Frau Grapengeter vielleicht. Sie betreut unser Archiv.«

Die Schließfächer waren im Keller des Gebäudes untergebracht, und Frau Bleiberger musste einige Türen aufschließen, ehe sie in den Raum mit den Fächern gelangten. Sander zog sich Latexhandschuhe an, steckte den Schlüssel ins Schloss und öffnete das Fach. Als Friedelinde nach der Kassette darin greifen wollte, schlug er ihr auf die Finger.

»Fingerabdrücke. Wir haben Ihre zwar schon, aber Sie müssen uns das Leben ja nicht unnötig schwer machen.« Er zog die Kassette heraus und öffnete sie.

Es lagen keine Goldbarren darin, nur obenauf ein vergilbter, beschriebener Zettel. Darunter ein weißes Blatt Papier, auf das Buchstaben aus Zeitschriften aufgeklebt waren!

Friedelinde warf Sander einen Blick zu. Die Sache wurde spannend! Ein richtiger Erpresserbrief. Vermutete sie jedenfalls.

Sander verpackte die Schriftstücke in Klarsichthüllen und nahm auch die Kassette zur Untersuchung mit. Frau Bleiberger brachte sie in die Eingangshalle zurück, wo sie am Empfang erfuhren, dass sich Frau Grapengeter wegen eines Arztbesuches abgemeldet hatte.

Als sie wieder auf dem Ballindamm standen, zog Sander sich die Handschuhe aus. »Ich faxe Ihnen diesen vergilbten Zettel nachher mal rüber, nachdem er bei der Spurensicherung war. Ich kann das nicht lesen. Das sieht aus wie dieses Süll…«

»Sütterlin.«

»Sag ich doch. Und haben Sie die Unterlagen von der Frau Weber inzwischen mal angesehen? Wir müssen unbedingt wissen, ob sich daraus Hinweise auf den Toten ergeben.« Er wandte sich nach rechts. »Wäre gut, wenn Sie das möglichst bald erledigen könnten. Bis bald dann.«

Er lief zu seinem Wagen und ließ sie einfach stehen. Fassungslos sah sie zu, wie er die Papiere und die Kassette auf den Beifahrersitz warf und davonfuhr.

Kapitel 2

An der nächsten roten Ampel warf er einen Blick auf diesen aus Buchstaben zusammengeschusterten Brief. Dabei handelte es sich erkennbar um einen Erpresserbrief, und der ging diese Nachlasspflegerin ja erst mal nichts an. Richtig old-fashioned. Er enthielt Anweisungen zu Ort und Datum einer Geldübergabe. Sander fiel das Wort diesmal ins Auge. Die gute Frau Weber war Opfer einer Erpressung geworden, und offenbar hatte sich jemand eine stete Einnahmequelle geschaffen. Na ja, so stetig nun auch wieder nicht, denn die Quelle war jetzt auf immer versiegt. Oder der Erpresser hatte schon vorher sein Leben lassen müssen und für sein Tun nicht in der Hölle geschmort, sondern war von seinem Opfer tiefgefroren worden. Aber wenn es schon frühere Erpresserbriefe gab, wo waren die dann abgeblieben?

Möglich wäre auch, dass Olaf Springer der Erpresser war. Dann stellte sich allerdings die Frage, welche Rolle der Tote in der Truhe dabei spielte. Die Engel musste unbedingt die Umsätze der Weber checken. Sie mussten wissen, ob und wie viel sie gezahlt hatte, und vor allem wann.

Im Präsidium brachte er seine Fundstücke zur Spurensicherung, ehe er sein Büro betrat. Gernot saß schon an seinem Schreibtisch.

»Morgen.«

»Moin. Kaffee?«

Fasziniert sah Sander zu, wie Gernot ihm einen Becher Kaffee einschenkte. Hagen wäre nie im Leben auf den Gedanken gekommen.

»Milch?«

»Nur ein bisschen Zucker. Danke.« Sander nahm ihm den Becher ab. »Gibt’s was Neues?«

»Nichts. Ich kann diesen Toten einfach nicht finden. Ich hab mich schon EU-weit mit den Kollegen in Verbindung gesetzt. Aus Deutschland scheint er nämlich nicht zu stammen.«

»Hm. Und die Kleidung gibt auch keinen Aufschluss?«

»Heutzutage gibt’s überall dieselben Klamottenketten. Und er trug leider nichts Maßgeschneidertes am Leib.«

Sander berichtete von seinem Fund im Schließfach, was Gernot zu denselben Spekulationen führte, wie er sie bereits angestellt hatte.

»Fünfzehntausend Euro? Hübsches Sümmchen. Ist schneller verdient, als wenn man erst lange darauf warten muss, dass eine Hanfpflanze Ertrag abwirft.«

»Du meinst, dass Springer unser Erpresser ist?«

Gernot hob die schmalen Schultern. »Keine Ahnung. Wir könnten ihn ja befragen.«

»Ich denk, der ist weg?«

»Na ja, vielleicht sollte man nicht erst lange an der Vordertür klingeln und rufen: Polizei, machen Sie auf!«

Sander grinste. Sein neuer Kollege gefiel ihm immer besser. Er nahm die Füße vom Tisch. »Dann auf nach Elmshorn.«

»Es geht mich ja nichts an, aber Mühle hat vorhin kurz reingeguckt und irgendwas von unserer Psychologin gemurmelt.«

»Ach, die ist nachher auch noch da.«

»Sander, lass es mich mal so sagen: Ich würde es bedauern, wenn unsere Zusammenarbeit gleich wieder beendet würde.«

Sander stellte fest, dass er bei Gernots Worten gerührt war.

»Ich hab Mühle so verstanden, dass er dich im Auge hat.«

Seufzend stellte Sander seinen leeren Kaffeebecher ab. »Ist in Ordnung. Hab ich verstanden. Ich geh jetzt zur Psychologin. Aber danach suchen wir den Springer auf.«

Frau Dr. Sybille Berg hatte ihr Dienstzimmer im dritten Stock mit Blick auf die benachbarten Wohnhäuser. Die Tür zu ihrem Vorraum stand offen. Sander kannte ihr Büro bisher nur von kurzen Besuchen, wenn er Opfer oder Tatverdächtige abgeliefert hatte. Jetzt war er selbst dran. Ehe er an den Türrahmen klopfte, betrachtete er die hübsche Frau hinter dem Schreibtisch, die in ein intensives Aktenstudium vertieft zu sein schien. Ihre roten Locken hatte sie nachlässig am Hinterkopf zusammengebunden, einige Strähnen fielen ihr ins Gesicht. Ohne den Blick vom Papier zu nehmen, tastete sie nach ihrem Kaffeebecher. Ihre Finger fanden ihn zwar, warfen ihn aber um.

»Scheiße!« Frau Dr. Berg sprang auf, aber Sander hatte bereits ein Handtuch von der Halterung neben dem Waschbecken genommen und es in der Kaffeepfütze ausgebreitet. Hastig rettete die Psychologin alles, was von der braunen Flut ertränkt zu werden drohte. Dann sah sie ihn an. »Herr Sander. Sie sind zu spät, aber doch irgendwie rechtzeitig gekommen.«

Sander wusch das Handtuch aus. »Ist meine Masche.«

»Na schön, dann kommen Sie mal.«

Er folgte ihr und nahm im Sessel ihres Behandlungszimmers Platz. Zwischen ihnen stand ein flacher Tisch, der Patient sollte sich offenbar wie in einem Wohnzimmer fühlen.

»Haben Sie die gemalt?« Sander deutete auf die Aquarelle an den Wänden.

»Mein Hobby. Ich traue mich nur hier, sie aufzuhängen, weil die Menschen hier andere Sorgen haben, als mein mangelndes Talent zu kritisieren.«

»Sie sind eine gute Psychologin. Sie machen sich selbst klein, um dem anderen das Gefühl von Größe zu geben.«

»Und Sie sind ein Klugscheißer.«

»Und nun?«, fragte er.

»Herr Dr. Mühlenbeck ist offenbar von Ihrer Arbeit überzeugt, befürchtet aber gleichzeitig, dass Sie sich mit Ihrer dynamischen Art selbst im Weg stehen.«

Sander lehnte sich zurück und rieb sich das Gesicht.

»Und nun kommt noch dieser Unfall Ihrer Frau dazu.«

»Na und? Glauben jetzt eigentlich alle, dass ich deshalb Amok laufen würde?«

»Es denken alle, dass Sie eine schwierige Situation durchleben und dass …«

»Dass ich mich nicht mehr unter Kontrolle habe und deshalb jeden Tatverdächtigen sofort erschieße?«

Frau Dr. Berg nahm die Akte vom Tisch. »Sie haben in der Vergangenheit bewiesen, dass Sie leicht überreagieren oder zumindest unangemessen reagieren.«

Sander lehnte sich vor und legte seine Arme auf die Oberschenkel. »Frau Dr. Berg. Sie sind eine attraktive, freundliche Frau. Sie meinen es gut, und es ist Ihr Beruf. Aber ich bin nicht psycho, nicht gefährdet und nicht gefährlich. Wenn jemand verdient hat, dass ich ihm eine reinhaue, kriegt er, was er verdient.«

»Ich glaube, Dr. Mühlenbeck meint es gut mit Ihnen. Er will Sie vor Dienstaufsichtsbeschwerden oder gar einer Suspendierung bewahren.«

Sander atmete schwer aus. »Das ist wirklich nett von Ihnen beiden. Aber ich hab keine Zeit für diesen Kram. Wenn es mir schlecht geht oder ich vorhabe, jemanden umzunieten, dann komme ich wieder.« Er stand auf. »Aber jetzt hab ich zu tun.«

»Sander!«

Er blieb in der Tür stehen. »Was?«

»Dr. Mühlenbeck hat es zur Bedingung für Ihre weitere Tätigkeit im Außendienst gemacht, dass Sie regelmäßig hierher kommen. Ich werde es nicht decken, wenn Sie Ihre Termine bei mir versäumen.«

Sie trafen Olaf Springer nicht an und kehrten unverrichteter Dinge aus Elmshorn zurück. Stattdessen wollten sie das Personal in der Havanna-Bar befragen.

»Jetzt mal unter uns, Gernot. Würdest du eine fünfundachtzigjährige Frau in die Havanna-Bar bestellen, um ihr Geld abzuknöpfen?«

»Da bin ich der falsche Ansprechpartner. Mal davon abgesehen, dass ich nicht in die Verlegenheit geraten werde, jemanden zu erpressen. Ich wüsste jedenfalls nicht, weshalb. Und ich habe keinen blassen Schimmer, wie diese Bar ist.«

»Ehrlich jetzt?«

»Schlimm?«

»Ungewöhnlich. Also, das ist eine Cocktailbar für Pistengänger. Um neunzehn Uhr dürfte das Personal gewöhnlich das erste Mal die Augen aufschlagen. Die Gäste kommen dann, um vorzuglühen oder frühmorgens, um wieder runterzukommen.«

»Hannelore Weber gehört also nicht zur typischen Zielgruppe.«

»Würde ich sagen. Es sei denn, bei der Geldübergabe war noch Gelegenheit, den Blick auf die Elbe zu genießen.«

»Frau Weber wurde für neunzehn Uhr einbestellt. Wenn da noch nichts los gewesen ist, wollte der Erpresser eben vermeiden, dass es eine ganze Reihe von Zeugen gibt.«

»Das ist doch unlogisch. Wenn der Laden rappelvoll ist, fällt so eine alte Frau doch viel weniger auf, als wenn sie allein darin herumsitzt.«

»Es sei denn, es gibt keine Zeugen.«

Gernot rümpfte die Nase. »Du meinst, jemand vom Personal hat den Zeitpunkt so gewählt, dass er allein mit Frau Weber gewesen ist?«

»Richtig.«

Sander parkte den Wagen am Fischmarkt. »Was ich nicht verstehe, ist, warum sich Hannelore Weber fortgesetzt hat erpressen lassen. Man lässt sich doch gewöhnlich gleich bei der ersten Geldübergabe das, worum es geht, aushändigen.« Er klopfte an die Glasscheibe der Eingangstür.

»Vielleicht hatte der Erpresser einfach die stärkeren Argumente.«

Sander legte die Handflächen an die Schläfen und sah durchs Türglas. »Kein Mensch zu sehen.« Er klopfte noch einmal.

»Vielleicht kommen die erst raus, wenn’s dunkel wird.«

»Und verschwinden bei Sonnenaufgang.« Sie wandten sich um, um zum Wagen zurückzukehren.

»Haben Sie hier den Radau veranstaltet?«

Sander ging ein paar Schritte zurück, um gleich mal was klarzustellen, bremste sich aber, als er die beachtlichen Oberarme des Mannes sah, der in der Tür der Bar stand. »Polizei«, sagte er stattdessen.

»Seh ich. Worum geht’s?«

»Sind Sie der Inhaber? Wir haben ein paar Fragen.«

»Bin ich. Florian Degelow. Kommen Sie rein.«

»Wir müssten wissen, wer am 18. April um 19.00 Uhr Dienst hatte.«

Degelow zog eine Augenbraue in die Höhe. »Hier wird nicht gedealt.«

»Gut, dass Sie das sagen, aber deshalb sind wir ja nicht da. Wir wollen nur wissen, wer Dienst hatte.«

»Moment.« Er verschwand durch eine Tür hinter dem Tresen und kehrte kurz darauf mit seinem Laptop zurück. »Muss mal kurz Outlook starten«, erklärte er entschuldigend. »So, das war die Sandy.«

»Sandy heißt wie mit Nachnamen?«

»Karasek. Und mit Vornamen Sandra.«

»Aha.« Sander notierte die Adresse. »Und war sie allein?«

»Derjenige mit der Frühschicht kommt so gegen halb sieben, guckt, ob die Putzfrauen ordentlich gearbeitet haben, zündet Kerzen an, stellt alle Aggregate an und so. Das kann einer allein.«

»Also war sie allein.«

»Vermutlich. Ich war ja nicht dabei.«

»Sie hat nicht zufällig heute auch Dienst.«

Degelow sah auf die Armbanduhr. »Doch. Müsste gleich da sein. Wenn Sie wollen, mach ich Ihnen einen Espresso.«