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Marc Chesney

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Beschreibung

Für alle lebenswichtigen Bereiche blinken die Warnleuchten rot: Klimawandel, Verlust der Artenvielfalt, Umweltverschmutzung im großen Stil, unerträgliche soziale Ungerechtigkeiten, ständige Kriege und die Gefahr eines Weltkriegs. Die Liste ist erschreckend und der Kapitalismus in seiner libertären Spielart verdammt uns dazu, von einer Katastrophe in die nächste zu schlittern. Die Wirtschaftswissenschaft braucht dringend neue Paradigmen und Konzepte gegen die zynische Finanzkasinowirtschafts-Oligarchie, um das Gemeinwohl wirklich zu fördern, sagt Marc Chesney. Noch ist Zeit zu reagieren, um die uns überrollende Dampfwalze zu stoppen. Sein Buch zeigt dafür die Lösungsansätze auf.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ebook Edition

Inhalt

Titelbild

Das Maß ist voll

1 Ein zerstörerisches, toxisches System

Kapitalismus in unterschiedlichen Ausprägungen

Welcher Sozialvertrag?

Die Oligarchie und ihre Betonsprache

Der libertäre Extremismus

Die Krücken eines Zombie-Systems

2 Die Verschärfung von sozialer Ungerechtigkeit durch Finanzialisierung und Digitalisierung

Die Anhäufung von Reichtümern in der Hand von Wenigen

Finanzialisierung und Digitalisierung der Wirtschaft

Die Kunst des schönen Scheins

Finanzkasino und allgemeine Verschuldung

Der Kapitalismus im Verfall

Ein Weg aus der Sackgasse

3 Klimawandel und die Lehren aus todbringenden Sommern

Katastrophen auf allen Kontinenten

Volltanken für eine Million Dollar

Game over

Zynismus und Scheinheiligkeit

Not und Spiele

Der Schwindel von der nachhaltigen Finanzwelt

Ein Hochstapler erhält den Nobelpreis

4 Das Finanzkasino und die Credit Suisse

Die Party ist vorbei

167 Jahre zweifelhafte Geschäfte und Skandale

35 Jahre Finanzkasino

15 Jahre Wegschauen

Eine Woche Panik

Zwei Tage, um eine Lösung aus dem Ärmel zu schütteln

90 Minuten wenig überzeugende PR-Übungen

Katastrophale Ergebnisse und skandalöse Gehälter

Wetten im großen Maßstab und toxische Finanzprodukte

Das Schweigen der Akademiker

5 Wirtschaftswissenschaft und Korruption in den Hochschulen

Die politische Ökonomie in der Kritik

Die Ware und ihr Wert

Die Rolle des Staats

Ein todbringendes, zu überwindendes System

Mit Uber an die Uni

Die Spitze des Eisbergs

White-Collar-Söldner und Pseudowissenschaft

6 Der Krieg in der Ukraine oder das Undenkbare denken

Lukrative Massaker

Wer ist bereit, für den Donbass oder die Krim zu sterben, wer?6

Für eine Handvoll Panzer mehr

Die Welt blickt in den Abgrund

Völker in Geiselhaft von extremistischen Politikern

Beendigung der Finanzierung von Massenvernichtungswaffen

Schnell agieren, Leben unterstützen und retten

Danksagung

Anmerkungen

Navigationspunkte

Titelbild

Inhaltsverzeichnis

Marc Chesney

Stopp

Gegen Kasino-Finanzwirtschaft und die Vermarktung der Natur

übersetzt aus dem Französischen von Imme Bergmaier

Mehr über unsere Autoren und Bücher:

www.westendverlag.de

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

1. Auflage 2025

ISBN 978-3-98791-111-0

© Westend Verlag GmbH, Waldstr. 12 a, 63263 Neu-Isenburg

Umschlaggestaltung: Buchgut Berlin

Satz: Publikations Atelier, Weiterstadt

Der Schrei, Edvard Munch,1895

© World History Archive / Alamy Stock Foto

Das Maß ist voll

»Seid entschlossen, nicht mehr zu dienen, und ihr seid frei.«

Etienne de la Boétie Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft, 1548

Als ich anfing, dieses Buch zu schreiben, war das Jahr 2022 noch nicht vorüber. Es hatte mit den Kritiken zum Film Don’t Look Up begonnen: Hier verweigerten sich führende Politiker der sicheren Erkenntnis, dass der bevorstehende Absturz eines Kometen alles menschliche Leben auf der Erdevernichten werde, während die Bevölkerung einfach weiter ihrem Alltag nachgehe – daran erinnerte mich dieser Sommer 2022. Der Film war in dieser Hinsicht prophetisch, wenn nicht sogar realistisch. Er kam daher wie eine Komödie, war tatsächlich aber eine Tragödie.

Mit dem Überfall auf die Ukraine durch die russischen Streitkräfte Ende Februar 2022 ist die Gefahr eines Dritten Weltkriegs schlagartig gestiegen. Dazu kamen die heftigen Hitzewellen im Sommer, das Artensterben in großem Maßstab,1 nicht zu vergessen die Umweltverschmutzung … Zu unser aller Glück gab es dann zum Jahreswechsel ja noch die Neujahrsansprachen der großen Staatenlenker, die beruhigen sollten, im Grunde aber sterbenslangweilig und verlogen waren. So sagte Emmanuel Macron am 31. Dezember: »Wer hätte schon die Klimakrise mit ihren auch im vergangenen Sommer wieder dramatischen Folgen für unser Land vorhersagen können?«

Wer? Wie kann ein Regierungsoberhaupt bloß solch eine dumme Frage stellen? Die Antwort ist doch offensichtlich: die meisten der Wissenschaftler und Umweltexperten, die die Klimakrise nicht nur seit Jahrzehnten vorhersagen, sondern ihre langfristigen Auswirkungen analysieren. Sie schlagen unablässig Alarm und weisen auf die Umwälzungen und Katastrophen hin, die mit dem Ausstoß von CO2 und anderen Treibhausgasen wie dem besonders schädlichen Methan zusammenhängen. In Wirklichkeit ist das Maß voll, und das schon seit Langem.

Die meisten Regierungen, großen Firmen und systemrelevanten Banken ändern praktisch nichts. Sie täuschen lediglich vor, sich um die Natur und den Klimawandel zu kümmern – mit allerdings unzureichenden, wenn nicht gar belanglosen oder sogar kontraproduktiven Maßnahmen. Atomstrom und Erdgas als nachhaltige Energiequellen oder Brückenenergien zu propagieren, ist nicht nur nicht glaubwürdig. Das ist pure Realitätsverweigerung, schuldhaft und kriminell. Die Erderwärmung, Atomunfälle und Umweltverschmutzung vernichten Leben, das Verschwinden der Tiere führt unweigerlich zu dem des Menschen. Die Entwaldung fördert die Wüstenbildung und zerstört den Lebensraum nichtdomestizierter Tierarten. Die Digitalisierung der Wirtschaft wird als Lösung verkauft, dabei verschärft sie das Problem nur: Datenzentren, für die riesige Flächen zubetoniert werden, verbrauchen enorme Mengen an Energie – und stoßen enorm viel CO2, nur damit wir E-Mails verschicken können oder angesagte KI-Anwendungen nutzen können.2 Die Transaktionen einer Kryptowährung wie dem Bitcoin erzeugen ein bisschen mehr als das Doppelte der Treibhausgasemissionen von Ungarn. Eine einzige Bitcoin-Transaktion entspricht der Treibhausgasemissionen eines Autos für eine Fahrt von etwa 2 000 Kilometern und verbraucht so viel elektrische Energie wie circa 800 000 Kreditkartentransaktionen – ein Umweltverbrechen im Namen des digitalen Goldrauschs.3 Das Maß ist voll, es läuft sogar schon über.

Und was schlagen die meisten Ökonomen im Angesicht dieser Katastrophen vor? Grünes Wachstum, natürlich! Nur immer weiter in großem Maßstab produzieren und konsumieren, angeblich um eine globale, private und öffentliche astronomisch hohe und unmöglich vollständig rückzahlbare Verschuldung abzutragen. Also wird weiter auf den Putz gehauen. Man gönnt sich einen schnellen Flug übers Wochenende nach Barcelona oder auf die Kapverden und kauft sich einen SUV als rollende Festung im Großstadtdschungel. Wenn man circa zwei Tonnen bewegt4, um alleine per Auto (elektrisch oder nicht) ein paar Einkäufe zu erledigen, dann trägt man definitiv nicht zur Lösung der Probleme bei, sondern verschärft sie sogar. Einen solchen Wagen zu fahren, ist ein Kennzeichen für Umweltverbrechen, wie Aurélien Barrau sehr richtig anmerkt.5

»Immer mehr« ist nur selten gleichzusetzen mit »immer besser«. Dabei ginge es darum zu wissen, wie viel ausreichend ist, um ein menschenwürdiges und ressourcenschonendes Leben zu führen, im Einklang mit der Natur, deren Bestandteil wir sind. Das unersättliche Streben nach Wettbewerb, das dem finanzialisierten Kapitalismus innewohnt, ist mit den genannten Bestrebungen nicht vereinbar.

Um dieses sogenannte grüne Wachstum zu fördern, empfehlen die Ökonomen in der Regel die Schaffung von Märkten, die angeblich liquide, effizient, sogar perfekt sein sollen. Das ist ihr wichtigstes Instrument, das sie in jeder denkbaren Situation einsetzen, um den Handel und damit das Wachstum zu steigern – zukünftig natürlich grünes, das versteht sich von selbst. Zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes: Einrichtung eines Marktes für Emissionsrechte, wie er in der Europäischen Union bereits existiert – und nicht die gewünschten Ergebnisse erbracht hat. Ein Unternehmen stößt mehr CO2 aus als geplant – was soll’s? Es kauft sich einfach die entsprechende Zahl an Emissionsrechten hinzu.

Nach dem gleichen Prinzip entstehen derzeit Märkte für Rechte auf die Zerstörung von Biodiversitätsparzellen: Wenn ein Unternehmen ein Ökosystem samt aller darin lebenden Tierbestände vernichtet, muss es auf Handelsplattformen dafür die entsprechenden Zertifikate erwerben. Die Schaffung von Märkten für Biodiversität ist kein Schutz der Natur, sondern deren zynischer Ausverkauf. Wer Biodiversitätszertifikate handelt, handelt mit Leben und Tod.

Diese Märkte sind dazu gedacht, die Zerstörung von natürlichen Lebensräumen irgendwo in der Welt durch Investitionen zu kompensieren, die vorgeblich an anderer Stelle neue Lebensräume schaffen.6 Solche Märkte gibt es bereits im australischen Bundesstaat New South Wales und auch in Großbritannien. Auch in anderen Ländern wie Frankreich oder Neuseeland werden sie untersucht und voraussichtlich bald umgesetzt. Und wird die Natur nur als reines Kapital betrachtet, wird sie finanzialisiert. Mit Finanzialisierung meine ich die Vorherrschaft des Finanzsektors über alle anderen Wirtschafts- und Sozialbereiche und den fatalen Zwang zur Gewinnmaximierung. Konkret heißt das: Lebewesen, seien es Tiere oder Pflanzen, werden mit einem Preis zu versehen. Und das dient nicht etwa deren Schutz, sondern ermöglicht es, ihre geschmälerten Dienstleistungen auf neuen Märkten zu handeln, sie zu kaufen und zu verkaufen und dadurch Provisionen für die an diesen besonders verabscheuungswürdigen Deals beteiligten Finanzinstitute abzuwerfen.7 Die Natur dergestalt zur Ware zu machen heißt, sie zu leugnen, sie zu zerstören und dabei noch zynisch so zu tun, als wollte man sie schützen. Sie unter dem Vorwand des Schutzes und einer effizienten Nutzung zu privatisieren bedeutet, die Menschheit einer lebenswichtigen, im Gemeineigentum befindlichen Ressource auf unmoralische und brutale Weise zu berauben.8

Regierungen, die solche Vorhaben pushen, geht es darum, den Schutz der Artenvielfalt vorzutäuschen und gleichzeitig die zu diesem im Widerspruch stehenden Wachstums- und Wettbewerbsfähigkeitsziele beizubehalten.9 Diese Ziele beinhalten die Entwicklung neuer Finanzprodukte und Märkte, um die nachhaltig opportunistische Finanzwelt zufriedenzustellen. Die Aneignung von Lebewesen, um sie bei Bedarf auszurotten, wie es seit Langem beispielsweise bei der Sklaverei in der klassischen ebenso wie in ihrer modernen Ausprägung der Fall ist, wäre demnach immer noch erlaubt, vorausgesetzt, man wahrt auch weiterhin die Form und hält die Regeln ein – die Marktregeln natürlich. Das Maß ist wirklich voll!

Wäre der Markt effizient und perfekt, könnte er den Preis für eine Tonne CO2 oder eine aussterbende Insektenart ja festlegen. Aber damit würde man den Märkten Eigenschaften zutrauen, die sie nicht besitzen, denn wenn etwas wertvoll ist, hat es keinen Preis. Eine Tierart würde sich dann durch einen »Marktwert« und ihren Nutzen für die Spezies Mensch auszeichnen oder besser gesagt: für die Kaste, die in ihrem Namen spricht und so extreme wie gefährliche politische und finanzielle Macht auf sich vereint. Von ihrem Thron, ihrem Privatjet oder ihrer Luxusjacht aus würde diese Kaste bestimmen, wer am Leben bleiben darf, weil er ihr noch von Nutzen sein kann, und wer zu entsorgen ist. Wahrscheinlich hält sie die Eisbären für faul, die Ameisen für überflüssig und Insekten ganz allgemein für Schädlinge. Doch wie sehen wohl die anderen Arten die Nützlichkeit der Spezies Mensch, die ihnen allen Schaden zufügt? Diese Frage kommt den Verfechtern der klassischen Wirtschaftslehre, so wie sie in der gedämpften Atmosphäre der akademischen Milieus unterrichtet und reproduziert wird, überhaupt nicht in den Sinn. Dort gibt man sich standesgemäß lieber »neutral«. Wenn man sich engagiert oder aktiv einbringt, dann eher für karitative Zwecke oder Wohltätigkeitsvereine – allzu häufig auch nur eine subtile Ausformung von Eigenliebe. Man achtet sehr genau darauf, sich nicht allzu weit aus dem Fenster zu lehnen …

Die Finanzialisierung im Denken und die Vermarktung der zwischenmenschlichen Beziehungen hat ein beunruhigendes Ausmaß angenommen. Vor Kopernikus glaubte man, das Universum drehe sich um den Planeten Erde. Heute drehen sich alle Gattungen um eine einzige, den Menschen, und insbesondere um dessen herrschende Kaste. Diese macht sich zur Herrin über Leben und Tod aller anderen Arten, abhängig von deren jeweiliger Nützlichkeit und ihrem Marktpreis, und schert sich nicht im Geringsten darum, dass ihr Handeln unmoralisch und kriminell ist.

Was wir brauchen, ist eine echte kopernikanische Wende im sozioökonomischen Bereich, um die Dinge wieder ins richtige Licht zu rücken und endlich zu begreifen, wer sich um wen dreht. Die in diesem Buch beschriebenen Inquisitoren der Jetztzeit, also die Machtstrukturen, die meisten Medien und konventionellen Ökonomen tun allerdings alles dafür, dies zu verhindern und den Status quo beizubehalten.

Zur Aufrechterhaltung der Entfremdung gilt das klassische Prinzip von »Brot und Spielen«, dessen heutiges Pendant »Fastfood und Entertainment« ist. Jedwede Kritik daran wird bezichtigt, herablassend gegenüber den Konsumenten zu sein, die gierig sind auf Beiträge in den sozialen Netzwerken, auf fußballerische Spitzenleistungen von Millionären oder sogar Milliardären, die einem Ball voran- oder hinterherlaufen, auf Fernsehserien, die am Band produziert und reproduziert werden, häufig mit den gleichen Zutaten, sprich Gewalt und Vulgarität bis zum Abwinken. Trash-TV-Formate sind gang und gäbe wie das Dschungelcamp oder der Bachelor. Gesellschaftlich wichtige politische Debatten sind heute kein Austausch von Argumenten mehr, sondern verkommen zu billiger Unterhaltung für die Masse, die sich mehr um knackige Phrasen als um Wahrheit sorgt.

Die Oligarchie verlangt eine allgemeine Abstumpfung – eine geplante und unterrichtete Verdummung, deren Fortschreiten »nicht etwa die Auswirkung eines bedauerlichen Fehlfunktionierens unserer Gesellschaft ist, sondern im Gegenteil die notwendige Bedingung für ihr eigenes Wachstum«.10 Die Erziehung zum kritikfähigen Bürger steht eindeutig nicht auf der Tagesordnung des aktuellen Bildungssystems.

Um Ablenkung zu erzeugen, stellt sich die »Gesellschaft des Spektakels«11 permanent selbst zur Schau. Allerdings eine Show von mieser Qualität. Vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche spiegelt sie sich ihr eigenes Ebenbild zurück – Narzissmus und Schizophrenie ohne Grenzen. Sie macht es möglich, dass der Zuschauer auf dem Bildschirm zahlreiche virtuelle Aggressionen vorgeführt bekommt und dabei gleichzeitig zur Ruhe kommen will. Dass er einfachen Zugang zu einer Fülle von Filmen und Serien hat, die sich um Mord und alle möglichen anderen Gewalttaten drehen und dabei auf Sicherheit bedacht sind. Dass er Horrorfilme konsumiert und gleichzeitig Beruhigungsmittel schluckt. Obwohl dieser Zuschauer in den meisten Fällen mit Krieg direkt definitiv nichts zu tun haben will, bietet ihm die »Gesellschaft des Spektakels« zahllose Videos an, in denen die Spitzenleistungen von Massenvernichtungswaffen, ihr Verkauf und ihr Einsatz in weit entfernten Ländern hoch gelobt werden.

Unterhaltung ist grundsätzlich attraktiv und wirkt der Angst entgegen, die durch das endlose Medienpalaver über die Gefahr eines Atomkriegs in Verbindung mit dem Ukraine-Konflikt erzeugt wird. Und tatsächlich wurden wir 2022 mit Übertragungen von WM-Fußballspielen bombardiert, mit Bildern und Informationen über den Transfermarkt und den Einkauf von Spielern von Real Madrid und Paris Saint-Germain beziehungsweise Qatar Saint Germain oder mit der einen oder anderen belanglosen Aussage eines Fußballstars. Hauptsache, der Ball rollt weiter, auch wenn in der heutigen Welt im Grunde nichts mehr rundläuft. Na, leben wir denn nicht in einer großartigen Zeit?

Was liegt da mehr auf der Hand, als prinzipiell gegen Erderwärmung und den CO2-Ausstoß zu sein, aber nicht zu wollen, dass die Medien allzu viel darüber berichten? Man lässt sich gut unterhalten von Formel-1-Rennen, für die man, falls man die Mittel hat, für einen Kurzaufenthalt nach Dubai fliegt, oder man schaut live zu, wie dieser oder jener Milliardär sich Richtung Mond oder Mars katapultieren lässt, um sich noch einen zusätzlichen Kick zu verschaffen. Manchem mag es verlockend erscheinen, Kurs auf die Arktis oder die Antarktis zu nehmen, um mit der Kamera eines Smartphones festzuhalten, wie riesige Eisblöcke schmelzen und verschwinden. All das ist die bewusste Entscheidung, aktiv an der Vernichtung der Lebensgrundlagen mitzuwirken – dekadenter Hedonismus auf Kosten künftiger Generationen.

Es ist leicht, die Augen davor zu verschließen, dass Krieg, Erderwärmung und Armut die Ursache für die Migrationsströme in Richtung der westlichen Länder sind. Den politischen Parteien, welche die Einwanderung auf blonde, blauäugige Menschen beschränken und alle anderen vertreiben möchten, kommt das im Übrigen sehr zupass. Und wie einfach ist es, den Blick von den mit Migranten übervoll geladenen, seeuntauglichen Booten abzuwenden, die beim Versuch das Mittelmeer zu überqueren Schiffbruch erleiden,12 was regelmäßig Hunderte Todesopfer fordert, und sich stattdessen auf die kostspieligen Rettungsversuche von ein paar Milliardären zu konzentrieren, die sich an Bord des im Juni 2023 gesunkenen U-Boots Titan befanden.

Wer politische Debatten für informativ oder sogar unterhaltsam hält, wird Spaß an der gähnenden Inhaltsleere von Wahlabenden oder den immer gleichen Diskussionen im News-Channel haben. Wer sich Sorgen um den »Großen Bevölkerungsaustausch« macht, wird sich freuen, jemanden wie Björn Höcke oder Alice Weidel, Vorsitzende der AfD, mit Alibi-Gesprächspartnern diskutieren zu sehen, was die Aufmerksamkeit nur ablenkt vom – aktuell im Zeitraffer zu beobachtenden – Austausch von lebenden Milieus durch Plastikmüll und anderen Schrott, vom Austausch des Geistes der Aufklärung durch Rassismus und Verblödung im großen Stil. Anfang Januar 2025 hat eben diese Führerin sich auf der Plattform X über eine Stunde lang mit Elon Musk großgetan. Dabei konnte sie von einer unerwarteten Zuhörerschaft profitieren, um ihren absurden, abstoßenden Vorstellungen Gehör zu verschaffen. Kurioserweise scheint sie von einem Kernpunkt ihres politischen Programms, der Remigration, nicht persönlich betroffen zu sein, obwohl sie doch selbst im Ausland lebt, genauer gesagt in der Schweiz. Und Elon Musk, dem Rasputin der Rechtsextremen und Libertären weltweit, ihrem wichtigsten Förderer und Geldgeber, wäre es zu wünschen, dass er sich schnellstmöglich auf den Mars begibt, dort bleibt und all seine Energie ausschließlich dem Anlegen und Pflegen eines braunen Sumpfs auf dem roten Planeten widmet.

Die Politik verkommt zu Medien-Fastfood, wo aktuelle Themen wie am Fließband schnell und »unterhaltsam« abgespult und von bulimischen Zuschauern verschlungen werden. Hahnenkampfarenen, wo die Talkshow-Gäste nur auf den markanten Spruch aus sind, der den Gegner mundtot machen soll, sprießen überall aus dem Boden, und die Show verkommt zum erbärmlichen, manchmal gar erbarmungslosen Schauspiel. Das Maß bei den Medien ist voll – Leere. Es reicht.