Stolz und Vorurteil & Jane Eyre - Charlotte Brontë - E-Book

Stolz und Vorurteil & Jane Eyre E-Book

Charlotte Bronte

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Beschreibung

Die Anthologie 'Stolz und Vorurteil & Jane Eyre' vereint zwei der bemerkenswertesten Werke der britischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Diese Sammlung bietet einen faszinierenden Einblick in die gesellschaftlichen und emotionalen Landschaften, die Jane Austen und Charlotte Brontë meisterhaft ergründet haben. Während Austens 'Stolz und Vorurteil' die subtile Kunst der sozialen Beobachtung und feinen Ironie verkörpert, verdichtet Charlotte Brontë in 'Jane Eyre' eine kraftvolle Erzählung von Selbstbestimmung und innerer Integrität. Der literarische Kontext dieser Werke erstreckt sich über die Regency-Ära und die Viktorianische Periode, eine Zeit bedeutender gesellschaftlicher Veränderungen und literarischer Innovation. Die beiden Autorinnen sind zentrale Figuren der englischen Literatur, deren Einflüsse weit über ihre jeweilige Epoche hinausreichen. Jane Austen, bekannt für ihre scharfsinnige Gesellschaftskritik, und Charlotte Brontë, deren Prosa das Leid und die Leidenschaft ihrer Zeit eindrucksvoll einfängt, erscheinen in dieser Anthologie als Stimmen, die sich sowohl in ihrer Perspektive als auch in ihrem Erzähltalent ergänzen. Themen wie soziale Schichtung, Geschlechterrollen und persönliche Freiheit durchziehen ihre Werke und werden durch die historische und kulturelle Linse des 19. Jahrhunderts lebendig. Diese Sammlung ist eine unverzichtbare Lektüre für jeden, der die literarischen Höhen des 19. Jahrhunderts erforschen möchte. Sie bietet eine einzigartige Gelegenheit, die feinen Nuancen der Prosa von Austen und Brontë zu erleben, und ermöglicht es dem Leser, die Vielfalt ihrer stilistischen Ansätze und ihre gemeinsamen Themen in einem Band zu genießen. Diese Anthologie lädt dazu ein, die reichhaltigen Erzählungen zu entdecken, die sowohl intellektuell als auch emotional ansprechend sind, und inspiriert dazu, die zeitlosen Dialoge zwischen den beiden renommierten Schriftstellerinnen zu erkunden. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Jane Austen, Charlotte Brontë

Stolz und Vorurteil & Jane Eyre

Bereicherte Ausgabe. Die zwei beliebtesten Liebesgeschichten der Weltliteratur
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Einführung, Studien und Kommentare von Alexis Prichard
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547806943

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Stolz und Vorurteil & Jane Eyre
Analyse
Reflexion

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Kuratorische Vision

Diese Sammlung führt Stolz und Vorurteil von Jane Austen und Jane Eyre von Charlotte Brontë zusammen, um zwei maßgebliche Perspektiven auf Liebe, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Bindungen in der englischen Literatur des 19. Jahrhunderts nebeneinander erfahrbar zu machen. Beide Romane erkunden die Bildung einer weiblichen Stimme, die zwischen Gefühl, Vernunft und sozialer Erwartung vermittelt. Das leitende Motiv ist die Prüfung des Charakters im Spannungsfeld von Intimität und Öffentlichkeit. Kuratorisches Ziel ist, durch die direkte Nachbarschaft der Texte ihre unterschiedlichen Wege zur moralischen Einsicht sichtbar zu machen und zugleich die gemeinsame Suche nach einem gerechtfertigten, selbstgewählten Lebensentwurf hervorzuheben.

Ausgewählt wurden die Werke, weil sie eine paradigmatische Gegenüberstellung zweier Modi des Entwicklungs- und Liebesromans erlauben: satirische Gesellschaftsbeobachtung einerseits, psychologisch verdichtete Innenschau andererseits. Beide Texte verhandeln Fragen der Integrität, der ökonomischen und symbolischen Macht von Ehebeziehungen sowie der Möglichkeit, soziale Schranken ohne Selbstverrat zu überschreiten. Die gemeinsame Klammer bildet ein philosophisches Interesse an Gewissensbildung, an der Verantwortung der Gefühle und an der Würde des individuellen Urteils. Die Sammlung will dieses Leitmotiv freilegen, indem sie Blickachsen öffnet, die das Selbst als moralisches Projekt verstehen und romantische Erfüllung mit Verantwortlichkeit zusammendenken, über soziale und persönliche Grenzen hinweg.

Ziel ist ferner, Kontinuitäten und Brüche sichtbar zu machen: Von Austens kunstvoller Ironie, die gesellschaftliche Rollen kritisch spiegelt, hin zu Brontës leidenschaftlicher Selbstprüfung, die innere Wahrheit vor äußere Konvention stellt. Die Gegenüberstellung eröffnet eine Lernbewegung, in der Witz, Beobachtungsgabe und Empathie auf Ernst, Vision und moralische Imagination treffen. Dabei werden nicht Handlungen nacherzählt, sondern Wege des Urteilens nebeneinander gestellt. So entsteht ein Bogen, der Umstände zeigt, unter denen Zuneigung, Achtung und Wahlfreiheit verhandelt werden, und der die ethische Substanz romantischer Bindungen als Kernfrage herausarbeitet. Gleichzeitig betont die Anordnung die Eigenständigkeit beider Autorinnen und ihre unverwechselbare Stimme.

Im Unterschied zur separaten Lektüre lädt die Sammlung zu parallelen Bezugnahmen ein, die Muster, Kontraste und Resonanzen unmittelbar erfahrbar machen. Sie rahmt beide Romane als komplementäre Untersuchungen desselben Problemfeldes, statt sie nacheinander und ohne gegenseitige Spiegelung zu betrachten. Dadurch entsteht ein dialogischer Kontext, der die Aufmerksamkeit auf Übergänge, Steigerungen und Verlagerungen lenkt, etwa beim Verhältnis von Gefühl und Urteil oder bei Vorstellungen von Selbstachtung. Die Zusammenführung ermöglicht so eine geschärfte Wahrnehmung der feinen Unterschiede, ohne die Eigenlogik der jeweiligen Welt zu nivellieren. Gleichzeitig öffnet sie Wege für vergleichendes Lesen, das neue Fragen und unerwartete Einsichten generiert.

Thematisches und ästhetisches Zusammenspiel

Zwischen beiden Texten entsteht ein vielschichtiges Gespräch über die Bedingungen von Liebe und Urteil. Bei Austen fungiert scharfsinnige Konversation als Prüfstein des Charakters; bei Brontë gewinnt innere Stimme und Konflikterfahrung existenzielles Gewicht. Räume wie der Landsitz oder das Internat werden zu Bühnen sozialer Aushandlung, während Spaziergänge, Lektüren und musikalische Momente Selbstwahrnehmung strukturieren. Wiederkehren Motive von Stolz, Scham, Verkennung und Anerkennung, aber auch von Bildung, Arbeit und emotionaler Selbstdisziplin. Das Zusammenspiel zeigt, wie soziale Rituale und düster gefärbte Atmosphären, rationales Abwägen und leidenschaftliches Begehren einander herausfordern und produktiv in Spannung gehalten werden.

Beide Romane stellen die Frage, woran ein gerechtes Urteil über sich und andere zu messen ist, wenn Ansehen, Vermögen und Gefühl kollidieren. Heirat erscheint nicht als bloßes Ziel, sondern als ethisch aufgeladener Entschluss, der Achtung, Gleichwertigkeit und Selbsttreue voraussetzt. Kontrastierend wirkt Austens heitere, doch strikt prüfende Ironie, die soziale Illusionen entlarvt, während Brontë eine dunklere, introspektive Energie entfaltet, die innere Grenzen und Versuchungen kartiert. Dieser Tonwechsel schärft das Verständnis für gemeinsame Anliegen: die Würde der Wahl, die Kosten von Vorurteil und die transformierende Kraft eines geläuterten Blicks. Er macht Unterschiede fruchtbar, statt sie zu glätten.

Erzählerisch stehen sich unterschiedliche Verfahren gegenüber, die dennoch auf vergleichbare Nähe zielen. Austens erzählte Perspektive verwebt Beobachtung und innere Regung so, dass Urteile allmählich reifen; Brontës Ich-Stimme macht Bewusstsein, Gewissensdruck und Begehren in ihrer unmittelbaren Dringlichkeit erfahrbar. Beide erzeugen Intimität ohne Sentimentalität, indem sie Selbsttäuschungen aufdecken und das Lernen aus Irrtum gestalten. Das Wechselspiel dieser Formen lehrt, wie Erkenntnis literarisch organisiert werden kann: durch dialogische Szenen, durch Erinnern und Prüfung, durch Einsicht, die sich im Vollzug von Sprache zeigt. Im direkten Vergleich treten Rhythmus, Takt und die jeweilige Ökonomie des Enthüllens hervor, wodurch Differenzen präzise und komplementär lesbar werden.

Motivkorrespondenzen legen eine stillschweigende Antwortbewegung nahe. Bei beiden Autorinnen fungieren Briefe, Gespräche und unerwartete Begegnungen als Prüfsteine, an denen Selbstbild und Weltbild sich verschieben. Wiederkehrende Szenentypen—ein Angebot, das zur Bewährungsprobe wird; ein Spaziergang, der Erkenntnis auslöst; ein Blick, der Selbstrespekt bestätigt—wirken wie subtile Anspielungen über Werkgrenzen hinweg. Während Austen Verblendung durch klärende Rede löst, konfrontiert Brontë Versuchung mit einer inneren Instanz. So erscheint Brontës Roman als spätere Variation zentraler Fragen, die Austen mit unverwechselbarer Klarheit gestellt hat, ohne auf direkte Bezugnahmen angewiesen zu sein. Damit wird Kontinuität sichtbar, wo auch deutliche Verschiebung der Tonlage und Bildwelt stattfindet.

Langfristige Wirkung und kritische Rezeption

Die Zusammenstellung bleibt aktuell, weil sie grundlegende Fragen des Zusammenlebens verhandelt: Wie Selbstachtung, Zuneigung und soziale Verantwortung in Einklang gebracht werden können; wie Urteile entstehen; wie Freiheit unter Bedingungen entsteht. Austen und Brontë zeigen, dass ethische Bildung nicht abstrakt, sondern als gelebte Praxis sichtbar wird. Ihre Romane modellieren, was es heißt, andere zu verstehen, ohne die eigene Integrität preiszugeben. Gerade in Zeiten beschleunigter Kommunikation und harter Polarisierungen bieten sie eine Schule des Lesens, Hörens und Antwortens, in der Geduld, Einsicht und wohlbegründete Entscheidungen zählen. Zugleich bleibt die Darstellung weiblicher Handlungsfähigkeit ein Prüfstein gegenwärtiger Debatten über Gleichberechtigung.

Beide Romane gelten weithin als zentrale Bezugspunkte der englischen Literatur und werden kontinuierlich gelesen, gelehrt und diskutiert. Sie haben wiederkehrend Debatten über Realismus, Romantik und die Darstellung weiblicher Subjektivität geprägt. Dabei steht Austens präzise Erkundung sozialer Wahrnehmung oft exemplarisch für den Gesellschaftsroman, während Brontës Intensität als Schlüssel zum psychologischen und moralischen Entwicklungsroman gelesen wird. Solche Rahmungen sind nicht abschließend, doch sie markieren stabile Orientierungen der Rezeption. Die anhaltende Aufmerksamkeit beruht auf der Kunst, innere und äußere Konflikte untrennbar zu verschränken und daraus Erkenntnis, Mitgefühl und Maßstäbe des Handelns zu gewinnen.

Auf kultureller Ebene zeigen zahlreiche Adaptionen und Neuinterpretationen die Widerständigkeit und Wandlungsfähigkeit beider Werke. Theater, Hörspiel, Film und serielle Formate haben Motive, Figurenkonstellationen und Dialoge in neue Medien und Zeiten übertragen. Literatur und Bildkunst greifen wiederholt auf Szenentypen, Wendungen und charakteristische Gesten zurück, um Fragen der Klasse, der Intimität und der moralischen Wahl neu zu verhandeln. Ebenso hat die wissenschaftliche Auseinandersetzung vielfältige Perspektiven eröffnet, von Gendertheorie bis Erzählforschung, ohne den Blick für literarische Form zu verlieren. Diese Resonanzräume nähren die fortwährende Aktualität der hier zusammen gedachten Romane. Sie verbinden Tradition mit zeitgenössischer Imagination.

Diese Sammlung lädt zu einer reflektierten Lektüre ein, die Differenzen ernst nimmt und Verwandtschaften sichtbar macht. Indem Stolz und Vorurteil und Jane Eyre gemeinsam gelesen werden, entstehen produktive Querbezüge zwischen heiterer Distanz und innerer Dringlichkeit, zwischen sozialer Beobachtung und seelischer Erkundung. Das Ergebnis ist kein Kompromiss, sondern eine Erweiterung des Blicks: Charakter, Urteil und Beziehung erscheinen als Prozesse, die unter wechselnden Bedingungen geprüft werden. Dadurch wird die Fähigkeit gestärkt, Nuancen zu bemerken und argumentativ zu gewichten. So versteht sich die Sammlung als Angebot, Verständnis in Handlungsmacht zu übersetzen. Sie richtet den Blick auf verantwortliches Fühlen und kluges Wählen.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Sozio-politische Landschaft

Stolz und Vorurteil erscheint im England der Regency, geprägt von konstitutioneller Monarchie, aristokratischen Patronagen und einer mächtigen Landgentri. Die Napoleoni­schen Kriege bilden den Hintergrund alltäglicher Wahrnehmung, von Milizpräsenz bis Preissteigerungen. Öffentliche Debatten kreisten um Heeresfinanzierung, Agrarreformen und die moralische Ordnung der Familie. Jane Austen sondiert darin die sozialen Spannungen zwischen Erbrecht, Heiratsstrategien und bürgerlicher Selbstbehauptung, ohne das politische Forum direkt zu betreten. Die höfische Kultur des Prinzregenten überstrahlt Provinzgesellschaften, während lokale Pfarreien, Assisen und Zeitungen das Informationsökosystem strukturieren. So entsteht ein literarisches Panorama, das Hierarchien sichtbar macht und zugleich deren ungeschriebene Regeln prüft.

Jane Eyre tritt im frühen viktorianischen England auf, einer Phase rapider Industrialisierung, urbaner Migration und sozialer Reform. Die konstitutionelle Monarchie bleibt stabil, doch Fabrikstädte, Armengesetzgebung und konfessionelle Erneuerungen verlagern Macht in neue Institutionen. Charlotte Brontë fokussiert individuelle Gewissensfreiheit innerhalb eines Systems, das Dienstbotenordnungen, Schulwesen und patriarchale Autorität normiert. Chartistische Agitation, Streit um Zehnstundenregelungen und Diskussionen über weibliche Erwerbsarbeit bilden das Resonanzfeld. Gleichzeitig wächst der Schatten des Empire, von kolonialen Vermögen bis zu Missionsgesellschaften. So entsteht ein Spannungsraum, in dem persönliche Integrität, soziale Mobilität und moralische Verantwortung untrennbar mit staatlichen und ökonomischen Strukturen verschränkt sind.

Dominierend ist das britische Modell gradueller Reform statt Revolution. Nach den Erschütterungen der Französischen Revolution setzt die politische Klasse in Austens Epoche auf Ordnung, Grundbesitz und kontrollierte Partizipation. In Brontës Jahrzehnten folgen Wahlrechtsdebatten, Armenrechtsreformen und erste Fabrikgesetze, die Arbeit, Wohnen und Bildung neu regeln. Nationale Identität speist sich aus Seeherrschaft, Handel und dem Mythos der respektablen Mittelklasse. Gleichzeitig entstehen neue Bürokratien, die soziale Abweichung kartieren und disziplinieren. Beide Werke spiegeln den Übergang von traditionellen Patronagebeziehungen zu Vertrags- und Marktlogiken, der intime Beziehungen, häusliche Ökonomie und Vorstellungen von Meritokratie tiefgreifend verändert.

Kriege und Umbrüche strukturieren die Erfahrungswelten. Für Austen wirken die Napoleonischen Konflikte indirekt: Offizierspräsenz, Rekrutierungen und fiskalische Belastungen prägen Gesprächsstoff und Konsumverhalten. Für Brontë markieren die 1840er Jahre eine Krisendecade mit Ernteausfällen, konjunkturellen Schocks und sozialem Protest. Eisenbahnbauten verändern Distanzen, während Kolonialkriege und Verwaltungsreformen das Imperium verdichten. Zeitungen verbreiten Kriegsberichte, Predigten deuten die Lage moralisch und binden Unsicherheit in vertraute Narrative zurück. Diese Lage steigert Sensibilitäten für Loyalität, Pflicht und Sicherheit, aber auch für das Recht auf Selbstbestimmung. Die literarische Bühne wird so zum Labor, in dem gesellschaftliche Resilienz erprobt wird, ohne dass programmatische Agitation die Darstellung überlagert.

Klassen-, Geschlechter- und Rassenhierarchien sind handlungsleitend. Coverture und Erbfolgeregime beschränken Frauenrechte; Heiratsverträge und Mitgiften regulieren Vermögenstransfer. Für Austen ist die örtliche Hierarchie der Landbesitzer normsetzend, während bürgerliche Ambitionen Aufstiegschancen bieten. Bei Brontë geraten Gouvernanten, Schulmädchen und Geistliche in Machtgefälle, die über Körper, Arbeit und Reputation verfügen. Zugleich bleibt die imperiale Rassenordnung spürbar, von kolonialen Erwerbsquellen bis zu missionarischer Rhetorik, ohne dass die Romane programmatisch kolonialpolitisch argumentierten. Beide Autorinnen legen die stillen Zwänge bloß, die Individualität zähmen sollen, und stellen eine Ethik der Selbstachtung gegen instrumentelle Kalküle. Dies schärft den Blick für Macht als Alltagsroutine.

Veröffentlichungspraxis und Öffentlichkeit rahmen die Rezeption. Austen publiziert anonym als By a Lady und navigiert Erwartungshorizonte einer rezensionsmächtigen Presse, gebundenen Bibliotheken und höfischen Empfindlichkeiten. Brontë erscheint als Currer Bell in einem Markt der Dreidecker-Romane, dominiert von Leihbibliotheken und moralischen Lesekomitees. Zensur wirkt weniger staatlich als sozial: Reputationsökonomien, religiöse Sittenwächter und Familiennetzwerke sanktionieren Grenzüberschreitungen. Verlagsmetropolen und verbesserte Postrouten beschleunigen Verbreitung, während Salons und Lesegesellschaften Meinungen kanalisieren. Rezensionsorgane setzten Normen der Anständigkeit, während Preisgestaltung und Leihfristen Lektüregewohnheiten nachhaltig prägten. Beide Autorinnen nutzten diese Kanäle strategisch, um anspruchsvolle, zugleich marktfähige Stimmen zu platzieren.

Intellektuelle und ästhetische Strömungen

Die geistige Landschaft oszilliert zwischen aufklärerischer Vernunft und romantischer Innerlichkeit. Austen kultiviert einen prüfenden Rationalismus, der Empfindung nicht negiert, sondern sozial verantwortet. Ihre dialogische Ironie und Beobachtungsgabe verankern Moral in Urteilskraft. Brontë betont das souveräne Ich, das Gewissen, Leidenschaft und Pflicht versöhnt und damit romantischen Idealismus psychologisch vertieft. Beide Werke verhandeln Autonomie, Bildung und die Ethik des Maßes, unterscheiden sich jedoch in Temperament und Temperatur. So bilden sie komplementäre Antworten auf die Frage, wie innere Wahrheit und gesellschaftliche Form in einer modernen, sich vertaktenden Welt zueinander finden und nachhaltig wirken.

Ästhetisch verknüpft Austen die Komödie der Sitten mit aufkommendem Realismus und innovativer erlebter Rede, wodurch Wahrnehmungsfilter literarisch sichtbar werden. Charlotte Brontë integriert Elemente des Bildungsromans und der Schauertradition, jedoch nicht als bloße Sensation, sondern zur Prüfung moralischer Selbstgewissheit. Beide Autorinnen arbeiten mit Raumsemantik: ländliche Häuser, Schulen, Städte und Grenzzonen fungieren als Prüfkammern sozialer Rollen. Die narrative Ökonomie ist straff, Szenen sind dialogisch geladen und psychologisch fokussiert. Dadurch verschiebt sich Aufmerksamkeit von äußeren Spektakeln zu inneren Entscheidungen, was den späteren psychologischen Realismus vorwegnimmt. Zugleich sichern komische Register und moralische Ernsthaftigkeit eine Balance, die Erkenntnis ermöglicht, ohne Didaxe aufzuzwingen.

Parallele Künste bieten Resonanz. In der Malerei löst sich der klassizistische Kanon zugunsten atmosphärischer Landschaften und häuslicher Szenen, die Wahrnehmung für Nuancen des Alltäglichen schärfen. Musik und Hauskonzerte strukturieren Geselligkeit, dienen Disziplin und Distinktion. Das Theater dominiert als Melodram und Gefühlsspiel, während Lesekreise moralische Debatte ins Private verlagern. Diese kulturellen Praktiken, soziabel und normativ zugleich, bilden den Horizont, in dem Austens Gesellschaftsstudien und Brontës Gewissensdrama sinnlich begreifbar werden. Kunst ist hier keine Kulisse, sondern Methodenschule des Sehens, Hörens und Urteilens, die literarische Aufmerksamkeit trainiert. Auch häusliche Bildungsmaterialien, Alben und Karten prägen Wahrnehmungsökonomien.

Wissenschaft und Technik erweitern den Erfahrungsradius. Dampfkraft, mechanisierte Textilien, verbesserte Druckpressen und Eisenbahnen verdichten Zeit-Raum-Erfahrungen. Die Postreform und erschwingliche Periodika beschleunigen Diskursumlauf, während frühe Telegrafie und Gaslicht neue Rhythmen erzeugen. Naturforschung und Pädagogik verändern Begriffe von Entwicklung, Disziplin und Beweis. Beide Autorinnen reagieren literarisch nicht mit Technikbegeisterung, sondern mit feinem Sensorium für Beschleunigungseffekte: Wie formt Infrastruktur Erwartungen, Bindungen und Chancen? Die Romane antworten, indem sie Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Entscheidungsprozesse ins Zentrum rücken und so eine Technik der Subjektivität gegen die Technik der Maschinen profilieren. Damit verbinden sie Wahrnehmungsökonomie mit ethischem Urteil.

Literarische Schulen rangen um Geltung: Realistische Nüchternheit, gefühlsethische Programme und gothische Intensität konkurrierten. Austen tendiert zur nüchternen Prüfung der Sitten, skeptisch gegenüber Übertreibung der Sensibilität. Brontë riskiert höhere affektive Spannungen, jedoch mit einer moralischen Kontur, die Willkür begrenzt. Manifesthafte Lagerbildungen bleiben fern; stattdessen formulieren beide durch Praxis eine Poetik der Unabhängigkeit: stilistische Disziplin, psychologischer Ernst, kritische Ironie. Damit positionieren sie sich zugleich innerhalb und jenseits zeitgenössischer Schulen, was ihre anschlussfähige Modernität erklärt. Debatten über Zweckkunst versus Kunstfertigkeit, Unterhaltung versus Belehrung und die Grenzen des Anstands strukturieren Rezensionen und Lesekreise nachhaltig.

Religiöse und moralphilosophische Diskurse rahmen die Werke. Anglikanische Normen, evangelikale Gewissenserforschung und Debatten über Erziehung prägen die Selbstprüfung der Figuren. Bei Austen wird Tugend als vernünftige Mäßigung verhandelt; bei Brontë als Treue zu einem inneren Gesetz, das geistliche Sprache annimmt, ohne in Dogmatismus zu erstarren. Zeitgenössische Erziehungsmodelle, Disziplinartechniken und häusliche Frömmigkeit liefern Vokabular und Konfliktlinien. So entsteht eine Ethik, die weder bloßer Konvention noch antinomischer Selbstermächtigung verfällt, sondern Rechenschaftsfähigkeit als Kern bürgerlicher Freiheit entwirft. Das verleiht beiden Texten normative Spannung und Interpretationsoffenheit, die verschiedene Konfessionsmilieus anschließen lässt und bis heute weiterwirkt.

Vermächtnis und Neubewertung im Lauf der Zeit

Nach der Veröffentlichung wandeln historische Brüche die Lesarten. Spätes Viktorianertum und die Married Women’s Property Acts verschieben Maßstäbe für eheliche Ökonomie und weibliche Handlungsräume, wodurch beide Romane als Labor für Recht und Gerechtigkeit erscheinen. Die Suffragetten-Ära liest in ihnen Argumente für Urteilskraft, Bildung und bürgerliche Teilhabe. Industriekonjunkturen, Migrationswellen und Imperiumsdebaten verleihen Situationen neue Brisanz, etwa hinsichtlich Lohnarbeit, Gouvernantenstatus und transnationaler Geldflüsse. So werden die Texte zu Dialogpartnern politischer Reform, ohne ihre literarische Eigenständigkeit einzubüßen. Im 20. Jahrhundert verbinden Leserinnen und Leser die moralische Ernsthaftigkeit mit demokratischer Kultur, die auf informierter Selbstbestimmung beruht.

Das kritische Urteil verschiebt sich mehrfach. Viktorianische Sittenrichter betonten Moralprüfung und exemplarische Läuterung; frühe 20. Jahrhundert-Lektüren hoben psychologische Glaubwürdigkeit und stilistische Ökonomie hervor. Nach Kriegen interessiert die Frage, wie Integrität unter Druck Bestand hat. Spätere feministische Diskussionen betonen Autonomie, Bildung und die Kritik an geschlechtlichen Doppelstandards. Sozialhistorische Ansätze untersuchen Haushaltsökonomien, regionale Räume und Professionen. Diese Reframing-Prozesse zeigen, wie anpassungsfähig die Werke gegenüber wechselnden Problemkatalogen bleiben. In jüngerer Zeit würdigen narratologische Studien Perspektivsteuerung und Unzuverlässigkeit, während Sprachkritik Ironie und Registerwechsel als Mittel ethischer Prüfung deutet. Auch Leserschaftsforschung rekonstruiert Rezeptionsgemeinschaften heute präzise.

Postkoloniale und dekoloniale Lesarten richten Aufmerksamkeit auf imperiale Ökonomien, Missionsdiskurse und die symbolische Geografie von Zentrum und Peripherie. Bei Jane Eyre werden Herkunft, Reisen und koloniale Vermögenskreisläufe kritisch rekodiert; bei Austen rücken Verflechtungen von Landbesitz, Handel und maritimen Sicherheiten in den Blick. Solche Analysen untersuchen, wie respektable Häuslichkeit von globalen Ungleichheiten profitiert, ohne die Romane auf Thesenstücke zu reduzieren. Sie eröffnen neue ethische Fragen nach Komplizenschaft, Distanzierung und Möglichkeiten der Selbstkorrektur in historischen Rahmenbedingungen. Zugleich werden Übersetzungen und Titelbilder daraufhin befragt, wie sie koloniale Imaginationen verstärken oder abschwächen im Umlauf.

Adaptionen in Theater, Radio, Film und Fernsehen verbreiten beide Werke global und prägen kollektive Bilder von Regency- und Viktorianischer Kultur. Übersetzungen und Schulausgaben verankern sie im Bildungskanon, während digitale Projekte und annotierte Studienausgaben die Textschichten zugänglich halten. Das Auslaufen der Urheberrechte ermöglichte breite Verfügbarkeit, Neuauflagen und kreative Weiterverarbeitungen. Gleichzeitig wuchs das Interesse an Handschriften, Briefen und frühen Druckzuständen, um Entstehung und Revisionen präziser zu verstehen. So verschränkt sich Populärkultur mit Editionsphilologie und konservatorischer Praxis. Museale Inszenierungen und Drehorte schaffen materielle Anker, die Erinnerung, Tourismus und wissenschaftliche Neueditionen miteinander verbinden heute.

Aktuelle Forschung verbindet Gender Studies, Umweltfragen, Disability Studies und Emotionsgeschichte. Austens Landschaften und Brontës Moore werden ökokritisch als Erfahrungsräume der Selbstformung gelesen; häusliche Technologien und Arbeitsethik rücken in materiell-kulturelle Analysen. Editionen mit Variantenapparat, Lesedaten aus Leihbibliotheken und digitale Korpora ermöglichen neue, empirische Horizonte. Zugleich reflektiert man Übersetzungsgeschichte und didaktische Vermittlung, um Kanonpraktiken zu dezentrieren. Bemerkenswert bleibt, wie beide Autorinnen, trotz unterschiedlicher Tonlagen, eine Ethik der wechselseitigen Anerkennung formulieren, die im Zeitalter der Dekolonisierung und sozialer Ungleichheit weiterhin produktiv irritiert. Fragen nach Affektregulierung, Care-Ökonomie und Recht auf Bildung binden die Klassiker an aktuelle politische Aushandlungen.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Stolz und Vorurteil

Eine Gesellschaftssatire um die Bennet-Schwestern, insbesondere Elizabeth, deren Begegnungen mit dem reservierten Mr. Darcy Vorurteile, Klassenunterschiede und Erwartungen der Regency-Gesellschaft spiegeln. Der Roman verfolgt Missverständnisse und Selbstreflexion auf dem Weg zu reiferem Urteil und Gefühl.

Jane Eyre

Eine Coming-of-Age-Erzählung über eine Waise, die sich als Gouvernante eine eigenständige Identität erarbeitet. Ihre Beziehung zu Mr. Rochester stellt moralische Überzeugungen, soziale Konventionen und persönliche Freiheit auf die Probe, während dunkle Geheimnisse die Idylle gefährden.

Stolz und Vorurteil & Jane Eyre

Hauptinhaltsverzeichnis
Stolz und Vorurteil
Jane Eyre

Stolz und Vorurteil

Inhaltsverzeichnis
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebtes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Vierundzwanzigstes Kapitel
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Achtundzwanzigstes Kapitel
Neunundzwanzigstes Kapitel
Dreissigstes Kapitel
Einunddreissigstes Kapitel
Zweiunddreissigstes Kapitel
Dreiunddreissigstes Kapitel
Vierunddreissigstes Kapitel
Fünfunddreissigstes Kapitel
Sechsunddreissigstes Kapitel
Siebenunddreissigstes Kapitel
Achtunddreissigstes Kapitel
Neununddreissigstes Kapitel
Vierzigstes Kapitel
Einundvierzigstes Kapitel
Zweiundvierzigstes Kapitel
Dreiundvierzigstes Kapitel
Vierundvierzigstes Kapitel
Fünfundvierzigstes Kapitel
Sechsundvierzigstes Kapitel
Siebenundvierzigstes Kapitel
Achtundvierzigstes Kapitel
Neunundvierzigstes Kapitel
Fünfzigstes Kapitel
Einundfünfzigstes Kapitel
Zweiundfünfzigstes Kapitel
Dreiundfünfzigstes Kapitel
Vierundfünfzigstes Kapitel
Fünfundfünfzigstes Kapitel
Sechsundfünfzigstes Kapitel
Siebenundfünfzigstes Kapitel
Achtundfünfzigstes Kapitel
Neunundfünfzigstes Kapitel
Sechzigstes Kapitel
Einundsechzigstes Kapitel

Erstes Kapitel

Inhaltsverzeichnis

In der ganzen Welt gilt es als ausgemachte Wahrheit, dass ein begüterter Junggeselle unbedingt nach einer Frau Ausschau halten muss …

Welcher Art die Gefühle und Wünsche eines solchen Mannes im übrigen auch immer sein mögen, diese Wahrheit hat eine so unumstößliche Geltung, dass er schon bei seinem ersten Auftauchen von sämtlichen umwohnenden Familien als rechtmäßiger Besitz der einen oder anderen ihrer Töchter angesehen wird.

»Mein lieber Bennet«, sprach eines Tages Mrs. Bennet zu ihm, »hast du schon gehört, dass Netherfield Park endlich einen Mieter gefunden hat?«

Mr. Bennet erwiderte, er habe es noch nicht gehört.

»Trotzdem ist es so, wie ich sage«, beharrte Mrs. Bennet. »Mrs. Long war gerade hier und hat es mir erzählt — Willst du denn nicht wissen, wer der neue Mieter ist?« fuhr sie mit ungeduldiger Stimme fort.

»Du willst es mir doch gerade erzählen, und ich habe nichts dagegen.«

Einer deutlicheren Aufforderung bedurfte es nicht.

»Also, Mrs. Long erzählte, dass Netherfield von einem sehr wohlhabenden jungen Mann aus Nordengland gepachtet wurde. Er kam letzten Montag im Vierspänner an, um das Haus zu besichtigen, und er war so entzückt davon, dass er sogleich mit Mr. Morris abschloss. Noch vor Michaelis will er einziehen, und seine Dienerschaft soll zum Teil schon Ende dieser Woche herkommen.«

»Wie heisst er denn?«

»Bingley.«

»Verheiratet?«

»Aber nein! Unverheiratet! Natürlich unverheiratet! Ein steinreicher Junggeselle, mit vier-oder fünftausend Pfund im Jahr! Welch ein Glück für unsere Kinder!«

»Wieso? Wieso für unsere Kinder?«

»Du bist aber auch zu langweilig, mein Lieber. Verstehst du denn nicht, dass er vielleicht eine unserer Töchter heiraten wird?«

»Kommt er deshalb hierher?«

»Deshalb? Was redest du da? Unsinn! Aber es ist doch sehr gut möglich, dass er sich in eine von ihnen verliebt; und daher musst du ihm einen Besuch machen, sobald er eingezogen ist.«

»Weshalb denn? Du kannst ja mit den Mädchen hinübergehen. Oder besser noch, du schickst sie allein; denn da du noch ebenso gut aussiehst wie jede von deinen Töchtern, würde sich Mr. Bingley vielleicht gar dich aus dem Schwarm aussuchen.«

»Ach, du Schmeichler. Gewiss, ich bin einmal recht schön gewesen, aber jetzt bilde ich mir nicht mehr ein, irgend etwas Besonderes vorzustellen. Wenn eine Frau fünf erwachsene Töchter hat, tut sie gut daran, alle Gedanken an ihre eigene Schönheit fallen zu lassen. Du musst aber unbedingt Mr. Bingley aufsuchen, sobald er unser Nachbar ist.«

»Ich gebe dir heute nur die Versicherung, dass ich es dir nicht versprechen kann.«

»Aber denk doch an deine Töchter! Denk doch an die gesellschaftliche Stellung, die es für eine von ihnen bedeuten mag! Sogar Sir William und Lady Lucas sind fest entschlossen, ihm nur deshalb einen Besuch zu machen; du weisst, wie wenig sie sich sonst um Neuankömmlinge kümmern. Du musst unter allen Umständen hingehen; denn wie sollen wir ihn besuchen können, wenn du es nicht zuerst tust?«

»Du bist viel zu korrekt; ich bin überzeugt, Mr. Bingley wird sich sehr freuen, euch bei sich begrüßen zu dürfen. Ich kann dir ja ein paar Zeilen mitgeben und ihm aufs herzlichste meine Einwilligung zusichern für den Fall, dass er sich eine von meinen Töchtern aussuchen und sie heiraten will. Für meine kleine Lizzy will ich dabei ein besonders gutes Wort einlegen.«

»Ich will sehr hoffen, dass du nichts dergleichen tust. Lizzy ist nicht einen Deut besser als die anderen. Im Gegenteil, ich finde sie nicht halb so hübsch wie Jane und nicht halb so reizend wie Lydia. Aber du musst sie ja immer vorziehen.«

»Du hast recht. Wirklich empfehlen könnte ich keine von ihnen«, erwiderte Mr. Bennet. »Sie sind albern und unwissend wie alle jungen Mädchen; nur Lizzy ist wenigstens etwas lebhafter als ihre Schwestern.«

»Aber hör mal, wie kannst du deine eigenen Kinder so herabsetzen! Es macht dir offenbar Spass, mich zu ärgern. Du hast eben gar kein Mitgefühl mit meinen armen Nerven!«

»Da verkennst du mich ganz und gar, meine Liebe. Ich hege die größte Achtung vor deinen Nerven. Seit zwanzig Jahren höre ich mir nun schon das mit deinen Nerven an; sie sind mir nun gute alte Bekannte geworden.«

»Ach, du ahnst nicht, wie sehr ich unter ihnen leiden muss!«

»Aber ich hoffe, du überstehst es auch dieses Mal und erlebst, dass noch viele andere junge Männer mit viertausend Pfund im Jahr sich in unserer Nachbarschaft niederlassen.«

»Und wenn zwanzig kämen, was nützt es uns, wenn du sie doch nicht besuchen willst?«

»Verlass dich auf mich, meine Liebe: wenn es erst zwanzig sind, werde ich sie nacheinander aufsuchen.«

Mr. Bennet stellte eine so eigenartige Mischung von klugem Verstand und Ironie, von Zurückhaltung und Schalkhaftigkeit dar, dass eine dreiundzwanzigjährige Erfahrung nicht genügt hatte, um seine Frau diesen Charakter verstehen zu lassen. Ihre Gedankengänge zu ergründen war einfacher: sie war eine unbedeutende Frau mit geringem Wissen und unberechenbarer Laune. War sie mit etwas unzufrieden, liebte sie es, die Nervöse zu spielen. Ihre Lebensaufgabe bestand darin, ihre Töchter zu verheiraten. Besuche machen und Neuigkeiten austauschen war ihre Erholung.

Zweites Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Mr. Bennet gehörte zu den ersten, die Mr. Bingley auf Netherfield begrüssten. Er war von vornherein entschlossen gewesen, den neuen Nachbarn aufzusuchen, so sehr er seiner Frau auch immer wieder das Gegenteil versicherte; und so wusste sie noch am Abend nichts von seinem Besuch am Morgen.

Mr. Bennet machte seiner Familie auf folgende Weise Mitteilung von seinem Antrittsbesuch: eine Weile sah er seiner zweiten Tochter Elisabeth zu, wie sie an einem Hut arbeitete, und sagte dann plötzlich:»Hoffentlich wird er Mr. Bingley gefallen, Lizzy.«

»Leider ist es uns ja nicht möglich, Mr. Bingleys Geschmack festzustellen«, sagte seine Frau vorwurfsvoll, »da wir ihn nicht besuchen können.«

»Du vergisst aber, Mama«, sagte Elisabeth, »dass wir ihn auf einem von den Bällen treffen werden. Mrs. Long hat versprochen, ihn uns vorzustellen.«

»Mrs. Long wird sich hüten! Sie hat ja selbst zwei Nichten. Mrs. Long ist eine selbstsüchtige und falsche Person, ich habe keine gute Meinung von ihr.«

»Ganz recht, ich auch nicht«, sagte Mr. Bennet. »Ich freue mich, dass du dich nicht auf ihre Gutmütigkeit verlassen willst.«

Seine Frau würdigte ihn keiner Antwort. Aber da nichts zu sagen über ihre Kraft gegangen wäre, fing sie an, eine ihrer Töchter zu schelten:»Hör um Himmels willen mit deinem Husten auf, Kitty! Nimm doch ein wenig Rücksicht auf meine Nerven — du zerreisst sie mir ja geradezu!«

»Kitty hustet ohne jedes Taktgefühl«, meinte ihr Vater, »sie hustet in einem sehr unpassenden Augenblick.«

»Ich huste nicht zum Vergnügen«, erwiderte Kitty störrisch. »Wann ist denn dein nächster Ball, Lizzy?«

»Morgen in vierzehn Tagen.«

»Richtig«, rief ihre Mutter, »und Mrs. Long kommt erst einen Tag vorher zurück; sie kann ihn euch also gar nicht vorstellen, denn sie wird ihn selbst noch nicht kennen!«

»Dann wirst du, meine Liebe, gegen deine Freundin großmütig sein können und Mr. Bingley ihr vorstellen.«

»Ausgeschlossen, Bennet, ganz ausgeschlossen! Ich kenne ihn ja auch nicht. Warum musst du mich immer ärgern?«

»Deine Vorsicht macht dir alle Ehre. Eine vierzehntägige Bekanntschaft genügt allerdings kaum, um jemand kennenzulernen; man kann einen Menschen nach so kurzer Zeit noch nicht beurteilen. Aber wenn wir es nicht tun, dann tut es jemand anders; Mrs. Long und ihre Nichten müssen das Risiko eben auf sich nehmen. Wenn du also glaubst, es nicht verantworten zu können — Mrs. Long wird das sicherlich als einen besonderen Beweis deiner Freundschaft anerkennen —, dann will ich es übernehmen.«

Die Mädchen starrten ihren Vater an. Mrs. Bennet sagte bloß: »Unsinn, Unsinn!«

»Was willst du mit deinem ›Unsinn‹ sagen?« fragte Mr. Bennet. »Etwa, dass die Förmlichkeit des Vorstellens und das Gewicht, das man dieser Förmlichkeit beimisst, Unsinn ist? In dem einen Punkt müsste ich dann verschiedener Meinung mit dir sein. Was meinst du dazu, Mary? Du denkst doch, soviel ich weiß, tief über alles nach und liest dicke Bücher und machst dir Notizen und Auszüge.«

Mary hätte für ihr Leben gern etwas sehr Kluges gesagt, aber ihr fiel nichts Passendes ein.

»Während Mary ihre Gedanken ordnet«, fuhr ihr Vater fort, »wollen wir zu Mr. Bingley zurückkehren.«

»Ich kann den Namen nicht mehr hören!« rief seine Frau.

»Das täte mir wirklich sehr leid. Aber warum sagtest du es mir nicht eher? Hätte ich es heute morgen schon gewusst, wäre mein Besuch bei ihm bestimmt unterblieben. Zu schade —, aber nun ist es einmal geschehen, und wir werden uns seiner Bekanntschaft nicht mehr entziehen können.«

Das Erstaunen seiner Familie war so groß und so lebhaft, wie er es sich gewünscht hatte. Mrs. Bennet übertraf auch hierin die anderen, wenn auch nur um ein weniges. Nichtsdestoweniger erklärte sie, nachdem man sich wieder etwas beruhigt hatte, sie habe es sich schon die ganze Zeit gedacht.

»Das war einmal richtig nett von dir. Aber ich wusste ja, dass ich dich würde überreden können. Ich wusste ja, dass du deine Kinder viel zu lieb hast, als dass du eine solche Bekanntschaft vernachlässigt hättest. Wie ich mich freue! Und wie gut dir dein Scherz gelungen ist —, heute morgen bist du schon bei ihm gewesen, und jetzt erzählst du uns erst davon!«

»So, Kitty, jetzt kannst du husten, so viel es dir Spass macht«, mit diesen Worten verließ Mr. Bennet das Zimmer, offensichtlich ziemlich mitgenommen von dem Begeisterungsausbruch seiner Frau.

»Ihr Mädchen habt einen einzigartigen Vater«, sagte sie, als die Tür sich geschlossen hatte. »Ich weiß nicht, wie ihr ihm je seine Güte werdet danken können — ich übrigens auch nicht. In unserem Alter ist es kein Vergnügen, kann ich euch versichern, täglich neue Bekanntschaften machen zu müssen. Aber für euch tun wir eben alles. Lydia, mein Liebling, du bist zwar sehr jung, aber ich bin fest davon überzeugt, dass Mr. Bingley auf dem nächsten Ball mit dir tanzen wird.«

»Och«, sagte Lydia stolz, »ich hab’ keine Angst. Ich bin wohl die Jüngste, aber auch die Größte von uns.«

Den Rest des Abends verbrachten sie auf das angenehmste damit, zu überlegen, wann wohl Mr. Bingleys Gegenbesuch zu erwarten sei und wann sie ihn dann zum Essen laden könnten.

Drittes Kapitel

Inhaltsverzeichnis

So sehr sich indessen Mrs. Bennet, eifrig von ihren fünf Töchtern unterstützt, darum bemühte, es war keine auch nur einigermaßen zufriedenstellende Beschreibung des neuen Nachbarn aus ihrem Mann herauszubekommen. Die Angriffe erfolgten von den verschiedensten Seiten, geradewegs als Fragen oder unter Harmlosigkeit getarnt oder wieder als scheinbar ganz fern-liegende Andeutungen, aber er ließ sich in keine Falle locken. Zuletzt mussten sie sich mit dem zufriedengeben, was Lady Lucas ihnen aus zweiter Hand berichten konnte. Sir William war entzückt gewesen. Er sei noch sehr jung, ungewöhnlich gut aussehend, außerordentlich wohlerzogen, und, als Krönung des Ganzen, er beabsichtige, an dem nächsten Ball mit einer größeren Gesellschaft teilzunehmen … Wo konnte es da noch fehlen! Zwischen gern tanzen und sich verlieben war nur noch ein kleiner, ein fast unvermeidlicher Schritt! Mr. Bingleys Herz wurde Gegenstand der lebhaftesten Erörterungen und Erwartungen.

»Wenn ich es erleben darf, dass eine meiner Töchter als Herrin in Netherfield einzieht«, sagte Mrs. Bennet zu ihrem Mann, »und wenn es mir gelingen sollte, die anderen ebensogut unterzubringen, dann wird mir jeder Wunsch erfüllt sein.«

Nach einigen Tagen erwiderte Mr. Bingley Mr. Bennets Besuch und blieb mit ihm etwa zehn Minuten in der Bibliothek. Er hatte die leise Hoffnung gehabt, wenigstens einen Blick auf die jungen Damen werfen zu dürfen, von deren Schönheit er schon viel gehört hatte; aber der Vater war alles, was er zu sehen bekam. Die Damen selbst waren ein wenig mehr vom Glück begünstigt; gelang es ihnen doch, von einem Fenster im oberen Stock festzustellen, dass er einen blauen Mantel trug und ein schwarzes Pferd ritt.

Bald darauf wurde auch die Einladung zum Essen abgeschickt. Mrs. Bennet war sich schon über alle Gerichte und Gänge klar, mit denen sie hausfrauliche Ehre einzulegen gedachte; da kam seine Antwort und schob all die schönen Pläne auf unbestimmte Zeit auf. Mr. Bingley bedauerte sehr, am folgenden Tag nach London fahren und sich daher des Vergnügens berauben zu müssen, der Einladung usw. usw. Mrs. Bennet war ganz unglücklich. Sie konnte sich gar nicht denken, was das für eine Angelegenheit sein mochte, die ihn schon so bald nach seiner Ankunft in Hertfordshire nach London zurückrief. Der Gedanke, er könne vielleicht zu der Sorte junger Männer gehören, die ständig von einem Ort zum anderen flattern, anstatt sich mit einem festen Wohnsitz zu begnügen — in diesem Fall Netherfield —, wie es sich gehörte, begann sie ernstlich zu beunruhigen. Und sie schöpfte erst wieder ein wenig Mut, als Lady Lucas ihr gegenüber die Möglichkeit erwähnte, er sei doch vielleicht nur nach London gefahren, um seine große Ballgesellschaft nach Netherfield zu holen. Bald darauf verbreitete sich das aus sicheren Quellen stammende Gerücht, Mr. Bingley werde mit zwölf Damen und sieben Herren auf dem Fest erscheinen. Zwölf Damen! Die jungen Mädchen hörten diese Nachricht mit großer Besorgnis. Aber auch sie fassten wieder Mut, als die Zahl zwölf am Tage vor dem Ball auf sechs — fünf Schwestern und eine Cousine — berichtigt wurde. Die Gesellschaft, die tatsächlich den großen Festsaal betrat, war dann schließlich nicht zahlreicher als insgesamt nur fünf Personen: Mr. Bingley, seine beiden Schwestern, der Gatte der älteren und ein unbekannter junger Mann.

Mr. Bingley sah sehr gut aus und machte einen vornehmen Eindruck. Seine ganze Haltung und Art, sich zu geben, waren natürlich und von einer ungezwungenen Freundlichkeit. Die Schwestern waren mit gutem, eigenem Geschmack nach der letzten Mode gekleidet und mussten zweifellos zu den Schönheiten der Londoner Gesellschaft gezählt werden. Mr. Hurst, dem Schwager Mr. Bingleys, war die gute Familie anzusehen; mehr allerdings auch nicht. Mr. Darcy, der junge Freund, dagegen war bald mit seiner großen, schlanken Figur, seinem angenehmen Äußeren und seinem vornehmen Auftreten Mittelpunkt der Aufmerksamkeit des ganzen Saales. Kein Wunder, dass in weniger als fünf Minuten die verbürgte Nachricht ihren Lauf über alle Lippen nahm, Mr. Darcy verfüge über zehntausend Pfund im Jahr. Die Herren gestanden ihm sein ungewöhnlich stattliches und männliches Wesen zu, die Damen versicherten, er sehe noch besser aus als Mr. Bingley, und die Blicke von jedermann folgten ihm bewundernd den halben Abend lang; dann aber wandelte sich die anfängliche Auffassung von der Vornehmheit seines Auftretens vollständig in das Gegenteil um, woraufhin die Hochflut der Achtung, die man ihm entgegengebracht hatte, rasch abzuebben begann. Denn man konnte nicht umhin, die Feststellung zu machen, dass Mr. Darcy hochmütig war, auf die anwesende Gesellschaft herabsah und an nichts Anteil nehmen wollte. Nichts, nicht einmal sein großer Grundbesitz in Derbyshire, war ein Ausgleich für sein abweisendes und wenig freundliches Benehmen. Jedenfalls konnte er in keiner Weise mit seinem Freund Mr. Bingley verglichen werden.

Mr. Bingley hatte sich bald schon mit all den vornehmlichsten Anwesenden bekanntgemacht. Er tanzte jeden Tanz, war lebhaft und aufgeräumt, ärgerte sich nur darüber, dass das Fest so früh zu Ende sein sollte, und sprach davon, einen Ball auf Netherfield zu geben. Solche Liebenswürdigkeit bedarf keiner weiteren Lobesworte. Welch ein Gegensatz zwischen ihm und seinem Freund! Mr. Darcy tanzte nur je einmal mit Mrs. Hurst und mit Miss Bingley und lehnte es ab, irgendeiner anderen Dame vorgestellt zu werden. Den größten Teil des Abends brachte er damit zu, im Saal herumzugehen und hin und wieder mit dem einen oder der anderen von seinen Bekannten ein paar Worte zu wechseln. Über seinen Charakter brauchte auch kein Wort mehr verloren zu werden. Er war der hochmütigste, unangenehmste Mensch auf der Welt, und man konnte nur hoffen, dass man ihn zum letzten Male gesehen hatte.

Seine heftigste Gegnerin war Mrs. Bennet; denn zu der allgemeinen Missstimmung kam bei ihr ein persönlicher Grund hinzu, der ihre Abneigung noch bedeutend verschärfte: Mr. Darcy hatte eine ihrer Töchter beleidigt.

Da die Herren sehr in der Minderzahl waren, hatte Elisabeth zwei Tänze auslassen müssen; und in dieser Zeit war Mr. Darcy während seines gelangweilten Rundganges für einen kurzen Augenblick ihr so nahegekommen, dass sie nicht umhin konnte, ein Gespräch zwischen ihm und Mr. Bingley mit anzuhören; der hatte die Tanzenden verlassen, um seinen Freund aus seiner Interesselosigkeit zu reißen.

»Los, Darcy«, sagte er, »du musst auch einmal tanzen. Es wird mir zu dumm, dich in dieser blöden Weise hier allein herumstehen zu sehen. Wenn du doch schon hier bist, ist es viel vernünftiger, du tanzt.«

»Alles andere lieber als das! Du weisst, wie sehr ich es verabscheue, mit jemand zu tanzen, den ich nicht kenne. Und in einer Gesellschaft wie dieser hier wäre es geradezu unerträglich. Deine Schwestern haben beide einen Partner, und außer ihnen gibt es auch nicht ein einziges Mädchen im ganzen Saal, mit dem sich zu zeigen nicht eine Strafe wäre.«

»Nicht für ein Königreich möcht’ ich solch ein Mäkler sein wie du!« rief Bingley aus. »Auf Ehre, ich hab’ noch nie so viele nette Mädchen auf einmal kennengelernt wie heute Abend; viele sind sogar ganz ungewöhnlich hübsch.«

»Du tanzt ja auch mit dem einzigen Mädchen, das hier wirklich gut aussieht«, erwiderte Darcy und schaute gleichzeitig zu Jane hinüber.

»Ja, sie ist das wunderbarste Geschöpf, das mir je vor Augen gekommen ist! Aber gerade hinter dir sitzt eine ihrer Schwestern, die sehr nett aussieht und wahrscheinlich auch sehr nett ist. Ich werde meine Dame bitten, dich ihr vorzustellen.«

»Welche meinst du?« Darcy drehte sich um und betrachtete Elisabeth, bis sie unter seinem Blick hochsah. Daraufhin wandte er sich wieder an seinen Freund und meinte gleichgültig: »Erträglich, aber nicht genügend, um mich zu reizen. Außerdem habe ich heute keine Lust, mich mit jungen Damen abzugeben, die von den anderen Herren sitzengelassen worden sind. Kehr du nur wieder zu deiner Tänzerin zurück und sonne dich in ihrem Lächeln; bei mir vergeudest du doch nur deine Zeit.«

Mr. Bingley folgte seinem Rat, und Darcy nahm seinen Rundgang wieder auf. Elisabeths Ansicht über ihn war nicht sehr freundlich, aber nichtsdestoweniger berichtete sie ihren Freundinnen voll Humor ihr kleines Erlebnis; denn da sie selbst von Natur lustig und heiter war, lachte sie gern, auch wenn es auf ihre eigenen Kosten ging.

Im übrigen verlief jedoch der Abend zur vollsten Zufriedenheit der ganzen Familie. Mrs. Bennet hatte die Freude gehabt, ihre älteste Tochter von dem Netherfield-Kreis akzeptiert zu sehen: Mr. Bingley hatte zweimal mit ihr getanzt, und seine Schwestern zeichneten sie durch größte Zuvorkommenheit aus. Janes Freude und Stolz hierüber waren wohl nicht geringer als die ihrer Mutter, aber sie ließ es sich nicht so sehr anmerken. Elisabeth teilte als gute Schwester Janes Freude. Mary hatte sich Miss Bingley gegenüber als das gebildetste junge Mädchen aus der ganzen Nachbarschaft rühmen gehört. Und die beiden Jüngsten, Catherine und Lydia, konnten das unwahrscheinlichste Glück für sich in Anspruch nehmen, nicht einen einzigen Tanz ausgelassen zu haben, und das war das einzige, worauf es ihnen vorläufig bei einem Ball ankam.

Sie kehrten daher alle in bester Laune nach Longbourn zurück, dem Dorf, dessen vornehmstes Haus das ihre war. Mr. Bennet war noch auf. In Gesellschaft eines guten Buches vergaß er die Zeit. Am heutigen Abend kam noch ein gut Teil Neugierde hinzu, ihn wach zu halten; er wollte doch gern wissen, wie das Fest verlaufen war, das so viele Hoffnungen erweckt hatte. Im stillen hatte er wohl erwartet, die vorgefasste Meinung seiner Frau über den neuen Nachbarn enttäuscht zu sehen; dass er sich seinerseits getäuscht hatte, darüber wurde er nicht lange im Zweifel gelassen.

»Wir haben einen herrlichen Abend verbracht.« Damit kam sie ins Zimmer. »Ein wundervoller Ball! Ich wünschte, du wärst dagewesen. Jane wurde bewundert — es ist gar nicht zu beschreiben! Alle sagten, wie gut sie aussehe; und Mr. Bingley fand sie wunderschön und hat zweimal mit ihr getanzt! Stell’ dir das bitte vor, mein Lieber! Zweimal hat er mit ihr getanzt! Und sonst hat er keine einzige zum zweitenmal aufgefordert! Zuerst forderte er Miss Lucas auf. Ich hab’ mich richtig geärgert, als er mit ihr tanzte; doch er hat sie gar nicht gemocht, na ja, weisst du, das wäre wohl auch schwer möglich gewesen. Aber schon während des ersten Tanzes schien ihm Jane aufzufallen; er erkundigte sich, wer sie sei, ließ sich vorstellen, und bat sie um den nächsten Tanz. Dann tanzte er den dritten mit Miss King und den vierten mit Maria Lucas und den fünften wieder mit Jane und den sechsten mit Lizzy und dann noch ein Boulanger-Menuett hinterher …«

»Um Gottes willen, ich will nichts mehr von Mr. Bingleys Tänzerinnen hören!« unterbrach Mr. Bennet sie ungeduldig. »Wäre er ein wenig rücksichtsvoller gegen mich gewesen, hätte er nur halb so viel getanzt. Schade, dass er sich nicht schon beim ersten Tanz den Fuß verstaucht hat.«

»Aber«, fuhr Mrs. Bennet fort, »ich bin ganz entzückt von ihm! Er sieht ungewöhnlich gut aus! Und seine Schwestern sind reizende Damen. Ihre Kleider waren das eleganteste, was ich je gesehen habe. Die Spitzen an Mrs. Hursts Kleid haben gut und gerne …«

Sie wurde wieder unterbrochen. Ihr Mann legte auf das energischste Verwahrung dagegen ein, jetzt einen Diskurs über Spitzen und Moden ertragen zu müssen. Sie sah sich daher gezwungen, das Thema in eine andere Richtung abzulenken, und berichtete mit ehrlicher Entrüstung und einigen Übertreibungen von dem unglaublichen Betragen des Mr. Darcy.

»Aber das weiß ich und das kann ich dir versichern«, schloss sie nach einiger Zeit, »Lizzy verliert nicht viel, wenn sie seinem Geschmack nicht entspricht; er ist ein ganz schrecklich unangenehmer, scheußlicher Mensch und gar nicht wert, dass man sich um ihn kümmert. Nicht zum Aushalten war es, wie hochmütig und eingebildet er hin-und herging und sich wunder wie großartig vorkam! ›Erträglich — aber nicht genügend, um ihn zu reizen —!‹ Ich wünschte, du wärst dagewesen, mein Lieber, um ihn ein wenig zurechtzustutzen, du verstehst dich so gut darauf. Ich finde den Menschen abscheulich!«

Viertes Kapitel

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Als Jane und Elisabeth in ihrem Zimmer allein waren, vertraute die Ältere, die bis dahin kaum in die Lobpreisungen Mr. Bingleys eingestimmt hatte, ihrer Schwester an, wie sehr sie ihn bewundere. »Er ist alles, was ein junger Mann sein sollte«, sagte sie, »vernünftig und doch fröhlich und lebhaft; und sein Auftreten — ich hab’ noch nie so etwas erlebt: gleichzeitig so ungezwungen und so wohlerzogen!«

»Gut aussehen tut er auch«, erwiderte Elisabeth, »das kann einem jungen Mann ebenfalls nicht schaden. Also alles in allem, ein idealer Typ!«

»Dass er mich ein zweites Mal zum Tanzen aufforderte, das war doch sehr schmeichelhaft. Das hatte ich gar nicht erwartet!«

»Nicht? Ich ja. Das ist der große Unterschied zwischen uns: dich überrascht so etwas immer, mich nie. Was hätte selbstverständlicher sein können, als dass er dich noch einmal aufforderte? Es konnte ihm ja nicht gut entgangen sein, dass du mindestens fünfmal hübscher warst als alle anderen Mädchen im Saal. Nein, das war keine besondere Höflichkeit von ihm. Aber es stimmt, er ist wirklich sehr nett, und meinen Segen hast du. Dir haben schon ganz andere Hohlköpfe gefallen!«

»Aber Lizzy!«

»Ich weiß — du hast eine reichlich übertriebene Neigung, jedermann nett zu finden. Du entdeckst niemals einen Fehler an Menschen. Die ganze Welt ist in deinen Augen gut und schön. Ich glaube, ich habe dich noch nie über irgendwen etwas Unfreundliches sagen hören!«

»Ich möchte natürlich nicht unüberlegt und hastig urteilen; aber ich sage doch immer, was ich wirklich denke.«

»Eben, das weiß ich ja — das ist ja gerade das Wunder: so vernünftig zu sein, wie du es doch bist, und dabei so rührend blind gegenüber den Torheiten und der Dummheit deiner Mitmenschen! Gespielte Aufrichtigkeit ist eine gewöhnliche Erscheinung — man trifft sie überall. Aber Aufrichtigkeit ohne Hintergedanken oder Nebenabsichten, nur das Beste in jedem sehen und das noch verbessern, während man das Schlechte nicht beachtet, und das noch in aller Aufrichtigkeit — das kannst nur du! Seine Schwestern mochtest du also auch? Ganz so wohlerzogen wie er sind sie ja wohl nicht.«

»Das allerdings nicht, wenigstens erscheint es zunächst so. Aber die beiden sind ganz reizend, wenn man mit ihnen spricht. Miss Bingley wird auch auf Netherfield wohnen bleiben und ihrem Bruder das Haus führen. Es sollte mich sehr wundern, wenn wir in ihr nicht eine sehr angenehme Nachbarin bekämen.«

Elisabeth schwieg dazu; sie war davon nicht so überzeugt wie ihre Schwester. Das Auftreten der beiden Damen aus London war nicht danach gewesen, um ihr uneingeschränktes Gefallen zu erregen; sie beobachtete schärfer und war nicht so vorschnell in ihrem Urteil, zumal sie sich nicht, wie ihre Schwester, durch ein persönliches Interesse verpflichtet fühlte. Zweifellos, die beiden waren wirkliche Damen; sehr wohl in der Lage, in bester Stimmung zu sein, solange sie sich gut unterhalten fühlten, und freundlich, sobald ihnen so zumute war, aber zweifellos ebenso hochmütig und eingebildet. Sie sahen recht gut aus, hatten eine vortreffliche Erziehung in einer der vornehmsten Schulen Londons genossen, konnten über ein Vermögen von zwanzigtausend Pfund verfügen, waren gewohnt, mehr auszugeben, als ihrem Vermögen entsprach, und verkehrten in der besten Gesellschaft — kurz, sie hatten allen Grund, das Beste von sich selber und weniger gut von anderen zu denken. Außerdem gehörten sie einer angesehenen nordenglischen Familie an, eine Tatsache, die ihnen ständig mehr gegenwärtig zu sein schien als die andere Tatsache, dass das Familienvermögen aus Handelsgeschäften stammte.

Mr. Bingleys Vater, der immer den Wunsch gehegt hatte, sich einen Landbesitz zu kaufen, aber zu früh gestorben war, um sich seinen Wunsch erfüllen zu können, hinterließ seinem Sohn ein Erbe von nahezu einhunderttausend Pfund. Mr. Bingley beabsichtigte nun auszuführen, was seinem Vater versagt geblieben war; bald dachte er an diese Gegend, bald an jene. Aber da er jetzt ein schönes Haus in London besaß und dazu noch über Netherfield verfügen konnte, erschien es allen, die seine Genügsamkeit kannten, als höchst wahrscheinlich, dass er sich nun nicht weiter umsehen, sondern den Ankauf eines Landbesitzes der nächsten Generation überlassen werde.

Seine Schwestern waren nicht so genügsam und hätten es lieber gesehen, wenn ihr Bruder auf eigenem Grund und Boden säße. Das hielt aber keineswegs die jüngere davon ab, in dem nur gemieteten Netherfield dem Haushalt vorzustehen; und die ältere Schwester, Mrs. Hurst, die einen Mann in hoher gesellschaftlicher Stellung und in schlechten Vermögensverhältnissen geheiratet hatte, betrachtete dieses Netherfield nach Bedarf als ihr eigenes Heim.

Mr. Bingley hatte erst zwei Jahre die Freiheit des Mündigseins genossen, als eine zufällige Empfehlung ihm Netherfield House verlockend schilderte. Er fuhr hin, sah es sich eine halbe Stunde lang drinnen und draußen an, fand Gefallen an der Lage und den Räumlichkeiten und wurde mit dem Eigentümer sehr schnell einig.

Zwischen ihm und Darcy bestand, trotz der großen charakterlichen Verschiedenheit, eine langjährige, feste Freundschaft. Darcy schätzte an Bingley sein natürliches Wesen, seine Freimütigkeit und seine Lenkbarkeit — Eigenschaften, die in keinem größeren Gegensatz zu seinen eigenen hätten stehen können, obgleich er mit seinen eigenen gar nicht unzufrieden zu sein schien. Und Bingley seinerseits fand eine starke Stütze in der Achtung, die sein Freund ihm entgegenbrachte, und vertraute fest seiner überlegenen Menschenkenntnis und Welterfahrung. Darcy war auch der Intelligentere von ihnen; nicht, dass Bingley dumm war, aber Darcy war eben der Überlegenere. Gleichzeitig hatte Darcy aber einen Zug von Hochmut, Verschlossenheit und Verwöhntheit, und sein ganzes Wesen war, wenn auch nicht gerade unhöflich, so doch nicht sehr entgegenkommend. In dieser Hinsicht lief ihm sein Freund entschieden den Rang ab. Bingley war überall gern gesehen; Darcy eckte ständig an.

Die Art, in der sie sich über den Ball in Meryton unterhielten, war für beide bezeichnend. Bingley glaubte, noch nie nettere Leute und hübschere Mädchen gesehen zu haben; alle waren äußerst freundlich und zuvorkommend gegen ihn gewesen, keine Spur von Förmlichkeit oder Steifheit, er hatte sich gleich gut Freund mit allen Anwesenden gefühlt; und was Jane betraf, er hätte sich kein engelhafteres Wesen vorstellen können. Darcy dagegen hatte nur eine große Menschenmenge gesehen, die durch wenig Schönheit und viel Uneleganz auffiel, für die er beim besten Willen kein Interesse hatte aufbringen können und von der er weder Vergnügen gehabt noch Entgegenkommen erfahren hatte … Miss Bennet — ja, er gab zu, dass sie nett aussah, nur lächelte sie zu viel. Mrs. Hurst und ihre Schwester erhoben hiergegen weiter keinen Einspruch, aber sie gestanden ihre Zuneigung und Bewunderung für Jane ein und erklärten, sie sei ein liebes Mädchen, dessen Freundschaft sie nicht ungern weiter pflegen wollten. Damit war also Miss Bennet zum »lieben Mädchen« ernannt, und Bingley fühlte sich durch diese Empfehlung berechtigt, von ihr und über sie zu denken, wie es ihm beliebte.

Fünftes Kapitel

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Nur einen kurzen Weg von Longbourn entfernt wohnte eine Familie, die zu den engeren Freunden der Bennets zählte. Sir William Lucas hatte früher ein Geschäft in Meryton geführt, das ihm zu einem annehmbaren Vermögen verholfen hatte. Eine Ansprache an den König während seiner Bürgermeisterzeit hatte ihm den Titel »Sir« eingebracht. Die Ehrung war ihm ein wenig zu Kopfe gestiegen; er fasste eine plötzliche Abneigung gegen das Geschäft und gegen sein Haus in dem kleinen Marktflecken, gab beides auf und bezog mit seiner Familie etwas außerhalb Merytons ein Landhaus, das von da an Lucas Lodge hieß. Hier konnte er zu seinem ständigen Vergnügen über seine eigene Bedeutsamkeit Betrachtungen anstellen und, ungehindert von jedweder Arbeit, sich damit beschäftigen, gegen die ganze Welt höflich zu sein. Denn wenn sein Titel ihn auch erhöht hatte, er machte ihn nicht hochfahrend; im Gegenteil, er war mehr denn je eines jeden gehorsamer Diener. Von Natur aus schon liebenswürdig, freundlich und gefällig, hatte seine Vorstellung bei Hofe ihn nur noch höflicher gemacht.

Lady Lucas war eine sehr gute Frau und nicht klug genug, um eine schlechte Nachbarin für Mrs. Bennet abzugeben. Die älteste von den Lucas-Kindern, Charlotte, eine ruhige, vernünftige junge Dame von siebenundzwanzig, war Elisabeths beste Freundin.

Es war natürlich unumgänglich notwendig, dass die Schwestern Lucas und die Schwestern Bennet den Ball gemeinsam durchsprachen. Am Morgen nach dem Fest erschienen jene in Longbourn, um zu hören und gehört zu werden.

»Du hast aber den Abend gut begonnen, Charlotte«, sagte Mrs. Bennet mit höflicher Selbstbeherrschung zu Miss Lucas. »Dich hat ja Mr. Bingley sich zuerst ausgesucht.«

»Ja, aber seine zweite Wahl schien ihm besser zu gefallen.«

»Ach so, du meinst Jane — weil er zweimal mit ihr getanzt hat; du hast recht, das machte allerdings den Eindruck, als ob er sie bevorzugte. Hm, weisst du, ich glaube, er zog sie den anderen tatsächlich vor; ja, ja, ich hörte so etwas, ich weiß nicht mehr genau was … irgend etwas von Mr. Robinson —«

»Sie meinen wahrscheinlich das Gespräch zwischen ihm und Mr. Bingley, das ich zufälligerweise mit anhörte; hab’ ich Ihnen noch nicht davon erzählt? Mr. Robinson fragte ihn, wie ihm unser Ball in Meryton gefalle und ob er nicht auch der Meinung sei, dass eine ungewöhnlich große Anzahl schöner Damen anwesend wäre; und dann fragte Mr. Robinson ihn noch, welche er denn am schönsten finde? Worauf er sogleich erwiderte: aber da gibt es doch gar keinen Zweifel, die älteste Schwester Bennet natürlich!«

»Was du nicht sagst! Das ist allerdings sehr deutlich.«

»Ich hab’ wenigstens etwas Nettes zu hören bekommen, Lizzy, wenn auch nur über andere«, sagte Charlotte zu ihrer Freundin. »Mr. Darcy zuzuhören lohnt sich nicht so sehr wie seinem Freund. Arme Lizzy, nur gerade noch erträglich zu sein!«

»Ich bitte dich, Charlotte, versuch nicht, Lizzy auch noch mit seiner Unhöflichkeit zu ärgern; er ist ein so scheußlicher Mensch, dass es geradezu ein Unglück wäre, ihm zu gefallen. Mrs. Long erzählte mir, er habe eine halbe Stunde neben ihr gesessen, ohne ein einziges Mal den Mund aufzumachen.«

»Hat sie das gesagt, Mutter? Hat sie sich nicht vielleicht geirrt?« fragte Jane. »Ich sah genau, wie er zu ihr sprach.«

»Ja, da hatte sie ihn gerade gefragt, wie ihm Netherfield gefalle, und darauf musste er ja wohl oder übel etwas sagen; aber sie sagt, er sei richtig wütend gewesen, angesprochen zu werden.«

»Miss Bingley erzählte mir«, sagte Jane, »dass er nie sehr viel redet außer im engsten Freundeskreis. Dann kann er ganz ungewöhnlich sympathisch und freundlich sein.«

»Ich glaube nicht ein Wort davon, meine Liebe. Wenn er das wäre, dann hätte er mit Mrs. Long gesprochen. Ich kann mir schon denken, was los war: alle Welt weiß, dass er vor Hochmut beinahe erstickt, und er hat wahrscheinlich von irgend jemand erfahren, dass Mrs. Long sich keinen eigenen Wagen halten kann und in einer Mietskutsche zum Ball gekommen war.«

»Dass er nicht mit Mrs. Long geredet hat, stört mich nicht weiter«, meinte Charlotte, »aber ich wünschte, er hätte mit Lizzy getanzt.«

»Ein anderes Mal, Lizzy«, sagte Mrs. Bennet, »würde ich nicht mit ihm tanzen, wenn ich du wäre.«

»Ich glaube, ich kann dir ziemlich fest versprechen, überhaupt nie mit ihm zu tanzen, Mutter.«

»Sein Hochmut verletzt mich nicht einmal so sehr, wie es sonst der Fall wäre«, sagte Charlotte, »denn er hat doch eine Art Entschuldigung dafür. Man kann sich eigentlich nicht darüber wundern, dass ein so stattlicher junger Mann von so vornehmer Familie und so großem Vermögen sich selbst sehr hoch einschätzt. Ich finde, er hat gewissermaßen ein Recht zum Hochmut.«

»Ganz richtig«, erwiderte Elisabeth, »ich könnte ihm seinen Hochmut auch leicht verzeihen, wenn er nicht meinen Stolz gekränkt hätte.«

»Stolz«, sagte Mary, die auf die Tiefsinnigkeit ihrer Gedanken stolz war, »gehört zu den verbreitetsten unter allen menschlichen Schwächen, wenn ich mich nicht irre. Denn nach allem, was ich bisher gelesen habe, bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass es so ist: Die menschliche Natur neigt überaus leicht dazu, diesem Übel zu verfallen, und es gibt nur wenige Menschen, die frei davon sind, aus diesem oder jenem, tatsächlichen oder eingebildeten Grunde ein Gefühl von Selbstgefälligkeit zu verspüren. Man muss auch Stolz und Eitelkeit auseinanderhalten, wenn die beiden Worte auch oft für ein und dieselbe Sache gebraucht werden: man kann stolz sein, ohne eitel zu sein. Der Stolz bezieht sich mehr auf unsere eigene Meinung von uns selbst, die Eitelkeit jedoch auf die Meinung, die wir gern von anderen über uns hören möchten.«

»Wenn ich so reich wäre wie Mr. Darcy«, rief der junge Lucas, der seine ältere Schwester begleitet hatte, in die achtungsvolle Stille, die nach Marys Allerweltsweisheit eingetreten war, »wenn ich so reich wäre, dann könnte ich gar nicht stolz genug sein! Ich würde Fuchsjagden reiten und jeden Abend eine Flasche Wein trinken.«

»Das wäre viel zu viel für dein Alter«, meinte Mrs. Bennet, »und wenn ich dich dabei träfe, würde ich dir die Flasche sofort wegnehmen.«

Der Junge trumpfte auf, das dürfe sie ja gar nicht; und sie bestand darauf, sie würde es doch tun, und das Hin und Her fand erst mit dem Besuch sein Ende.

Sechstes Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Die Damen von Longbourn machten bald darauf denen von Netherfield ihre Aufwartung, und der Besuch wurde in aller Form erwidert. Janes natürliches und freundliches Wesen gewann ihr schnell die Zuneigung von Mrs. Hurst und deren Schwester Caroline. Die Mutter Bennet war ja zwar kaum zu ertragen, und zu den beiden jüngeren Mädchen auch nur höflich zu sein, lohnte sich eigentlich nicht; aber mit den beiden älteren Freundschaft zu schließen, erschien ihnen wünschenswert. Jane erwiderte diesen Wunsch voller Dankbarkeit und aus ganzem Herzen; aber Elisabeth erkannte die Anmaßung, die allen Äußerungen der Damen in Netherfield zu Grunde lag, nicht zum wenigsten Jane gegenüber, und sie konnte es nicht über sich bringen, ihr anfängliches Misstrauen fallen zu lassen; mochte ihre Freundlichkeit gegen Jane, wenn man es schon so nennen wollte, auch dadurch einen gewissen Wert annehmen, dass sie ihren Ursprung in der Bewunderung des Bruders, Mr. Bingley, hatte.

Dass eine solche Bewunderung wirklich bestand, war ganz unverkennbar, so oft sie zusammenkamen. Und für Elisabeth war es ebenso unverkennbar, dass Jane der Neigung, die sie von Anfang an für ihn empfunden hatte, nachzugeben begann und auf dem besten Wege war, sich gründlich zu verlieben. Der Gedanke, dass die anderen diesen Zustand nicht so bald würden entdecken können, war ihr eine große Beruhigung; denn Jane verband mit der Fähigkeit eines tiefen Gefühls eine Gleichmäßigkeit und ständige Heiterkeit, die sie vor Verdächtigungen und üblen Nachreden böser Zungen bewahrte. Sie sprach darüber mit ihrer Freundin Charlotte.

»Es mag schon nützlich sein«, meinte diese, »in solchen Fällen der Umwelt etwas vormachen zu können; aber es kann einem auch schaden, wenn man zu beherrscht ist. Wenn eine Frau dem Gegenstand ihrer Neigung ihre Gefühle ebenso geschickt verbirgt, wird sie sich leicht um die Gelegenheit bringen, diese Gefühle eines Tages ausdrücken zu dürfen; und der Trost, dass die Welt ja nichts davon erfahren hat, scheint mir sehr schwach zu sein. In fast jeder Liebe steckt ein kleiner Kern von Eitelkeit oder Dankbarkeit, und den sollte man nicht sich selbst überlassen. Wir machen alle den ersten Schritt ganz unbefangen — dass man einen Menschen einem anderen vorzieht, ist meist selbstverständlich; aber nur die wenigsten von uns haben ein Herz, das groß genug ist, um ohne Ermunterung und Nachhilfe zu lieben. In neun von zehn Fällen ist es ratsam für eine Frau, eher mehr zu zeigen, als sie fühlt. Bingley mag deine Schwester ganz ohne Zweifel; doch wenn sie ihm nicht weiterhilft, wird er vielleicht nie etwas anderes tun, als sie nur mögen.«

»Aber sie tut ja schon so viel, wie ihre Natur es ihr erlaubt. Wenn ich ihre Zuneigung entdecken kann, dann muss er schon sehr dumm sein, wenn er nicht dasselbe entdeckt.«

»Vergiss nicht, Lizzy, dass er Janes Art nicht so gut kennt wie du.«

»Wenn eine Frau einen Mann bewundert und ihre Bewunderung nicht bewusst verbirgt, dann muss er es schon selbst merken.«

»Vielleicht ja, wenn er sie oft genug zu sehen bekommt. Bingley und Jane kommen ja recht häufig zusammen, aber erstens niemals sehr lange auf einmal und dann auch nur auf großen Gesellschaften, und da kannst du nicht verlangen, dass sie jeden Augenblick nur miteinander reden. Jane sollte daher jede Viertelstunde ausnutzen, in der sie ein wenig ungestört sind. Ist sie seiner erst sicher, dann ist immer noch Zeit genug, um sich gründlich zu verlieben.«

»Der Plan ist nicht schlecht«, erwiderte Elisabeth, »aber nur für den Fall einer Heirat um jeden Preis; handelte es sich bloß darum, einen reichen Mann oder überhaupt einen Mann zu bekommen, dann würde ich wahrscheinlich auch nicht anders vorgehen. Aber so etwas steckt nicht hinter Janes Gefühlen; sie verfolgt keinen Zweck und keine Absicht. Bis jetzt weiß sie selbst wahrscheinlich nicht, wie weit ihre Neigung geht, und noch weniger hat sie über Vernunft oder Unvernunft nachgedacht. Sie kennt ihn erst seit zwei Wochen; sie hat viermal mit ihm in Meryton getanzt; sie war einmal bei ihm zu Hause und hat auf vier Abendgesellschaften mit ihm an einem Tisch gesessen. Das dürfte kaum genügen, um ihn näher kennen zu lernen.«

»Nein; wenigstens nicht, wenn es sich so verhielte, wie du eben sagtest. Hätte sie nur mit ihm zusammen gegessen, dann könnte sie heute bestenfalls etwas über seinen Appetit erfahren haben; aber sie haben ja vier ganze Abende miteinander in Gesellschaft verbracht — und vier lange Abende können manches zuwege bringen!«

»Sicher; die vier Abende haben ihnen Gelegenheit gegeben, ihre gegenseitige Vorliebe für ein bestimmtes Kartenspiel festzustellen. Aber was ihre sonstigen Charaktermerkmale anlangt, glaube ich nicht, dass sich sehr viel geklärt hat.«

»Nun, einerlei«, meinte Charlotte, »ich wünsche Jane von ganzem Herzen Erfolg; und ich glaube nicht, dass sie eine geringere Aussicht hat, glücklich zu werden, wenn sie ihn morgen heiraten sollte, als wenn sie seinen Charakter erst ein Jahr lang studieren wollte. Glück in der Ehe ist sowieso nur von Zufälligkeiten abhängig. Zwei Leute können sich noch so gut gekannt haben, können noch so viel miteinander gemein gehabt haben, auf das Glücklichwerden hat das nicht den geringsten Einfluss. Der eine oder andere von ihnen wird sich immer genügend verändern, um beiden ihr Teil Kummer und Ärger zu sichern; und da ziehe ich es doch vor, von vornherein möglichst wenig über die schlechten Eigenschaften des Mannes zu erfahren, mit dem ich mein ganzes Leben verbringen muss.«

»Das ist ein guter Scherz, Charlotte; aber ernst kann ich das nicht nehmen. Du kannst das doch selber nicht, und du weisst, dass du nie nach solchen Grundsätzen handeln würdest.«

Elisabeth war so eifrig damit beschäftigt, Mr. Bingley’s Aufmerksamkeiten gegen Jane zu beobachten, dass ihr das Interesse vollkommen entging, das sein Freund für sie zu empfinden begann. Anfangs wollte Darcy sie nicht einmal als hübsch gelten lassen; auf dem Ball hatte er sie voll Gleichgültigkeit angeschaut; und als sie sich danach wieder trafen, hatten seine Augen sie höchstens kritisch gestreift. Aber kaum war er sich darüber im klaren — und hatte er es seinen Freunden klargemacht —, dass sie ein fast völlig uninteressantes Gesicht besaß, als er entdeckte, dass dieses Gesicht ungewöhnlich intelligente Züge trug, die von dem wunderbaren Ausdruck der dunklen Augen noch unterstrichen wurden. Dieser Entdeckung folgten andere, ähnlich verdrießliche. Obgleich sein kritisches Auge mehr als ein Merkmal vermisst zu haben glaubte, das für eine vollkommene Körperharmonie unerlässlich war, musste er sich jetzt eingestehen, dass ihre Figur schlank und ansprechend war; und wo er früher ihr ungewandtes Auftreten betont hatte, wurde er jetzt durch die natürliche Heiterkeit ihres Wesens angezogen. Aber hiervon wusste sie nichts; für sie war er ein Mann, der sich überall unbeliebt machte und der sie nicht für hübsch genug erachtet hatte, um mit ihr zu tanzen.

Er verspürte den Wunsch, sie näher kennenzulernen, und gleichsam als Vorstufe zu einer eigenen Unterhaltung mit ihr, fing er an, ihren Gesprächen mit anderen zuzuhören. Erst dadurch wurde ihre Aufmerksamkeit wach.

Das war auf einer großen Gesellschaft bei Sir William Lucas. »Was denkt sich denn dieser Mr. Darcy«, fragte Elisabeth ihre Freundin, »dass er sich herstellt und meiner Unterhaltung mit Oberst Forster zuhört?«

»Auf diese Frage wird dir wohl nur Mr. Darcy selbst antworten können.«

»Wenn er es wieder tun sollte, dann werde ich ihm zeigen, dass ich weiß, wofür ich ihn zu halten habe. Er hat einen schrecklich zynischen Ausdruck in den Augen, und wenn ich ihm nicht selbst zuerst meine Meinung sage, bekomme ich noch Angst vor ihm.«

Als er sich ihnen bald darauf näherte, ohne anscheinend jedoch etwas sagen zu wollen, forderte Charlotte ihre Freundin heraus, ihr Wort zu halten, und es bedurfte nur dieser Ermunterung, dass Elisabeth sich an ihn wandte und sagte:

»Fanden Sie nicht auch, Mr. Darcy, dass ich mich soeben recht geschickt ausgedrückt habe, als ich Colonel Forster damit neckte, er müsse doch einen Ball bei sich veranstalten?«

»Nun, mindestens sehr deutlich — aber bei dem Thema werden Damen ja immer sehr deutlich.«

»Sie sind sehr boshaft gegen uns.«