Straßen der Erinnerung - Bill Bryson - E-Book

Straßen der Erinnerung E-Book

Bill Bryson

4,6
9,99 €

Beschreibung

Bill Brysons amüsante Reise in das Herz Amerikas.

Mit Mitte zwanzig kehrt Bill Bryson dem verschlafenen Mittleren Westen Amerikas den Rücken, um Jahre später voll Heimweh zurückzukehren. In einem alten Chevrolet macht er sich auf die 14.000 Meilen lange Fahrt durch das Amerika seiner Jugend. Und mit liebevoller Ironie beschreibt er die Stationen seiner Reise, erzählt von Begegnungen mit schrulligen Einwohnern und von Orten, die er kurzerhand in Coma oder Dead Squaw umbenennt. Dabei zelebriert er, pendelnd zwischen Witz und Wehmut, auch einmal mehr den amerikanischen Traum von Freiheit und Abenteuer.

• Vom Autor der Bestseller „Eine kurze Geschichte von fast allem“ und „Picknick mit Bären“.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 539

Bewertungen
4,6 (46 Bewertungen)
32
9
5
0
0



Buch

»Ich stamme aus Des Moines, Iowa. Irgendjemand muss es ja tun.« Mit diesen Worten beginnt Bill Brysons Bericht einer Reise in das Amerika seiner Jugend. Bryson, der dem Mittleren Westen bereits mit sechzehn Jahren den Rücken kehrte, um in Europa eine neue Heimat zu finden, kehrt mit einer Portion Heimweh im Gepäck an die Orte seiner Vergangenheit zurück. Im alten Chevrolet seiner Mutter bricht er auf zu einer 14 000 Meilen langen Entdeckungsfahrt durch die kleinen Städte und Ortschaften entlang den »Straßen der Erinnerung«. Kreuz und quer fährt er durch die Gegend zwischen Portland, Maine und Barstow, Kalifornien, wo die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Er erzählt von den Schrullen und liebenswerten Eigenheiten der Menschen dort – etwa von der an Besessenheit grenzenden Suche nach Himmelsrichtungen und Orientierungspunkten in der Weite der Kornfelder – und lässt immer wieder persönliche Erinnerungen aus seiner Kindheit in seine Geschichten einfließen. Es ist eine Reise, die einmal mehr den alten, uramerikanischen Traum von Freiheit und Abenteuer zelebriert. Ehrlich, witzig und wehmütig zugleich: Ein Amerikaner auf der Suche nach seiner Heimat.

Autor

Bill Bryson wurde 1951 in Des Moines, Iowa, geboren. 1977 zog er nach Großbritannien und schrieb dort mehrere Jahre u.a. für die Times und den Independent. Mit seinem Englandbuch »Reif für die Insel« gelang Bryson der Durchbruch, und heute ist er in England der erfolgreichste Sachbuchautor der Gegenwart. Seine Bücher werden in viele Sprachen übersetzt, stürmen stets die internationalen Bestsellerlisten. 1996 kehrte Bill Bryson für einige Jahre mit seiner Familie in die USA zurück, seit 2003 lebt er wieder in England.

Von Bill Bryson außerdem bei Goldmann erschienen:

Inhaltsverzeichnis

BuchAutorWidmungDanksagungErster Teil - OSTEN
Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19
Zweiter Teil - WESTEN
Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28
Copyright

Für meinen Vater

Danksagung

Ich möchte folgenden Personen für die freundliche und vielfältige Hilfe danken, mit der sie mich während der Ausarbeitung dieses Buches unterstützt haben: Hal und Lucia Horning, Robert und Rita Schmidt, Stan und Nancy Kluender, Mike und Sherry Bryson, Peter Dunn, Cynthia Mitchell, Nick Tosches, Paul Kingsbury und vor allem meiner Mutter, Mary Bryson, die in Des Moines immer noch die Fixeste ist.

Erster Teil

OSTEN

1

Ich stamme aus Des Moines. Irgendwer muss ja aus diesem Kaff stammen.

Wer aus Des Moines stammt, akzeptiert diese Tatsache entweder ohne zu murren, richtet sich mit einem einheimischen Mädchen namens Bobbi häuslich ein, besorgt sich einen Job in der Firestone-Fabrik und lebt bis in alle Ewigkeit in Des Moines. Oder er verbringt seine Jugend damit, ausgiebig zu jammern, welch ein elendes Loch Des Moines sei und wie ungeduldig er darauf warte, von dort wegzukommen, um sich schließlich mit einem einheimischen Mädchen namens Bobbi häuslich einzurichten, sich einen Job in der Firestone-Fabrik zu besorgen und bis in alle Ewigkeit in Des Moines zu leben. Kaum jemand verlässt Des Moines, denn Des Moines ist das wirksamste aller Schlafmittel. Vor der Stadt verkündet ein großes Schild: »Willkommen in Des Moines. Diese Stadt ist wie der Tod.« Das Schild steht nicht wirklich da. Ich habe es soeben erfunden. Doch der Ort hat etwas Besitzergreifendes. Menschen, die nie etwas mit Des Moines zu tun hatten, fahren von der Interstate ab, um nach einer Tankstelle zu suchen oder einen Hamburger zu essen, und bleiben für immer. In der Straße, in der meine Eltern wohnen, lebt ein Ehepaar aus New Jersey. Manchmal sieht man die beiden die Straße entlangschlendern, etwas verdutzt, aber seltsam gleichmütig. Jeder in Des Moines ist auf seltsame Weise gleichmütig.

Ich kannte nur einen Menschen in Des Moines, der nicht gleichmütig war – Mr. Piper, unser Nachbar. Ein anzüglich grinsender Schwachkopf mit kirschrotem Gesicht, der sich ständig betrank und mit seinem Auto Telegrafenmasten rammte. Überall stieß man auf schiefe Telegrafenmasten und Straßenschilder, Spuren von Mr. Pipers Fahrgewohnheiten. Er hinterließ diese Spuren auf der ganzen Westseite der Stadt, ungefähr so wie Hunde Bäume markieren. Mr. Piper war das menschliche Pendant zu Fred Flintstone, war allerdings weniger charmant. Er war Freimaurer und Republikaner – Nixon-Republikaner – und schien sich berufen zu fühlen, Beleidigungen auszuteilen. Wenn er sich nicht gerade betrank und sein Auto demolierte, bestand sein Lieblingszeitvertreib darin, sich zu betrinken und seine Nachbarn zu beschimpfen, insbesondere uns, denn wir waren Demokraten. Waren wir nicht in Reichweite, nahm er jedoch auch mit Republikanern vorlieb. Schließlich wurde ich erwachsen und ging nach England. Das ärgerte Mr. Piper maßlos. Es war schlimmer, als Demokrat zu sein. Jedes Mal, wenn ich in der Stadt war, kam Mr. Piper herüber und wies mich zurecht. »Ich weiß nicht, was du da drüben bei den Tommies machst«, provozierte er mich dann. »Das sind keine anständigen Leute.«  – »Mr. Piper, Sie wissen nicht, wovon Sie reden«, pflegte ich mit gekünsteltem englischem Akzent zu antworten. »Sie sind ein Kretin.« Man konnte so etwas zu Mr. Piper sagen, denn 1. war er ein Kretin und 2. hörte er niemals zu, wenn man mit ihm sprach. »Bobbi und ich waren vor zwei Jahren drüben in London. Unser Hotelzimmer hatte nicht mal eine Toilette«, ging es weiter. »Wenn man mitten in der Nacht pissen wollte, musste man ungefähr eine Meile durch den Korridor rennen. Das ist doch keine saubere Art zu leben.« – »Mr. Piper, die Engländer sind wahre Muster an Reinlichkeit. Es ist eine wohl bekannte Tatsache, dass sie mehr Seife pro Kopf verbrauchen als sonst jemand in Europa.«

Hierzu schnaubte Mr. Piper gewöhnlich verächtlich. »Das heißt gar nichts, mein Junge, nur weil sie sauberer sind als ein Haufen Krauts und Spaghettifresser. Mein Gott, ein Hund ist sauberer als ein Haufen Krauts und Spaghettifresser. Und ich sag dir noch was: Wenn sein Daddy nicht Illinois für ihn gekauft hätte, wäre John F. Kennedy nie zum Präsidenten gewählt worden.«

Ich hatte lange genug in Mr. Pipers Gesellschaft verbracht, um mich durch diesen abrupten Themawechsel nicht durcheinander bringen zu lassen. Die Niederlage bei den Präsidentschaftswahlen von 1960 war sein altes Klagelied, das er alle zehn oder zwölf Minuten in jede Unterhaltung einbrachte, egal, worüber man gerade sprach. Während der Beerdigung von Kennedy 1963 hatte ihm jemand für diese Bemerkung im Waveland Tap eine Ohrfeige verpasst. Daraufhin wurde Mr. Piper so wütend, dass er geradewegs hinausmarschierte und sein Auto gegen einen Telegrafenmast rammte. Mr. Piper ist inzwischen gestorben – ein Ereignis, auf das man in Des Moines gut vorbereitet wird.

Als ich älter wurde, sagte ich mir, dass es zumindest ein Gutes habe, in Des Moines geboren zu sein, denn es bedeutet, nicht anderswo in Iowa auf die Welt gekommen zu sein. An den Verhältnissen in Iowa gemessen, ist Des Moines ein Mekka des Kosmopolitismus, ein dynamisches Zentrum von Wohlstand und Bildung, wo die Leute dreiteilige Anzüge und dunkle Socken tragen, und das oft gleichzeitig. Wenn die Bauernsprösslinge von außerhalb während des jährlichen Basketballturniers der Highschools von Iowa für eine Woche die Stadt bevölkerten, machten wir uns in Downtown an sie heran. Wir boten uns herablassend an, ihnen zu zeigen, wie man mit einer Rolltreppe fährt oder mit einer Drehtür umgeht. Das war nicht unbedingt übertrieben. Als mein Freund Stan ungefähr sechzehn Jahre alt war, musste er fort, um bei seinem Vetter in einem abgelegenen, staubigen Dorf mit Namen Dog Water oder Dunceville oder einem ähnlich unmöglichen Nest zu wohnen – einer jener Orte, in denen alles neugierig auf die Straße rennt, wenn ein Truck einen Hund überfahren hat. In der zweiten Woche war Stan krank vor lauter Langeweile und bestand darauf, mit seinem Vetter in die fünfzig Meilen entfernte Bezirkshauptstadt Hooterville zu fahren, um sich dort die Zeit zu vertreiben. Sie besuchten eine Bowlingbahn mit verzogenen Bahnen und angeschlagenen Kugeln, tranken danach Sodawasser mit Schokoladengeschmack und sahen sich in einem Drugstore ein Playboy-Heft an. Auf dem Heimweg seufzte der Vetter hochzufrieden und sagte: »Mensch, Stan, danke. Das waren die besten Stunden meines ganzen Lebens.« Das stimmte.

Einmal musste ich nach Minneapolis und fuhr über eine Nebenstraße, um mir die Landschaft anzusehen. Doch es gab nichts zu sehen. Es war einfach öde und heiß, voller Getreide, Sojabohnen und Schweine. Ab und zu kommt man an einer Farm vorbei oder durch eine tote Kleinstadt, in der die Fliegen noch das Lebendigste sind. Ich erinnere mich an einen langen, schimmernden Highway, den ich meilenweit überblicken konnte. In der Ferne entdeckte ich einen braunen Fleck neben der Straße. Als ich näher kam, sah ich, dass es ein Mann war, der in einer Sechs-Häuser-Gemeinde mit einem Namen wie Spigot oder Urinal in seinem Vorgarten auf einer Kiste saß und mein Nahen mit ungeheurem Interesse verfolgte. Er beobachtete, wie ich vorbeisauste, und im Rückspiegel konnte ich sehen, dass sein Blick mir folgte, bis ich in der flimmernden Hitze verschwand. Das Ganze muss ungefähr fünf Minuten gedauert haben. Es würde mich nicht wundern, wenn er heute noch von Zeit zu Zeit an mich denkt.

Er trug eine Baseballmütze. Ein Mann aus Iowa ist leicht zu erkennen, denn er trägt stets eine Baseballmütze mit Werbung für John Deere oder für eine Futtermittelgesellschaft, und sein Nacken ist von den Jahren, die er unter der sengenden Sonne auf seinem John-Deere-Traktor verbracht hat, ganz faltig. (Das mit der Sonne hat sich auch auf seinen Verstand nicht gerade günstig ausgewirkt.) Ein weiteres Erkennungsmerkmal ist sein lächerliches Aussehen, sobald er sein Hemd auszieht. Sein Hals und seine Arme sind schokoladenbraun, sein Rumpf dagegen ist so weiß wie der Bauch einer Sau. In Iowa nennt man das Bauernbräune, und ich glaube, sie gilt als Auszeichnung.

Die Frauen Iowas sind fast alle enorm übergewichtig. Man sieht sie samstags im Merle Hay Mall in Des Moines. Verschwitzt und fleischig, sehen sie in ihren Shorts und rückenfreien Tops ein bisschen aus wie Elefanten in Kinderkleidung. Sie brüllen ihre Kinder an und rufen Namen wie Dwayne und Shauna. Ausgerechnet Jack Kerouac hielt die Frauen von Iowa für die hübschesten im ganzen Land, aber ich bezweifle, dass er jemals an einem Samstag im Merle Hay Mall war. Die jugendlichen Töchter dieser dicken Frauen jedoch – und das ist mehr als eigenartig – sind durchweg äußerst reizvoll, so zart und herrlich gerundet, von so natürlich frischem Duft wie ein Korb voller Früchte. Ich weiß nicht, was mit ihnen geschieht, aber es muss schrecklich sein, eine dieser gut entwickelten Schönheiten zu heiraten, wohl wissend, dass in ihr eine Zeitbombe tickt, die sie eines Tages, vermutlich ganz plötzlich und ohne Vorwarnung, zu etwas Riesigem und Groteskem anschwellen lässt, wie ein sich automatisch aufblasendes Schlauchboot, wo man den Stöpsel gezogen hat.

Auch ohne diesen Beweggrund wäre ich vermutlich nicht in Iowa geblieben. Alles in allem fühlte ich mich dort niemals zu Hause, nicht einmal als kleiner Junge. Etwa 1957 schenkten meine Großeltern mir einen Viewmaster und eine Packung Schaubilder mit dem Titel »Iowa – Unser prachtvoller Staat« zum Geburtstag. Ich erinnere mich, dass ich schon damals dachte, mit der Pracht sei es nicht weit her. Mangels landschaftlicher Besonderheiten, Nationalparks, Schlachtfelder oder berühmter Geburtsstätten war das ganze schöpferische 3-D-Können der Viewmaster-Leute gefordert. Sah man durch den Viewmaster und betätigte den weißen Hebel, erschien, wie ich mich entsinne, eine eindrucksvoll dreidimensionale Aufnahme des Geburtsortes von Herbert Hoover, gefolgt von Iowas zweitem bedeutendem Kulturdenkmal, der Little Brown Church in the Vale (die zu dem Lied inspirierte, dessen Melodie niemand richtig kennt). Weiter ging es mit der Highway-Brücke über den Mississippi River bei Davenport (alle Autos schienen in Richtung Illinois zu eilen), einem wogenden Kornfeld, der Brücke über den Missouri River bei Council Bluffs, bis erneut die Little Brown Church in the Vale zu sehen war, diesmal aus einer anderen Perspektive. Schon damals dachte ich, das Leben müsse mehr zu bieten haben als das.

Dann, an einem grauen Sonntagnachmittag – ich war ungefähr zehn – sah ich im Fernsehen einen Dokumentarfilm über die Filmproduktion in Europa. Ein Ausschnitt zeigte Anthony Perkins, wie er in der Abenddämmerung die abschüssige Straße irgendeiner Stadt entlangging. Ich weiß heute nicht mehr, ob es Rom oder Paris war, jedenfalls war es eine Straße mit Kopfsteinpflaster, die im Regen glänzte, und Perkins vergrub sich tief in einem Trenchcoat, und ich dachte: »Mensch, c’est moi!« Ich begann National Geographics zu lesen, nein, zu verschlingen, mit all den Aufnahmen von freundlichen Lappen, von nebelumwobenen Schlössern und alten Städten mit grenzenlosem Charme. Von diesem Augenblick an wollte ich ein europäischer Junge sein. Ich wollte einem Park gegenüber im Herzen einer Stadt wohnen und von meinem Schlafzimmerfenster aus auf eine Landschaft aus Hügeln und Häuserdächern blicken. Ich wollte Straßenbahn fahren und fremde Sprachen verstehen. Ich wollte Freunde, die Werner und Marco hießen, kurze Hosen trugen, auf der Straße Fußball spielten und Holzspielzeug besaßen. Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, warum. Ich wollte, dass meine Mutter mich in einen Laden mit einer hölzernen Brezel über der Tür schickt, um Baguette zu kaufen. Ich wollte aus meiner Haustür treten und irgendwo sein.

Sobald ich alt genug war, ging ich fort. Ich ließ Des Moines und Iowa und die Vereinigten Staaten und den Vietnam-Krieg und Watergate hinter mir und ließ mich am anderen Ende der Welt nieder. Als ich kürzlich nach Hause zurückkehrte, war es, als käme ich in ein fremdes Land, voller Serienmörder, Sportmannschaften in den falschen Städten (die Indianapolis Colts? die Toronto Blue Jays?) und mit einem betagten, adretten Hohlkopf als Präsidenten. Meine Mutter kannte diesen betagten, adretten Hohlkopf aus seiner Zeit als Sportreporter Dutch Reagan bei WHO Radio in Des Moines. »Er war nichts weiter als ein netter, pflegeleichter Blödmann«, sagt sie.

Wenn ich es mir recht überlege, trifft diese Beschreibung auf die meisten Leute in Iowa zu. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will ganz und gar nicht andeuten, die Leute in Iowa seien geistig zurückgeblieben. Es sind zweifellos intelligente und vernünftige Menschen, die trotz ihres angeborenen Konservatismus immer bereit waren, eher einem gewissenhaften, klar denkenden Liberalen ihre Stimme zu geben statt einem schwachsinnigen Konservativen. (Ein Umstand, der Mr. Piper beinahe in den Wahnsinn trieb.) Außerdem verfügt Iowa – ich bin stolz, das sagen zu können – über die niedrigste Analphabetenquote der Nation: 99,5 Prozent der Erwachsenen können lesen. Wenn ich behaupte, die Menschen in Iowa seien irgendwie blöd, so meine ich damit, sie sind gutgläubig, liebenswürdig und aufrichtig. Sie sind unsagbar langsam, sicher. – Wenn man in Iowa jemandem einen Witz erzählt, kann man förmlich sehen, wie sein Gehirn mit seinem Gesichtsausdruck um die Wette läuft. Doch das bedeutet nicht, dass sie zu geistigen Hochleistungen nicht in der Lage sind; diese Fähigkeit wird lediglich kaum genutzt. Der einfältige, unbeirrbare Glaube an Gott, an den Boden und an die Mitmenschen trübt ihren Verstand.

Vor allen Dingen sind die Menschen in Iowa freundlich. Betritt man als Ortsfremder im Süden ein Restaurant, wird alles still, und man merkt, dass die übrigen Gäste einen mustern, als würden sie das Risiko abwägen, das sie auf sich nähmen, wenn sie einen der Brieftasche wegen um die Ecke brächten und die Leiche irgendwo draußen in den Sümpfen verschwinden ließen. In Iowa steht man im Mittelpunkt des Interesses. Man ist das Aufregendste, das der Stadt widerfahren ist, seit vergangenen Mai ein Tornado den alten Frank Sprinkel und seinen Traktor hinweggerafft hat. Wen man auch trifft, jeder tut so, als würde er einem mit Freuden sein letztes Bier abtreten und einen mit seiner Schwester schlafen lassen. Jeder ist glücklich und freundlich und seltsam gleichmütig.

Als ich das letzte Mal zu Hause war, ging ich zu Kresge’s in Downtown und kaufte jede Menge Postkarten, um sie nach England zu schicken. Ich suchte die lächerlichsten Karten aus, die ich finden konnte: einen Sonnenuntergang über einem Haufen Viehfutter; eine Abbildung von Bauern, die unerschrocken vor einer Rolltreppe posierten, daneben die Überschrift »Wir sind in der Merle Hay Mall mit der Rolltreppe gefahren!« – diese Art Postkarten. Sie waren allesamt so absurd, dass ich mich an der Kasse schämte, so, als wollte ich unanständige Magazine kaufen. Ich hoffte, irgendwie den Eindruck zu erwecken, die Karten wären nicht für mich. Doch die Kassiererin betrachtete jede einzelne Postkarte interessiert und bedächtig – was Kassiererinnen, nebenbei bemerkt, auch immer mit unanständigen Magazinen tun.

Als sie zu mir aufsah, hatte sie einen fast verklärten Blick. Sie trug eine schmetterlingsförmige Brille und eine Bienenkorbfrisur. »Die sind wirklich schön«, sagte sie. »Weißt du, Honey, ich bin schon in vielen Staaten gewesen und habe viele Orte kennen gelernt, aber ich kann dir sagen, dieser Staat ist so ziemlich der wundervollste, den ich je gesehen hab.« Sie hat tatsächlich wundervollste gesagt, und sie meinte, was sie sagte. Die arme Frau befand sich in einem Zustand unwiderruflicher Hypnose. Ich warf einen Blick auf die Karten, und zu meiner Überraschung begriff ich plötzlich, was sie meinte. Ich konnte nicht anders, als ihr zustimmen. Die Bilder waren wundervoll. Zusammen bildeten wir eine kleine Gemeinschaft stiller Bewunderung. Für einen kurzen, unvorsichtigen Augenblick war ich selbst so etwas wie gleichmütig. Das war ein eigenartiges Gefühl, das allerdings schnell vorüberging.

Mein Vater mochte Iowa. Er hat sein ganzes Leben in diesem Staat verbracht und müht sich heute dort mit der Ewigkeit ab, auf dem Glendale-Friedhof in Des Moines. Jedes Jahr packte ihn jedoch still und heimlich ein irrsinniges Verlangen, Iowa zu verlassen und in Urlaub zu fahren. Jeden Sommer belud er ohne große Vorankündigung das Auto bis zum Gehtnichtmehr, scheuchte uns hinein und brach auf zu fernen Zielen, kehrte nochmal um, als wir schon fast an der Staatsgrenze waren, weil er seine Brieftasche vergessen hatte, und fuhr wieder los. Jedes Jahr war es dasselbe. Jedes Jahr war es schrecklich.

Die Langeweile war tödlich. Iowa liegt mitten in der weitesten Ebene diesseits des Jupiter. Steigt man irgendwo in diesem Staat auf ein Dach, wird man fast überall nichts als wogende Kornfelder sehen, so weit das Auge reicht. Iowa liegt in jeder Himmelsrichtung 1000 Meilen vom Meer entfernt, 400 Meilen vom nächsten Berg, 300 Meilen von Wolkenkratzern, Straßenräubern und Sehenswürdigkeiten, 200 Meilen von Menschen, die nicht ständig mit dem Finger im Ohr herumstochern, bevor sie die Frage eines Fremden beantworten. Will man von Des Moines mit dem Auto irgendeinen Ort von zumindest flüchtigem Interesse erreichen, so bedeutet das eine Reise, die man in anderen Ländern als abenteuerlich bezeichnen würde. Es bedeutet Tage unablässiger Langeweile in einer brütend heißen Stahlkapsel auf einem endlosen Highway.

Soweit ich mich erinnere, sind wir immer in einem großen, blauen Rambler-Kombi in die Ferien gefahren. Es war ein träges, derbes Auto – mein Dad fuhr immer träge, derbe Autos, bis er in die Wechseljahre kam und nur noch flotte, rote Cabriolets kaufte –, hatte aber den Vorteil der Geräumigkeit. Zwischen meinem Bruder, meiner Schwester und mir auf dem Rücksitz und meinen Eltern vorne im Wagen lagen Meilen. Sie befanden sich praktisch in einem anderen Raum. Wir verübten heimliche Anschläge auf den Picknickkorb und machten bald eine Entdeckung: Wenn man ein paar Ohio-Blue-Tip-Streichhölzer in einen Apfel oder ein hart gekochtes Ei steckte und das stachelschweinartige Gebilde lässig aus dem Heckfenster warf, erzielte man die Wirkung einer Bombe. Sie explodierte mit einem kleinen Knall und einer überraschend großen, blauen Stichflamme, was die Autos hinter uns zu amüsanten Ausweichmanövern zwang.

Mein Dad auf dem meilenweit entfernten Vordersitz des Wagens wusste nie, was los war, und wunderte sich, weshalb die Fahrer der Autos, die uns überholten, den ganzen Tag wütend gestikulierten, bevor sie davonbrausten. »Was haben die bloß?«, wollte er dann jedes Mal gekränkt von meiner Mutter wissen.

»Das weiß ich nicht, mein Schatz«, pflegte meine Mutter sanft zu antworten. Meine Mutter sagte immer nur zwei Dinge. Sie sagte: »Das weiß ich nicht, mein Schatz.« Und sie sagte: »Möchtest du ein Sandwich, Honey?« Wenn wir unterwegs waren, gab sie manchmal auch andere Kostproben ihrer Intelligenz, wie: »Wieso leuchtet die Lampe da auf dem Armaturenbrett, Schatz?« oder »Ich glaube, du hast den Hund/Mann/Blinden dahinten angefahren, Honey.« Doch meistens hielt sie klugerweise den Mund. Im Urlaub war mein Vater nämlich wie besessen. Hauptsächlich bestand seine Besessenheit darin, dass er an allen Ecken und Enden zu sparen versuchte. Er schleppte uns immer in die miesesten Hotels und Motels und in jene Art Gasthäuser, in denen nur einmal die Woche das Geschirr gespült wird. Mit etwas Gespür für das Unvermeidliche war klar, dass man beim Essen irgendwo auf dem Teller oder zwischen den Zinken der Gabel lauerndes, hart gewordenes Eigelb eines früheren Gastes entdecken würde. Das bedeutete natürlich Läuse und einen langen, qualvollen Tod.

Doch das war noch das geringste Übel. Gewöhnlich wurden wir genötigt, irgendwo in der Nähe der Straße zu picknicken. Mein Vater hatte einen sicheren Instinkt für schlechte Picknickplätze  – den Parkplatz eines belebten Truckstops oder einen kleinen Park im Herzen eines bedenklich vernachlässigten Gettos, in dem sich Scharen von Kindern schweigend um unseren Tisch versammelten und zusahen, wie wir Kuchen und Kartoffelchips verdrückten. Außerdem wurde es jedes Mal unglaublich windig, sobald wir aus dem Auto stiegen, so dass meine Mutter die ganze Mittagspause damit verbrachte, auf einem Gelände von der Größe eines Fußballfeldes Papptellern hinterherzujagen.

1957 investierte mein Vater 19,98 Dollar in einen tragbaren Gasofen, der vor jedem Gebrauch erst eine Stunde lang zusammengebaut werden musste. Der Ofen war dermaßen tückisch, dass wir Kinder nicht in die Nähe gelassen wurden, wenn er angezündet werden sollte. Diese Vorsichtsmaßnahme erwies sich jedoch jedes Mal als unnötig, denn der Ofen flackerte nur für ein paar Sekunden und ging dann wieder aus. Auf der Suche nach einer windstillen Ecke schob mein Vater den Kocher stundenlang hin und her. Gleichzeitig redete er leise und aufgeregt auf ihn ein, in einer Weise, die man normalerweise eher bei Verrückten erwarten würde. Mein Bruder, meine Schwester und ich flehten ihn die ganze Zeit inständig an, mit uns in ein Restaurant mit Klimaanlage, Tischdecken und Wassergläsern voller klimpernder Eiswürfel zu gehen. »Dad«, bettelten wir, »du bist ein erfolgreicher Mann. Du verdienst viel Geld. Lass uns zu Howard Johnson’s gehen.« Aber er wollte nicht. Er war ein Kind der Weltwirtschaftskrise, und wenn es um Kapitalaufwand ging, zog er das Gesicht eines gehetzten Flüchtlings, der soeben in der Ferne Bluthunde gehört hat.

Endlich, kurz vor Sonnenuntergang, drückte er uns kalte, rohe und nach Butangas riechende Hamburger in die Hand. Wir bissen einmal hinein und weigerten uns, mehr davon zu essen. An dieser Stelle verlor mein Vater gewöhnlich die Beherrschung, warf den ganzen Krempel ins Auto und beförderte uns in rasantem Tempo in irgendein Restaurant am Straßenrand, in dem ein verschwitzter Mann mit Schlapphut Haschisch rauchte, während auf seinem Grill das Fett verbrannte. Anschließend würden wir schweigend, voller Bitterkeit und unbefriedigter Grundbedürfnisse die falsche Ausfahrt vom Highway nehmen, uns verfahren und in einem gottverfluchten Nest namens Draino, Indiana, oder Tapwater, Missouri, landen. Wir würden im einzigen Hotel am Platz absteigen – in einem jener heruntergekommenen Hotels, in denen man nur in der Lobby fernsehen kann, auf einem morschen Kunstledersofa, das man sich mit einem alten Mann mit gewaltigen Schweißflecken unter den Achseln teilen muss. Der alte Mann würde sehr wahrscheinlich einbeinig sein und vermutlich eine weitere bizarre Missbildung aufweisen, entweder besaß er keine Nase oder eine eingedrückte Stirn. Trotz der ernsthaften Absicht, Laramie oder Our Miss Brooks zu sehen, würde man seinen Blick nicht vom erstaunlich verunstalteten Körper seines Nachbarn abwenden können. Unmöglich. Hin und wieder stellte sich heraus, dass der Mann keine Zunge hatte. In diesem Fall würde er sicherlich versuchen, einen in ein angeregtes Gespräch zu verwickeln. All das war äußerst unbefriedigend.

Es dauerte ungefähr eine Woche, bis diese Marter ein Ende hatte und wir an einem blauen, funkelnden See umgeben von kieferbestandenen Bergen, anlangten, an einem Ort voller Leben und Vergnüglichkeiten, mit dem ausgelassenen Kreischen von Kindern, die im Wasser plantschen. Ein Ort, der für das Gewesene beinahe entschädigte. Dad wurde lustig und großzügig und nahm uns manchmal sogar in eines dieser Restaurants mit, in denen man nicht zusehen muss, wie das Essen zubereitet wird, und wo man Wassergläser serviert bekommt, die nicht mit Lippenstift signiert sind. Das war Leben. Das war berauschende Üppigkeit.

Trotz dieser beunruhigenden und wechselhaften Vorgeschichte erfasste mich das eigentümliche Verlangen, in das Land meiner Jugend zurückzukehren und das zu unternehmen, was die Verfasser von Klappentexten gern eine Entdeckungreise nennen. Auf einem 4000 Meilen entfernten Kontinent packte mich das Heimweh, das einen überkommt, wenn man die Mitte seines Lebens erreicht und vor kurzem seinen Vater verloren hat, und wenn einem klar wird, dass er etwas von einem selbst mit sich nahm, als er starb. Ich wollte die verzauberten Orte meiner Jugend wiedersehen – Mackinac Island, die Rocky Mountains, Gettysburg – und feststellen, ob sie der guten Erinnerung entsprachen, in der ich sie behalten hatte. Ich wollte in einer stillen Nacht das lang gezogene, tiefe Tuten einer Rock-Island-Lokomotive hören und ihrem Geklapper lauschen, bis es in der Ferne verklingt. Ich wollte Leuchtkäfer sehen und das Zirpen der Zikaden hören und mich kopfüber in das heiße Augustwetter stürzen, das einen verrückt macht und die Unterwäsche wie Latex am Körper kleben lässt, das besonnene Männer dazu bringt, in einer Bar eine Waffe zu ziehen und die Nacht mit Gewehrfeuer zu erhellen. Ich wollte nach Ne-Hi-Pop- und Burma-Shave-Schildern suchen, zu einem Baseballspiel gehen, in einem Café mit Marmorwänden sitzen und durch jene Kleinstädte fahren, die man aus den Filmen mit Deanna Durbin und Mickey Rooney kennt. Ich wollte reisen. Ich wollte Amerika sehen. Ich wollte heimkehren.

So flog ich also nach Des Moines und besorgte mir einen Stapel Straßenkarten, die ich auf dem Fußboden im Wohnzimmer studierte. Ich stellte eine gewaltige Rundreise zusammen, die mich durch dieses eigenartige, riesige und halbwegs fremde Land führen würde. In der Zwischenzeit strich meine Mutter mir Sandwiches und sagte »Oh, das weiß ich nicht, mein Schatz«, wenn ich ihr Fragen über die Ferien meiner Kindheit stellte. Und im Morgengrauen eines Septembertages in meinem sechsunddreißigsten Lebensjahr schlich ich aus dem Haus meiner Kindheit, rutschte hinter das Lenkrad eines bejahrten Chevrolet Chevette, den mir meine gütige und vertrauensvolle Mutter geliehen hatte, und steuerte ihn durch die schlafenden, ebenen Straßen. Ich fuhr über den leeren Freeway – der einzige Mensch mit einer Mission in dieser Stadt von 250 000 schlafenden Seelen. Die Sonne stand schon hoch am Himmel und versprach einen glühend heißen Tag. Vor mir lagen ungefähr eine Million Quadratmeilen leise rauschenden Korns. Am Stadtrand bog ich auf den Iowa Highway 163 und fuhr leichten Herzens in Richtung Missouri. Es passiert nicht oft, dass man jemanden so etwas sagen hört.

2

In England war es ein Jahr ohne Sommer gewesen. Ein rauer Herbst hatte unmerklich den verregneten Frühling abgelöst. Monatelang zeigte sich der Himmel in einheitlichem Grau. Manchmal regnete es, aber meistens war es nur trübe; ein Land ohne Schatten. Es war, als lebte man in einer Tupperdose. Und hier blendete die Sonne plötzlich in ihrer ganzen Intensität. Iowa schäumte über vor Farbe und Licht. Die Scheunen am Straßenrand erstrahlten in leuchtendem Rot, der Himmel in tiefem, hypnotisierendem Blau. Vor mir erstreckten sich senffarbene und grüne Felder, und über der Straße tanzten flimmernde Flecken. Hier und da traf das Sonnenlicht auf einen Getreideheber in der Ferne – die Kathedralen des Mittleren Westens, die Schiffe im Meer der Prärie – und wurde als reines Weiß zurückgeworfen. In der ungewohnten Helligkeit blinzelnd, folgte ich dem Highway nach Otley. Ich wollte die Strecke zurückverfolgen, die mein Vater immer zum Haus meiner Großeltern in Winfield gefahren war – über Prairie City, Pella, Oskaloosa, Hedrick, Brighton, Coppock, Wayland und Olds. Diese Reihenfolge hatte sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt. Früher hatte ich nur als Passagier im Auto gesessen, ohne der Straße besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Jetzt nahm ich erstaunt die Kurven und unerwarteten Kreuzungen wahr, an denen ich mal links, mal rechts und nach ein paar Meilen wieder links abbiegen musste. Es wäre wesentlich einfacher gewesen, über den Highway 92 nach Ainsworth und dann weiter in Richtung Süden nach Mount Pleasant zu fahren. Es war mir unbegreiflich, was meinen Vater veranlasst hatte, sich für diese Strecke zu entscheiden. Dass ich das nun natürlich nicht mehr erfahren würde, erschien mir bedauerlich. Es war umso unbegreiflicher, da meinem Vater fast nichts so viel Spaß gemacht hatte, wie den Esszimmertisch mit Landkarten zu bedecken und ausführlich Vor- und Nachteile von möglichen Fahrtrouten abzuwägen. Darin unterschied er sich nicht von den meisten Menschen im Mittleren Westen. Richtungen spielen in ihrem Leben eine wichtige Rolle. Sie haben das angeborene Bedürfnis, sich zu orientieren. Dieses Bedürfnis kommt selbst in ihren Anekdoten zum Vorschein. Erzählt jemand aus dem Mittleren Westen eine Geschichte, schweift er irgendwann unweigerlich ab, um sich in einem Dickicht aus inneren Monologen zu verlieren. Das geht ungefähr so: »Das Hotel, in dem wir wohnten, lag acht Blocks nordöstlich des Kapitols. Wenn ich es mir recht überlege, war es nordwestlich. Und ich glaube, es waren wahrscheinlich doch eher neun Blocks. Und diese Frau ohne Kleider, nackt wie am Tag ihrer Geburt mit Ausnahme einer Kappe aus Waschbärfell auf dem Kopf, kam aus Südwesten auf uns zu gerannt... oder war es Südosten?« Befindet sich jemand unter den Zuhörern, der die Begebenheit ebenfalls beobachtet hat und auch aus dem Mittleren Westen stammt, kann man die Anekdote getrost vergessen, denn beide werden den Rest des Nachmittages damit verbringen, sich über die Himmelsrichtungen zu streiten, und auf die ursprüngliche Geschichte nicht mehr zu sprechen kommen. In Europa kann man ein Paar aus dem Mittleren Westen unschwer daran erkennen, dass sie stets über einen im Wind flatternden Stadtplan gebeugt auf der Verkehrsinsel einer belebten Kreuzung stehen und sich darüber streiten, wo Westen liegt. Europäische Städte mit ihrem ungeordneten Straßengewirr können Menschen aus dem Mittleren Westen verrückt machen.

Diese geographische Manie hängt vermutlich damit zusammen, dass im Herzen Amerikas Orientierungspunkte fehlen. Ich hatte ganz vergessen, wie flach und leer das Land ist. Stellt man sich irgendwo in Iowa auf zwei Telefonbücher, kann man immer das ganze Umland überblicken. Dort, wo ich jetzt stand, breitete sich ein Areal etwa von der Größe Belgiens vor mir aus. In dieser Weite war jedoch nichts zu entdecken, abgesehen von ein paar verstreuten Farmen, vereinzelten Baumgruppen und zwei Wassertürmen, die silbrig schimmerten und von der Existenz unbekannter Städte in der Ferne kündeten. In mittlerer Entfernung jagte auf einer Schotterstraße eine Staubwolke hinter einem Auto her. Nur die Getreideheber stachen von der Landschaft ab. Aber auch sie glichen sich wie ein Ei dem anderen. Es gab kaum einen Anhaltspunkt, um eine Aussicht von einer anderen zu unterscheiden.

Und still ist es hier. Außer dem unaufhörlichen Rauschen der Kornfelder dringt kein Laut an die Ohren. Würde jemand in einem drei Meilen entfernten Haus niesen, so könnte man es hören (»Gesundheit!« »Danke!«). Es muss einen kirre machen, ein Leben so ohne jeglichen Anreiz zu führen. Kein Flugzeug, das den Blick auf sich lenkt, keine Autohupen. Die Zeit schleppt sich ganz langsam vorwärts, und halb erwartet man, dass die Menschen hier noch immer gebannt Ozzie and Harriet im Fernsehen angucken, und wäre nicht erstaunt, wenn sie bei den Wahlen für Eisenhower stimmten. (»Ich weiß nicht, wie weit ihr da oben in Des Moines schon seid, wir hier in Fudd County sind jedenfalls im Jahr 1958.«)

Mit unverwechselbaren Kennzeichen sind alle Kleinstädte gleichermaßen schlecht ausgestattet. Ihre Namen sind so ungefähr das Einzige, was sie unterscheidet. In jeder Kleinstadt gibt es eine Tankstelle, ein Lebensmittelgeschäft, einen Getreideheber, einen Laden für landwirtschaftliche Geräte und Düngemittel und etwas so Unglaubliches wie einen Händler für Mikrowellenherde oder eine chemische Reinigung, so dass man sich unterwegs mit der Frage beschäftigen kann, was die Leute in Fungus City wohl mit einer chemischen Reinigung anfangen. Jede vierte oder fünfte Gemeinde ist eine Bezirksstadt. Alle wurden sie rund um einen Platz angelegt, an dessen einer Seite ein ansehnliches Gerichtsgebäude aus Backstein mit einer Kanone aus dem Bürgerkrieg und einem Denkmal für die Toten von mindestens zwei Kriegen steht, während sich entlang seiner übrigen Seiten ein Geschäft an das andere reiht: ein Billigkaufhaus, eine Imbissstube, zwei Banken, eine Eisenwarenhandlung, eine christliche Buchhandlung, mehrere Friseursalons, ein Herrenfriseur, ein Herrenausstatter mit jener Art Kleidung, wie sie nur in sehr kleinen Provinzstädten getragen wird. Mindestens zwei der Geschäfte heißen Vern’s. In der Mitte des Platzes befindet sich stets ein kleiner Park mit dicken Bäumen, einem Musikpavillon, einem Mast mit der amerikanischen Flagge und mehreren Bänken, auf denen alte Männer mit John-Deere-Mützen sitzen und über die alten Zeiten reden, als sie noch anderes zu tun hatten, als auf Parkbänken zu sitzen und über alte Zeiten zu reden. In diesen Orten scheint die Zeit zu kriechen.

Die angenehmste Bezirksstadt in Iowa ist Pella, vierzig Meilen südöstlich von Des Moines. Pella wurde von holländischen Immigranten gegründet. So findet denn auch heute noch alljährlich im Mai ein großes Tulpenfest statt, für das man eigens eine so bedeutende Persönlichkeit wie den Bürgermeister von Den Haag einfliegt und ihn ein Loblied auf die Tulpenzwiebeln singen lässt. Als ich klein war, mochte ich Pella, denn viele seiner Bürger hatten kleine Windmühlen in ihren Vorgärten aufgestellt, was das Städtchen irgendwie interessant machte. Ich würde nicht sagen, außerordentlich interessant, doch ich hatte schon in jungen Jahren gelernt, die wenigen Annehmlichkeiten zu schätzen, die mir während einer Reise durch Iowa begegneten. Außerdem befand sich am Stadtrand von Pella eine Filiale von Dairy Queen. Hier hielt mein Vater manchmal an und kaufte uns mit Schokolade überzogene Eiskremtüten. Schon allein deshalb empfand ich immer eine besondere Zuneigung für diesen Ort und war sehr erfreut, in so manchem Vorgarten noch Windmühlen zu entdecken, als ich an diesem schönen Septembermorgen in Pella ankam. Am Platz im Herzen des Städtchens stieg ich aus, um mir die Beine zu vertreten. Es war Sonntag. Die alten Männer von den Parkbänken hatten also heute frei – sie verbrachten den Tag schlafend vor dem Fernseher –, aber ansonsten erwies sich Pella als ebenso vollkommen, wie ich es in Erinnerung hatte. Der Park strotzte vor Bäumen und Beeten mit Salbei und Ringelblumen in den leuchtendsten Farben. In einem Winkel stand fast maßstabsgetreu eine stattliche, grüne Windmühle mit weißen Flügeln. Die Läden rund um den Platz präsentierten sich in der für Läden im Mittleren Westen typischen Getreidesilobauweise, waren aber mit Lebkuchengesimsen und anderem lustigen Zierrat versehen. Jedes Geschäft hatte einen soliden, Vertrauen erweckenden holländischen Namen: Pardekooper’s Drug Store, Jaarsma Bakery, Van Gorp Insurers, Gosselink’s Christian Book Store, Vander Ploeg Bakery. Natürlich waren alle Läden geschlossen. In Orten wie Pella hält man sich auch heute noch strikt an die Sonntagsruhe. Die ganze Stadt war von einer unheimlichen Stille durchdrungen, einer Art Totenstille, die eine entsprechend überempfindliche Natur zu der Überlegung verleitet, ob vielleicht alle Einwohner des Nachts von einem aus einer undichten Stelle strömenden, geruchlosen Gas vergiftet worden seien, das Pella in so etwas wie das Pompei der Prärie verwandelt habe und sich auch jetzt noch heimtückisch des eigenen zentralen Nervensystems bemächtigen könne. Für einen Augenblick tauchte in mir das Bild von Menschen auf, die von überall her kamen, um sich die Opfer der Katastrophe anzusehen, und von dem jungen Mann auf dem Platz im Herzen der Stadt – der mit der Brille und der besorgten Miene – besonders angetan waren, ihm endgültig den Hals umdrehten und sich an seiner Autotür zu schaffen machten. Doch dann bemerkte ich am entfernteren Ende des Platzes einen Mann, der mit seinem Hund spazieren ging, und begriff, dass jewede Gefahr vorüber war.

Eigentlich hatte ich nicht die Absicht, länger in Pella zu bleiben, doch es war ein so herrlicher Morgen, dass ich begann, gemächlich eine Straße in der Nähe des Platzes entlangzuschlendern, vorbei an gepflegten Holzhäusern mit Kuppeln, Giebeln und Veranden, auf denen Schaukeln leise im Wind quietschten. Ein anderes Geräusch war nicht zu hören, das Rascheln meiner Schritte im trockenen Laub ausgenommen. Mit dem Ende der Straße erreichte ich das kleine, von der Dutch Reformed Church geleitete Central College und seinen von roten Backsteingebäuden umstandenen Campus. Über den Campus führte ein gewundener Weg und eine gewölbte Fußgängerbrücke aus Holz. Die Szenerie wirkte so beruhigend wie eine doppelte Dosis Valium. Das College sah aus wie eines dieser ordentlichen, freundlichen, sittsamen Institute, in denen Clark Kent sich wohlgefühlt hätte. Ich überquerte die Brücke und stieß an der gegenüberliegenden Seite des Campus auf einen weiteren Beweis dafür, dass es außer mir noch andere lebende Personen in Pella gab. Aus dem offenen Fenster eines Studentenwohnheims schmetterte für einen Moment Musik aus einem viel zu laut aufgedrehten Radio – irgendetwas von Frankie Goes to Hollywood, glaube ich –, und augenblicklich ertönte aus undefinierbarer Richtung eine dröhnende Stimme: »Wenn du nicht sofort das Scheißding ausmachst, komme ich rüber und schlage dir die Birne ein!« Es war die Stimme eines beleibten Menschen – vielleicht jemand mit dem Spitznamen Moose. Die Musik verstummte sofort, und Pella verfiel wieder in tiefen Schlaf. Ich fuhr weiter in Richtung Osten, durch Oskaloosa, Fremont, Hedrick, Martinsburg. Die Namen klangen vertraut, doch die Städte selbst riefen kaum Erinnerungen wach. Bis zu dieser Etappe der Fahrt hatte ich bei den meisten unserer früheren Reisen ein Stadium der Apathie erreicht und jammerte im 15-Sekunden-Takt: »Wie lange noch? Wann kommen wir endlich an? Ich langweile mich. Mir ist schlecht. Wie lange noch? Wann sind wir endlich da?« An der Straße in der Nähe von Coppock glaubte ich, eine Kurve wiederzuerkennen, in der wir einmal vier Stunden in einem Schneesturm festsaßen und auf den Schneepflug warten mussten. Auch andere Stellen kamen mir von früheren Zwangspausen her irgendwie bekannt vor. Wir hielten oft an, weil meine Schwester sich übergeben musste, zum Beispiel an einer Tankstelle in Martinsburg. Dort stürzte sie aus dem Wagen und erbrach sich ausgiebig über die Füße des Tankwarts (meine Güte, konnte der Mensch tanzen!). In Wayland hätte mein Vater mich einmal fast am Straßenrand stehen lassen, nachdem er entdeckt hatte, dass ich aus lauter Langeweile während der Fahrt alle Nieten von der Verschalung einer der hinteren Türen gelöst hatte. Das erlaubte mir zwar interessante Einblicke in den Schließmechanismus, leider waren dadurch jedoch sowohl Fenster als auch Tür ein für alle Mal hinüber. Doch erst kurz hinter Olds, an der Abzweigung nach Winfield, also an der Stelle, an der mein Vater gewöhnlich im Freudentaumel verkündete, dass wir unser Ziel so gut wie erreicht hätten, erkannte ich plötzlich alles wieder. Ich hatte diese Straße mindestens ein Dutzend Jahre nicht gesehen, dennoch waren mir die Hügel und verstreuten Farmen so vertraut wie mein linkes Bein. Mein Herz jubilierte. Es war, als würde die Zeit zurückgedreht: Ich verwandelte mich wieder in einen kleinen Jungen.

Unsere Ankunft in Winfield war jedes Mal überwältigend. Dad bog vom Highway 78 ab, holperte mit viel zu hoher Geschwindigkeit über eine unebene Schotterstraße, wirbelte weiße Staubwolken hinter uns auf, um dann zum Entsetzen meiner Mutter wie wahnsinnig auf einen unbeschrankten Bahnübergang in einer unübersichtlichen Kurve zuzusteuern und dabei mit ernster Miene zu bemerken: »Hoffentlich kommt kein Zug.« Erst Jahre später fand meine Mutter heraus, dass auf dieser Strecke nur zwei Züge täglich verkehrten, und zwar mitten in der Nacht. Hinter den Bahnschienen stand eine viktorianische Villa mitten auf einer verwilderten Wiese. Sie sah aus wie das Haus in den Cartoons von Charles Addams im New Yorker und war seit Jahrzehnten unbewohnt. Trotzdem stand sie voller Möbel, die mit feuchten Laken abgedeckt waren. Meine Schwester, mein Bruder und ich kletterten manchmal durch ein zerbrochenes Fenster hinein und durchstöberten die muffigen Kleider in den Schränken, alte Collier’s-Magazine und Fotografien von seltsam besorgt aussehenden Menschen. Im oberen Stockwerk befand sich ein Schlafzimmer, in dem, wie mein Bruder zu berichten wusste, die verschrumpelte Leiche der letzten Hausbewohnerin lag – eine Frau, die an gebrochenem Herzen gestorben war, nachdem ihr Liebster sie vor dem Altar hatte sitzen lassen. Dieses Schlafzimmer betraten wir nie. Nur einmal – ich muss ungefähr vier Jahre alt gewesen sein – schielte mein Bruder durch das Schlüsselloch, schrie auf und brüllte: »Sie kommt!«, um dann Hals über Kopf die Treppe hinunter zu stürzen. Ich folgte ihm wimmernd und machte mir bei jedem Schritt in die Hose. Hinter der Villa breitete sich eine große Wiese aus, auf der schwarzweiße Kühe grasten, und jenseits dieser Wiese stand weiß und hübsch, unter einem Dach aus Bäumen, das Haus meiner Großeltern, mit einer großen, roten Scheune und hektarweise Rasen. Meine Großeltern erwarteten uns immer am Tor. Ich weiß nicht, ob sie uns kommen sahen und dann eilig ihre Stellung einnahmen oder ob sie dort Stunde um Stunde auf uns warteten. Vermutlich trifft Letzteres zu, denn seien wir ehrlich  – viel zu tun hatten sie nicht. Es folgten vier oder fünf herrliche Tage. Mein Großvater fuhr einen Model-T-Ford, mit dem er uns Kinder, zum Schrecken der Hühner und älteren Frauen, im Hof herumkurven ließ. Im Winter hängte er einen Schlitten an den Wagen und unternahm mit uns im Schlepptau lange Ausflüge über verschneite Straßen. Abends spielten wir am Küchentisch Karten und gingen spät zu Bett. Im Haus meiner Großeltern war immer Weihnachten oder Thanksgiving oder der Vierte Juli, oder irgendwer feierte Geburtstag. Jedenfalls waren es immer glückliche Tage.

Gleich nach unserer Ankunft tippelte meine Großmutter in die Küche und holte etwas Frischgebackenes aus dem Ofen. Immer kam etwas Ungewöhnliches zum Vorschein. Meine Großmutter war der einzige Mensch, den ich jemals kennen gelernt hatte – vermutlich der einzige Mensch auf Erden –, der sich an die Rezepte auf den Rückseiten der Lebensmittelverpackungen hielt. Die Gerichte hatten Namen wie »Rice Krispies ’n’ Banana Chunks Upside-Down Cake« oder »Del Monte Lima Bean ’n’ Pretzels Party Snacks«. Meistens waren die eigenen Produkte des jeweiligen Herstellers unter den Zutaten verdächtig stark vertreten und erschienen in Zusammenstellungen, auf die man selbst – wenn überhaupt – nur im Fall einer besonders großen Hungersnot gekommen wäre. Für diese Gerichte sprach lediglich ihre Originalität. Ein Stück Torte oder ein dampfendes Stück Kuchen aus der Hand meiner Großmutter enthielt so ziemlich alles von Niblets Mais, Schokoladensplittern; Frühstücksfleisch und gewürfelten Karotten bis zu Erdnussbutter. Im Allgemeinen befanden sich auch Reiskrispies darin. Meine Großmutter hatte eine Schwäche für Reiskrispies und fügte grundsätzlich jedem Gericht ein paar Löffel bei, selbst wenn sie laut Rezept nicht hineingehörten. Sie war eine so schlechte Köchin, wie man es nur sein kann, ohne seine Mitmenschen ernstlich zu gefährden.

Heute scheint alles schon so lange her zu sein. Und das ist es wohl auch. Es ist so lange her, dass meine Großeltern noch ein Kurbeltelefon an der Wand hängen hatten, dessen Kurbel man drehen musste und dann sagen konnte: »Mabel, gib mir Gladys Scribbage. Ich möchte sie fragen, wie sie ihre Frosted Flakes ’n’ Cheez Whiz Party Nuggets macht.« Dann würde sich herausstellen, dass Gladys Scribbage schon in der Leitung war und heimlich mithörte, oder jemand anders hörte heimlich mit und wusste, wie man Frosted Flakes ’n’ Cheez Whiz Party Nuggets macht. Denn eigentlich hörte jeder heimlich mit. Wenn sie sich langweilte, hörte sich auch meine Großmutter die Telefongespräche anderer Leute an. Dann deckte sie mit einer Hand die Sprechmuschel ab und berichtete allen im Raum Anwesenden lebhaft von verstopften Dickdärmen, Schwangerschaftskomplikationen, Ehemännern, die sich mit der Bardame aus Vern’s Uptown Tavern and Supper Club nach Burlington abgesetzt hatten und von anderen Krisen aus dem Leben in einer kleinen Stadt. Während dieser Sitzungen durften wir keinen Ton von uns geben, was ich nie so recht verstanden habe, denn schließlich mischte sich meine Großmutter selbst gelegentlich ein, sobald die Dinge eine pikante Wendung nahmen. »Also, ich glaube, Merle ist ein ausgewachsener Schweinehund«, sagte sie dann. »Ja, wirklich. Hier spricht Maude Bryson, und ich wollte nur sagen, dass er ein absoluter Mistkerl ist, der armen Pearl das anzutun. Ach, übrigens, Mabel, weißt du, dass diese Stütz-BHs in Columbus Junction einen Dollar billiger sind?« Ungefähr 1962 kam die Telefongesellschaft und installierte im Haus meiner Großmutter – vermutlich auf nachdrücklichen Wunsch der übrigen Bürger von Winfield – ein normales Telefon ohne Gemeinschaftsanschluss. Das riss ein großes Loch in ihr Leben – ein Verlust, von dem sie sich nie wieder ganz erholen sollte.

Ich habe nicht wirklich erwartet, meine Großeltern am Tor wartend vorzufinden, zumal sie beide schon vor vielen Jahren gestorben sind. Doch vermutlich fuhr ich mit der vagen Hoffnung dorthin, dass heute ein anderes liebenswürdiges, altes Ehepaar dort leben und an meinen Erinnerungen Anteil nehmen würde. Vielleicht würden sie mich wie einen Enkel aufnehmen. Zumindest bin ich jedoch davon ausgegangen, dass das Haus meiner Großeltern noch genauso aussehen würde, wie ich es zuletzt gesehen hatte.

Es kam ganz anders. Die Straße zum Haus war noch immer mit leuchtend weißen Gipskieseln bestreut und wirbelte nach wie vor befriedigende Staubwolken auf, doch die Eisenbahnschienen waren verschwunden. Es gab nicht ein Anzeichen dafür, dass sie jemals existiert hatten. Auch die viktorianische Villa war nicht mehr da. An ihrer Stelle stand ein Bungalow, in dessen Garten Autos und Propangasflaschen wie Kinderspielzeug herumstanden. Weitaus schlimmer war, dass sich die Kuhweide in eine Fertighaussiedlung verwandelt hatte. Früher stand das Haus meiner Großeltern ein gutes Stück außerhalb der Stadt, eine Insel von Bäumen in einem Ozean von Wiesen. Nun wurde es von allen Seiten von kleinen Billighäusern bedrängt. Mit Entsetzen stellte ich fest, dass die Scheune nicht mehr stand. Irgendein Idiot hatte meine Scheune abgerissen! Und das Haus selbst – eine Bruchbude. Von Farbe war nicht mehr viel zu sehen. Die Sträucher hatte man entwurzelt, die Bäume gefällt. Das Gras stand hoch und war mit Hausabfällen übersät. Ich hielt mitten auf der Straße den Wagen an und starrte mir die Augen aus dem Kopf. Ich kann den Verlust, den ich empfand, nicht beschreiben. Die Hälfte meiner Erinnerungen befand sich in diesem Haus. Kurz darauf erschien eine enorm übergewichtige Frau in pinkfarbenen Shorts in der Tür. Sie sprach in ein Telefon mit einem anscheinend endlosen Kabel und erwiderte erstaunt meinen starrenden Blick.

Ich machte mich auf den Weg in die Stadt. Damals gab es entlang der Main Street von Winfield alles, was man in einer blühenden Kleinstadt erwarten durfte: zwei Lebensmittelgeschäfte, einen Kramladen, eine Kneipe, eine Billardhalle, eine Zeitung, eine Bank, einen Friseur, ein Postamt und zwei Tankstellen. Jeder kaufte hier, was er zum Leben brauchte, und jeder kannte jeden. Von den Läden waren nun nur noch eine Kneipe und ein Geschäft für landwirtschaftliche Geräte übrig geblieben. Dazwischen lagen ein halbes Dutzend leerer, von Gras überwucherter Grundstücke, auf denen man die alten Gebäude abgerissen hatte, ohne sie durch neue zu ersetzen. Die meisten der noch stehenden Häuser wirkten finster und waren mit Brettern vernagelt. Die ganze Szenerie erinnerte an eine vor langer Zeit verlassene und dem Verfall preisgegebene Filmkulisse.

Ich konnte mir nicht erklären, was sich hier abgespielt hatte. Die Leute mussten nun wohl dreißig Meilen fahren, nur um einen Laib Brot zu kaufen. Vor der Kneipe hing eine Gruppe jugendlicher Motorradrowdies herum. Ich wollte gerade anhalten, um sie zu fragen, was mit ihrer Stadt geschehen sei, da bemerkte mich einer von ihnen und zeigte mir den Finger. Ganz ohne Grund. Er war ungefähr vierzehn. Abrupt gab ich Gas und fuhr zurück in Richtung Highway 78, vorbei an den verstreuten Farmen und den Hügeln, die mir so vertraut waren wie mein eigenes, linkes Bein. Zum ersten Mal in meinem Leben kehrte ich einem Ort den Rücken und wusste, dass ich ihn nie wiedersehen würde. Es war alles sehr traurig, aber ich hätte es besser wissen müssen. Wie ich immer zu Thomas Wolfe zu sagen pflegte, gibt es drei Dinge im Leben, die unmöglich sind. Es ist unmöglich, aus einem Streit mit der Telefongesellschaft als Sieger hervorzugehen; es ist unmöglich, einen Kellner auf sich aufmerksam zu machen, solange der einen nicht bemerken will; und es ist unmöglich heimzukehren.

3

Mit einem Gefühl der Leere fuhr ich weiter nach Mount Pleasant, wo ich eine Kaffeepause einlegte. Ich hatte die Sonntagsausgabe der New York Times dabei. Dass man die New York Times nun auch in einem so entlegenen Teil der Welt wie Iowa am Erscheinungstag vom Automaten beziehen konnte, war eine der bedeutendsten Neuerungen, die mir seit meiner Ankunft aufgefallen waren; eine wahre Meisterleistung des Vertriebs. Wie ich die Sonntagsausgabe dieser Zeitung liebe! Ich zog mich in eine ruhige Ecke zurück und breitete sie vor mir aus. Von ihren zahlreichen Tugenden als Zeitung einmal abgesehen, vermittelt schon allein ihr Umfang ein angenehmes Gefühl der Sicherheit. Diese vor mir liegend Ausgabe muss wohl an die zehn bis zwölf Pfund gewogen haben. Sie hätte eine aus einer Entfernung von zwanzig Metern abgefeuerte Kugel aufhalten können. Ich habe einmal gelesen, dass für die Produktion einer Sonntagsausgabe der New York Times das Holz von 75 000 Bäumen benötigt wird. Jede einzelne Seite ist den Aufwand wert. Und was, wenn unseren Enkeln kein Sauerstoff zum Atmen bleibt? Zum Teufel mit ihnen.

Am liebsten lese ich in der Times jene Seiten, die so langweilig und unklar sind, dass sie eine Art einschläfernde Faszination auslösen – zum Beispiel die Kolumne »Wie verschönere ich mein Heim« (»Alles Wissenswerte über Schrauben und Verschlüsse«) oder die Briefmarkenrubrik (»Jubiläumsmarken zum 25-jährigen Bestehen der Luftfahrtedition«). Vor allem liebe ich die beiliegenden Werbeprospekte. Würde ein Bulgare von mir wissen wollen, wie es sich in Amerika leben lässt, würde ich ihm ohne Zögern raten, in einem Stoß Reklamebeilagen der New York Times zu blättern. Sie dokumentieren ein Leben in Reichtum und Vielfalt, das die wildesten Träume der meisten Ausländer in den Schatten stellt. Wie zur Illustration meines Standpunktes enthielt die vor mir liegende Ausgabe einen Geschenkkatalog der Zwingle Company of New York mit einer Riesenauswahl von Produkten aus der Schublade Überflüssiger-geht’s-nicht  – musikalische Schuhspanner, Regenschirme mit im Griff installiertem Transistorradio, elektrische Nagelzwicker. Welch ein großartiges Land! Am besten gefiel mir eine kleine, elektrische Heizplatte für den Schreibtisch, auf der man seinen Kaffee warm halten kann. Für Leute mit Gehirnschaden müssen diese Dinge ein wahrer Segen sein. Ebenso dankerfüllt dürften sich die Epileptiker im ganzen Land fühlen. (»Sehr geehrte Zwingle Company: Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie oft mich nach einem epileptischen Anfall die Angst gequält hat, mein Kaffee könnte kalt geworden sein.«) Im Ernst, wer kauft diese Sachen – silberne Zahnstocher, Unterhosen mit Monogramm oder einen Spiegel mit der Aufschrift »Mann des Jahres«? Wäre ich Geschäftsführer einer dieser Firmen, würde ich eine Tafel aus poliertem Mahagoniholz auf den Markt bringen, die auf einem Messingschild die Aufschrift trüge: »Na, wie findet ihr mich? Ich habe 22,95 Dollar für dieses absolut nutzlose Stück Scheiße bezahlt.« Ich bin sicher, die Dinger würden weggehen wie warme Semmeln.

Obwohl ich tief in meinem Innersten wusste, dass ich es bereuen würde, habe ich in einem Augenblick geistiger Verwirrung selbst einmal etwas aus einem dieser Kataloge bestellt. Es handelte sich um eine kleine Leselampe, die man an sein Buch klemmt, um die an seiner Seite schlummernde Frau nicht zu stören. In dieser Beziehung war die Lampe ein voller Erfolg, denn sie hat kaum funktioniert. Ihr absurd schwacher Lichtstrahl erreichte lediglich die ersten beiden Zeilen einer Seite. Im Katalog sah sie aus wie ein Scheinwerfer, mit dem man auf hoher See hätte Notsignale geben können. Nach ungefähr vier Minuten begann der Strahl zu flackern und erlosch. Ich habe die Lampe nie wieder benutzt. Die Sache ist die, dass ich von vornherein wusste, wie die Geschichte enden würde, nämlich mit einer bitteren Enttäuschung. Sollte ich jemals eine dieser Firmen leiten, würde ich den Leuten eine leere Kiste und die folgenden Zeilen schicken: »Um Ihnen die Enttäuschung zu ersparen, haben wir beschlossen, Ihnen die bestellte Ware nicht zu liefern, denn – wie Sie sehr wohl wissen – funktionieren die Dinger sowieso nicht. Lassen Sie sich dies eine Lehre sein.«

Ich legte den Zwingle-Katalog beiseite und befasste mich mit der Werbung für Lebensmittel und Haushaltsartikel. Da gab es haufenweise verlockende Hochglanzabbildungen von neuen, aufregenden Produkten – Produkten mit Namen wie Hunk o’ Meat Beef Stew ’n’ Gravy (»mit herzhaften, natürlichen und naturidentischen Rindfleischfasern«) und Sniffa-Snax (»Der aufregende, neuartige Snack, den man durch die Nase zu sich nimmt!«) und Country Sunshine Honey-Toasted Wheat Nut ’n’ Sugar Bits Breakfast Cereal (»Jetzt mit vitaminreichem, schokoladenüberzogenem Rosinenersatz!«). Diese neuartigen Produkte faszinierten mich maßlos. Hersteller und Konsumenten amerikanischen Junkfoods haben vor einiger Zeit auf der Suche nach immer neuen Gaumenkitzeln gemeinsam die Grenze des guten Geschmacks überschritten. Nun erinnern sie ein wenig an verzweifelte Fixer, die bereits jede bekannte Droge ausprobiert haben und jetzt so tief gesunken sind, dass sie sich WC-Reiniger in die Adern spritzen, um ihren Rausch zu steigern. In ganz Amerika sieht man zahllose schwammige Gestalten, die die Regale der Supermärkte nach neuen Genüssen absuchen in der Hoffnung, auf ein bisher unerprobtes Produkt zu stoßen, das in ihren Mündern ein Prickeln erzeugen und ihre lädierten Geschmacksknospen erregen könnte, wenn auch nur für einen kurzen Moment.

Der Konkurrenzkampf in dieser Branche ist gewaltig. Die Werbeprospekte für Nahrungsmittel lockten nicht nur mit Preisnachlässen von 50 Cents und dergleichen, die Hersteller honorierten die Rücksendung von zwei oder drei Etiketten ihres Markenzeichens zudem mit einem Hunk-o’-Meat-Badetuch, einem Country-Sunshine-Set, bestehend aus Schürze und Topflappen oder einer Sniffa-Snax-Heizplatte, die den Kaffee warm hält, während man auf Grund eines zu hohen Blutzuckerspiegels gelegentlich das Bewusstsein verliert. Interessanterweise unterschied sich diese Werbung kaum von der Werbung für Hundefutter, nur dass man hier im Allgemeinen auf den Zusatz von Schokoladenaroma verzichtete. Tatsächlich versprach jedes einzelne Produkt – vom WC-Reiniger mit Zitronenduft bis zur parfümierten Mülltüte – einen kurzen, berauschenden Glückszustand. Es ist also kein Wunder, dass man so viele Amerikaner trifft, die einen aus glasigen Augen anblicken. Sie sind ganz und gar mit Schadstoffen voll gepumpt.

Ich fuhr weiter über den Highway 218 in Richtung Süden nach Keokuk. Dieser Teil der Straße war auf meiner Karte als landschaftlich schöne Strecke gekennzeichnet – ein allerdings ziemlich relativer Begriff. Mit den landschaftlich schönen Strecken im Südosten Iowas ist es wie mit einem guten Barry-Manilow-Album: Man muss gewisse Abstriche machen. Verglichen mit einem Nachmittag in einem düsteren Zimmer, war die Fahrt recht nett. Aber verglichen mit, sagen wir, der Küstenstraße entlang der Halbinsel Sorrentine, wirkte diese Strecke doch eher ein wenig fade. Sie erschien mir weder reizvoller noch reizloser als die übrigen Straßen, über die ich an jenem Tag gefahren war. Keokuk ist eine Stadt am Mississippi River und befindet sich in einer breiten Biegung des Flusses, in der sich Iowa, Illinois und Missouri gegenüberliegen. Ich fuhr in Richtung Hannibal in Missouri und hoffte, auf dem Weg zur Brücke im Süden etwas von der Stadt sehen zu können. Doch ehe ich mich’s versah, befand ich mich auf einer Brücke, die in Richtung Osten nach Illinois führte. Das brachte mich so aus der Fassung, dass ich nur einen flüchtigen Blick auf den Fluss warf. Kaum hatte ich den schmierig braun glänzenden Strom wahrgenommen, war ich auch schon in Illinois. Ich hatte mich wirklich darauf gefreut, den Mississippi wiederzusehen. Ihn zu überqueren, war für mich als Kind jedes Mal ein Abenteuer. Dad rief dann immer »Hier ist der Mississippi, Kinder«, und wir drängelten uns am Fenster und fanden uns fast in den Wolken wieder. Die Brücke war so hoch, dass uns der Atem stockte, und der silbrige Fluss tief, tief unter uns zog majestätisch und gelassen seiner Wege. Man konnte meilenweit sehen – in Iowa eine ganz neue Erfahrung. Man sah Frachtkähne, Inseln und kleine Städte an den Ufern. Es war ein wundervoller Anblick. Und plötzlich war man in Illinois, und das Land war wieder flach und voller Kornfelder. Schweren Herzens wurde einem klar, dass das Abenteuer zu Ende war. Das musste als optische Stimulation bis auf weiteres genügen. Nun galt es aufs Neue, Hunderte von Meilen öder Kornfelder hinter sich zu bringen, bevor auch nur ein Hauch von Vergnügen zu erwarten war.

Nun war ich also in Illinois, im platten, langweiligen, kornbestandenen Illinois. Eine kindliche Stimme in mir schrie: »Wann sind wir endlich da? Ich langweile mich. Lasst uns nach Hause fahren. Wann sind wir endlich da?« Voller Zuversicht, bei dieser Etappe der Reise in Missouri angelangt zu sein, hatte ich im Autoatlas schon die Missouri-Seite aufgeschlagen. Missgelaunt hielt ich am Straßenrand und nahm eine Kurskorrektur vor. Direkt vor mir verkündete ein Schild ANSCHNALLEN. DAS IST PFLICHT, IN ILLINOIS. Gegen die Gesetze der Interpunktion zu verstoßen, gilt offensichtlich nicht als Straftat. Ich vertiefte mich in meine Straßenkarten. Wenn ich in Hamilton von diesem Highway abzweigen würde, könnte ich am Ostufer des Flusses entlangfahren und in Quincy die Staatsgrenze von Missouri überqueren. Die Straße war sogar als landschaftlich schöne Strecke gekennzeichnet. Vielleicht würde meine Schussligkeit doch noch zu etwas nütze sein.

Ich folgte der Straße durch Warsaw, ein kleines, heruntergekommenes Städtchen am Ufer des Mississippi. Ein Hügel fiel zum Fluss hin steil ab, um dann flacher und flacher zu werden – und wieder bekam ich den Mississippi nur für einen flüchtigen Moment zu Gesicht. Unvermittelt verwandelte sich die Landschaft in eine weite, angeschwemmte Ebene. Die Sonne stand schon tief am Himmel. Zu meiner Linken erstreckte sich eine Hügelkette, deren vereinzelte Bäume einen ersten Hauch ihrer Herbstfarben zeigten. Rechts der Straße war das Land so flach wie eine Tischplatte. Auf den Feldern wirbelten Mähdrescher Staubwolken auf und waren von früh bis spät damit beschäftigt, die Ernte einzubringen. In weiter Ferne fingen Getreideheber die bleichen Sonnenstrahlen auf und erstrahlten in grellem Weiß, als würden sie von innen erleuchtet. Irgendwo dahinten und immer unsichtbar lag der Fluss.

Ich fuhr weiter. Kein Hinweisschild wies mir den Weg. Schlecht oder gar nicht ausgeschilderte Straßen sind in Amerika alles andere als eine Seltenheit. Besonders auf Landstraßen, die von Nirgendwo nach Nirgendwo führen, muss man sich auf seinen Orientierungssinn verlassen – ein Umstand, der mich, das wollen wir hier nicht vergessen, erst vor wenigen Stunden in den falschen Staat gebracht hatte. Nach meinen Berechnungen musste die Sonne rechts von mir liegen, solange ich in Richtung Süden fuhr (eine Schlussfolgerung, bei der mir die Vorstellung zu Hilfe kam, ich würde in einem winzigen Auto über eine große Amerikakarte steuern). Doch die Straße wand und krümmte sich, so dass die Sonne mal vor mir, mal rechts oder links neben mir auftauchte, als wollte sie mich an der Nase herumführen. Zum ersten Mal an diesem Tag wurde mir wieder bewusst, dass ich mich am Ende der Welt befand, mitten auf einem riesigen Kontinent.

Ohne Vorwarnung verwandelte sich der Highway in eine Schotterpiste. Mit beängstigendem Getöse schlugen Gipssteinchen wie Pfeilspitzen gegen die Unterseite des Wagens. Visionen von zerborstenen Schläuchen und aus allen Ritzen spritzendem, heißem Öl stiegen in mir auf. Mich selbst sah ich schon neben einem qualmenden, zischenden Auto am Rand einer verlassenen Straße stehen. Die Sonne hatte inzwischen den Horizont erreicht und tauchte den Himmel in ein blasses Rosa. Mit einem unbehaglichen Gefühl in der Magengegend fuhr ich weiter und stellte mich darauf ein, die Nacht unter den Sternen zu verbringen, in Gesellschaft von hundeähnlichen Tieren, die an meinen Füßen schnüffelten, und Schlangen, die es sich auf meinem Hosenbein gemütlich machten. Vor mir auf der Straße nahm ein näher kommender Staubsturm die Gestalt eines Pick-up-Trucks an. Er raste mit höllischer Geschwindigkeit an mir vorbei, schleuderte steinerne Geschosse gegen meinen Wagen, die an die Seiten und gegen die Fenster prasselten, und ließ mich dann in einer Staubwolke treibend zurück.

Hilflos in den Dunst starrend, holperte ich weiter. Gerade rechtzeitig, um zu erkennen, dass gute fünf Meter vor mir eine Kreuzung mit Stoppschild lag, wurde die Sicht wieder klar. Ich fuhr mit einer Geschwindigkeit von fünfzig Meilen pro Stunde, hatte also auf einer Schotterstraße einen Bremsweg von ungefähr drei Meilen. Ich trat mit aller Kraft in die Bremsen und kreischte wie Tarzan, wenn er eine Liane verfehlt. Der Wagen geriet ins Schleudern, rutschte am Stoppschild vorbei auf einen asphaltierten Highway und kam dort mit sanftem Schaukeln zum Stehen. In diesem Augenblick ertönte die gewaltige Hupe eines gigantischen Sattelschleppers, der mit viel Getöse und Lichthupe an mir vorbeisauste und den Wagen erneut zum Schaukeln brachte. Wäre ich drei Sekunden früher auf den Highway geschlittert, hätte der Truck mich und den Wagen zu einem Etwas von der Größe eines Brühwürfels zermalmt. Ich stieg aus, um den Schaden zu begutachten. Es sah aus, als wäre das Auto im Sturzflug mit Mehl bombardiert worden. An einigen Stellen war der Lack abgesprungen, und das blanke Metall schimmerte durch. Ich dankte Gott, dass meine Mutter ein gutes Stück kleiner war als ich. Ich seufzte und fühlte mich plötzlich allein und weit weg von zu Hause. Dann bemerkte ich ein Straßenschild, das den Weg nach Quincy anzeigte. Der Wagen war in der richtigen Richtung zum Stehen gekommen. Wenigstens etwas.