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In der Anthologie "Stolz und Vorurteil & Jane Eyre" vereinen sich zwei Meisterwerke der englischen Literatur, die den Leser auf eine Reise durch die gesellschaftlichen und emotionalen Landschaften des 19. Jahrhunderts mitnehmen. In dieser Sammlung erblüht die Vielfalt literarischer Stile: von Austens scharfsinniger Satire der englischen Oberschicht bis zu Brontës stürmischer Erzählung über persönliche Emanzipation und romantische Leidenschaft. Beide Werke spiegeln in einzigartiger Weise die Spannungen ihrer Zeit wider und beleuchten soziale Normen und Geschlechterrollen mit bemerkenswerter Tiefe und Einsicht. Jane Austens und Charlotte Brontës Schriften stehen im Dialog mit den literarischen und kulturellen Bewegungen ihrer Epoche. Austen, mit ihrer geschickten Beobachtungsgabe und feinsinnigen Ironie, und Brontë, mit ihrem kraftvollen und introspektiven Erzählen, bereichern das Verständnis der viktorianischen Ära. Ihre kollektiven Beiträge ergründen das Streben nach persönlichem Glück und Selbstverwirklichung in einer Gesellschaft im Wandel. Die Sammlung bietet so nicht nur faszinierende Einblicke in die Gedankenwelten zweier herausragender Autorinnen, sondern auch in die historischen und kulturellen Stränge, aus denen diese Erzählungen gewoben sind. Diese Kompilation lädt Leser dazu ein, die Entwicklung weiblichen literarischen Schaffens in einem prägenden Jahrhundert zu erkunden. Sie bietet die einmalige Gelegenheit, die meisterhafte Balance zwischen Verspieltheit und Ernst, Rebellion und Anpassung, in einer einzigen Ausgabe zu erleben. Der Band vertieft das Verständnis für die literarische Tradition und ermuntert zu einer kritischen Auseinandersetzung mit zeitlosen Themen, die bis heute nachhallen. Leser werden inspiriert, sich mit den Themen Liebe, Stolz, und gesellschaftlicher Wandel auseinanderzusetzen, während sie die Kunstfertigkeit zweier ikonischer Schriftstellerinnen bewundern. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine Einführung verknüpft die verschiedenen Stränge, indem sie erörtert, warum diese unterschiedlichen Autoren und Texte gemeinsam in einer Sammlung Platz finden. - Der Abschnitt zum historischen Kontext beleuchtet die kulturellen und intellektuellen Strömungen, die diese Werke geprägt haben, und bietet Einblicke in die gemeinsamen (oder gegensätzlichen) Epochen, die jeden Autor beeinflusst haben. - Eine kombinierte Synopsis (Auswahl) umreißt kurz die wichtigsten Handlungen oder Argumente der enthaltenen Texte, damit die Leser den Gesamtumfang der Anthologie erfassen können, ohne wesentliche Wendungen vorwegzunehmen. - Eine kollektive Analyse hebt gemeinsame Themen, stilistische Variationen und bedeutsame Überschneidungen in Ton und Technik hervor, um Autoren aus verschiedenen Hintergründen miteinander zu verbinden. - Reflexionsfragen ermutigen die Leser, die verschiedenen Stimmen und Perspektiven innerhalb der Sammlung zu vergleichen, und fördern so ein tieferes Verständnis des übergreifenden Gesprächs.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Diese Sammlung vereint Stolz und Vorurteil von Jane Austen und Jane Eyre von Charlotte Brontë, um zwei maßgebliche Stimmen des englischsprachigen Romans aus dem frühen bis mittleren 19. Jahrhundert miteinander ins Gespräch zu bringen. Beide Bücher erkunden, wie persönliche Integrität in Gesellschaftsräumen geformt und geprüft wird. Als Leitmotiv dient die Suche nach Selbstbestimmung unter den Bedingungen von Klasse, Konvention und Gefühl. Das kuratorische Ziel besteht darin, die Spannweite zwischen gesellschaftlicher Beobachtung und innerer Bewährung sichtbar zu machen und dadurch die Vielgestaltigkeit weiblicher Handlungsmacht zu betonen, ohne die Besonderheiten der jeweiligen Autorinnenstimme zu glätten.
Die Auswahl folgt der Einsicht, dass beide Romane einen gemeinsamen Bogen von Urteilskraft zu Empathie schlagen. In Stolz und Vorurteil wird soziale Intelligenz mit ironischer Präzision erprobt; Jane Eyre vertieft die Perspektive auf Gewissen, Leidenschaft und Selbstachtung. Gemeinsam beleuchten sie die Frage, wie Verstand und Gefühl in verantwortliche Freiheit überführt werden. Ziel der Zusammenstellung ist es, diese Korrespondenz zu akzentuieren und zugleich Differenzen fruchtbar zu machen: Was als gesellige Komödie erscheint, gewinnt im Spiegel einer introspektiven Erzählung zusätzliche Tiefenschärfe, während innere Dringlichkeit durch Vergleich mit alltäglichen Umgangsformen ein neues Profil erhält.
Beide Werke öffnen unterschiedliche Gattungsräume: die kunstvolle Gesellschaftserkundung bei Austen und die von psychologischer Intensität, Erziehung und Schattenmotiven geprägte Erzählung bei Brontë. In der gemeinsamen Rahmung entsteht ein Resonanzraum für strukturelle Spiegelungen, etwa im Wechselspiel von Beobachten und Erkanntwerden, von Urteil und Selbstprüfung. Die Sammlung verfolgt das Ziel, solche Muster in ihrer Gleichzeitigkeit sichtbar zu machen und Lektüren zu fördern, die Übergänge statt Trennlinien betonen. Im Nebeneinander entfalten die Bücher Verwandtschaften und Kontraste, die bei isolierter Lektüre seltener hervortreten, und laden dazu ein, Formen literarischer Selbstbehauptung als facettenreiches Kontinuum zu begreifen.
Im Publikationskontext des 19. Jahrhunderts markieren beide Autorinnen Wege, auf denen Frauenstimmen öffentliches Nachdenken über Moral, Bindung und soziale Bewegung prägen. Diese Zusammenführung respektiert zeitliche Distanz und stilistische Eigenarten, rückt jedoch das verbindende Thema des bewussten Lebensentwurfs ins Zentrum. So entsteht eine kuratierte Lesesituation, die an Gemeinsamkeiten entlangführt, ohne Unterschiede zu nivellieren. Der Rahmen macht erfahrbar, wie die Romane unterschiedliche Pfade zu Urteil, Freiheit und Anerkennung eröffnen und dabei je eigene Maßstäbe entwickeln. Durch die Konzentration auf dieses Spannungsfeld wird die dynamische Breite des englischen Romans jener Epoche besonders anschaulich.
Im Dialog der Texte fällt die unterschiedliche Stimmführung ins Gewicht. Austen arbeitet mit einer distanziert nahen Erzählhaltung, die Ironie als Erkenntnismittel nutzt; Brontë setzt auf eine unmittelbare Ich-Perspektive, die innere Notwendigkeit und Gewissensprüfung ins Zentrum rückt. Beide Verfahren prüfen Wahrnehmung und Fehlurteil, loten die Grenzen von Einbildungskraft und Erfahrung aus und setzen auf reflexive Selbsterkenntnis. So entsteht ein Gespräch über die Autorität der Stimme: ob soziale Lesbarkeit und sprechender Witz tragen, oder ob moralische Überzeugung aus dem Inneren drängt. Die Werke ergänzen einander, indem sie unterschiedliche Wege zu verlässlichem Urteil inszenieren.
Gemeinsame Motive strukturieren die innere Kommunikation. Räume des Zusammenkommens, Spaziergänge und scharfer Blickwechsel prägen Austens Welt; Schwellen, Korridore und elementare Zeichen intensiver Erfahrung akzentuieren Brontës Schauplätze. In beiden Fällen dienen Umgebungen als moralische Topographien, in denen Werte getestet werden. Wiederkehren der Motive des Lesens, des Schweigens und der Stimme verstärkt diesen Effekt: Figuren lernen, Zeichen zu deuten, Grenzen zu benennen und Anerkennung zu verhandeln. Dadurch verschränken sich ästhetische Mittel mit ethischen Fragen, und das Nebeneinander der Romane zeigt, wie Handlungen zugleich gesellschaftlich lesbar und psychologisch notwendig erscheinen können, für dauerhaftes Verständnis.
Die Kontraste im Ton sind produktiv. Stolz und Vorurteil entfaltet die Kunst des geselligen Gesprächs, in dem Witz und Zurückhaltung soziale Verlässlichkeit formen. Jane Eyre akzentuiert existenzielle Intensität, in der das Ich seine Maßstäbe gegen äußere Anforderungen behauptet. Das eine setzt auf verspielte Klarheit, das andere auf drängende Innerlichkeit; beide verhandeln dennoch ähnliche Fragen: Wie wird Wahlfreiheit erlangt? Welche Rolle spielt Selbstachtung im Angesicht von Begehren, Loyalität und Status? Der Vergleich macht sichtbar, wie unterschiedliche stilistische Register zu verwandten Einsichten über Integrität, Bindung und Gerechtigkeit führen. Gerade diese Spannung erhöht die interpretative Reichweite.
Direkte Bezugnahmen zwischen den Autorinnen sind nicht im Werktext festgeschrieben; dennoch werden in der literaturwissenschaftlichen Diskussion oft Resonanzen beschrieben. So erscheint Jane Eyre mitunter als kraftvolle Gegenfigur zur kontrollierten gesellschaftlichen Ironie bei Austen, während Austens Modell mitschwingt, wenn Brontë soziale Konventionen als Prüfstein persönlicher Wahrhaftigkeit inszeniert. Als greifbare Parallelen gelten die Ausbildung einer wachen Urteilskraft und das Beharren auf wechselseitiger Anerkennung. Solche subtilen Echoeffekte sind weniger Zitate als dialogische Haltungen, die zeigen, wie zwei unterschiedliche Poetikentwürfe eine gemeinsame ethische Problemstellung variieren und vertiefen, und so historische Distanz in kreative Nähe verwandeln.
Die Sammlung ist heute relevant, weil sie Grundfragen des Zusammenlebens mit unverminderter Klarheit verhandelt: Selbstbestimmung, Verantwortung, Grenzen gesellschaftlicher Erwartung und Möglichkeiten der Veränderung. Leserinnen und Leser finden hier Modelle kritischer Aufmerksamkeit gegenüber Rollenbildern und Machtgewohnheiten, zugleich eine Schule der Empathie. Die Romane zeigen, wie Urteil reift, ohne zu moralisieren, und wie Zuneigung die Prüfung von Prinzipien bestehen kann. Im gemeinsamen Lesen entsteht ein weiter Raum, in dem Gefühle, Selbstachtung und soziale Bindung nicht als Gegensätze, sondern als prüfbare Beziehungen erscheinen, deren Balance immer wieder neu gesucht werden muss, gerade in pluralen Gesellschaften.
Beide Titel gelten weithin als Grundpfeiler des englischsprachigen Romans und werden in Forschung und Lehre kontinuierlich diskutiert. Die kritische Rezeption hebt besonders die Präzision sozialer Beobachtung bei Austen und die psychologische Radikalität bei Brontë hervor. Immer wieder wurde gezeigt, wie beide Werke Maßstäbe für Erzählperspektive, Figurenzeichnung und moralische Komplexität setzen. Dieses Ansehen speist ihre anhaltende Präsenz in Debatten über literarische Formen und ethische Lesarten. Die vorliegende Zusammenführung lädt dazu ein, diese etablierten Wertungen neu zu kalibrieren, indem sie die wechselseitige Beleuchtung beider Romane in den Mittelpunkt rückt und methodische Vergleichsarbeit ausdrücklich fördert.
Die kulturelle Nachwirkung zeigt sich in zahlreichen Bearbeitungen und Anspielungen in darstellenden Künsten und populären Medien sowie in fortgesetzten Diskussionen über Geschlechterrollen, Bildung, Klasse und emotionale Autonomie. Die Protagonistinnen sind zu Bezugspunkten für Selbstbehauptung, Witz und Gewissen geworden, deren Haltungen über den literarischen Rahmen hinaus Orientierung stiften. Diese Wirkung beruht auf der Verbindlichkeit ihres moralischen Suchens und der ästhetischen Prägnanz, mit der soziale Normen sichtbar werden. Dadurch bleiben beide Romane ein Reservoir an Szenen, Formulierungen und Denkfiguren, das immer wieder neu interpretiert und in zeitgenössische Fragestellungen übersetzt wird, auch jenseits akademischer Kontexte.
Im Zusammenspiel beider Werke entsteht ein Lehrraum für reflektierte Freiheit: Ironie schärft den Blick, Innerlichkeit erprobt die Standhaftigkeit, und beides zusammen öffnet Wege zu reifer Zustimmung und berechtigter Ablehnung. Die Sammlung möchte produktive Reibung erfahrbar machen, nicht Einhelligkeit. Sie bietet die Gelegenheit, vertraute Passagen unter veränderten Vorzeichen zu lesen und Unterschiede als methodische Stärke zu nutzen. So werden ästhetische Verfahren als ethische Experimente erkennbar, und der klassische Status der Romane zeigt sich weniger als Monument denn als bewegliche Ressource für Gegenwart und Zukunft. Die gemeinsame Lektüre formt einen anspruchsvollen, aber zugänglichen Reflexionsraum.
Die beiden Romane verorten sich in einer britischen Übergangszeit zwischen Revolutionsangst, napoleonischen Kriegen und heraufziehender Reformära. In Stolz und Vorurteil markiert die Anwesenheit der Miliz den Schatten des europäischen Konflikts, während das scheinbar abgeschlossene Landleben von Patronage, Rang und Grundbesitz strukturiert bleibt. Jane Eyre erscheint wenige Jahrzehnte später, als die frühen Signale viktorianischer Ordnung, Industrialisierung und sozialer Regulierung bereits spürbar sind. Beide Texte entfalten ihre Konflikte innerhalb von Häusern, Salons und Schulen, doch die Außenwelt mischt die Karten: Krieg finanziert Karrieren, Erbschaft sichert oder versperrt Wege, und der Staat greift über Institutionen in Biografien ein.
Stolz und Vorurteil exponiert die jurische Realität von Erbfolge und Entail, die Töchter von Grundbesitz abschneidet und Heirat zur ökonomischen Notwendigkeit macht. Coverture und Konvention definieren weibliche Abhängigkeit; Reputation ist eine Währung, die ebenso riskant wie fragil ist. Die Protagonistin verhandelt Urteilskraft gegen Status, wobei höfische Umgangsformen gesetzliche Zwänge überdecken. Jane Eyre zeigt denselben Grundkonflikt aus einer niedrigeren sozialen Position: Ohne Vermögen bedeutet Unabhängigkeit Arbeit, allerdings ohne gesichertes Recht auf Schutz oder faire Entlohnung. In beiden Büchern kollidieren persönliches Gewissen und gesellschaftliche Ordnung, wobei das Rechtssystem die Bühne steckt, auf der moralische Entscheidungen getroffen werden.
Bildung ist in beiden Werken ein machtpolitisches Instrument. In Jane Eyre prägen Armenfürsorge, kirchlich geprägte Disziplin und spartanische Internate die frühe Sozialisation; Frömmigkeit kann Fürsorge bedeuten, aber auch Härte und Demütigung legitimieren. Der Weg in den Beruf der Gouvernante entsteht aus dieser Gemengelage: ein prekärer Dienst über der Dienerschaft, unter der Familie, sozial isoliert und rechtlich verletzlich. In Stolz und Vorurteil fungiert Bildung als Distinktionsmittel in Tanz, Konversation, Lektüre und Klavierspiel; sie sichert Heiratschancen und signalisiert Tugend. Hinter der höflichen Oberfläche liegt ein System, das über Erziehung Klassen reproduziert und zugleich begrenzte Fenster für soziale Bewegung öffnet.
Religion rahmt die moralische Grammatik beider Romane. In Stolz und Vorurteil erscheint das Klerikeramt als soziales Amt, in dem Patronage, Anstand und Nutzen kalkuliert werden. Glaubenspraxis wird weniger theologisch als gesellschaftlich sichtbar und liefert Codes, nach denen Ehe und Pflicht verhandelt werden. Jane Eyre diskutiert Glauben existenzieller: Gewissen, Versuchung, Buße und Gnade erhalten narrative Schwerkraft. Die Protagonistin prüft religiöse Autorität an individueller Überzeugung und lehnt Heilsangebote ab, die ihre Integrität unterminieren. So treten zwei Formen moralischer Ordnung hervor: eine höfische Ethik des Maßes und eine Gewissensethik, die staatliche, familiäre und kirchliche Macht kritisch befragt.
Die britische Imperiumsökonomie bleibt in beiden Texten oft nur angedeutet, doch sie strukturiert Vermögen und Möglichkeiten. In Jane Eyre kreuzen Gelder aus karibischen Plantagen, Handelsnetzwerke und koloniale Rechtspraxis die Lebensläufe, mit ethischen und rechtlichen Verwicklungen, die bis in intimste Beziehungen reichen. Der Roman spiegelt so die Ambivalenz einer Nation, die Freiheit predigt und von unfreier Arbeit profitiert. In Stolz und Vorurteil sind die Verbindungen indirekter: Offiziere, Spekulationen und bürgerliches Kapital zeigen, dass auch die ländliche Grafschaft an globale Geldströme angeschlossen ist. Die höfische Etikette verschleiert, aber tilgt nicht, diese materiellen Voraussetzungen.
Zwischen 1813 und 1847 verschieben Reformen den Möglichkeitsraum. Debatten über Repräsentation, Armenrecht und Fabrikordnung verändern den Ton öffentlicher Moral. Stolz und Vorurteil, am Ende der napoleonischen Ära, beobachtet ein England, das Stabilität sucht und Ordnung performt. Jane Eyre, im frühen Viktorianismus publiziert, spürt stärker den Druck administrativer Moderne: Registraturen, Schulen, Arbeitsmärkte und die Sprache der Selbstdisziplin. Beide Romane halten am Ideal individueller Verantwortung fest, zeigen aber, wie begrenzt Handlungsspielräume ohne Eigentum sind. In dieser Spannung entsteht die Dringlichkeit weiblicher Selbstbestimmung: nicht als Revolte gegen den Staat, sondern als zähe Aushandlung innerhalb seiner Regeln.
Die Romane stehen an einem Knotenpunkt literarischer Formbildung. Stolz und Vorurteil perfektioniert eine komödiantische Gesellschaftsanalyse, die über dialogische Feinarbeit und erzählerische Ironie Urteile kalibriert. Die Lesenden lernen, subtile Signale zu gewichten und voreilige Meinungen zu revidieren. Jane Eyre entfaltet dagegen eine Ich-Erzählung von hoher Affektspannung, die innere Erfahrung, moralische Prüfung und romantische Attraktion in einheitlichen Strom bringt. Das Ergebnis ist eine psychologisch dichte Prosa, die subjektive Wahrnehmung zum Prüfstein von Wahrheit macht. Zusammen markieren beide Texte die Verschiebung vom externen Sittenbild zur Innenperspektive als maßgeblichem Ort ethischer Erkenntnis.
Ästhetisch verbinden die Werke Realismus und Romantik auf unterschiedliche Weise. Stolz und Vorurteil arbeitet mit kontrollierter Wahrscheinlichkeit, sozialer Topografie und scharf konturierter Rede, um Lebensnähe mit spielerischer Eleganz zu vereinen. Jane Eyre greift Motive des Schauerromans auf – das große Haus, verborgene Räume, nächtliche Geräusche –, zähmt sie jedoch durch moralisches Nachdenken und klare Selbstprüfung. Im ersten Fall dominiert die Ethik des Maßes; im zweiten wird Leidenschaft als Kraft zur Wahrheitsfindung rehabilitiert. Dieser Kontrast lässt die Anthologie als Dialog zweier komplementärer Erkenntnisstile erscheinen: urbane Ironie und elementare Innerlichkeit.
Räume fungieren als ästhetische Argumente. Das Landhaus in Stolz und Vorurteil ist ein Bühnenraum der Sichtbarkeit: Bälle, Besuche und Spaziergänge erzeugen soziale Choreografien, in denen Charakter zutage tritt. Das Herrenhaus in Jane Eyre ist ein Resonanzraum der Geheimnisse, doch die Erzählerin nutzt Türen, Treppen und Blicke, um Grenzen zu markieren, die sie ethisch nicht überschreitet. Briefe, Notenbücher und Handarbeit sind Medien der Selbstformung; Reisen per Kutsche oder zu Fuß erzeugen Prüfungen und Übergänge. So verschränken sich Architektur, Mobilität und Schriftlichkeit zu poetischen Verfahren, die Selbstprüfung und Gesellschaftsanalyse materialisieren.
Die Wissenskultur der Zeit beeinflusst Ton und Technik. Zunehmende Alphabetisierung, Leihbibliotheken und periodische Presse erweitern den Leserkreis, während moralphilosophische Debatten über Vernunft, Gefühl und Gewohnheit in den Romanen ästhetisch sedimentieren. Stolz und Vorurteil setzt auf urteilsbildende Distanz: Fehlwahrnehmung wird korrigiert, indem Informationen neu gewichtet werden. Jane Eyre kultiviert eine Erfahrungswahrheit, die nicht mit kalter Rationalität konkurriert, sondern diese ergänzt und unterordnet. Beide Texte misstrauen spekulativem Glanz und plädieren für geprüftes Wissen aus Beobachtung, Erinnerung und Dialog. Das Erzählen wird zur Methode der Erkenntnis, nicht bloß zur Dekoration moralischer Lehrsätze.
Autorschaft ist Teil der Ästhetik. Jane Austen etabliert eine kontrollierte, oft anonym eingefasste Schreibweise, die Autorität aus stilistischer Unerschütterlichkeit gewinnt. Charlotte Brontë setzt dem eine autorisierte Subjektivität entgegen: eine Stimme, die sich öffentlich zu prüfen wagt, ohne Schutz kollektiver Konventionen. Beide schreiben innerhalb marktwirtschaftlicher Formate, vom mehrbändigen Roman bis zur seriellen Besprechung, und kalkulieren dennoch literarische Integrität höher als modische Effekte. Ihre unterschiedlichen Strategien zur Darstellung weiblicher Urteilskraft – höfische Ironie hier, existenzielle Selbstbehauptung dort – bilden ein Spannungsfeld, in dem ästhetische Entscheidung zugleich eine ethische Positionierung wird.
Die zeitgenössische Aufnahme unterschied sich, doch beide Werke wurden rasch zu Bezugspunkten. Stolz und Vorurteil fand früh Anerkennung für Witz, Ökonomie der Form und sittsamen Charme, während manche Leserinnen und Leser eine gewisse Weltverengung sahen. Jane Eyre löste unmittelbar Debatten aus: Die leidenschaftliche Ich-Stimme schien kühn, für einige zu kühn, und rief Applaus wie Alarm hervor. In beiden Fällen verknüpfte sich ästhetisches Urteil mit sozialer Normierung. Die Romane wurden zu Prüfsteinen dafür, wie viel weibliche Stimme, Selbstwahl und Kritik an Konventionen eine Gesellschaft erträgt – und wie sehr sie sie heimlich bewundert.
Mit dem späten 19. Jahrhundert verschob sich der Blick. Stolz und Vorurteil avancierte zum Kanonmodell des wohltemperierten Realismus und diente oft als Maß für höfische Sitte, manchmal gegen seinen eigenen ironischen Strang gelesen. Jane Eyre erhielt den Status eines moralischen Bildungsromans, dessen sozialer Aufstieg und innere Läuterung in bürgerliche Ideale rückgebunden wurden. Um 1900 bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts verstärkte der Unterrichtskanon diese Lesarten, zugleich entdeckten Interpretationen die psychologische Präzision beider Texte neu. Dass beider Protagonistinnen ihren moralischen Kompass gegen äußeren Druck behaupten, wurde als zeitloses Lehrstück gelesen.
Feministische Deutungen brachten eine andere Gewichtung. In Stolz und Vorurteil wurde die Verhandlung von Ehe als Vertrag, das Ringen um Respekt statt bloßer Versorgung und die Weigerung, Opportunismus zu romantisieren, zu Signaturen weiblicher Agency. Jane Eyre erschien als kompromisslose Behauptung eines unteilbaren Selbst, das weder Leidenschaft noch Pflicht opfert, sondern Bedingungen sucht, die beides ermöglichen. Diese Lektüren machten die Romane zu Ressourcen für Diskussionen über Arbeit, Geld, Begehren und Anerkennung. Gleichzeitig mahnten sie, dass die erkämpften Freiräume im Text stets an soziale Rahmenbedingungen rückgebunden bleiben, die nicht jeder Figur offenstehen.
Postkoloniale Perspektiven stellten blinde Flecken heraus. Jane Eyre verknüpft intime Beziehungen mit imperialer Ökonomie, einschließlich einer vorbestehenden Ehe, deren rechtliche und rassifizierte Implikationen Kritik herausforderten. Lesarten schwanken zwischen Entlastung durch die moralische Haltung der Erzählerin und Anklage mangelnder Empathie gegenüber kolonialer Gewalt. Bei Stolz und Vorurteil werden Verflechtungen subtiler registriert: Konsum, Offizierskarrieren und Geldanlagen verweisen auf globale Hintergründe, die der Text nicht ausführt. So entsteht eine produktive Spannung zwischen ästhetischer Geschlossenheit und historischer Unabgeschlossenheit, die Relektüren motiviert und Diskussionen über Kanon, Komplizenschaft und ethische Reichweite vorantreibt.
Adaptionen haben die Bedeutungsbahnen immer neu gezogen. Bühnenfassungen, Hörspiele, Filme und serielle Formate aktualisierten Sprache, Kostüm und Tempo, um wechselnden Publikumserwartungen zu entsprechen. Stolz und Vorurteil diente dabei häufig als Projektionsfläche für Debatten über Klasse, Höflichkeit und romantische Verhandlungsmacht, Jane Eyre für Fragen der Selbstbestimmung, Einwilligung und moralischen Grenzziehung. Jede Epoche akzentuiert anderes: vom Zeremoniell der Höflichkeit über die Psychologie der Intimität bis zur strukturellen Ungleichheit. So zeigen die Aufführungen, wie robust die Werkstrukturen sind – und wie bereitwillig sie politische Bedeutungen neuer Kontexte aufnehmen.
Heute prägen globale Lektüregemeinschaften, digitale Editionen und transmediale Nacherzählungen die Rezeption. Interaktive Lesekreise diskutieren ökonomische Gewalt hinter höfischer Rede, neurodiverse Perspektiven auf Wahrnehmung, sowie Trauma und Heilung in Jane Eyre. Nachhaltigkeitsdebatten fragen, welche ökologische Last die Welt der Landgüter trug, und wie Besitzideale sich verändern. In Klassenzimmern dienen beide Romane als Übungsfelder für ethische Urteilskraft: Wie korrigieren wir Fehleinschätzungen? Wann rechtfertigt Überzeugung Widerstand? Zugleich bleibt Raum für Genuss an Witz, Stil und Spannung. Die Texte existieren damit als gleichzeitige Klassiker und lebendige Foren öffentlicher Prüfung.
Eine scharfzüngige Gesellschaftskomödie über die Wege, auf denen Stolz, Vorurteil und Erwartungen das Urteilen und Fühlen junger Menschen – besonders Elizabeth Bennet – verzerren. Missverständnisse und soziale Codes prägen das Werben und führen erst über Selbstreflexion und Perspektivwechsel zu Annäherung. Der Ton ist leicht, ironisch und beobachtend, mit Fokus auf familiäre Dynamiken und die Zwänge der englischen Landgesellschaft.
Ein Bildungs- und Emanzipationsroman aus der Ich-Perspektive einer jungen Frau, die trotz harter Kindheit auf Integrität, Selbstachtung und emotionale Unabhängigkeit besteht. Liebe, Geheimnisse und moralische Prüfungen auf einem abgelegenen Landsitz konfrontieren sie mit Machtgefällen und gesellschaftlichen Grenzen. Der Ton ist ernst, intensiv und von gotischen Motiven durchzogen, mit starker Innerlichkeit.
Beide Romane erkunden weibliche Selbstbestimmung in einer von Klasse, Anstand und Ökonomie geprägten Gesellschaft und koppeln Liebesgeschichten an Prozesse der Selbsterkenntnis.
Austen arbeitet mit sozialer Satire und Distanz, Brontë mit emotionaler Intensität und gotischer Atmosphäre; zusammen zeigen sie zwei Wege, wie Vernunft, Gefühl und Moral in Beziehungen verhandelt werden.
Im Kontrast von äußerer Gesellschaftsbeobachtung und innerer Selbstprüfung entsteht ein Dialog über Würde, Respekt und die Bedingungen einer partnerschaftlichen Verbindung.
In der ganzen Welt gilt es als ausgemachte Wahrheit, dass ein begüterter Junggeselle unbedingt nach einer Frau Ausschau halten muss …
Welcher Art die Gefühle und Wünsche eines solchen Mannes im übrigen auch immer sein mögen, diese Wahrheit hat eine so unumstößliche Geltung, dass er schon bei seinem ersten Auftauchen von sämtlichen umwohnenden Familien als rechtmäßiger Besitz der einen oder anderen ihrer Töchter angesehen wird.
»Mein lieber Bennet«, sprach eines Tages Mrs. Bennet zu ihm, »hast du schon gehört, dass Netherfield Park endlich einen Mieter gefunden hat?«
Mr. Bennet erwiderte, er habe es noch nicht gehört.
»Trotzdem ist es so, wie ich sage«, beharrte Mrs. Bennet. »Mrs. Long war gerade hier und hat es mir erzählt — Willst du denn nicht wissen, wer der neue Mieter ist?« fuhr sie mit ungeduldiger Stimme fort.
»Du willst es mir doch gerade erzählen, und ich habe nichts dagegen.«
Einer deutlicheren Aufforderung bedurfte es nicht.
»Also, Mrs. Long erzählte, dass Netherfield von einem sehr wohlhabenden jungen Mann aus Nordengland gepachtet wurde. Er kam letzten Montag im Vierspänner an, um das Haus zu besichtigen, und er war so entzückt davon, dass er sogleich mit Mr. Morris abschloss. Noch vor Michaelis will er einziehen, und seine Dienerschaft soll zum Teil schon Ende dieser Woche herkommen.«
»Wie heisst er denn?«
»Bingley.«
»Verheiratet?«
»Aber nein! Unverheiratet! Natürlich unverheiratet! Ein steinreicher Junggeselle, mit vier-oder fünftausend Pfund im Jahr! Welch ein Glück für unsere Kinder!«
»Wieso? Wieso für unsere Kinder?«
»Du bist aber auch zu langweilig, mein Lieber. Verstehst du denn nicht, dass er vielleicht eine unserer Töchter heiraten wird?«
»Kommt er deshalb hierher?«
»Deshalb? Was redest du da? Unsinn! Aber es ist doch sehr gut möglich, dass er sich in eine von ihnen verliebt; und daher musst du ihm einen Besuch machen, sobald er eingezogen ist.«
»Weshalb denn? Du kannst ja mit den Mädchen hinübergehen. Oder besser noch, du schickst sie allein; denn da du noch ebenso gut aussiehst wie jede von deinen Töchtern, würde sich Mr. Bingley vielleicht gar dich aus dem Schwarm aussuchen.«
»Ach, du Schmeichler. Gewiss, ich bin einmal recht schön gewesen, aber jetzt bilde ich mir nicht mehr ein, irgend etwas Besonderes vorzustellen. Wenn eine Frau fünf erwachsene Töchter hat, tut sie gut daran, alle Gedanken an ihre eigene Schönheit fallen zu lassen. Du musst aber unbedingt Mr. Bingley aufsuchen, sobald er unser Nachbar ist.«
»Ich gebe dir heute nur die Versicherung, dass ich es dir nicht versprechen kann.«
»Aber denk doch an deine Töchter! Denk doch an die gesellschaftliche Stellung, die es für eine von ihnen bedeuten mag! Sogar Sir William und Lady Lucas sind fest entschlossen, ihm nur deshalb einen Besuch zu machen; du weisst, wie wenig sie sich sonst um Neuankömmlinge kümmern. Du musst unter allen Umständen hingehen; denn wie sollen wir ihn besuchen können, wenn du es nicht zuerst tust?«
»Du bist viel zu korrekt; ich bin überzeugt, Mr. Bingley wird sich sehr freuen, euch bei sich begrüßen zu dürfen. Ich kann dir ja ein paar Zeilen mitgeben und ihm aufs herzlichste meine Einwilligung zusichern für den Fall, dass er sich eine von meinen Töchtern aussuchen und sie heiraten will. Für meine kleine Lizzy will ich dabei ein besonders gutes Wort einlegen.«
»Ich will sehr hoffen, dass du nichts dergleichen tust. Lizzy ist nicht einen Deut besser als die anderen. Im Gegenteil, ich finde sie nicht halb so hübsch wie Jane und nicht halb so reizend wie Lydia. Aber du musst sie ja immer vorziehen.«
»Du hast recht. Wirklich empfehlen könnte ich keine von ihnen«, erwiderte Mr. Bennet. »Sie sind albern und unwissend wie alle jungen Mädchen; nur Lizzy ist wenigstens etwas lebhafter als ihre Schwestern.«
»Aber hör mal, wie kannst du deine eigenen Kinder so herabsetzen! Es macht dir offenbar Spass, mich zu ärgern. Du hast eben gar kein Mitgefühl mit meinen armen Nerven!«
»Da verkennst du mich ganz und gar, meine Liebe. Ich hege die größte Achtung vor deinen Nerven. Seit zwanzig Jahren höre ich mir nun schon das mit deinen Nerven an; sie sind mir nun gute alte Bekannte geworden.«
»Ach, du ahnst nicht, wie sehr ich unter ihnen leiden muss!«
»Aber ich hoffe, du überstehst es auch dieses Mal und erlebst, dass noch viele andere junge Männer mit viertausend Pfund im Jahr sich in unserer Nachbarschaft niederlassen.«
»Und wenn zwanzig kämen, was nützt es uns, wenn du sie doch nicht besuchen willst?«
»Verlass dich auf mich, meine Liebe: wenn es erst zwanzig sind, werde ich sie nacheinander aufsuchen.«
Mr. Bennet stellte eine so eigenartige Mischung von klugem Verstand und Ironie, von Zurückhaltung und Schalkhaftigkeit dar, dass eine dreiundzwanzigjährige Erfahrung nicht genügt hatte, um seine Frau diesen Charakter verstehen zu lassen. Ihre Gedankengänge zu ergründen war einfacher: sie war eine unbedeutende Frau mit geringem Wissen und unberechenbarer Laune. War sie mit etwas unzufrieden, liebte sie es, die Nervöse zu spielen. Ihre Lebensaufgabe bestand darin, ihre Töchter zu verheiraten. Besuche machen und Neuigkeiten austauschen war ihre Erholung.
Mr. Bennet gehörte zu den ersten, die Mr. Bingley auf Netherfield begrüssten. Er war von vornherein entschlossen gewesen, den neuen Nachbarn aufzusuchen, so sehr er seiner Frau auch immer wieder das Gegenteil versicherte; und so wusste sie noch am Abend nichts von seinem Besuch am Morgen.
Mr. Bennet machte seiner Familie auf folgende Weise Mitteilung von seinem Antrittsbesuch: eine Weile sah er seiner zweiten Tochter Elisabeth zu, wie sie an einem Hut arbeitete, und sagte dann plötzlich:»Hoffentlich wird er Mr. Bingley gefallen, Lizzy.«
»Leider ist es uns ja nicht möglich, Mr. Bingleys Geschmack festzustellen«, sagte seine Frau vorwurfsvoll, »da wir ihn nicht besuchen können.«
»Du vergisst aber, Mama«, sagte Elisabeth, »dass wir ihn auf einem von den Bällen treffen werden. Mrs. Long hat versprochen, ihn uns vorzustellen.«
»Mrs. Long wird sich hüten! Sie hat ja selbst zwei Nichten. Mrs. Long ist eine selbstsüchtige und falsche Person, ich habe keine gute Meinung von ihr.«
»Ganz recht, ich auch nicht«, sagte Mr. Bennet. »Ich freue mich, dass du dich nicht auf ihre Gutmütigkeit verlassen willst.«
Seine Frau würdigte ihn keiner Antwort. Aber da nichts zu sagen über ihre Kraft gegangen wäre, fing sie an, eine ihrer Töchter zu schelten:»Hör um Himmels willen mit deinem Husten auf, Kitty! Nimm doch ein wenig Rücksicht auf meine Nerven — du zerreisst sie mir ja geradezu!«
»Kitty hustet ohne jedes Taktgefühl«, meinte ihr Vater, »sie hustet in einem sehr unpassenden Augenblick.«
»Ich huste nicht zum Vergnügen«, erwiderte Kitty störrisch. »Wann ist denn dein nächster Ball, Lizzy?«
»Morgen in vierzehn Tagen.«
»Richtig«, rief ihre Mutter, »und Mrs. Long kommt erst einen Tag vorher zurück; sie kann ihn euch also gar nicht vorstellen, denn sie wird ihn selbst noch nicht kennen!«
»Dann wirst du, meine Liebe, gegen deine Freundin großmütig sein können und Mr. Bingley ihr vorstellen.«
»Ausgeschlossen, Bennet, ganz ausgeschlossen! Ich kenne ihn ja auch nicht. Warum musst du mich immer ärgern?«
»Deine Vorsicht macht dir alle Ehre. Eine vierzehntägige Bekanntschaft genügt allerdings kaum, um jemand kennenzulernen; man kann einen Menschen nach so kurzer Zeit noch nicht beurteilen. Aber wenn wir es nicht tun, dann tut es jemand anders; Mrs. Long und ihre Nichten müssen das Risiko eben auf sich nehmen. Wenn du also glaubst, es nicht verantworten zu können — Mrs. Long wird das sicherlich als einen besonderen Beweis deiner Freundschaft anerkennen —, dann will ich es übernehmen.«
Die Mädchen starrten ihren Vater an. Mrs. Bennet sagte bloß: »Unsinn, Unsinn!«
»Was willst du mit deinem ›Unsinn‹ sagen?« fragte Mr. Bennet. »Etwa, dass die Förmlichkeit des Vorstellens und das Gewicht, das man dieser Förmlichkeit beimisst, Unsinn ist? In dem einen Punkt müsste ich dann verschiedener Meinung mit dir sein. Was meinst du dazu, Mary? Du denkst doch, soviel ich weiß, tief über alles nach und liest dicke Bücher und machst dir Notizen und Auszüge.«
Mary hätte für ihr Leben gern etwas sehr Kluges gesagt, aber ihr fiel nichts Passendes ein.
»Während Mary ihre Gedanken ordnet«, fuhr ihr Vater fort, »wollen wir zu Mr. Bingley zurückkehren.«
»Ich kann den Namen nicht mehr hören!« rief seine Frau.
»Das täte mir wirklich sehr leid. Aber warum sagtest du es mir nicht eher? Hätte ich es heute morgen schon gewusst, wäre mein Besuch bei ihm bestimmt unterblieben. Zu schade —, aber nun ist es einmal geschehen, und wir werden uns seiner Bekanntschaft nicht mehr entziehen können.«
Das Erstaunen seiner Familie war so groß und so lebhaft, wie er es sich gewünscht hatte. Mrs. Bennet übertraf auch hierin die anderen, wenn auch nur um ein weniges. Nichtsdestoweniger erklärte sie, nachdem man sich wieder etwas beruhigt hatte, sie habe es sich schon die ganze Zeit gedacht.
»Das war einmal richtig nett von dir. Aber ich wusste ja, dass ich dich würde überreden können. Ich wusste ja, dass du deine Kinder viel zu lieb hast, als dass du eine solche Bekanntschaft vernachlässigt hättest. Wie ich mich freue! Und wie gut dir dein Scherz gelungen ist —, heute morgen bist du schon bei ihm gewesen, und jetzt erzählst du uns erst davon!«
»So, Kitty, jetzt kannst du husten, so viel es dir Spass macht«, mit diesen Worten verließ Mr. Bennet das Zimmer, offensichtlich ziemlich mitgenommen von dem Begeisterungsausbruch seiner Frau.
»Ihr Mädchen habt einen einzigartigen Vater«, sagte sie, als die Tür sich geschlossen hatte. »Ich weiß nicht, wie ihr ihm je seine Güte werdet danken können — ich übrigens auch nicht. In unserem Alter ist es kein Vergnügen, kann ich euch versichern, täglich neue Bekanntschaften machen zu müssen. Aber für euch tun wir eben alles. Lydia, mein Liebling, du bist zwar sehr jung, aber ich bin fest davon überzeugt, dass Mr. Bingley auf dem nächsten Ball mit dir tanzen wird.«
»Och«, sagte Lydia stolz, »ich hab’ keine Angst. Ich bin wohl die Jüngste, aber auch die Größte von uns.«
Den Rest des Abends verbrachten sie auf das angenehmste damit, zu überlegen, wann wohl Mr. Bingleys Gegenbesuch zu erwarten sei und wann sie ihn dann zum Essen laden könnten.
So sehr sich indessen Mrs. Bennet, eifrig von ihren fünf Töchtern unterstützt, darum bemühte, es war keine auch nur einigermaßen zufriedenstellende Beschreibung des neuen Nachbarn aus ihrem Mann herauszubekommen. Die Angriffe erfolgten von den verschiedensten Seiten, geradewegs als Fragen oder unter Harmlosigkeit getarnt oder wieder als scheinbar ganz fern-liegende Andeutungen, aber er ließ sich in keine Falle locken. Zuletzt mussten sie sich mit dem zufriedengeben, was Lady Lucas ihnen aus zweiter Hand berichten konnte. Sir William war entzückt gewesen. Er sei noch sehr jung, ungewöhnlich gut aussehend, außerordentlich wohlerzogen, und, als Krönung des Ganzen, er beabsichtige, an dem nächsten Ball mit einer größeren Gesellschaft teilzunehmen … Wo konnte es da noch fehlen! Zwischen gern tanzen und sich verlieben war nur noch ein kleiner, ein fast unvermeidlicher Schritt! Mr. Bingleys Herz wurde Gegenstand der lebhaftesten Erörterungen und Erwartungen.
»Wenn ich es erleben darf, dass eine meiner Töchter als Herrin in Netherfield einzieht«, sagte Mrs. Bennet zu ihrem Mann, »und wenn es mir gelingen sollte, die anderen ebensogut unterzubringen, dann wird mir jeder Wunsch erfüllt sein.«
Nach einigen Tagen erwiderte Mr. Bingley Mr. Bennets Besuch und blieb mit ihm etwa zehn Minuten in der Bibliothek. Er hatte die leise Hoffnung gehabt, wenigstens einen Blick auf die jungen Damen werfen zu dürfen, von deren Schönheit er schon viel gehört hatte; aber der Vater war alles, was er zu sehen bekam. Die Damen selbst waren ein wenig mehr vom Glück begünstigt; gelang es ihnen doch, von einem Fenster im oberen Stock festzustellen, dass er einen blauen Mantel trug und ein schwarzes Pferd ritt.
Bald darauf wurde auch die Einladung zum Essen abgeschickt. Mrs. Bennet war sich schon über alle Gerichte und Gänge klar, mit denen sie hausfrauliche Ehre einzulegen gedachte; da kam seine Antwort und schob all die schönen Pläne auf unbestimmte Zeit auf. Mr. Bingley bedauerte sehr, am folgenden Tag nach London fahren und sich daher des Vergnügens berauben zu müssen, der Einladung usw. usw. Mrs. Bennet war ganz unglücklich. Sie konnte sich gar nicht denken, was das für eine Angelegenheit sein mochte, die ihn schon so bald nach seiner Ankunft in Hertfordshire nach London zurückrief. Der Gedanke, er könne vielleicht zu der Sorte junger Männer gehören, die ständig von einem Ort zum anderen flattern, anstatt sich mit einem festen Wohnsitz zu begnügen — in diesem Fall Netherfield —, wie es sich gehörte, begann sie ernstlich zu beunruhigen. Und sie schöpfte erst wieder ein wenig Mut, als Lady Lucas ihr gegenüber die Möglichkeit erwähnte, er sei doch vielleicht nur nach London gefahren, um seine große Ballgesellschaft nach Netherfield zu holen. Bald darauf verbreitete sich das aus sicheren Quellen stammende Gerücht, Mr. Bingley werde mit zwölf Damen und sieben Herren auf dem Fest erscheinen. Zwölf Damen! Die jungen Mädchen hörten diese Nachricht mit großer Besorgnis. Aber auch sie fassten wieder Mut, als die Zahl zwölf am Tage vor dem Ball auf sechs — fünf Schwestern und eine Cousine — berichtigt wurde. Die Gesellschaft, die tatsächlich den großen Festsaal betrat, war dann schließlich nicht zahlreicher als insgesamt nur fünf Personen: Mr. Bingley, seine beiden Schwestern, der Gatte der älteren und ein unbekannter junger Mann.
Mr. Bingley sah sehr gut aus und machte einen vornehmen Eindruck. Seine ganze Haltung und Art, sich zu geben, waren natürlich und von einer ungezwungenen Freundlichkeit. Die Schwestern waren mit gutem, eigenem Geschmack nach der letzten Mode gekleidet und mussten zweifellos zu den Schönheiten der Londoner Gesellschaft gezählt werden. Mr. Hurst, dem Schwager Mr. Bingleys, war die gute Familie anzusehen; mehr allerdings auch nicht. Mr. Darcy, der junge Freund, dagegen war bald mit seiner großen, schlanken Figur, seinem angenehmen Äußeren und seinem vornehmen Auftreten Mittelpunkt der Aufmerksamkeit des ganzen Saales. Kein Wunder, dass in weniger als fünf Minuten die verbürgte Nachricht ihren Lauf über alle Lippen nahm, Mr. Darcy verfüge über zehntausend Pfund im Jahr. Die Herren gestanden ihm sein ungewöhnlich stattliches und männliches Wesen zu, die Damen versicherten, er sehe noch besser aus als Mr. Bingley, und die Blicke von jedermann folgten ihm bewundernd den halben Abend lang; dann aber wandelte sich die anfängliche Auffassung von der Vornehmheit seines Auftretens vollständig in das Gegenteil um, woraufhin die Hochflut der Achtung, die man ihm entgegengebracht hatte, rasch abzuebben begann. Denn man konnte nicht umhin, die Feststellung zu machen, dass Mr. Darcy hochmütig war, auf die anwesende Gesellschaft herabsah und an nichts Anteil nehmen wollte. Nichts, nicht einmal sein großer Grundbesitz in Derbyshire, war ein Ausgleich für sein abweisendes und wenig freundliches Benehmen. Jedenfalls konnte er in keiner Weise mit seinem Freund Mr. Bingley verglichen werden.
Mr. Bingley hatte sich bald schon mit all den vornehmlichsten Anwesenden bekanntgemacht. Er tanzte jeden Tanz, war lebhaft und aufgeräumt, ärgerte sich nur darüber, dass das Fest so früh zu Ende sein sollte, und sprach davon, einen Ball auf Netherfield zu geben. Solche Liebenswürdigkeit bedarf keiner weiteren Lobesworte. Welch ein Gegensatz zwischen ihm und seinem Freund! Mr. Darcy tanzte nur je einmal mit Mrs. Hurst und mit Miss Bingley und lehnte es ab, irgendeiner anderen Dame vorgestellt zu werden. Den größten Teil des Abends brachte er damit zu, im Saal herumzugehen und hin und wieder mit dem einen oder der anderen von seinen Bekannten ein paar Worte zu wechseln. Über seinen Charakter brauchte auch kein Wort mehr verloren zu werden. Er war der hochmütigste, unangenehmste Mensch auf der Welt, und man konnte nur hoffen, dass man ihn zum letzten Male gesehen hatte.
Seine heftigste Gegnerin war Mrs. Bennet; denn zu der allgemeinen Missstimmung kam bei ihr ein persönlicher Grund hinzu, der ihre Abneigung noch bedeutend verschärfte: Mr. Darcy hatte eine ihrer Töchter beleidigt.
Da die Herren sehr in der Minderzahl waren, hatte Elisabeth zwei Tänze auslassen müssen; und in dieser Zeit war Mr. Darcy während seines gelangweilten Rundganges für einen kurzen Augenblick ihr so nahegekommen, dass sie nicht umhin konnte, ein Gespräch zwischen ihm und Mr. Bingley mit anzuhören; der hatte die Tanzenden verlassen, um seinen Freund aus seiner Interesselosigkeit zu reißen.
»Los, Darcy«, sagte er, »du musst auch einmal tanzen. Es wird mir zu dumm, dich in dieser blöden Weise hier allein herumstehen zu sehen. Wenn du doch schon hier bist, ist es viel vernünftiger, du tanzt.«
»Alles andere lieber als das! Du weisst, wie sehr ich es verabscheue, mit jemand zu tanzen, den ich nicht kenne. Und in einer Gesellschaft wie dieser hier wäre es geradezu unerträglich. Deine Schwestern haben beide einen Partner, und außer ihnen gibt es auch nicht ein einziges Mädchen im ganzen Saal, mit dem sich zu zeigen nicht eine Strafe wäre.«
»Nicht für ein Königreich möcht’ ich solch ein Mäkler sein wie du!« rief Bingley aus. »Auf Ehre, ich hab’ noch nie so viele nette Mädchen auf einmal kennengelernt wie heute Abend; viele sind sogar ganz ungewöhnlich hübsch.«
»Du tanzt ja auch mit dem einzigen Mädchen, das hier wirklich gut aussieht«, erwiderte Darcy und schaute gleichzeitig zu Jane hinüber.
»Ja, sie ist das wunderbarste Geschöpf, das mir je vor Augen gekommen ist! Aber gerade hinter dir sitzt eine ihrer Schwestern, die sehr nett aussieht und wahrscheinlich auch sehr nett ist. Ich werde meine Dame bitten, dich ihr vorzustellen.«
»Welche meinst du?« Darcy drehte sich um und betrachtete Elisabeth, bis sie unter seinem Blick hochsah. Daraufhin wandte er sich wieder an seinen Freund und meinte gleichgültig: »Erträglich, aber nicht genügend, um mich zu reizen. Außerdem habe ich heute keine Lust, mich mit jungen Damen abzugeben, die von den anderen Herren sitzengelassen worden sind. Kehr du nur wieder zu deiner Tänzerin zurück und sonne dich in ihrem Lächeln; bei mir vergeudest du doch nur deine Zeit.«
Mr. Bingley folgte seinem Rat, und Darcy nahm seinen Rundgang wieder auf. Elisabeths Ansicht über ihn war nicht sehr freundlich, aber nichtsdestoweniger berichtete sie ihren Freundinnen voll Humor ihr kleines Erlebnis; denn da sie selbst von Natur lustig und heiter war, lachte sie gern, auch wenn es auf ihre eigenen Kosten ging.
Im übrigen verlief jedoch der Abend zur vollsten Zufriedenheit der ganzen Familie. Mrs. Bennet hatte die Freude gehabt, ihre älteste Tochter von dem Netherfield-Kreis akzeptiert zu sehen: Mr. Bingley hatte zweimal mit ihr getanzt, und seine Schwestern zeichneten sie durch größte Zuvorkommenheit aus. Janes Freude und Stolz hierüber waren wohl nicht geringer als die ihrer Mutter, aber sie ließ es sich nicht so sehr anmerken. Elisabeth teilte als gute Schwester Janes Freude. Mary hatte sich Miss Bingley gegenüber als das gebildetste junge Mädchen aus der ganzen Nachbarschaft rühmen gehört. Und die beiden Jüngsten, Catherine und Lydia, konnten das unwahrscheinlichste Glück für sich in Anspruch nehmen, nicht einen einzigen Tanz ausgelassen zu haben, und das war das einzige, worauf es ihnen vorläufig bei einem Ball ankam.
Sie kehrten daher alle in bester Laune nach Longbourn zurück, dem Dorf, dessen vornehmstes Haus das ihre war. Mr. Bennet war noch auf. In Gesellschaft eines guten Buches vergaß er die Zeit. Am heutigen Abend kam noch ein gut Teil Neugierde hinzu, ihn wach zu halten; er wollte doch gern wissen, wie das Fest verlaufen war, das so viele Hoffnungen erweckt hatte. Im stillen hatte er wohl erwartet, die vorgefasste Meinung seiner Frau über den neuen Nachbarn enttäuscht zu sehen; dass er sich seinerseits getäuscht hatte, darüber wurde er nicht lange im Zweifel gelassen.
»Wir haben einen herrlichen Abend verbracht.« Damit kam sie ins Zimmer. »Ein wundervoller Ball! Ich wünschte, du wärst dagewesen. Jane wurde bewundert — es ist gar nicht zu beschreiben! Alle sagten, wie gut sie aussehe; und Mr. Bingley fand sie wunderschön und hat zweimal mit ihr getanzt! Stell’ dir das bitte vor, mein Lieber! Zweimal hat er mit ihr getanzt! Und sonst hat er keine einzige zum zweitenmal aufgefordert! Zuerst forderte er Miss Lucas auf. Ich hab’ mich richtig geärgert, als er mit ihr tanzte; doch er hat sie gar nicht gemocht, na ja, weisst du, das wäre wohl auch schwer möglich gewesen. Aber schon während des ersten Tanzes schien ihm Jane aufzufallen; er erkundigte sich, wer sie sei, ließ sich vorstellen, und bat sie um den nächsten Tanz. Dann tanzte er den dritten mit Miss King und den vierten mit Maria Lucas und den fünften wieder mit Jane und den sechsten mit Lizzy und dann noch ein Boulanger-Menuett hinterher …«
»Um Gottes willen, ich will nichts mehr von Mr. Bingleys Tänzerinnen hören!« unterbrach Mr. Bennet sie ungeduldig. »Wäre er ein wenig rücksichtsvoller gegen mich gewesen, hätte er nur halb so viel getanzt. Schade, dass er sich nicht schon beim ersten Tanz den Fuß verstaucht hat.«
»Aber«, fuhr Mrs. Bennet fort, »ich bin ganz entzückt von ihm! Er sieht ungewöhnlich gut aus! Und seine Schwestern sind reizende Damen. Ihre Kleider waren das eleganteste, was ich je gesehen habe. Die Spitzen an Mrs. Hursts Kleid haben gut und gerne …«
Sie wurde wieder unterbrochen. Ihr Mann legte auf das energischste Verwahrung dagegen ein, jetzt einen Diskurs über Spitzen und Moden ertragen zu müssen. Sie sah sich daher gezwungen, das Thema in eine andere Richtung abzulenken, und berichtete mit ehrlicher Entrüstung und einigen Übertreibungen von dem unglaublichen Betragen des Mr. Darcy.
»Aber das weiß ich und das kann ich dir versichern«, schloss sie nach einiger Zeit, »Lizzy verliert nicht viel, wenn sie seinem Geschmack nicht entspricht; er ist ein ganz schrecklich unangenehmer, scheußlicher Mensch und gar nicht wert, dass man sich um ihn kümmert. Nicht zum Aushalten war es, wie hochmütig und eingebildet er hin-und herging und sich wunder wie großartig vorkam! ›Erträglich — aber nicht genügend, um ihn zu reizen —!‹ Ich wünschte, du wärst dagewesen, mein Lieber, um ihn ein wenig zurechtzustutzen, du verstehst dich so gut darauf. Ich finde den Menschen abscheulich!«
Als Jane und Elisabeth in ihrem Zimmer allein waren, vertraute die Ältere, die bis dahin kaum in die Lobpreisungen Mr. Bingleys eingestimmt hatte, ihrer Schwester an, wie sehr sie ihn bewundere. »Er ist alles, was ein junger Mann sein sollte«, sagte sie, »vernünftig und doch fröhlich und lebhaft; und sein Auftreten — ich hab’ noch nie so etwas erlebt: gleichzeitig so ungezwungen und so wohlerzogen!«
»Gut aussehen tut er auch«, erwiderte Elisabeth, »das kann einem jungen Mann ebenfalls nicht schaden. Also alles in allem, ein idealer Typ!«
»Dass er mich ein zweites Mal zum Tanzen aufforderte, das war doch sehr schmeichelhaft. Das hatte ich gar nicht erwartet!«
»Nicht? Ich ja. Das ist der große Unterschied zwischen uns: dich überrascht so etwas immer, mich nie. Was hätte selbstverständlicher sein können, als dass er dich noch einmal aufforderte? Es konnte ihm ja nicht gut entgangen sein, dass du mindestens fünfmal hübscher warst als alle anderen Mädchen im Saal. Nein, das war keine besondere Höflichkeit von ihm. Aber es stimmt, er ist wirklich sehr nett, und meinen Segen hast du. Dir haben schon ganz andere Hohlköpfe gefallen!«
»Aber Lizzy!«
»Ich weiß — du hast eine reichlich übertriebene Neigung, jedermann nett zu finden. Du entdeckst niemals einen Fehler an Menschen. Die ganze Welt ist in deinen Augen gut und schön. Ich glaube, ich habe dich noch nie über irgendwen etwas Unfreundliches sagen hören!«
»Ich möchte natürlich nicht unüberlegt und hastig urteilen; aber ich sage doch immer, was ich wirklich denke.«
»Eben, das weiß ich ja — das ist ja gerade das Wunder: so vernünftig zu sein, wie du es doch bist, und dabei so rührend blind gegenüber den Torheiten und der Dummheit deiner Mitmenschen! Gespielte Aufrichtigkeit ist eine gewöhnliche Erscheinung — man trifft sie überall. Aber Aufrichtigkeit ohne Hintergedanken oder Nebenabsichten, nur das Beste in jedem sehen und das noch verbessern, während man das Schlechte nicht beachtet, und das noch in aller Aufrichtigkeit — das kannst nur du! Seine Schwestern mochtest du also auch? Ganz so wohlerzogen wie er sind sie ja wohl nicht.«
»Das allerdings nicht, wenigstens erscheint es zunächst so. Aber die beiden sind ganz reizend, wenn man mit ihnen spricht. Miss Bingley wird auch auf Netherfield wohnen bleiben und ihrem Bruder das Haus führen. Es sollte mich sehr wundern, wenn wir in ihr nicht eine sehr angenehme Nachbarin bekämen.«
Elisabeth schwieg dazu; sie war davon nicht so überzeugt wie ihre Schwester. Das Auftreten der beiden Damen aus London war nicht danach gewesen, um ihr uneingeschränktes Gefallen zu erregen; sie beobachtete schärfer und war nicht so vorschnell in ihrem Urteil, zumal sie sich nicht, wie ihre Schwester, durch ein persönliches Interesse verpflichtet fühlte. Zweifellos, die beiden waren wirkliche Damen; sehr wohl in der Lage, in bester Stimmung zu sein, solange sie sich gut unterhalten fühlten, und freundlich, sobald ihnen so zumute war, aber zweifellos ebenso hochmütig und eingebildet. Sie sahen recht gut aus, hatten eine vortreffliche Erziehung in einer der vornehmsten Schulen Londons genossen, konnten über ein Vermögen von zwanzigtausend Pfund verfügen, waren gewohnt, mehr auszugeben, als ihrem Vermögen entsprach, und verkehrten in der besten Gesellschaft — kurz, sie hatten allen Grund, das Beste von sich selber und weniger gut von anderen zu denken. Außerdem gehörten sie einer angesehenen nordenglischen Familie an, eine Tatsache, die ihnen ständig mehr gegenwärtig zu sein schien als die andere Tatsache, dass das Familienvermögen aus Handelsgeschäften stammte.
Mr. Bingleys Vater, der immer den Wunsch gehegt hatte, sich einen Landbesitz zu kaufen, aber zu früh gestorben war, um sich seinen Wunsch erfüllen zu können, hinterließ seinem Sohn ein Erbe von nahezu einhunderttausend Pfund. Mr. Bingley beabsichtigte nun auszuführen, was seinem Vater versagt geblieben war; bald dachte er an diese Gegend, bald an jene. Aber da er jetzt ein schönes Haus in London besaß und dazu noch über Netherfield verfügen konnte, erschien es allen, die seine Genügsamkeit kannten, als höchst wahrscheinlich, dass er sich nun nicht weiter umsehen, sondern den Ankauf eines Landbesitzes der nächsten Generation überlassen werde.
Seine Schwestern waren nicht so genügsam und hätten es lieber gesehen, wenn ihr Bruder auf eigenem Grund und Boden säße. Das hielt aber keineswegs die jüngere davon ab, in dem nur gemieteten Netherfield dem Haushalt vorzustehen; und die ältere Schwester, Mrs. Hurst, die einen Mann in hoher gesellschaftlicher Stellung und in schlechten Vermögensverhältnissen geheiratet hatte, betrachtete dieses Netherfield nach Bedarf als ihr eigenes Heim.
Mr. Bingley hatte erst zwei Jahre die Freiheit des Mündigseins genossen, als eine zufällige Empfehlung ihm Netherfield House verlockend schilderte. Er fuhr hin, sah es sich eine halbe Stunde lang drinnen und draußen an, fand Gefallen an der Lage und den Räumlichkeiten und wurde mit dem Eigentümer sehr schnell einig.
Zwischen ihm und Darcy bestand, trotz der großen charakterlichen Verschiedenheit, eine langjährige, feste Freundschaft. Darcy schätzte an Bingley sein natürliches Wesen, seine Freimütigkeit und seine Lenkbarkeit — Eigenschaften, die in keinem größeren Gegensatz zu seinen eigenen hätten stehen können, obgleich er mit seinen eigenen gar nicht unzufrieden zu sein schien. Und Bingley seinerseits fand eine starke Stütze in der Achtung, die sein Freund ihm entgegenbrachte, und vertraute fest seiner überlegenen Menschenkenntnis und Welterfahrung. Darcy war auch der Intelligentere von ihnen; nicht, dass Bingley dumm war, aber Darcy war eben der Überlegenere. Gleichzeitig hatte Darcy aber einen Zug von Hochmut, Verschlossenheit und Verwöhntheit, und sein ganzes Wesen war, wenn auch nicht gerade unhöflich, so doch nicht sehr entgegenkommend. In dieser Hinsicht lief ihm sein Freund entschieden den Rang ab. Bingley war überall gern gesehen; Darcy eckte ständig an.
Die Art, in der sie sich über den Ball in Meryton unterhielten, war für beide bezeichnend. Bingley glaubte, noch nie nettere Leute und hübschere Mädchen gesehen zu haben; alle waren äußerst freundlich und zuvorkommend gegen ihn gewesen, keine Spur von Förmlichkeit oder Steifheit, er hatte sich gleich gut Freund mit allen Anwesenden gefühlt; und was Jane betraf, er hätte sich kein engelhafteres Wesen vorstellen können. Darcy dagegen hatte nur eine große Menschenmenge gesehen, die durch wenig Schönheit und viel Uneleganz auffiel, für die er beim besten Willen kein Interesse hatte aufbringen können und von der er weder Vergnügen gehabt noch Entgegenkommen erfahren hatte … Miss Bennet — ja, er gab zu, dass sie nett aussah, nur lächelte sie zu viel. Mrs. Hurst und ihre Schwester erhoben hiergegen weiter keinen Einspruch, aber sie gestanden ihre Zuneigung und Bewunderung für Jane ein und erklärten, sie sei ein liebes Mädchen, dessen Freundschaft sie nicht ungern weiter pflegen wollten. Damit war also Miss Bennet zum »lieben Mädchen« ernannt, und Bingley fühlte sich durch diese Empfehlung berechtigt, von ihr und über sie zu denken, wie es ihm beliebte.
Nur einen kurzen Weg von Longbourn entfernt wohnte eine Familie, die zu den engeren Freunden der Bennets zählte. Sir William Lucas hatte früher ein Geschäft in Meryton geführt, das ihm zu einem annehmbaren Vermögen verholfen hatte. Eine Ansprache an den König während seiner Bürgermeisterzeit hatte ihm den Titel »Sir« eingebracht. Die Ehrung war ihm ein wenig zu Kopfe gestiegen; er fasste eine plötzliche Abneigung gegen das Geschäft und gegen sein Haus in dem kleinen Marktflecken, gab beides auf und bezog mit seiner Familie etwas außerhalb Merytons ein Landhaus, das von da an Lucas Lodge hieß. Hier konnte er zu seinem ständigen Vergnügen über seine eigene Bedeutsamkeit Betrachtungen anstellen und, ungehindert von jedweder Arbeit, sich damit beschäftigen, gegen die ganze Welt höflich zu sein. Denn wenn sein Titel ihn auch erhöht hatte, er machte ihn nicht hochfahrend; im Gegenteil, er war mehr denn je eines jeden gehorsamer Diener. Von Natur aus schon liebenswürdig, freundlich und gefällig, hatte seine Vorstellung bei Hofe ihn nur noch höflicher gemacht.
Lady Lucas war eine sehr gute Frau und nicht klug genug, um eine schlechte Nachbarin für Mrs. Bennet abzugeben. Die älteste von den Lucas-Kindern, Charlotte, eine ruhige, vernünftige junge Dame von siebenundzwanzig, war Elisabeths beste Freundin.
Es war natürlich unumgänglich notwendig, dass die Schwestern Lucas und die Schwestern Bennet den Ball gemeinsam durchsprachen. Am Morgen nach dem Fest erschienen jene in Longbourn, um zu hören und gehört zu werden.
»Du hast aber den Abend gut begonnen, Charlotte«, sagte Mrs. Bennet mit höflicher Selbstbeherrschung zu Miss Lucas. »Dich hat ja Mr. Bingley sich zuerst ausgesucht.«
»Ja, aber seine zweite Wahl schien ihm besser zu gefallen.«
»Ach so, du meinst Jane — weil er zweimal mit ihr getanzt hat; du hast recht, das machte allerdings den Eindruck, als ob er sie bevorzugte. Hm, weisst du, ich glaube, er zog sie den anderen tatsächlich vor; ja, ja, ich hörte so etwas, ich weiß nicht mehr genau was … irgend etwas von Mr. Robinson —«
»Sie meinen wahrscheinlich das Gespräch zwischen ihm und Mr. Bingley, das ich zufälligerweise mit anhörte; hab’ ich Ihnen noch nicht davon erzählt? Mr. Robinson fragte ihn, wie ihm unser Ball in Meryton gefalle und ob er nicht auch der Meinung sei, dass eine ungewöhnlich große Anzahl schöner Damen anwesend wäre; und dann fragte Mr. Robinson ihn noch, welche er denn am schönsten finde? Worauf er sogleich erwiderte: aber da gibt es doch gar keinen Zweifel, die älteste Schwester Bennet natürlich!«
»Was du nicht sagst! Das ist allerdings sehr deutlich.«
»Ich hab’ wenigstens etwas Nettes zu hören bekommen, Lizzy, wenn auch nur über andere«, sagte Charlotte zu ihrer Freundin. »Mr. Darcy zuzuhören lohnt sich nicht so sehr wie seinem Freund. Arme Lizzy, nur gerade noch erträglich zu sein!«
»Ich bitte dich, Charlotte, versuch nicht, Lizzy auch noch mit seiner Unhöflichkeit zu ärgern; er ist ein so scheußlicher Mensch, dass es geradezu ein Unglück wäre, ihm zu gefallen. Mrs. Long erzählte mir, er habe eine halbe Stunde neben ihr gesessen, ohne ein einziges Mal den Mund aufzumachen.«
»Hat sie das gesagt, Mutter? Hat sie sich nicht vielleicht geirrt?« fragte Jane. »Ich sah genau, wie er zu ihr sprach.«
»Ja, da hatte sie ihn gerade gefragt, wie ihm Netherfield gefalle, und darauf musste er ja wohl oder übel etwas sagen; aber sie sagt, er sei richtig wütend gewesen, angesprochen zu werden.«
»Miss Bingley erzählte mir«, sagte Jane, »dass er nie sehr viel redet außer im engsten Freundeskreis. Dann kann er ganz ungewöhnlich sympathisch und freundlich sein.«
»Ich glaube nicht ein Wort davon, meine Liebe. Wenn er das wäre, dann hätte er mit Mrs. Long gesprochen. Ich kann mir schon denken, was los war: alle Welt weiß, dass er vor Hochmut beinahe erstickt, und er hat wahrscheinlich von irgend jemand erfahren, dass Mrs. Long sich keinen eigenen Wagen halten kann und in einer Mietskutsche zum Ball gekommen war.«
»Dass er nicht mit Mrs. Long geredet hat, stört mich nicht weiter«, meinte Charlotte, »aber ich wünschte, er hätte mit Lizzy getanzt.«
»Ein anderes Mal, Lizzy«, sagte Mrs. Bennet, »würde ich nicht mit ihm tanzen, wenn ich du wäre.«
»Ich glaube, ich kann dir ziemlich fest versprechen, überhaupt nie mit ihm zu tanzen, Mutter.«
»Sein Hochmut verletzt mich nicht einmal so sehr, wie es sonst der Fall wäre«, sagte Charlotte, »denn er hat doch eine Art Entschuldigung dafür. Man kann sich eigentlich nicht darüber wundern, dass ein so stattlicher junger Mann von so vornehmer Familie und so großem Vermögen sich selbst sehr hoch einschätzt. Ich finde, er hat gewissermaßen ein Recht zum Hochmut.«
»Ganz richtig«, erwiderte Elisabeth, »ich könnte ihm seinen Hochmut auch leicht verzeihen, wenn er nicht meinen Stolz gekränkt hätte.«
»Stolz«, sagte Mary, die auf die Tiefsinnigkeit ihrer Gedanken stolz war, »gehört zu den verbreitetsten unter allen menschlichen Schwächen, wenn ich mich nicht irre. Denn nach allem, was ich bisher gelesen habe, bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass es so ist: Die menschliche Natur neigt überaus leicht dazu, diesem Übel zu verfallen, und es gibt nur wenige Menschen, die frei davon sind, aus diesem oder jenem, tatsächlichen oder eingebildeten Grunde ein Gefühl von Selbstgefälligkeit zu verspüren. Man muss auch Stolz und Eitelkeit auseinanderhalten, wenn die beiden Worte auch oft für ein und dieselbe Sache gebraucht werden: man kann stolz sein, ohne eitel zu sein. Der Stolz bezieht sich mehr auf unsere eigene Meinung von uns selbst, die Eitelkeit jedoch auf die Meinung, die wir gern von anderen über uns hören möchten.«
»Wenn ich so reich wäre wie Mr. Darcy«, rief der junge Lucas, der seine ältere Schwester begleitet hatte, in die achtungsvolle Stille, die nach Marys Allerweltsweisheit eingetreten war, »wenn ich so reich wäre, dann könnte ich gar nicht stolz genug sein! Ich würde Fuchsjagden reiten und jeden Abend eine Flasche Wein trinken.«
»Das wäre viel zu viel für dein Alter«, meinte Mrs. Bennet, »und wenn ich dich dabei träfe, würde ich dir die Flasche sofort wegnehmen.«
Der Junge trumpfte auf, das dürfe sie ja gar nicht; und sie bestand darauf, sie würde es doch tun, und das Hin und Her fand erst mit dem Besuch sein Ende.
Die Damen von Longbourn machten bald darauf denen von Netherfield ihre Aufwartung, und der Besuch wurde in aller Form erwidert. Janes natürliches und freundliches Wesen gewann ihr schnell die Zuneigung von Mrs. Hurst und deren Schwester Caroline. Die Mutter Bennet war ja zwar kaum zu ertragen, und zu den beiden jüngeren Mädchen auch nur höflich zu sein, lohnte sich eigentlich nicht; aber mit den beiden älteren Freundschaft zu schließen, erschien ihnen wünschenswert. Jane erwiderte diesen Wunsch voller Dankbarkeit und aus ganzem Herzen; aber Elisabeth erkannte die Anmaßung, die allen Äußerungen der Damen in Netherfield zu Grunde lag, nicht zum wenigsten Jane gegenüber, und sie konnte es nicht über sich bringen, ihr anfängliches Misstrauen fallen zu lassen; mochte ihre Freundlichkeit gegen Jane, wenn man es schon so nennen wollte, auch dadurch einen gewissen Wert annehmen, dass sie ihren Ursprung in der Bewunderung des Bruders, Mr. Bingley, hatte.
Dass eine solche Bewunderung wirklich bestand, war ganz unverkennbar, so oft sie zusammenkamen. Und für Elisabeth war es ebenso unverkennbar, dass Jane der Neigung, die sie von Anfang an für ihn empfunden hatte, nachzugeben begann und auf dem besten Wege war, sich gründlich zu verlieben. Der Gedanke, dass die anderen diesen Zustand nicht so bald würden entdecken können, war ihr eine große Beruhigung; denn Jane verband mit der Fähigkeit eines tiefen Gefühls eine Gleichmäßigkeit und ständige Heiterkeit, die sie vor Verdächtigungen und üblen Nachreden böser Zungen bewahrte. Sie sprach darüber mit ihrer Freundin Charlotte.
»Es mag schon nützlich sein«, meinte diese, »in solchen Fällen der Umwelt etwas vormachen zu können; aber es kann einem auch schaden, wenn man zu beherrscht ist. Wenn eine Frau dem Gegenstand ihrer Neigung ihre Gefühle ebenso geschickt verbirgt, wird sie sich leicht um die Gelegenheit bringen, diese Gefühle eines Tages ausdrücken zu dürfen; und der Trost, dass die Welt ja nichts davon erfahren hat, scheint mir sehr schwach zu sein. In fast jeder Liebe steckt ein kleiner Kern von Eitelkeit oder Dankbarkeit, und den sollte man nicht sich selbst überlassen. Wir machen alle den ersten Schritt ganz unbefangen — dass man einen Menschen einem anderen vorzieht, ist meist selbstverständlich; aber nur die wenigsten von uns haben ein Herz, das groß genug ist, um ohne Ermunterung und Nachhilfe zu lieben. In neun von zehn Fällen ist es ratsam für eine Frau, eher mehr zu zeigen, als sie fühlt. Bingley mag deine Schwester ganz ohne Zweifel; doch wenn sie ihm nicht weiterhilft, wird er vielleicht nie etwas anderes tun, als sie nur mögen.«
»Aber sie tut ja schon so viel, wie ihre Natur es ihr erlaubt. Wenn ich ihre Zuneigung entdecken kann, dann muss er schon sehr dumm sein, wenn er nicht dasselbe entdeckt.«
»Vergiss nicht, Lizzy, dass er Janes Art nicht so gut kennt wie du.«
»Wenn eine Frau einen Mann bewundert und ihre Bewunderung nicht bewusst verbirgt, dann muss er es schon selbst merken.«
»Vielleicht ja, wenn er sie oft genug zu sehen bekommt. Bingley und Jane kommen ja recht häufig zusammen, aber erstens niemals sehr lange auf einmal und dann auch nur auf großen Gesellschaften, und da kannst du nicht verlangen, dass sie jeden Augenblick nur miteinander reden. Jane sollte daher jede Viertelstunde ausnutzen, in der sie ein wenig ungestört sind. Ist sie seiner erst sicher, dann ist immer noch Zeit genug, um sich gründlich zu verlieben.«
»Der Plan ist nicht schlecht«, erwiderte Elisabeth, »aber nur für den Fall einer Heirat um jeden Preis; handelte es sich bloß darum, einen reichen Mann oder überhaupt einen Mann zu bekommen, dann würde ich wahrscheinlich auch nicht anders vorgehen. Aber so etwas steckt nicht hinter Janes Gefühlen; sie verfolgt keinen Zweck und keine Absicht. Bis jetzt weiß sie selbst wahrscheinlich nicht, wie weit ihre Neigung geht, und noch weniger hat sie über Vernunft oder Unvernunft nachgedacht. Sie kennt ihn erst seit zwei Wochen; sie hat viermal mit ihm in Meryton getanzt; sie war einmal bei ihm zu Hause und hat auf vier Abendgesellschaften mit ihm an einem Tisch gesessen. Das dürfte kaum genügen, um ihn näher kennen zu lernen.«
»Nein; wenigstens nicht, wenn es sich so verhielte, wie du eben sagtest. Hätte sie nur mit ihm zusammen gegessen, dann könnte sie heute bestenfalls etwas über seinen Appetit erfahren haben; aber sie haben ja vier ganze Abende miteinander in Gesellschaft verbracht — und vier lange Abende können manches zuwege bringen!«
»Sicher; die vier Abende haben ihnen Gelegenheit gegeben, ihre gegenseitige Vorliebe für ein bestimmtes Kartenspiel festzustellen. Aber was ihre sonstigen Charaktermerkmale anlangt, glaube ich nicht, dass sich sehr viel geklärt hat.«
»Nun, einerlei«, meinte Charlotte, »ich wünsche Jane von ganzem Herzen Erfolg; und ich glaube nicht, dass sie eine geringere Aussicht hat, glücklich zu werden, wenn sie ihn morgen heiraten sollte, als wenn sie seinen Charakter erst ein Jahr lang studieren wollte. Glück in der Ehe ist sowieso nur von Zufälligkeiten abhängig. Zwei Leute können sich noch so gut gekannt haben, können noch so viel miteinander gemein gehabt haben, auf das Glücklichwerden hat das nicht den geringsten Einfluss. Der eine oder andere von ihnen wird sich immer genügend verändern, um beiden ihr Teil Kummer und Ärger zu sichern; und da ziehe ich es doch vor, von vornherein möglichst wenig über die schlechten Eigenschaften des Mannes zu erfahren, mit dem ich mein ganzes Leben verbringen muss.«
»Das ist ein guter Scherz, Charlotte; aber ernst kann ich das nicht nehmen. Du kannst das doch selber nicht, und du weisst, dass du nie nach solchen Grundsätzen handeln würdest.«
Elisabeth war so eifrig damit beschäftigt, Mr. Bingley’s Aufmerksamkeiten gegen Jane zu beobachten, dass ihr das Interesse vollkommen entging, das sein Freund für sie zu empfinden begann. Anfangs wollte Darcy sie nicht einmal als hübsch gelten lassen; auf dem Ball hatte er sie voll Gleichgültigkeit angeschaut; und als sie sich danach wieder trafen, hatten seine Augen sie höchstens kritisch gestreift. Aber kaum war er sich darüber im klaren — und hatte er es seinen Freunden klargemacht —, dass sie ein fast völlig uninteressantes Gesicht besaß, als er entdeckte, dass dieses Gesicht ungewöhnlich intelligente Züge trug, die von dem wunderbaren Ausdruck der dunklen Augen noch unterstrichen wurden. Dieser Entdeckung folgten andere, ähnlich verdrießliche. Obgleich sein kritisches Auge mehr als ein Merkmal vermisst zu haben glaubte, das für eine vollkommene Körperharmonie unerlässlich war, musste er sich jetzt eingestehen, dass ihre Figur schlank und ansprechend war; und wo er früher ihr ungewandtes Auftreten betont hatte, wurde er jetzt durch die natürliche Heiterkeit ihres Wesens angezogen. Aber hiervon wusste sie nichts; für sie war er ein Mann, der sich überall unbeliebt machte und der sie nicht für hübsch genug erachtet hatte, um mit ihr zu tanzen.
Er verspürte den Wunsch, sie näher kennenzulernen, und gleichsam als Vorstufe zu einer eigenen Unterhaltung mit ihr, fing er an, ihren Gesprächen mit anderen zuzuhören. Erst dadurch wurde ihre Aufmerksamkeit wach.
Das war auf einer großen Gesellschaft bei Sir William Lucas. »Was denkt sich denn dieser Mr. Darcy«, fragte Elisabeth ihre Freundin, »dass er sich herstellt und meiner Unterhaltung mit Oberst Forster zuhört?«
»Auf diese Frage wird dir wohl nur Mr. Darcy selbst antworten können.«
»Wenn er es wieder tun sollte, dann werde ich ihm zeigen, dass ich weiß, wofür ich ihn zu halten habe. Er hat einen schrecklich zynischen Ausdruck in den Augen, und wenn ich ihm nicht selbst zuerst meine Meinung sage, bekomme ich noch Angst vor ihm.«
Als er sich ihnen bald darauf näherte, ohne anscheinend jedoch etwas sagen zu wollen, forderte Charlotte ihre Freundin heraus, ihr Wort zu halten, und es bedurfte nur dieser Ermunterung, dass Elisabeth sich an ihn wandte und sagte:
»Fanden Sie nicht auch, Mr. Darcy, dass ich mich soeben recht geschickt ausgedrückt habe, als ich Colonel Forster damit neckte, er müsse doch einen Ball bei sich veranstalten?«
