Straßenschatten - Regine Kölpin - E-Book
Beschreibung

Irgendwann holen sie dich ein … Ein belegtes Brot für die Obdachlose Frieda, das gehört für die Oldenburger Studentin Paula zum täglichen Ritual. Doch eines Tages liegen nur noch ein verlassener Wollmantel und eine schäbige Isomatte an der Haltestelle Marschweg. Ein unbestimmtes Gefühl sagt Paula, dass Frieda nicht freiwillig verschwunden ist. Kurz darauf wird ganz in der Nähe ein anderer Obdachloser brutal zusammengeschlagen. Etwas geschieht auf den Straßen der Stadt. Jemand hat die Gestrauchelten ins Visier genommen, die dort ihr Schattendasein fristen. Als Paula sich auf die Suche nach Frieda macht, bekommt sie plötzlich Drohbriefe. Jemand beschattet sie. Paula fühlt sich verfolgt. Nach einem weiteren Anschlag auf die Obdachlosen werden der Polizei Beweisstücke zugeschoben, die ausgerechnet auf Paula als Täterin hindeuten. Wer will ihr da etwas anhängen? Hat die undurchsichtige Clique ihres Freundes Piet etwas damit zu tun? Warum verhält sich ihre Mitbewohnerin mit einem Mal so eigenartig? Paula weiß nicht mehr, wem sie vertrauen kann, sie spürt nur, dass sich die Schlinge um sie herum immer mehr zuzieht …

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Seitenzahl:370

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Regine Kölpin

Straßenschatten

Bisher von der Autorin bei KBV erschienen:

Vergangen ist nicht vorbei

Deichleichen (Hg.)

aufgebockt & abgemurkst (Hg.)

Muscheln, Möwen, Morde (Hg.)

Die Lebenspflückerin

Der Meerkristall

Das Signum der Täufer

Chillen, killen, campen (Hg.)

Regine Kölpin … hat zahlreiche Romane und Kurztexte (unter Regine Fiedler für Kinder und Jugendliche) publiziert und gibt auch Anthologien heraus. Regine Kölpin leitet Schreibwerkstätten in der Jugend- und Erwachsenenbildung und inszeniert historische Stadtführungen mit Lesungen an den Originalschauplätzen. Mehrfache Auszeichnungen, wie u. a. das Stipendium Tatort Töwerland 2010; Auszeichnung zur Starken Frau Frieslands 2011. Sie ist 1964 in Oberhausen geboren und lebt mit ihrer großen Familie in Friesland.

Regine Kölpin

Straßen

Schatten

THRILLER

Originalausgabe

© 2015 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim

www.kbv-verlag.de

E-Mail: info@kbv-verlag.de

Telefon: 0 65 93 - 998 96-0

Fax: 0 65 93 - 998 96-20

Umschlaggestaltung: Ralf Kramp

unter Verwendung von: © Photographee.eu · www.fotolia.de

Redaktion: Nicola Härms, Rheinbach

Print-ISBN 978-3-95441-236-5

E-Book-ISBN 978-3-95441-246-4

Inhalt

Tag 1

Tag 2

Tag 3

Tag 4

Tag 5

Tag 6

Tag 8

Tag 9

Tag 10

Tag 11

Tag 12

Tag 13

Tag 14

Danksagungen

Oldenburg, NiedersachsenNacht von Sonntag auf MontagBushaltestelle P+R Marschweg

Eine Nacht wie jede andere. Sie unterscheidet sich nicht wesentlich von anderen. Der Mond thront am Himmel, wird immer wieder von Wolkenfetzen verdeckt. Das Marschwegstadion klebt über der Szenerie wie ein Mahnmal, während das Summen der Autobahn ein beruhigendes Gefühl von Normalität vermittelt.

Heute aber gibt es keine Normalität. Heute schleicht sich die Gefahr wie auf vielen Katzenpfoten heran, wird gleich ihre tödlichen Krallen ausfahren und sich dann genauso lautlos zurückziehen, wie sie gekommen ist. Verhüllte Gesichter tasten sich näher, sehen ihre Opfer, die im Schutz der Plastikwand der Haltestelle kauern. Die Köpfe der beiden sind auf die Brust gesunken. Sie liegen nicht, sie hocken, so als wagten sie nicht, sich dem Schlaf ganz hinzugeben. Trotzdem ahnen sie nichts von dem, was gleich auf sie zukommt. So wie zwei Schäfchen, die sich von der Herde entfernt haben, ohne die Gefahr zu kennen. Und das nur, weil die Frau auf das Almosen hofft, das sie hier Morgen für Morgen erhält. Heute sind sie zu zweit, am nächsten Tag wird sie allein sein, wie immer. Oder auch nicht. Dieses Dasein ist nicht planbar, es gleicht den ziehenden Wolken am Himmel.

Die Frau wird bezahlen für eine alte Schuld. Sie wollte sie wiedergutmachen und ist gescheitert, so wie sie mit allem, was sie begonnen hat, gescheitert ist. Der Preis dafür ist hoch: Es soll ihr Leben kosten.

Der Überfall kommt plötzlich, wie aus dem Nichts. Schwarze Gestalten tauchen aus dem Dunkel auf, umstellen die Haltestelle. Menschen mit maskierten Gesichtern, aber mit Hass in den Augen. Abscheu, der sich gleich über den beiden wehrlosen Personen entladen wird. Egal, ob der Alte Teil des Auftrags ist oder nicht. Er wird mitbeseitigt. Dann kann er nicht reden. Lautlos saust der erste Hieb nieder, trifft auf zerberstende Gesichtsknochen. Der Mann sackt sofort in sich zusammen. Die Frau aber ist jünger. Flinker. Wie ein Wiesel schießt sie durch die schmale Lücke zwischen den Beinen ihrer Widersacher und hastet in die schützende Dunkelheit, in Richtung der Büsche am Marschwegstadion. Einer von ihnen verfolgt sie, doch sie kennt die Nacht besser als er. Sie ist dort zu Hause, seit vielen Jahren ein Schatten der Straße, der es vermag, unsichtbar zu sein. Der nur zum Vorschein kommt, wenn er es für richtig hält. Der Frau sind Wege bekannt, die ihr Verfolger nicht einmal erahnt. Sie entkommt, ohne eine Spur zu hinterlassen.

Die Wut entlädt sich nun ausschließlich gegen den Mann. Einer muss heute sterben. Die Alte holen sie später.

Er weint nicht, als Stiefel seinen Oberbauch treffen. Er wimmert nicht einmal. Nimmt die Schläge klaglos hin wie einen Schicksalsschlag, dem er ohnehin nicht entkommen kann. Es ist nicht das erste Mal, dass er »gestiefelt« wird.

Blut tropft auf das graue Pflaster, eine schmale rote Spur verläuft auf den Steinen und vermischt sich mit dem Fleck aus frischem Hundeurin. Oldenburg schläft um diese Zeit, und mit ihm jene, die dem Mann hätten zu Hilfe eilen können. Jetzt haben sie freie Hand.

Ein abschätzender Blick auf das zerfurchte Gesicht, auf die dreckigen Finger, die eben noch den Fetzen Lumpen umkrallt haben, sich nun aber nach und nach lösen. Der Alte öffnet die Augen. Klagt stumm an, versteht nicht, was geschieht. Ein dunkler Stiefel gräbt sich ein letztes Mal in seine Seite, entlockt ihm nun doch einen leisen Ton. Seine Lider zucken, auch das lässt von Sekunde zu Sekunde nach.

Einer der jungen Männer reibt sich die Faust. Die Knöchel seiner Hand haben menschliche Haut gespürt, die bei der Wucht des Aufpralls geplatzt ist. Jetzt klebt Blut an ihnen. Es hat geknackt wie morsche Äste, die unter Fußsohlen bersten. Egal, es ist kein Mensch, der dort liegt. Es ist Dreck. Abschaum. Müll. Der Typ quatscht nicht mehr. Nie wieder. Nicht über das, was war, nicht über das, was er weiß, nicht über das, was mit ihm geschehen ist. »Sollen wir ihn nicht wegbringen? Er kann woanders verrecken. Hier findet man ihn sofort.« Die Stimme klingt heiser, fast hysterisch, wie aus dem Off. Er muss sich zusammenreißen, darf keine Schwäche zeigen.

»Du hast recht. Besser, wenn der Typ nicht direkt auf dem Präsentierteller liegt. Je später sie ihn finden … Geben wir ihm dahinten den Rest.« Sie schleifen ihn weg. Der Kopf holpert über den Weg wie ein hüpfender Fußball, bis sie ihn in die Büsche hinter der Bushaltestelle gezerrt haben. »Habt ihr das Shirt?«

Einer zieht ein Messer. Ein anderer zerrt ein schwarz-pinkes Shirt aus der Tasche.

Plötzlich kommt Bewegung in die Gruppe. Aus der Ferne nähert sich ein Martinshorn. »Nichts wie weg!« Die Gestalten werden von der Dunkelheit verschluckt. Nur eine verharrt ein wenig länger, blickt auf das blasse Gesicht, das unter dem heraussickernden Blut kaum noch zu erkennen ist. Es wäre an ihm, dem Alten die Klinge ins Fleisch zu rammen und so ein Held zu sein. Seine Hand tastet sich in die Hosentasche, umfasst den Schaft, zieht das Klappmesser heraus. Es blitzt im Schein der Straßenlaterne kurz auf. Als er sich umsieht, wird der Himmel vom Blaulicht zerhackt. Er muss verschwinden. Ein Hieb mitten in die Brust. Er rutscht ab, hat nicht richtig getroffen. Er schnappt sich das Messer, rotzt dem alten Mann ins Gesicht, bevor er geht. Die Zweige der Büsche schnellen über dem Verletzten zusammen, verbergen gnädig, was keiner sehen will. Der Penner ist entsorgt. Wie das Taschentuch, mit dem sich einer von ihnen das Blut von den Händen gewischt und das er ein paar Meter weiter auf den Weg geworfen hat. Sie werden gleich irgendwo ein Bier trinken. Ausgiebig feiern. Auftrag ausgeführt.

Die Blaulichter biegen in den Sodenstich ab, kommen nicht an der Haltestelle Marschweg vorbei. Es wird ruhig am Stadion.

Als am frühen Morgen der erste Hund am Marschwegstadion vorbeikommt, schnüffelt der kurz am Gebüsch, kläfft, gehorcht seinem pfeifenden Herrn. Der aber sieht nur ein Papiertaschentuch, das auf dem Pflaster klebt und dessen Ecke vom seichten Wind hochgeweht wird.

Tag 1

MontagmorgenBushaltestelle P+R Marschweg

Die Frau war nicht da. Paula sah es schon, als sie mit dem Fahrrad auf die Haltestelle zufuhr. Das Bushäuschen und die Straße davor wirkten wie leer gefegt. Lediglich der schwarze Mantel und die fleckig-blaue Isomatte in der Ecke zeugten von ihr, der Obdachlosen, der Paula seit dem Sommer jeden Morgen ein belegtes Brot in die Hand drückte. Eine Obdachlose, eine von vielen, die in der Stadt lebten und die sich vor allem am Abend und in der Nacht an der Hunte unter der Autobahnbrücke am Westfalendamm trafen. Tagsüber saßen sie am Netto-Markt an der Nadorster Straße oder gingen um die Ecke zur Obdachlosenhilfe. Ein paar sah Paula auch immer an der Lambertikirche.

Der Wind pfiff unangenehm über die Straße, dunkle Wolken türmten sich auf. Paula kam sich beobachtet vor. Hier stimmte etwas nicht. Sie stellte das Rad ab und sah hinter die Haltestelle, ging dann um das Bushäuschen, blickte in Richtung Stadion. Die Metalltüren waren wie immer, wenn kein Fußballspiel war, fest verschlossen. Die bunten Toilettenhäuschen waren die einzigen Farbtupfer. Paula umrundete auch das hinter der Haltestelle liegende Gebüsch, doch außer einer leeren Schnapsflasche, einem benutzten Kondom und einer weggeworfenen Tabakpackung bemerkte sie nichts Auffälliges. Alles war wie immer. Die Frau aber war wie vom Erdboden verschluckt.

Als Paula wieder bei ihrem Rad angelangt war, hatte sich das ungute Bauchgefühl noch verstärkt. Wo steckte die Frau, deren Namen sie nicht kannte, mit der sie noch nie im Leben ein Wort gewechselt hatte und die ihr doch irgendwie nahe war. Ich fühle mich verantwortlich, dachte Paula. Verdammt noch mal verantwortlich. Das Hupen eines Autos ließ Paula zusammenzucken und holte sie aus ihren Gedanken zurück. Sie sollte sich beeilen, die Vorlesung an der Uni begann gleich, und sie war ohnehin spät dran. Um die Frau musste sie sich später Gedanken machen.

MontagmorgenSchlosspark Oldenburg

Sie war entkommen. Unter ihr war nur noch der Dreck auf dem Boden. Tiefer konnte man nicht sinken. Nicht mehr unterwegs, festgewachsen in der Stadt, die einen auch nicht haben will. So wie die Ratten. Frieda kauerte jetzt im Schlosspark hinter einer der Bänke, den Schal fest ins Gesicht gezogen. Besser, niemand sah ihr Gesicht. Falls sie kommen sollten. Sie holen. Noch einmal draufhauen. Sie töten wie den Mann gestern, der mit ihr an der Haltestelle die Nacht verbringen wollte, weil es unter der Brücke am Westfalendamm, wo sie in der Nacht meist auf Platte waren, Stunk gegeben hatte. Ein paar Berber, Herumstreunende, die mal hier, mal dort in den Städten unterwegs waren, hatten Ansprüche angemeldet, weil sie in der Obdachlosenunterkunft keinen Platz mehr bekommen oder sie gar nicht erst gefunden hatten. Was auch immer. Frieda hatte nicht so genau hingehört. Jedenfalls war der Plastikkönig ausgetickt, hatte sich als Boss aufgespielt, und Frieda war gegangen.

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