Strand ohne Wiederkehr - Arnd Rüskamp - E-Book

Strand ohne Wiederkehr E-Book

Arnd Rüskamp

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Beschreibung

Eckernförde steht unter Schock: Am Südstrand verschwinden seit Monaten immer wieder Männer – spurlos. Rasmussen versucht, Licht in das Dunkel zu bringen, doch er findet keine Erklärung. Erst ein Mordfall und die Rückkehr der Brix führen das Team auf eine neue Fährte. Bei ihren Nachforschungen stoßen sie im beschaulichen Ostseebad auf eine Spirale von Selbstsucht und Gewalt. Rasmussen und die Brix ermitteln wie immer – der eine eigenwillig, die andere charmant – und decken Verbrechen auf, die die Eckernförder Bucht über fast ein Jahr in Atem halten.

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Hendrik Neubauer ist in Hamburg geboren und in Trittau aufgewachsen. Während er in Kiel studierte, lernte er im Sommer die Eckernförder Bucht schätzen. Danach zog es ihn in den wilden Westen der Republik. Nach über zwanzig Jahren in der Diaspora lebt er nun als Autor und Publizist wieder im hohen Norden. Ungefähr in der Mitte zwischen Eckernförde und Kiel, aber Hauptsache, an der See.

Arnd Rüskamp ist am südlichen Rand des Ruhrgebietes am Baldeneysee geboren. Er hat Publizistik studiert, war Reporter und Moderator, Soldat und Biker, Autor und Verleger. Heute verdient er sein Geld noch immer in den Medien, hat aber erkannt, dass sein berufliches Glück zwischen zwei Buchdeckeln liegt. Dort macht er für sich und seine Leser/-innen Grenzerfahrungen zwischen Fiktion und Realität. Er lebt im Ruhrgebiet und in seiner Wahlheimat zwischen Schlei und Ostsee. Er ist Mitglied im »Syndikat«.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2016 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: fotolia.com/Frofoto Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch Lektorat: Hilla Czinczoll eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-96041-139-0 Küsten Krimi Originalausgabe

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Träum, das Leben ist hartSchwimm im Meer von BlumenDoch Haie lechzen nach BlutSie spüren die Hitze, unsere Glut.

»Wenn Möwen schreien«, Hans Dylans Hommage an Prince

Prolog

Eckernförde. Das war sein erster Gedanke, als er die Wettervorhersage gehört hatte. Der Südstrand. Mit den Füßen im Sand spielen, sich von der Sonne aufheizen lassen, ins kühlende Wasser der Ostsee rennen. Noch am Abend hatte er seine Tasche gepackt. Ein Buch, die neue Sonnenbrille, ein Handtuch, ein Strandtuch und Sonnenmilch. Mehr würde er nicht brauchen.

Die Meteorologin hatte recht behalten. Der Himmel war wolkenlos, blau, weit. Dann machte er den ersten Schritt auf den Strand, spürte den Sand unter den Flip-Flops. »Das hast du gut gemacht«, sagte er zu sich selbst. Er ging in Richtung »Strandbude«, suchte sich einen Platz im niedrigen Dünengürtel. Das T-Shirt zog er aus, eingecremt hatte er sich schon zu Hause. Möwen schrien, ein Hund bellte. Er legte sich auf den Bauch und schlug sein Buch auf.

Das Kapitel war lang, die Sonne warm. Träge richtete er sich auf, legte die Sonnenbrille unter das aufgeklappte Buch und ging zum Wasser runter. Nachdem er sich an die Kälte gewöhnt hatte, machte er lange, kräftige Züge hinaus in die Eckernförder Bucht, legte sich auf den Rücken und blinzelte in die Sonne.

Etwas berührte ihn an seinem rechten Bein. Quallen, dachte er, drehte sich und legte das Gesicht ins Wasser. Das Wasser war trüb, nichts zu sehen. Oder doch? Ein dunkler Schatten, der sich von vorn um ihn herum nach hinten bewegte. Schemenhaft. Delfine, ging es ihm durch den Kopf. Er trat Wasser, drehte den Kopf nach links und rechts. Er paddelte mit den Händen, drehte sich um seine eigene Achse, sah den Strand, fühlte eine kühle, aufsteigende Strömung an seinem Rücken, hörte ein leises Glucksen. Etwas wurde ihm mit großer Kraft über den Kopf gestülpt. Etwas drückte ihn rasend schnell unter Wasser. Etwas übermannte ihn. Er schrie.

11Monate später

Dafür nicht

»Das war ein ganz schlechter Abgang, Margarete«, sagte Rasmussen auf einmal und schaute die Brix einigermaßen zerknirscht an. Vor ihm stand sein Teller. Unangerührt. Steak-frites. Sie waren der Empfehlung des Kellners im Fischerhaus in Schuby gefolgt.

»Hans, sprich bitte nicht in Rätseln.« Die Brix schien fast entrüstet, ließ sich aber nicht weiter vom Essen abhalten. »Du, das schmeckt köstlich. Iss doch!«

»Warum hattest du mich nicht in deine Pläne eingeweiht? Am Ende kam nur diese schnöde Mail. ›Ich gehe auf Weltreise. In den nächsten Monaten musst du auf meine Mithilfe verzichten‹«, mokierte sich der Hauptkommissar, dann machte er eine lange Pause. »Als ob es darum ginge. Amtshilfe. Ich habe dich vermisst, meine liebe Frau Brix.« Er zog eine Flunsch.

Jetzt griff er immerhin schon mal nach dem Besteck. Messer und Gabel aufrecht in den Händen. Sein Tellergericht rührte er aber nicht an.

Bis die Steaks aufgetragen wurden, war alles gut gewesen. Schon bei der Begrüßung mitten im Gastraum hatte es so ausgesehen, als wollte Rasmussen die Brix überhaupt nicht mehr loslassen. Und noch ein Wangenküsschen und noch eins. Das war ansonsten nicht seine Art, ältere Damen in der Öffentlichkeit in körperlichen Gewahrsam zu nehmen.

Das Fischerhaus war an diesem Abend voll ausgebucht, es war der letzte Tisch, wie seine Assistentin Calloe mehrmals betont hatte. Die Brix hatte von der Reise erzählt. Die ersten Wochen war sie allein unterwegs, sie nannte das ihre persönliche Pilgerreise. Mit Antwerpen und Brügge hatte sie angefangen. Auf den Spuren von Caroline von Iven, der Schlei-Diva, und warum nicht mal wieder in den Louvre? Ja, in Paris hatte sie es allerdings nur einen Tag ausgehalten, um sich dann in Barcelona zu verlieben. Drei Wochen in der katalanischen Hafenstadt, die kenne sie ab sofort wie ihre Handtasche. Sevilla stand als Nächstes auf dem Plan und später rüber nach Tanger. Aber da kam Fiete Burmester dazu, der alte Baulöwe aus Eckernförde. Nach einem Kurztrip nach Marrakesch mit Elias Canetti im Reisegepäck waren sie nach Rom und von da aus nach Tel Aviv geflogen.

Rasmussen hatte gemerkt, wie seine Gedanken immer mehr abschweiften. Die Brix sparte aber auch nicht mit Details. »Du machst dir ja gar keine Vorstellung, mien Jung«, rief sie immer wieder aus und legte wieder los. Bauhaus in Tel Aviv war das Letzte, was er realisiert hatte. Es gebe dort viele tausend Gebäude, deren Fassaden mit Bauhaus oder Art déco spielten, sie seien aber doch eher dem International Style zuzuordnen. Nur wenige dieser Gebäude seien saniert, und Fiete auf seine alten Tage träume davon, dieses Weltkulturerbe zu retten. Es sei aber auch eine Schande, die meisten Bauten seien eingerüstet, bröckelnder Putz, verwitterter Beton und Kabelage, die die Außenwände wie hässliche Spinnennetze überziehe. Das sehe alles ein wenig nach südamerikanischem Slum aus, und es rieche vor allem auch so.

Von da an war er aus den Reiseanekdoten der Brix ausgestiegen und hatte sie nur noch betrachtet. Das türkise Hütchen wippte neckisch. Sie hatte einen gesunden Teint, nicht verbrannt, aber schön braun. Die Falten umspielten ihre blauen Augen. Sie strahlte vor sich hin, mochte auch ihr Mundwerk nicht stillstehen. Ihr türkises Kleid war hochgeschlossen, aber ärmellos. Welche Frau in ihrem Alter konnte das noch tragen? Sie ging immerhin auf Mitte siebzig zu.

Die Brix unterstrich ihre Ausführungen mit ausdrucksvoller Mimik und ausladenden Gesten. Gab es eigentlich noch eine Person im Fischerhaus, die ihr nicht zuhörte, wenn man von dem Hauptkommissar absah? Rasmussen dagegen erinnerte sich gerade an den letzten Frühsommer im Ykærnehus. Die Brix hatte eingeladen, und als er sich in ihrem kleinen Flur schließlich als Letzter verabschiedete, hatte sich die Brix versonnen im Spiegel betrachtet. Sie schwärmte selbstbesoffen von ihrem Dekolleté, und draußen auf dem Flur hätte er fast angefangen zu prusten. Aber hatte sie nicht recht?

»Hans, hörst du mir überhaupt noch zu?« Die Brix beugte sich vor.

»Maggie, was glaubst du denn?«, empörte sich Rasmussen. Er nippte an seinem Pils.

Die Brix verkniff es sich, aber sie hätte den Hauptkommissar gern nach dem letzten Ort gefragt, von dem sie eben so leidenschaftlich berichtet hatte. Feuerland. Fiete Burmester wollte doch einmal im Leben Kap Hoorn umfahren– gesagt, getan. Rasmussen würde das zwangsläufig und mehrmals in allen Einzelheiten erfahren, dafür würde Fiete schon sorgen.

Die Brix hatte ihr Glas Weißwein gehoben und einen guten Appetit gewünscht, denn die beiden Portionen Steak-frites waren gerade aufgetragen worden.

Rasmussen konnte es sich nicht erklären, aber in diesem Augenblick war er schlecht draufgekommen. Sosehr er sich freute, dass die Brix wieder vor ihm saß, so sehr ärgerte ihn ihr plötzliches Verschwinden im letzten Sommer. Immer noch. Dabei war das ja noch längst nicht alles. Keine einzige Nachricht hatte er über die Monate bekommen, dabei wusste er, dass sie regelmäßig Kontakt mit dem Ykærnehus gehalten hatte. Nicht umsonst war ihr ja Fiete Burmester nachgereist. Wenn sie wüsste, wie abgehängt er sich gefühlt hatte. Wenn er daran dachte, verging ihm immer noch der Appetit. Tja, dann war es aus ihm herausgeplatzt. Das mit dem schlechten Abgang.

»Hans, bist du bereit zum Gefecht?«, versuchte die Brix die Situation aufzulösen.

»Pardon, aber es musste sein«, lenkte Rasmussen ein und ließ das Besteck sinken. Er begann, sein Steak zu schneiden.

»Dafür nicht, mien Jung«, sagte die Brix.

Nach Mitternacht

Die beiden jungen Männer wurden hin und her geschleudert. Mit quietschenden Reifen bog der Bulli auf den Parkplatz des Discounters. Der Mann mit den Rastalocken hatte einem Transporter ausweichen müssen, der ohne Licht und mit hoher Geschwindigkeit vom Platz gerast war.

»Digger, das war brenzlig«, sagte der mit der Kappe und zog an seinem Joint. Rauch stand in der Fahrerkabine. »Fahr aber diesmal gleich rückwärts an das Tor.« Er drückte die Kippe aus und holte den Bolzenschneider unter dem Beifahrersitz hervor. Bevor er ausstieg, zog er sich die Kapuze über die Kappe. Nur noch der Schirm war zu sehen.

Der Rastamann zog den Schlüssel ab. Mütze auf, Schal ins Gesicht und raus. »Mann, mach hier draußen bloß die Kopflampe aus.« Schon wurde es duster. »Krass, eh, das Tor ist offen.«

Die beiden liefen zu den Containern. »Die Schlösser hier sind auch geknackt.«

»Da waren wohl vor uns schon welche da, aber hol für alle Fälle schon mal die Wannen.« Dann verschwand der mit der Kappe im Bauch eines der drei Müllcontainer.

Dem Schweinesystem den Mittelfinger zeigen, nannten sie das. Letzte Woche hatten sie hier Unmengen Bananen gesichert. Die beiden hatten Routine. Zielsicher pickten sie sich alles, was noch halbwegs fest war, aus den Abfällen heraus. Orangen mit Druckstellen und Kartoffeln mit Trieben. Das wurde ja alles in Netzbeuteln und sackweise weggeworfen. Und eben die braunen Bananen. Ihnen sollte es recht sein. Die Bananenshakes der letzten Tage hatten lecker geschmeckt.

»Mach zu, die Wannen sind bald voll. Wir sollten abhauen.«

»Warte, ich tauch noch mal in den dahinten.«

Der Rastamann sprang hoch auf die Kante und fiel tiefer als erwartet. Es rumste. Er fluchte.

»Komm, fette Beute, Gefrorenes, und was für Stücke.« Der Rastamann hievte das Zeug im Dunkeln hoch, und der mit der Kappe nahm es an.

Im Schutz der Dunkelheit

Galant reichte Rasmussen seiner Begleiterin den Arm, als sie vor die Tür des Fischerhauses traten. Das warme Licht der beiden Wandleuchten ließ die Blätter der mächtigen Platanen wie einen Baldachin erscheinen. Mild lächelnd genoss die Brix seine Aufmerksamkeit. Rasmussen öffnete den Wagenschlag, sie drehte sich zu ihm hin, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange.

»Von meiner nächsten Reise erfährst du als Erster.« Damit stieg sie ein. Die Tür fiel ins Schloss, und für einen Moment– Hans umrundete den Volvo– spürte sie eine Stille, die nach Heimat klang. Erst oben auf der B203, als Rasmussen mit ein bisschen Mühe den fünften Gang eingelegt hatte, fand die Brix wieder ins Hier und Jetzt.

»Dem Abgang, Hans, meinem Abgang, wie du das genannt hast, ging etwas voraus. Ein ganzes Leben beinahe und Jahre, letzte Jahre, die mich zu viel Kraft gekostet haben. Solange ich in Amt und Würden war, solange ich Recht sprach, respektierte man meine Abwesenheiten und erklärte sie mit den Erfordernissen meiner Arbeit. Als ich im Ruhestand angekommen war, behandelte man mich, als sei ich Freiwild. Ich wurde vereinnahmt. Meist ungefragt.« Sie stemmte sich in den Sitz. »Frau Brix hier, Margarete dort. Ein Sitz im Aufsichtsrat, ein Ehrenamt im Kirchenchor, ein Vortrag beim Juristentag, ein Aufsatz für die Zeitung.«

Die Brix griff nach dem Becher in der Mittelkonsole, trank, ihr Mund war trocken geworden, und verzog das Gesicht. Der Kaffee war ein Rest vom Vortag.

»Kein unbeobachteter Moment zwischen Borby und Kiekut«, fuhr sie fort. »Grüßende Gesten aus fahrenden Autos, über den Markt gebrüllte Wünsche, tuschelnde Tanten, wenn ich mit den Knilchen vor dem Luzifer saß. Ich kam mir vor wie in ›Die 1000 Augen des Dr.Mabuse‹. Eckernförde erschien mir wie ein Krake, der seine Arme nach mir ausstreckt. Und erwartet wurden Verständnis, Urteilsvermögen, Weisheit und, das war das Schlimmste: Anstand. Die Brix, der personifizierte Anstand. Hans, ich müsste da mal raus.«

Sie schaute aus dem Fenster. Blumen Denzer. Sie brauchte eine neue Bepflanzung für ihren Balkon.

»In San Francisco, Hans, in San Francisco habe ich in den Pazifik gekotzt.«

»Stell dir vor, Schwarzenegger hätte dich erwischt.«

Der Volvo legte sich gefährlich in die Kurve.

Die Brix legte Rasmussen eine Hand auf die Schulter. »Ich muss was ändern, Hans, sonst halte ich es hier nicht mehr aus. Ich brauche ein neues Image.«

»Bist du es nicht gewesen, die mich in den letzten Jahren immer wieder zurechtgestutzt hat, wenn ich wegwollte?«

»Du willst ja für immer gehen, ich war nur vorübergehend weg. Wenn auch für fast ein Jahr. Außerdem liegt der Fall bei dir anders. Du unterliegst nicht der sozialen Kontrolle. Du bist im Dienst, dann vertrittst du den Staat. Du bist nicht im Dienst, dann bist du privat. Eckernförde hat mich twenty-four seven im Griff. Mir hat man einen Heiligenschein verpasst. Hüte dich vor Heiligenscheinen.«

Rasmussen bog von der Bundesstraße in die Stadt ab. »Da sagst du was. Heiligenschein. Was ist uns eigentlich heilig? Ist da noch was? Was liegt uns wirklich am Herzen? Ich habe in den letzten Monaten erkannt, dass mir Eckernförde am Herzen liegt. Nicht die Enge, nicht die Neubauten. Ich habe lange überlegt, was genau es war. Ich weiß es jetzt. Ich fühlte mich behütet. Ich fühlte mich sicher.«

»Und das hat sich geändert?«, fragte die Brix.

»Maggie, ich wollte schon den ganzen Abend darüber sprechen. Aber du solltest erst mal ankommen. Wir haben hier einen Fall, was sag ich, wir haben hier Fälle, die die ganze Stadt auf den Kopf stellen. Eckernförde dreht durch. Du gehst durch die Kieler Straße, du gehst zu Fisch&Meer, du gehst ins Utgard. Überall heißt es nur, Mensch, hast du schon gehört? Schon wieder einer weg! Einfach weg! Die gehen baden und kommen nicht mehr an Land. Hast du davon denn nichts mitgekriegt da draußen in der weiten Welt? Wir waren sogar schon in der Tagesschau.«

Rasmussen schäumte sichtlich, er fuhr sich während seines Ausbruchs immer wieder mit der rechten Hand durch die Haare. Nestelte an der Brille. Traktierte den Schalthebel des Volvos.

»Oh my God! Hans, ich hatte Eckenförde ausgeblendet, ich war enthaltsam. Ganz konsequent. Und Fiete habe ich zum Schweigen verdonnert, wenn er seinen Dackelblick aufsetzte und in den Heimwehmodus wechselte.« Die Brix nahm ihr türkises Hütchen ab und richtete sich ein wenig die Haare. »Tja, und nun?«, sagte sie und musterte ihre Kopfbedeckung.

Rasmussen schüttelte den Kopf »Warte, ich bin noch nicht fertig. Ich habe getobt, Maggie, ich habe wirklich getobt. Till Meermann, gerade dreiundzwanzig Jahre alt, fuhr aus Rendsburg zum Baden an den Südstrand. Das war am 16.Juli im letzten Jahr. Vor elf Monaten. Tags drauf wurde er als vermisst gemeldet. Badegäste haben ausgesagt, sie hätten ihn eben noch gesehen. Und im nächsten Moment: einfach weg. Maggie, mir stellen sich die Nackenhaare auf, wenn ich nur daran denke. Nach einer quälend langen Woche wurde klar, dass er nicht ertrunken ist, dass er nicht am Grund der Bucht liegt, dass er verschwunden ist, einfach so. Da hat mir jemand etwas sehr Wertvolles weggenommen. Mein Eckernförde.«

Rasmussen schlug sich an die Brust. Er schlug gegen die Armaturenabdeckung. »Ich finde keine Worte für einen Menschen, der so etwas tut. Und ich habe mir geschworen, dass ich Till finde. Dass ich mir meine Stadt zurückhole. Was immer dafür nötig sein wird. Aber das war leider noch nicht alles.«

Er kniff die Lippen zusammen, knirschte mit den Zähnen. Der Brix wurde leicht unwohl, Rasmussen wurde immer lauter. Sie hatte einen Jetlag, war heute Morgen erst in Hamburg gelandet, und nun war sie angesäuselt. Sie starrte geradeaus in das Dämmerlicht der Straßenbeleuchtung. Rasmussen hatte den Volvo gestoppt, den Motor abgestellt. Vor ihnen lag das Ykærnehus. Still und friedlich.

»Fünf. Es sind fünf Männer, die sich jemand aus unserer Bucht geholt hat.« Das sagte Rasmussen in die Stille hinein.

Die Brix drehte sich weg, dann wieder zu Rasmussen hin. »Fünf Vermisste, spurlos Vermisste. Über Monate? Und alle sind am Südstrand verschwunden?«

Rasmussen nickte. »Wir gehen davon aus, dass die Männer entführt worden sind. Wobei sich bei keinem der Vermissten Anhaltspunkte ergeben haben. Bürgerliche Milieus. Keine Straftaten, keine Erpressungsversuche. Keine Augenzeugen. Nur Männer, die von einer Minute auf die andere verschwunden sind. Die Angst geht um. Die Menschen sprechen von der Bermuda-Bucht. Und du kannst dir ja vorstellen, was auf der Zentralstation los ist. Die Staatsanwältin macht ungeheuren Druck. Und das Team rackert und rackert. Morgen trifft sich turnusmäßig die Sonderkommission. Maggie, Image hin, Image her. Ich habe verstanden, dass du dich bedrängt gefühlt hast. Ich bin da sicher nicht ganz unschuldig dran und werde mich in Zukunft zurückhalten. Versprochen. Aber jetzt brauchen wir dich. Wir haben Not. Und ich brauche dich auch.«

Die Brix nickte Rasmussen zu, stieg aus, schloss die Tür, legte ihre Hand kurz an die Seitenscheibe und ging.

Horror am Hausstrand

Rasmussen war aufgewühlt. Und bevor er sich’s versah, war er auf dem Weg an den Südstrand. Der Kommissar konnte nach dem Abend mit der Brix nicht nach Missunde in seine Mansardenwohnung fahren. Er hatte sich beherrschen müssen, seine mütterliche Freundin nach der langen Reise ankommen zu lassen. Sie nicht gleich mit den Ereignissen des letzten Jahres zu überfallen. Jetzt musste er einfach an den Ort, der ihn seit Monaten umtrieb.

In den Wochen nach dem ersten Fall war alles Routine gewesen. Auf der Zentralstation hatten sie sich gegenseitig zugeraunt: »Das wird schon.«– »Klar doch.«– »Bisher haben wir fast jeden Fall gelöst.« Der Routinesprech war aber immer mehr in Bestürzung umgeschlagen. Sie hatten in ihren Köpfen Gruselfilme gedreht. Ihre Phantasie war zu immer neuen Episoden aufgebrochen. Die Teamsitzungen gerieten zunehmend zu kleinen Horrorshows. Die Hoffnung, dass die Leiche von Till Meermann irgendwann von selbst auftauchen würde, war schwer enttäuscht worden. Von Anfang an hatten sie mit Hilfe der Marinetaucher die ganze Eckernförder Bucht durchpflügt. Keine Leiche, keine Spuren. Bei den Befragungen von Familie und Freunden war deutlich geworden, dass Till Meermann keinerlei Selbstmordabsichten gehabt hatte. Als binnen weniger Wochen noch drei weitere Männer spurlos verschwanden, drehten die Ermittler langsam durch. Die Vermissten hatten alle am Südstrand gebadet und wurden danach nicht mehr gesehen.

»Vermisst– das macht die Menschen verrückt. Das ist schlimmer als mausetot«, das betonte sein Kollege Hinrichsen immer wieder zu Beginn ihrer Teamsitzungen in der Zentralstation. Als wüssten es die anderen nicht, als empfänden sie nicht auch so. Monatelang hatten sie in den Biografien der verloren gegangenen Badenden herumgestochert. Kein Anzeichen einer Typologie bis auf die Tatsache, dass zwischen den Vermissten überhaupt kein Zusammenhang bestand. Meermann kam aus Rendsburg, ein Sportstudent, dann hatten sie noch einen dänischen Landwirt, einen Saarländer, Vater von zwei kleinen Kindern, und einen alleinstehenden Soldaten aus Dresden.

»Die Eckernförder Bucht frisst ihre Besucher.« Schlagzeilen wie diese waren Ende der letzten Badesaison in der überregionalen Presse zu lesen gewesen, die örtliche Presse hielt sich zurück. »Da sitzen ja auch kühle Köpfe«, hatte die Staatsanwältin mehr als einmal verlauten lassen. Das half nur nichts, denn von Fall zu Fall stieg die Aufregung in der Stadt, abzulesen an den Hinweisen aus der Bevölkerung. Die Anzahl stieg mit der Hysterie, und die Hinweise hielten sie alle auf Trab. Nur, es hatte zu nichts geführt. Unterdessen kamen weiterhin Touristen nach Eckernförde, und sie gingen weiterhin baden, auch am Südstrand.

Sie hatten Frühsommer, die neue Saison begann, und die Aufregung kochte erneut hoch. Denn im Mai hatte es wieder einen neuen Fall gegeben. Michael Meier, zweiundvierzig Jahre alt. Der Handelsvertreter aus Köln war gerade zwei Tage in Eckernförde gewesen. Nach dem Frühstück in Heldts Hotel war er zu Fuß an den Südstrand gelaufen. An der Strandbar hatte er sich noch einen Kaffee geholt. Ein Strandläufer wollte Meier gegen Mittag gesehen haben, wie er sich in vollem Lauf und kopfüber ins Wasser gestürzt hatte. Mit schnellen Zügen war er aus dem Blickfeld entschwunden. Das war das letzte Lebenszeichen von Meier gewesen.

Der Vertreter war eine auffällige Erscheinung, Calloe sprach gar von gut aussehend. Der Männergeschmack seiner Assistentin wurde Rasmussen immer suspekter, das ließ er sie auch wissen.

Bei Meier handelte es sich um einen besonderen Fall. Die Angehörigen der anderen Vermissten waren regelgerecht Amok gelaufen, und das über Monate. Meier dagegen schien vollkommen isoliert gelebt zu haben. Angehörige hatten bei der Erwähnung seines Namens den Hörer aufgeworfen. Calloe hatte beim Arbeitgeber durchgeklingelt. Selbst der schien seinen Handelsreisenden nicht sonderlich zu vermissen. Die Nachforschungen hatten ergeben, dass es sich bei ihm um eine aalglatte Type handelte. Ein Single und Großmaul sondergleichen.

Die B76 war kurz vor Mitternacht wie leer gefegt. Rasmussen bog auf den Parkplatz ab, ließ den Volvo ausrollen und hielt direkt neben dem blau-weißen Kombi von Polizeiobermeister Schrader. Der hatte es geschafft. Die Verwaltung hatte den Dienst-Passat-Diesel in einen BMW-Benziner umgetauscht. Was er offensichtlich nicht schaffte, war, den Fall aus dem Kopf zu bekommen. Da ging es ihm wie seinem Vorgesetzten. Seit Stunden Dienstschluss, und sie trafen sich am Südstrand.

Rasmussen stieg aus. Abschließen? Bei seiner Karre Fehlanzeige, die Zentralverriegelung war schon länger defekt. Wer sollte diesen alten Volvo klauen, vor allem, wenn er auch noch neben einem Einsatzfahrzeug stand?

Das Meer rollte, und der Wind pfiff leise vor sich hin. Hinter der Düne ließ Rasmussen den Blick schweifen. Hier war in der Tat noch Betrieb. Zwei kleine Gruppen konnte er in Richtung Aschau ausmachen. Junge Stimmen wehten herüber. Pling-pling-pling. Irgendein Saiteninstrument machte rhythmische Geräusche. Dimderimdimdim. »This is what it sounds like when doves cry.« Dimderimdimdim. Dieser Song von Prince flog ihn an.

Der Kommissar folgte dem Laufsteg entlang des Pavillons über den Sandstrand und lief direkt auf einen DLRG-Hochsitz zu. Rasmussen erkannte eine Decke, an deren oberem Ende eine Dienstmütze herauswuchs. Schrader saß bewegungslos in seinem Ausguck.

»Moin«, begrüßte der Hauptkommissar den Schutzpolizisten.

»Moin, Rasmussen. Sagen Sie nichts. Ich habe Sie schon gehört, als Sie Ihren alten Schweden auf dem Parkplatz geparkt haben«, grummelte Schrader in sich hinein.

»Ist da oben noch Platz für mich, Schrader?«

»Nur zu«, sagte der. »Ist aber ganz schön frisch.«

Rasmussen stieg die paar Stufen hoch. Die beiden saßen Schulter an Schulter und starrten auf die Wasserkante. Ab und an nahm Schrader sein Fernglas hoch. Der Mond schien.

»Dimderimdimdim.«

Rasmussen hatte tatsächlich gepfiffen. Schrader drehte sich fassungslos zu ihm hin. »Gute Laune?«, fragte er.

»Ich will Ihnen mal was sagen, mein Lieber.« Rasmussen holte tief Luft. »Das hier ist der Platz meiner Jugend. In meiner Teeniezeit war durchgängig Sommer, und wenn wir uns mit unserer Clique getroffen haben, dann war das hier. Wenn nicht Sommer war, war Pause vom Sommer, und getroffen haben wir uns hier. Und wenn Jahrzehnte später wer auch immer in den Schutzraum meiner Jugend eindringt, nehme ich das persönlich. Der beschmutzt nicht nur meine Erinnerungen, der trifft mich mitten zwischen die Augen, und von da oben frisst sich das wie Krebs hierhin.« Rasmussen klopfte sich auf die Brust.

Schrader schwieg. Rasmussen schwieg. Beide schauten streng geradeaus. Die Wellen rollten an den Strand. Jetzt pfiff nur noch der Wind.

»Als meine erste Freundin mit mir Schluss gemacht hat, da bin ich hierhergekommen, und als ich an der Polizeischule angenommen wurde, auch. Als meine Mutter krank wurde, habe ich am Wasser gestanden, und nach der Geburt unseres Sohnes bin ich vom Kreißsaal aus hierhergefahren und mitten in der Nacht schwimmen gegangen. Diese Stadt, dieser Strand, die Bucht«, Schrader machte eine ausholende Bewegung, »hier gehe ich vor Anker.«

Rasmussen fixierte den Horizont.

»Wo sind die bloß hin?«, fragte Schrader, und in seiner Stimme schwang Verzweiflung mit.

Zwei Silhouetten standen bis zu den Knien im Wasser.

Nun war es Rasmussen, der sich zu seinem Nebenmann hindrehte. Er sah noch, wie sich dieser mit der rechten Hand eine Träne aus dem Augenwinkel wischte. Mit der linken Hand hielt er seine Dienstmütze hoch. So als ob er sich abschirme.

»Dieser Horror an unserem Hausstrand muss ein Ende haben«, sagte Schrader. Er sagte das mit ganz fester Stimme. Rasmussen nickte. Schrader nickte. Die Nachtbader saßen mittlerweile wieder bei ihrer Strandgruppe. Ein Rest von Normalität, dachte Rasmussen.

Stuhlkreis Soko

»Auch ’ne Nuss?« Hinrichsen hielt der Brix eine Tüte seiner Gemischten hin.

Die Brix dachte an ein Foto, nein, sie dachte an das Foto, das Fiete von ihr am Strand von Ipanema gemacht hatte. Sie im Badeanzug, in einem Liegestuhl. Der Sitzwinkel ungünstig, das Licht hart, das Bäuchlein nicht zu verleugnen. »Danke.« Sie winkte ab.

»Warum trifft sich die Soko nicht im Konferenzraum?«

»Wird renoviert.«

Es knisterte, es knackte, eigentlich krachte es sogar. Hinrichsen griff und biss zu. Gleichermaßen leidenschaftlich wie lautstark. Die Akustik des abgedunkelten Raumes verstärkte die Geräusche. Und die große Glasscheibe, vor der beide saßen, warf die Geräusche zurück, ließ Hinrichsens Kauen wie das Brechen von Knochen klingen.

Die Brix rollte mit dem Stuhl zurück, stand auf, ging ein paar Schritte zur Tür, machte kehrt. »Wann kommen die denn?«

»Jenmoment.« Hinrichsen hatte Nüsse nachgeschoben.

Die Brix setzte sich auf den Tisch, dessen Längsseite zum Vernehmungsraum zeigte, und schlug die Beine übereinander. »Was ist Ihre Hypothese, Hinrichsen?«

Hinrichsen schaute fragend, betrachtete die schlanken Fesseln der alten Dame. Im Halbdunkel sah sein Gegenüber das nicht. »Hypothese?«

Die Brix stand wieder auf. »Fünf Menschen sind verschwunden. Warum?«

»Frau Brix, Sie waren eine Weile weg. Wir haben alles durch. Selbstmord, Irre mit Geltungswahn, Haiangriff, Organhandel und den neidischen Tourismuschef aus St.Peter. Wir haben wirklich alle denkbaren und undenkbaren Varianten durchgekaut. Ich habe nicht den blassesten Schimmer.«

»Und nun?«

»Wenn Sie mich fragen, brauchen wir einen Zufall.« Wieder griff er in die Tüte.

»Was sind das eigentlich für Nüsse, die Sie da in sich reinschieben? Das sind doch nicht Ihre selbst gebrannten Mandeln.«

»Doch mal eine probieren? Bio. Alles Bio. Lasse ich mir aus Hamburg mitbringen. Omega-3-Fettsäuren, Antioxidantien, Folsäure. Gut gegen Cholesterin, Krebs, alles Mögliche. Beruhigt, macht glücklich. Ich werde hundertzwanzig.« Er hielt ihr wieder die Tüte hin.

Die Brix angelte eine Walnuss heraus. Sie würde das Foto von Fietes Festplatte löschen. »Und was ist mit Frikadellen?«

»Zum Ausgleich«, sagte Hinrichsen. »Die Mischung macht’s. Fast-Food-Fresser sterben genauso früh oder spät wie diese Fruganer. Alles Irre.«

»Frutarier«, korrigierte die Brix.

»Alles Irre. Übrigens, bevor Sie nachher gehen. Neben der Tür«, Hinrichsen zeigte ins Ungefähre, »ein Blümchen für Sie. Aus unserem Garten. Die Rose von Lindhöft. Weil Sie ja wieder da sind.«

In diesem Augenblick ertönten Stimmen, Schritte auf dem Flur, die Tür öffnete sich. Rasmussen hielt die Klinke, machte einen langen Arm, die Staatsanwältin schob sich lächelnd an ihm vorbei, betrat den Vernehmungsraum, Yvonne Calloe ihr auf den Fersen, kurz dahinter ein gedrungener Endfünfziger mit Glatze vom Innenministerium, gefolgt von Dr.Freuth, dem in Polizeikreisen allseits gehassten Psychiater aus Pinneberg, der tatsächlich so hieß. Die Staatsanwältin beanspruchte den Vorsitz, zog quietschend den schäbigen Holzstuhl unter einem der nicht minder schäbigen Resopaltische hervor. Jemand hatte im Vorfeld der Besprechung einen zweiten Tisch in den Raum gestellt.

»Moin, nur kurz«, hörte man Schrader sagen und sah ihn mit einem Teewagen um die Ecke biegen, um dann eine weiße Papierdecke über die fleckigen Tische zu breiten.

Die Staatsanwältin blickte irritiert, so als es sei es ihr peinlich, Calloe grinste anerkennend, und Dr.Freuth reckte den Finger in die Luft, als Polizeiobermeister Schrader zwei Warmhaltekannen, zwei Dosen Gebäck und schließlich Kaffeebecher auf den Tisch stellte. Dr.Freuth musste sich selbst bedienen. Man goss, schüttete, rührte, räusperte sich, räumte Unterlagen. Die Staatsanwältin, Dr.Freuth und Calloe blickten auf ein Tablet vor sich auf dem Tisch.

»Wo kommt denn dieser Teewagen her?«, fragte Hinrichsen. Dabei drehte er die Lautstärke der Boxen herunter, die das Stühlerücken wie ein Gewitter hatten klingen lassen.

»Um dreizehn Uhr bin ich mit den Knilchen verabredet«, sagte die Brix und tippte mit einem Finger auf ihre Armbanduhr.

»Keine achtundvierzig Stunden wieder in der Stadt und schon so eilig? Soll ich uns Kaffee holen?«, fragte Hinrichsen.

Die Brix schüttelte den Kopf.

»So, bitte, wir wollen.« Die Staatsanwältin rief zur Ordnung. »Entschuldigt fehlen der Bürgermeister, die Vertreter der Touristik und des Stadtrates. Ich begrüße die Anwesenden.«

Dr.Freuth hielt mitten in der Bewegung Richtung Keksdose inne.

»Nächste Woche sind es elf Monate. Ermittlungen seit dreihundertdreiunddreißig Tagen. Seitenweise Berichte in den Zeitungen, zwei Mal waren wir Thema in der Tagesschau.«

Rasmussen fiel der Staatsanwältin ins Wort. »Und sicher wissen Sie auch, wie viele Tränen seitdem vergossen wurden.«

Alle schauten ihn an. Die Staatsanwältin schwieg, öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Kurz schlug sie die Augen nieder, starrte auf ihr Tablet, fing sich. »Also gut. Herr Hauptkommissar, wo stehen wir?«

»Vor dem Berg. Nach wie vor. Wie der Ochse. Sollte ich je einen ermittlungstechnischen Offenbarungseid leisten müssen, der Zeitpunkt wäre günstig.« Rasmussen lehnte sich zurück. Der Stuhl knarrte.

»Wo er recht hat«, bemerkte Hinrichsen hinter der Scheibe.

»Elf Monate und kein Ansatz?« Die Brix zog ein Notizbuch aus ihrer Handtasche, knipste die Schreibtischlampe an und schrieb das Wortpaar »Macht/Ohnmacht« auf.

»Herr Rasmussen, sind Sie sich darüber im Klaren, dass der Tourismus zu den bedeutendsten Wirtschaftszweigen in Schleswig-Holstein zählt? Hundertneunundsechzigtausend Beschäftigte, sieben Komma sieben Milliarden Euro Umsatz, und bei Ihnen verschwinden Menschen wie anderswo…« Herrn Schnitzke, dem Referenten aus dem Innenministerium, fehlte ein passendes Bild.

Eine Pause entstand. Nun knarrte wieder Rasmussens Stuhl. »Korrigieren Sie mich, Herr Schnitzke, das mit dem Tourismus haben Sie uns im Juli letzten Jahres schon mal als Powerpoint-Präsentation vorgeführt. Hat sich seitdem etwas geändert, das für die Art unserer Ermittlungen von Bedeutung ist?«

»Mir– und ich darf sagen: auch dem Staatssekretär– ist es wichtig zu betonen, dass wir nichts unversucht lassen wollen.« Herr Schnitzke unterstrich seine Worte mit einer horizontalen Handbewegung, als wollte er Kaffeetassen und Keksdosen abräumen.

»Wissen Sie eigentlich, wie viele Gaffer wir im letzten Jahr in der Stadt und am Südstrand hatten?« Rasmussen wurde eine Nuance schärfer im Ton. »Die wollen alle Wurst und Flens, und die wollen auch alle übernachten. Hier sind übrigens die aktuellen Zahlen, frisch aus der Touristik, Herr Schnitzke. Interessante Zielgruppe, diese Katastrophentouristen.«

Calloe mischte sich ein. »Ich saß vor ein paar Tagen wieder einmal in dieser beengten Küche in Rendsburg. Mir gegenüber saß Gudrun Meermann, Tills Mutter. Wissen Sie, was Frau Meermann will? Ihren Sohn. Oder wenigstens eine Spur. Und wenn es sein muss, den Leichnam. Die Angehörigen leiden, und wir leiden mit ihnen. Wir kümmern uns. Wir wissen, worum es hier geht, Herr Schnitzke.« Calloe bekam rote Flecken am Hals. »Wenn Sie uns etwas Gutes tun wollen, schicken Sie uns einfach mehr Personal und verdreifachen Sie unseren Etat. Ich lasse Ihnen gern mal unsere aktuellen Überstundenlisten zukommen.«

»Frech ist sie ja«, stellte Hinrichsen auf der anderen Seite der Scheibe fest.

»Macht sie eigentlich immer noch die Fortbildung beim LKA in Kiel?«, fragte die Brix.

»Das wäre ja noch schöner«, schimpfte Hinrichsen. »Der Chef hat die Fortbildung im letzten Herbst ausgesetzt. Wir pfeifen hier wirklich auf dem letzten Loch.«

Wie zur Versöhnung hielt er ihr noch mal die Tüte mit den Nüssen hin. Die Brix starrte angestrengt durch die Scheibe.

Dr.Freuth starrte Calloe an und zog die Augenbrauen nach oben, deutete ein Kopfschütteln an, trank einen Schluck Kaffee.

»Frau Staatsanwältin, ich habe Ihre Frage nach dem Stand der Dinge nicht vergessen«, warf Rasmussen ein und schaute der Dame ganz tief in die Augen. »Ich kann nur leider nicht von Fortschritten berichten. Bei einem Krebspatienten würde man sagen: austherapiert. Um ehrlich zu sein, richten wir unsere Hoffnungen nach wie vor auf Hinweise aus der Bevölkerung. Die Fotos werden noch immer regelmäßig veröffentlicht, sie liegen in jedem Streifenwagen. Ob die verschwundenen Personen noch leben oder nicht, wissen wir nicht. Das private und berufliche Umfeld haben wir mit größter Sorgfalt angeschaut, ohne Anhaltspunkte gewonnen zu haben. Gemeinsamkeiten der Vermissten: keine. Bis auf den Umstand, dass sie nicht zum ersten Mal in Eckernförde waren, dass sie unsere Stadt mochten.«

Rasmussen senkte die Stimme. »Und dass sie alle am Südstrand zuletzt gesehen wurden. Wir können ausschließen, dass sie von Land verschwunden sind. Alle gingen ins Wasser und kamen nicht zurück. Zeugenaussagen bestätigen das eindeutig. Die Kameras, die den Strand zeigen, zeichnen nicht auf. Aber das wissen wir ja.« Er schaute Dr.Freuth an. »Wie sieht es denn bei Ihnen aus? Können Sie mit neuen Erkenntnissen dienen? Nach welcher Sorte Mensch müssen wir suchen? Sie werden Ihre Erpressertheorie doch inzwischen revidiert haben, oder? Was ist mit ViCLAS?«

Dr.Freuth legte den Kopf schräg. Schnitzke kam ihm zuvor. »ViCLAS? Ist die Falldatenbank eigentlich noch State of the Art?«

»Ich sage mal, bewährt. Seit 2000 arbeitet die Polizei mit der Falldatenbank Violent Crime Linkage Analysis System, und ich kenne kein anderes Datenbanksystem, das es ermöglicht, auch Serienstraftaten schnell zusammenzuführen«, erklärte Calloe.

Dr.Freuth schaute auf die Uhr. »Herr Rasmussen, wie stellen Sie sich das vor? Solange Sie und Ihr Team weiter auf der Stelle treten, keine frischen Fakten liefern, so lange können Sie von der Wissenschaft nichts erwarten.«

»Ich verstehe«, bemühte sich Rasmussen um Professionalität. »Dennoch, damit wir eben nicht im Nebel stochern: Haben Sie da nicht irgendwelche vergleichbaren Muster für uns? Und steigt bei einer solchen Serientat nicht die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch ruchbar wird?«

»Natascha Kampusch, ein Fall, aus dem wir lernen können.«

»Mit Verlaub, Herr Dr.Freuth. Da lagen die Dinge ja doch ein bisschen anders. Und ganz ehrlich, ich möchte nicht fast zehn Jahre warten, bis unseren Vermissten die Flucht gelingt, wie einst Frau Kampusch.«

Die Staatsanwältin wurde ungeduldig. »Bitte konkret. Wir kommen doch so nicht weiter.«

Es klopfte. Polizeiobermeister Schrader kam herein.

»Jetzt nicht«, blaffte die Staatsanwältin.

»Leichenfund«, sagte Schrader.

»Wir sollten uns vertagen, wer weiß?« Rasmussen reagierte als Erster und zuckte mit den Schultern. »Kommenden Freitag zur gleichen Zeit?«

Nicken in der Runde.

»Herr Doktor, Herr Schnitzke, schönes Wochenende. Calloe…«

Die Polizisten verließen den Vernehmungsraum.

Hinter der Scheibe stöhnte Hinrichsen. Es rumste an der Tür zum Darkroom. »Ja, ich komm ja schon.« Und an die Brix gewandt: »Sie warten bitte einen Moment und kommen dann nach. Rasmussen möchte sicher mit Ihnen sprechen.« Hinrichsen ging.

Die Brix schaute hinüber in den anderen Raum. Wie verhalten sich die Menschen, wenn es nicht vorangeht? Wenn keiner der Beteiligten etwas dafür kann? Sie hatte das während ihrer Amtszeit als Richterin das eine oder andere Mal erlebt. Das ist nicht nur eine Sonderkommission, das ist ein moralischer Prüfstand für die Mitglieder, dachte die Brix. Wann würden sie übereinander herfallen, ab wann würden nur noch gegenseitige Schuldzuweisungen ausgetauscht? Und dann dieser Affentanz gegenüber der Öffentlichkeit. Sie kannte das alles zur Genüge. Da halfen nur Fakten.

Sie griff nach dem Kugelschreiber, schob ihr Notizbuch zurecht und schrieb »Kidnapping unter Wasser«. Und das Wort »Spezialist«, das schrieb sie auch noch auf. Sie hatte schon einen der Knilche im Sinn, dem sie einen Auftrag geben könnte.

Drüben machte die Staatsanwältin eine Geste, die Richtung Tür wies. Dr.Freuth verschwand grußlos, Herr Schnitzke suchte noch seine Brille. Die Staatsanwältin tippte sich lächelnd an die Stirn. »Wir schaffen das schon. Irgendwie schaffen wir das schon«, sagte sie.

Herr Schnitzke fand seine Brille, schob sie auf die Nase und nickte. »Na dann.« Nun ging auch er.

Die Staatsanwältin wartete einen Moment, ging zurück zum Tisch und angelte noch einen Keks aus der Dose. Sie und die Brix traten gleichzeitig auf den Flur.

»Frau Brix, wie haben wir Sie vermisst.« Mit zwei Schritten war sie bei ihr und küsste sie auf die Wange. Nicht wie in Kreisen kleinstädtischer Vernissagebesucher üblich, sondern so, wie man eine alte Freundin küsst. Beide Frauen waren gleichermaßen überrascht.

»Hatte vergessen, dass Rasmussen Sie dazugebeten hat.« Sie blickte Richtung Darkroom. Sie wurde ernst. »Ich weiß nicht weiter, niemand weiß weiter. Landrat, Bürgermeister, die Touristik, Presse, Innenministerium, ich habe sie alle am Hals. Und Rasmussen– hat sich total verbissen. Beinahe blutrünstig. Aber es bringt alles nichts.« Sie trat ans Fenster, öffnete es, zündete sich eine Zigarette an. »Rasmussen hat gesagt, Sie unterstützen uns.«

Die Brix nickte. »Wir sehen uns«, sagte sie und legte der Staatsanwältin zum Abschied kurz ihre Hand auf den Unterarm.

»Das ist Mensch.«

»Kaffee läuft«, rief Sandro Hagemeister in den Keller. Er wollte sich gerade wieder umdrehen. Da hörte er einen Schrei.

»Sandro, komm schnell runter.« Das war Pelle Erben, der da unten rumorte.

Hagemeister hastete die Treppen hinab. Unten sah er die Bescherung, die Erben auf dem Edelstahltisch im Vorratsraum ausgebreitet hatte. Große Tiefkühlstücke in Plastiksäcken lagen da, vakuumverpackt, die übrige Beute vom Vortag war noch in den schwarzen Maurerbottichen verpackt. Sein Freund hielt ihm einen geöffneten Sack entgegen.

»Heilige Scheiße, das ist kein Schweinefleisch, das ist Mensch«, stammelte Erben. »Leichenteile. Krass, voll krass.« Er schüttelte dabei die langen Dreadlocks und warf das Paket mit voller Wucht auf den Rest der Auslage. »Verdammt noch mal, das ist ja wohl das Letzte, was wir hier gebrauchen können.« Er wischte beide Hände an seiner schwarzen Trainingsjacke mit orangen Streifen ab und vergrub sie in den Taschen seiner Arbeitshose.

»›Hier, fang, das ist nicht etikettierte Metzgerware. Tiefgefroren‹, hast du mir doch noch zugerufen«, schrie Hagemeister. Er war noch im Schlafanzug, trug aber eine Baseballkappe.

»Spinner. Nie im Leben.« Erben führte einen Veitstanz auf. Trat mit seinen Arbeitsschuhen gegen die Tiefkühltruhe und trommelte mit den Fäusten gegen die unverputzte Kellerwand. »Du hast doch die Pakete im Bulli verstaut. Bist du eigentlich blind?«

»Pelle! Was soll das? Wir haben das Zeug hier gemeinsam in die Truhen gepackt.«

»Ja, aber es war spät. Sehr spät.« Erben trat noch einmal gegen die Truhe.

Wenn sie wie letzte Nacht wieder einmal eine Runde containern einlegten, fuhren sie die Supermärkte in der Umgebung ab und holten sich abgelaufene Lebensmittel aus den Müllbehältern dort. Das machten sie immer, wenn ihr Kühlschrank leer war. Das Beste behielten sie selbst, den Rest warfen sie bei Erwin in Eckernförde ab. Der hatte eine riesige Garage. Viele Mülltaucher, die fette Beute weit über ihrem Eigenbedarf gemacht hatten, lieferten die Reste bei Erwin ab. Hier hatte sich so etwas wie die inoffizielle Tafel entwickelt.

Die jungen Männer hatten es jetzt eilig, in einer Stunde war Arbeitsbeginn in der Tischlerei, in der sie arbeiteten.

»Pelle! Wir müssen die Cops rufen.«

»So weit kommt das noch«, schrie Erben. »Wenn ich dich daran erinnern darf: Die Container waren aufgebrochen, das ist strafbar. In dem Fall sind wir unseren Job bei Stegemann endgültig los. Vergiss es.«

»Willst du das Zeug etwa Erwin unterschieben?«, fragte Hagemeister.

»Keine schlechte Idee, das ist sogar eine sehr, sehr gute Idee.« Erben packte zwei Pakete, hielt aber in der Bewegung inne. »Sandro, wir bringen die Scheiße zurück. Wir schmeißen die Leiche wieder in den Container. Heute Nacht.«

»Du hast recht, Pelle.«

Beide packten an und verstauten die Leichenteile wieder in der Tiefkühltruhe. Es folgte ein sehr schweigsames Frühstück, rein vegetarisch.

Hagemeister zog sich an, während Erben die Bottiche mit den übrigen Lebensmitteln im Bulli verstaute. Auf der Fahrt von Bornstein nach Eckernförde hörten sie »Killing in the Name« von Rage Against the Machine– »And now you do what they told ya, and now you do what they told ya, and now you do what they told ya…« Die beiden grölten sich die Seelen aus dem Leib.

Erwin hatte die Garage schon aufgeschlossen, und sie schoben die drei Maurerbottiche mit den Lebensmitteln rein. Pünktlich um Viertel nach sieben traten sie beim Meister in der Tischlerei Stegemann an.

Jedem Anfang…

»Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.« Calloe schritt durch das sonnendurchflutete Büro.

»Goethe?«, fragte Hinrichsen.

»Hesse«, antwortete Calloe.

»Und er hatte recht. Das, was war, hinter sich zu lassen, nach vorn zu schauen, das Neue anzunehmen– kann ich wirklich empfehlen.« Die Brix hatte das Teambüro betreten und sich auf Hinrichsens Stuhl gesetzt.

Rasmussen war an der Espressomaschine beschäftigt. »Wenn das hier zum literarischen Quartett wird, bin ich raus«, sagte er mit Löffel im Mund. Hinrichsen schnaubte bekräftigend.

»Ein neuer Fall. Ist es nicht das, wonach wir uns alle gesehnt haben? Endlich eine Pause von den Vermissten. Also ich bin heilfroh.« Calloe setzte sich zu der Brix auf den Schreibtisch.

Rasmussen blieb mit der Espressotasse am Fenster stehen. Er schaute die Assistentin skeptisch an. »Calloe, ich höre wohl nicht richtig. Pause? Im günstigen Fall bringt uns das vielleicht in der Südstrand-Sache weiter. Im ungünstigen Fall haben wir einfach nur einen Fall mehr.« Rasmussen schaute zur Tür. »Wo bleibt Schrader denn? Erst platzt er in die Besprechung rein, und nun ist er weg.«

Hinrichsen griente. Calloe wurde rot und griff zum Telefon, als sich die Tür öffnete und POM Schrader eintrat. Er rieb die noch nassen Hände am Hemd trocken und schaute Rasmussen an. »Soll ich?«

Rasmussens Blick ersetzte die Antwort.

»Um zehn Uhr siebzehn informierte uns der männliche Anrufer Sandro Hagemeister«, Schrader zog einen Notizblock hervor, »dass er und sein Kumpel Pelle Erben gestern Nacht in einem Container vakuumierte Leichenteile gefunden haben. Und zwar auf dem Gelände des Discounters in Gettorf. Was ihnen da ins Netz gegangen ist, wollen sie aber erst heute Morgen bemerkt haben.«

»Und ihren Fund bringen sie hierher?«, fragte Calloe.

»Leichenteile? Ich will hier keine Leichenteile«, sagte Hinrichsen und biss in sein Mettbrötchen.

»Die Teile befinden sich wohl noch in der Kühltruhe der beiden Herrschaften.«

»Wie heißt der andere noch mal?«, wollte Rasmussen wissen.

»Pelle Erben.«

»Calloe, haben wir die im Computer?«

»Bin schon dabei.« Calloe tippte auf ihrem Tablet herum, wischte hin und wischte her. »Nope.«

»Schrader, wo steht die Truhe?«

Der Obermeister nannte eine Adresse in Bornstein.

»Calloe, kümmern Sie sich bitte um die KTU, Sperrung der Fundstelle in Gettorf, und Dr.Wiesel soll nach Bornstein kommen.« Rasmussen stellte seine Espressotasse neben das kleine Waschbecken.

»Ausspülen, mon Capitaine«, ermahnte Calloe. Dabei schützte sie Dienstfertigkeit vor und starrte auf ihr Tablet. Sie schritt, den Blick weiter auf das Ding gerichtet, quer durchs Büro und setzte sich auf den Gymnastikball, gegen den sie in der letzten Woche ihren Schreibtischstuhl eingetauscht hatte.

»Hinrichsen. Sie und ich. Fleischbeschau. Und essen Sie endlich dieses Mettbrötchen auf.« Rasmussen ging zu Hinrichsens Schreibtisch und hockte sich neben die Brix.

»Danke, dass du gekommen bist.« Er stand auf und legte ihr kurz die Hand auf die Schulter. »Wir müssen. Aber tu mir den Gefallen. Machst du dir Gedanken zu unseren Vermisstenfällen, bitte? Wir sehen uns, sofern nichts dazwischenkommt, morgen zum Frühstück.«

Die Brix nickte und rückte ihr Hütchen zurecht.

»Neu?«, fragte Rasmussen.

Die Brix lächelte. »Aus Vancouver. Hat Fiete mir geschenkt.«

»Fiete hat Geschmack.« Damit griff Rasmussen nach Lederjacke und Sonnenbrille. Hinrichsen stand schon in der Tür. Wie immer in Parka und mit Prinz-Heinrich-Mütze. Die Brix und Calloe blieben zurück.

»Sagen Sie, Yvonne– was bitte unterscheidet nope von no, und warum sagt man nicht schlicht nein?«

»Slang. Man sagt das so. Nope ist irgendwie endgültiger als no. Das hat sich so eingeschlichen.« Calloe hielt ihr Tablet hoch. »Ich habe es mal gegoogelt und gelesen, dass der Ursprung ›no hope‹ sein soll.«

»Danke, Yvonne. Aber vielleicht googeln Sie auch mal Gary Cooper in Verbindung mit dem Begriff. Und

Auf zur Fleischbeschau

»Ich fahr Opel. Auf dem Rückweg liegt ja gewissermaßen das Wochenende«, gab Hinrichsen bekannt, der mit seiner Frau, den Zwillingen und dem Bürgermeister von Lindhöft grillen wollte. Der Bürgermeister war Strohwitwer, und da musste man sich als Nachbar kümmern.

»Wochenende? Das sehen wir dann.« Rasmussen stieg in seinen Schwedenpanzer und war als Erster vom Hof. Das war ihm wichtig. Es war lächerlich, er wusste das und kam doch nicht dagegen an.

Mittag, die Sonne stand hoch über dem Dänischen Wohld und blendete. Rückstau auf der Reeperbahn. Sicher war die Schranke unten. Rasmussen legte den Arm ins Fenster und schaute sich um. Autokennzeichen aus Berlin, Köln, Oberhausen. Urlauber, wohin man sah. Trotz der Katastrophe. Ja, Katastrophe. Nichts anderes war es, wenn Menschen beim Baden verschwanden. Er dachte an Marlene. Die war vor zwei Wochen aus dem Urlaub zurückgekommen. Nicht auszudenken, es hätte ihn jemand angerufen und mitgeteilt, Marlene sei verschwunden.

Die Kolonne der Autos ruckte an, der erste Gang zickte. Rasmussen versuchte es mit Gefühl. Hinter ihm hupte es. Er rammte den Gang mit Gewalt rein. Das Getriebe kreischte. Menschen guckten. Er bekam schlechte Laune. Leichenteile. Allein das Wort.

An der Ampel Ecke Preußerstraße war schon wieder Schluss mit Fluss. Der Geruch von Sonnenmilch zog durch den Volvo. Rasmussen griff unter den Fahrersitz. Dort verbarg er für Momente wie diesen eine Abba-Best-of-CD. Er kurbelte die Scheibe hoch. Musste ja niemand hören.

Am Hochseilgarten in Altenhof bog Rasmussen rechts ab. Und Abba wirkte. Er sang: »Ibelieve in angels, something good in everything Isee.« Rasmussen fuhr durch den Wald und freute sich über den Schatten. Als er den Golfplatz passierte, waren Agneta und er bei »Ihave a dream, a fantasy. To help me through reality« angelangt. Darüber würde er mal nachdenken. Nach Feierabend.

Nur einen Hit später erreichte Rasmussen Bornstein. Vielleicht dreißig Häuser. Landwirtschaft ringsum. Man wollte seine Ruhe. Man hatte seine Ruhe. In der Ortsmitte bog Rasmussen ab und sah auch schon Hinrichsens Opel. Hinrichsen, der Fuchs, hatte den Bahnübergang am Schulweg genommen, war wohl gerade noch so vor der Bahn nach Flensburg durchgekommen, vermutete Rasmussen.

Die Prinz-Heinrich-Mütze hatte Hinrichsen in den Nacken geschoben und guckte gelangweilt, vielleicht mit einer Spur Siegerlächeln. Rasmussen ignorierte ihn und ging direkt zur Haustür, die ein Schmuckstück war und nicht zum Haus passte, das vernachlässigt wirkte und einen neuen Anstrich brauchte.

Zwei Klingeln. Auf der oberen kein Namensschild, auf der unteren in sauberer Handschrift: »Hagemeister und Erben«. Rasmussen drückte den Klingelknopf.

Hinter der Tür rief jemand: »Pelle, geh mal zur Tür.«

Diese öffnete sich beinahe augenblicklich, und ein weißer Bob Marley sagte: »Moin.«

»Rasmussen, Kripo Eckernförde, das ist mein Kollege Hinrichsen. Sie sind Herr Erben?«

»Yep.«

»Schöne Tür«, lobte Rasmussen.

»Selbst gemacht. Wir sind Tischler.«

»Wir kommen zur Fleischbeschau, wo geht’s lang?« Hinrichsen hatte sich an beiden Männern vorbeigeschoben.

»Keller.«

Hinrichsen stapfte die Kellertreppe hinunter. Gefolgt vom Rastamann und Rasmussen. Der Keller roch nach Keller, nicht nach Schlachterei. Das überraschte Rasmussen jetzt nicht. Er musste leicht gebückt gehen, folgte den beiden durch einen schmalen Gang, der in einen etwa vier mal fünf Meter großen Raum mündete.

»Wossen hier Licht?«, brummte Hinrichsen, als auch schon zwei Neonröhren ansprangen. Der Rastamann trat einen Schritt vor, öffnete eine der drei großen Kühltruhen, und nun sahen die Ermittler, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn man ihm mit Säge oder Beil zu Leibe gerückt ist. Sechs unterschiedlich große Plastiksäcke.

Unter den beiden rückwärtigen Kellerfenstern stand ein etwa drei Meter langer und gut achtzig Zentimeter tiefer Tisch aus Edelstahl, so wie man ihn üblicherweise in Restaurantküchen fand. Darauf Schlachterwerkzeug, ein Gerät zum Vakuumieren. An der Decke darüber flackerte eine der beiden Neonröhren. Hinrichsen und Rasmussen blickten einander fragend an.

»Wir warten auf den Gerichtsmediziner«, entschied Rasmussen. Pelle Erben schloss den Deckel.

Hinrichsen ging zur Kellertür und öffnete sie weit. »Da hören wir Wiesel, wenn er kommt«, redete er sich raus. Er war ein bisschen weiß um die Nase.

Schritte auf der Treppe. Ein kleiner blonder Wikinger mit Baseballkappe betrat den Raum und stellte sich ordentlich vor: »Sandro Hagemeister.« Er streckte die Hand aus. Rasmussen griff zu. Kalt und feucht. Hinrichsen nickte dem Kleinen zu.

»Hinrichsen, gehen Sie doch mit Herrn Hagemeister rauf. Wir halten hier die Stellung.« Er lächelte den Rastamann an. Hinrichsen reagierte verdächtig schnell und verschwand mit Sandro Hagemeister Richtung Kellertreppe.

»Danke, dass Sie uns angerufen haben, Herr Erben«, sagte Rasmussen. Der Hauptkommissar stellte Fragen, der junge Mann war unsicher und stotterte herum.

Später im Garten steckten Rasmussen und Hinrichsen kurz die Köpfe zusammen, während sich Hagemeister und Erben mittlerweile auf den Terrassenstühlen herumfläzten. Die Kommissare glichen die Ergebnisse der ersten getrennten Befragung ab. Das ergab übereinstimmend, dass die beiden am Vorabend unterwegs gewesen waren, um Lebensmittel dort einzusammeln, wo sie die Überflussgesellschaft voreilig entsorgt hatte. Eine Formulierung, die beide Männer verwendeten.