Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
In sonniger, wonniger Urlaubsatmosphäre stolpert Rudy über einen Toten. Ausgerechnet Störche führen den staatlichen Vogelwart zur Leiche und stürzen ihn, gemeinsam mit seinen reizenden dänischen Nachbarinnen, in einen Strudel bitterböser Bedrohungen. Parallel beginnt in dem von Marokko besetzten Staat Westsahara ein Drama um die dringend erwartete Waffenlieferung für eine Widerstandsgruppe. Ein junger Familienvater aus Nordmauretanien tritt die illegale Reise nach Europa an, um einer Strafverfolgung zu entgehen. Ohne es zu wissen, folgt er dem Zug der Störche und lernt das Traumziel von einer hässlichen Seite kennen. Verknoten oder Entwirren? Wer zieht an welchen Fäden in diesem spannungsgeladenen Geschehen?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 329
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Elsass: Ballett der Störche
Elsass: Unsanft am Col
Westafrika: Auf dem Grill
Elsass: Hunawihr ist voll davon
Elsass: Ein Verdacht?
Westafrika: Ein Lamm für den Koch
Elsass: Ein Hörnchen für Adebar
Elsass: Sozialistische Republik
Elsass: Justin ist kein Ermittler
Nordafrika: Gabrielle in Algerien
Westafrika: Kamil als Vogelzähler
Elsass: Hintergrund und Riesenhühner
Elsass: Abwärts in Neuf Brisach
Mittelmeerküste in Narbonne-Plage
Elsass: Im Verlies
Elsass: Elle und Hilda geben Gas
Elsass: Gib Pfeffer
Elsass: Die Profis ermitteln
Elsass: ‚Meine Spuren!’
Westsahara: Die Flucht
Andalusien: In den Tomaten von El Ejido
Elsass: Ehrung im Rathaus
Andalusien: Schatten der Vergangenheit
Westafrika: Endlich ein Job
Bizarr.
Und zugleich großartig. - ‚Schwanensee’? kam es ihm in den Sinn! – Nein, Quatsch, - obwohl Ballett?
Da segelten im noch leicht dunstig blauen Maihimmel vier Weißstörche gemächlich gleitend auf ihren breiten Schwingen. In großer Ruhe, wie es aussah, ohne jeden Antrieb. Nur an den Flügelspitzen bewegten sich die äußeren Federn ganz leicht. Die roten, dürren Beine wie Stöcke unterm Bauch nach hinten gestreckt, zogen sie ganz untypisch gleichmäßige Kreise, wobei sie immer wieder ihren Kopf schief legten, um auf der Weide unter ihnen irgendetwas zu beobachten. Rudy, der das fantastische Sehvermögen dieser Vögel kannte, tippte auf ein kulinarisches Ziel im Zentrum ihrer Kreisbahn. Warum aber blieben sie in dieser Warteschleife? Wenn sie Nahrung erspäht haben, dann greifen sie gewöhnlich zu, jetzt schien sie irgendetwas davon abzuhalten.
Dieses Im-Kreis-Segeln sieht toll aus!
Er war stehengeblieben, griff ruhig nach der kleinen Kamera in seiner Jackentasche. Er schaltete ein, hatte zunächst etwas Sonne im Sucher, trat zur Seite und zoomte die merkwürdig zögerlichen Störche heran. Versiert prüfte Rudy sofort die roten Beine auf eine erkennbare Beringung, - da war sie, schwarzer Ring, weiße Schrift. Einige werden auf meinen Bildern vermutlich lesbar sein. Die könnte ich für Michel mitnehmen.
Eine Krähe war unter den Störchen durchgeflogen, ohne zu zögern auf der Weide gelandet und im gleichen Augenblick ging der erste Storch steil nach unten. Rudy folgte mit der Kamera, filmte weiter und sah wie der Storch neben einem weißen Etwas auf seinen Beinen zum Stehen kam. Er unterbrach den Clip, zögerte einen Moment und ging mit ruhigen Schritten etwa fünfzehn Meter darauf zu. Dann filmte er erneut. Im groß auf gezoomten Bild des Suchers erkannte er, dass es sich um einen weißen Plastikbeutel handeln musste und das, was sich der Storch gerade silbrig glänzend nach einer geschickten Drehung in der Luft in seinen Schlund fallen ließ, sah aus wie ein kleiner Fisch.
Dass es im Elsass wieder zahlreiche Störche gab, denen zunächst in Aufzuchtstationen über den Mangel an Feuchtwiesen hinweg geholfen wurde, war ihm bekannt. Schließlich wollte er seine zwei Wochen, die er sich ganz entspannt gönnen wollte, in der Nähe der Storchenstation von Hunawihr verbringen. Mit Michel, einem der betreuenden Biologen, hatte er sich verabredet, bisher hatten sie nur miteinander telefoniert. Und das städtische Campinggelände hier in Ribeauvillé, einem absolut typisch elsässischen Touristenstädtchen an der Route des Vins, bot für ihn mit seinem alten Campingbus den perfekten Standort.
Rudy filmte weiter, näherte sich dem Beutel, der aufgerissen, halb zerfleddert mitten auf der offenen Weide lag, weitere kleine Fische quollen heraus. Beim Blick über die Kamera entdeckte er eine breite Spur im noch nicht gemähten, taufeuchten Gras, weg von den Fischen, quer über die Wiese, hin zu den umzäunten Schrebergärten, die eingebettet in die Weinfelder am östlichen Rand des Weinstädtchens liegen.
„Äußerst merkwürdig!“, ging es Rudy durch den Kopf. Irgendwie, jedoch wenig konkret, erinnerte er sich an einen getöteten Fischreiher, den ein Fuchs viele Meter weg geschleift hatte und so folgte er, vorbei am weißen Beutel der Spur. Beunruhigt durch diese Bewegung flog der eben gelandete Storch auf und begleitete seine abdrehenden Gefährten fort über die hohen Weidenbäume. Rudy spürte seine Füße und Hosenbeine nass werden. Mit staksenden Schritten folgte er der Schleifspur durchs feuchte Gras. An einem halb verrotteten Holztor im rostigen Maschendrahtzaun war Schluss. Rudy beugte sich vor. Er hielt die Luft an.
Hinter dem Tor, zwischen verschrumpelten Kürbissen vom letzten Herbst erkannte er ein weißes Oberhemd, eine schwarze Hose und dann lag da der Körper eines korpulenten Mannes. Sein Kopf, wie gebettet zwischen den vergammelten Kürbiskugeln, mit Spuren von Erde und nassem Gras im grauen, runden Gesicht. Eine braune Nacktschnecke neben seinem schwarzen Schnauzer, eine beinah Glatze, sowie die randlose Brille nur noch auf einem Ohr hängend. Erst jetzt atmete Rudy aus, denn ihm war absolut klar, dass es sich hier um einen toten dicken Mann handelte.
Rudys zweite Reaktion, „ach, du Scheiße!“, befreite ihn nicht von dem lähmenden Gefühl, dabei etwas benebelt und der Herzschlag beschleunigt.
Er holte nochmals tief Luft.
„Rudy bleib ruhig, sei sachlich, was ist zu tun?“
Ist er wirklich tot?
Rudy zog die Gartentür auf, ein Fuß, bekleidet mit schwarzem Lederschuh kippte zur Seite. Die Hosenbeine, beide hoch gerutscht, bleiche, schwarz behaarte Beine. Eine äußere Verletzung war an dem Mann nicht zu erkennen. Auch kein Blut. Rudy trat näher an den Liegenden heran, beugte sich vor, um besser sehen zu können. Das Jackett war nicht zugeknöpft und daher bis unter die Achseln zusammengeschoben, so als habe man ihn an den Beinen über die Wiese gezogen. Auch die Hemdbrust mit Erde verschmiert, aber auch hier kein Blut zu sehen. Er beugte sich über den Toten, legte seinen Zeigefinger an den dicken, fetten Hals.
Kühl, aber nicht kalt.
Der ist tot! – Vermutlich noch nicht sehr lang?
Aus der Jacketttasche des Toten war ein Flyer, ein kleiner Prospekt, gerutscht, bunt bedruckt, etwas mit Vogelbildern. Rudy griff danach und hatte sich noch nicht wieder aufgerichtet, als ein laut knatterndes Geräusch ihn zusammenfahren ließ. Aus dem hinteren Teil der Gärten stob ein Schwarm von Staren auf. Seine Kopfhaut zog sich zusammen. Ihm war augenblicklich bewusst, dass die Stare durch einen Menschen aufgeschreckt wurden.
Wer ist hier außer mir, - von wem werde ich beobachtet?
Mein Handy. Zittrig wählte er den Notruf, die 112, - gilt die auch in Frankreich?
Ein Glück, es meldete sich umgehend die Polizei.
„So, die Störche haben Sie fotografiert. Ist Ihnen etwas aufgefallen?“.
Marc Bompard, ein gemütlich wirkender Mittfünfziger, knubbelige Nase, schwarze Haare mit reichlich grauen Strähnen, hatte sich als Chef de Police vorgestellt. Er sprach langsam, wie um Ruhe zu verbreiten, als er Rudys Aufregung bemerkt hatte und vor allem problemlos deutsch. Er hatte Rudy eingeschärft bei dem Toten zu bleiben, nichts zu berühren und war dann knapp zwanzig Minuten nach dem Anruf mit zwei Polizisten in Uniform eingetroffen. Der mittelblonde Deutsche machte eigentlich einen verlässlichen Eindruck auf den Polizeichef. Typ Natur und Wandern, lautete sein vorläufiges Urteil. Im Lauf seiner Dienstjahre hatte ihn seine erste Einschätzung selten getäuscht, ja sie war sogar Teil seiner erfolgreichen Ermittlungen gewesen. Die beiden Uniformierten hatten ein Absperrband am Maschendraht der Garteneinfriedung angebunden, mit zwei Stäben, die sie hinter der Fischtüte in die Weide gerammt hatten, verbunden und auf diese Weise die gesamte Schleifspur im großen Rechteck abgesteckt. Rudys Fußspuren darin, deutlich zu sehen. Bald darauf traf ein kleiner ziviler Transporter ein, zwei Männer und eine Frau stiegen aus, einer trug einen Koffer. Sie betrachteten vor jedem Schritt den sie machten genau die Fläche vor dem Tor. Sie fotografierten von oben ins hohe Gras, dann endlich beugten sie sich über die Leiche.
„Vögel zu beobachten ist mein Beruf und in dieser Art, wie die Störche über der Wiese im Kreis segelten, - so hatte ich das noch nicht gesehen, das war ungewöhnlich.“
„Was war daran so besonders, können Sie mir das beschreiben?“
„Ich arbeite in Norddeutschland für die staatliche Landschaftspflege und weiß, wie Störche sich normalerweise verhalten. Diese hier hatten eine Beute entdeckt und fühlten sich viel zu verunsichert, um das Futter aufzunehmen. Vielleicht spielte auch die Art wie die Fische nur zum Teil aus der Plastiktüte herausgeglitten waren eine Rolle für ihre Vorsicht. Also flogen sie im Kreis und warteten auf einen ungestörten Moment.“
„Gab es sonst etwas, was Ihnen merkwürdig erschien?“
„Ich kam vom Camping auf diesem Wiesenweg und wollte drüben über der Strasse im Supermarkt Verschiedenes für mein Frühstück einkaufen. Dann sah ich die Störche kreisen und begann sofort zu filmen. Mit Ausnahme der Störche schien mir alles ganz normal zu sein.“
„Ist Ihnen jemand begegnet, haben Sie hier einen Menschen gesehen?“
„Keine Menschenseele, leider nicht.“ Und dann schilderte er die Beobachtung von den aufgeschreckten Staren. „Für mich kann das nur heißen, dass im gleichen Augenblick irgendwo da hinten ein Mensch anwesend war.“
Der Polizeichef nickte, ließ sich die Richtung zeigen, aus der die Stare aufgestiegen waren und gab die Information an einen seiner Polizisten weiter, worauf dieser mit seinem Kollegen im angrenzenden Garten über den Zaun stieg, sich durch eine Himbeerhecke zwängte und verschwand. Auf Rudys Erläuterung ging Monsieur Bompard nicht ein und fragte ihn vielmehr wie lang er vorhabe in Ribeauvillé zu bleiben.
„Einige Tage. In zwei Wochen muss ich wieder arbeiten und vorgestern bin ich angekommen.“ Und dann ergänzte er, dass er mit dem Biologen in der Storchenstation verabredet sei und mit ihm auch in den Vogesen wandern wolle.
„Gut, Monsieur, viel Vergnügen dabei, - aber ehe Sie die Stadt verlassen, informieren Sie uns, wie wir Sie erreichen können. Ich gebe Ihnen eine Telefonnummer, rufen Sie mich an.“
Rudy stand noch einen Moment herum, bemerkte, dass sich keiner mehr um ihn kümmerte und ging dann, immer noch aufgewühlt, aber jetzt mit knurrendem Magen zurück in Richtung Campingplatz. Jetzt habe ich gerade eine echte Leiche gefunden, immer noch nichts gefrühstückt und keiner interessiert sich mehr für mich. Und Michel hatte mir am Telefon versichert Ribeauvillé sei absolut erholsam, völlig ruhig und es gibt tolles Essen, traditionell, aber auch modern!
‚Im Elsass findest du die beste Küche von ganz Frankreich’, hatte er wohl ganz schön dick aufgetragen, als Rudy ihm erläutert hatte, wie gern er selber kocht. Außerdem, fiel ihm jetzt auf, war das ja wohl keine richtige Vernehmung durch die Polizei gewesen, alles ein bisschen laxer, als man das aus dem echten deutschen Fernsehkrimi kennt. Na ja, eben das berühmte Laissez faire der Franzosen, - wahrscheinlich. Ob die Aufklärungsquote darunter leidet? Oder bringt die entspannte Art einen Fall zu untersuchen sogar bessere Ergebnisse? Eine Frau kam den Wiesenweg entlang auf ihn zu, die ihn schon vom Weiten zu fixieren schien. Sie sprach ihn nicht an, sah ihm aber in die Augen, als wollte sie signalisieren, ‚ich weiß Bescheid!’, sonst gab es keine Regung in ihrem Gesicht. Rudy konnte ihr Alter nicht schätzen. Sie war schlank, fast mager und einfach gekleidet. Augen, Mund und Nase der Frau schienen groß ausgefallen zu sein. Sie ging ohne zu zögern an ihm vorbei und als er sich nach ein paar Schritten umschaute, hatte auch die Frau zurückgeblickt. Wahrscheinlich ist alles normal, - außer mir! – Oder?
„Monsieur Rüdy, so warten Sie doch!“
Das war die rundliche, quicklebendige Madame Renault, die Chefin und gute Seele vom städtischen Campingplatz, sie winkte ihm aus ihrer offenen Bürotür aufgeregt zu.
„Grad eben war ein Fremder an Ihrem Wagen, der Sie offensichtlich gesucht hat. Aber angemeldet hat er sich bei mir nicht. Rüdy hat gebellt und dann ist der Mann wieder gegangen. Ich habe versucht ihn zu befragen, aber er ging ohne eine Antwort zu geben wieder fort.“
Rudys Wagen war ein zwar alter, aber ganz passabel erhaltener gelber VW-Bus, zum Campingwagen ausgebaut. Und sein Hund gehörte eigentlich seiner Schwester Renate. Diese hatte, da sie ihren Bruder abgöttisch liebt, den kleinen Schnauzer auf den Namen Rudy getauft. Aber Renates Baby reagierte später allergisch auf die Hundehaare und so kam der Rudy zum Rudy, der ihn auch auf seinen Reisen mitnahm, wann immer es ging und in Frankreich wurden nun mal beide zum Rüdy.
„War er vielleicht von der Polizei?“
Rudy berichtete von seinem Fund und seinem Schrecken.
„Oh mon Dieu, und so etwas hier bei uns!“
Sie hakte ihren Arm bei Rudy unter und zog ihn ins Haus.
„Sie kommen erst in mein Büro. - Nein, von der Polizei war der ganz bestimmt nicht, denn Monsieur Bompard hat mich schon angerufen und gefragt, ob Sie auch hier auf dem Camping gemeldet sind. Also erzählen Sie mir, wie Sie die Leiche entdeckt haben. Und ich gieße Ihnen“, plötzlich hatte Sie eine Flasche ohne Etikett hinter einem aufgestellten Baumarktkalender hervorgezogen, „erst mal einen Schlehengeist ein. Das ist eine Medizin von meinem Schwager im Munstertal, selbstgebrannt. Jede Weihnachten, wenn er mich besucht, bringt er ihn mit.“
Der klare Schlehenbrand vor dem Frühstück war viel zu stark, aber er brachte Rudys Kreislauf wieder in Schwung. Der atmete tief durch. „Danke, Madame Renault, das tat gut, merci beaucoup. Aber vor dem Frühstück trinke ich sonst nie Schnaps.“
Madame verschwand kurz und kam mit einem Gebäckteil wieder, „ich auch nicht. Aber wann finden wir schon mal einen toten Menschen vor dem Frühstück! - Essen Sie das Brioche, - es ist über!“ Jetzt wollte Madame Renault auch die Einzelheiten wissen und Rudy spürte, wie gut es ihm tat jemandem sein Erlebnis erzählen zu können, langsam fühlte er sich wieder auf dem Boden angekommen.
„Rudy, jetzt noch ein Tipp von der Chefin. Sie hatten mir gestern erzählt, dass Sie hier wandern wollen. Wenn Sie morgen etwas unternehmen, müssen Sie auf die Berge. Mein Mann sagt, dass es schon in der Nacht im Rheintal nebelig sein wird. - Er ist mein lebendes Barometer!“, feixte sie. „Wenn Sie Lust haben, fahren Sie durch den Wald hinauf zum Crêtes, in Richtung Aubure, da scheint schon am frühen Morgen die Sonne und Sie kommen auf andere Gedanken.“
Nachdem er auch noch die passende Wanderkarte kaufen konnte, war Rudy vom freundlichen Service hier am Platz total überzeugt. Das Ehepaar Renault wohnte mit ihrem kleinen Jungen im ersten Stock über dem Büro vom Camping Coubertin. Monsieur Renault stellte gerade sein Fahrrad, mit dem er ständig auf dem Gelände unterwegs war, vor dem Büro ab, als Rudy gegangen war.
„Ich weiß schon Bescheid“, berichtete er seiner Frau, „der Tote soll ein Südeuropäer, vielleicht ein Spanier gewesen sein, - hat mir Joffre vom Office du Tourisme erzählt. – Die Polizei wird uns noch besuchen.“
„Na, dann“, antwortete seine Frau, ohne weiter auszuführen, dass damit ihr Bedarf an weiteren Informationen wohl gestillt werden würde.
„Aber weißt du, Rüdy ist ein so ruhiger, sympathischer Mensch, ich mag ihn richtig gern.“
Monsieur Renault zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß, wenn die Männer nur gut aussehen, findest du sie auch sympathisch.“
„Lebenserfahrung!“, sonst sagte sie nichts.
Als Rudy die Schiebetür an seinem Campingbus öffnete, sprang sein Hund an ihm hoch. Der quietschte vor Begeisterung, obwohl sein Herrchen doch vor weniger als einer Stunde erst losgegangen war. Gleichzeitig entdeckte Rudy, dass die Parzelle neben seinem Bus inzwischen belegt war. Ein größerer Caravan mit dänischem Kennzeichen, dahinter ein blauer Volvo.
Die neuen Nachbarinnen lächelten ihm zu:
„Hey!“, „Hey!“
„Hallo!“
Die beiden Frauen lagen bereits leicht bekleidet unter einer blau-weißen Sonnenmarkise in ihren Liegestühlen und sahen aus wie der Frühling selber.
„Da war ein Mann an deinem Auto und dann hat dein Hund gebellt“, wurde er von der brünetten neuen Nachbarin informiert. Rudy und die junge Frau sahen sich an, verharrten kurz und wenn Rudy mehr Zeit gehabt hätte sich bewusst zu machen was gerade geschehen war, hätte er vielleicht diese Versuchsanordnung aus dem Physikunterricht beschrieben, bei der ein blauer Lichtbogen zwischen zwei Polen bitzelnd und bretzelnd einen Kontakt herstellt.
Die Brünette sah ihn immer noch an. Nach kurzem Luftholen berichtete er nun noch einmal kurz und knapp seine Erlebnisse, wurde im Gegenzug bedauert, auch ein bisschen bewundert:
„Und das war eine echte Leiche, die du gefunden hast?“
„Hattest du keine Angst?“
„Sah die Leiche schlimm aus, gab es Blut an ihr?“ Die zum Blut passende Miene gab es auch dazu.
„Wollte die Polizei dich nicht in die Polizeistation bringen?“
Das Interesse dieser beiden netten Mädchen tat ihm noch einmal gut. Dann bekam Rudy eine genauere Beschreibung der Person, die zu ihm wollte: „Der Mann hatte wenige graue Haare, er trug Jeans und eine schwarze Lederjacke und er hatte eine Angel dabei. Wir dachten, er will unseren Nachbarn zum Fische fangen abholen.“
„Zum Angeln“, ergänzte die Andere.
„Aber ich bin erst vor zwei Tagen hier angekommen, bin zum ersten Mal hier in Ribeauvillé und kenne keine Menschenseele“.
Er grinste, „bisher jedenfalls.“
Als die erwünschte Reaktion ausblieb: „Ich habe auch niemanden erwartet und überhaupt keine Ahnung, wer das war, - hat er nichts gesagt?“
„Nein, ich habe gerufen, es sei niemand zuhause. Er hat zwar herüber geschaut, aber kein Wort zu mir gesagt. Dann ist er weggegangen, ich glaube in Richtung Ausgang.“
Nach einer kurzen Pause, Rudy hatte sich schon seinem Bus zugewandt, ergänzte jetzt die andere Frühlingshälfte: „Ich habe eine Idee. Was hältst du davon. Wir haben gestern Edelzwicker von einem Winzer gekauft! Das ist ein Wein!“, fügte sie mit so einer miezekatzenschlauen Miene lächelnd hinzu, „und vielleicht hast du Lust heute Abend mit uns diesen Zwicker zu probieren?“ – Wobei der Zwicker sich mit dem dänischem Akzent wie Tschwicker anhörte. Einfach süß, fand Rudy.
„Super, danke für die Einladung, ich komme gern zu euch“, etwas überrascht über sich selbst sagte Rudy spontan zu. „Übrigens ich bin Rudy und mein Hund heißt Rudy und wir duzen uns also.“
„Ja, ja, - in Dänemark duzen wir uns alle!“
„Ist das wahr?“
„Aber sicher, Alle. Außer zur Königin, da sagen wir Sie, - also ungefähr um sieben Uhr, ist das OK?“
Sie schien sich auf seinen Besuch zu freuen, blinzelte in seine Richtung und fügte hinzu: „Ihr heißt beide Rudy, - wie kann man deinen Hund rufen, ohne dass du kommst?“
Er grinste: „Das geht eben nicht, wir sind ein Team. Beide oder keinen!“
Rudy entschied, dass seine Boudin auch für drei Personen reichen würde, und fügte hinzu: „Ich bringe für jeden ein Stück Boudin mit, ist euch das recht?“
Mit einem bezaubernd gekräuselten Näschen, was auch an der Sonne gelegen haben mag, antwortete Frühling zwei: „War das nicht ein französischer Schriftsteller aus der Revolution?“
„Mit Blut hat es schon zu tun, aber man kann es gut genießen. Es ist eine leckere Blutwurst aus dem Elsass, die gebraten wird.“
„Blutwurst, - ach ja, interessant klingt es schon. Dafür verrate ich dir auch noch unsere Namen. Ich bin Hilda und das junge Mädchen ist Elle.“ Das ‚junge Mädchen’ wirkte eigentlich nicht wesentlich jünger als Hilda, aber Rudy konnte das Alter von Personen nicht gut einschätzen. Dreißig sind sie bestimmt, vielleicht ein bisschen jünger als er selbst.
Als Rudy sich erneut seinem Bus zuwenden wollte, kam ein Mann den asphaltierten Fahrweg entlang. Er schritt aus, trug eine grüne, viel zu warme Outdoorjacke, sowie eine Angel. Als er die jungen Frauen vor ihrem Caravan sitzen sahen, blieb er stehen und grüßte mit französischem Akzent, ein bisschen übertrieben zu freundlich, nach Rudys Geschmack und, überlegte er, irgendwie wirkt der Mann inszeniert: Nagelneue Gummistiefel, Fischmesser am Gürtel, aber an der Angel fehlte die Schnur auf der Rolle. Doch der fing an sich ganz ausführlich über das fantastische Wetter auszulassen und dass er heute Abend in der Dämmerung ‚auf Aal ginge’. Wenn ihn die Damen begleiten wollten, - Rudy war ganz offensichtlich von der Einladung ausgeschlossen, - wären sie willkommen. Hilda reagierte ziemlich kühl auf das Angebot und Elle meinte, sie habe als Kind am Limfjord gewohnt, da habe es zweimal in der Woche gebratenen Aal gegeben, - armdick und zwei Meter lang. Als der Angler sich etwas verschnupft davon machte, fragte Rudy, ob das der Mann war, der ihn gesucht habe.
„Aber nein“, Elle klärte auf, „dieser ist doch jünger und hat auch keine grauen Haare. Diesem gehört das kleine Wohnmobil da hinten. Als wir ankamen sprang er herbei, um uns zu beim Schieben zu helfen, dabei rollt unser Caravan ganz allein mit seinem elektrischen Mover-Antrieb. Das sieht doch jeder. Er hat überhaupt keine Ahnung. Ich glaube, der ist zum ersten Mal zum Campen unterwegs. Er ist Belgier.“ Sie zog eine Augenbraue in die Höhe. Was immer es ausdrücken sollte, auch das sah sehr hübsch aus, fand Rudy.
Am späten Nachmittag herrschte auf dem Camping Unruhe, das fast zu warme Maiwetter lockte vor allem die ‚Silberlocken’ an. Touristen aus allen nördlichen Ländern Europas, die aufgrund ihres Alters nicht mehr an die Schulferien gebunden, suchten den Süden und die Sonne. Radwanderer oder Motorradfahrer mit kleinen Zelten, Wohnmobile und Caravans jeder Größe. Ein Wohnmobil war so groß wie ein Reisebus, auf dem Anhänger befand sich ein kleiner Smart im Schlepp. – Aber, Madame Renault fungierte als erfahrene Dirigentin, ordnete, ließ kein Chaos entstehen und schickte ihre Gäste zunächst mit einem Plan auf das Gelände, damit jeder sich seinen Stellplatz aussuchen konnte. Die Ankömmlinge fühlten sich gut betreut, denn jede ihrer Fragen wurde beantwortet und meist auch noch in der Landessprache des Gastes.
Und dann spazierten plötzlich die Störche zwischen Stellplätzen und Fahrzeugen herum, ließen sich von den begeisterten Gästen füttern und vor allem fotografieren. Beim Anblick der großen Vögel fielen Rudy seine Aufnahmen vom Morgen wieder ein. Er legte, wie er das unterwegs jeden Abend tat, seine Videokamera und sein kleines Notebook nebeneinander und übertrug die Aufnahmen, um sie später schneiden und ordnen zu können, auf den Computer. Dabei fiel ihm auch wieder das kleine Faltblatt in die Finger, welches dem Toten aus der Tasche gerutscht war. Nur weil die Silhouette eines Wasservogels am unteren Rand zu sehen war, hatte Rudy sich angesprochen gefühlt und das Blatt eingesteckt. Eigentlich hätte er es an den Polizeichef geben sollen. Das konnte er immer noch tun, besonders wichtig sah das nicht aus. Der Flyer beschrieb in französischer Sprache offensichtlich eine Beobachtungsstation für Wasservögel, einige Kritzeleien waren drauf.
Die Boudin hatte Rudy beim Metzger auf dem Wochenmarkt gekauft, einem begeisterten Mercedesfahrer, der seinen guten ‚Bensch’ in den höchsten Tönen lobte. Möglicherweise hatte das etwas mit der Nähe von Ribeauvillé zum Schwäbischen zu tun, - und dieser Metzger hatte ihm eingeschärft, die Wurst ganz langsam von beiden Seiten zu braten, bis sie eine zarte ‚Kruschte’ entwickelt. Während er nun in seiner kleinen Bordküche die schwarze Wurst langsam briet, gingen ihm die Ereignisse des Tages durch den Kopf.
Wer läuft hinter mir her, mit einer Angel?
War das ein Irrtum, eine Verwechselung?
Gehören die Angel und die Fische in der weißen Tüte zusammen?
Er versuchte die Gasflamme noch kleiner zu stellen.
Hat mich jemand mit der Polizei zusammen gesehen und warum hat mich die Frau mit der großen Nase so angestarrt?
Welches Motiv kann den Mörder veranlasst haben, hier mitten in der Idylle einen Menschen zu töten?
Und wenn der schon die Leiche verstecken wollte, warum so dilettantisch?
Vielleicht wurde er gestört!
Über seine eigene Rolle war sich Rudy nur soweit im Klaren, dass er über die Störche in die Geschichte, na ja zumindest in den Leichenfund, reingestolpert war. Aber seine neuen Nachbarinnen fand er super sympathisch. Seinem Hund informierte er „Weißt du was,-Hilda sieht aus wie meine Traumfrau.“
„Whow, das ist ja ein Firstclass-Dampfer“ war Rudys Kommentar als er in den himmelblauen Salon des dänischen Caravans blickte, „bitte an Bord kommen zu dürfen“. – „Komm rein und stell deine Revolutionswurst auf den Tisch, ich denke wir essen Baguette dazu“, offensichtlich hatte Elle heute die Verantwortung für die Küche. Ihre dunkelbraunen Augen und die karamellfarbene Haut standen in einem reizvollen Kontrast zu ihren blonden Haaren. Und solch eine Spannung glaubte Rudy auch in ihrem Wesen zu erkennen; - nach außen ruhig, aber im Inneren voll vitaler Lebendigkeit.
Gläser standen auf dem Kirschholztisch einer bequemen Sitzgruppe, leise Musik, Peer Gynt vielleicht, und durch die großen Fenster war das Farbenspiel des Abendhimmels Teil der Szenerie; - einfach zum Wohlfühlen. Und der Edelzwicker vom Weingut Clos du Zahnacker, natürlich aus Ribeauvillé, passte ganz hervorragend zur schwarzen Wurst mit Baguette.
Man sprach natürlich über Reisen, dann über Wunschziele und Träume und bald auch über das eigene Leben. Hilda erzählte dass sie jetzt eigentlich auf Kreta sein wollte.
Elle blickte sie an, nickte ihr zu: „Erzähl es doch!“
„Na, ja, da gab es einen Griechen, Kinderarzt in unserer Klinik, mit ihm war ich einige Monate zusammen. Aber ich war mir nicht sicher, ob ich ihn wirklich liebe oder ob ich so begeistert von ihm war, weil er eine wunderbare Art im Umgang mit den kleinen Patienten hat.“
„Wo war das Problem?“
„Nun, als ich den Urlaub für Kreta gebucht hatte und mich wunderte, dass er nicht das gleiche Hotel wählte, hat er mir schließlich von seiner Frau erzählt.“
Die Enttäuschung stand so deutlich in ihrem Gesicht. Rudy fiel keine angemessene Antwort ein. Alles wäre schlapp oder banal gewesen. Also schwieg er.
„Ich habe ihn nie danach gefragt. Als er weg war, sein Vertrag hatte geendet, fiel mir auf, dass der neue Wohnwagen meiner Eltern noch immer fast unbenutzt in ihrer Garageneinfahrt stand. Sie waren richtig begeistert, als ich sie danach fragte und Elle war es auch. Also haben wir uns auf die Reise von der Insel Fünen nach Ribeauvillé gemacht.“
Rudy strahlte Hilda an. „Das war eine wirklich gute Entscheidung!“
Elle berührte Rudy leicht mit ihrem Ellenbogen. „Das fand ich auch! – Aber Hilda will natürlich ins Museum!“
„Gibt es hier ein besonderes Museum? – Hab ich etwas übersehen?“
„Wir haben uns diesen Platz ausgesucht, weil Colmar ganz in der Nähe ist. Und in diesem Ort gibt es eine sehenswerte historische Altstadt und natürlich das Museum Unterlinden, mit dem weltberühmten Isenheimer Altar.“
„Aha“, machte Rudy, den Irgendwas-Altar einfach übergehend „bist du also an Malerei interessiert?“
„Ja, auch, aber ich habe Kunstgeschichte studiert und wenn ich jetzt die Gelegenheit habe…“, sie wirkte etwas unglücklich dabei. Doch dann schüttelte sie den Kopf und sagte: „Nein, - heute arbeitete ich als Krankenschwester in Odense, es gab einfach keine Beschäftigung für mich im Bereich der Kunst, - und ich fühle mich sehr wohl bei den Kindern, vor allem, weil ich ihnen beistehen kann, wenn sie Schmerzen haben, - oder Heimweh!“
Elle meinte jetzt könne Rudy auch mal erzählen, was er so treibt!
Rudys Gesicht blieb für einen Moment ernst, dann grinste er Elle an:
„Na klar. - Ich zähle die Vögel, die von Dänemark nach Süden fliegen.“
„Und dann bist du hier, weil sich einer verflogen hat?“
Elle hatte eine spitzbübische Ader, wie es schien.
„Stimmt, hast du den Storch draußen nicht gesehen? – Aber eigentlich wollte ich Musiker werden. Na, ja, wie das so geht! - Ich arbeite als Vogelwart für das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. Kennt ihr das?“
Elle schüttelte den Kopf, nur dem Namen nach.
„Bei uns brüten die Seeadler und weit über 1000 Kranichpaare ziehen bei uns ihre Jungen groß.“
„Aha, und du?“
„Ich bin meist unterwegs. Ich halte den Kontakt mit den vielen ehrenamtlichen Naturschützern und Organisationen. Wir freuen uns, wenn wir die Lebensbedingungen der Vögel verbessern können oder auch schon mal eine Art wieder entdecken, von der wir glaubten sie wäre ausgestorben. Mein Büro in Schwerin sehe ich selten, das ist die Landeshauptstadt von unserem Bundesland. Und jetzt, jetzt habe ich zwei Wochen frei und wollte…“, und dann erzählte er von seiner Verabredung mit Michel in der Storchenstation, mit dem er bisher nur telefoniert hat. Und von den Auerhühnern, die angeblich in den Waldstücken der Chaumes, den Hochweiden, auf dem Vogesenkamm neuerdings gesehen wurden. Diese besondere Landschaft, die er auch deshalb unbedingt kennenlernen will.
„Außerdem ist das Elsass berühmt für seine tolle Küche und als mir Michel am Telefon davon vorgeschwärmt hat, ist mir das Wasser im Mund zusammengelaufen und nun finde ich auch so eine nette Nachbarschaft.“
Die Mädchen feixten.
Schließlich war es spät geworden, als Rudy erklärte, dass er seinen Hund noch Gassi bringen müsse. Auch Hilda zog eine Jacke über und murmelte etwas von Beine vertreten. Hinter Rudy-Hund schlenderten die Beiden durch den abendlichen, nach Kräutern duftenden Weinbergweg. Sie hörten Frösche quaken, Grillen sehr laut zirpen und dann lehnte sich Hilda auf eine, wie Rudy empfand, sehr unaufdringliche, leichte Art an Rudys Schulter. Ihr Haar strich ihm durchs Gesicht, duftete es nach Orangen?
„Kann ich dich zu diesen Hühnern begleiten, nimmst du mich mit?“
„Na sicher, gern. Und was ist mit Elle? Vermisst sie dich nicht?“
„Zuhause wandere ich viel allein, vor allem im Sommer, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme. Aber Elle legt sich lieber mit ihrem Player und einem Buch in den Liegestuhl. – Oder musst du allein sein?“
Man verabredete sich für den Vormittag nach dem Frühstück.
Monsieur Renault hatte Recht gehabt. Es war so neblig am Morgen, dass man glauben konnte in einer Wolke zu leben und selbst die Rufe der Kinder auf der benachbarten Sportanlage klangen matt, wie weit entfernt.
Hilda hatte sich, nach Rudys Einschätzung, der es gewohnt war sich in der Natur zu bewegen, mit Wanderschuhen, einer knielangen Hose und einer taubenblauen Windjacke ganz passend gekleidet. Sie schien ihm aber etwas ruhig, eher versponnen.
„Ist alles in Ordnung?“ fragte er als sie das Städtchen verließen und im himmelhohen Wald einer kleinen sich nach oben windenden Strasse folgten. Die ganz engen Kurven waren immer noch mit kleinem Pflaster belegt.
„Ja schon“, sagte Hilda „aber heute morgen habe ich gezögert, ob es richtig war, dass ich mich bei dir eingeladen habe.“
Rudy sah sie kurz an, fand, dass sie bestrickend anmutig auf ihn wirkte.
„Heute Abend wirst du es wissen, - ich denke gerade ob du eventuell mit der kleinen Meerjungfrau verwandt bist.“ Hilda gab so etwas wie einen Gluckser von sich und plötzlich wurde die Sicht besser. Mehr und mehr entdeckten sie blaue Flecken am Himmel, nur noch große blasse Schleier waberten zwischen den riesigen Tannen. Und dann, hinter der ersten Kehre nach dem Hochwald, lag, wie inszeniert, als wäre ein Vorhang aufgerissen worden, die Rheinebene unter ihnen. Strahlend hell, angefüllt, wie ausgegossen mit kompakten, wattigen Wolkenklumpen soweit der Blick bis zum gegenüber liegenden Schwarzwald reichte. Hilda jubelte: „Das sieht aus wie ein altes Gemälde, vielleicht von Turner, aber echt grandios, man kann es nicht beschreiben“.
Auf einem kleinen Parkplatz schon bald hinter dem Col du Bonhomme, also dem Pass des guten Menschen, parkte Rudy seinen Bus. Hund Rudy wurde, um keine Vögel zu stören, wie sein Herrchen erklärte, an eine lange Leine genommen und nach einem kurzen Stück durch den lichten Wald öffnete sich eine in der Sonne glänzende, vom Tau glitzernde Hochweide. Scheinbar endlos erstreckte sich eine Fläche, zunächst noch mit einigen Wachholdern und Krüppelbirken bestanden, und je weiter sie den leicht ansteigenden Pfad vorankamen, ging der Blick weiter und weiter über immer neue baumlose Hügel, tief unter ihnen lag ein Wald. Der torfige Weg schlängelte sich nun zwischen Findlingen, langen Gräsern und Büscheln von Binsen. Der Boden federte bei jedem Schritt, machte den Gang dynamisch und leicht. Einige der moorigen Abschnitte waren mit Holzbohlen belegt oder man spazierte auf Bretterstegen.
Gegen Mittag hatten sie eine Höhe mit der Tafelaufschrift ‚Le Gazon du Faing, 1303 m’, erreicht. Vom Rand eines steilen Abbruchs konnte man tief unten einen grünen See, umgeben von weiteren schroffen Felsabstürzen, liegen sehen. Rudy nahm auch hier einige Schwenks mit der Videokamera auf und war total begeistert. „Zwar habe ich kein einziges Auerhuhn gesehen, aber dieser Anblick entschädigt mich ganz und gar, laut dieser Karte liegt der See 300 Meter unter uns“.
Hilda öffnete ihren kleinen Rucksack, „ich habe ein smörrebröd für dich“, sie saß auf einem Felsblock mit Blick ins Rheintal, wo man zusehen konnte, wie das Wolkenmeer auch im Tal dünner wurde, in Auflösung begriffen war. Rudy stand neben ihr und fand den Vergleich mit der kleinen Meerjungfrau auch jetzt wieder ganz zutreffend.
Schweigsam war der Morgen vergangen und jetzt auf dem Rückweg wurden Gedanken und Geschichten ausgetauscht. Hilda war sich bei ihrer Abreise von Odense sicher gewesen so schnell keine neue Bindung eingehen zu wollen. Aber die mit Rudy verbrachten Stunden hatten schon jetzt alles auf den Kopf gestellt. Dieser Mann sah nicht nur gut aus, obwohl er nur unwesentlich größer war als sie selbst. Er konnte erklären und vor allem auch zuhören. Und das, was er sagte und wie er es sagte, empfand Hilda wie ein komplexes Muster, das sich auf wunderbare Weise mit ihren eigenen Werten und Gefühlen in Übereinstimmung befand. Dennoch beschloss sie ihre Emotionen fest zu kontrollieren.
Noch immer stand der kleine gelbe Bus einsam auf dem Parkplatz, als Hilda erklärt hatte, sie käme gleich nach, sie wolle ‚mal die Büsche besuchen’. Am Bus angekommen fing der Hund plötzlich an zu knurren, dann zu bellen und rannte um den Bus herum, jaulte dann auf wie im Schmerz. Rudy sprang um die Ecke vom Bus, wollte ihn zurückholen. Dann ein Geräusch, er fuhr herum und erkannte schemenhaft eine Gestalt, die sich dicht an das Fahrzeug gedrückt hatte, - bevor er einen Schlag am Ohr und auf der Schulter spürte. Es wurde dunkel, seine Beine gaben nach.
„Gut, bleib so liegen“,
Hilda kniete neben Rudy, sprach beruhigend auf ihn ein. Sie hatte ihren Rucksack unter seinen Kopf geschoben.
„Alles ist OK, - das wird gleich wieder!“ Rudy blieb liegen, blinzelte, dann erkannte er seinen Bus, die Erinnerung kam zurück, ein erster Versuch sich aufzurichten. Hildas Hand strich über seine Stirn, - sie blickte ihm in die Augen.
„Bleib liegen und sag mir, ob du mich deutlich sehen kannst.“
„Ja, Hilda, ich sehe dich! – Aber waren da immer schon zwei Nasen in deinem Gesicht?“
„Mach keine Witze! - Es ist niemand mehr zu sehen, ich bin um den Wagen herum gelaufen, weit und breit kein Mensch. Sag mir die Telefonnummer der Polizei in Frankreich?“
„Wie geht es ihnen?“ fragte Monsieur Bompard, „soll ich eine Ambulanz kommen lassen?“ Hilda antwortete für Rudy: „Ich bin Krankenschwester, es ist nur eine stumpfe Verletzung, ich kann später noch etwas für ihn tun.“ Sie hatte ein Gelkissen aus Rudys kleinem Kühlschrank genommen, das er sich seitlich an den Kopf drückte. Aber Rudy krächzte ein bisschen: „Es geht schon, es ist nicht so schlimm. Nein, aber mein Hund hat etwas abbekommen, er hinkt“.
Sie hatten sich zu dritt in den Campingbus gesetzt, während ein Polizist den Parkplatzrand untersuchte, nachdem er Fotos vom Platz, von Rudy, vom Bus und vom Hund gemacht hatte. Dann trat er an die offene Schiebetür und man sah, dass er eine enorm dicke rote Nase hatte, - er nuschelte: „Chef, es gibt keine Reifenspuren von einem weiteren Fahrzeug auf diesem Parkplatz, ich gehe die Strasse mal ab.“
Bompard nickte ihm zu.
„So schnell wollte ich Sie nicht wiedersehen“, Rudy versuchte locker zu klingen. „Glauben Sie dass dieser Überfall mit dem Toten von der Wiese zu tun hat?“
Der Polizeichef hatte ein kleines Notizbuch vor sich hingelegt, er sah Rudy nachdenklich an und antwortete mit einer Gegenfrage: „Vermissen Sie etwas, haben Sie schon nachgesehen, ob Ihnen etwas gestohlen wurde?“
„Moment, nein, aber ich war ja noch gar nicht im Bus gewesen. Den Schlüssel in der Hand, wollte ich die Tür aufzuschließen, als mein Hund aufjaulte, - ich rannte um den Bus, wollte sehen was passiert ist und dann geschah es.“
„Wer hat die Autotür aufgeschlossen, waren Sie das Madame Hilda?“
„Nein, ich kam ja einige Minuten später zum Parkplatz, da lag Rudy neben dem Wagen, der Hund stand dabei und winselte leise.“
Rudy wurde nachdenklich, drehte sich auf seinem Sitz um: „Hilda hat mir aufgeholfen. Aber habe ich die Tür aufgeschlossen? Ich weiß es nicht. Mein erster Eindruck als wir uns hier reinsetzten war, dass mein Auto durchsucht wurde, aber es fehlt offensichtlich nichts.“ Er fühlte nach seinem Portemonnaie, „das Geld ist da!“ Dann nahm er seine Windjacke, befühlte die Taschen: „Oh, nein, nein! - Meine Kamera ist verschwunden. Oder ist sie aus der Jacke gefallen?“ Sie stiegen aus, suchten gemeinsam den Platz ab. Nichts.
„Aber meine Papiere, Geld und alles Andere ist auch noch da.“
Rudy sah sich noch mal im Wagen um: „Die Videokamera fehlt, sonst kann ich nichts entdecken.“
Bompard überlegte: „Vielleicht haben sie etwas Außergewöhnliches fotografiert und sie wissen es nicht. Gab es heute irgendetwas Besonderes, was Sie aufgenommen haben? Einen Unfall oder etwas in der Art?“
Rudy schüttelte vorsichtig den Kopf, nein, nichts. „Nur ein paar Szenen hier oben auf den Chaumes.“
Der Polizeichef seufzte: „Gehen wir zum gestrigen Tag, Monsieur Rudy. Was haben Sie alles fotografiert? Haben Sie auf dem Camping Bilder gemacht? Jemanden oder etwas aufgenommen, was einer Person schaden könnte?“
Wieder musste Rudy verneinen: „Auf dem Camping habe ich gar nichts fotografiert oder gefilmt.“
„Noch einmal zu den Störchen, die sie zu dem Toten geführt haben. Waren nur die Vögel auf ihren Bildern?“
Diese Frage löste in Rudys noch dumpfen Kopf eine Erinnerung aus. Da war eine Bewegung und ein Funkeln am Gartentor gewesen, aber wahrgenommen hatte er nichts.
„Oh, - jetzt fällt’s mir wieder ein, die Bilder sind doch noch da, hoffe ich. Ich hab doch das Video gestern Abend auf mein Notebook kopiert.“
Er kniete sich auf den Boden, löste im Vorratsregal ein Regalbrett und kam mit dem kleinen Computer zurück. Zu dritt beugten sie sich über den aufgeklappten Bildschirm. Im Ordner mit dem Datum von gestern gab es als erstes eine Szene vom Camping, die Rudys Bus und den Caravan seiner Nachbarinnen zeigte.
„Da hab ich nur mal ausprobiert!“ Hilda lächelte leicht, wandte ihren Kopf Rudy zu. Zeitlich vorher schließlich die Störche am Himmel, herangezoomt, den Beutel am Boden in Großaufnahme und dann der Schwenk mit der Schleifspur hinüber zum Gartentor und dort war tatsächlich ein kurzes Aufblitzen, möglicherweise von einer Brille, zu sehen, - aber eine Person konnte man nicht erkennen. Rudy stoppte die Wiedergabe und zoomte das Bild größer, aber außer Unschärfe war nichts zu erkennen und bei noch größerem Zoom entstanden grobe Pixel.
„Wir haben da ein paar Fachleute, die solche Bilder auswerten. Geben Sie mir ihren kleinen Rechner mit“, schlug Bompard vor, aber Rudy kopierte ihm lieber die Sequenz auf einen Speicherstick und bekam die Zusage über das Ergebnis informiert zu werden.
Hilda wandte sich an Rudy: „Ob auch der Mann mit der Angel irgendwie damit zu tun hat?“ Rudy wurde starr und zuckte gerade noch davor zurück sich mit der flachen Hand an die Stirn zu schlagen. „Natürlich, Monsieur Bompard, das müssen Sie auch wissen.“ Hilda beschrieb den Mann mit der Angel, wie dieser am Campingbus nach Rudy gesucht hatte. Bompard machte sich ein paar Notizen und nickte nur dazu.
Polizist Rotnase kam zum Bus zurück und berichtete seinem Chef, dass er 300 Meter weiter in Richtung Pass frische Reifenspuren auf dem Randstreifen entdeckt habe. „Ich habe sie fotografiert, aber man kann mit dem Profil nichts anfangen, es ist einfach zu schlecht. Ziemlich abgefahren, aber der Breite nach sieht es wie ein PKW-Reifen aus.“
Bompard wandte sich an Hilda: „Auch für Sie, Madame, gilt dasselbe wie für Ihren Freund oder Nachbarn; - bevor Sie Ribeauvillé verlassen, informieren Sie mich, wo ich Sie erreichen kann. Und wenn es Ihnen, Monsieur, morgen nicht schlechter gehen sollte, besuchen Sie mich am Nachmittag gegen 16 Uhr in meinem Büro, an der Place de l'Hôtel de Ville. Madame Renault wird Ihnen den Weg beschreiben. Am besten kommen Sie alle Beide.“
Fast schweigend fuhr Hilda den Bus zurück ins Camp. Beide hingen sie ihren Gedanken nach und eine Erklärung für das merkwürdige Geschehen hatte keiner von Beiden. Nach der Ankunft wunderte sich Rudy über die äußerst liebevolle, warmherzige, fast schmusige Begrüßung der beiden Freundinnen. Rudy dachte, dass Hilda ja nichts passiert war, aber ihm war auch klar, dass er das Verhältnis der beiden jungen Frauen überhaupt nicht kannte. Elle hatte Hilda nur ein „und wie war’s?“ zugeraunt, woraufhin Hilda ihre Antwort „er ist ein super Typ!“ auf dänisch gab. Rudy wurde
