Verlag: FISCHER E-Books Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

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E-Book-Beschreibung Stirb ewig - Peter James

Holen Sie tief Luft. Gleich wird sie knapp.Seit Tagen ist Michael spurlos verschwunden. Lebendig begraben. Auf irgendeinem gottverlassenen Acker. Ein kleiner Spaß seiner Freunde beim Junggesellenabschied. Die sich diesen Scherz erlaubt haben, sind tot. Seine Braut und sein bester Freund außer sich vor Verzweiflung: Sie wissen von nichts. Wirklich?, fragt sich Inspektor Roy Grace.Ein haarsträubender, nervenaufreibender Thriller, den man einfach bis zum Ende gelesen haben muss.

Meinungen über das E-Book Stirb ewig - Peter James

E-Book-Leseprobe Stirb ewig - Peter James

Peter James

Stirb ewig

Thriller

Aus dem Englischen von Susanne Goga-Klinkenberg

FISCHER E-Books

Inhalt

[Motto]123456789101112131415161718192021222324252627282930313233343536373839404142434445464748495051525354555657585960616263646566676869707172737475767778798081828384858687888990Danksagung

VON EIN PAAR KLEINIGKEITEN ABGESEHEN, funktionierte Plan A bis jetzt ganz ausgezeichnet. Zum Glück, denn eigentlich hatten sie keinen Plan B …

1

… Sie hatten sich darauf verlassen, an einem Maiabend um halb neun noch etwas Tageslicht zu haben. Gestern war es jedenfalls so gewesen, als sie zu fünft dieselbe Strecke gefahren waren, mit vier Spaten bewaffnet und einem leeren Sarg. Doch als sie nun in einem weißen Ford Transit über die Landstraße in Sussex schossen, fiel aus einem Himmel, der wie ein verschwommenes Negativ wirkte, nebliger ­Nieselregen.

»Sind wir bald da?«, fragte Josh mit Kinderstimme.

»Der große Guru sagt, da, wo ich hingehe, werde ich sein«, entgegnete Robbo, der am Steuer saß und fast so betrunken wie die Übrigen war. In drei Pubs in den letzten anderthalb Stunden – vier weitere sollten noch vor ihnen liegen – hatte er sich an eine Mischung aus Bier und Limo gehalten. Aber irgendwie waren auch ein paar Pints Harveys Bitter dazwischengeraten – um einen klaren Kopf fürs Autofahren zu kriegen, wie er sagte.

»Da wären wir!«, verkündete Josh.

»Sag ich doch.«

Ein Wildwechsel-Schild blitzte auf und verschwand, als die Scheinwerfer über den glänzend schwarzen Asphalt glitten, der sich bis zum Wald in der Ferne erstreckte. Sie kamen an einem kleinen, weißen Cottage vorbei.

Michael, der im Laderaum auf einer Karodecke lag mit dem Kopf auf einem Kreuzschlüssel, fühlte sich angenehm benebelt. »Brauch noch waschhh zu trinken«, nuschelte er.

Hätte er seine fünf Sinne beisammen gehabt, wäre ihm aufgefallen, dass mit seinen Freunden etwas nicht stimmte. Er trank meist wenig, hatte an diesem Abend aber mehr Pubs besucht, als gut für ihn war, und seinen Verstand irgendwo zwischen den zahllosen leeren Bier- und Wodkagläsern verloren.

Sie waren alle seit ihrer Teenagerzeit befreundet, und Michael Harrison war immer der geborene Anführer gewesen. Falls das Geheimnis des Lebens darin bestand, seine Eltern klug auszuwählen, hatte Michael das große Los gezogen. Von seiner Mutter hatte er das gute Aussehen, von seinem Vater den Charme und Unternehmergeist geerbt, wobei ihm die selbstzerstörerischen Gene, die seinen Vater letztlich das Leben gekostet hatten, erspart geblieben waren.

Michael war zwölf gewesen, als sich sein Vater in der Garage mit Auspuffgasen vergiftet und einen Berg Schulden hinterlassen hatte. Er wurde schnell erwachsen, trug Zeitungen aus, um seine Mutter zu unterstützen, und arbeitete später in den Schulferien in der Fabrik. Er lernte frühzeitig, wie schwer es war, Geld zu verdienen – und wie leicht man es wieder verlieren konnte.

Mit achtundzwanzig war er ein smarter, anständiger Mann, wenn auch ein wenig zu vertrauensselig und bei besonderen Gelegenheiten mit einem Hang zu albernen Streichen. Letzterer sollte ihm zum Verhängnis werden. Und zwar richtig.

Doch davon ahnte er noch nichts.

Er sank wieder in seliges Vergessen, dachte nur an angenehme Dinge, vor allem an seine Verlobte Ashley. Das Leben war schön. Seiner Mutter ging es, nach dem Tode seines Vaters, wieder gut, seine jüngere Schwester Carly trampte ein Jahr durch Australien, und die Geschäfte liefen unglaublich gut. Vor allem aber würde er in drei ­Tagen die Frau heiraten, die er liebte. Und vergötterte. Seine Seelengefährtin.

Ashley.

Er achtete nicht auf den Spaten, der bei jedem Schlagloch klapperte, während die Reifen über den nassen Asphalt summten und der Regen zunehmend heftiger aufs Wagendach prasselte. Und auch nicht auf die Gesichter seiner beiden Freunde, die mit ihm hinten saßen, hin und her schwankten und atonal Rod Stewart begleiteten, der aus einem knisternden Radio »I am sailing« krächzte. Der ganze ­Wagen stank nach Benzin aus einem lecken Kanister.

»Isch liebe sie«, nuschelte Michael. »Iiisch liebe Ashley.«

»Ein tolles Mädchen«, stimmte Robbo zu, der grundsätzlich seiner Meinung war. Es lag in seiner Natur. Unbeholfen gegenüber Frauen, ein bisschen plump, mit rotem Gesicht, strähnigen Haaren, Bierbauch unter dem T-Shirt, hing Robbo der Gang ständig am Rockzipfel und wollte sich unentbehrlich machen. Heute Abend war er zur Abwechslung mal wirklich unentbehrlich.

»Ja, ist sie.«

»Jetzt gleich«, warnte Luke.

Robbo bremste, als sie die Abzweigung erreichten, und zwinkerte Luke im dunklen Wagen zu.

»Isch meine, isch lieb sie wirklich. Wisst ihr, was isch meine?«

»Wir wissen genau, was du meinst«, sagte Pete.

Josh lehnte sich von hinten gegen den Fahrersitz, einen Arm um Petes Schulter gelegt, nahm einen Schluck Bier und reichte die Flasche an Michael weiter. Schaum quoll aus dem Flaschenhals, als der Lieferwagen scharf bremste. Er rülpste. »Tschuldigung.«

»Was zum Teufel gefällt Ashley bloß an dir?«, fragte Josh.

»Mein Schwanz.«

»Nicht dein Geld? Oder dein Aussehen? Oder dein Charme?«

»Das auch, aber vor allem mein Schwanz.«

Der Lieferwagen schlingerte, als sie scharf nach rechts abbogen, ratterte über ein Viehgitter, dann über das nächste und rollte auf den Feldweg. Robbo spähte durch die beschlagene Scheibe und lenkte den Wagen in die tiefen Furchen. Ein Kaninchen schoss über den Weg und tauchte ins Unterholz. Die Scheinwerfer zuckten hin und her, beleuchteten flüchtig die dichten Nadelbäume, die den Weg säumten. Als Robbo herunterschaltete, veränderte sich Michaels Stimme, eine leise Furcht schwang darin mit.

»Wohin fahren wir?«

»In ein Pub.«

»Okay, super.« Dann: »Isch hab Ashley versprochen, dass isch nicht – nicht – zu viel trinke.«

»Hör mal, du bist noch nicht mal verheiratet und lässt dir schon Vorschriften machen. Noch bist du ein freier Mann. Noch drei Tage.«

»Dreieinhalb«, fügte Robbo bereitwillig hinzu.

»Habt ihr keine Mädchen organisiert?«, wollte Michael wissen.

»Bist du geil?«, erkundigte sich Robbo.

»Isch bleib treu.«

»Dafür sorgen wir schon.«

»Schweinehunde!«

Der Lieferwagen hielt an, setzte zurück, bog noch einmal rechts ab. Dann blieb er wieder stehen. Robbo stellte den Motor ab und damit auch Rod Stewart. »Da wären wir! Nächste Wasserstelle! Zum lustigen Bestatter!«

»Zum nackten Thai-Girl wär mir lieber«, meinte Michael.

»Die haben wir auch dabei.«

Jemand öffnete die hintere Tür, wer, wusste Michael nicht so genau. Unsichtbare Hände packten seine Fußgelenke. Robbo nahm ­einen Arm, Luke den anderen.

»Hey!«

»Mann, bist du schwer«, meinte Luke.

Schon plumpste Michael in seinem Lieblingsjackett und seiner besten Jeans (nicht gerade eine kluge Wahl für einen Junggesellenabend, warnte ein leises Stimmchen in seinem Kopf) auf die durchweichte Erde. Es war stockdunkel, bis auf die roten Hecklichter des Lieferwagens und den weißen Strahl einer Taschenlampe. Regen­nadeln stachen ihm in die Augen, seine Haare klebten nass an der Stirn.

»Meine – Sachen –«

Dann rissen sie ihm die Arme beinahe aus den Achseln, hoben ihn hoch und legten ihn in etwas, das trocken und mit weißem Satin ausgekleidet war und sich eng an seinen Körper schmiegte.

»Hey«, sagte er noch einmal.

Vier betrunkene Schattengesichter grinsten ihn von oben an. ­Jemand drückte ihm eine Zeitschrift in die Hand. Im Schein der ­Taschenlampe erhaschte er einen Blick auf eine nackte Rothaarige mit gigantischen Brüsten. Sie legten ihm eine Whiskyflasche, eine kleine Taschenlampe und ein Walkie-Talkie auf den Bauch.

»Was –?«

»Wir haben den Kanal schon eingestellt«, erklärte Robbo. »Du willst doch nicht mit Fremden plaudern.«

Jemand schob ihm einen übel schmeckenden Gummischlauch, wie sie im Krankenhaus verwendet werden, in den Mund. Als Michael ihn ausspuckte, hörte er ein Kratzen, dann verdeckte etwas die Gesichter. Alle Geräusche verstummten. Der Geruch von Holz, Stoff und Kleber drang in seine Nase. Einen Moment lang fühlte er sich warm und geborgen. Dann kam Panik auf.

»Hey, Leute – was –«

Robbo nahm einen Schraubenzieher zur Hand, während Pete die Taschenlampe auf den Sargdeckel richtete.

»Du schraubst ihn doch nicht fest, oder?«, fragte Luke.

»Und ob!«, meinte Pete.

»Meint ihr wirklich?«

»Ihm geht’s gut«, sagte Robbo. »Er hat doch den Schlauch zum ­Atmen.«

»Ich finde, wir sollten ihn nicht festschrauben!«

»Natürlich – sonst kann er ja raus!«

»Hey –«, sagte Michael.

Doch niemand konnte ihn hören. Und er selbst hörte auch nichts außer einem leisen Schaben über sich.

Robbo nahm sich alle vier Schrauben vor. Es war ein erstklassiger handgefertigter Teakholzsarg mit verzierten Messinggriffen, den er sich im Bestattungsinstitut seines Onkels ausgeliehen hatte, in dem er nun nach einigen beruflichen Umwegen eine Ausbildung zum Einbalsamierer machte. Gute, solide Messingschrauben. Sie ließen sich mühelos anziehen.

Michael sah hoch, seine Nase berührte beinahe den Deckel. Im Licht der Taschenlampe war er von elfenbeinfarbenem Satin umschlossen. Er trat mit den Beinen, sie fanden keinen Spielraum. Er wollte die Arme ausstrecken. Auch kein Platz.

Als er begriff, wo er sich befand, wurde er vorübergehend wieder nüchtern.

»Hey, ihr wisst doch, ich hab Angst vor engen Räumen – das ist nicht witzig! Hey!« Seine Stimme kam als gedämpftes Echo zurück.

Pete öffnete die Wagentür, beugte sich hinein und schaltete die Scheinwerfer ein. Wenige Meter vor ihnen befand sich das Loch, das sie am Vortag ausgehoben hatten, daneben ein Haufen Erde, Seile lagen bereit. Dazu noch eine Wellblechplatte und zwei der Spaten, die sie benutzt hatten.

Die vier Freunde traten an den Rand und spähten hinein. Plötzlich wurde ihnen klar, dass nichts im Leben je so hundertprozentig abläuft, wie man es geplant hat. Das Loch wirkte tiefer, dunkler, mehr wie ein – nun ja, wie ein Grab.

Der Boden glitzerte im Schein der Taschenlampe.

»Da steht Wasser«, meinte Josh.

»Nur ein bisschen Regenwasser«, sagte Robbo.

Josh runzelte die Stirn. »Na, wenn das mal kein Grundwasser ist.«

»Scheiße«, warf Pete ein. Auch in der Freizeit sah er immer wie ein BMW-Verkäufer aus, Stoppelschnitt, schicker Anzug, selbstsicher. Nun wirkte er nicht mehr ganz so selbstsicher.

»Das ist nichts, nur ein paar Zentimeter«, beschwichtigte ihn Robbo.

»Haben wir wirklich so tief gegraben?«, fragte Luke, ein frisch gebackener Anwalt, der erst vor kurzem geheiratet hatte. Er fühlte sich noch nicht ganz erwachsen, akzeptierte aber allmählich die neue Verantwortung.

»Es ist schließlich ein Grab, oder? Wir hatten uns für ein Grab entschieden«, meinte Robbo.

Josh blinzelte in den Regen, der immer stärker fiel. »Aber wenn das Wasser nun steigt?«

»Scheiße, Mann, wir haben es gestern gegraben, und in vierundzwanzig Stunden ist es nur um ein paar Zentimeter gestiegen. Kein Grund also zur Sorge.«

Josh nickte nachdenklich. »Und wenn wir ihn nicht wieder rauskriegen?«

»Klar kriegen wir ihn raus«, sagte Robbo. »Wir müssen nur den Deckel abschrauben.«

»Na los, machen wir weiter, okay?«, meinte Luke.

»Er hat es verdient«, versicherte Pete seinen Freunden. »Luke, weißt du noch, was er bei deinem Junggesellenabend angestellt hat?«

Das würde Luke nie vergessen. Er war im Nachtzug nach Edinburgh aus einem Alkoholrausch aufgewacht und am nächsten Nachmittag mit vierzig Minuten Verspätung vor den Altar getreten.

Auch Pete erinnerte sich nur zu gut. Am Wochenende vor seiner Hochzeit war er in Spitzenunterwäsche und mit umgeschnalltem Dildo an die Clifton-Gorge-Hängebrücke gefesselt worden und ­musste von der Feuerwehr befreit werden. Beide Scherze gingen auf Michaels Konto.

»Typisch Mark, dieser Verpisser«, sagte Pete. »Hat die Sache organisiert, und jetzt ist er verdammt noch mal nicht da …«

»Der kommt. Er wartet im nächsten Pub, er kennt die Strecke.«

»Ach ja?«

»Er hat angerufen und ist unterwegs.«

»Nebel in Leeds, wer’s glaubt«, meinte Robbo.

»Er wartet im Royal Oak auf uns.«

»Verpisser«, sagte Luke. »Der will bloß die harte Arbeit nicht ­machen.«

»Dabei verpasst er den ganzen Spaß«, gab Pete zu bedenken.

»Macht das etwa Spaß?«, fragte Luke. »Im Regen in einem beschissenen Wald rumzustehen? Das versteht ihr unter Spaß? Gott, seid ihr trostlos. Er sollte verflucht noch mal besser herkommen und uns helfen, Michael wieder da rauszuholen.«

Sie hievten den Sarg hoch und wankten damit zum Rand des Grabes, wo sie ihn unsanft auf die quer liegenden Seile fallen ließen. Sie kicherten, als ein dumpfes »Autsch« von innen ertönte.

Dann ein lauter Rums.

Michael hämmerte mit der Faust gegen den Deckel. »Hey, es reicht!«

Pete holte das Walkie-Talkie aus der Tasche und schaltete es ein. »Test!«, rief er, »Test!«

Petes Stimme hallte im Sarg wider.

»Der Spaß ist vorbei!«

»Entspann dich, Michael. Viel Spaß!«

»Lasst mich raus, ihr Schweinehunde! Ich muss pissen!«

Pete schaltete das Walkie-Talkie aus und steckte es in die Tasche seiner Barbour-Jacke. »Also, wie funktioniert das jetzt genau?«

»Wir heben die Seile an, zwei an jeder Seite«, erklärte Robbo.

Pete holte das Walkie-Talkie wieder hervor und schaltete es ein. »Jetzt wirst du abgeseilt, Michael!«

Die vier lachten, dann griff jeder nach einem Seilende.

»Eins … zwei … drei«, zählte Robbo.

»Mann, ist der schwer«, sagte Luke, als sich die Seile mühsam spannten und den Sarg anhoben. Langsam und ruckend wie ein leckes Schiff senkte sich der Sarg in die tiefe Grube. Als er den Boden erreichte, konnten sie ihn kaum noch sehen. Pete leuchtete mit der Taschenlampe in die Grube. Der Atemschlauch hing schlaff aus dem Loch im Deckel.

Robbo griff nach dem Walkie-Talkie. »Hey, Michael, dein Schwanz guckt raus. Hast du Spaß an dem Heft?«

»Leute, der Spaß ist vorbei. Lasst mich raus!«

»Wir gehen jetzt zum Table Dance. Schade, dass du nicht mitkommen kannst!« Robbo schaltete das Gerät aus, bevor Michael noch etwas sagen konnte. Er steckte es ein, griff sich einen Spaten und begann Erde über den Rand zu schaufeln. Begleitet von seinem dröhnenden Gelächter prasselte die Erde auf den Sargdeckel.

Mit einem lauten Juchzen nahm Pete den nächsten Spaten und legte los. Sie schaufelten weiter, vom Alkoholrausch getrieben, bis der Deckel nicht mehr zu sehen war. Der Atemschlauch ragte nur wenige Zentimeter aus der Erde heraus.

»Hey«, rief Luke, »hört auf damit! Je mehr ihr jetzt da reinschaufelt, desto mehr Arbeit haben wir hinterher, wenn wir ihn in zwei Stunden wieder ausgraben müssen.«

»Es ist ein Grab!«, versetzte Robbo. »Und in einem Grab bedeckt man den Sarg mit Erde.«

Luke riss ihm den Spaten aus der Hand. »Es reicht«, sagte er entschieden. »Ich will heute Abend saufen, nicht schaufeln, klar?«

Robbo nickte, er wollte niemanden verärgern. Pete warf schwitzend seinen Spaten weg. »Beruflich könnte ich das jedenfalls nicht machen.«

Sie zogen das Wellblech über die Grube und traten schweigend ­einen Schritt zurück. Der Regen trommelte auf das Metall.

»Okay«, sagte Pete, »nichts wie weg hier.«

Luke vergrub die Hände in den Taschen. Er wirkte mit einem Mal skeptisch. »Wollen wir das wirklich machen?«

»Wir haben uns doch darauf geeinigt, dass wir ihm eine Lektion erteilen«, sagte Robbo.

»Und wenn er an seiner eigenen Kotze erstickt, oder so?«

»So betrunken ist er nun auch wieder nicht«, meinte Josh. »Lasst uns fahren.«

Josh kletterte in den Laderaum, Luke schloss die Türen. Dann quetschten sich die drei Übrigen vorne auf die Sitze, und Robbo ließ den Motor an. Sie fuhren einen knappen Kilometer Feldweg entlang und bogen dann nach rechts auf die Hauptstraße.

Er schaltete das Walkie-Talkie ein. »Wie sieht’s aus, Michael?«

»Hört mal zu, Leute, ich finde das wirklich nicht witzig.«

»Ehrlich nicht?«, fragte Robbo. »Wir schon!«

Luke nahm das Funkgerät. »Rache ist süß, Michael!«

Die vier grölten vor Lachen. Nun war Josh an der Reihe. »Hey, Michael, wir fahren in einen fantastischen Club, wo es tolle Frauen mit nackten Hintern gibt, und sie rutschen an Stangen rauf und runter. Versteh ich gut, dass du sauer bist!«

Michaels nuschelnde Stimme klang ein wenig bittend. »Können wir jetzt bitte aufhören? Das macht wirklich keinen Spaß.«

Robbo sah eine Baustelle vor sich und die grüne Baustellenampel davor. Er trat aufs Gas.

»Hey, Michael, entspann dich, in ein paar Stunden sind wir ja wieder da!«, rief Luke über Joshs Schulter.

»Was soll das heißen, in ein paar Stunden?«

Die Ampel sprang auf Rot. Keine Zeit zum Bremsen. Robbo gab noch mehr Gas und schoss daran vorbei. »Gib mir das Ding«, sagte er, griff nach dem Funkgerät und lenkte das Fahrzeug mit einer Hand in eine lange Kurve. Im schwachen Licht der Armaturenbrettbeleuchtung schaute er hinunter und drückte die Sprechtaste.

»Hey, Michael –«

»ROBBO!«, schrie Luke.

Scheinwerfer. Sie kamen genau auf sie zu.

Blendeten sie.

Dann das lange, tiefe, gefährlich klingende Dröhnen einer Hupe.

»ROOOOOBBBBBBOOOOO!«, brüllte Luke.

Robbo trat in wilder Panik auf die Bremse und ließ das Walkie-Talkie fallen. Das Lenkrad ruckte heftig, als er nach einem Ausweg suchte. Rechts Bäume, links die Baustelle, ein paar Scheinwerfer genau vor der Windschutzscheibe, schmerzhaft grell, die wie eine Lokomotive aus dem strömenden Regen auf ihn zuschossen.

2

WIE DURCH EINEN NEBEL hörte Michael die Schreie, dann einen scharfen Rums, als hätte jemand das Walkie-Talkie fallen lassen.

Dann Stille.

Er drückte die Sprechtaste. »Hallo?«

Nur leeres Rauschen.

»Hallo? Hey, Jungs!«

Immer noch nichts. Er konzentrierte sich auf das Funkgerät. Es war ein rundliches Teil aus schwarzem Plastik mit einer kurzen und einer längeren Antenne, auf dem Sprechteil stand der Name Motorola. Es gab einen Ein-Aus-Schalter, Lautstärkeregler, Kanalsuchlauf und ein winziges grünes Lämpchen, das hell aufleuchtete. Dann starrte er auf den weißen Satin, der nur Zentimeter von seinen Augen entfernt war, bekämpfte die aufsteigende Panik, sein Atem ging schneller und schneller. Er musste pinkeln, und zwar furchtbar dringend.

Wo zum Teufel war er nur? Wo steckten Josh, Luke, Pete und Robbo? Standen sie kichernd um die Ecke? Oder waren die Schweinehunde wirklich in einen Club gefahren? Dann überwältigte ihn wieder der Alkoholrausch, die Panik legte sich. Seine Gedanken wurden bleiern, alles verschwamm. Er schloss die Augen und glitt sanft hinüber in den Schlaf.

Als er wieder wach wurde, blickte er wie durch einen Weich­zeichner auf den weißen Satin. Eine Welle der Übelkeit stieg in ihm auf, warf ihn hoch und ließ ihn wieder fallen. Und auf. Und ­nieder. Er schluckte, ihm war flau, er schloss die Augen und schwamm hin und her, trieb dahin. Das Pinkelbedürfnis ließ nach. Auf einmal war die Übelkeit gar nicht mehr so schlimm. Gemütlich hier drinnen. Einfach nur sanft dahintreiben. Wie in einem großen Bett!

Ihm fielen die Augen zu, und er schlief wie ein Stein.

3

ROY GRACE SASS IN SEINEM altersschwachen Alfa Romeo im Stau, der Regen trommelte aufs Dach, seine Finger aufs Lenkrad, und er achtete kaum auf die CD von Dido, die gerade lief. Er war angespannt. Ungeduldig. Trübsinnig.

Er fühlte sich beschissen.

Morgen würde er vor Gericht erscheinen müssen. Und das bedeutete immer Schwierigkeiten.

Er nahm einen Schluck Evian, schraubte die Flasche zu und steckte sie in die Türablage. »Na, komm schon!«, sagte er und trommelte fester. Er kam bereits vierzig Minuten zu spät zu seiner Verabredung. Er hasste es, zu spät zu kommen, fand es ausgesprochen unhöflich, als wollte man damit sagen: Meine Zeit ist wichtiger als deine, also lasse ich dich warten …

Wäre er eine Minute früher aus dem Büro gegangen, wäre er jetzt nicht so spät dran. Jemand anders hätte den Anruf entgegengenommen, und ein Kollege würde sich mit dem Raubüberfall auf ein Juweliergeschäft in Brighton herumschlagen, den zwei völlig zugedröhnte Punks begangen hatten. Dies gehörte zum Berufsrisiko – Kriminelle hielten sich leider nicht an feste Dienstzeiten.

Eigentlich hätte er heute Abend zu Hause bleiben und sich auf morgen vorbereiten sollen. Er zog die Flasche wieder heraus, trank noch etwas. Sein Mund war wie ausgedörrt. In seinem Magen zuckten bleierne Schmetterlinge.

Seine Freunde hatten ihn in den letzten Jahren wiederholt zu Blind Dates genötigt, und er war jedes Mal als Nervenbündel dort erschienen. Heute Abend war es noch schlimmer als sonst, und er fühlte sich noch zusätzlich unwohl, weil keine Zeit zum Duschen und Umziehen gewesen war. Er hatte sich genau überlegt, was er anziehen wollte, doch dann hatten die Punks alle Pläne durchkreuzt.

Einer von ihnen hatte – zum Glück aus größerer Entfernung – mit einer abgesägten Schrotflinte auf einen Polizisten geschossen, der gar nicht im Dienst und nur zufällig in der Nähe des Juweliergeschäfts war. Roy hatte leider nur zu oft erlebt, was eine Schrotflinte Kaliber 12 aus nächster Nähe mit einem menschlichen Körper anrichten konnte – Gliedmaßen abtrennen oder fußballgroße Löcher reißen. Der Detective namens Bill Green, den Grace kannte, weil sie in derselben Mannschaft Rugby gespielt hatten, war aus etwa dreißig Metern durchsiebt worden. Auf diese Entfernung hätte man höchstens einen Fasan oder ein Kaninchen töten können, nicht aber einen fünf­und­neun­zig Kilo schweren Rugbystürmer in Lederjacke. Bill Greens Jacke hatte den Körper geschützt, aber mehrere Schrotkörner waren in sein Gesicht, darunter in sein linkes Auge, geflogen.

Als Grace zum Tatort kam, waren die Punks bereits verhaftet, nachdem sie sich mit ihrem Fluchtjeep überschlagen hatten. Er war fest entschlossen, sie nicht nur wegen bewaffneten Raubüberfalls, sondern auch wegen versuchten Mordes dranzukriegen. Er fand es entsetzlich, dass immer mehr Kriminelle in Großbritannien zu Schusswaffen griffen und die Polizei zunehmend zwangen, ebenfalls bewaffnet zu gehen. Zu Zeiten seines Vaters wären bewaffnete Polizisten undenkbar gewesen. Heute hatten sie in manchen Städten schon routinemäßig Waffen im Kofferraum. Grace war kein rachsüchtiger Mensch, doch wenn es nach ihm ging, sollte man alle Leute aufhängen, die auf Polizisten oder unbeteiligte Zivilisten schossen.

Auf der Straße rührte sich immer noch nichts. Er warf einen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett, sah hinaus in den Regen, wieder auf die Uhr, auf die leuchtend roten Rücklichter des Wagens vor ihm – der Idiot blendete ihn mit seiner Nebelschlussleuchte. Dann schaute er auf seine Armbanduhr, weil er hoffte, die Uhr im Wagen möge vorgehen. Aber nein, in den letzten zehn Minuten hatte er sich keinen Meter von der Stelle gerührt. Auch aus der Gegenrichtung kam kein einziger Wagen.

Blaue Blitze zuckten im Rückspiegel und in den Seitenspiegeln. Dann ertönte eine Sirene. Ein Streifenwagen schoss vorbei. Dann ein Krankenwagen. Noch ein Streifenwagen, gefolgt von zwei Feuerwehrautos.

Scheiße. Vor ein paar Tagen hatte er hier eine Baustelle gesehen und vermutet, dass sich der Verkehr deswegen staute. Nun aber wurde ihm klar, dass es ein Unfall sein musste, und zwar ein schlimmer, wenn die Feuerwehr herbeigerufen wurde.

Ein weiteres Feuerwehrauto brauste vorbei. Dann noch ein Krankenwagen mit Blaulicht und Sirene. Gefolgt von einem Abschleppwagen.

Wieder schaute er auf die Uhr. Viertel nach neun. Er hätte sie vor einer Dreiviertelstunde in Tunbrige Wells abholen sollen, das auch ohne Stau noch zwanzig Minuten entfernt war.

Terry Miller, ein frisch geschiedener Detective Inspector aus seiner Abteilung, hatte ständig mit seinen Internet-Eroberungen geprahlt und Grace gedrängt, sich ebenfalls auf der Seite registrieren zu lassen. Roy hatte sich geweigert, doch als er plötzlich zweideutige E-Mails bekam, stellte er wutentbrannt fest, dass Terry Miller ihn ohne sein Wissen auf einer Seite namens U-Date angemeldet hatte.

Er konnte sich noch immer nicht erklären, warum er auf eine Mail tatsächlich geantwortet hatte. Einsamkeit? Neugier? Trieb? Er wusste es selbst nicht genau. In den vergangenen acht Jahren hatte er ruhig von Tag zu Tag gelebt. Manchmal versuchte er zu vergessen, dann wieder fühlte er sich schuldig, weil er nicht an sie dachte.

Sandy.

Und nun hatte er plötzlich Gewissensbisse wegen der Verabredung. Sie sah toll aus – jedenfalls auf dem Foto. Ihr Name gefiel ihm auch: Claudine. Klang französisch, irgendwie exotisch. Und das Bild war wirklich heiß! Bernsteinfarbenes Haar; ernstes, hübsches Gesicht; enge Bluse, und Brüste, für die man einen Waffenschein gebraucht hätte. Sie saß im Minirock auf einer Bettkante und ließ erahnen, dass sie spitzenbesetzte Strümpfe und womöglich kein Höschen trug.

Sie hatten nur einmal miteinander telefoniert, wobei sie ihn praktisch durch die Leitung hindurch verführt hatte. Neben ihm lag ein Blumenstrauß, den er an einer Tankstelle gekauft hatte. Rote Rosen, ziemlich kitschig, aber er war nun mal ein unverbesserlicher Romantiker. Die Leute hatten Recht, er musste irgendwie weiterleben. Die Verabredungen, die er in den letzten acht Jahren gehabt hatte, konnte er an den Fingern einer Hand abzählen. Er wollte einfach nicht glauben, dass es noch einmal die Richtige für ihn geben, dass eine Frau es je mit Sandy aufnehmen könnte.

Vielleicht würde sich das heute Abend ändern.

Claudine Lamont. Netter Name, nette Stimme.

Mach deine verdammte Nebelschlussleuchte aus!

Er roch den süßen Blumenduft. Hoffte, dass er selber auch gut roch.

Er schaute im Dämmerlicht des Armaturenbretts und der Rücklichter vor ihm in den Spiegel, ohne zu wissen, was genau er dort zu sehen erwartete. Es war Traurigkeit.

Du musst weiterleben.

Er trank einen Schluck Wasser.

In zwei Monaten wurde er neununddreißig. Und noch ein anderer Jahrestag rückte damit drohend näher. Am 26. Juli wäre Sandy zehn Jahre verschwunden. Spurlos, an seinem neunundzwanzigsten Geburtstag. Ohne Brief. Alles, was ihr gehörte, war noch im Haus, alles, bis auf ihre Handtasche.

Nach sieben Jahren konnte man jemanden offiziell für tot erklären lassen. Alle hatten ihm dazu geraten – seine Mutter im Hospiz, wenige Tage bevor sie an Krebs starb; seine Schwester, seine engsten Freunde, sein Seelenklempner.

Undenkbar.

John Lennon hatte einmal gesagt: Leben ist, was geschieht, wenn du gerade etwas ganz anderes vorhast. Und damit hatte er verdammt Recht.

Er war immer davon ausgegangen, dass er mit neununddreißig eine Familie haben würde. Er hatte von drei Kindern geträumt, am liebsten zwei Jungs und ein Mädchen, und am Wochenende würde er ganz viel mit ihnen unternehmen. Familienurlaub. Ausflüge zum Strand oder in Vergnügungsparks wie Alton Towers. Ballspiele. Reparaturen. Die Kinder baden. Ihnen später bei den Hausaufgaben helfen. All die gemütlichen Dinge, die er mit seinen Eltern gemacht hatte. Stattdessen nagte eine innere Unruhe an ihm, die nur selten von ihm abließ, selbst wenn sie ihn nicht am Schlafen hinderte. War sie lebendig oder tot? Er hatte sieben Jahre und zehn Monate nach ihr gesucht und war der Wahrheit keinen Schritt näher gekommen.

Sein Leben jenseits der Arbeit war leer. Er konnte oder wollte bislang keine neue Beziehung beginnen. Alle Verabredungen waren katastrophal geendet. Manchmal kam es ihm vor, als wäre sein Goldfisch Marlon sein einziger echter Gefährte. Er hatte den Fisch vor neun Jahren an einer Kirmesschießbude gewonnen, und dieser hatte bislang sämtliche Gefährten aufgefressen, die Roy in sein Aquarium setzte. Marlon war ein mürrisches, unsoziales Geschöpf. Vermutlich mochten sie einander deshalb. Sie waren sich ähnlich geworden.

Manchmal wünschte er sich, er hätte einen anderen Beruf, in dem er pünktlich um fünf Uhr Schluss machen, ins Pub und dann nach Hause gehen konnte, um vor dem Fernseher die Füße hochzulegen. Ein normales Leben. Doch er konnte nicht anders. Er besaß eine angeborene Sturheit, die schon seinen Vater geprägt hatte, und sie trieb ihn dazu, ruhelos Fakten zu prüfen und nach der Wahrheit zu suchen. Diese angeborene Sturheit hatte ihn nach oben gebracht, sodass er relativ früh zum Detective Superintendent befördert worden war. Seinen Seelenfrieden hatte er dabei nicht gefunden.

Sein Gesicht schaute ihn aus dem Spiegel an. Er schnitt sich selbst eine Grimasse, seiner platten, schiefen Nase, die er sich bei einer Prügelei gebrochen hatte und die ihm das Aussehen eines Preisboxers verlieh.

Sandy hatte bei der ersten Verabredung gesagt, er habe Augen wie Paul Newman, das hatte ihm unheimlich gefallen. Es war eines von einer Million Dingen, die er an ihr mochte. Wie die Tatsache, dass sie alles an ihm bedingungslos geliebt hatte.

Roy Grace wusste, dass er nicht besonders eindrucksvoll aussah. Mit eins siebenundsiebzig lag er kaum über der für die Polizei vorgeschriebenen Mindestgröße. Doch obwohl er gerne trank und beim Rauchen immer wieder rückfällig wurde, hatte er durch hartes Training im polizeieigenen Fitnessstudio einen kraftvollen Körper entwickelt und hielt sich in Form. Er lief dreißig Kilometer in der Woche und spielte gelegentlich noch Rugby – meist als Außendreiviertel.

Zwanzig nach neun.

Verdammte Scheiße.

Er wollte wirklich nicht lange wegbleiben. Das konnte er sich nicht leisten. Auf keinen Fall. Morgen musste er vor Gericht erscheinen und brauchte seinen Schlaf. Der Gedanke an das bevorstehende Kreuzverhör bereitete ihm Unbehagen. Für die Anklage auszusagen, war anstrengend genug. Dass die Verteidigung mit einer Vorladung drohte, war noch viel schlimmer. Er wusste nicht genau, worum es ging, hatte aber so eine Vorahnung.

Plötzlich breitete sich von oben her ein Lichtkegel aus, und er hörte das Knattern eines Hubschraubers. Dann bewegte sich das Licht nach vorn, und er sah die Lichter des landenden Helikopters.

Er wählte auf dem Handy eine Nummer.

»Hallo, hier Detective Superintendent Grace. Ich stecke im Stau auf der A26 südlich von Crowborough, scheint ein Unfall zu sein – können Sie mir etwas darüber sagen?«

Er wurde mit der Leitstelle verbunden. Eine Männerstimme meldete sich: »Hallo, Detective Superintendent, es gab einen schweren Unfall. Wir haben Berichte über Tote und Eingeschlossene. Die Straße wird noch eine Weile blockiert sein – Sie drehen am besten und nehmen eine andere Strecke.« Roy Grace bedankte sich und hängte ein. Dann zog er sein Blackberry aus der Hemdtasche, suchte Claudines Nummer und schickte ihr eine SMS. Sie antwortete umgehend, er solle sich keine Sorgen machen und kommen, sobald es möglich sei.

Das machte sie noch sympathischer.

Und half ihm, nicht an morgen zu denken.

4

SOLCHE FAHRTEN ERLEBTE ER NUR SELTEN, aber wenn, fand Davey sie ganz toll! Er saß angeschnallt auf dem Beifahrersitz neben seinem Dad, als das Polizeiauto auf der falschen Straßenseite an ihnen vorbeiraste, mit blinkendem Blaulicht, einer Sirene, die wup, wup, wup machte und den ganzen Stau einfach überholte. Mann, das war mindestens so toll wie die Karussells, auf denen er mit seinem Dad gewesen war, sogar wie die in Alton Towers, und das waren die besten überhaupt!

»Juuhuu!«, schrie er übermütig. Davey war süchtig nach amerikanischen Polizeiserien und sprach gern mit amerikanischem Akzent. Manchmal war er aus New York. Oder aus Missouri. Dann wieder aus Miami. Meistens aber aus L.A.

Phil Wheeler, ein Trumm von einem Mann mit ansehnlichem Bierbauch, der seine Arbeitskleidung trug – brauner Overall, abgenutzte Stiefel und schwarze Strickmütze – lächelte seinem Sohn zu. Vor Jahren war seine Frau unter der Last, sich um Davey kümmern zu müssen, zusammengebrochen und hatte ihn verlassen. Siebzehn Jahre lang hatte er ihn allein aufgezogen.

Der Streifenwagen fuhr jetzt langsamer, kam an einer Reihe von Baufahrzeugen vorbei. Auf den Türen des Abschleppwagens und den bernsteinfarbenen Leuchten auf dem Dach war WHEELER’S ABSCHLEPPDIENST zu lesen. Vor ihnen erhellten die zahllosen Scheinwerfer zuerst das zermalmte Vorderteil eines Lieferwagens, das noch halb unter der vorderen Stoßstange des Betonmischers klemmte, und dann den Rest des Fahrzeugs, das platt gequetscht wie eine Coladose in einer zerstörten Hecke lag.

Blaue Lichter zuckten über den nassen Asphalt und das glitzernde Gras am Straßenrand. Löschzüge, Streifenwagen und ein Krankenwagen waren noch vor Ort, überall standen Feuerwehrleute und Polizisten in reflektierenden Westen. Ein Polizist fegte Glassplitter von der Straße.

Die Kamera des Polizeifotografen blitzte. Zwei Ermittler rollten ein Maßband aus. Überall glitzerte Metall und Glas. Phil Wheeler sah einen Kreuzschlüssel, einen Turnschuh, einen Teppich, eine Jacke herumliegen.

»Sieht aber verdammt übel aus, Dad!« Heute Abend also Missouri.

»Und wie.«

Phil Wheeler war im Laufe der Jahre abgehärtet worden, ihn konnte nichts so leicht schockieren. Er hatte so ziemlich alle Tragödien gesehen, die bei Verkehrsunfällen denkbar waren. Zu seinen lebhaftesten Erinnerungen gehörte ein enthaupteter Geschäftsmann, noch in Anzugsjacke, Hemd und Krawatte, der angeschnallt in den Trümmern seines Ferrari saß.

Davey, der gerade sechsundzwanzig geworden war, trug seine Kappe von den New York Yankees mit dem Schirm nach hinten, dazu eine Fleecejacke, Karohemd, Jeans und schwere Stiefel. Davey kleidete sich gern wie die Amerikaner im Fernsehen. Er war auf dem geistigen Stand eines Sechsjährigen und würde es auch bleiben, besaß aber geradezu übermenschliche Kräfte, die seinem Dad oft zugute kamen. Davey konnte mit bloßen Händen Metallblech biegen. Einmal hatte er ganz allein das vordere Ende eines Pkw von einem Motorrad gehoben.

»Sehr übel«, bekräftigte er.

»Meinst du, da sind tote Leute, Dad?«

»Hoffentlich nicht, Davey.«

»Meinst du denn?«

Ein Verkehrspolizist mit Schirmmütze und gelb fluoreszierender Weste trat an den Wagen. Phil kurbelte das Fenster hinunter und erkannte den Beamten.

»’n Abend, Brian. Sieht schlimm aus.«

»Wir warten auf einen Kranwagen für den Lkw. Kannst du den Lieferwagen übernehmen?«

»Kein Problem. Was ist passiert?«

»Frontalzusammenstoß, Lieferwagen und Lkw. Wir brauchen den Wagen am Abstellplatz.«

»Wird erledigt.«

Davey nahm seine Taschenlampe und stieg aus der Fahrerkabine. Während sein Dad mit dem Polizisten redete, beleuchtete er mit der Lampe die Ölspuren und den Schaum auf der Straße. Dann spähte er neugierig zu dem hohen, eckigen Krankenwagen hinauf, dessen Innenbeleuchtung durch die geschlossenen Vorhänge drang, und fragte sich, was wohl dort drinnen passierte.

Es dauerte fast zwei Stunden, bis sie alle Teile des Transits aufgeladen und festgekettet hatten. Sein Dad und Brian, der Verkehrspolizist, gingen ein kurzes Stück und zündeten sich mit dem Sturmfeuerzeug seines Vaters eine Zigarette an. Davey drehte sich mit einer Hand eine Zigarette und zündete sie mit seinem Zippo an. Der Krankenwagen und die meisten anderen Notfallfahrzeuge waren bereits abgefahren, und ein großer Kranwagen zog mit einer Winde das Vorderteil des Betonmischers hoch, bis die Vorderräder – der Reifen auf der Fahrerseite war platt, das Rad verbogen – in der Luft schwebten.

Der Regen ließ nach, durch einen Spalt in den Wolken drang der Dachsmond. Sein Dad und Brian redeten jetzt übers Angeln – welche Köder man um diese Jahreszeit für Karpfen nehmen sollte. Da Davey sich langweilte und überdies pinkeln musste, schlenderte er die Straße hinunter, zog an seiner Selbstgedrehten und hielt Ausschau nach Fledermäusen. Er mochte Fledermäuse, Ratten, Maulwürfe, Mäuse und so. Eigentlich mochte er alle Tiere. Die lachten ihn nie aus, wie die Leute es getan hatten, als er noch in der Schule war. Vielleicht würde er zum Dachsbau gehen, wenn sie zu Hause waren. Er saß gern im Mondlicht da und sah ihnen beim Spielen zu.

Der Lichtstrahl hopste vor ihm her, als er ans Gebüsch trat, den Reißverschluss öffnete und seine Blase in ein Brennnesseldickicht entleerte. Als er gerade fertig war, hörte er unmittelbar vor sich eine Stimme, die ihn fast zu Tode erschreckte.

»Hey, hallo?«

Eine knisternde, körperlose Stimme.

Davey zuckte zusammen.

Dann hörte er die Stimme wieder.

»Hallo?«

»Scheiße!« Er leuchtete ins Unterholz, doch es war niemand zu sehen. »Hallo?«, rief er zurück. Bald darauf erklang die Stimme von neuem.

»Hallo? Hey, hallo? Josh? Luke? Pete? Robbo?«

Davey schwang die Lampe nach links und rechts, dann weiter nach vorn. Ein Rascheln, ein Kaninchenschwanz lugte hervor und verschwand. »Hallo, wer ist da?«

Schweigen.

Atmosphärisches Rauschen. Knistern. Dann erklang die Stimme etwa einen Meter rechts von ihm. »Hallo? Hallo? Hallo?«

Unter einem Busch schimmerte etwas. Er kniete sich hin. Ein Funkgerät mit Antenne. Als er es näher untersuchte, stellte er aufgeregt fest, dass es sich um ein Walkie-Talkie handelte. Davey richtete den Lichtstrahl darauf und betrachtete es, traute sich kaum, es anzufassen. Dann hob er es auf. Das Gerät war schwerer, als es aussah, kalt und nass. Unter einer großen, grünen Taste stand Sprechen.

Er drückte sie und sagte: »Hallo!«

Die Stimme stieß hervor: »Wer ist da?«

Dann rief jemand aus größerer Entfernung seinen Namen.

Sein Dad.

»Ich komme schon!«

Als er auf die Straße trat, drückte er erneut die grüne Taste. »Ich bin Davey. Wer bist du?«

»daaaveeey!«

Wieder sein Dad.

Er ließ vor lauter Panik das Gerät fallen. Es prallte auf die Straße, das Gehäuse zerbrach, die Batterien rollten umher.

»Ich komme schon!«, brüllte er, kniete sich hin, hob das Walkie-Talkie auf und stopfte es in die Tasche. Die Batterien steckte er ebenfalls ein.

»Komme schon, Dad! Musste nur mal pinkeln!«

Er schob die Hand in die Tasche, damit man die Ausbuchtung nicht sah, und lief zurück zum Abschleppwagen.

5

MICHAEL DRÜCKTE DIE SPRECHTASTE. »Davey?«

Stille.

Er drückte erneut. »Davey? Hallo? Davey?«

Weiße, satinglatte Stille. Völlige, undurchdringliche Stille, die von oben kam, anschwoll, ihn von allen Seiten bedrängte. Er wollte die Arme bewegen, doch so sehr er auch drückte, nichts rührte sich. Auch versuchte er, die Beine zu spreizen, traf aber auf dieselben unnachgiebigen Wände. Er legte das Walkie-Talkie auf seiner Brust ab und drückte gegen das Satindach, das sich ganz knapp vor seinen Augen befand. Es war, als drückte er gegen Beton.

Dann richtete er sich so weit wie möglich auf und blinzelte durch den roten Gummischlauch, nichts. Umschloss ihn mit den Fingern, führte ihn an die Lippen und versuchte hineinzupfeifen – das Ergebnis war jämmerlich.

Er ließ sich zurücksinken. In seinem Kopf hämmerte es, er musste immer noch dringend Wasser lassen. Wieder betätigte er die Taste. »Davey! Davey, ich muss pinkeln. Davey!«

Immer noch Stille.

Er segelte seit vielen Jahren und hatte Erfahrung mit Funkgeräten. Versuchs mit einem anderen Kanal, dachte er. Er fand den Kanalsuchlauf, doch der Schalter rührte sich nicht. Er drückte fester, nichts. Dann sah er auch warum – jemand hatte ihn festgeklebt, damit er den Kanal nicht wechseln konnte – unmöglich also, Kanal 16, den internationalen Notrufkanal, zu erreichen.

»Hey! Das reicht, ihr Schweine, ich bin am Ende!«

Er hielt das Walkie-Talkie ans Ohr und wartete.

Nichts.

Er legte es wieder auf seine Brust und tastete mühsam mit der rechten Hand nach unten, bis er die Tasche seiner Lederjacke erreicht hatte. Er holte das Handy heraus. Drückte die Taste, das Display glomm auf. Neue Hoffnung keimte in ihm – bis er sah, dass er keinen Empfang hatte.

»Scheiße.«

Er ging das Telefonbuch durch, bis er auf den Namen seines Geschäftspartners Mark stieß.

Marks Handy.

Trotz des fehlenden Empfangssignals drückte er die Wähltaste.

Nichts geschah.

Mit wachsender Verzweiflung versuchte er es bei Robbo, Pete, Luke und Josh. Dann drückte er wieder die Sprechtaste am Walkie-Talkie. »Leute, könnt ihr mich hören? Verdammt, ich weiß, ihr könnt mich hören!«

Nichts.

Das Handy-Display zeigte dreizehn Minuten nach elf.

Er hob die linke Hand, bis er seine Uhr sehen konnte. Elf Uhr vierzehn. Er versuchte, sich zu erinnern, wann er das letzte Mal auf die Uhr gesehen hatte. Es war mindestens zwei Stunden her. Er schloss die Augen. Grübelte, was genau geschehen sein mochte. Im hellen, beinahe blendenden Licht der Taschenlampe sah er neben sich die Flasche und das Herren-Hochglanzmagazin. Er zog es bis über sein Gesicht, sodass er fast unter den riesigen, glänzenden Brüsten erstickte, die ihm vor den Augen verschwammen.

Ihr Arschlöcher!

Noch einmal drückte er die Sprechtaste. »Sehr witzig. Lasst mich jetzt bitte raus!«

Nichts.

Wo zum Teufel war Davey?

Seine Kehle war wie ausgedörrt. Er musste was trinken. Ihm war schwindlig. Er wollte nach Hause, zu Ashley ins Bett. Sie würden in ein paar Minuten kommen. Er musste nur warten. Morgen würde er sie erreichen. Die Übelkeit von vorhin kehrte zurück. Er schloss die Augen. Alles schwamm. Er trieb dahin. Glitt in den Schlaf.

6

ZUM BESCHISSENEN ABSCHLUSS eines beschissenen Fluges ließ ein lautes Krachen die ganze Maschine erzittern, als die Räder mit exakt fünfeinhalb Stunden Verspätung auf den Asphalt prallten. Während der Flieger gewaltsam abbremste, warf Mark Warren, müde und genervt im zu engen Sitz, dessen Gurt schmerzhaft in seinen Bauch schnitt, der gegen zu viele Brezeln und eine ekelhafte Moussaka rebellierte, auf die er besser verzichtet hätte, einen letzten Blick auf die Fotos des Ferrari 360 aus dem Fahrbericht seines Automagazins.

Ich will dich, Baby, dachte er, irgendwann gehörst du mir! Die Lichter der Landebahn, die im peitschenden Regen verschwammen, zuckten an seinem Fenster vorbei, als das Flugzeug Rollgeschwindigkeit erreicht hatte. Der Pilot meldete sich ganz charmant und zerknirscht über den Lautsprecher und gab dem Nebel die Schuld.

Verdammter Nebel. Verdammtes englisches Wetter. Mark träumte von einem roten Ferrari, einem Haus in Marbella, einem Leben in der Sonne und einer ganz besonderen Frau, mit der er es teilen konnte. Falls er den Immobiliendeal, über den er in Leeds verhandelt hatte, abschloss, wäre er dem Haus und dem Ferrari schon einen Schritt ­näher. Die Sache mit der Frau stand auf einem anderen Blatt.

Müde löste er den Gurt, zog die Aktentasche unter dem Sitz hervor und stopfte die Zeitschrift hinein. Dann stand er auf, mischte sich unter das gemeine Volk in der Kabine, holte den Regenmantel aus der Ablage und ließ die Krawatte auf Halbmast. Mittlerweile war es ihm egal, wie er aussah.

Ganz anders als sein Geschäftspartner, der sich immer nachlässig kleidete, legte Mark gewöhnlich größten Wert auf sein Erscheinungsbild. Doch seine Kleidung wie auch seine Frisur wirkten zu adrett und konservativ für einen Achtundzwanzigjährigen. Was er trug, sah meistens aus wie frisch von der Stange. Er betrachtete sich gern als aristokratisch angehauchten Unternehmer, doch in Wirklichkeit fiel er immer auf, weil er aussah, als wollte er den Leuten etwas verkaufen.

Elf Uhr achtundvierzig. Er schaltete sein Handy ein, doch bevor er einen Anruf tätigen konnte, piepste der Akku, und das Display erlosch. Er steckte das Handy wieder ein. Zu spät, verdammt noch mal, es war viel zu spät. Er wollte nur noch nach Hause ins Bett.

Eine Stunde später parkte er seinen silbernen BMW X5 auf seinem Stellplatz in der Tiefgarage des Van Alen Building. Dann fuhr er mit dem Aufzug in den fünften Stock und betrat seine Wohnung.

Der Kauf der Wohnung hatte seine Mittel strapaziert, doch bedeutete er einen Aufstieg in der Welt. Außer ihm wohnten auch einige VIPs in dem imposanten, im modernen Art-Déco-Stil erbauten Haus an der Seepromenade von Brighton. Das Haus hatte Klasse. Wer im Van Alen wohnte, war wichtig. Und wenn man wichtig war, galt man als reich. Sein ganzes Leben lang hatte Mark nur ein Ziel verfolgt – reich zu werden.

Der Anrufbeantworter blinkte, als er in den großen, offenen Wohnbereich trat, doch er stellte zunächst einmal die Aktentasche ab, schloss das Handy ans Ladegerät an, trat an die Hausbar und goss sich einen ordentlichen Balvenie-Whisky ein. Dann ging er ans Fenster und schaute hinunter auf die Promenade, auf der es trotz des Wetters und der späten Stunde noch von Menschen wimmelte. Dahinter sah er die hellen Lichter des Palace Pier und die tintenschwarze See.

Plötzlich gab das Handy ein schrilles Piepsen von sich. Er ging hin und schaute aufs Display. Scheiße. Vierzehn neue Nachrichten! Er ließ das Handy am Ladegerät und wählte die Nummer der Mailbox. Die erste Nachricht war um sieben Uhr von Pete gekommen, er wollte wissen, wo Mark steckte. Die zweite um Viertel vor acht kam von Robbo, sie seien unterwegs zum nächsten Pub, dem Lamb in Ripe. Die dritte war um halb neun von einem ziemlich abgefüllten Luke und von Josh gekommen, während Robbo sich im Hintergrund zu Wort meldete. Sie zögen vom Lamb ins Dragon an der Uckfield Road.

Die nächsten beiden Nachrichten stammten von dem Immo­bilienmakler, der wegen des Deals in Leeds anrief, und von dessen Firmen­anwalt. Die sechste war um elf Uhr fünf von einer ziemlich besorgten Ashley gekommen. Ihr Tonfall erstaunte ihn, da sie gewöhnlich ruhig und unerschütterlich wirkte.

»Mark, bitte, bitte, bitte, ruf mich an, sobald du das abhörst«, drängte sie mit ihrem weichen nordamerikanischen Akzent. Er ­zögerte und hörte dann die nächste Nachricht ab. Wieder Ashley. In Panik. Und die nächste und übernächste waren ebenfalls von ihr, sie hatte im Abstand von zehn Minuten angerufen. Die zehnte Nachricht kam von Michaels Mutter. Auch sie klang bestürzt.

»Mark, ich habe auch bei dir zu Hause eine Nachricht hinterlassen. Bitte ruf mich sobald wie möglich an, egal wie spät.«

Mark hielt die Mailbox an. Was zum Teufel war passiert?

Der nächste Anruf kam wieder von Ashley. Sie klang beinahe hysterisch. »Mark, es hat einen schrecklichen Unfall gegeben. Pete, Robbo und Luke sind tot. Josh liegt auf der Intensivstation. Und niemand weiß, wo Michael ist. O Gott, Mark, ruf mich bitte ganz dringend an.«

Mark hörte die Nachricht noch einmal ab, weil er seinen Ohren nicht traute. Dann ließ er sich schwer auf die Sofalehne fallen. »Mein Gott.«

Er hörte die beiden übrigen Nachrichten ab. Noch einmal Ashley und Michaels Mutter. Ruf an. Ruf an. Ruf bitte an.

Er trank seinen Whisky aus, goss sich nach, trat ans Fenster. Durch sein geisterhaftes Spiegelbild schaute er auf die Promenade hinunter, dann hinaus aufs Meer. Am Horizont konnte er zwei winzige Lichtpunkte ausmachen, sicher ein Tanker oder Frachter, der den Kanal überquerte.

Wenn mein Flug pünktlich gegangen wäre, hätte ich auch in dem Auto gesessen, dachte er.

Und dachte noch weiter.

Er trank den Whisky aus und setzte sich aufs Sofa. Schon wieder das Telefon. Er starrte aufs Display. Ashleys Nummer. Es klingelte viermal und verstummte. Dann ging sein Handy. Wieder Ashley. Er zögerte und drückte dann die Taste zum Beenden des Gesprächs, um es an die Mailbox weiterzuleiten. Er schaltete das Handy aus und setzte sich wieder, lehnte sich nach hinten, die Füße auf den Hocker, das Glas in beiden Händen.

Die Eiswürfel klapperten; er merkte, dass seine Hände zitterten. Er zitterte am ganzen Körper. Er ging zur Bang-und-Olufsen-Anlage und legte eine Mozart-CD ein. Mozart half ihm beim Nachdenken. Plötzlich gab es eine Menge, über das er nachdenken musste.

Er setzte sich wieder und starrte in den Whisky, konzentrierte sich auf die Eiswürfel, als wären sie Runen, die sein Schicksal verrieten. Erst nach über einer Stunde nahm er das Telefon und wählte.

7

DIE KRÄMPFE KAMEN JETZT HÄUFIGER. Michael konnte gerade noch verhindern, dass er in die Hose machte, indem er die Oberschenkel zusammenpresste, die Luft anhielt und die Augen zukniff. Undenkbar, er hätte ihr Gelächter nicht ertragen, wenn die Schweinehunde zurückkamen und ihn mit nasser Hose vorfanden.

Allmählich überfiel ihn die Klaustrophobie. Der weiße Satin um ihn herum drängte näher und näher an sein Gesicht heran.

Im Licht der Taschenlampe sah Michael, dass es zwei Uhr sie­ben­und­vier­zig war. Scheiße.

Was hatten die verdammt noch mal vor? Zwei Uhr siebenundvierzig. Wo zum Teufel steckten sie? Irgendwo total besoffen in einem Nachtklub?

Er starrte auf den weißen Satin, mit hämmerndem Kopf, ausgedörrtem Mund, zusammengepressten Beinen, unterdrückte die Schmerzen, die von seiner Blase ausstrahlten. Er wusste nicht, wie lange er den Drang noch aufhalten konnte.

Frustriert schlug er mit den Knöcheln gegen den Deckel und brüllte »Hey, ihr Schweinehunde!«

Schaute wieder aufs Handy. Kein Signal. Er klickte sich bis zu Lukes Nummer durch und wählte trotzdem. Ein scharfes Piepsen, auf dem Display erschienen die Worte kein Empfang.

Er tastete nach dem Walkie-Talkie, schaltete es ein und rief erneut die Namen seiner Freunde. Und dann die andere Stimme, an die er sich schwach erinnerte.

»Davey? Hallo, Davey?«

Nur atmosphärisches Rauschen.

Er lechzte verzweifelt nach Wasser, sein Mund war trocken und pelzig. Hatten sie ihm etwas zu trinken dagelassen? Er hob den Kopf, so weit es ging, sah die Flasche aufschimmern, griff nach unten. Famous Grouse Whiskey.

Enttäuscht riss er das Siegel auf, schraubte den Deckel ab und nahm einen Schluck. Einen Moment lang tat die Flüssigkeit ungeheuer gut, verwandelte sich dann in Feuer und brannte in Mund und Kehle. Dennoch fühlte er sich besser. Trank noch einmal. Genoss es, nahm einen dritten Schluck und schraubte die Flasche wieder zu.

Er schloss die Augen. Seine Kopfschmerzen waren einen Tick besser geworden. Das Pinkelbedürfnis ließ nach.

»Schweinehunde …«, murmelte er.

8

ASHLEY SAH AUS WIE EIN GESPENST. Ihr langes, braunes Haar umrahmte ein Gesicht, das ebenso farblos wirkte wie die Gesichter der Patienten in den Betten hinter ihr, die an Infusionsschläuche, Beatmungsgeräte und Monitore angeschlossen waren. Sie lehnte an der Empfangstheke der Intensivstation des Sussex County Hospital und kam Mark in ihrer ganzen Verletzlichkeit noch schöner vor als sonst.

Er war noch benommen von der schlaflosen Nacht, trug aber einen eleganten Anzug und makellose schwarze Gucci-Slipper. Er ging auf sie zu und umarmte sie fest, wobei er über ihre Schulter auf einen Verkaufsautomaten, einen Wasserspender und ein Münztelefon unter einer durchsichtigen Plastikkuppel blickte. In Krankenhäusern wurde ihm immer ganz flau, seit er seinen Vater nach einem beinahe tödlichen Herzanfall besucht und erlebt hatte, wie aus dem ehemals so starken Mann eine zerbrechliche, erbarmungswürdige, nutzlose und verängstigte Erscheinung geworden war. Er drückte Ashley auch, um sich selber Mut zu machen. Neben ihrem Kopf blinkte ein Cursor auf einem grünen Computerbildschirm.

Sie klammerte sich an ihn, als wäre er eine rettende Planke im sturmgepeitschten Ozean. »Oh, Gott, Mark, ich bin so froh, dass du hier bist.«

Eine Krankenschwester telefonierte; es klang, als spräche sie mit einem Angehörigen. Die andere tippte gerade etwas in den Computer ein.

»Das ist furchtbar«, sagte Mark, »unfassbar.«

Ashley nickte und schluckte mühsam. »Ohne deinen Termin wärst du –«

»Ich weiß. Ich muss dauernd dran denken. Wie geht es Josh?«

Ashleys Haar roch frisch gewaschen, in ihrem Atem schwang ein Hauch von Knoblauch mit. Die Mädchen hatten am Vorabend in einem italienischen Restaurant ihren Junggesellinnenabschied gefeiert.

»Nicht gut. Zoe ist bei ihm.« Er folgte mit den Augen ihrem ausgestreckten Finger, quer über mehrere Betten, vorbei an zischenden und klickenden Beatmungsgeräten und blinkenden Digitalanzeigen bis ganz zum Ende der Station, wo er Joshs Frau gebückt auf einem Stuhl sitzen sah. Sie trug ein weißes T-Shirt, Joggingjacke und Schlabberhose, die wirren blonden Locken fielen ihr ins Gesicht.

»Michael ist immer noch nicht aufgetaucht. Wo ist er, Mark? Du musst es doch wissen.«

Als die Krankenschwester das Telefonat beendete, piepste der Apparat erneut. Sie meldete sich.

»Keine Ahnung«, sagte er. »Ich habe nicht die geringste Ahnung.«

Ashley sah ihn eindringlich an. »Aber ihr habt das doch seit Wochen geplant – Lucy sagte, ihr wolltet Michael all die Streiche heimzahlen, die er den Jungs vor der Hochzeit gespielt hat.« Sie wich einen Schritt zurück, schob sich das Haar aus dem Gesicht, und Mark sah, dass ihre Wimperntusche zerlaufen war.

»Vielleicht haben die Jungs es sich in letzter Minute anders überlegt«, meinte er. »Klar, die hatten alle möglichen Ideen, wollten ihm was in die Drinks tun und ihn in irgendeinen Flieger setzen, aber das konnte ich ihnen dann doch noch ausreden – dachte ich jedenfalls.«

Sie lächelte dankbar.

Er zuckte die Achseln. »Ich weiß, dass du Angst hattest, wir könnten etwas Dummes anstellen.«

»Stimmt, ich war total verzweifelt.« Sie warf einen Blick auf die Schwester und zog die Nase hoch. »Wo ist er also?«

»Er war definitiv nicht im Wagen?«

»Auf gar keinen Fall. Ich hab die Polizei angerufen – sie sagen – sie sagen – sie –« Sie brach in Tränen aus.

»Was haben sie gesagt?«

»Dass sie nichts unternehmen«, platzte sie zornig heraus. Dann schluchzte sie weiter, rang um Fassung.

»Sie sagen, er schläft vermutlich irgendwo seinen Rausch aus.«

Mark wollte warten, bis sie sich beruhigt hatte, doch sie weinte weiter. »Vielleicht haben sie ja Recht.«

Ashley schüttelte den Kopf. »Er hatte mir versprochen, sich nicht zu betrinken.«

Mark sah sie fragend an.

»Es war sein Junggesellenabschied. Das macht ihr doch bei solchen Feiern, oder? Euch sinnlos besaufen.«

Mark schaute hinunter auf die grauen Teppichfliesen. »Gehen wir zu Zoe.«

Ashley folgte ihm mit einigem Abstand. Zoe war eine schlanke Schönheit und wirkte noch schlanker, als er ihr die Hand auf die Schulter legte und die Knochen unter dem weichen Stoff der Designer-Joggingjacke spürte.

»Mein Gott, Zoe, es tut mir so Leid.«

Sie zuckte leicht die Achseln.

»Wie geht es ihm?« Mark hoffte, die Sorge in seiner Stimme möge überzeugend klingen.

Zoe drehte sich um und sah ihn an, mit rot geweinten Augen und Tränen auf den ungeschminkten Wangen, die beinahe durchscheinend wirkten. »Sie können nichts für ihn tun. Sie haben ihn operiert, jetzt können wir nur abwarten.«

Mark stand reglos da und schaute auf Josh hinunter, der mit geschlossenen Augen dalag. Sein Gesicht war mit Blutergüssen und Risswunden übersät, das Bett von medizinischen Geräten umgeben. Ein Infusionsschlauch führte in seine Hand, ein undurchsichtiger Schlauch in seine Nase. Sein Mund war von einem dicken Beatmungsschlauch geweitet. Drähte ragten unter der Decke und aus seinem Kopf hervor, die mit Digitalanzeigen und krakeligen Kurven verbunden waren. Das bisschen Haut, das zu sehen war, wirkte alabasterweiß. Sein Freund sah aus wie ein Versuchstier im Labor.

Doch Mark schaute Josh kaum an, sondern betrachtete die Anzeigen, wollte sie deuten. Er dachte daran, wie er in demselben Raum neben seinem sterbenden Vater gestanden hatte, und versuchte sich zu erinnern, wo EKG, Sauerstoffsättigung und Blutdruck angezeigt wurden und was das alles bedeutete.

Und er überlegte. Josh hatte es immer leicht gehabt. Er sah gut aus, hatte reiche Eltern. Er redete über Versicherungen, rechnete andauernd, alles war vorgezeichnet, er kam ihnen ständig mit Fünfjahresplänen, Zehnjahresplänen, Lebenszielen. Er hatte als Erster geheiratet, weil er früh Kinder wollte, damit er sein Leben noch genießen könnte, wenn sie größer wären. Er fand in der süßen, reichen Zoe die perfekte Frau, die zudem fruchtbar war und ihm half, seinen Plan zu verwirklichen, indem sie in schneller Folge zwei ebenso perfekte ­Babys lieferte.

Mark sah sich auf der Station um, musterte Schwestern und Ärzte, merkte sich ihre Positionen und ließ seinen Blick zu dem Infusionsschlauch wandern, der in Joshs Handrücken führte. Gleich neben dem Plastikband mit seinem Namen. Seine Augen wanderten zum Beatmungsgerät, dann zum EKG. Wenn der Herzschlag zu langsam wurde oder die Sauerstoffsättigung nicht mehr in Ordnung war, erklang ein Warnton.

Falls Josh überlebte, hätte er ein Problem – das hatte Mark fast die ganze Nacht beschäftigt, und er war zögernd zu dem Schluss gelangt, dass er dieses Risiko nicht eingehen konnte.

9

DER GERICHTSSAAL1 des Crown Court in Lewes schien Roy Grace eigens dazu entworfen worden zu sein, um die Leute einzuschüchtern und zu beeindrucken, obwohl er im Grunde kein größeres Gewicht als die übrigen Säle im Gebäude besaß. Der georgianische Raum hatte eine hohe, gewölbte Decke, eine Besuchergalerie, alte Eichentäfelung, Sitzbänke und Anklagebank aus dunklem Holz und einen Zeugenstand mit hölzerner Balustrade. Den Vorsitz führte Richter Driscoll mit seiner Perücke, der das Verfallsdatum längst überschritten hatte und in seinem leuchtend roten Stuhl zu schlafen schien, über sich das Wappen mit der Inschrift Dieu et mon droit. Der ganze Raum sah aus wie eine Theaterkulisse und roch wie ein altes Klassenzimmer.

Als Grace in den Zeugenstand trat – wie immer, wenn er vor Gericht erscheinen musste, adrett in blauem Anzug, weißem Hemd, mit dezenter Krawatte und polierten schwarzen Schnürschuhen – sah er besser aus, als er sich tatsächlich fühlte. Zum Teil war dies auf Schlafmangel wegen seiner Verabredung vom Vorabend zurückzuführen, die sich als katastrophal erwiesen hatte, aber er war auch schlichtweg nervös. Er rasselte, die Bibel in der Hand, zum vielleicht tausendsten Mal den Eid herunter und schwor bei Gott, die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen, wobei er sich verstohlen umsah.

Die Geschworenen glichen wie immer einem Haufen Touristen, der auf einem Busbahnhof gestrandet ist. Eine unordentliche, wild zusammengewürfelte Gruppe mit farbenfrohen Pullovern, offenen Hemden und zerknitterten Blusen, darüber ein Meer aus leeren, weißen Gesichtern in Zweierreihen, vor sich Wasserkaraffen, Gläser und einen Wust aus Notizblöcken und losen Blättern. Neben dem Richter stand ein Turm, bestehend aus einem Videorekorder, einem Diaprojektor und einem riesigen Tonbandgerät. Die Stenographin spähte streng hinter einer Batterie elektronischer Apparate hervor. Auf einem Stuhl drehte sich ein Ventilator träge hin und her, ohne die stickige Nachmittagsluft wesentlich zu verbessern. Auf der Besuchergalerie drängten sich Presse und Publikum, nichts lockte die Leute mehr an als ein Mord. Und dies war der Lokalprozess des Jahres.

Der große Triumph von Roy Grace.