Beschreibung

Mit deinen Lügen hast du mich getötet... Ein Kind wird jahrelang in einer Grabkammer versteckt und niemand vermisst es... Kurz nach Mitternacht erhält Chefinspektor Tony Braun während der Moderation seiner Radiosendung ein grausames Video von einem Killer. Darin sieht man, wie ein junges Mädchen bei lebendigem Leib begraben wird. Können Tony Braun und sein Team das Mädchen rechtzeitig retten? Und was geschah mit einem vor Jahren entführten Kind, das in einem Erdloch gefangen gehalten wurde? Dann erhält Braun ein weiteres Videofile und er wird aufgefordert, endlich die Wahrheit ans Licht zu bringen. Eine Wahrheit, die das Leben des Täters zerstört hat und ihn zum Mörder werden ließ ... Über 1 Mio Leser haben bisher die Thriller mit dem unkonventionellen Chefinspektor gelesen und waren von den spannenden Handlungen und den einzigartigen Charakteren begeistert. Alle Thriller sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden. Die Tony-Braun-Thriller-Reihe: "Totes Sommermädchen" - wie alles begann - der erste Tony Braun Thriller "Töten ist ganz einfach" - der zweite Fall "Freunde müssen töten" - der dritte Fall "Alle müssen sterben" - der vierte Fall "Der stille Duft des Todes" - der fünfte Fall "Rattenkinder" - der sechste Fall "Rabenschwester" - der siebte Fall "Stiller Beobachter" - der achte Fall "Strandmädchentod" - der neunte Fall "Stilles Grabeskind" - der zehnte Fall Portrait Barbara und Christian Schiller schreiben als B.C. Schiller packende Thriller, die fesseln und mitreißen. Sie gehören zu den erfolgreichsten Spannungs-Autoren im deutschsprachigen Raum und mehr als 1 Mio Leser waren bereits von den spannenden Thrillern mit Tony Braun & Co begeistert.

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MOBI

Seitenzahl: 425


Inhalt

Impressum

Anmerkung

Über die Autoren B.C. Schiller

Bücher von B.C. Schiller

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Danksagung

Sämtliche Figuren und Ereignisse dieses Romans sind der Fantasie entsprungen. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist zufällig und von den Autoren nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung der Blue Velvet Management GmbH urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

Copyright Blue Velvet Management GmbH,

Linz, November 2019.

ISBN: 978-3-9504651-2-9

Lektorat: Wolma Krefting, www.bueropia.de

Korrektorat: Sabine Dreyer, www.tat-worte.de

Titelgestaltung: www.afp.at

Bildernachweise:

Foto Hintergrund Wand mit Erde / Christian Schiller,

Foto rotes Blatt: Stock-Fotografie-ID:522489241

Bildnachweis: francisLM Toronto, Canada

Preserved museum specimen of a Malachite Beetle (Malachius bipustulatus) - lying on its back, angled view - isolated on white: 200257652, Chris Moody.

Wir haben uns erlaubt einige Namen und Örtlichkeiten aus Spannungsgründen neu zu erfinden, anders zu benennen und auch zu verlegen. Sie als Leser werden uns diese Freiheiten sicher nachsehen.

Über die Autoren B.C. Schiller

Barbara und Christian Schiller arbeiten und leben mit ihren beiden Rhodesian Ridgebacks Calisto und Emilio in Wien und auf Mallorca. Gemeinsam waren sie über 20 Jahren in der Marketing- und Werbebranche tätig und haben ein totales Faible für packende Thriller.

B.C. Schiller gehören zu den erfolgreichsten Spannungs-Autoren im deutschsprachigen Raum. Bisher haben sie mit ihren Thrillern über 1,600.000 Leser begeistert.

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Bücher von B.C. Schiller

Die Tony Braun Thriller:

TOTES SOMMERMÄDCHEN – der erste Tony Braun Thriller – wie alles begann

TÖTEN IST GANZ EINFACH – der zweite Tony Braun Thriller

FREUNDE MÜSSEN TÖTEN – der dritte Tony Braun Thriller

ALLE MÜSSEN STERBEN – der vierte Tony Braun Thriller

DER STILLE DUFT DES TODES – der fünfte Tony Braun Thriller

RATTENKINDER – der sechste Tony Braun Thriller

RABENSCHWESTER - der siebte Tony Braun Thriller

STILLER BEOBACHTER – der achte Tony Braun Thriller

STRANDMÄDCHENTOD – der neunte Tony Braun Thriller

STILLES GRABESKIND – der zehnte Tony Braun Thriller

Alle Tony Braun Thriller waren monatelang Bestseller in den Charts. Die Romane sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.

Die TARGA HENDRICKS Thriller:

DER MOMENT BEVOR DU STIRBST – der erste Fall mit Targa Hendricks

IMMER WENN DU TÖTEST – der zweite Fall mit Targa Hendricks

Die DAVID STEIN Thriller:

DER HUNDEFLÜSTERER – David Steins erster Auftrag

SCHWARZER SKOPRION – David Steins zweiter Auftrag

ROTE WÜSTENBLUME – David Steins dritter Auftrag

RUSSISCHES MÄDCHEN – David Steins vierter Auftrag

FREMDE GELIEBTE – David Steins fünfter Auftrag

EISIGE GEDANKEN – David Steins sechster Auftrag

Die LEVI KANT Thriller:

BÖSES GEHEIMNIS – der erste Cold Case

Böse Tränen – der zweite Cold Case, erscheint demnächst

Die MALLORCA Krimi-Reihe:

MÄDCHENSCHULD – der erste Fall für Ana Ortega

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STILLES GRABESKIND

Thriller

B.C. Schiller

„Der Mund, der lügt, bringt sich den Tod.“ (Weisheit, 1, 11)

Kapitel Eins

Jede Lüge kann tödlich sein.

Sie hat sich kaum verändert, denke ich, als Miriam aus dem Auto steigt. Sie bleibt noch kurz stehen und wartet, bis der Wagen verschwunden ist.

»Hallo, wir haben uns lange nicht gesehen«, sagt Miriam mit einem Lächeln, als ich aus dem Schatten der Bäume trete. »Ich war auf dem Weg zu einer Podiumsdiskussion, aber als dein Anruf kam, konnte ich nicht widerstehen. Ich war zu neugierig und musste dich einfach treffen.«

»Ja, so viele Jahre sind seither vergangen. Es ist wirklich etwas ganz Besonderes, das ich dir zeigen will. Darüber kannst du dann in deinem Blog schreiben«, antworte ich und umarme sie.

»Mein Gott, waren das Zeiten früher. Wir waren unzertrennlich, wie Zwillinge«, seufzt Miriam und drückt mich fest.

»Das stimmt. Wir haben fast alles gemeinsam gemacht«, gebe ich ihr recht.

»Ich bin schon wahnsinnig gespannt, welche Überraschung du für mich hast«, meint Miriam und gestikuliert mit ihren frisch manikürten Fingern durch die Luft. Sie trägt ein schickes Kleid und hat den Gürtel ihres Mantels lässig geknotet.

»Lass dich überraschen. Ich verrate nur so viel, so etwas hast du noch nie erlebt.«

»Spann mich doch nicht so auf die Folter.« Miriam klatscht in die Hände wie das kleine Mädchen, das ich von früher her kenne.

»Wie findest du mich nach all den Jahren?«, fragt sie und sieht mich dabei erwartungsvoll an.

»Vom Wesen her hast du dich nur wenig verändert, du bist noch genauso kommunikativ wie damals.«

»Ja, geredet habe ich immer schon gern«, meint Miriam lachend. »Du hingegen warst ja sehr zurückhaltend und still. Deshalb haben wir uns auch so gut ergänzt.« Sie hakt sich bei mir unter und gemeinsam laufen wir weiter. Das Licht des beinahe vollen Mondes bahnt sich mühsam seinen Weg durch das Geäst der Bäume. Blätter streifen mir über das Gesicht und hinterlassen eine nasse Spur auf meiner Haut.

»Wie lange müssen wir noch gehen?«, fragt Miriam und streicht sich eine Haarsträhne aus der Stirn.

»Gleich sind wir da.«

Mit einem Mal endet der Wald, und wir stehen auf einer Wiese. Der Mond beleuchtet die verwitterten Mauern einer Ruine, die ihren Schatten auf die Lichtung wirft.

»Wo ist jetzt die Überraschung?«, fragt Miriam und sieht sich um.

»Dort hinten.« Ich deute auf einen rechteckigen Fleck, der sich dunkel vom Boden abhebt.

»Was ist das? Eine Grube? Hast du vielleicht einen Schatz entdeckt?« Miriam geht an mir vorbei und läuft auf das ausgehobene Rechteck zu. »Da ist aber gar nichts drinnen«, meint sie enttäuscht, als sie davorsteht. Sie dreht sich zu mir um, will etwas sagen, doch in diesem Moment verpasse ich ihr einen leichten Schubs. Miriam stößt einen kurzen Schrei aus und verliert das Gleichgewicht. Ihre Arme rudern durch die Luft, aber sie kann die Balance nicht mehr halten und fällt rücklings in die Grube.

»Was soll das?«, jammert Miriam und blickt verdutzt zu mir hoch. Sie liegt ein wenig verdreht in dem Erdloch. Vielleicht hat sie sich beim Sturz verletzt. Sie presst die Lippen zusammen, um die Tränen zurückzuhalten. Noch will sie stark sein und die Wahrheit nicht begreifen.

»Du spinnst ja vollkommen!«, zischt sie hasserfüllt, als ich nicht reagiere. Für einen kurzen Augenblick kommt ihre böse Seite zum Vorschein. Sie versucht aufzustehen, aber dann sinkt sie mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder zurück in ihr Grab.

»Im Gegenteil«, erwidere ich ruhig. »Ich war noch nie so klar. Jetzt gebe ich dir Gelegenheit, dich an deine Lüge zu erinnern.«

Dann nehme ich eine Schaufel voll mit Erde und schütte sie in die Grube. Nach meinen Berechnungen müssen es einhundertzwanzig Schippen mit Erde sein, bis der Körper von Miriam völlig bedeckt ist. Als die Arbeit beendet ist, beuge ich mich wieder über den Rand des Grabes. Nur Miriams Kopf ist noch frei. Emotionslos starre ich in ihr geschocktes Gesicht. Sie ahnt bereits, dass sie sterben wird. Würmer schlängeln sich an Miriams Wangen hinauf, und schillernde Käfer krabbeln durch das frische Erdreich auf sie zu.

»Ist es wegen damals?«, murmelt Miriam verzweifelt, als die Erinnerung sie wie eine Lawine überrollt. »Es ist diese alte Geschichte. Wieso vergisst du das nicht einfach?«

»Weil du damals gelogen hast.«

»Das stimmt doch gar nicht.«

»Doch. Es ist die Wahrheit.«

Miriam will noch etwas sagen, aber ich habe genug von ihrem Gerede und klatsche eine Schaufel mit schwarzer Erde mitten in ihr Gesicht. Dreck und Ungeziefer verschließen ihren Mund, aus dem eine Lüge kam, die mein Leben veränderte.

Schwer atmend setze ich mich an den Rand des Grabes. Ich hole einen Zettel hervor und lese, was ich dort aufgeschrieben habe:

Zehn Schaufelwürfe, dann ist Miriams Kopf unter der Erde begraben. Drei Minuten dauert im Anschluss daran der qualvolle Erstickungstod.

Jetzt ist es ein Uhr morgens. Bis zwei Uhr dreißig lasse ich Miriam Zeit, über alles nachzudenken. Dann werde ich die letzte Vertiefung zuschaufeln.

Noch einmal höre ich Miriams Stimme, ehe sich eine Schicht Erde wie ein nachtschwarzes Tuch über ihre Augen legt.

»Willst du mich hier eingraben?«

»Ja, ich werde dich lebendig begraben.«

Kapitel Zwei

Der alte Schlachthof von Linz war ein imposantes Gebäude, das mit seiner roten Ziegelfassade und den verrosteten Stahltüren wie eine finstere Ritterburg wirkte. Nachdem das Gebäude jahrelang die Heimat eines Technoclubs gewesen war, hatte man es schließlich in ein Medienzentrum umgebaut. Neben IT-Firmen und Werbeagenturen beherbergte es auch die Räume des Internet-Radios ›Wahre Werte‹. Richard Marx, ein ehemaliger Artdirector, positionierte das Radio weit abseits des Mainstreams als rettende Insel für ›schöne Verlierer und himmlische Spinner‹.

Nighthawk, einer der Moderatoren, saß nach Mitternacht in der engen Kabine des Livestudios und trank den letzten Schluck Bier aus einer Dose San Miguel. Gerade hatte er mit ›Bela Lugosi’s dead‹ eine rare Liveaufnahme von Bauhaus gespielt, als erneut ein Anrufer zu ihm durchgestellt wurde.

»Hier ist Nighthawk, dein Radiohost. Es ist der Talk ohne Limits. Du kannst reden, worüber du möchtest«, forderte er den Anrufer auf und öffnete dabei die nächste Bierdose.

»Hi, ich bin Laura«, meldete sich eine weibliche Person mit einer ziemlich jungen Stimme.

»Hallo, was willst du uns erzählen?«, fragte Tony Braun. Seit einigen Jahren war er Chefinspektor der Mordkommission von Linz und moderierte einmal die Woche unter dem Namen Nighthawk eine Talksendung in diesem Internetradio. Damit konnte er zumindest für kurze Zeit seine anstrengende Arbeit vergessen, die ihn oft bis an die Grenzen des Erträglichen trieb.

»Also, schieß endlich los! Was brennt bei dir?«

»Es dreht sich um Sex«, erwiderte das Mädchen provokant.

»Ganz was Neues«, brummte Braun.

»Ich habe da einen Typen im Visier, den ich auf die Matte legen will«, ließ sich Laura nicht aus dem Konzept bringen.

»Du klingst noch ziemlich jung«, meinte Braun nach einem Schluck Bier. »Ist der Typ älter?«

»Klar doch! Was glaubst denn du?«, prustete Laura los. »Mit gleichaltrigen Jungs wär das ja Blümchensex.«

»Wie alt bist du?«

»Fünfzehn, aber ich sehe viel älter aus«, beeilte sich Laura zu sagen.

»Wo liegt also dein Problem?« Braun hasste es, um den heißen Brei herumzureden. Er war für seine direkte Art bekannt.

»Äh, ich hab keines«, antwortete Laura verdutzt.

»Doch«, widersprach Braun. »Sonst würdest du nicht hier anrufen.«

»Wenn ich’s doch sage. Bei mir ist alles okay.« Das Mädchen blieb stur.

»Dann ist ja alles gut, aber vergeude nicht meine Zeit. Hinter dir hängen eine Menge Leute in der Leitung, die was Wichtiges zu sagen haben.«

»Warte! Also, der Typ, auf den ich stehe, ist der neue Freund meiner Mutter«, erzählte Laura mit ein wenig Stolz in der Stimme.

»Oh, das ist aber scheiße«, antwortete Braun spontan. »Das wird deiner Mutter nicht gefallen.«

»Eben, deshalb rufe ich auch an. Ich brauche deinen Rat. Natürlich mag ich meine Mutter, aber Max ist auch ziemlich heiß.«

»Steht der Typ auch auf dich?«, fragte Braun weiter.

»Klar doch, was denkst denn du? Frischfleisch ist eben cooler als Faltenhaut.«

»Na, du bist ganz schön frech«, meinte Braun. »Liebt ihn deine Mutter?«

»Mag schon sein, aber ich liebe ihn auch«, erwiderte Laura trotzig. »Was soll ich jetzt machen?«

»Stell dir mal vor, du wärst so alt wie deine Mutter. Was würdest du denn sagen, wenn dir deine junge Tochter den Freund ausspannt?«

»Ich wäre angepisst.« Laura klang mit einem Mal aggressiv. »Und ich würde sie auf der Stelle rauswerfen.«

»Na, dann weißt du ja, wie deine Mutter vielleicht reagieren wird. Und glaub mir, eure Beziehung bekommt einen Riss, den man nicht mehr kitten kann.«

»Was willst du mir damit sagen?«

»Lass die Finger von Max.«

»Und wenn ich das nicht tue?«

»Dann musst du mit den Konsequenzen leben.«

»Okay, ich denk darüber nach«, antwortete Laura und legte schnell auf.

Braun fuhr den Regler hoch, und der Sound von ›Darshan‹ mit der fräsenden Gitarre von Robert Fripp und der melancholischen Stimme von David Sylvian legte sofort mächtig los. Er lehnte sich zurück und verschränkte entspannt die Hände im Nacken. Bisher war es eine ruhige Nacht gewesen und die Anrufer hatten vergleichsweise kleine Problemchen gehabt. Da hatte er in den vergangenen Sendungen schon viel Schlimmeres erlebt.

Plötzlich öffnete sich die Tür zu dem Livestudio, und ein junger Mann mit kurzen schwarzen Haaren trat ein. In der Hand schwenkte er einen Pappkarton, auf dem in großen Lettern Jimmy Spezial stand.

»Hallo, Tony«, sagte Jimmy Braun. »Ich habe dir was zu essen mitgebracht.«

»Wieso bist du hier?«, wunderte sich Braun. »Du interessierst doch sonst auch nicht für meine Sendung.«

»Ich habe neue Rezepte für meine Burger ausprobiert und dachte, du bist das geeignete Testobjekt dafür«, grinste Jimmy.

»Ach, und was ist das Neues?«, fragte Braun und betrachtete den Pappkarton skeptisch von allen Seiten. Seit sein Sohn als Streetfood-Koch mit seinem eigenen Bus von Event zu Event tourte, hatte er sich fast zu einem Vegetarier gewandelt. Jimmy war das krasse Gegenstück zu Braun, der sich oft einen fetten Döner bei seinem türkischen Freund Kemal gönnte.

»Das ist mein Jimmy Spezial-Burger«, antwortete sein Sohn voller Stolz.

»Gib das gute Stück schon her«, meinte Braun und öffnete vorsichtig den Karton. Der Burger sah tatsächlich sehr appetitlich aus, doch Braun konnte dazwischen kein Stück Fleisch entdecken, nur grüne Salatblätter und undefinierbare braune Scheiben.

»Wo ist das Fleisch?«, murmelte er.

»Hallo, das ist ein Spezial-Burger. Da gibt es weder Fleisch noch Käse«, klärte ihn Jimmy auf.

»Interessant«, meinte Braun.

»Willst du nicht wenigstens mal probieren?«, fragte Jimmy und machte ein enttäuschtes Gesicht.

»Doch, doch«, beeilte sich Braun zu sagen und biss herzhaft in den Burger. »Schmeckt ausgezeichnet. Aber der Song ist gleich aus. Da muss ich wieder moderieren.«

»Alles klar. Ich hol mir bei Richard nur einen Joint, dann bin ich weg.« Jimmy winkte Richard durch die Glasscheibe zu, der in seinem Ganja-Nebel beinahe nicht zu sehen war.

»Spinnst du!« Braun schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn. »Du willst bekifft Auto fahren? Wenn dich die Polizei erwischt, bist du deinen Führerschein los!«

»Komm wieder runter, Tony«, antwortete Jimmy. »Was denkst du von mir. Ich rauche den Joint natürlich zu Hause.«

»Übertreibe das Grasrauchen bloß nicht.«

»Da redet der Richtige! Was ist mit deinem Bier? Vielleicht solltest du auch auf Gras umsteigen. Ist jedenfalls gesünder als dein Alkkonsum. Bis später.« Jimmy tippte mit dem Zeigefinger an seine Schläfe und schlenderte nach draußen. Durch die Scheibe sah Braun, wie ihm Richard im Technikraum einen Joint reichte. Er wollte gerade die Taste zur Gegensprechanlage drücken und ein böses Statement abfeuern. Aber dann hielt er sich zurück und erinnerte sich an seine Jugend und die unglückliche Beziehung zu seiner Mutter. Man muss den Kindern auch Freiheiten lassen, dachte er.

Nachdem Jimmy das Studio verlassen hatte, verspürte Braun mit einem Mal ein starkes Hungergefühl. Eigentlich wollte er abends nach achtzehn Uhr nichts mehr essen, um fit zu bleiben, aber der Biss in Jimmys Burger hatte seine guten Vorsätze zunichtegemacht.

Seufzend gab Braun Richard ein Zeichen. »Verbinde mich mal mit Kemal, der ist sicher noch in seiner Bude.«

»Braun, deine Stimme erhellt wie ein Leuchtfeuer diese dunkle Nacht«, meldete sich kurz darauf sein Freund Kemal mit einem poetischen Spruch. »Hat dich dein Sohn besucht?«

»Ja, Jimmy war mit einer seiner neuen Eigenkreationen bei mir«, antwortete Braun. »Und plötzlich habe ich Lust auf deinen knusprigen Döner bekommen. Komm doch bitte auf deinem Heimweg bei mir vorbei.«

»Das wird Jimmy aber nicht gefallen. Wir haben vorhin das Rezept für einen Bio-Döner bei mir ausprobiert. Man muss eben mit der Zeit gehen, würde dir auch nicht schaden«, erwiderte Kemal in seiner direkten Art. »Ich habe außerdem schon geschlossen.«

»Das ist ein großer Notfall«, brummte Braun. »Ich brauche jetzt etwas Handfestes zwischen die Zähne.«

»Nun gut, mein Freund, ich erlöse dich von deinen höllischen Hungerqualen«, trillerte Kemal und legte auf.

»Perfektes Timing«, dachte Braun, denn in diesem Moment war der Song auch zu Ende und der nächste Anrufer bereits in der Leitung.

»Bei dir können doch alle die Wahrheit sagen?«, begann jener gleich mit einer Frage. »Du bist der große Wahrheitsfinder.« Die Stimme klang von weit weg und undefinierbar.

»Hör auf zu schleimen und rede endlich Klartext«, konterte Braun und griff nach seiner Bierdose. Hoffentlich ist das nicht so ein anstrengender Spinner. Die Sendung hat so gut begonnen, dachte er kurz.

»Meine Mission richtet sich gegen Menschen, die lügen. Kannst du mir folgen?«, erwiderte der Anrufer.

»Was willst du mir damit sagen? Ich verstehe nur Bahnhof«, sagte Braun schon ein wenig genervt. »Nenn mir mal deinen Namen und hör auf, deine Stimme zu verstellen. Bist du so prominent, dass man dich an deinem Tonfall erkennen würde? Sei einfach ehrlich, dann können wir über dein Problem mit der Wahrheit reden.«

»Nein, die Wahrheit ist nicht das Übel, sondern sie bringt die Erlösung. Im Gegensatz zur Lüge. Wenn man dich an einen Lügendetektor anschließt, wie oft ertappt man dich bei einer Lüge?«

»Jeder Mensch lügt manchmal. Zum Beispiel, um sich wichtig zu machen. So wie du eben. In Wirklichkeit bist du bloß eine einsame Seele, die jetzt die fünf Sekunden Aufmerksamkeit genießt, weil man dich im täglichen Leben immer übersieht«, provozierte Braun, um den Anrufer etwas aus der Reserve zu locken. Sein Bauchgefühl machte ihn misstrauisch. Er wartete einen kurzen Moment, und seine Finger schwebten bereits über dem Regler, um den nächsten Song in den Äther zu schießen.

»Ich schicke dir einen Beweis, dass ich es mit meiner Mission ernst meine. Denn manchmal kann die Wahrheit auch tödlich sein.«

»Du redest von deiner Mission wie ein Killer im Fernsehen.« Ungeduldig klopfte Braun mit den Spitzen seiner Stiefel auf den Boden.

»Vielleicht bin ich ein Killer. Vielleicht braucht es Tote, um die Menschen aufzurütteln«, antwortete die Stimme sanft, und mit einem Mal war die Verbindung getrennt.

Automatisch zog Braun den Regler auf, und der mehrstimmige Gesang von Warpaint mit dem Song ›Billie Holiday‹ erklang beruhigend durch das Studio.

»Was war denn das?«, wunderte sich Richard, der vom Technikraum aus das Gespräch über sein Headset mitverfolgt hatte.

»Ein Spinner«, meinte Braun.

»Wahrscheinlich hast du recht. Aber er hat einen Stimmen-Manipulator verwendet«, gab Richard zu bedenken. »Ich habe das während des Gesprächs mit meiner Software gecheckt. Man weiß nie, ob man mit einer Frau oder mit einem Mann spricht.«

»Na und wenn schon. Diese Dinger gibt es in jedem Online-Shop zu kaufen«, bemerkte Braun lakonisch. Während er dem Song lauschte, winkte ihm Richard plötzlich durch die Glaswand zu.

»Dein Döner ist eingetroffen.«

»Das ist jetzt meine Erlösung.« Braun stand auf und zwängte sich durch die enge Tür in den Technikraum. »Ich sterbe vor Hunger. Wieso ist Kemal nicht mehr hier?«, fragte er Richard.

»Keine Ahnung. Ein Bote hat die Schachtel gebracht.« Richard zuckte mit den Achseln.

»Ein Bote? Das sieht Kemal aber nicht ähnlich«, wunderte sich Braun. »Und überhaupt, seit wann verwendet Kemal eine Plastikbox? Das würde Jimmy niemals akzeptieren.«

Argwöhnisch klappte Braun den Deckel der Box auf und zuckte angeekelt zurück. »Was ist das für ein Scheiß!«, zischte er und drehte die Schachtel in Richards Richtung.

»Igitt!« Richard verschluckte sich vor Schreck und hustete sich die Lunge aus dem Leib. »Was ist das?«

»Das sind Maden und Würmer, die sich in frischer Erde tummeln. Und dazwischen liegt eine blonde Haarlocke mit einer Spange«, erwiderte Braun und stellte die Box auf den Tisch.

»Da hat sich jemand einen bösen Scherz erlaubt«, sagte Richard.

»Ich weiß nicht so recht.« Braun strich sich über seinen angegrauten Dreitagebart. »Das sieht nicht wie ein Witz aus.«

In diesem Augenblick blinkte Richards Computer und kündigte eine eingehende Mail an. Richard drehte sich zum Bildschirm. »Die Wahrheit kann auch tödlich enden«, las er den Text, der dort groß zu sehen war.

»Was steht da?« Braun beugte sich vor. »So was Ähnliches hat der Anrufer von vorhin auch geplappert. Da ist noch ein Anhang mit einer Datei dabei.«

Richard klickte auf das File. Es war ein Video. Zunächst sah man nur Erde und Maden in Großaufnahme, dann blondes Haar, eine Schere, die eine Locke abschnitt. Schließlich tauchte das Gesicht einer jungen Frau auf, die bis zum Hals in einem Erdloch steckte und panisch in die Kamera blickte. Plötzlich schob sich eine Texteinblendung ins Bild: »In genau zwei Stunden bedecken Erde, Maden und Würmer dieses hübsche Gesicht. Dann ist sie tot. Das ist meine Wahrheit.«

Kapitel Drei

Das Viertel der lebenden Toten in Bukarest heißt Livezilor. Dort gibt es weder eine Verwaltung noch eine Infrastruktur, und die wenigen Busse, die hierher fahren, werden von den Gangs kontrolliert und haben ganz andere Ziele.

An einem wolkenverhangenen Morgen dröhnte die Hupe eines Überlandbusses in den vermüllten Straßenschluchten, durch die der Wind heulte. Männer, Frauen, Kinder und Horden von Hunden kamen aus ihren Bretterbuden und Verschlägen und liefen dem verdreckten Bus hinterher, der zischend vor dem Hotel Galom anhielt. Das Hotel war ein heruntergekommener Plattenbau, den ein österreichischer Investor gekauft hatte. Im Erdgeschoss befanden sich eine illegale Spielhalle und ein permanenter Flohmarkt. Dort konnte jeder, der wollte, Trödel verkaufen, musste aber einen Teil des Erlöses wieder an den Automaten verspielen. In den oberen Stockwerken des Hotels hatten sich Prostituierte als Dauermieter einquartiert, und dann gab es noch das Reisebüro, das Gordan Ceausescu betrieb.

»Was ist? Willst du ein Zimmer fürs Anschaffen?«, fragte Gordan ein Mädchen mit dunklen Haaren, das unschlüssig am Eingang vor dem Reisebüro stand.

»Nein, ich möchte ein Ticket für den Bus nach Österreich«, erwiderte das Mädchen schüchtern.

»Nur ein Ticket? Und was ist mit dem da?« Gordan deutete auf einen kleinen Jungen, den das Mädchen an der Hand hielt.

»Aber mein Bruder ist doch erst zehn und darf daher gratis mitfahren. Das steht auf dem Poster in der Auslage«, antwortete das Mädchen stockend.

»Du kannst also lesen.« Gordan nickte anerkennend. »Dann bist du wohl etwas Besseres?«

»O mein Gott, nein, der Pope hat mich unterrichtet, weil ihm Oma ein Huhn gebracht hat.«

»Was ist das für eine Scheißgeschichte. Aus welchem Kaff kommst du?«

»Aus Timurescu«, flüsterte das Mädchen und umklammerte fest die Hand ihres kleinen Bruders.

»Nie gehört, sprich etwas lauter. Wie heißt du, Mädchen, und wie alt bist du?«, fragte Gordan weiter.

»Ich bin Alina und das ist mein Bruder Darian. Ich werde in einem Monat sechzehn Jahre alt. Darian ist noch klein, aber bereits sehr klug. In dem Flugblatt steht, dass er in Österreich zu einer Pflegefamilie kommt und eine richtige Schule besuchen darf.«

»Richtig. Und für ein Mädchen wie dich haben wir auch eine Stelle in Aussicht. Du kannst sogar wählen zwischen einer Arbeit im Hotel oder einem Supermarkt«, erklärte Gordan und griff nach dem Geldbündel, das ihm Alina hinhielt. »Das sind aber keine tausend Euro«, brummte er, nachdem er die Scheine durchgezählt hatte.

»Es tut mir leid, aber mehr habe ich nicht«, erwiderte Alina kleinlaut. »Alle meine Verwandten haben zusammengelegt, um mir das Ticket zu bezahlen. Wenn ich genügend Geld verdient habe, komme ich und zahle alles zurück. Dann unterstütze ich meine Eltern. Sie sind ja beide arbeitslos und krank.« Alina stockte kurz und fügte dann leise hinzu: »Wenn noch etwas übrig bleibt, habe ich auch noch Geld für meine Hochzeit.«

»Du willst so jung schon heiraten?«, fragte Gordan überrascht.

»Ja, ich bin bereits verlobt«, flüsterte Alina, und schlagartig öffnete sich das Tor der Erinnerung, und die schwarzen Gedanken flatterten wie aufgeschreckte Krähen durch ihren Kopf. Ihre Eltern hatten vor einigen Tagen eine Abschiedsfeier für Alina organisiert, und alle Verwandten waren gekommen und hatten zusammen gekocht. Alina hatte Tränen in den Augen gehabt, als sie in den Hinterhof kam und die bunten Papierlampions sah, die sich im Wind drehten.

»Die habe ich auf dem Müll gefunden«, hatte ihr Cousin Eugene stolz erklärt und auf die flackernden Lichter gedeutet. Viel Glück, las sie auf dem selbstgemalten Schild, das über dem Eingang baumelte. Ihre Verwandten spielten Gitarre und Geige, und Alina glaubte, die Welt läge ihr zu Füßen. Aber das war ein Irrtum.

»Alina, du weißt, dass wir uns diese Feier nicht leisten können«, hatte ihre Mutter geflüstert und sie zur Seite genommen. »Aber Ion hat uns das Geld gegeben.«

»Ion, dieser widerliche Mann?«, fragte Alina verwundert und wich zurück. »Wie wollt ihr ihm denn das zurückzahlen?«

»Nun, du gefällst ihm.«

»Aber er ist ein alter Mann, der mich immer betatscht«, beklagte sich Alina.

»Ion ist fünfzig Jahre alt und wird dir sicher ein guter Ehemann sein«, widersprach Alinas Mutter.

»Wieso Ehemann?«

»Oh, jetzt habe ich mich verplappert«, sagte Alinas Mutter und hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund. »Es sollte eine Überraschung sein.«

»Was für eine Überraschung?«

»Das Fest heute ist deine Verlobungsfeier. Du wirst Ion schon bald heiraten. Wir haben alles besprochen.«

»Nein! Das mache ich niemals!«, rief Alina zornig.

»Das musst du aber, oder willst du uns alle ins Unglück stürzen?« Alinas Mutter hatte mit einem Mal Tränen in den Augen. »Denk doch ein wenig an deine arme Familie, mein Kind.«

Alina wollte noch etwas sagen, doch da kam Ion schwankend auf sie zu. Er trug einen schwarzen doppelreihigen Anzug und hatte einen Hut auf dem Kopf. Sein Gesicht war vom Schnaps gerötet.

»Na, alles geklärt?«, fragte er Alinas Mutter.

»Ja. Meine Tochter freut sich auf die Vermählung mit dir«, nickte die Mutter und blickte dabei betreten zu Boden.

»Dann lass mich mit meiner Kleinen kurz alleine.«

Als die Mutter gegangen war, wandte sich Ion an Alina. »Jetzt sind wir verlobt, mein Täubchen.« Ion fuhr mit seiner Hand an Alinas Hüfte entlang und zerrte an dem Reißverschluss ihrer Jeans.

»Lass das!« Verzweifelt versuchte Alina, seine Hand wegzudrücken. Aber er ließ nicht locker, schob seine Finger in ihre offenen Jeans und fummelte zwischen ihren Beinen herum. Es war ein widerliches Gefühl, doch Alina biss die Zähne zusammen. Sie roch den Knoblauchatem von Ion, der wie Fäulnis über ihr Gesicht strich, und hörte seine Worte ganz nahe an ihrem Ohr.

»Du gehörst jetzt mir, mein Täubchen, und da will ich wissen, wie du riechst.«

Das alles ging Alina durch den Kopf, als sie vor dem Ticketschalter des Reisebüros stand.

»Das sind keine tausend Euro.« Vor Alina türmte sich die Gestalt von Gordan riesig und unüberwindlich auf, und seine Stimme riss sie aus ihren düsteren Gedanken.

»Kann ich nicht trotzdem mitfahren?«, bettelte sie. »Es sind achthundert Euro. Ich zahle die zweihundert zurück, wenn ich wieder hier bin. Versprochen.«

»Wir sind ein Reisebüro und kein Zigeunerbasar«, antwortete Gordan herablassend und betrachtete Alina von oben bis unten. »Du bist aber sehr hübsch und hast schöne große Augen. Das ist von Vorteil«, murmelte er und deutete auf ihre hellblauen Augen, die in einem reizvollen Kontrast zu ihren verfilzten dunklen Haaren standen. »Meinetwegen. Hier ist deine Fahrkarte«, sagte Gordan nach einigen Sekunden. »Du kannst von Glück sagen, dass ich heute meinen guten Tag habe. Denn sonst müsstest du wieder in dein Kaff zurück.«

»Das ist sehr großzügig von dir«, bedankte sich Alina artig und faltete das Ticket zusammen. Sorgfältig verstaute sie es in ihrem zerschlissenen Rucksack und nahm ihren kleinen Bruder Darian an die Hand, um hinauszugehen.

»Alina, du musst noch unterschreiben.« Gordan wedelte mit einem Blatt Papier.

»Was soll ich unterschreiben?«, fragte Alina und strich sich die verfilzten Haare aus dem Gesicht. »Ich habe dir doch schon Geld für die Fahrt bezahlt.«

»Du strapazierst meine Geduld, Mädchen. Wenn du nicht unterschreibst, bleibst du eben hier«, fauchte Gordan. Er zeigte auf den Platz vor dem Hotel. »Alle diese Menschen warten auf einen Platz im Bus, der sie in den goldenen Westen bringt. Dort gibt es Arbeit für sie. Also mach bloß keine Zicken.«

»Entschuldige«, sagte Alina kleinlaut und zog verschreckt den Kopf ein. Dann nahm sie das Blatt und begann, den Text zu lesen.

»Kannst du etwa lesen, was da draufsteht?«, wunderte sich Gordan und riss Alina das Papier aus der Hand.

»Ja, warum denn nicht?«

»Weil es nur ein rechtliches Kauderwelsch ist, von dem du ja sowieso nichts verstehst.« Gordan nickte genervt und gab Alina einen Klaps auf den Hinterkopf. »Unterschreibe einfach. Ich habe nicht ewig Zeit.«

»Natürlich.« Hastig setzte Alina ihre Unterschrift unter das Schriftstück.

»Der Zwerg muss auch unterschreiben«, befahl Gordan und deutete auf Darian.

»Er kann nicht schreiben«, antwortete Alina.

»Ein Fingerabdruck genügt«, meinte Gordan. Er packte die Hand des kleinen Jungen, drückte dessen Daumen auf ein Stempelkissen und presste ihn dann auf den Zettel.

»Damit haben wir die Formalitäten erledigt und ihr könnt gehen.« Gordan schob sie von seinem Schalter weg und winkte eine verhärmte Frau zu sich heran, die zwei Kinder bei sich hatte.

»Wann fährt der Bus?«, fragte Alina.

Doch Gordan beachtete sie nicht mehr, sondern feilschte mit der Frau, die einen Sitzplatz für ihre zwei kleinen Kinder haben wollte.

Langsam ging Alina mit Darian nach draußen und setzte sich auf die Stufen vor dem Hotel Galom. Immer mehr Menschen mit zerbeulten Koffern und verschlissenen Rucksäcken gesellten sich zu den beiden. Niemand sagte ein Wort, alle warteten sehnsüchtig darauf, dass sich die Bustüren öffneten.

Als die Dunkelheit über Livezilor hereinbrach, schaltete der Fahrer die Scheinwerfer ein. Voller Zuversicht packte Alina ihren Bruder an der Hand und reihte sich in die Schlange der Fahrgäste ein. Noch ahnte sie nicht, dass es der Beginn einer Reise in die Finsternis war.

Kapitel Vier

Die hochgezüchtete Moto Guzzi zog pfeilschnell die gewundene Straße hinauf und raste in die Dunkelheit. Der Motorradfahrer kümmerte sich nicht im Geringsten um Tempobeschränkungen, suchte die Ideallinie in den Kurven und legte sich hart am Limit auf die Seite. Noch in der Schräge beschleunigte er die Maschine, und die Moto Guzzi richtete sich mit aufheulendem Motor auf wie ein Rennpferd. Kurz vor der tschechischen Grenze drosselte der Fahrer die Geschwindigkeit, hielt schließlich auf einem unbeleuchteten Parkplatz an und nahm den Helm ab. Es war eine junge Frau, die diese Maschine beherrschte und die Moto Guzzi bis an ihre Grenzen trieb.

Franka Morgen schüttelte ihre kurzen schwarzen Haare und blickte zum Horizont, wo undeutlich die Lichter von Freistadt zu erkennen waren. Mindestens einmal pro Woche musste sie mitten in der Nacht mit dem Motorrad durch die menschenleere Landschaft fegen, um ihren anstrengenden Job als Inspektorin der Mordkommission Linz hinter sich zu lassen. Es war wie eine Sucht. Viele ihrer Kollegen begannen damit, exzessiv Sport zu treiben, oder sie moderierten, wie ihr Chef Braun, eine Radiosendung, um wieder den Boden unter den Füßen zu fühlen, um wieder zu spüren, dass es außer Mord noch etwas anderes im Leben gab. Sie liebte es, auf ihrer Moto Guzzi zu sitzen und ihre Gedanken in der Einsamkeit kreisen zu lassen. Doch plötzlich bemerkte sie, dass sie heute Nacht nicht allein war. Am Rand des Parkplatzes schälten sich die Umrisse eines anderen Motorradfahrers aus der Dunkelheit, der langsam auf sie zurollte. Er fuhr eine militärgrüne Enduro, das Visier seines Helms war fest geschlossen.

»Hi, auch noch so spät unterwegs«, grüßte Franka, weil ihr im Moment nichts Besseres einfiel.

Doch der Motorradfahrer antwortete nicht, sondern dirigierte seine Maschine wortlos neben ihre Moto Guzzi.

»Was machst du hier?«, begann Franka von Neuem. War es Zufall, dass an diesem verlassenen Ort plötzlich noch ein anderer Motorradfahrer auftauchte? Oder steckte etwas anderes dahinter? Ihr Instinkt als Polizistin sagte ihr, dass sie auf der Hut sein sollte.

»Das Gleiche wie du«, erwiderte der Motorradfahrer.

»Du kannst doch gar nicht wissen, warum ich hier bin.«

»Doch, du liebst es so wie ich, in der Stille der Nacht die Aussicht zu genießen.«

»Das stimmt.« Franka atmete tief durch, ehe sie weitersprach. »Nimm doch deinen Helm ab, damit ich dich sehen kann.«

»Wozu? Das würde nur den Reiz dieser Unterhaltung zerstören.«

»Aber ich möchte gern dein Gesicht sehen, um zu wissen, mit wem ich rede.«

»Ist es nicht aufregender, im Ungewissen zu verharren wie auf einem Floß, das im offenen Meer treibt und auf ein unbekanntes Ufer zusteuert?«

»Stimmt, manchmal kann das aufregend sein. Trotzdem interessiert mich, wer du bist.«

»Das ist nicht so wichtig. Die Hauptsache ist, dass ich dich kenne, Franka.«

Kaum hatte der Motorradfahrer den Satz ausgesprochen, startete er auch schon die Enduro, ließ den Motor aufheulen und verschwand in der Dunkelheit.

Verblüfft starrte ihm Franka hinterher, dachte für den Bruchteil einer Sekunde daran, ihn zu verfolgen, ließ es aber dann doch bleiben. Sie atmete tief durch und schloss den Reißverschluss ihrer Lederjacke. Ihr Herz schlug wild und ihre Wangen glühten. Würde sie den geheimnisvollen Motorradfahrer wiedersehen? War der Fahrer ein Mann oder eine Frau gewesen? Und woher kannte er ihren Namen? Das würde sie ihn fragen, wenn sie ihm erneut begegnete.

Wann war ich eigentlich das letzte Mal verliebt?, überlegte Franka, während sie ihren Helm aufsetzte. Das war schon eine Weile her und die Beziehung hatte ziemlich unschön geendet. Danach hatte Franka ihre Liebe auf den kleinen Sohn ihrer Schwester Tara übertragen, die beide damals bei ihr wohnten. Doch Tara und Dimitru waren jetzt in das ferne Berlin gezogen. Sie hatte zwar die Wohnung wieder für sich allein, was nicht zu verachten war, aber trotzdem fühlte sie sich manchmal einsam.

»Verdammt!«, entfuhr es ihr plötzlich, als sie an das leere Zimmer von Tara dachte. Sie griff nach ihrem Handy und wählte eine Nummer, erreichte aber nur den Anrufbeantworter. »Es tut mir leid, bin gleich da!«

Franka startete die Moto Guzzi. Elegant, aber mit hohem Tempo zog sie die kurvige Straße nach unten und hielt sich erst auf der Stadtautobahn an die Geschwindigkeitsbeschränkungen. Als sie endlich den grün gestrichenen Wohnblock in einem Stadtteil von Linz erreichte, in dem sie lebte, sah sie die Gestalt bereits auf den Stufen, die zum Eingang führten, sitzen.

»Sorry, Timo«, sagte Franka, als sie vor ihm zum Stehen kam. »Aber ich habe total vergessen, dass es bereits heute ist.«

»Ach, ich warte schon seit Stunden«, seufzte Timo Meller, ihr junger Kollege bei der Kriminalpolizei. Er strich sich fast zärtlich über den Flaum seiner Unterarme, drehte den Kreuz-Anhänger seiner Lederkette und stand auf. »Trotzdem sehr lieb, mich bei dir wohnen zu lassen.«

»Ist schon gut, Timo, das Zimmer meiner Schwester steht sowieso seit Monaten leer«, beteuerte Franka und schob ihre Maschine in den Hinterhof.

Während sie auf den Aufzug warteten, sagte Timo: »Stell dir nur vor, wie schlimm alles für mich war. Meine Vermieterin hat mich von einem Tag auf den anderen hinausgeschmissen, als sie von meiner Geschichte in dieser Sendung gehört hat.«

Frank nickte stumm, dann öffnete sie die Eingangstür und ging voraus in den kleinen Flur ihrer Wohnung. Sie zeigte auf einen Raum, dessen Tür offen stand.

»Das war Taras Zimmer, jetzt kannst du hier schlafen«, erklärte sie und setzte sich auf das unbezogene Bett.

»Leider glaube ich immer mehr, dass es ein Fehler war, im Fernsehen aufzutreten«, meinte Timo niedergeschlagen. »Ich verliere meine Wohnung, und auf der Straße beginnen die Leute zu tuscheln, wenn sie mich sehen.«

»Das bildest du dir doch bloß ein«, machte Franka ihm Mut. »Ich hab damals die Sendung verfolgt.« Sie erinnerte sich an die Talkshow, bei der Timo als betroffener Gast eingeladen war. »Elena Kafka, unsere Polizeipräsidentin, steht jedenfalls voll hinter dir.«

»Aber manche meiner Kollegen mobben mich. Nach der Sendung hat man mir eine Stoffpuppe auf den Schreibtisch gelegt. Mit einem Zettel: Für unser Mädchen.«

»Was für eine Frechheit! Das musst du unbedingt Braun erzählen«, empörte sich Franka. »Der knöpft sich die Typen vor. Noch dazu aus dem Kollegenkreis, das kann er sicher nicht leiden. Versprich mir, dass du mit Braun redest.«

»Okay, das mache ich.«

»Und jetzt reg dich nicht weiter auf. Hier hast du frisches Bettzeug.« Franka warf ihm einen Stoß Bettwäsche zu. Geschickt begann Timo, das Bett zu beziehen. Eigentlich hatte sie vorgehabt, ihm von dem geheimnisvollen Motorradfahrer zu erzählen, aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Während sie noch über die rätselhafte Begegnung nachdachte, klingelte ihr Handy. Es war Braun.

»Hallo Braun, woher weißt du, dass ich noch nicht schlafe?«, wunderte sich Franka.

»Ich glaube, du bist wieder bis weit nach Mitternacht mit deiner Maschine unterwegs gewesen«, antwortete Braun. »Irgendwann werden sie dir den Führerschein abnehmen, wenn du wie der schwarze Reiter der Apokalypse durch die Nacht rast.«

»Schön gesagt. Was ist denn so wichtig?«

»Ich hatte vorhin in meiner Radiosendung einen sehr merkwürdigen Anruf«, erzählte Braun. »Kurze Zeit später habe ich einen Karton mit Erde, Maden und einer Haarlocke erhalten.«

»Das klingt ziemlich mysteriös.«

»Aber das ist noch nicht alles. Gleich darauf hat man ein Videofile an den Sender geschickt. Ich leite dir die Mail weiter.«

Sekunden später traf die Nachricht auf Frankas Handy ein.

»Ich schau mir die Datei sofort an. Bleib in der Leitung«, meinte Franka und aktivierte das Video. »O mein Gott, das arme Mädchen! Das sieht ziemlich echt aus. Und wir haben nicht mehr als zwei Stunden, wenn der Countdown stimmt. Was machen wir jetzt?«

»Wir müssen so schnell wie möglich den Standort dieser Erdgrube herausfinden. Ich bin bereits auf dem Weg zu Jan«, umriss Braun die weitere Vorgehensweise.

»Treffen wir uns in seinem Loft?« Franka griff bereits nach ihrem Motorradhelm.

»Nein! Jan arbeitet zu dieser Zeit in dem Luftschutzbunker unterhalb des früheren Frachtenbahnhofs.«

»Wieso das denn?«, wunderte sich Franka.

»Er hat Schlafstörungen, wie wir alle.«

»Das scheint eine Berufskrankheit zu sein«, meinte Franka. »Jan hat doch hoffentlich nicht einen Job als Nacht-Security angenommen?«

»Wo denkst du hin. Er ist Koordinator für die Nachtschicht der Mining Corporation.«

»Ist das ein Unternehmen?«

»Das siehst du selbst, wenn wir dort sind.« Damit trennte Braun die Verbindung.

»Ist was passiert?«, fragte Timo, der gerade aus der Küche kam.

»Wir haben einen Einsatz und müssen sofort los.« Franka sprang auf und ging in den Flur. Sie zog ihre Lederjacke an, holte einen zweiten Motorradhelm aus dem Garderobenschrank und reichte ihn Timo. »Setz den auf.«

»Kannst du mir bitte sagen, worum es geht?«, insistierte Timo.

»Eine junge Frau wurde lebendig in einem Erdloch begraben. Sie stirbt in weniger als zwei Stunden, wenn wir sie nicht rechtzeitig finden.«

Kapitel Fünf

In der Zeit zwischen Mitternacht und frühem Morgen war die Stadt Linz wie ausgestorben, und Braun kam mit seinem Jeep auf der Donaulände schnell voran. Bald hatte er das Gelände des ehemaligen Frachtenbahnhofs von Linz erreicht. Dieser war früher der größte Umschlagplatz Österreichs für Waren aus dem ehemaligen Ostblock gewesen, hatte jedoch mit dem Fall des Eisernen Vorhangs seine Bedeutung eingebüßt. Die Firmen waren abgewandert und die Gebäude mehr und mehr verfallen. Schließlich wurden die leeren Bürokomplexe und Lagerhallen nach und nach abgerissen. Übrig blieb nur noch das gusseiserne Gerippe der Abfertigungshalle, das wie ein skelettiertes urzeitliches Ungeheuer auf dem flachen Gelände in die Höhe ragte. Unter dieser Halle befand sich ein gigantischer Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, in dem zurzeit der größte Online-Handelskonzern Europas sein Rechenzentrum einquartiert hatte.

Braun stoppte seinen Geländewagen vor einem großen Tor aus Maschendraht, das durch einen Schlagbaum versperrt war.

»Polizei! Ich muss dringend zu Jan Faber!«, rief er dem Wachmann zu und hielt ihm seinen Ausweis entgegen.

»Das Gelände darf nicht ohne vorherige Autorisierung durch die Geschäftsleitung betreten werden. Sorry, aber so sind mal unsere Vorschriften«, erklärte der Wachmann.

»Ich scheiße auf Ihre Vorschriften! Das ist ein Notfall!« Braun trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad und beherrschte sich nur mühsam. In seinem Kopf lief eine imaginäre Uhr ab, die Minuten und Sekunden herunterzählte. Sie hatten nicht mehr viel Zeit, um die junge Frau zu finden. »Jan Faber weiß Bescheid.«

Der Wachmann sprach kurz in sein Funkgerät.

»Alles klar, Herr Chefinspektor. Herr Faber erwartet Sie bereits. Bitte parken Sie Ihren Wagen in dem hinteren Bereich für Gäste«, sagte er knapp und zeigte in die Richtung. Als Braun losfuhr, hörte er hinter sich ein tiefes Motorenbrummen. Im Rückspiegel sah er die Moto Guzzi von Franka wie ein schwarzes Raubtier heranrasen. »Die beiden gehören zu mir«, informierte Braun den Wachposten und deutete nach hinten.

Langsam glitten sie über eine Betonpiste auf das Gerippe des Bahnhofs zu. Das kalte Mondlicht beleuchtete die gusseisernen Pfeiler, die sich wie dürre Finger in den nachtschwarzen Himmel reckten und früher einmal das gläserne Dach getragen hatten. Dahinter glitzerten Autodächer wie ein Meer aus Lack und Chrom. Braun steuerte den Jeep auf eine große betonierte Fläche, auf der an die hundert Autos parkten. Er stellte den Jeep in die Nähe des Eisengerüsts und wartete, bis Franka und Timo ihre Helme verstaut hatten.

»Aber wo arbeiten denn die ganzen Menschen? Hier gibt es keine Bürogebäude« staunte Timo und blickte neugierig umher.

»Das ist alles unterirdisch«, erklärte Braun. Er hatte Jan schon ein paar Mal nachts in diesem Bunker besucht. Er ging zu einem Aufzug. Fünf Etagen fuhren sie in die Tiefe, dann gelangten sie in einen Raum von gigantischen Ausmaßen, in dem eine Unzahl blinkender Server stand. Männer und Frauen in schwarzen T-Shirts und Caps standen an Keyboards und kontrollierten Daten, die in rascher Folge über die Bildschirme liefen.

»Ziemlich unheimlich, was machen die hier?«, fragte Franka interessiert.

Ehe Braun antworten konnte, näherte sich vom hinteren Ende des Raums eine Person in einem Rollstuhl. Es war Jan Faber, der als IT-Spezialist seit Jahren freiberuflich für die Polizei arbeitete und jetzt nachts die Server der OTC, der Online-Trade-Corporation, betreute. Jan hatte noch nicht seinen üblichen Dutt geflochten, und seine grauen Haare fielen ihm wie bei einem indischen Guru weit über die Schultern. Braun hob die Hand und klatschte mit Jan ab.

»Cool, endlich wieder bekannte Gesichter zu sehen. Hier unten vereinsamt man manchmal. Gehen wir in mein Büro.« Jan rollte mit kräftigen Armbewegungen auf einen Betonwürfel zu, der zwischen den Servern stand.

»Erklärst du meinem Kollegen schnell, was hier vor sich geht?«, sagte Braun, während sie an den monoton brummenden Servern entlanggingen.

»Na klar. Hier sind alle Kundendaten der OTC gespeichert. IT-Spezialisten aktualisieren und überprüfen diese Daten auf ihre Richtigkeit.«

»Und warum ist dieses Rechenzentrum in einem unterirdischen Bunker?«, fragte Timo.

»Weil es sich um sehr sensible Daten handelt. Dieser Bunker hat dicke Stahlbetonwände. Das erschwert neben den diversen Firewalls zusätzlich einen Hackerangriff. Mein Job ist es, dafür zu sorgen, dass diese Daten nicht in falsche Hände geraten«, erläuterte Jan, als sie den fensterlosen Würfel erreichten und durch eine sich automatisch öffnende Tür ins Innere gelangten. »Hier sind wir ungestört. So, und jetzt zu dem armen Mädchen in der Erdgrube.«

Drinnen war es völlig dunkel, doch als Jan in die Hände klatschte, flammte das Licht auf, und die Computer erwachten zum Leben. »Sehen wir uns das File einmal genauer an.«

Zunächst war nur ein düsterer Wald aus der Perspektive einer unruhig hin und her schwankenden Kamera zu erkennen. Plötzlich tauchte eine Lichtung auf und das Bild wurde statisch. Dann erblickte man eine Gestalt in einem schwarzen, unförmigen Hoodie über die Lichtung stapfen. In der Hand hielt die Person einen Spaten, mit dem sie ein Loch auszuheben begann. Damit war der erste Clip zu Ende. Übergangslos begann das nächste Video. Jetzt war die längliche Grube fertig ausgehoben. Die Gestalt rammte den Spaten in einen Erdhaufen und streckte den behandschuhten Daumen in die Höhe. In Clip drei sah man eine junge Frau mit geschlossenen Augen langsam rückwärts auf die Grube zugehen. Als sie mit einem Fuß ins Leere trat, versetzte ihr der Täter einen Stoß, und sie fiel rücklings in das Erdloch. Eines ihrer Beine war merkwürdig verdreht, und die Kamera zoomte auf ihr schmerzverzerrtes Gesicht. In dem vierten Clip lag die junge Frau in der Grube und Erde prasselte auf ihren Körper. Dann erkannte man blondes Haar in Großaufnahme und eine Schere, die eine Locke abschnitt. Schließlich tauchte das Gesicht der jungen Frau wieder auf, die bis zum Hals in einem Erdgrab steckte und panisch in die Kamera blickte. Plötzlich schob sich ein Textinsert ins Bild: In zwei Stunden bedecken Erde, Maden und Würmer dieses Gesicht. Dann ist sie tot. Das ist meine Wahrheit.

Im nächsten Moment wechselte die Perspektive, die Person drehte sich um und ging direkt auf die Kamera zu.

»Jetzt wird es interessant«, murmelte Jan und zwirbelte seine Haare zu einem Dutt. Mit einem Mal war das Gesicht der Person auf dem Bildschirm formatfüllend zu sehen. Es war kalkweiß und hatte einen dünnen schwarzen Schnurrbart und einen winzigen Kinnbart. Die Augenbrauen waren dick und der Blick eiskalt. Es war eine Maske. Sekunden später war das Gesicht wieder verschwunden, und die Kamera wanderte zurück zu der Grube, wo sich das wachsbleiche Gesicht des Mädchens von der schwarzen Erde abhob.

»Mehr als eine halbe Stunde ist bereits verstrichen«, betonte Braun angespannt und fuhr sich mit beiden Händen durch seine halblangen Haare. »Wir benötigen so schnell wie möglich Hinweise zu dem Standort der Erdgrube.«

»Schaut doch mal! Der Typ trägt eine Guy-Fawkes-Maske, die heute von Gruppierungen wie beispielsweise Occupy Wall Street oder Anonymous verwendet wird«, erklärte Timo aufgeregt und beugte sich nach vorne, um das herangezoomte Standbild zu betrachten.

»Richtig«, sagte Jan, »es ist die Maske, die sich auf die Graphic Novel V für Vendetta bezieht.«

»Vendetta? Du meinst, unser Täter handelt aus Rache?« Franka blickte fragend in die Runde.

»Dem Auftritt der Person nach zu schließen würde ich darauf tippen. Aber man will uns an dieser Rache teilhaben lassen. Und man gibt uns die Chance, die Frau zu retten«, ergänzte Braun.

»Es geht also nicht nur um die Wahrheitsfindung, sondern auch um einen Wettkampf mit der Polizei«, meinte Franka.

»Genau, und die Zeit rennt uns davon.« Braun deutete auf die Uhr am Bildschirm, auf dem die Sekunden unerbittlich abliefen … auf den Tod der Frau zu.

Kapitel Sechs

Franka konnte ihren Blick nicht von den unbarmherzig dahinrasenden Sekunden auf der Digitalanzeige lösen. Schließlich nahm sie ein Post-it und klebte es so auf den Bildschirm, dass sie den Countdown nicht mehr sehen konnte.

»Diese Uhr macht mich ganz nervös«, sagte sie zu Jan, der verständnisvoll nickte. »Wieso machst du eigentlich diesen Job hier unter der Erde?«

»Ich brauche Geld«, erwiderte Jan. »In ein paar Jahren möchte ich mir im Böhmerwald ein altes Bauernhaus kaufen und mich dort von der Welt zurückziehen. Außerdem habe ich Schlafstörungen von den verdammten Phantomschmerzen in den toten Beinen.«

»Bauernhaus klingt gut. Das mit deinen Schmerzen tut mir leid.«

»Ist halb so wild. Ich sehe das positiv. So kann ich jetzt mehrere Jobs gleichzeitig ausüben. Aber genug damit. Wo soll ich mit meiner Datenrecherche starten?«

»Wir brauchen zunächst einen Anhaltspunkt, wo sich diese Grube befinden kann.« Franka setzte sich neben Jan an den Computer. »Kannst du diese Clips in Einzelbilder zerlegen?«, fragte sie Jan.

»Kein Problem.« Jan tippte schnell mehrere Befehle in die Tastatur. »Ich teile den Film in seine Frames, damit wir wissen, in welchem Zeitraum die einzelnen Teile aufgenommen wurden. Vielleicht finden wir so etwas über die Örtlichkeit heraus.«

»Könnte dieser Film nicht ein Fake sein?«, fragte Timo dazwischen.

»Eine Inszenierung?« Franka runzelte die Stirn. »Guter Einwand. Braun, was meinst du denn?«

»Warum sollte man so etwas tun? Und selbst wenn es eine Fake-Show ist und ich mich zum Idioten mache, möchte ich trotzdem nichts unversucht lassen. Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn ich nicht alles unternommen hätte, um das Leben dieser jungen Frau zu retten. Deshalb verschwenden wir keine Zeit. Wir müssen den Ort finden, an dem dieses Mädchen bis zum Hals in der Erde steckt und in zwei Stunden lebendig begraben ist«, setzte Braun einen Schlusspunkt unter die Diskussion.

»Welche Informationen können wir aus dem Video noch gewinnen?«, fragte Franka.

»Ich habe die Datei zu einem Kollegen nach Bangalore in Indien über eine Safe-Cloud geschickt. Salif Khan beschäftigt sich mit Windgeräuschen und der daraus abzuleitenden Beschaffenheit der Vegetation. Vielleicht kann er uns weiterhelfen.«

»Wir sollten auch einschlägige Plattformen überprüfen«, warf Jan ein. Er rollte zu einem anderen Computer und öffnete ein Programm. »Das ist eine spezielle Suchmaschine, die sich durch das Darknet wühlt. Ein Hacker in Kolumbien hat sie entwickelt, damit man die Drogengeschäfte nachverfolgen kann.« Jan tippte Vendetta, Guy Fawkes, Rache, Grab und noch einige andere Suchwörter ein, und sofort tauchten einschlägige Anzeigen für Waffen und professionelle Killer auf.

»Das gibt’s doch gar nicht«, murmelte Braun. »Eine Plattform, wo man Killer mieten kann.«

In rasender Geschwindigkeit scrollte Jan die Anzeigen über den Bildschirm.

»Stopp!« Braun deutete auf den Bildschirm, wo man plötzlich das Maskengesicht groß sehen konnte. Ich räche mich an allen, die weggesehen und gelogen haben, stand darunter zu lesen. »Jetzt wissen wir, dass sich dieser Mensch rächen will. Das ist doch eindeutig.«

»Und die Vorgehensweise ist ziemlich fix«, meinte Jan, nachdem er den Film einige Male angesehen hatte. »Das Video wurde geschnitten und dann in die wichtigsten Kanäle eingestellt.«

»Wie weit seid ihr mit der Analyse?«, fragte Braun und beugte sich zwischen Franka und Timo über den Tisch, um den Bildschirm besser sehen zu können.

»Wir haben uns Bild für Bild durchgeklickt, aber leider noch nichts gefunden«, seufzte Timo.

»Das kann doch nicht sein.« Braun trommelte mit den Fingerspitzen auf die Schreibtischplatte. »Es ist immer etwas aufzuspüren.«

»Okay. Ich sehe nochmals das erste Video durch.« Franka hob das Post-it und warf einen nervösen Blick auf die Uhr im rechten oberen Feld des Monitors, deren Anzeige sich unaufhaltsam dem Endpunkt näherte.

»Salif hat etwas entdeckt!«, rief Jan plötzlich aufgeregt. Auf dem Bildschirm tauchte ein junger Mann mit Turban und Vollbart auf. »Hallo, Jan. Auf dem File sind charakteristische Windgeräusche zu hören. Das haben wir mit unserer Spezial-Software festgestellt. Es gab vor wenigen Stunden einen steifen Nordwind im österreichisch-tschechischen Grenzgebiet. Der ist mit ungefähr fünfundfünfzig Kilometern pro Stunde auf Buschwerk und Bäume geprallt. Diese Windgeschwindigkeit wurde nur in einem bestimmten Bereich des Mühlviertels oberhalb eines Ortes namens Freistadt gemessen.«

»Kannst du das Gebiet weiter eingrenzen?«, fragte Jan.

»Ja, wenn man die Beschaffenheit der Bäume und Farne mit einberechnet, dann ergibt sich ein Radius von zwanzig Quadratkilometern.«

»Das ist ein zu großes Gebiet. Da finden wir das Mädchen nie im Leben.« Braun warf einen Blick auf die Digitalanzeige. »Wir haben nur noch fünfzig Minuten.«

»Komm schon, irgendetwas Prägnantes muss doch noch zu finden sein«, murmelte Franka. Sie spulte den Film vor und zurück, und Timo verlangsamte die Sequenzen mit dem Joystick, wenn Franka ihm ein Zeichen gab.

»Konzentriert euch auf jede Kleinigkeit.« Braun starrte auf den Screenshot, wo das entsetzte Gesicht des Mädchens zu sehen war, umgeben von schwarzer Erde, auf der sich weißliche Maden ringelten. »Halte durch, wir retten dich. Das schaffen wir«, flüsterte er.

»Schaut her!«, rief in diesem Moment Franka aufgeregt. »Ich glaube, ich habe etwas gefunden.«

»Lass sehen!« Alle starrten gebannt auf den Bildschirm, auf dem nur die Lichtung des Waldes und davor die einsame Gestalt mit der Maske zu erkennen waren.

»Timo, fahr noch mal zwei Standbilder zurück«, befahl Franka ihrem Kollegen.

Bild für Bild lief der Film rückwärts. Braun sah die Lichtung und die Gestalt, die jetzt scheinbar in umgekehrter Richtung schaufelte.

»Stopp! Das ist es wieder.« Franka deutete auf den Bildschirm.

Braun trat hinter Franka und starrte auf das grobkörnige Standbild. »Also ich sehe nichts, was uns weiterhelfen kann«, erwiderte er frustriert.

»Konzentriere dich auf den Schatten«, sagte Franka atemlos. »Jan, kannst du das Bild noch etwas vergrößern?«