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Grace Blakeley

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Beschreibung

So retten wir die Welt vor dem Finanzkapitalismus


Der Finanzcrash von 2008 war kein Fehler im System, er war ein Symptom der Finanzialisierung der Wirtschaft. Die Folgen dieser Verschiebung sind tiefgreifend: sinkende Löhne und steigende Schulden für die arbeitende Bevölkerung, hohe Gewinne und niedrige Steuern für die Besitzenden – und eine Politik, die von den Prinzipien des Marktes korrumpiert ist.


Grace Blakeley zeigt, dass es eine Alternative zu unserer krisenhaften Wirtschaftsweise gibt, und skizziert einen Plan, wie wir zu einer stabilen und nachhaltigen Ordnung kommen, die alle Menschen an den Erträgen der Wirtschaft beteiligt. Denn ein Finanzsystem, das dem Wohl der Vielen dient anstatt den Profiten der Wenigen, ist nicht nur möglich, sondern dringend nötig. Ein zukunftsweisendes Plädoyer für eine gerechte Wirtschaft.


Inhaltsverzeichnis von STOLEN


Einleitung
Kapitel I: Das goldene Zeitalter des Kapitalismus
Kapitel II: Die Aasgeier des Kapitalismus: Die Finanzialisierung der Unternehmen
Kapitel III: Sollen sie doch Häuser essen: Die Finanzialisierung der Haushalte
Kapitel IV: Thatchers größte Errungenschaft: Die Finanzialisierung des Staates
Kapitel V: Der Crash
Kapitel VI: Die Welt nach dem Crash
Kapitel VII: Der Weg nach vorn
Kapitel VIII: Das Ende des kapitalistischen Realismus

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EPUB

Seitenzahl: 405

Veröffentlichungsjahr: 2023

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STOLEN

SO RETTEN WIR DIE WELT VOR DEM FINANZKAPITALISMUS

GRACE BLAKELEY

Der Finanzcrash von 2008 war kein Fehler im System, er war ein Symptom der Finanzialisierung der Wirtschaft. Die Folgen dieser Verschiebung sind tiefgreifend: sinkende Löhne und steigende Schulden für die arbeitende Bevölkerung, hohe Gewinne und niedrige Steuern für die Besitzenden – und eine Politik, die von den Prinzipien des Marktes korrumpiert ist.

Grace Blakeley zeigt, dass es eine Alternative zu unserer krisenhaften Wirtschaftsweise gibt, und skizziert einen Plan, wie wir zu einer stabilen und nachhaltigen Ordnung kommen, die alle Menschen an den Erträgen der Wirtschaft beteiligt. Denn ein Finanzsystem, das dem Wohl der Vielen dient anstatt den Profiten der Wenigen, ist nicht nur möglich, sondern dringend nötig.

Erste Auflage, Januar 2021

Brumaire Verlag, Erkelenzdamm 59/61, 10999 Berlin

www.brumaireverlag.de

Eine Übersetzung aus dem englischen Original:

Stolen: How to Save the World from Financialisation

Published by Repeater Books An Imprint of Watkins Media Ltd

Unit 11 Shepperton House 89-93 Shepperton Road London N1 3DF UK

www.repeaterbooks.com

A Repeater Books paperback original 2019

Copyright © Grace Blakeley 2019

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Übersetzung: Thomas Zimmermann

Lektorat: Astrid Zimmermann

Satz und Layout: Andreas Faust

Cover: Rory Witt, Andreas Faust

Schriftarten: Lyon Text, Schampus, Akzidenz Grotesk Next

Druck: Oktoberdruck GmbH

Umweltfreundlich gedruckt auf 100 Prozent Recyclingpapier FSC-zertifiziert mit dem Blauen Engel

Für meinen Großvater, der mir beigebracht hat, was es heißt, eine Sozialistin zu sein, und für meine Großmutter, die mich gelehrt hat, dass nur starke, intelligente und hart-näckige Frauen die Welt verändert haben.

Daß du untergehst, wenn du dich nicht wehrst

Das wirst du doch einsehen.

BRECHT

INHALT

Einleitung

1. Das goldene Zeitalter des Kapitalismus

2. Die Aasgeier des Kapitalismus

3. Die Finanzialisierung der Haushalte

4. Thatchers größte Errungenschaft

5. Der Crash

6. Die Welt nach dem Crash

7. Der Weg nach vorn

8. Das Ende des kapitalistischen Realismus

Danksagung

Quellen

Über den Autor

EINLEITUNG

Der letzte Bank Run Großbritanniens vor 2007 ereignete sich zu einer Zeit, in der sich Österreich-Ungarn auf einen Krieg mit Preußen vorbereitete und die 37 Vereinigten Staaten von Amerika gerade die Sklaverei abgeschafft hatten. 1866 befand sich Overend, Gurney and Company – die »Bank der Banker« – in ernsthaften finanziellen Schwierigkeiten.1 Sie hatte sich von der Euphorie der industriellen Revolution mitreißen lassen, der britischen Eisenbahnindustrie zu viel Geld geliehen und damit einen spekulativen Boom ausgelöst, der sich über das gesamte Land ausbreitete. Doch als die Blase platzte, stand die Bank vor einem Haufen von Schulden, die sie nicht zurückzahlen konnte. Sie bat bei der Bank of England um finanzielle Unterstützung, stieß jedoch auf taube Ohren. Vor dem Hauptsitz von Overend bildeten sich Schlangen – und innerhalb einer Woche hatte die »Panik von 1866« das Land erfasst.

141 Jahre später setzte die Panik von 2007 gerade erst ein, als der größte Hypothekenkreditgeber in Großbritannien, Northern Rock, feststellte, auf keine Mittel zur Refinanzierung mehr zugreifen zu können.2 Das Geschäftsmodell von Northern Rock basierte auf der Verbriefung von Hypothekenkrediten – also der Umwandlung von Hypotheken in Finanztitel, die auf den Kapitalmärkten gehandelt werden konnten. Das Unternehmen nahm Kredite mit kurzen Laufzeiten – oft sogar nur über eine Nacht – bei anderen Finanzinstituten auf und vergab Hypothekenkredite, die sich erst nach Jahrzehnten rechnen würden. Als die Finanzmärkte 2007 langsam ins Stocken gerieten, hörten die Banken auf, einander Geld zu leihen, wodurch Northern Rock seinen Zugang zu den internationalen Finanzmärkten verlor und seine Schulden nicht mehr zurückzahlen konnte. Am 13. September 2007 wurde bekannt, dass Northern Rock bei der Bank of England Nothilfe ersuchte – sie war damit die erste britische Bank seit Overend, die sich zu diesem Schritt gezwungen sah.

In beiden Fällen war der plötzliche Ansturm auf die Banken Folge einer Vermögensblase – das eine Mal in der Eisenbahnindustrie, das andere Mal im Wohnungsbau. Sowohl Northern Rock als auch Overend konnten ihre Tagesgeschäfte nur durch Kreditaufnahme auf den Finanzmärkten finanzieren. Und beide waren schließlich gezwungen, die Bank of England um Hilfe zu bitten. Doch es gab auch bedeutende Unterschiede zwischen beiden Institutionen. Overend verlieh Geld an Unternehmen, die das britische Eisenbahnnetz bauten – ein Eisenbahnnetz, das bis zum heutigen Tag in Betrieb ist. Mögen sie es auch auf unkluge Weise getan haben, so haben sie doch in die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft investiert – also in die Fähigkeit der Menschen, Dinge zu produzieren, damals wie heute. Northern Rock hat nichts dergleichen getan. Einst eine Bausparkasse, verlieh Northern Rock ihren Kundinnen und Kunden Geld, um bereits existierende Immobilien zu kaufen. Die Bank geriet in die Kritik, da sie Hypothekenkredite mit extrem hohen Beleihungswerten ausgab – so gewährte sie etwa Hypotheken im Wert von 125 Prozent des Marktwerts der Immobilien.3 Anstatt Vermögenswerte zu schaffen, schuf Northern Rock Schulden – und zwar in einem auf Dauer unhaltbaren Ausmaß.

Diese Gegenüberstellung stellt uns vor ein Rätsel. Wenn das Unternehmen Northern Rock so unproduktiv war, warum wurde es dann gerettet, während das Scheitern von Overend, Gurney and Company hingenommen wurde? Es stimmt, dass die Bank of England in der Zwischenzeit offiziell zur Kreditgeberin letzter Instanz in Großbritannien geworden war. Damit hatte sie also die Verantwortung auf sich genommen, notleidenden Banken unter die Arme zu greifen, wenn ihr Untergang die Stabilität des Finanzsystems gefährden könnte. Das wirft jedoch nur noch weitere Fragen auf. Wie konnte eine einst kleine Bausparkasse so wichtig werden, dass ihr Untergang den boomenden britischen Finanzsektor in die Knie hätte zwingen können? Wann ist der britische Finanzsektor so groß und so mächtig geworden, dass eine einzelne Bank den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern unter Androhung eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs Milliardensummen abknöpfen konnte? Mit anderen Worten: Wie konnte das Finanzwesen zu einer so bestimmenden und bedrohlichen Kraft in unserer Gesellschaft werden?

Dieses Buch verfolgt die These, dass Großbritannien seit den 1980er Jahren in eine neue Phase seiner Wirtschaftsgeschichte eingetreten ist. Ehemals die Werkstatt der Welt, verläuft die Hauptverbindung Großbritanniens zur Weltwirtschaft heute durch die City of London, eines der Zentren der globalen Finanzspekulation. Diese Transformation vollzog sich nicht langsam und stetig, sondern stoßweise – die Wirtschaft stürzte von einer Krise in die nächste und adaptierte dabei jedes Mal die Maßgaben der Mächtigen. Unser aktuelles Wirtschaftsmodell – das finanzgetriebene Wachstum – lässt sich bis in die 1980er Jahre zurückverfolgen, in denen aus der Asche der sozialdemokratischen Nachkriegsordnung ein neues System aufstieg. Seitdem haben sich die britische Politik und Wirtschaft – wie auch die der USA und einer Reihe weiterer fortgeschrittener Volkswirtschaften – »finanzialisiert«, mit Folgen, die erst mit der Krise von 2008 sichtbar wurden.

Laut der geläufigsten Definition der Finanzialisierung beschreibt diese eine »Zunahme der Bedeutung von Finanzmotiven, Finanzmärkten, Finanzakteuren und Finanzinstitutionen für das Funktionieren von Binnen- und Weltwirtschaft«4. Finanzialisierung heißt also, dass Finanzinstitute – von Banken über Hedgefonds bis hin zu Pensionsfonds – größer und zahlreicher werden und einen wachsenden Einfluss auf alle anderen Wirtschaftsakteure ausüben, insbesondere auf die Haushalte, die Unternehmen und die Staaten.5 Das Wachstum des Finanzwesens hat zur Entstehung eines neuen Wirtschaftsmodells geführt. Die Finanzialisierung stellt also einen tiefgreifenden strukturellen Wandel in der Funktionsweise der Wirtschaft dar.6

Wenn es um Finanzialisierung geht, wird in den Wirtschaftswissenschaften für gewöhnlich auf die USA verwiesen, die in absoluten Zahlen den größten Finanzsektor der Welt beheimaten.7 Auch wenn dieses Buch die Geschichte des finanzgetriebenen Wachstums aus britischer Perspektive nachzeichnet, so lassen sich die meisten Aussagen auch auf die derzeitige Supermacht der Welt übertragen. Im Vorfeld der Krise wurde auch die US-amerikanische Wirtschaft durch die Finanzialisierung von Unternehmen, Haushalten und dem Staat in Mitleidenschaft gezogen, wenn auch auf etwas andere Art und Weise. Es hat sich tatsächlich ein eigentümlich angloamerikanisches Wachstumsmodell herausgebildet, das durch einen wachsenden Finanzsektor, eine sinkende Lohnquote am Volkseinkommen, eine steigende Verschuldung der Haushalte und Unternehmen und ein klaffendes Leistungsbilanzdefizit gekennzeichnet ist.8 Weitere Volkswirtschaften, die dieses Modell bis 2007 verfolgten, sind unter anderem Island und Spanien. Heute sind Australien und Kanada seine wohl enthusiastischsten Befürworter.

Der offensichtlichste Indikator der Finanzialisierung ist das dramatische Wachstum des Finanzsektors selbst. Zwischen 1970 und 2007 wuchs der britische Finanzsektor jedes Jahr um 1,5 Prozent schneller als die Gesamtwirtschaft.9 Bei den Profiten der Finanzunternehmen zeigt sich diese Tendenz noch deutlicher: Zwischen 1948 und 1989 machte die Finanzintermediation, also die Vermittlung zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Kapitalmarkt, rund 1,5 Prozent der Gewinne der Gesamtwirtschaft aus. Bis 2007 war dieser Wert auf 15 Prozent gestiegen.10 Der Anteil der Finanzwirtschaft an der Wirtschaftsleistung wurde jedoch noch durch das Wachstum der Vermögenswerte der britischen Banken in den Schatten gestellt: Diese verfünffachten sich zwischen 1990 und 2007 und erreichten 2007 fast 500 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.11 Im Verhältnis zu seinem Bruttoinlandsprodukt hatte Großbritannien vor der Krise außerdem eines der größten Schattenbankensysteme – ein Trend, der bis zum heutigen Tag anhält.12 Inzwischen hat sich die Consulting- und Beratungsindustrie in den glänzenden Wolkenkratzern der Londoner Finanzviertel breitgemacht. Zwischen 1997 und 2010 nahm der Anteil von Finanz- und Versicherungsdienstleistungen an der Wertschöpfung in Großbritannien stärker zu als der aller anderen Branchen – bis auf den staatlichen Sektor, der seinerseits von Steuereinnahmen aus dem Finanzwesen zehrte.13 Gemessen am Verhältnis zur Realwirtschaft verfügte Großbritannien 2007 über einen der weltweit größten Finanzsektoren.

Doch Finanzialisierung lässt sich nicht auf die zunehmende Bedeutung der Großbanken reduzieren.14 Es ist nicht so, dass der Kapitalismus vom Finanzwesen »übernommen« worden wäre. Vielmehr hat dieser Bedeutungszuwachs jeden einzelnen Aspekt des wirtschaftlichen Lebens auf subtile, manchmal aber auch auf dramatische Weise transformiert. Früher war das wirtschaftliche Leben der Einzelnen auf Löhne und Lohnverhandlungen fokussiert, heute steht für viele das persönliche Schuldenmanagement im Mittelpunkt. Während Unternehmen in der Vergangenheit in erster Linie Güter produzierten und Dienstleistungen anboten, bei denen sie einen Wettbewerbsvorteil geltend machen konnten, konzentrieren sie sich heute wohl ebenso sehr – wenn nicht sogar noch mehr – auf ihren Aktienkurs, ihre Dividendenstrategie, ihre laufenden Kredite und die von ihnen abgeschlossenen Wetten auf Wechselkurse und Zinssätze. Es gab Zeiten, in denen die Staatsverschuldung durch eine restriktive Geldpolitik eingeschränkt war; heute können sich Staaten nicht nur weit mehr leihen, als sie erwirtschaften, sie können außerdem Privatunternehmen in ihrem Namen Ausgaben tätigen lassen.

Historisch haben die Fürsprecherinnen und Fürsprecher des Kapitalismus argumentiert, dass dieses System Wohlstand für alle schaffen würde. Die Unternehmen würden Gewinne machen und diese in die zukünftige Produktion investieren, was wiederum Arbeitsplätze schaffen und damit den Lebensstandard für die Mehrheit der Bevölkerung erhöhen würde. Zwar könnte der Kapitalismus kurzfristig wachsende Ungleichheit befördern, doch indem die Unternehmen ihre Profite reinvestierten, würde irgendwann ein Trickle-Down-Effekt eintreten, also der Wohlstand auch zu allen anderen hindurchsickern. Auch wenn diese Auslegung der Funktionsweise des Kapitalismus zu allen Zeiten eine sehr optimistische gewesen sein mag, so schien sie in der Nachkriegszeit doch oft die Wirklichkeit widerzuspiegeln, zumindest im Gobalen Norden. Allerdings blockiert das finanzgetriebene Wachstum offensichtlich jene Kanäle, durch die der Reichtum von den Reichen zu den Armen fließen sollte. Denn die Investitionen gehen zurück, die Löhne sinken und die Profite – vor allem die der Finanzwirtschaft – boomen.15

Zwar beruhen sämtliche kapitalistischen Systeme auf der Monopolisierung der Wachstumsgewinne durch jene Menschen, die die Vermögenswerte besitzen – allerdings wird diese Dynamik unter den Bedingungen des finanzgetriebenen Wachstums nochmals verstärkt. Solange die Wirtschaft im Aufschwung ist, mag das durch die steigende Privatverschuldung noch nicht ersichtlich sein. Doch sobald der Abschwung eintritt, zeigt sich, dass finanzgetriebenes Wachstum in Wirklichkeit auf einer Trickle-Up-Ökonomie basiert, bei der die Gewinne der Wohlhabenden direkt auf Kosten der einfachen Leute gehen. Das liegt daran, dass Finanzialisierung auch die Extraktion wirtschaftlicher Renten aus dem Produktionsprozess bedeutet – also die Ableitung von Einkommen aus bestehenden Vermögenswerten, ohne dass dabei etwas Neues produziert wird. Wenn beispielsweise eine Hausbesitzerin die Miete erhöht, ohne Veränderungen an der Immobilie vorgenommen zu haben, handelt es sich schlichtweg um eine Vermögensübertragung von den Mieterinnen und Mietern auf die Eigentümerin. Wer Land besitzt, kann eine Preiserhöhung nicht dazu nutzen, neues Land zu »schaffen«, das allen zugutekäme, sondern wird das Geld einfach in die eigene Tasche stecken. Dasselbe gilt für Zinszahlungen auf Schulden: Auch hier wird einfach Geld von Menschen, die kein Kapital besitzen, auf Menschen, die welches besitzen, übertragen. Durch steigende Haushaltsschulden, boomende Immobilienpreise, die Fokussierung auf Aktienwerte und die Finanzialisierung des Staates fließt Geld von denen, die keine Vermögenswerte besitzen, zu jenen, die sie besitzen – und das alles ohne dabei neue Werte zu produzieren.

Es mag sein, dass der Finanzkapitalismus eine besonders extraktive Form der Wirtschaftsorganisation darstellt. Das bedeutet jedoch nicht, dass es sich bei ihm um die Perversion eines ansonsten vernünftigen Modells handelt. Es war vielmehr die Logik des Kapitals selbst, die den Prozess der Finanzialisierung angetrieben hat. Im Zuge der Entwicklung ihres Wirtschaftsmodells haben die Eigentümerinnen und Eigentümer von Kapital nach immer raffinierteren Wegen zur Ertragsmaximierung gesucht. Der finanzielle Extraktivismus bildet hier lediglich ihren neuesten Ansatz. In vielerlei Hinsicht stellt das finanzgetriebene Wachstum die vollkommenste Verkörperung des Kapitalismus dar – ein System, bei dem die Gewinne aus dem Nichts zu kommen scheinen, obwohl diese in Wirklichkeit nach wie vor nichts anderes sind, als von Arbeiterinnen und Arbeitern abgezogene Erträge.

Interregnum

Die Finanzkrise war der Anfang vom Ende des finanzgetriebenen Wachstums. In der Zeit nach 2007 hat Großbritannien die längste Lohnstagnation seit den Napoleonischen Kriegen erlebt. Die US-amerikanischen Arbeiterinnen und Arbeiter haben heute noch dieselbe Kaufkraft wie vor vierzig Jahren.16 Der Beschäftigungsgrad mag zwar hoch sein, allerdings ist die Arbeit auch unsicherer geworden und der Grad der Erwerbstätigenarmut ist gestiegen. Die hohen Beschäftigungszahlen fielen außerdem mit einer Stagnation in der Produktivität – also dem Output pro Arbeitsstunde – zusammen, die in diesen Ländern seit der Finanzkrise anhält. Die Investitionsrate des öffentlichen wie des privaten Sektors ist in den USA und in Großbritannien nach 2008 gefallen und verbleibt bis heute unter ihrem Höchststand von vor der Krise.17 In Großbritannien deuten der nachlassende Konjunkturoptimismus der Unternehmen, die Sprunghaftigkeit der Finanzmärkte und die Abflachung der Immobilienpreise darauf hin, dass eine Rezession kurz bevorsteht. In den USA ist die Verschuldung der Unternehmen im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt heute höher als jemals zuvor. Es scheint, als gäbe es jede Woche einen neuen Wirtschaftsskandal, wonach überschuldete, ausbeuterische und monopolistische Unternehmen einen immer größeren Anteil an der Wirtschaftsleistung vereinnahmen, während die öffentlichen Dienstleistungen zusammenbrechen.

Die Wirtschaftswissenschaft hat keine Erklärung für diese anhaltende Misere. Von manchen Seiten wurde argumentiert, dass wir eine Ära »säkularer Stagnation« erleben (wobei säkular langfristig bedeuten soll). Technologischer und demographischer Wandel hätten zur Folge, dass sich die westliche Welt an deutlich niedrigere Wachstumsraten als in der Vergangenheit gewöhnen müsse.18 Andere behaupten, dass die Stagnation auf die wachsende Staatsverschuldung zurückzuführen sei, die für die produktiven Wirtschaftszweige eine Belastung darstelle und ausländische Investitionen abschrecke.19 Wieder andere argumentieren, dass das alles auf eine Art »Wirtschaftspopulismus« zurückzuführen sei, der Regierungen dazu veranlasse, eine kurzsichtige Wirtschaftspolitik betreiben, um sich bei den Massen beliebt zu machen, anstatt auf die zeitlose und objektive Expertise der Wirtschaftsprofis zu hören.20 Ein altes Sprichwort besagt: Setze zehn Ökonominnen und Ökonomen an einen Tisch und du bekommst elf Meinungen. Treffender könnte man das verlorene Jahrzehnt seit dem Ausbruch der Finanzkrise kaum umschreiben. Die alte Garde ist nicht in der Lage, den Menschen zu erklären, was um alles in der Welt gerade vor sich geht.

Nachdem sich die kapitalistischen Unternehmen bis zum Crash völlig maßlos selbst bereichert haben, ist nun langsam kaum mehr etwas übrig, das sie sich noch einverleiben könnten. Das ist die zentrale These dieses Buches. Wir durchleben zurzeit den Todeskampf des finanzgetriebenen Wachstums. So wie in den 1970er Jahren der Nachkriegskonsens in die Brüche gegangen ist, so vollzieht sich heute vor unseren Augen der Zerfall des Finanzkapitalismus – und hinterlässt dabei Chaos und Zerstörung. Und wie schon beim Nachkriegskonsens, so ist auch das Ende des finanzgetriebenen Wachstums unvermeidlich und vorhersehbar gewesen. Marx hat gezeigt, dass der Kapitalismus seinen eigenen Widersprüchen unterliegt: Spannungen, die sich aus der normalen Funktionsweise der Wirtschaft ergeben – also einfach daraus, dass Unternehmen nach Geld streben, Parteien auf Stimmenfang gehen und Menschen zu überleben versuchen.21 Diese Dynamiken haben die Entwicklung des Kapitalismus Jahrhunderte lang geprägt. Jedes kapitalistische Modell läuft auf eine Krise zu. Doch Momente der Krise sind immer auch Momente der Anpassung. Und so trägt jede Krise auch immer die Möglichkeit einer Neuausrichtung in sich – die Möglichkeit, dass aus der Asche des alten Modells eine neue Wirtschaftsordnung erstehen kann.

Doch wie der marxistische Theoretiker Antonio Gramsci betonte, sind Krisen immer auch Momente der Gefahr. Denn sie drohen nicht nur das vorherrschende Wirtschaftsmodell zu stürzen, sondern mit ihm auch die Institutionen zu Fall zu bringen, die Politik und Gesellschaft verwalten. Wenn der Status quo den Menschen nicht mehr zugutekommt, entsagen sie ihm ihre Unterstützung. Die Regierenden sehen sich dadurch angehalten, Stärke zu zeigen, und verteidigen ihr Modell auch dann noch, wenn es dem Großteil der Bevölkerung überhaupt keinen Nutzen mehr bringt. Beide Seiten gehen aufs Ganze und es entbrennen Kämpfe entlang mitunter überraschender Konfliktlinien, wobei jene am unteren Ende in der Regel den Kürzeren ziehen.

Die britische Gesellschaft ist im Anschluss an die Finanzkrise in eine solche Phase eingetreten. Das Referendum zum Austritt aus der Europäischen Union im Jahr 2016 war die größte politische Umwälzung, die Großbritannien seit langem erlebt hat. Im ganzen Land nutzten die Wählerinnen und Wähler das Referendum, um ihre Unzufriedenheit über einen Status quo auszudrücken, der sie von den Erträgen des Wirtschaftswachstums ausgeschlossen hat. Die darauffolgenden Parlamentswahlen von 2017 brachten eine Regierung hervor, die ohne die bedingte Unterstützung einer der regressivsten Parteien in der britischen Politik – der Democratic Unionist Party (DUP) – weder regieren noch die ihr aufgetragene Erarbeitung eines Brexit-Abkommens bewältigen konnte. Angesichts der stockenden Finanzwirtschaft, der zeitgleich steigenden Verschuldung und Vermögenspreisinflation, der damit zunehmenden Ungleichheit und sinkenden Lebensstandards, konnten die neoliberalen Institutionen den Zorn der Mehrheit nur schwer eindämmen – geschweige denn kanalisieren. In der britischen Politik liegt eine allgegenwärtige Krisenstimmung in der Luft. Das alte Paradigma kann nichts Neues anbieten und die anhaltende Austerität und das schwache Wachstum werden die politischen und ökonomischen Probleme Großbritanniens nur noch verschärfen.

In den USA signalisierte die Wahl von Donald Trump im Jahr 2016 einen ähnlichen Backlash von der Basis, auch wenn seine Wirtschaftspolitik dazu beigetragen hat, die Ungleichheit noch zu vergrößern und dem Finanzsektor ungeahnte Mehreinnahmen zu ermöglichen. Sozialistinnen und Sozialisten innerhalb der Demokratischen Partei scheinen derweil davon profitiert zu haben, dass Trump die Interessen der Leute missachtet hat, die zu seinem Wahlerfolg beigetragen haben. In Europa fegt eine neue Welle der Fremdenfeindlichkeit über den Kontinent, der nur eine stetig wachsende Unterstützung für populäre sozialistische Alternativen entgegensteht. Die Volkswirtschaften, die einst als die großen Erfolgsgeschichten der liberalen, kapitalistischen Entwicklung galten, wurden von einer Krise nach der anderen heimgesucht – Länder wie Brasilien, Südafrika, Russland, Argentinien und die Türkei erleben politische und wirtschaftliche Turbulenzen. Und die ärmsten Staaten bleiben wie immer auf der Strecke. Mosambik, Ghana und viele weitere einkommensschwache Länder versinken in Schulden.

Unterdessen bricht auch unsere Umwelt zusammen. Der Klimawandel schreitet in einem derart schnellen Tempo voran, dass schon in wenigen Jahren viele Regionen unseres Planeten unbewohnbar sein werden. Die letzten vier Jahre waren die wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen; die wärmsten zwanzig Jahre haben allesamt innerhalb der letzten 22 Jahre stattgefunden. Durch die Zerstörung unserer Wälder und die Versauerung unserer Meere wird es nicht mehr lange dauern, bis wir eine Reihe von Kipppunkten erreichen, an denen die Auswirkungen des Klimawandels plötzlich und unvorhersehbar eskalieren. Die drohende Heißzeit wird uns mit Zuständen konfrontieren, wie wir sie bisher nur aus der Science-Fiction kennen. Und es ist nicht nur der Klimawandel, über den wir uns Sorgen machen müssen. Wir erleben gerade ein massenhaftes Artensterben: In den letzten fünfzig Jahren ist die Wirbeltierpopulation um 60 Prozent zurückgegangen. Insekten – insbesondere diejenigen, die für die Bestäubung vieler Pflanzenarten entscheidend sind – sind akut vom Aussterben bedroht und unsere Böden erodieren schneller, als wir sie regenerieren können. Mit anderen Worten: Wir stehen kurz vor einem ökologischen Armageddon.

Doch auch diese langandauernde Krise könnte einen Wendepunkt erreichen. Überall auf der Welt versagen kapitalistische Volkswirtschaften nicht nur bei der Sicherung steigender Lebensstandards für den größten Teil ihrer Bevölkerung – die kapitalistische Produktionsweise beschleunigt außerdem den Zusammenbruch unserer wichtigsten Umweltsysteme. Das finanzgetriebene Wachstum trägt zu dieser Dynamik bei, indem es riesige, auf Dauer unhaltbare Booms erzeugt, die von ebenso massiven und verheerenden Zusammenbrüchen gefolgt sind. Wir können es uns nicht mehr leisten, unsere Volkswirtschaften nach der Logik des finanzgetriebenen Wachstums auszurichten. Unser Ziel sollte aber nicht sein, es durch ein neues, ebenso widersprüchliches Modell zu ersetzen. Stattdessen müssen wir diesen Moment der Krise als eine Chance begreifen – als eine Gelegenheit, den Kapitalismus vollständig zu überwinden. Aber dafür müssen wir jene Frage beantworten, die wir normalerweise nicht einmal stellen dürfen: Was kommt danach?

Was ist die Alternative?

Es war lange Zeit einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus – worunter wir ein Wirtschaftssystem verstehen, das auf dem Privateigentum an Produktionsmitteln (den Hauptfaktoren des Produktionsprozesses) basiert, das Ziel der Profitmaximierung verfolgt, mithilfe des Staates private Eigentumsrechte durchsetzt und die Verteilung von Ressourcen über die Mechanismen des Marktes organisiert. Zwar ruft dieses System Ungleichheit, Arbeitslosigkeit, wiederkehrende Krisen und Umweltzerstörung hervor, doch die Alternative, so wurde uns eingebläut, sehe jedoch noch düsterer aus. Der Sozialismus – ein System, in dem sich Produktionsmittel in kollektivem Besitz befinden – habe immer nur zu Tod und Zerstörung geführt. Der Kapitalismus sei die schlechteste Art der Wirtschaftsorganisation – abgesehen von all den anderen.

Die Kritikerinnen und Kritiker des Sozialismus scheinen zu glauben, dass die Grundvoraussetzungen für die Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft zu jedem Zeitpunkt in der Geschichte die gleichen waren. In ihren Augen ist der Kapitalismus auf natürliche Art und Weise entstanden, weil er unseren selbstverständlichsten Verhaltensweisen entspricht; der Sozialismus dagegen wäre gescheitert, weil er wider die Natur sei. Aber so überraschend es auch sein mag: Der Kapitalismus hat nicht schon immer existiert. Während des größten Teils der Menschheitsgeschichte wurden Gesellschaften auf Grundlage nichtkapitalistischer wirtschaftlicher und politischer Institutionen organisiert. Der Feudalismus wich dem Kapitalismus nur deshalb, weil die Macht des Staates groß genug wurde, um die ländlichen Kräfteverhältnisse zu brechen und ein landloses Proletariat zu schaffen, das im Produktionsprozess eingesetzt werden konnte.22 Diese Art von Macht setzte die Existenz komplexer Gesellschaften und die Verfügbarkeit bestimmter Technologien voraus, ohne die die Anläufe zum Kapitalismus gescheitert wären.

Heute sind die technologischen, wirtschaftlichen und politischen Voraussetzungen für die Errichtung sozialistischer Gesellschaften besser als je zuvor in der Geschichte. Ein großer Teil der Weltwirtschaft – nämlich die gesamte Wirtschaftstätigkeit innerhalb privater Unternehmen – wird dieser Tage eher von rationaler Planung als vom Markt beherrscht.23 Die Planungsprozesse riesiger internationaler Monopole, die gemessen an ihren Einnahmen um ein Vielfaches größer sind als moderne Nationalstaaten, verfahren nach Top-Down-Prinzipien und verwenden dazu in der Regel neueste Technologien.

Neoklassische Ökonominnen und Ökonomen behandeln das Unternehmen als eine »Black Box«. In ihren Analysen beschränken sie sich – man könnte sagen zu ihrem eigenen Vorteil – auf jene Bereiche der Wirtschaft, die von Marktbeziehungen bestimmt werden, ganz so als wären die Verhältnisse innerhalb von Unternehmen nicht weiter beachtenswert. Das Management der meisten heutigen Unternehmen macht deutlich, dass eine rationale Planung durchaus möglich ist – vorausgesetzt, man verfügt über die nötigen Mittel und verfolgt die »richtigen« Zwecke. Was die Mittel angeht, so leben wir in einer Zeit beispielloser technologischer Entwicklung.24 Wir alle tragen Computer in unseren Hosentaschen mit uns herum, die leistungsfähiger sind als die Technologie, die den ersten Menschen ins All befördert hat. Wir produzieren unendliche Mengen an Daten über unsere Gewohnheiten, Verhaltensweisen und Präferenzen, die zusammengetragen und von Unternehmen wie Amazon genutzt werden können, um zu bestimmen, wie viel wovon produziert werden sollte. Aber das revolutionäre Potential dieser Technologien ist dadurch eingeschränkt, dass nur eine winzige Elite über sie verfügt und sie ausschließlich zur Maximierung ihrer Gewinne einsetzt.

Damit kommen wir zum zweiten Thema: den Zwecken. Manche behaupten, es sei völlig nebensächlich, was in den Unternehmen vorgeht, solange sie nur nach der Logik der Gewinnmaximierung agieren. Damit würde ihre »Effizienz« sichergestellt und die optimale Zuteilung der begrenzten Ressourcen einer Gesellschaft ermöglicht. Doch das stimmt nicht. Viele Unternehmen agieren alles andere als effizient (weshalb sie teure Beratungsfirmen beauftragen, die ihnen sagen, was sie verbessern können). Vor allen Dingen aber produzieren sie eine Vielzahl gesellschaftlicher und ökologischer Missstände, von sozialer Ungleichheit bis hin zum Klimawandel. Eine Organisationsstruktur, die Leuten in Spitzenpositionen Anreize gibt, so extraktiv wie nur möglich vorzugehen, kann heute unmöglich die rationalste – geschweige denn die moralischste – Produktionsweise sein. Doch auch wenn sie zu anderen als diesen Zwecken eingesetzt wird, kann Top-Down-Planung leicht zu Informations- und Koordinationsproblemen führen.

Komplexe Systeme – seien es einzelne Unternehmen oder ganze Volkswirtschaften – sind auf Feedback angewiesen. Sie sind weder gänzlich zentral gesteuert, noch vollkommen dezentralisiert. Sie operieren an der Grenze zwischen Chaos und Ordnung. Solche Systeme sind dynamisch, sie sind ständig in Bewegung. Es ist unmöglich, ein statisches Gleichgewicht zu erreichen, denn die Bedingungen verändern sich permanent. Feedback aus den verschiedenen Teilen des Netzwerks ermöglicht es den Menschen hingegen, sich auch bei zurückhaltender Direktion durch das Zentrum selbstständig auf ein gemeinsames Ziel hin zu organisieren.

Der Kapitalismus dagegen operiert an den beiden Polen von Ordnung und Chaos. Im Inneren des Unternehmens – das die neoklassische Ökonomie nicht untersucht, der Marxismus aber sehr wohl – wird die Produktion durch Kommando- und Kontrollmechanismen gesteuert, die unter Androhung von Entlassungen durchgesetzt und von einer Reihe anderer Technologien der Kontrolle und Ausbeutung unterstützt werden. Außerhalb des Unternehmens bestimmt der Staat die Regeln, wiederum unter Androhung von Gewalt. Diese beiden Institutionen – Unternehmen und Staaten – arbeiten zusammen, um ein Wirtschaftssystem zu schaffen, das auf Herrschaft basiert, und doch den Anschein von Freiheit erweckt. Denn innerhalb des Marktes, dessen Grenzen vorab durch die Mächtigen bestimmt wurden, erscheint die ökonomische Aktivität nahezu anarchisch. Es gibt Booms und Krisen, Unternehmen steigen auf und stürzen ab und die Menschen sind gezwungen, sich in einen ständigen Wettbewerb gegeneinander zu begeben, nur um zu überleben. Und dieses gesamte, kontrollierte und zugleich chaotische System von Freiheit und Zwang dient nur einem Zweck: der Gewinnmaximierung der Reichsten der Gesellschaft.

Das finanzgetriebene Wachstum stellt den Gipfel dieser Logik des Kapitalismus dar. Es ermöglicht den Eigentümerinnen und Eigentümern von Kapital, Gewinne zu erzielen, ohne tatsächlich etwas von Wert produzieren zu müssen. Sie verleihen ihr Kapital an andere Wirtschaftsakteure, die dann einen Teil ihrer künftigen Erträge an ihre Finanziers zurückgeben, was das Wirtschaftswachstum schmälert. Die Kosten dieses Modells werden den kommenden Generationen in Form von Privatschulden und einem unhaltbaren Ressourcenverbrauch hinterlassen. Während die Logik des Kapitalismus auf der Ausbeutung der Menschen und des Planeten von heute beruht, so zehrt das finanzgetriebene Wachstum von der Ausbeutung der Menschen und des Planeten von heute und von morgen – bis es uns letztendlich unserer gesamten Zukunft beraubt haben wird.

Die Unternehmen und die Regierungen haben die von ihnen selbst geschaffenen komplexen Systeme nicht zu verwalten gewusst. Die Folgen dieses Versagens sind katastrophal: der Klimawandel, die globale Armut und die Finanzkrise. Der Kapitalismus hat diese Systeme hervorgebracht – und die Mächtigen versuchen, ihre Komplexität einzudämmen, indem sie Modelle hierarchischer Entscheidungsfindung heranziehen, die dafür ungeeignet sind. In der Konsequenz entgleitet den Kapitalistinnen und Kapitalisten zunehmend die Kontrolle. Um es mit Marx zu sagen: »Die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, [gleicht] dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor.«25

Es gibt eine bessere Option. So wie der Feudalismus dem Kapitalismus den Weg geebnet hat, so ebnet die Entwicklung des Kapitalismus dem Sozialismus den Weg. Die Vergesellschaftung des Eigentums würde dafür sorgen, dass Wirtschaftswachstum und Entwicklung allen zugutekommen. Wenn alle Menschen Anteile an der Wirtschaft besitzen, dann haben auch alle etwas davon, wenn die Wirtschaft wächst. Das wirklich Revolutionäre am demokratischen Sozialismus liegt jedoch im Aspekt des Demokratischen: Anstatt die Produktion auf Grundlage des Profits zu organisieren, würden sich die arbeitenden Menschen zusammenfinden, um ihre kollektiven Ziele und die besten Wege dorthin zu bestimmen. Anstatt für die Maximierung der Profite einiger wenigen zu schuften, würden wir auf die Maximierung unseres kollektiven Wohlstands hinarbeiten, der die Zufriedenheit und die Gesundheit der Menschen und des Planeten miteinschließt.

Die Zukunft gestalten

Visionen der Zukunft gibt es viele. Demokratischer Sozialismus, kybernetischer Sozialismus, vollautomatisierter Luxuskommunismus – all diese utopischen Träume sickern langsam in unser kollektives Bewusstsein ein und helfen uns dabei, uns eine Zukunft vorzustellen, die nicht von den Logiken des Privateigentums und des Marktes beherrscht ist. Doch es reicht nicht aus, sich eine neue Welt einfach nur auszumalen: Um auch wirklich dorthin zu kommen, müssen wir eine Strategie entwickeln. Die historische Entwicklung vollzieht sich nicht in klar umrissenen Etappen. Wir können nicht darauf warten, dass der Kapitalismus scheitert und durch den Sozialismus ersetzt wird. Ebenso wenig können wir die Entwicklung einer sozialistischen Gesellschaft erzwingen, wenn sich die technologischen Bedingungen, die nötige Wirtschaftsleistung und vor allem die Machtverhältnisse, die sie stützen würden, nicht bereits abzeichnen. Wir brauchen einen wegweisenden Plan, der auf einer Analyse unserer gegenwärtigen Situation basiert und uns die Hebelpunkte aufzeigt, die sich für strategische Interventionen anbieten.26 Dazu müssen wir außerdem analysieren, wie sich Wandel tatsächlich vollzieht. An dieser Frage scheiden sich Sozialistinnen und Sozialisten seit langer Zeit in zwei Lager. Die einen behaupten, dass die Geschichte durch die objektiven Kräfte des technologischen Wandels vorangetrieben wird – ein Verständnis, das von einer bestimmten Auslegung der Marxschen Schriften geprägt ist. Die anderen hingegen argumentieren, dass die Geschichte dadurch voranschreitet, dass sich Menschen gemeinsam organisieren, um die Geschehnisse zu beeinflussen – eine Ansicht, die auf eine andere Lesart von Marx zurückgeht. Die einen priorisieren Strukturen – die übergreifenden politischen, wirtschaftlichen und technologischen Bedingungen, die das Weltgeschehen prägen –, während die anderen Handlungsfähigkeit betonen – also das individuelle und kollektive Agieren der Menschen, die zur Gestaltung der Bedingungen ihrer eigenen Existenz fähig sind.

Marx selbst brachte diese beiden Vorstellungen mithilfe seiner Konzepte von »Widerspruch« und »Krise« zusammen.27 Kapitalistische Systeme, welcher Art auch immer, haben ihre eigenen inhärenten Widersprüche – interne Probleme, die dazu führen, dass sie nach einer Weile nicht mehr richtig funktionieren. Die Finanzkrise von 2008 war das Ergebnis der Widersprüche des finanzgetriebenen Wachstums, der Anhäufung von Schuldenbergen des stetig wachsenden Finanzsektors und der zugleich sinkenden Löhne und Kapitalinvestitionen. Kapitalistische Systeme können jahrzehntelang vor sich hin taumeln, wobei ihre Probleme immer schwerwiegender werden, ohne dass es jemand bemerkt – bis sie in einem Moment der Krise implodieren. Diese Krisenmomente, die wir besser im Sinne historischer Epochen und nicht als kurze Zeiträume verstehen sollten, sind für die Bestimmung des Verlaufs kapitalistischer Entwicklung von besonderer Bedeutung. In Krisensituationen lockert sich der Griff, mit dem die wirtschaftlichen und technologischen Strukturen die Handlungsfähigkeit der Menschen einschränken. Die Institutionen versagen, die Vorstellungen der Menschen ergeben keinen Sinn mehr, es tun sich Risse innerhalb der dominanten Fraktionen auf, materielle Ressourcen werden zerstört und alles Geschehen wird zunehmend ungewiss. In Krisenmomenten weitet sich der Raum der Möglichkeiten. Individuelles und kollektives Handeln gewinnen an Bedeutung.

Mithilfe der Marxschen Theorie der Geschichte können wir die Gegebenheiten wie auch die Gestaltungsmöglichkeiten unserer Zeit in einer besonderen Weise verstehen. Die Widersprüche des sozialdemokratischen Modells verursachten in den 1970er Jahren akute Spannungen in der britischen Wirtschaft. Diese führten eine Krise herbei, die den Reichen die perfekte Gelegenheit bot, den alten institutionellen Kompromiss aufzukündigen, der den Arbeiterinnen und Arbeitern einige Macht eingeräumt hatte, und eine Umverteilung gesellschaftlicher Macht zugunsten des Kapitals einzuleiten.28 Und sie taten das, indem sie ein neues Wachstumsmodell institutionalisierten und damit die Periode finanzgetriebenen Wachstums von den 1980er Jahren bis 2007 anstießen.

Das finanzgetriebene Wachstum war geboren und eine Zeit lang schien es, als hätten wir ein einzigartig stabiles Wirtschaftsmodell gefunden. Die Politikerinnen und Politiker behaupteten während der 1990er und frühen 2000er Jahre, dass Booms nun nicht mehr zwangsläufig von Krisen gefolgt sein würden. Sie sagten, die Geschichte sei zu Ende.29 Der Kapitalismus habe gewonnen. Für sie war die Geschichte tatsächlich bereits mit der Geburt des Kapitalismus an ihr Ende gelangt. Wie schon Marx gesagt hatte, operiert die bürgerliche politische Ökonomie nach dem Motto: »Somit hat es eine Geschichte gegeben, aber es gibt keine mehr«.30 Es gibt, so sagen sie, keine Alternative zum Kapitalismus: »Es läuft vielleicht nicht gut für euch, aber es könnte noch viel schlimmer sein – seht euch nur Venezuela an.« Die Massen sollten besser für die gutmütige und aufgeklärte Führung der herrschenden Klasse dankbar sein. Die Finanzkrise hat diese Illusion zerschlagen. Und doch machen die herrschenden Klassen weiter, als sei nichts gewesen.

Auf Grundlage der wirtschaftlichen Analysen jener Ökonominnen und Ökonomen, die die Krise nicht hatten vorhersehen können, leiteten sie eine Austeritätspolitik ein, die dafür sorgte, dass deren Kosten vor allem an jenen hängen bleiben würden, die es sich am wenigsten leisten konnten. Die Eliten, die die Weltwirtschaft in den letzten vierzig Jahren beherrscht haben, sind größtenteils auch heute noch an der Macht. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass so wenige der Probleme, die die Krise verursacht haben, angegangen worden sind. Die Verschuldung ist extrem, die Ungleichheit wächst, die Umwelt kollabiert und die Politik scheint weniger denn je in der Lage, diese Probleme in den Griff zu bekommen. Wo bleibt der Widerstand? Ist die Finanzkrise nicht ein paradigmatisches Beispiel für unsere kollektive Unfähigkeit, die grundsätzliche Logik des kapitalistischen Systems infrage zu stellen?

Ja und nein. Vorstellungen, Verhaltensweisen und Überzeugungen, die sich über die Spanne eines ganzen Lebens ausgebildet haben, können nicht über Nacht aufgelöst werden. Diejenigen, die in einer Zeit nach dem vermeintlichen Ende der Geschichte aufwuchsen, bemerkten nicht, wie ihnen am Tag des Zusammenbruchs von Lehman Brothers die Schuppen von den Augen fielen. Und weit davon entfernt, sich im Verborgenen zu organisieren wie die Mont Pèlerin Society – jenes Netzwerk rechter Intellektueller, das sich einst die Unterminierung der Sozialdemokratie zum Ziel gesetzt hatte –, hat die Linke unter dem Neoliberalismus jahrzehntelang nur Rückzugsgefechte geführt. Sozialistische Parteien, Bewegungen und Erzählungen sind in den Hintergrund getreten. Viele glaubten wirklich, dass der jahrhundertelange Kampf zwischen Arbeit und Kapital zu Ende sei. Es dauerte eine Weile, bis die Menschen begriffen, dass der Crash mehr als nur ein kleines Störsignal war und der Kapitalismus keineswegs unverwundbar ist. Es würde nicht besser werden, sondern nur noch schlimmer. Nach der langen wirtschaftlichen Stagnation, die auf den Crash folgte, befinden wir uns heute in einem revolutionären Moment. Wir leben im vorauseilenden Schatten eines großen Ereignisses, das das Denken einer ganzen Generation bestimmen wird.31

Doch wenn es uns nicht gelingt, diesen Moment in die lange Entwicklungsgeschichte des Kapitalismus einzuordnen, werden wir sein volles Potenzial nicht ausschöpfen können. Um den Kapitalismus zu überwinden, müssen wir ein Verständnis seiner strukturellen Schwächen und damit unserer vielversprechendsten Angriffspunkte entwickeln. Marx deckte die unsichtbaren und unhinterfragten Gesetze der kapitalistischen Wirtschaftsweise auf. Er zeigte, dass die Welt auch anders sein könnte und die Geschichte auch im Kapitalismus weitergehen würde. Wenn wir seine Methode auf unsere Gegenwart anwenden, können wir verstehen, wie das System wirklich funktioniert – und wie wir es verändern können.

In etwas mehr als einem Jahrzehnt wird es für uns zu spät sein, eine der größten Herausforderungen zu bewältigen, vor denen die Menschheit je gestanden hat. Bis dahin werden die Eliten ihre Kontrolle wahrscheinlich wiedererlangt und uns eine neue Ordnung aufgezwungen haben, die die alten Machtverhältnisse aufrechterhält. Doch zwischen unserer Gegenwart und jenem Zeitpunkt liegt ein ausgedehnter Moment der Krise, der Kontingenz und Ungewissheit – ein Moment, in dem die Logik des Kapitalismus wieder auf dem Prüfstand steht. Eine neue Wirtschaft und eine neue Gesellschaft entstehen langsam in den Köpfen derjenigen, die wissen, dass die Geschichte niemals enden wird. Es liegt an uns, diese neue Welt Wirklichkeit werden zu lassen.

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DAS GOLDENE ZEITALTER DES KAPITALISMUS

Im Jahr 1944 trafen sich die Wichtigen und die Mächtigen in Bretton Woods, New Hampshire, um über den Wiederaufbau der Weltwirtschaft nach dem blutigsten Krieg der Geschichte zu beraten.1 Die US-amerikanische Delegation unter der Leitung von Harry Dexter White war entsandt worden, um sicherzustellen, dass die Kontrolle über die Weltwirtschaft in geordneter Weise von Großbritannien an die USA übergeben wird. Die britische Delegation unter Leitung des berühmten Ökonomen John Maynard Keynes hatte den Auftrag, so viel Macht wie möglich für sich zu behalten, ohne die USA zu verärgern, die die Hauptgläubiger Großbritanniens waren, und sich nach der Zerstörung Europas als die neue Weltmacht herauskristallisiert hatten. White, ein kaum bekannter Apparatschik des US-Finanzministeriums, war ein »kleiner und stämmiger Selfmademan von bescheidener Herkunft«. Andere Delegierte erinnern sich, dass er schüchtern und zurückhaltend war, was aber auch daran gelegen haben könnte, dass er einen Großteil der Konferenz damit verbrachte, klandestine Gespräche mit Delegierten aus der Sowjetunion zu führen. Jahre später wurde er beschuldigt, ein russischer Spion zu sein, was er dementierte, bevor er an einem Herzinfarkt starb. Der Unterschied zu Keynes, einem hochgewachsenen Intellektuellen aus dem britischen Establishment, der unverschämt seine persönlichen Leistungen anpries und die eigenen Ideen bewarb, hätte nicht größer sein können. Man nannte sie das »ungleiche Paar der Weltwirtschaft«.

Allen Berichten zufolge ging es auf der Konferenz heftig zur Sache – es wurde feines Essen serviert, reichlich Alkohol ausgeschenkt und betrunkene Delegierte vertrieben sich ihre Zeit bis in die frühen Morgenstunden mit den »hübschen Mädchen«, die man aus den gesamten USA herbeigeschafft hatte. Keynes sagte voraus, dass der Abschluss der Konferenz mit »akuten Alkoholvergiftungen« einhergehen würde. Das Hotel verfügte über erstklassige Einrichtungen, darunter »voll ausgestattete Waffenkammern, ein Pelzgeschäft und Kartenspielzimmer für die Ehefrauen, eine Bowlingbahn für die Kinder und einen Billardraum für die Abende«, sowie eine Unmenge an Bars, Restaurants und »schönen Frauen«. Je extravaganter, desto besser – der Glanz und die Überlegenheit des American Way of Life sollten auf Schritt und Tritt zu spüren sein.

Es ist schon etwas ironisch, dass diese dekadente Versammlung in Bretton Woods eine Vereinbarung traf, die ein Wiederaufleben des Gilded Age, des »vergoldeten Zeitalters« der Zwischenkriegszeit, unterband. Das nach dem Versammlungsort benannte Bretton-Woods-System sollte nicht nur den Ausbruch eines weiteren Weltkrieges, sondern auch einen weiteren Wall Street Crash verhindern. Keynes argumentierte eindringlich, dass dies nur möglich sei, wenn man die »Rentierklasse« im Zaum hielte – also diejenigen, die ihr Geld nicht mit der Produktion und Distribution von Waren, sondern mit Krediten und Spekulation verdienten.2 Im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert waren die Rentiers auf Grundlage der steigenden Profite im Zusammenhang mit der industriellen Revolution und dem zunehmenden Handel unter den globalen Imperien extrem mächtig geworden. Um die höchsten Renditen zu erzielen, wurden die Gewinne in Abwesenheit jeglicher Einschränkungen der Kapitalmobilität frei über den Erdball geschoben. Ein Großteil dieses Kapitals wurde in die US-Börsenmärkte investiert, was die Aktienkurse in die Höhe trieb und eine Blase erzeugte, die im Jahr 1929 schließlich platzte.

Was mit der Weltwirtschaftskrise begann, wurde vom Zweiten Weltkrieg vollendet, der Steuererhöhungen zur Finanzierung der Kriegsanstrengungen zur Folge hatte und Verwüstungen im Wert von Milliarden von Dollar anrichtete.3 Damit war das Finanzkapital angeschlagen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hervorgegangen, was die Einhegung der Rentiersklasse erleichterte. Zwar ging es den Verhandlungsführern in Bretton Woods zweifellos darum, die Profitabilität ihres heimischen Bankensektors zu sichern – und nicht zuletzt die aufstrebende Macht der Wall Street –, allerdings lud die US-Delegation nur einen einzigen Banker zum Gipfel ein.4

Wenn sie nicht gerade aßen, tranken oder flirteten, erarbeiteten die Delegierten eine historisch bedeutsame Vereinbarung über eine Reihe von Institutionen, die die Weltwirtschaft im goldenen Zeitalter des Kapitalismus kontrollieren sollten. Die Währungen der beteiligten Länder würden unter Aufsicht der Federal Reserve zu festen Wechselkursen an den Dollar gebunden sein – und der Dollar an das Gold. Es wurden Kapitalkontrollen eingeführt, um Finanziers von Währungsspekulationen abzuhalten, die rapide Wechselkursschwankungen verursachen könnten. Das System der Wechselkursanbindung und die Beschränkungen der Kapitalmobilität dienten dazu, jene mächtigen Kapitalfraktionen im Zaum zu halten, die die Weltwirtschaft in der Zeit bis 1929 ins Chaos gestürzt hatten. Was die Eindämmung der Rentiersklasse anging, war Bretton Woods ein bedeutender Schritt nach vorn.

Aber Keynes bekam nicht alles, was er wollte. In seinem Kampf gegen die internationale Finanzwirtschaft wurde er von dem eindrucksvollen Dexter White gehemmt, der die ganze Macht des US-Imperiums im Rücken hatte. White wollte den US-Dollar als Zentrum des internationalen Währungssystems beibehalten. Keynes hingegen wollte ihn durch eine neue internationale Währung – den Bancor – ersetzen. White ging als Sieger hervor und die USA erhielten das »exorbitante Privileg«, die Weltreservewährung zu kontrollieren.5 Bretton Woods schränkte also nicht nur das internationale Finanzwesen ein, sondern institutionalisierte außerdem auch den amerikanischen Imperialismus.6 Europa nahm die langwierigen Prozesse des Wiederaufbaus und der Dekolonisierung auf und die multinationalen Konzerne der neuesten Supermacht der Welt profitierten stattlich.7 Nach den Jahren der Autarkie während des Krieges nahmen die Handelsströme wieder zu und es begann ein neues Zeitalter der Globalisierung. Zwar gab Bretton Woods die internationalen Rahmenbedingungen dieser wirtschaftlichen Erneuerung vor – am deutlichsten zeigte sich der Abschied von der Laissez-faire-Wirtschaft der Vorkriegszeit jedoch auf der Ebene der nationalen Wirtschaftspolitik. Und auch hier stand wieder einmal Keynes im Mittelpunkt der Entwicklungen.

In der Zwischenkriegszeit hatte Keynes die Wirtschaftswissenschaften herausgefordert, indem er eine Theorie der Nachfrage entwickelte, die den zentralen Grundsatz der klassischen Ökonomie infrage stellte – das Say’sche Gesetz, wonach das Angebot seine eigene Nachfrage schafft.8 Nach Jean-Baptiste Say, einem Ökonomen der napoleonischen Zeit, bewirkt das Steigen und Fallen der Preise auf dem freien Markt, dass der Markt »geräumt« sei, also keine Güter oder Dienstleistungen übrig bleiben, sobald alle die Gelegenheit hatten, ein Kaufangebot zu machen. Sollte es vorkommen, dass dieser Preismechanismus einmal nicht greift – etwa wenn Unternehmen Produkte zu verkaufen haben, aber die Nachfrage ausbleibt –, so liege das daran, dass etwa Steuern oder Regulierungen sein Funktionieren behinderten. Dieses Gesetz sollte für die Arbeit wie für alle Waren gelten, was wiederum die Auffassung bestärkte, dass es keine unfreiwillige Arbeitslosigkeit geben könne. Wenn eine Arbeiterin oder ein Arbeiter keine Anstellung fand, so könne das nur an zu hoch gesteckten Lohnerwartungen liegen. Diese Ideologie widersprach natürlich den Erfahrungen derer, die die Weltwirtschaftskrise durchlebt hatten. Vertreterinnen und Vertreter der klassischen Ökonomie würden darauf entgegnen, dass ihr Arbeitsfeld eine Wissenschaft sei, die auf die Empfindungen arbeitender Menschen keine Rücksicht nehmen könne. Aber Keynes gelang es, ihnen das Gegenteil zu beweisen. Sein innovativer Beitrag zu den Wirtschaftswissenschaften bestand darin, dass er den Faktor der Unsicherheit in die ökonomische Modellierung einbezog. Wenn Menschen mit einem Gefühl der Verunsicherung in die Zukunft blicken, handeln sie unter Umständen auf scheinbar irrationale Weise, indem sie zum Beispiel weit mehr ausgeben, als sie es sich leisten können, oder sparen, auch wenn das ihnen wenig einbringt. Das liegt daran, dass die meisten Menschen in unsicheren Zeiten Vermögenswerte bevorzugen, die liquide, also leicht zu verkaufen sind. Daher neigen sie dazu, den liquidesten aller Vermögenswerte zu halten: Bargeld. Liquiditätspräferenz bedeutet, dass die Menschen umso mehr sparen anstatt auszugeben, je größer die Unsicherheit ist.

Noch stärker als das Verhalten von Verbraucherinnen und Verbrauchern werden die Investitionsentscheidungen von Unternehmen durch diese Art von Unsicherheit beeinflusst. Wenn die Unternehmen ihr Vertrauen in die Zukunft verlieren, hören sie mit großer Wahrscheinlichkeit auf zu investieren. Geringere Investitionen führen zu geringeren Einnahmen für die Unternehmen, die daraufhin unter Umständen Leute entlassen, die in der Folge ihre Ausgaben reduzieren müssen, was wiederum einen Rückgang wirtschaftlicher Aktivität bedeutet. Diese Teufelskreise der Zukunftserwartung erzeugen das Auf und Ab der Konjunktur. Das erklärt auch, aus welchem Grund das Say’sche Gesetz kurzfristig nicht greift: Wenn Unternehmen kein Vertrauen in das zukünftige Wirtschaftswachstum haben, können sie sich dafür entscheiden, keine Ausgaben zu tätigen, selbst wenn sie es sich leisten können. Doch das Kurzfristige ist das Entscheidende, denn, wie Keynes bekanntlich sagte: »In the long run we are all dead« – langfristig sind wir sowieso alle tot.

Aber Keynes begnügte sich nicht mit dieser theoretischen Innovation – er machte auch Vorschläge an die Politik. Das Say’sche Gesetz impliziert, dass Steuern und Regulierungen das normale Funktionieren des Marktes beeinträchtigen und es für alle das Beste sei, wenn sich der Staat mit seiner Wirtschaftspolitik zurückhalte. Die keynesianische Ökonomie hingegen weist dem Staat eine Rolle zu: Er kann auf die Erwartungen Einfluss nehmen und der Nachfrage als Rückhalt dienen. Wenn zum Beispiel das Vertrauen der Unternehmen sinkt und die Investitionen zurückgehen, kann der Staat dem vorhersehbaren Multiplikatoreffekt zuvorkommen, indem er seine eigenen Ausgaben erhöht oder die Zinssätze senkt, um die Aufnahme von Krediten zu begünstigen. Wenn die Unternehmen andererseits zu viel investieren und damit Inflation befördern, kann der Staat seine Ausgaben einschränken oder die Zinssätze erhöhen, um den Aufschwung des Konjunkturzyklus zu dämpfen. Die Steuerung der Konjunktur beinhaltete auch die Eindämmung des Einflusses der Finanzwirtschaft – denn Kreditvergaben und Investitionen verhalten sich ebenfalls prozyklisch: Sie steigen in guten Zeiten an und fallen in schlechten Zeiten ab. Wenn es die Aufgabe der Regierung ist, das Auf und Ab der Konjunktur zu mildern, muss sie die Finanzwirtschaft regulieren, die diese Schwankungen oft intensiviert hat.

Diese Art keynesianischer Wirtschaftslenkung hatte einen bedeutenden Einfluss auf die Wirtschaftspolitik der Nachkriegszeit. Die Verheerungen des Krieges, die Vergrößerung der Staatsapparate und das Aufkommen von Bretton Woods führten in den Staaten des Globalen Nordens zu einer gewissen Neugewichtung der Machtverhältnisse, die die Interessen der Arbeiterinnen und Arbeiter begünstigte.9 Der wachsende politische Einfluss der einheimischen Arbeiterbewegungen führte vielerorts zur Übernahme keynesianischer Ideen – schließlich zielten diese darauf ab, Rezessionen und Arbeitslosigkeit vorzubeugen. Vermittelt durch den Aufstieg von Massenparteien, die die Interessen der arbeitenden Bevölkerung vertraten, entwickelten Staaten und Gewerkschaften enge Beziehungen und installierten in vielen Fällen zentralisierte Tarifverhandlungsprozesse. Die Reichen und die Unternehmen wurden stärker besteuert – die Einschränkung der Kapitalmobilität machte es möglich – und die Ungleichheit in den Gesellschaften nahm ab. Damals dachten viele Keynesianerinnen und Keynesianer, es sei ihnen endlich gelungen, die Exzesse des kapitalistischen Systems zu zähmen, das in den vorangegangenen Jahrzehnten so viel Zerstörung angerichtet hatte. In Anlehnung an das lediglich »vergoldete« Gilded Age der Vorkriegszeit wurde diese Periode folglich das goldene Zeitalter des Kapitalismus genannt.

In Großbritannien entstand in dieser Zeit eine neue Art politischer Ökonomie, die oft als Nachkriegskonsens oder auch als keynesianischer Konsens bezeichnet wird.10 Im Anschluss an die Kriegsregierung unter Winston Churchill unterlagen die Konservativen bei den Unterhauswahlen 1945 deutlich der Labour Party und Clement Attlee wurde Premierminister. Die neue Labour-Regierung griff den Keynesianismus auf, der bis zu diesem Zeitpunkt nur begrenzten Einfluss auf die Wirtschaftspolitik gehabt hatte. Zwar hatte Keynes mit seinen Ideen die Welt der Wirtschaftswissenschaft revolutioniert – um die wirkliche Welt zu revolutionieren, bedurfte es jedoch einer Verschiebung der Machtverhältnisse. Im Verlauf der folgenden Jahrzehnte ging die Ungleichheit zurück, die Löhne stiegen proportional zur Produktivität, die Lebensstandards der Mehrheit erhöhten sich und sowohl die Arbeiterbewegung als auch der Staat gewannen im Verhältnis zum Kapital an Macht. Der Sozialstaat wurde ausgebaut und bot Arbeiterinnen und Arbeitern ein Sicherheitsnetz, das sie im Falle eines Konjunkturabschwungs auffing, was wiederum ihre Verhandlungsmacht bestärkte. Obwohl die in der City of London angesiedelte Finanzwirtschaft wuchs und weiterhin enormen Einfluss auf die Regierung ausübte, war die Rentiersklasse aus Spekulantinnen und Spekulanten, Landlords und Finanziers viel stärker eingeschränkt als zuvor.

Der Nachkriegskonsens konnte durchgesetzt werden, weil sich die britischen Arbeiterinnen und Arbeiter, die von der keynesianischen Wirtschaftslenkung profitieren würden, organisiert hatten. In Großbritannien war die Arbeiterbewegung politisch gestärkt aus den Jahren des Krieges hervorgegangen. So institutionalisierte sich die Machtverschiebung vom Kapital auf die Arbeit im Rahmen der sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen der 1940er Jahre.

Gesellschaften verändern sich – aber wie?

Die Auffassung, dass historischer Wandel durch Machtverhältnisse, Institutionen und Krisen bestimmt wird, basiert auf einer bestimmten Lesart der Marxschen Geschichtsauffassung – einer Lesart deshalb, weil sich Marxistinnen und Marxisten darüber nach wie vor uneins sind. Insbesondere bestehen Meinungsverschiedenheiten zwischen jenen, die glauben, dass Marx in seiner Analyse historischer Entwicklung die wirtschaftlichen Strukturen in den Vordergrund stellte, und jenen, die glauben, dass er der menschlichen Handlungsfähigkeit den Vorrang eingeräumt hat. In anderen Worten: Diese Gruppen haben unterschiedliche Antworten auf die Frage, was beim historischen Wandel im Zentrum steht – die ökonomischen und technologischen Bedingungen oder das Verhalten der Menschen unter diesen Bedingungen.

Der ersten Ansicht zufolge führt der technologische Wandel zu Veränderungen der Arbeitsbedingungen, was wiederum Verschiebungen der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse zur Folge hat, die sich auch in den Geisteshaltungen der Menschen niederschlagen. So erleichterte beispielsweise das Aufkommen der Massenproduktion den Austausch politischer Ideen unter den Arbeiterinnen und Arbeitern und somit auch die gemeinsame Organisation gegen ihre Ausbeutung, was die Entstehung von Gewerkschaften beförderte. Die Art und Weise, in der sich der politische Wandel aus dem technologischen ergibt, kann nach dieser Lesart unvermeidlich und zwangsläufig erscheinen. Die ökonomischen und technologischen Bedingungen – das, was Marx als die »ökonomische Basis« bezeichnete – bestimmen die Machtverhältnisse; und diejenigen, die Macht haben, widmen sich dem Aufbau von Institutionen, die ihre Ideen befördern – das, was Marx den »ideologischen Überbau« nannte. Die Mächtigen nutzen ihre Kontrolle über die Bildung, die Medien und die Gesetzgebung, um die Narrative zu beeinflussen, mit denen sich die Menschen die Welt erklären. Auf diese Weise hält sich das System Tag für Tag am Laufen. Doch all das geschieht auf Grundlage einer asymmetrischen Verteilung der materiellen Macht – also der Macht über die Produktivkraft und die Ressourcen. Manche Verfechterinnen und Verfechter dieser Geschichtsauffassung würden sogar behaupten, dass die Handlungen der Menschen überhaupt keine Rolle spielen. Für sie schreitet die Geschichte aufgrund technologischer Veränderungen voran – nicht aufgrund menschlicher Entscheidungen.