Verlag: FISCHER E-Books Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

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E-Book-Beschreibung Stirb schön - Peter James

Der neue Thriller von Peter James mit Detective Superintendent Roy Grace hält Sie in allerschönstem Grauen gefangen. Über die letzte Seite hinaus.Als Tom Bryce die brutale Szene auf seinem Computer sieht, glaubt er noch an einen besonders harten Erotikthriller. Denn vor laufender Kamera wird eine junge Frau ermordet. Doch als er am nächsten Morgen in der Zeitung das Foto der jungen Frau erkennt, weiß er plötzlich, warum die CD, die er durch Zufall im Pendlerzug von London nach Brighton einsteckte, so brisant ist. So brisant, dass er jetzt auch um sein Leben und das seiner Familie fürchten muss.»Ein rasanter Schocker!« Freundin»Äußerst fesselnd weiht der englische Schauspieler, Filmproduzent und Schriftsteller Peter James, 58, die Leser in die persönlichen Abgründe seiner Protagonisten ein. Er gehört absolut zum Besten, was es zur Zeit auf dem Krimimarkt gibt.«Brigitte»Ein Thriller der S-Klasse. Peter James liefert auf jeder seiner 377 Seiten ein Puzzleteilchen, das dem Leser die Lösung ein Stück näher bringt. Es ist fast unmöglich, Stirb schön aus der Hand zu legen. Man hält schon beim Umblättern die Luft an.«Bild am Sonntag

Meinungen über das E-Book Stirb schön - Peter James

E-Book-Leseprobe Stirb schön - Peter James

Peter James

Stirb schön

Thriller

Aus dem Englischen von Susanne Goga-Klinkenberg

Fischer e-books

Für Helen

1

DIE TÜR EINES EHEMALS ELEGANTEN REIHENHAUSES öffnete sich, und eine langbeinige junge Frau in kurzem Seidenkleid, das sich wie eine zweite Haut um ihren Körper schmiegte, trat in die warme Junisonne. Es sollte der letzte Tag ihres Lebens sein.

Vor hundert Jahren hatten die hohen weißen Villen, die nur einen Steinwurf von Brightons Seepromenade entfernt lagen, Londons Schickeria als Wochenenddomizil gedient. Heutzutage verbargen sich hinter den salzzerfressenen Fassaden Appartements und billige Wohnungen. Die Türklopfer aus Messing waren durch Sprechanlagen ersetzt worden, in den Vorgärten hingen die bunten Schilder der Immobilienmakler, und aus den Mülleimern auf dem Gehweg quoll Abfall. Viele der Autos, die sich in den wenigen Parklücken drängten, waren verbeult, rostig und mit Tauben- und Möwendreck bekleckert.

Doch die junge Frau, die lässig die blonden Haare über die Schulter warf, verströmte Klasse. Schicke Sonnenbrille, Glitzerarmband von Cartier, Schultertasche von Anya Hindmarsh, fitnessgestählter Körper, mediterrane Bräune, ein Hauch von Issey Miyake – sie hätte besser zwischen die Verkaufstische von Bergdorf Goodman, in die Bar des Schrager Hotels oder an Bord einer Luxusjacht in St. Tropez gepasst.

Nicht übel für eine Jurastudentin, die eigentlich von einem eher bescheidenen Einkommen hätte leben müssen.

Doch Janie Strettons Vater hatte seine schöne Tochter über die Maßen verwöhnt, nachdem ihre Mutter gestorben war, sodass Bescheidenheit nicht zu ihrem Wortschatz gehörte. Geld verdienen fiel ihr leicht. Ob sie es jedoch in ihrem künftigen Beruf verdienen würde, war eine andere Sache. Der Anwaltsberuf war hart. Sie hatte vier Jahre Studium hinter sich und würde in den kommenden zwei Jahren als Referendarin für einen Scheidungsanwalt in Brighton arbeiten, was ganz okay war, selbst wenn manche Fälle ganz schön bizarr waren.

So wie gestern. Der Klient hieß Bernie Milsin und war ein sanfter Herr in den Siebzigern mit adrettem grauen Anzug und sorgfältig geknoteter Krawatte. Janie hatte still in einer Ecke gesessen, während sich Martin Broom, der fünfunddreißigjährige Sozius, Notizen machte. Mr Milsin beklagte sich, seine drei Jahre ältere Frau gebe ihm erst dann etwas zu essen, wenn er sie zuvor oral befriedigt habe.

»Und das dreimal täglich«, erklärte er Martin Broom. »Das schaffe ich in meinem Alter nicht mehr, die Arthritis in den Knien bringt mich um.«

Janie musste sich das Lachen verkneifen, auch Broom rang sichtlich um Fassung. Also hatten nicht nur Männer abartige Wünsche. Man lernte nie aus, und sie fragte sich manchmal, wo sie mehr gelernt hatte – an der juristischen Fakultät der Sussex University oder an der Hochschule des Lebens.

Kurz vor ihrem rot-weißen Mini Cooper meldete ihr Handy piepsend eine SMS. Sie schaute aufs Display.

Heute Abend. 20.30?

Janie lächelte und bestätigte mit einem kurzen XX. Dann öffnete sie die Wagentür, stieg ein und überlegte kurz, was an diesem Tag auf dem Programm stand.

Ihr Kater Bins hatte einen Knoten auf dem Rücken, der immer größer wurde und den sie unbedingt dem Tierarzt zeigen wollte. Bins war ihr vor zwei Jahren als völlig abgemagerter Streuner zugelaufen. Janie hatte ihn bei sich aufgenommen, und er machte keine Anstalten, sie wieder zu verlassen. Von wegen Unabhängigkeit der Katzen, andererseits hatte sie ihn auch sehr verwöhnt. Bins war anhänglich, und Janie hatte sonst niemanden zum Verwöhnen. Sie würde versuchen, einen Abendtermin zu bekommen. Wenn sie gegen halb sieben beim Tierarzt wäre, bliebe immer noch genügend Zeit.

In der Mittagspause würde sie eine Geburtstagskarte und ein Geschenk für ihren Vater besorgen müssen – er wurde am Freitag fünfundfünfzig. Sie hatte ihn seit einem Monat nicht mehr gesehen, da er geschäftlich in den USA gewesen war. In letzter Zeit schien er nur noch herumzureisen, immer auf der Suche nach der Frau, die seine verstorbene Ehefrau ersetzen könnte. Er erwähnte es nie, doch Janie wusste, dass er einsam war – und sich Sorgen um seine Firma machte, die offenbar schweren Zeiten entgegenging. Und es war nicht wirklich hilfreich, dass sie achtzig Kilometer von ihm entfernt wohnte.

Als sie sich anschnallte, ahnte sie nichts von dem surrenden Motor der Pentax Digitalkamera und dem langen Objektiv, das in zweihundert Metern Entfernung auf sie gerichtet war.

Er beobachtete sie durch das Fadenkreuz und sagte ins Handy: »Sie kommt jetzt.«

»Bist du sicher, dass sie es ist?« Die Stimme klang scharf wie eine stählerne Klinge.

Die Antwort war eigentlich überflüssig. Eine echte Augenweide, dachte er.

»Ja, ganz sicher«, sagte er.

2

»ICH SITZE IM ZUG!«, brüllte der übergewichtige Vollidiot mit dem Babygesicht ihm gegenüber ins Handy. »Im Zug. Z-U-G«, wiederholte er. »Ja, miese Verbindung.«

Sie fuhren in einen Tunnel.

»Scheiße«, sagte der Vollidiot.

Tom Bryce, der gegenüber dem Vollidioten und neben einem Mädchen mit widerlich süßem Parfum saß, das wie wild eine SMS nach der anderen tippte, musste ein Grinsen unterdrücken. Er war ein liebenswürdiger, gut aussehender Mann von sechsunddreißig im eleganten Anzug, mit ernstem und doch jungenhaftem Gesicht und dichtem dunkelbraunen Haar, das ihm ständig in die Stirn fiel. Die Hitze machte ihm zu schaffen, über ihm in der Gepäckablage welkte der Blumenstrauß dahin, den er für seine Frau gekauft hatte. Die Temperatur im Abteil lag bei etwa dreißig Grad, es fühlte sich aber noch heißer an. Im letzten Jahr war er in der 1. Klasse gefahren, die etwas besser klimatisiert oder einfach weniger voll war, doch inzwischen musste er sparen. Dennoch überraschte er Kellie gerne ab und zu mit Blumen.

Als sie kurz darauf aus dem Tunnel herausfuhren, ging der Albtraum weiter. »Das war ein Tunnel!«, bellte der Vollidiot, als wären sie immer noch drin. »Scheiße, das ist nicht zu fassen! Wieso haben die keinen Draht oder so was, um die Verbindung zu halten? Im Tunnel, meine ich. In manchen Autobahntunneln gibt’s das doch schon, oder?«

Tom versuchte, sich auf die E-Mails zu konzentrieren, während er seinen Mac-Laptop auf den Knien balancierte. Wieder eine beschissene Heimfahrt nach einem beschissenen Tag im Büro. Noch über hundert Mails zu beantworten, und es kamen ständig neue rein. Er erledigte sie konsequent jeden Abend, um irgendwie Schritt zu halten. Manchmal schickten Freunde irgendwelche Witze, die er später lesen konnte, oder anzügliche Attachments, die er unmöglich in einem voll besetzten Zug öffnen konnte. Einmal hatte er neben einer prüde wirkenden Frau gesessen und auf eine PowerPoint-Datei geklickt, worauf ein Esel auf dem Monitor erschien, der von einer nackten Blondine oral befriedigt wurde.

Der Zug ratterte, rüttelte und ruckte in kurzen Stößen, als sie durch den nächsten Tunnel fuhren. Es war nicht mehr weit. Der Wind dröhnte über dem halb geöffneten Fenster, das Echo hallte von den schwarzen Wänden wider. Im Abteil roch es nach alten Socken und Ruß. Ein Aktenkoffer vibrierte auf der Gepäckablage über ihm, und er schaute nervös nach oben, ob er nicht die Blumen zerdrückte.

Schweißperlen kullerten ihm den Nacken und an den Rippen hinunter, sammelten sich überall dort, wo sein maßgeschneidertes weißes Hemd noch nicht an der Haut klebte. Er hatte die Anzugjacke ausgezogen und die Krawatte gelockert, am liebsten hätte er auch noch die unbequemen Prada-Slipper abgestreift. Tom hob das feuchte Gesicht, als sie aus dem Tunnel rollten, und roch sofort die süßere, nach Gras duftende Luft der Downlands; in wenigen Minuten würde man auch den Salzhauch des Ärmelkanals spüren. Nach vierzehn Jahren Pendeln konnte Tom sein Zuhause mit geschlossenen Augen wittern.

Er schaute hinaus auf Felder, Bauernhäuser, Hochspannungsmasten, einen Wasserturm, die fernen Hügel, dann wieder auf seine E-Mails. Er las und löschte eine Nachricht seines Verkaufsleiters, beantwortete eine Kundenbeschwerde – noch ein wichtiger Kunde, der wütend war, weil eine Lieferung nicht rechtzeitig zum großen Sommerfest eingetroffen war. Diesmal ging es um Werbekulis, letztes Mal um bedruckte Golfschirme. Die ganze Bestell- und Versandabteilung war ein einziges Chaos – teils wegen des neuen Computersystems, teils weil sie von einem Versager geleitet wurde. Auf diesem schwer umkämpften Markt tat es besonders weh, dass er in nur einer Woche zwei große Kunden – Avis und Apple – an die Konkurrenz verloren hatte.

Ein Wahnsinn.

Seine Firma brach unter der Schuldenlast fast zusammen. Er expandierte zu schnell, arbeitete auf der Überholspur. So wie auch sein Haus unter den Hypotheken ächzte. Er hätte sich von Kellie nie zum Umzug überreden lassen dürfen, denn es ging abwärts mit dem Markt, die Branche litt unter einer Rezession. Nun musste er schwer um seine Liquidität kämpfen. Das Geschäft deckte nicht länger die laufenden Ausgaben. Und trotz aller Mahnungen gab Kellie weiter wie besessen Geld aus. Fast jeden Tag kaufte sie etwas Neues, meist bei Ebay, und da es ihrer Ansicht nach lauter Schnäppchen waren, zählten sie nicht für sie.

Außerdem, erklärte sie, kaufe er sich doch auch immer teure Designerkleidung. Es schien ihr völlig zu entgehen, dass er die Sachen für sein berufliches Auftreten brauchte und sie grundsätzlich im Schlussverkauf erstand.

Tom war dermaßen besorgt, dass er vor kurzem sogar mit einem Freund, der nach seiner Scheidung unter Depressionen gelitten und deswegen eine Therapie gemacht hatte, über das Kaufproblem gesprochen hatte. Bei einigen Wodka Martini, in denen Tom neuerdings öfter Trost suchte, hatte Bruce Watts ihm erzählt, es gebe Leute, die zwanghaft kaufsüchtig, aber therapierbar seien. Tom fragte sich nun, ob Kellie einer solchen Behandlung bedurfte – und wenn ja, wie er das Thema anschneiden sollte.

Der Vollidiot legte wieder los. »Hallo Bill, hier ist Ron. Ron vom Ersatzteillager. Genau der! Wollte dich eben mal kurz auf den neuesten Stand bringen – Scheiße Bill? Hallo –?«

Tom schaute unauffällig hoch. Kein Signal. Göttliche Vorsehung! Manchmal war er wirklich nahe dran, an Gott zu glauben. Dann klingelte das nächste Handy.

Sein eigenes, er spürte das Vibrieren in der Hemdtasche. Er las den Namen des Anrufers und meldete sich, so laut er konnte. »Hallo Schatz, ich bin im Zug! Im Zug! Z-u-g! Er hat Verspätung!« Er lächelte den Vollidioten an – die Rache war süß.

Während er, nun in zivilisierterem Ton, mit Kellie sprach, fuhr der Zug in Preston Park ein, dem letzten Halt vor Brighton. Der Vollidiot griff nach einer winzigen, billig aussehenden Reisetasche und stieg mit einigen anderen Passagieren aus. Erst nachdem Tom sein Gespräch beendet hatte, fiel ihm die CD-ROM auf, die gegenüber auf dem leeren Sitz lag.

Er hob sie auf und suchte nach Hinweisen auf den Besitzer. Die Hülle war aus undurchsichtigem Kunststoff, ohne Etikett oder Beschriftung. Er klappte sie auf und nahm die silberne CD-ROM heraus. Auch nichts. Er würde sie in seinen Laptop einlegen und öffnen, vielleicht fand er so einen Hinweis auf ihren Besitzer. Wenn nicht, würde er sie im Fundbüro abgeben, obwohl der Vollidiot so viel Hilfe eigentlich nicht verdient hatte.

Zu beiden Seiten des Zuges ragte nun eine Kreideböschung empor. Dann tauchten links Häuser und ein Park auf. In wenigen Sekunden würden sie in den Bahnhof von Brighton einfahren. Für die CD-ROM blieb keine Zeit mehr, das würde er später zu Hause erledigen.

Hätte Tom nur die leiseste Ahnung gehabt, welche katastrophalen Folgen dies haben würde, hätte er das verdammte Ding nie angerührt.

3

JANIE BLINZELTE IN DER UNTERGEHENDEN SONNE, um die Uhrzeit vom Armaturenbrett abzulesen, und schaute zur Sicherheit noch einmal auf ihre Armbanduhr. 19.55 Uhr. Herrgott. »Wir sind fast da, Bins«, sagte sie nervös und verfluchte den Verkehr an der Promenade. Wäre sie nur anders gefahren. Sie steckte sich ein Pfefferminzkaugummi in den Mund.

Anders als seine Besitzerin hatte der Kater kein heißes Date und hockte daher seelenruhig in seinem Tragekörbchen auf dem Beifahrersitz. Allerdings schien er ihr den Besuch beim Tierarzt doch ein wenig zu verübeln. Janie legte die Hand auf den Korb, als sie zu schnell um eine Ecke bog, wurde langsamer und schaute sich nach einem Parkplatz um. Hoffentlich hatte sie diesmal Glück.

Sie war viel später dran als erwartet. Ausgerechnet heute hatte ihr Chef sie länger dabehalten, um eine Besprechung für den nächsten Morgen vorzubereiten, bei der es um einen besonders erbitterten Scheidungsfall ging.

Der Klient war ein arroganter, gut aussehender Nichtsnutz, der eine reiche Erbin geheiratet hatte und nun das Beste für sich herausschlagen wollte. Janie hatte ihn von der ersten Begegnung an verabscheut, und obwohl er ein Klient war, betrachtete sie ihn als Parasiten und hoffte insgeheim, dass er keinen Penny bekommen möge. Sie hatte es ihrem Chef gegenüber nicht erwähnt, glaubte aber, dass er ähnlich dachte.

Danach hatte sie über eine halbe Stunde im Wartezimmer gesessen, bevor sie endlich zu Mr Conti hineingerufen wurde. Und die Konsultation hatte wenig erbracht. Cristian Conti, für einen Tierarzt ziemlich jung und cool, hatte den Knoten auf Bins’ Rücken ausgiebig untersucht und dann Janie gebeten, den Kater am nächsten Tag noch einmal in die Praxis zu bringen, weil er eine Biopsie vornehmen wolle. Sie geriet sofort in Panik, doch Mr Conti hatte sich bemüht, ihr die Angst zu nehmen. Dennoch hatte sie Bins mit einem mulmigen Gefühl aus der Praxis getragen.

Sie entdeckte eine kleine Parklücke in der Nähe ihrer Wohnung, bremste und legte den Rückwärtsgang ein.

»Alles okay, Bins? Hast du Hunger?«

In den beiden Jahren ihrer Bekanntschaft hatte sie den rot-weißen Kater mit den grünen Augen und langen Schnurrhaaren sehr lieb gewonnen. Seinen Blick, sein ganzes Verhalten, wenn er sich an sie kuschelte, schnurrte, beim Fernsehen auf ihrem Schoß schlief. Dann und wann bedachte er sie mit einem allwissenden Blick, der beinahe menschlich wirkte. Jemand hatte mal gesagt: Wenn ich mit meiner Katze spiele, frage ich mich manchmal, ob meine Katze nicht mit mir spielt. Recht hatte er.

Der erste Parkversuch schlug fehl, sie startete noch einmal. Auch nicht perfekt, aber es musste reichen. Sie schloss das Faltdach, nahm den Tragekorb und stieg aus, wobei sie noch einmal auf die Uhr sah, als könnte die Zeit wie durch ein Wunder stehen geblieben sein. Was leider nicht der Fall war. Die Uhr zeigte mittlerweile eine Minute vor acht.

Nur noch eine halbe Stunde Zeit, um Bins zu füttern und sich fertig zu machen. Der Mann, den sie später treffen würde, war ein Kontrollfreak, der ihr genau diktierte, wie sie bei jedem Treffen auszusehen hatte. Arme und Beine mussten frisch rasiert sein, sie musste exakt die richtige Menge Issey Miyake an den vorgeschriebenen Stellen auftragen, die Haare immer mit dem gleichen Shampoo und Conditioner waschen und das gleiche Make-up auflegen. Außerdem musste ihre Bikinizone auf den Millimeter exakt getrimmt sein.

Er teilte ihr im Voraus mit, welche Kleidung und welchen Schmuck sie zu tragen hatte und wo genau in der Wohnung sie sich aufhalten musste, wenn er kam. Im Grunde ging es ihr gewaltig gegen den Strich. Sie war immer sehr unabhängig gewesen und hatte sich nie von Männern bevormunden lassen. Und doch, der Typ hatte was. Ein Osteuropäer, derb, kraftvoll gebaut und auffällig gekleidet, so ganz anders als die kultivierten Weichlinge aus der Großstadt, mit denen sie vorher ausgegangen war. Nach nur drei Verabredungen war sie hin und weg. Allein der Gedanke an ihn erregte sie bereits.

Als Janie den Wagen abschloss und zu ihrer Wohnung ging, achtete sie nicht auf den glänzend schwarzen Golf GTI mit getönten Scheiben, der zehn Meter weiter weg parkte und das einzige Auto war, das nicht mit Vogeldung beschmiert war. Drinnen saß ein Mann, der sie durch ein winziges Fernglas beobachtete und dann eine Nummer auf seinem Handy wählte.

4

UM KURZ NACH HALB ACHT fuhr Tom Bryce in seinem silbernen Audi Kombi an den Tennisplätzen und dem offenen, von Bäumen gesäumten Freizeitgelände von Hove Park vorbei. Es wimmelte von Menschen, die ihre Hunde ausführten, Sport trieben, im Gras faulenzten und den Rest des langen Frühsommertages auskosteten.

Tom hatte die Fenster geöffnet, und warme Luft, die nach frisch gemähtem Gras duftete, wogte herein. Dazu erklang die sanfte Stimme von Harry Connick jr., den er liebte, obwohl Kellie ihn blöd fand. Auf Sinatra stand sie auch nicht, weil sie nichts von guten Stimmen hielt; sie stand eher auf so Zeug wie House, Garage oder all die komischen Beats, mit denen er nichts anfangen konnte.

Je länger sie verheiratet waren, desto weniger Gemeinsamkeiten schienen sie zu haben. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann sie sich zuletzt für denselben Film begeistert hatten – und Jonathan Ross am Freitagabend war so ziemlich die einzige Fernsehsendung, die sie sich gemeinsam anschauten. Aber sie liebten einander, da war er sich ganz sicher, und die Kinder zählten mehr als alles andere. Sie waren alles.

Diese Tageszeit genoss er am meisten, die Vorfreude auf seine Familie, die er vergötterte. Und nach der stickigen stinkenden Luft in London empfand er es umso stärker.

Seine Stimmung besserte sich zusehends. Er fuhr über die Kreuzung in den Woodland Drive, auch Straße der Millionäre genannt, der von schönen frei stehenden Häusern gesäumt wurde, von denen viele an einen Wald grenzten. Hier wollte Kellie irgendwann einmal wohnen, doch im Augenblick war das finanziell ausgeschlossen – eigentlich sogar auf lange Sicht, wenn er sich seine wirtschaftliche Lage betrachtete. Tom fuhr weiter nach Westen durch den bescheideneren Goldstone Crescent mit seinen ordentlichen Doppelhäusern und bog nach rechts in die Upper Victoria Avenue.

Woher das »Upper« kam, wusste niemand so genau, da es keine Lower Victoria Avenue gab. Len Wainwright, Toms älterer Nachbar, den er und Kellie insgeheim »die Giraffe« nannten, weil er an die zwei Meter groß war, hatte gemeint, es müsse daran liegen, dass die Straße relativ steil sei. Keine wirklich tolle Erklärung, aber bisher hatten sie auch keine bessere gefunden.

Die Upper Victoria Avenue gehörte zu einem Wohngebiet, das vor etwa dreißig Jahren erschlossen worden war, aber nach wie vor in den Kinderschuhen zu stecken schien. Aus den Platanenschösslingen an der Straße waren noch immer keine richtigen Bäume geworden; der rote Klinker der zweistöckigen Doppelhaushälften wirkte nach wie vor neu; an den Holzbalken der Dachverkleidungen, die an den Tudor-Stil erinnern sollten, hatten sich weder Holzwürmer noch Wind und Wetter zu schaffen gemacht. Es war eine ruhige Straße, mit einigen Läden am oberen Ende, in der fast nur jüngere Paare mit Kindern lebten. Len und Hilda Wainwright bildeten da die einzige Ausnahme. Sie waren auf Anraten eines Arztes aus Birmingham hergezogen, weil die Seeluft angeblich gut gegen Hildas Asthma sei. Tom war allerdings der Meinung, auf die vierzig Zigaretten täglich zu verzichten sei noch weitaus gesünder.

Er parkte den Audi im schmalen Carport hinter Kellies rostigem Espace, nahm Handy, Aktentasche und Blumen und stieg aus. Der Zeitungshändler gegenüber hatte noch geöffnet, ebenso das kleine Fitnessstudio, während Friseur, Haushaltswarengeschäft und Immobilienmakler bereits geschlossen hatten. Zwei aufgetakelte Teenies standen an der Bushaltestelle und teilten sich eine Zigarette. Ihre Miniröcke waren so kurz, dass man fast den Ansatz des Hinterns sehen konnte. Toms Augen blieben einen Moment hängen und tasteten sich über die nackten Beine bis zum Rocksaum, wobei er ein leises Prickeln verspürte.

Dann hörte er, wie die Haustür aufging und Kellie aufgeregt rief: »Daddy ist da!«

Als Marketingfachmann verstand sich Tom aufs Formulieren, doch hätte er den Augenblick beschreiben müssen, wenn er abends nach Hause kam und von den Menschen begrüßt wurde, die ihm mehr als alles auf der Welt bedeuteten, hätten ihm die Worte gefehlt. Er fühlte, wie ihn Freude, Stolz und übergroße Liebe durchströmten. Wenn er einen Augenblick seines Lebens unvergänglich machen könnte, dann diesen, in dem er in der offenen Tür stand und von seinen Kindern umarmt wurde, die Schäferhündin Lady hoffnungsvoll die Leine in der Schnauze hielt, mit der Pfote scharrte und eifrig mit dem Schwanz wedelte. Und dann blickte er in Kellies lächelndes Gesicht.

Sie stand in Jeanslatzhose und weißem T-Shirt da, das Gesicht von blonden Löckchen umrahmt, und schenkte ihm ihr wunderbares Lächeln. Tom gab ihr die Blumen.

Kellie tat, was sie immer tat, wenn sie den rosa, gelben und weißen Strauß entgegennahm. Ihre blauen Augen blitzten vor Freude, sie drehte die Blumen hin und her und sagte »Oh, wow«, als wäre es der schönste Strauß, den sie je bekommen hatte. Sie hielt ihn an die Nase – ihre kleine freche Nase, die er so liebte – und roch daran. »Wow! Seht mal, Rosen! Meine Lieblingsblumen in meinen Lieblingsfarben. Dass du daran gedacht hast, Schatz!« Und dann küsste sie ihn.

An diesem besonderen Abend verweilten ihre Lippen länger als sonst auf seinen.

Ob er heute Glück hatte? Doch dann schob sich eine dunkle Wolke vor sein sonniges Gemüt. Womöglich wollte sie ihn, was Gott verhüten mochte, nur auf einen neuen bescheuerten Kauf vorbereiten, den sie bei Ebay getätigt hatte.

Doch Kellie sagte nichts, als er hereinkam, und es war auch keine Kiste, kein Karton, keine neue technische Spielerei zu entdecken. Als Tom zehn Minuten später seine klebrigen Sachen gegen Shorts und T-Shirt getauscht hatte, war seine Hochstimmung zurückgekehrt.

Max, sieben Jahre, vierzehn Wochen und drei Tage alt, stand auf Harry Potter und Gummiarmbänder mit politischer Botschaft. Stolz trug er das weiße gegen Armut und das schwarz-weiße gegen Rassismus zur Schau.

Tom freute sich, dass sein Sohn Interesse an seiner Umwelt zeigte, selbst wenn er die Bedeutung der Slogans noch nicht ganz verstand. Er saß neben dem Bett in Max’ leuchtend gelb tapeziertem Zimmer und las vor. Es war bereits die zweite Runde durch sämtliche Harry-Potter-Bände, und Max steckte den zerzausten blonden Kopf unter der Harry-Potter-Bettdecke hervor und hörte mit großen Augen zu.

Die vierjährige Jessica interessierte sich im Augenblick nicht fürs Vorlesen, weil sie Zahnschmerzen hatte. Ihr Geheul drang durch die Zimmerwand, da Kellies Versuche, sie zu beruhigen, bislang erfolglos geblieben waren.

Tom las das Kapitel zu Ende, gab seinem Sohn einen Gutenachtkuss, hob noch einen Waggon des Hogwarts Express vom Boden auf und stellte ihn neben die PlayStation ins Regal. Er warf Max noch eine Kusshand zu und schaltete das Licht aus. Dann ging er in Jessicas rosa Zimmer, ein Schrein für die Welt der Barbies. Ihr Gesicht war verzerrt, rot und tränennass. Kellie, die gerade versuchte, ihr vom Grüffelo vorzulesen, zuckte hilflos mit den Achseln. Sie habe gleich am nächsten Morgen einen Termin beim Zahnarzt, meinte sie.

Er umrundete vorsichtig zwei Barbiepuppen und einen Legokran und ging in die Küche, wo es köstlich duftete. Lady lag in ihrem Korb und kaute an einem Knochen, der von einem Dinosaurierbein zu stammen schien. Sie schaute hoffnungsvoll hoch und wedelte erneut mit dem Schwanz. Dann sprang sie aus dem Korb, legte sich auf den Rücken und reckte den Bauch mit den Zitzen in die Luft.

Tom rieb sie mit dem Fuß, während sie genießerisch die Zunge heraushängen ließ. »Später, du altes Luder, versprochen. Wir gehen später raus. Okay?«

Nachdem Kellie damals die Küche gesehen hatte, war das Haus so gut wie gekauft. Die Vorbesitzer hatten ein Vermögen investiert, alles war aus Marmor und gebürstetem Stahl, und Kellie hatte sämtliche technischen Spielereien hinzugefügt, die man kaufen konnte, wenn man das Kreditkartenlimit bis zum Anschlag ausreizte.

Durchs Fenster sah er den Rasensprenger im kleinen, rechteckigen Garten. Auf der Wäscheleine hingen kleine bunte Kleidungsstücke. Darunter lag ein Plastikroller im Gras. In dem kleinen Gewächshaus, um das er sich persönlich kümmerte, gediehen Tomaten, Himbeeren, Erdbeeren und Zucchini.

Am Zaun entdeckte er das lange, trübselige Gesicht der Giraffe. Sein Nachbar war immer draußen, schnitt, trimmte, jätete und goss, seine gebeugte Gestalt erinnerte dabei an einen müden, alten Kranich.

Tom warf einen Blick auf die Bilderwand, die Kunstwerke aus Wasserfarbe und Buntstift zierten, um zu sehen, ob es etwas Neues von Max und Jessica gab. Von Harry Potter einmal abgesehen war sein Sohn völlig autoverrückt und malte meist Dinge mit Rädern. Jessica bevorzugte eigenartige Menschen und noch eigenartigere Tiere, außerdem war auf ihren Bildern immer eine Sonne zu finden. Sie war ein fröhliches Kind, und es tat ihm weh, sie heute so traurig zu sehen.

Er mischte sich einen steifen Polstar-Wodka mit Preiselbeersaft und fügte zerstoßenes Eis aus dem coolen amerikanischen Kühlschrank hinzu. Das »Schnäppchen«« besaß sogar einen in die Tür eingebauten Fernseher. Tom ging mit dem Glas ins Wohnzimmer und überlegte, ob er sich in den Wintergarten setzen sollte, auf den jetzt die Sonne schien, schaltete aber erst einmal den Fernseher ein.

Dann ließ er sich samt Fernbedienung in seinem üppigen Fernsehsessel nieder – dieses Schnäppchen aus dem Internet hatte er tatsächlich einmal für sich selbst gekauft – und blickte auf Kellies jüngste extravagante Neuerwerbung, einen riesigen Flachbildfernseher von Toshiba. Er beanspruchte die halbe Wand und demnächst auch fast die Hälfte von seinem Gehalt, wenn nach einer Holiday-Frist die Ratenzahlungen begannen. Allerdings musste er zugeben, dass der Fernseher bei Sportsendungen einfach klasse war. Wie üblich war er auf den Shoppingkanal QVC eingestellt, Kellies Tastatur lag noch auf dem Sofa.

Er zappte durch die Kanäle und blieb bei den Simpsons hängen. Die Serie hatte ihm schon immer gefallen, und seine Lieblingsfigur war Homer, mit dem er richtig mitfühlen konnte. Er war ein Mann, der stets sein Bestes gab und dabei unweigerlich auf die Nase fiel.

Der Drink tat gut. Tom liebte den Sessel, das ganze Zimmer mit dem Essbereich und dem luftig wirkenden Wintergarten. Er liebte die Fotos von Kellie und den Kindern, die Glasvitrine mit seiner kleinen Sammlung von Golf- und Krickettrophäen.

Tom hörte, wie sich Jessica allmählich beruhigte. Er kippte seinen Wodka hinunter und mischte sich gerade einen neuen, als Kellie in die Küche kam. Trotz ihres müden, ungeschminkten Gesichts war sie noch immer schön und schlank. Daran hatten auch die beiden Schwangerschaften nichts geändert. »Was für ein Tag!« Sie warf die Arme theatralisch in die Luft. »So einen könnte ich auch vertragen.«

Das war ein gutes Zeichen, Alkohol brachte sie in Stimmung. Tom war schon den ganzen Tag über geil gewesen. Er war gegen sechs Uhr aufgewacht und hatte Lust verspürt, wie beinahe jeden Morgen. Und wie üblich hatte er sich in der Hoffnung auf einen Quickie zu Kellie hinübergerollt und sie in die Beinzange genommen. Und wie so oft war alles daran gescheitert, dass eine Tür aufging und kleine Füße auf den Boden patschten.

In seinem Leben begann sich ein Muster abzuzeichnen, dachte Tom. Scheiße im Büro, wachsende Schulden zu Hause und ein Dauerständer.

Er mischte Kellie einen ordentlichen Drink und sah bewundernd zu, wie sie gleichzeitig das Hühnerfrikassee umrührte, den Deckel von einem Topf voller Kartoffeln hob und etwas im Backofen überprüfte. Ihr Geschick in Küchendingen ging über sein Fassungsvermögen. »Geht es Jess besser?«

»Sie musste heute die Diva spielen, aber jetzt ist es besser. Ich habe ihr etwas gegen die Schmerzen gegeben. Wie war es bei dir?«

»Frag lieber nicht.«

Sie küsste ihn. »Das ist ja nichts Neues.«

»Tut mir Leid, ich wollte nicht jammern.«

»Rede gefälligst mit mir darüber, ich bin deine Frau!«

Nun küsste er sie auf die Stirn. »Beim Abendessen. Du bist wunderschön. Du wirst immer schöner.«

Kellie schüttelte grinsend den Kopf. »Nein, das sind bloß deine Augen, hat was mit dem Alter zu tun.« Sie trat einen Schritt zurück und deutete auf sich. »Wie gefällt dir die?«

»Was?«

»Die Latzhose.«

Sein Gesicht verdüsterte sich. »Neu?«

»Ja, ist heute gekommen.«

»Sieht aber gar nicht neu aus.«

»Soll sie ja auch nicht! Die ist von Stella McCartney. Echt cool, was?«

»Pauls Tochter?«

»Ja.«

»Ich dachte, die Sachen sind so teuer«

»Sind sie auch, es war ein Schnäppchen.«

»Natürlich.« Er nahm einen Schluck, ihm war heute nicht nach Streiten zumute.

»Ich habe im Netz nach Urlaubsangeboten gesucht. In der ersten Juliwoche könnten meine Eltern die Kinder nehmen. Passt dir das?«

Tom holte seinen Palm Pilot aus der Tasche und schaute in den Kalender. »In der dritten Juliwoche haben wir eine Messe im Olympia, aber Anfang Juli wäre drin. Allerdings muss es wirklich billig sein. Vielleicht sollten wir uns was in England suchen.«

»Die Preise im Internet sind einfach Wahnsinn! Eine Woche Spanien kommt billiger als zu Hause zu bleiben! Sieh dir die Seiten mal an, ich hab sie notiert. Das kannst du ja nach dem Essen machen. Holly hat einen Freund, der im Internet für zweihundertfünfzig Pfund eine Woche St. Lucia gebucht hat. Wäre die Karibik nicht toll?«

Er legte den Palm Pilot hin, nahm sie in die Arme und küsste sie. »Heute Abend wollte ich dem Computer mal eine Auszeit gönnen – und mich ganz auf dich konzentrieren.«

Sie küsste ihn zurück. »Ich denke ungern an die Entzugserscheinungen, die das hervorrufen würde.« Dann lächelte sie verschmitzt. »Außerdem wollte ich Jamie Oliver sehen, den kannst du doch nicht leiden. Ich glaube, du wärst viel glücklicher, wenn du ein halbes Stündchen oben an deiner kleinen Maschine verbringen würdest.«

»Wohin möchtest du am liebsten reisen, wenn du es dir aussuchen könntest?«

»Dahin, wo es keine schreienden Kinder gibt.«

»Es wäre dir wirklich egal, sie hier zu lassen? Bleibst du dabei? Ganz bestimmt?« Bisher hatte Kellie sich nie von den Kindern trennen wollen.

»Im Moment würde ich sie nur zu gern verkaufen«, sagte sie und kippte ihren »Seabreeze« in einem Zug hinunter.

 

Um kurz nach neun ging Tom nach oben in sein kleines Arbeitszimmer mit Blick zur Straße. Es war taghell. Er liebte die langen Sommerabende, die ihren Höhepunkt noch nicht erreicht hatten. In der Ferne sah er zwischen zwei Dächern das kleine blaue Dreieck des Kanals hervorlugen. Darüber segelte ein Schwarm Stare dahin. Durchs Fenster wogte Grillduft herein, und Tom wurde schon wieder hungrig, obwohl er eben erst gegessen hatte.

Im Fitnessstudio quälte sich ein armes Schwein auf der Hantelbank, der Trainer stand daneben. Dabei fiel ihm ein, dass er, von den Spaziergängen mit Lady einmal abgesehen, seit Monaten kaum Sport getrieben hatte. Zu viele Geschäftsessen, zu viel Alkohol – allmählich wurden einige seiner Lieblingsteile zu eng. Kellie sagte immer, es sei blöd, gegenüber vom Fitnessstudio zu wohnen und nie dorthin zu gehen. Aber das bedeutete auch wieder neue Kosten.

Vielleicht sollte er an diesen schönen Sommerabenden einfach länger mit Lady spazieren gehen. Oder wieder mit Schwimmen anfangen. Einmal die Woche Golf reichte nicht aus, um die Figur zu halten. Er hasste die Männer mit den schwabbeligen Bierbäuchen, die sich in der Umkleidekabine des Golfklubs drängten, weil er nur zu gut wusste, dass er sich selbst in diese Richtung bewegte. Tom hieb sich mit den Fäusten gegen den Bauch. Bis zum Urlaub ist das hier ein Waschbrett!

Er nippte an seinem dritten Glas Sauvignon, und die Sorgen des Tages verschwammen in einem angenehmen Nebel. Er stellte das Glas ab und schaute zu der Webkamera auf seinem Schreibtisch, die er gelegentlich benutzte, um mit seinem Bruder in Australien zu kommunizieren. Er klappte seinen Laptop auf und überflog die eingegangen Mails.

Dann holte Tom die CD-ROM hervor, die der Vollidiot im Zug liegen gelassen hatte, und schob sie in seinen Laptop. Sein Virenschutz prüfte sie, lieferte aber keine Warnung. Er klickte zweimal auf das Icon. Kurz darauf wurde der Bildschirm schwarz. Dann erschien ein kleines Fenster mit der Frage:

Ist diese Mac-Adresse korrekt?ja für Weiter. nein für Beenden.

Tom klickte auf ja, da er davon ausging, dass es sich um ein normales Verständigungsproblem zwischen Windows und Mac handelte. Die nächste Nachricht tauchte auf:

Sehr geehrter Abonnent, herzlich willkommen. Die Verbindung wird hergestellt.

Dann die Worte:

Scarab-Productions

Dann wurde der Monitor wieder hell und zeigte das körnige Bild eines Schlafzimmers. Es sah aus, als schaute man durch eine Überwachungskamera.

Das Zimmer war geräumig, feminin, mit einem schmalen Doppelbett mit Tagesdecke und hübsch angeordneten Kissen, einer schlichten Kommode, einem hohen antiken Spiegel, einer Holztruhe vor dem Bett, einem flauschigen Teppichboden und geschlossenen Jalousien. Zwei Nachttischlampen brannten, und durch einen Spalt einer angelehnten Badezimmertür fiel Licht. An den Wänden hingen einige erotische Schwarz-Weiß-Fotos von Helmut Newton. Gegenüber vom Bett befand sich ein großer Kleiderschrank mit Spiegeltüren, in denen die Schlafzimmertür zu sehen war.

Aus dem Bad tauchte jetzt eine schlanke junge Frau auf, richtete ihre Kleidung, sah nervös auf die Uhr. Sie war elegant und attraktiv, trug ein eng anliegendes schwarzes Kleid, eine schlichte Perlenkette und hatte ein Täschchen in der Hand, als wäre sie unterwegs zu einer Party. Sie erinnerte Tom ein wenig an Gwyneth Paltrow, und er fragte sich flüchtig, ob sie es wohl war; doch als sie sich umdrehte, erkannte er, dass sie ihr nur ähnlich sah.

Sie setzte sich auf die Bettkante und streifte die Pumps ab, wobei sie sich der Kamera überhaupt nicht bewusst zu sein schien. Dann stand sie auf und knöpfte ihr Kleid auf.

Kurz darauf öffnete sich die Schlafzimmertür hinter ihr und ein kleiner, kräftig gebauter Mann mit dunkler Wollmütze, dessen Gesicht nicht zu erkennen war, trat ein. Er war ganz in Schwarz gekleidet und trug Handschuhe. Entweder hatte die Frau ihn nicht gehört oder beachtete ihn nicht. Während er langsam durchs Zimmer auf sie zuging, griff sie nach dem Verschluss der Perlenkette.

Der Mann holte etwas aus seiner Lederjacke, das im Licht aufblitzte, und Tom beugte sich überrascht vor: ein langes Stilett.

Mit zwei Schritten war er bei ihr, schlang einen Arm um ihren Hals und stieß ihr das Stilett in die Brust. Tom erstarrte, so surreal wirkte die Szene. Die Frau keuchte entsetzt. Der Mann zog die Klinge heraus, sie schien mit Blut verschmiert. Dann stieß er wieder und wieder zu, Blut spritzte aus den Wunden.

Die Frau fiel zu Boden. Der Mann kniete sich hin, riss ihr Kleid entzwei, schlitzte den BH mit der Klinge auf und drehte sie brutal auf den Rücken. Ihre Augen waren verdreht, ihre schweren Brüste fielen zur Seite. Er zerfetzte ihre schwarzen Strümpfe und riss sie herunter, starrte einen Moment lang auf ihren hinreißenden nackten Körper und rammte ihr das Stilett knapp über dem Schamhaar in den Bauch.

Tom wurde schlecht, er wollte weg, doch die Neugier zwang ihn hinzusehen. War das alles nur gespielt, das Messer eine Attrappe, das Blut rote Farbe? Wieder und wieder stach der Mann zu.

Tom schoss in die Höhe, als hinter ihm die Tür aufging.

Kellie stand sichtlich beschwipst mit einem Weinglas auf der Schwelle.

»Hast du was Nettes für uns gefunden, Schatz?«

Er knallte den Deckel des Laptops zu.

»Nein«, sagte er mit zitternder Stimme, »nichts – ich –«

Sie legte ihm die Arme um den Hals, Wein schwappte auf den Laptop. »Ssschuldigung!«

Er tupfte es mit einem Taschentuch ab. Dabei schob Kellie die freie Hand unter sein T-Shirt und spielte an einer Brustwarze. »Ich habe beschlossen, dass du für heute genug getan hast. Komm ins Bett.«

»Nur noch fünf Minuten.«

»In fünf Minuten schlaf ich vielleicht schon.«

Er küsste sie. »Zwei Minuten. Okay?«

»Eine!« Sie verließ das Zimmer.

Tom grinste. »Eine Minute, okay.«

Als sich die Tür schloss, klappte er rasch den Deckel des Laptops wieder hoch und drückte eine Taste.

Auf dem Bildschirm erschienen die Worte:

Unbefugter Zugriff. Die Verbindung wurde getrennt.

Er dachte nach. Was zum Teufel hatte er da eben gesehen? Sicher einen Werbetrailer, es konnte nur ein Trailer gewesen sein.

5

DAS WAR DAS SCHÖNSTE GEBURTSTAGSGESCHENK in zweiundfünfzig Jahren! Nichts auf der ganzen Welt konnte damit konkurrieren. Weder der MG Sportwagen mit der rosa Schleife, den Don ihr zum Vierzigsten geschenkt hatte (und den er sich eigentlich nicht leisten konnte), noch die silberne Cartier-Uhr, die sie zum Fünfzigsten von ihm bekommen hatte (und die er sich ebenfalls nicht leisten konnte) oder das wunderschöne Tennisarmband, das er ihr gestern zum Zweiundfünfzigsten geschenkt hatte.

Auch nicht die Woche auf der Grayshott Hall Schönheitsfarm, für die ihre Söhne Julius und Oliver zusammengelegt hatten. Sicher, ein Genuss, aber hielten sie sie vielleicht für übergewichtig?

Egal. Trotz ihrer sechsundsiebzig Kilo Lebendgewicht schwebte Hilary Dupont auf Wolke sieben. Sie trat aus der Tür, wedelte mit Neros Leine und verkündete: »Einen Elternteil zu verlieren, Mr Worthing, mag noch als Unglück durchgehen; aber beide zu verlieren, ist Leichtsinn.« Hilary lebte in Peacehaven, einem Vorort im Osten von Brighton, der von der Küstenstraße bis zu den ländlichen Ausläufern der South Downs reichte und dicht an dicht mit Bungalows und freistehenden Häusern bebaut war, die alle nach dem Krieg errichtet worden waren.

Gleich hinter der Straße begannen die Felder. Hilary, eine etwas übergewichtige, aber auffallend attraktive Blondine, die eine lose Tunika, einen gepunkteten Gymnastikanzug und dazu grüne Gummistiefel trug, redete gestikulierend mit sich selbst, während sie ihren dicklichen schwarzen Labrador von Laternenpfahl zu Laternenpfahl führte. An jedem musste er das Bein heben.

Am Ende bog sie links ab, ließ vorsichtshalber den Lieferwagen einer Glaserei vorbei und überquerte die Straße. An dem Tor, das auf ein leuchtend gelbes Rapsfeld führte, rief sie Nero, der sich gerade anschickte, in einer fremden Garageneinfahrt sein Geschäft zu hinterlassen. Mit ihrer Stimme hätte sie sich auch ohne Mikrofon im Wembley-Stadion bemerkbar gemacht.

»Nero! Wag es nicht! Bei Fuß!«

Der Hund hob den Kopf, sah das offene Tor, lief freudig hindurch und schoss den Hügel hinauf, wo er im dichten Raps verschwand.

Hilary schloss das Tor hinter sich und wiederholte: »Eine Tasche, Mr Worthing, Sie wurden in einer Tasche gefunden.«

Sie glühte förmlich, hatte schon David, Sidonie, Julius, Oliver und ihre Mutter angerufen, um die Neuigkeit zu verkünden, die unglaubliche Neuigkeit, die größte Sensation aller Zeiten. Vor nur einer Stunde war der Anruf von der Southern Arts Dramatic Society gekommen, und man hatte ihr eröffnet, dass sie die Rolle der Lady Bracknell spielen würde!

In fünfundzwanzig Jahren Laientheater bei der Brighton Little Theatre Group hatte sie immer auf den großen Durchbruch gehofft, und nun war er da! Die Southern Arts Dramatic Society war semiprofessionell. Sie führte jeden Sommer ein Open-Air-Stück auf den Wällen von Lewes Castle auf und ging danach auf Tournee, sogar bis nach Cornwall. Das Ensemble war berühmt, es wurde in der Presse besprochen, man würde sie entdecken! Hundertprozentig!

Oh Gott, wenn ihre Nerven sie bloß nicht im Stich ließen. Hilary hatte vor Jahren schon einmal eine kleine Nebenrolle in dem Stück gespielt und konnte noch ganze Passagen auswendig.

Während sie hügelaufwärts stapfte, deklamierte sie immer wieder aus vollem Hals die Passage, die sie für eine der dramatischsten und witzigsten des ganzen Stückes hielt: »Einen Elternteil zu verlieren, Mr Worthing, mag noch als Unglück durchgehen; aber beide zu verlieren, ist Leichtsinn.«

Über ihr brauste eine Maschine im Landeanflug auf Gatwick dahin, und sie musste die Stimme heben, um sich selbst zu hören. »Eine Tasche, Mr Worthing, Sie wurden in einer Tasche gefunden.«

Hilary marschierte weiter, probierte die unterschiedlichsten Betonungen aus und überlegte, wen sie sonst noch anrufen könnte. Nur sechs Wochen bis zur Premiere und noch so viel Text zu lernen!

Dann tauchten erste Zweifel auf. Wenn sie es nun nicht schaffte?

Wenn sie einen Blackout hatte oder vor einem so großen Publikum patzte? Das wäre das Ende aller Hoffnungen!

Aber nein, so etwas würde ihr nicht passieren, immerhin hatte sie Theaterblut in den Adern.

Als sie den Hügelkamm erreichte, war keine Spur von Nero zu entdecken. Überall offenes Ackerland mit vereinzelten Bäumen, ein Stück weiter die nächste Anhöhe, es wehte ein kräftiger Wind, der den Raps und die langen grünen Weizenhalme umbog. Sie formte einen Trichter mit den Händen und rief: »Nero, komm her! Bei Fuß, Nero!«

Kurz darauf stürmte er auf sie zu, wobei ihm etwas Weißes aus der Schnauze baumelte.

Ein Kaninchen, dachte sie, hoffentlich war das arme Ding wenigstens tot. Hilary konnte es nicht ertragen, wenn er verletzte Tiere mitbrachte, die sich angstvoll vor ihr am Boden krümmten.

»Na komm schon, was hast du denn da? Aus! Aus!«

Ein Schauder durchlief sie, als sie vorsichtig näher trat und das leblose weiße Ding anstarrte. Ihr Kiefer klappte herunter.

Dann begann Hilary zu schreien.

6

ROY GRACE MOCHTE KEINE PRESSEKONFERENZEN. Da Polizisten jedoch Staatsdiener waren, hatte die Öffentlichkeit das Recht, über deren Arbeit informiert zu werden. Was er hasste, war die tendenziöse Berichterstattung. Viele Journalisten waren nicht daran interessiert, die Öffentlichkeit zu informieren, sie wollten ihre Zeitungen verkaufen oder Hörer und Zuschauer anlocken. Daher wandelten sie nüchterne Nachrichten in möglichst sensationelle Storys um.

Und wenn die Story immer noch nicht sensationell genug war, konnte man es auch mit einem Seitenhieb auf die Polizei als solche versuchen. Nichts verkaufte sich besser als Fahrlässigkeit, Rassismus oder Unfähigkeit der Ordnungshüter. Besonders beliebt bei den Medien in den letzten Jahren war das Thema missglückte Verfolgungsjagden, bei denen Unbeteiligte von Polizeiautos verletzt oder getötet worden waren.

So wie gestern, als zwei Verdächtige, die einen gestohlenen Wagen fuhren, von einer Brücke gestürzt und im Fluss ertrunken waren.

Darum stand Grace jetzt hier im Besprechungsraum voller Presseleute, für die es nicht genügend Stühle gab. Meist bekannte Gesichter, aber es waren auch ein paar Neulinge von der Lokalpresse dabei, die auf den Sprung zu einer großen Tageszeitung hofften. Einige der Veteranen hingegen schienen nur darauf zu warten, dass sie ins nächste Pub ziehen konnten.

Um zu zeigen, wie ernst die Polizei die Angelegenheit nahm, war auch Assistant Chief Constable Alison Vosper anwesend. Sie war eine attraktive, aber hart wirkende Frau Anfang vierzig mit kurzem blonden Haar, die Chief Constable Jim Bowen, der sich auf einer Tagung befand, vertrat. Außerdem war auch Grace’ direkter Vorgesetzter, Chief Superintendent Gary Weston, gekommen.

Weston war ein entspannt aussehender, charismatischer Typ von neununddreißig, mit dem Grace seit seiner Anfangszeit bei der Polizei befreundet war. Anders als er war Weston schnell aufgestiegen, indem er geschickt agierte und Freundschaften mit einflussreichen Leuten pflegte, stets den Posten des Chief Constable im Blick. Mit seinen Fähigkeiten würde er es in London sogar noch weiter bringen, dachte Grace bewundernd und gänzlich ohne Neid.

Doch Weston hielt sich an diesem Tag geschickt im Hintergrund und überließ Roy Grace das Reden.

Eine bissige junge Reporterin, die keiner der anwesenden Beamten kannte, fragte: »DS Grace, wie ich höre, wurde eine Frau bei einem Autounfall in Newhaven verletzt, ein älterer Herr bei einem Unfall auf der Umgehungsstraße, und wenige Minuten später wurde ein Polizeibeamter von seinem Motorrad geschleudert. Können Sie mir bitte erklären, weshalb Sie die Verfolgung dennoch fortsetzen ließen?«

»Der Unfall in Newhaven ereignete sich, bevor die Polizei die Verfolgung aufnahm«, sagte Grace bedachtsam. »Unmittelbar danach brachten die Beschuldigten einen Land Rover in ihre Gewalt, rammten eine Toyota-Limousine, in der ein älterer Herr saß, und entführten dessen Wagen. Wir wissen, dass mindestens einer der Beschuldigten bewaffnet und gewalttätig war. Somit hing das Leben eines Unschuldigen von unserem Zugriff ab, und ich vertrat die Ansicht, dass es für die Öffentlichkeit gefährlicher sei, sie entkommen zu lassen. Daher beschloss ich, in Sichtweite hinter ihnen zu bleiben.«

»Obwohl das mit dem Tod der beiden endete?«

Ihr Ton brachte Grace auf die Palme, und er musste sich ungeheuer beherrschen, um sie nicht anzuschreien. Er hätte ihr gerne gesagt, dass diese beiden ihre gerechte Strafe erhalten hatten, als sie in einem schlammigen Fluss ertrunken waren. Dass sie vielen Menschen Schaden zugefügt und sogar getötet hatten, und wahrscheinlich hätte ihnen irgendein scheißliberaler Richter auch noch eine milde Gefängnisstrafe gewährt. Doch er musste äußerst vorsichtig sein, um der Meute keine Zitate zu liefern, die dann zu sensationellen Schlagzeilen aufgeblasen wurden.

»Die Todesursache wird im Rahmen einer entsprechenden Untersuchung ermittelt«, erklärte er daher äußerlich völlig ruhig.

Seine Antwort rief ein verärgertes Murmeln hervor, Hände schossen in die Höhe, alle riefen gleichzeitig Fragen in den Raum. Grace sah auf die Uhr und sagte dann entschieden: »Bedauere, mehr kann ich Ihnen heute nicht sagen.«

 

Sein kleines Büro befand sich in einem kürzlich renovierten Art-Déco-Gebäude, das in den Fünfzigern als Krankenhaus für ansteckende Krankheiten gedient hatte und nun die Zentrale der Kriminalpolizei von Sussex beherbergte. Grace setzte sich in den Drehsessel, der wie fast alle Möbel fabrikneu war und sich weder vertraut noch gemütlich anfühlte.

Er rutschte hin und her, spielte mit den Verstellhebeln, war aber immer noch nicht zufrieden. Sein altes Büro in der Polizeiwache von Brighton hatte ihm besser gefallen. Zwar war die Einrichtung dort nicht die neueste gewesen, aber das Büro selbst war geräumiger, und das Gebäude lag im Herzen der Stadt. Hier hockte er in einem seelenlosen Gewerbegebiet am Stadtrand. Lange stille Flure mit nagelneuem Teppichboden, zahllose Büros mit nagelneuen Möbeln, aber keine Kantine! Für jeden Kaffee musste man auf den beschissenen Getränkeautomaten oder die eigene Maschine zurückgreifen. Ein Sandwich bekam man hier ohnehin nirgendwo, da blieb nur der Weg zum Supermarkt gegenüber. So viel zum Thema Planung.

Er warf einen liebevollen Blick auf seine Sammlung alter Feuerzeuge, von denen er mindestens drei Dutzend besaß. Seit Wochen war er so überlastet, dass er gar nicht mehr dazu kam, Antiquitäten- und Trödelmärkte zu besuchen, was eine Lieblingsbeschäftigung von ihm und seiner Frau Sandy gewesen war. Seitdem Sandy verschwunden war, fand er Trost darin, auf den Märkten nach neuen Schätzen zu stöbern.

Roy Grace hatte zurzeit die Aufgabe, alte ungelöste Mordfälle aufzuarbeiten, mit der örtlichen Kripo Kontakt aufzunehmen und nach veränderten Gegebenheiten zu suchen, die eine Wiederaufnahme der Ermittlungen rechtfertigten.

Die meisten Akten kannte er auswendig. Sein ausgezeichnetes Gedächtnis hatte ihm bei Prüfungen schon gute Dienste geleistet. Für ihn symbolisierte jeder Stapel mehr als nur ein Menschenleben und einen Mörder, der nach wie vor auf freiem Fuß war, er stand auch für eine Familie, die keine Ruhe fand, weil es noch immer ein Geheimnis gab und weil der Gerechtigkeit noch immer nicht Genüge getan worden war. Und er wusste auch, dass er für viele die letzte Hoffnung war, da einige Fälle mehr als dreißig Jahre zurücklagen. Nur in einem Fall gab es zurzeit kleine Fortschritte. Bei Tommy Lytle.

Tommy Lytle war Grace’ ältester ungelöster Fall. Der elfjährige Junge war an einem Februarmorgen vor siebenundzwanzig Jahren auf dem Heimweg von der Schule spurlos verschwunden. Damals war die einzige Spur ein Morris-Lieferwagen, dessen Kennzeichen sich ein geistesgegenwärtiger Zeuge notiert hatte. Doch man konnte nie eine Verbindung zum Halter des Wagens herstellen, einem exzentrischen Einzelgänger mit einer Vorstrafe wegen sexuellen Missbrauchs. Vor zwei Monaten nun war Grace unverhofft wieder auf den Lieferwagen gestoßen, als der neue Besitzer, ein begeisterter Oldtimerfan, wegen Trunkenheit am Steuer auffiel.

Die Spurensicherung hatte in den letzten siebenundzwanzig Jahren wahre Quantensprünge zurückgelegt. Die Wissenschaftler prahlten – nicht ganz zu Unrecht –, dass sie mit den modernen DNA-Methoden feststellen könnten, ob ein Mensch jemals einen bestimmten Raum betreten habe, egal wie lange dies zurücklag. Voraussetzung war, dass sie irgendein Beweisstück fanden – eine Hautzelle, die dem Staubsauger entgangen war, ein Haar, eine Stofffaser. Vielleicht auch etwas, das hundertmal kleiner als ein Stecknadelkopf war.

Jetzt hatten sie den Lieferwagen.

Und der ursprüngliche Verdächtige war noch am Leben. Die Spurensicherung hatte den Lieferwagen mit Mikroskopen durchkämmt, bisher aber, wie Grace am Vorabend dem enttäuschenden Laborbericht entnommen hatte, nichts Brauchbares entdeckt. Der einzige Fund war ein menschliches Haar gewesen, doch die DNA stimmte nicht überein.

Aber sie würden in dem verdammten Wagen etwas finden. Grace war entschlossen, ihn notfalls persönlich auseinander zu nehmen und die Teile mit der Pinzette zu untersuchen.

Er nahm einen Schluck aus seiner Wasserflasche und verzog angewidert das Gesicht, weil das Zeug einfach nach gar nichts schmeckte. Grace war dabei, sich das ständige Kaffeetrinken abzugewöhnen. Er schraubte die Flasche zu und starrte auf die dunklen Regenwolken, die tief über dem grauen Dach des Supermarkts hingen, und dachte an morgen.

Morgen war Donnerstag, und an diesem Donnerstag hatte er eine Verabredung. Kein katastrophales Blind Date über eine Internetagentur wie beim letzten Mal, nein, eine richtige Verabredung mit einer schönen Frau. Er freute sich und war zugleich nervös. Was sollte er anziehen? Wohin sollte er mit ihr gehen? Hatten sie sich auch genug zu sagen?

Und er machte sich Sorgen wegen Sandy. Was sie davon halten würde, wenn er sich mit einer anderen Frau traf. Sicher, es war absurd, nach zehn Jahren noch so zu denken, aber er kam einfach nicht dagegen an. So wie er sich auch in jeder Minute seines Lebens fragte, was aus ihr geworden sein mochte. Ob sie noch lebte oder tot war.

Er nahm noch einen großen Schluck, blickte von den wuchernden Papierstapeln auf seinem Schreibtisch zum PC-Bildschirm und den Morgenzeitungen. Die Schlagzeile des Argus schrie ihm förmlich entgegen: ZWEI TOTE BEI VERFOLGUNGSJAGD MIT POLIZEI.

Er ließ die Zeitungen auf den Boden fallen und ging die aktuellen E-Mails durch. Grace war noch dabei, sich mit der neuen Software vertraut zu machen, die viel leichter zu bedienen war als das alte Programm. Er überflog die Vorfälle der letzten Nacht, was er gewöhnlich als Erstes tat, doch die Pressekonferenz hatte diesmal Vorrang gehabt.

Nichts Ungewöhnliches. Der übliche Kram, der mitten in der Woche in Brighton so passierte. Raubüberfälle, Einbrüche, Autodiebstähle, ein bewaffneter Überfall auf einen Lebensmittelladen, eine Kneipenschlägerei, ein häuslicher Streit, einige Verkehrsunfälle ohne Todesopfer, ein Ruf auf ein Feld bei Peacehaven, um ein verdächtiges Objekt zu untersuchen. Keine Kapitalverbrechen, nichts, was ihn hätte interessieren müssen.

Schön. Er war in der vergangenen Woche kaum im Büro gewesen und brauchte Zeit, um den Papierkram aufzuarbeiten.

Grace verband seinen Blackberry-Taschencomputer mit dem normalen PC und überprüfte den Terminkalender. Seine Sekretärin Eleanor Hodgson – oder Managementassistentin, wie man sie im Zuge politischer Korrektheit heute nannte – hatte alle Termine abgesagt, damit er sich auf seinen letzten Fall und ein wichtiges Gerichtsverfahren konzentrieren konnte. Doch der Terminkalender würde sich bald wieder füllen.

Schon klopfte es, und Eleanor trat ein. Sie war Mitte fünfzig, spröde und sachlich und sah aus wie eine Frau, die Grace bei einer Teegesellschaft im Pfarrhaus erwartet hätte – nicht dass er je zu einer eingeladen gewesen wäre. Nach drei Jahren Zusammenarbeit war sie noch immer ausgesucht höflich und ein wenig förmlich, als hätte sie aus unerfindlichen Gründen Angst, ihn zu verärgern.

Sie streckte ihm einen Stapel Papiere entgegen, als wären sie ansteckend. »Oh, hm, Roy, ich – das hier sind die späteren Ausgaben der Morgenzeitungen. Ich dachte, die würden Sie vielleicht interessieren.«

»Was Neues dabei?«

»Immer das Gleiche. Der Guardian zitiert Julia Drake von der unabhängigen Beschwerdestelle der Polizei.«

»Damit hatte ich gerechnet. Selbstgerechte Schlampe.«

Eleanor zuckte ein wenig zusammen und lächelte nervös. »Ich finde, Sie bekommen es ganz schön dicke.«

»Aber das interessiert keinen, oder?« Beim Anblick der Wasserflasche überkam ihn die Gier nach Kaffee. Und einer Zigarette. Und einem Drink. Es war fast Mittag, und er hatte sich fest vorgenommen, erst abends zu trinken, doch heute war ihm danach, diese Regel zu brechen. Die unabhängige Beschwerdestelle der Polizei. Na toll. Wie viel kostbare Zeit würde er in den kommenden Monaten darauf verschwenden? Sicher, es war unvermeidlich gewesen, dass sie sich einschaltete, aber das war ein schwacher Trost.

Das Telefon klingelte. Grace meldete sich und hörte die forsche Stimme des Chief Superintendent mit dem unverkennbaren Manchester-Akzent.

»Gut gemacht, Roy«, sagte Gary Weston und klang mehr denn je wie ein Chef. »Du hast dich gut verkauft.«

»Danke. Dafür habe ich jetzt die unabhängige Beschwerdestelle am Hals.«

»Das regeln wir schon. Hast du um drei Uhr Zeit?«

»Ja.«

»Dann komm in mein Büro, wir setzen einen Bericht auf.«

Grace bedankte sich. Sowie er aufgelegt hatte, klingelte es erneut. Diesmal war es Betty Mallet von der Dienstzentrale, die schon seit einer Ewigkeit dort arbeitete. »Hallo, Roy, wie geht’s denn so?«

»Könnte besser sein.«

»Ich habe eine Anfrage aus Peacehaven, sie brauchen dringend einen leitenden Beamten für eine Tatortbesichtigung. Sind Sie gerade frei?«

Grace stöhnte. Musste sie denn ausgerechnet ihn anrufen? »Was wissen Sie darüber?«

»Eine Frau aus dem Ort ging heute Morgen mit ihrem Hund auf einem Acker zwischen Peacehaven und Piddinghoe spazieren. Der Hund rannte weg und kam mit einer menschlichen Hand zurück. Die Polizei ist mit Suchhunden vor Ort, sie haben weitere Leichenteile gefunden. Wie es scheint, liegen sie noch nicht lange dort.«

»Okay«, sagte er und warf einen gottergebenen Blick auf die Einsatztasche, »geben Sie mir die genaue Lage durch, ich bin in zwanzig Minuten dort.«

7

SIE LACHTEN ÜBER IHN, als er die Straße entlangging. Der Wetterfrosch spürte es in den Knochen, so wie manche Leute Kälte oder Feuchtigkeit in den Knochen spürten. Darum vermied er auch jeden Augenkontakt.

Er spürte, wie sie stehen blieben, glotzten, sich umdrehten, auf ihn zeigten, flüsterten, aber das war ihm egal. Er war es gewohnt, man hatte ihn schon immer ausgelacht, jedenfalls in jenem Abschnitt seiner achtundzwanzig Lebensjahre auf diesem Planeten, an den er sich bewusst erinnerte. Er war sich ziemlich sicher, dass es auf dem früheren Planeten anders gewesen war, aber sie hatten seine Erinnerung daran gelöscht.

»Viking, Utsira-Nord, Utsira-Süd, Südwest 4 oder 5, nordwestschwenkend, zeitweise 5 bis 7«, sagte er im Gehen zu sich selbst. Er war ungehalten, weil man ihn zu dieser Zeit aus dem Büro geholt hatte, ausgerechnet in der Mittagspause. »Sturm 8 im Raum Viking, Schauer, abschwächend. Mäßig oder gut. Forties, Tief 5 bis 7, auf Nordwest drehend 7 bis schwerer Sturm Stärke 9, später nach Südwest drehend 4 bis 5. Schauer, später Regen. Mäßig oder gut.«

Er sprach rasch, ohne sich wirklich auf die Vorhersage zu konzentrieren, während sein Gehirn sich durch eine Reihe von Algorithmen für ein neues Programm arbeitete, das er gerade im Büro entwickelte. Es würde das aktuelle System zur Hälfte überflüssig machen, was den einen oder anderen gar nicht freuen würde. Aber dann hätten sie eben nicht die ganzen Steuergelder für beschissene Hardware ausgeben sollen, von der sie keine Ahnung hatten.

Das Leben war wie eine Steilkurve, man musste sich richtig hineinlegen. Q aus Star Trek hatte es kapiert. »Wenn Sie Angst haben, sich eine blutige Nase zu holen, sollten Sie besser zu Hause unter die Bettdecke kriechen. Im All gibt es keine Sicherheit. Es gibt nur das Unerwartete … und es gibt die Wunder und Überraschungen, die alle Bedürfnisse und Wünsche stillen. Aber das ist nichts für Angsthasen.«

Der Mann, der kein Angsthase war, marschierte weiter bergauf. In der Mittagszeit war die North Street in Brighton gedrängt voll, er kam an einem Body Shop, einer Bausparkasse und einem Optikerladen vorbei.

Er war dünn, blass und schlaksig, mit unmodernem Haarschnitt und einer großen, altmodischen Brille, hinter der sich seine Augenbrauen angestrengt zusammenzogen. Er trug einen braunen Anorak, ein weißes Nylonhemd mit Netzpullunder, eine graue Flanellhose und Ökosandalen. Im Rucksack hatte er Laptop und Mittagessen. Er lief mit großen Schritten und hatte den Oberkörper vorgebeugt, als trotze er dem zunehmenden Südwestwind vom Kanal. Trotz seines Alters hätte er gut als schmollender Teenager durchgehen können.

»Cromarty, Forth, Tyne, Dogger, Nordwest 7 bis schwerer Sturm Stärke 9, auf Südwest drehend 4 oder 5, später strichweise 6. Schauer, später Regen. Mäßig oder gut.«

Er rezitierte die aktualisierte Seewettervorhersage für die Britischen Inseln, die an diesem Morgen um 5.55 Uhr Greenwich-Zeit gesendet worden war. Seit er zehn war, lernte er sie alle auswendig, viermal täglich, sieben Tage die Woche. Er hatte festgestellt, dass dies der beste Weg war, von A nach B zu gelangen. Wenn er unterwegs die Seewettervorhersage abspulte, spürte er nicht die brennenden Blicke auf seiner Haut.

Und es hatte verhindert, dass ihn die Kinder in der Schule weiter auslachten. Wenn jemand die Seewettervorhersage hören wollte – und es war schon erstaunlich, wie oft das in der Mile Oak School der Fall war –, konnte er sie exakt wiedergeben.

Informationen.

Informationen waren ein Zahlungsmittel. Wer brauchte noch Geld, solange er Informationen besaß? Die meisten Leute waren beschissen, wenn es um Informationen ging, so wie sie in fast allen Dingen beschissen waren. Darum waren sie auch nicht auserwählt.

Das immerhin hatte er von seinen Eltern gelernt. Es gab nicht viel, wofür er ihnen dankte, aber das gehörte dazu. Sie hatten es ihm jahrelang eingetrichtert. Etwas Besonderes. Von Gott auserwählt. Auserwählt, um erlöst zu werden.

Na ja, so ganz hatten sie es nicht kapiert. Eigentlich steckte nicht Gott dahinter, aber er hatte es aufgegeben, ihnen das zu erklären. Es war nicht die Mühe wert.

Er kam an einer Spielhölle vorbei und bog am Uhrturm nach links in die West Street, vorbei am Waterstones-Buchladen, einem Chinarestaurant und einem Reisebüro, immer in Richtung Meer. Nach wenigen Minuten ging er durch die Drehtür des Grand Hotel mit seiner schönen Regency-Fassade und trat an die Rezeption.

Eine junge Frau in dunklem Kostüm, auf deren goldenem Namensschild Arlene zu lesen war, sah ihn misstrauisch an und lächelte dann routiniert. »Kann ich Ihnen helfen?«

Er starrte auf die hölzerne Theke, vermied den Augenkontakt und konzentrierte sich auf ein Display mit Antragsformularen für American Express.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie noch einmal.

»Hm, ja, schon.« Er starrte noch angestrengter auf die Formulare und ärgerte sich, dass man ihn herbestellt hatte. »Ich wüsste gern, in welchem Zimmer ich Mr Smith finde.«

Sie warf einen Blick auf ihren Bildschirm. »Mr Jonas Smith?«

»Hm, ja.«

»Werden Sie erwartet?«

Und wie, blöde Kuh. »Hm, ja.«

»Dürfte ich Ihren Namen erfahren, Sir, dann sage ich Bescheid.«

»Hm, John Frost.«

»Einen Moment bitte, Mr Frost.« Sie nahm einen Hörer und wählte eine Nummer. »Hier ist ein Mr John Frost am Empfang. Kann ich ihn hochschicken? Danke.« Sie legte auf und sah den Wetterfrosch an. »Zimmer sieben eins vier – siebter Stock.«

Er biss sich auf die Unterlippe, nickte und sagte: »Hm, okay.«

Er fuhr mit dem Aufzug in den siebten Stock und klopfte an die Zimmertür.

Der Albaner machte ihm auf. Er hieß eigentlich Mik Luvic, doch der Wetterfrosch musste ihn Mick Brown nennen. Es war Teil eines albernen Spiels, bei dem alle, auch er selbst, unter Decknamen operierten. Der Albaner war ein muskulöser Typ Mitte dreißig. Sein schmales, hartes Gesicht strahlte Selbstsicherheit aus, die blonden gegelten Haare standen stachelig vom Kopf. Er trug ein schwarzes Muskelhemd mit goldenen Pailletten, eine blaue Hose, weiße Slipper und eine goldene Halskette. Seine kräftigen Schultern und Oberarme waren flächendeckend tätowiert. Er kaute Kaugummi und stellte dabei seine kleinen scharfen Eckzähne zur Schau, die den Wetterfrosch an einen Piranha erinnerten.

Er starrte auf den nilgrünen Teppich. »Oh, hi, ich wollte zu Mr Smith.«

Der Albaner hatte früher von illegalen Boxkämpfen mit bloßen Fäusten und Käfigkämpfen gelebt, inzwischen aber einen geruhsameren Job gefunden. Er schaute den Wetterfrosch schweigend an, wobei er mit offenem Mund kaute, und führte ihn dann in eine geräumige Suite, die nach Zigarrenrauch stank und im plüschigen Regency-Stil eingerichtet war. Er deutete gleichgültig auf eine Tür, setzte sich auf einen Stuhl und guckte weiter ein Fußballspiel im Fernsehen an.

Der Wetterfrosch war ihm schon mehrfach begegnet, hatte ihn aber noch nie sprechen hören. Manchmal fragte er sich, ob der Albaner womöglich taubstumm sei. Durch die Tür gelangte er in einen viel größeren Raum. In dessen Mitte thronte der ungeheuer fette Mr Smith auf dem Sofa, den Rücken zur Balkontür, die einen Blick aufs Meer bot, und hatte vier Computerbildschirme im Visier, die vor ihm auf dem Couchtisch standen. Er nagte an einem Fingernagel, als wäre er ein Hühnerbein.

Mr Smith trug ein Hawaiihemd, das bis zum Nabel aufgeknöpft war und zwei blasse, haarlose Speckrollen enthüllte, die fast wie eine weibliche Brust aussahen. Seine blaue Hose umspannte baumstammdicke Beine, die im starken Gegensatz zu seinen winzigen Füßen standen, die in mit Monogramm bestickten Samtslippern von Gucci steckten. Sein kleiner Kopf mit dem silbergrauen welligen Haar, das er zu einem kurzen Pferdeschwanz gebunden hatte, wirkte ebenso unproportioniert wie die Füße. Smith hatte so viele Doppelkinne, dass schwer zu erkennen war, wo das Gesicht aufhörte und der Hals begann.

»Mittagessen, John?«, fragte Jonas Smith mit einem trägen Louisiana-Akzent und deutete mit einem Wurstfinger auf einen Servierwagen, der mit Tellern voller Sandwiches und Warmhalteschalen aus Aluminium beladen war.

Der Wetterfrosch sagte, noch immer mit Blick auf den nilgrünen Teppich: »Ich hab ein Sandwich dabei.«

»Ach so. Was zu trinken? Bestell dir was und setz dich.«

»Danke. Hm, okay, also – ich brauche keinen – nichts …« Er sah auf die Uhr.

»Scheiße, dann setz dich eben so.«

Der Wetterfrosch zögerte kurz, unterdrückte seine Wut und ging zum nächsten Sessel.

Der Amerikaner kaute weiter am Nagel, die Schweinsäuglein auf den Wetterfrosch gerichtet, der seinen Rucksack abnahm und sich auf die Sesselkante hockte, wobei seine Augen weiterhin forschend den Teppich sondierten.

»Coke? Willst du eine Coke?«

»Hm, na ja, nein.« Der Wetterfrosch sah wieder auf die Uhr. »Um zwei muss ich zurück sein.«

»Scheiße, du gehst zurück, wenn ich es dir sage.«

Der Wetterfrosch war hungrig. Er dachte an das Sandwich mit Tofu und Sojasprossen, das in einer Plastikdose in seinem Rucksack wartete. Das Problem war nur, er mochte es nicht, wenn Leute ihm beim Essen zusahen. Er holte tief Luft und schloss die Augen, was ihm half, seine Wut zu kontrollieren. »Fischer, Deutsche Bucht, Südwest 4 oder 5, auf Nordwest drehend, 6 bis Sturmstärke 8. Schauer. Mäßig oder gut.« Er öffnete wieder die Augen und bemerkte einen gläsernen Aschenbecher, in dem eine halb gerauchte Zigarre lag.

»Was ist das? Was hast du da geredet?«, fragte Mr Smith.

»Seewettervorhersage. Vielleicht brauchen Sie die.«

Der Amerikaner, der in Wirklichkeit Carl Venner hieß, schaute den Freak an, als wüsste er, dass dieser halb Genie, halb Bekloppter war. Ein unfreundlicher Klugscheißer mit einem gewaltigen Minderwertigkeitskomplex. Damit kam Venner zurecht, er hatte schon Schlimmeres bewältigt. Im Moment war der Freak nützlich, und wenn er nicht mehr nützlich war, würde ihn auch niemand vermissen.

»Schön, dass du so kurzfristig kommen konntest«, sagte Venner mit knappem Lächeln, doch seine Stimme blieb eisig.

»Hm, ja, richtig.«

»Wir haben ein Problem, John.«

»Ach ja?«, fragte der Wetterfrosch.