Strandgut - Alexander Oetker - E-Book

Strandgut E-Book

Alexander Oetker

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Beschreibung

Am Strand des Feriendorfs Euronat, Europas größtem Nudistencamp an der französischen Atlantikküste, wird mitten in der Hauptsaison ein junger Politiker tot aufgefunden – nackt, ermordet. Erst kurz zuvor hatte er angekündigt, das traditionsreiche Camp schließen zu wollen. Während die Gemeinschaft der Camper leidenschaftlich gegen das drohende Ende ihres Freiheitsraums protestiert, nimmt Kommissar Luc Verlain die Ermittlungen in ungewohnt freizügiger Umgebung auf – und stößt auf ein Geflecht aus politischem Kalkül, gesellschaftlichen Spannungen und einem persönlichen Geheimnis, das tödlich endete. Ein hitziger Fall, der mit einem einzigartigen, faszinierenden Setting überrascht – Luc Verlains wohl ungewöhnlichster Einsatz.

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Seitenzahl: 386

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Alexander Oetker

Strandgut

Luc Verlains überraschendster Fall

Roman

Für Renate & Axel Stottmeister, Nicole & Thomas Reulein

und all die fabelhaften Bewohnerinnen und Bewohner von Euronat

PrologMiniatures

Donnerstag, 16. Juli, 17 Uhr, eine Seemeile vor Le Verdon-sur-Mer, Frankreich

 

Sarah liebte es sehr, wenn ihre langen blonden Haare im Wind wehten. Deshalb beugte sie sich immer noch ein bisschen weiter über die Reling der großen weißen Fähre mit dem blauen Bug, sodass der Wind vom Atlantik ihren Kopf traf und sie spürte, wie rasant die Fahrt über das Meer war.

Oh Mann, war sie erleichtert, dass dieser Albtraum ein Ende hatte. Keine Ahnung, wie sie als kleineres Kind diese zweitägige Fahrt durchgestanden hatte, in der auch noch Papa mit seinem miesen Musikgeschmack der Diktator über das Autoradio gewesen war. Jetzt kam es ihr wie Folter vor, auch wenn sie über ihre AirPods wenigstens ihre eigene Musik hören konnte. Trotzdem saß sie eingepfercht zwischen ihren beiden Geschwistern, die noch so klein waren, dass sie in den Kindersitz gehörten, weshalb Sarah der unbequeme Mittelsitz zufiel, von dem sie ihre sich anschweigenden Eltern beobachten musste. Geschlagene zwei Tage, denn so elendig lange dauerte die Fahrt von Hamburg hierher bis ganz in den Westen Europas. Es war eine Zeremonie, die sich jedes Jahr im Juli zu Beginn der Sommerferien wiederholte, seitdem sie ein Baby gewesen war. Jedes Jahr wieder die ganzen eintausendvierhundertvierzig Kilometer, mindestens zwanzig Stunden – die vielen Baustellen in Deutschland und den Stau rund um Paris mit eingerechnet.

Die Zwischenübernachtung machten sie traditionell in einem kleinen Hotel kurz vor der französischen Grenze, in irgendeinem belgischen Kaff, das so trist aussah, dass sie sich abends nicht einmal mehr ins Restaurant trauten, sondern Mamas Picknickreste aus dem Weidenkorb auf dem Hotelzimmer aßen.

Doch nun endlich konnte auch Sarah die Anstrengung dieser Fahrt vergessen. Sie befanden sich auf den letzten Metern vor ihrem Ziel – und vor drei Wochen Sommerurlaub.

Endlos und sonnig und vollkommen, von den großen Ferien hatte sie schon seit dem langen Hamburger Winter geträumt.

Dort vorne sah sie schon die Landzunge der Médoc-Halbinsel, die minütlich näherkam, sie konnte das salzige Meer riechen und freute sich schon auf den Moment, in dem sie einfach hineinrennen würde in die riesigen Wellen, die über ihr zusammenschlagen würden, sie herumwerfen. Sie würde untertauchen und ganz laut schreien vor Glück. Sie konnte es kaum erwarten.

Als Kind hatte Mama ihr immer nur erlaubt, in sicherem Abstand zum Meer am Strand zu buddeln, sie war nun mal das erste Kind gewesen, ihre kleinen Geschwister mussten all diese Kämpfe der Erstgeborenen nie führen, sie durften heute schon viel näher an der Wasserkante spielen, so, als wäre es bei ihnen nicht so wichtig. Nur sie hatte niemals etwas Gefährliches machen dürfen, oh Mann, das nervte sie auch nachträglich noch wahnsinnig.

Aber gleich, wenn sie alle aus dem alten Volvo ausstiegen, würden ihre Eltern das riesenhafte Zelt aufbauen, das sie schon begleitete, seit Sarah ein Baby gewesen war – und sie würde abdampfen und den Urlaubsplatz ihrer Kindheit wieder erobern. Diesen Campingplatz, der ihr viel mehr war als nur ein Urlaubsort, auf dem sie alles kannte, den supermarché, die Bäder, die Eisdiele, aber mehr noch die kleinen, verwunschenen Ecken, in denen man sich verstecken konnte, wo man stundenlang spielen konnte, ohne einer Menschenseele zu begegnen: die verborgenen Dünen oberhalb des Strandes oder die kleinen Felsen, in deren Schatten sie letztes Jahr zum ersten Mal geküsst worden war … Dieser Kuss hatte sie das ganze Jahr begleitet. Ihr erster Kuss.

Sie wusste nicht, ob er überhaupt da war oder den Sommer woanders verbrachte, er wohnte im Ort nahe dem Campingplatz, aber sie hatten keine Telefonnummern ausgetauscht, nicht einmal sein Insta-Profil hatte sie, weil ihre Mutter ihr letztes Jahr noch verboten hatte, diese – in ihren Augen – teuflische App zu benutzen. Offiziell durfte sie zwar immer noch kein Social Media auf ihrem Handy haben, aber sie hatte die App im Ordner hinter den Hausaufgabenprogrammen gut versteckt. Sarah musste grinsen.

Als die Fähre anlegte, sah sie sogar im Gesicht ihres zumeist mürrischen Vaters ein Lächeln aufblitzen. Es sah so leicht aus, wie der Kapitän dieses riesige Boot genau auf die Rampe zusteuerte. Dann wurde der Motor ganz laut, als der Rückwärtsschub eingesetzt wurde, und schließlich legte die Fähre exakt an der richtigen Stelle an.

Sofort standen die Passagiere von den Stühlen auf und liefen hektisch unter Deck, um in ihre Autos zu steigen, während die Crew die Rampe herunterließ und die Ausfahrt freigab. Als siebtes oder achtes Auto rollte ihr alter Volvo von der Fähre, und als sich der Stau an der Hafenausfahrt aufgelöst hatte, befanden sie sich Minuten später auf der Landstraße, die kurz hinter Soulac-sur-Mer nach links bog und dann schnurgerade in den Seekiefernwald führte.

Sarah hatte das rechte Fenster heruntergekurbelt, und obwohl das bedeutete, dass einer der Zwillinge vielleicht zu viel Fahrtwind abbekam, fuhr Mama sie nicht an. Auch sie lächelte nun vorne auf dem Beifahrersitz, sie hatte den Kopf an die Scheibe gelehnt und sah zu, wie die hohen Bäume an ihnen vorbeiflogen. Es war zwar noch nicht wieder zu sehen, aber rechts von ihnen musste es sein, das Meer.

Der Ozean, an dem sie nun all die herrlichen Tage verbringen würden.

Nach weiteren zehn Minuten kamen rechts an einer Einfahrt die riesigen Buchstaben in ihr Blickfeld, in Grün standen sie auf einem aufgeschütteten Hügel, darüber wehte die französische Flagge. Sarah las das Wort, das sie verinnerlicht hatte, seit sie ein kleines Kind gewesen war. Ihr Urlaubsort, ihr Sehnsuchtsort: EURONAT.

Sie konnte es kaum abwarten, aus dem Auto zu springen. Endlich Sommer, endlich Ferien.

Donnerstag, 16. Juli, 18 Uhr, Euronat, Grayan-et-l’Hôpital, Frankreich

 

Das eiskalte Wasser lief über seinen Kopf – der erste Schwall war immer ein Schreck –, dann erreichte es seine Brust und seinen Bauch, und dann musste er lächeln, weil nach dem Kältegefühl sofort die Frische einsetzte, die er auf dem ganzen Körper spürte. Es war einfach ein tolles Gefühl: diese Kühle auf der Haut, die heute wieder einmal ein wenig zu viel Sonne abbekommen hatte und deshalb kribbelte und ein bisschen spannte.

Es war seine liebste Stunde an all diesen heißen Tagen. Wenn draußen die Gluthitze des Nachmittags ein wenig nachließ und die Sonne endlich hinter der riesigen Seekiefer über dem Haus verschwunden war, wenn vom Ozean ein leichter Wind durch die Bäume drang und man nur noch die Vögel hörte, die in den Wipfeln sangen – und das Geräusch des fließenden Wassers.

Wenn es für eine Weile kaum Autos gab, die langsam über die Gassen des Platzes rollten, und auch keine Fahrräder mehr vorbeikamen, weil sich alle Bewohner in ihre Holzhäuser zurückgezogen hatten, um sich für den Apéro fertigzumachen oder für das Abendessen auf dem Dorfplatz, für einen Besuch bei Freunden oder einfach für einen gemütlichen Abend im eigenen Garten.

Und wenn sich alle auf einmal die Sonnencreme und den Strandsand abduschen wollten und die Warmwasseraufbereitung der Anlage nicht mehr hinterherkam – aber das störte ihn nicht. Denn Günther duschte an Sommerabenden sowieso immer kalt. Er liebte die riesige Duschbrause, die er hinter die Hecke genau mitten in den Garten gebaut hatte, vor vielen Jahren schon. Es war so ein schönes Gefühl, unter freiem Himmel zu duschen. Fast alle, die hier ein Haus hatten, duschten draußen, egal, ob die Terrasse einsehbar war oder nicht. Nacktheit störte hier niemanden – dafür waren sie schließlich bei Euronat – oder Euronackt, wie so mancher Besucher dieses Platzes scherzhaft sagte – einem der größten Nacktcampingplätze des ganzen Kontinents – ein Ort, an dem sich Günther einfach zu Hause fühlte.

Tja, es war ja auch sein Zuhause, das hatte er schon damals gespürt, vor neunundvierzig Jahren, als er hier zum ersten Mal als junger Mann mit einem VW-Bus vorgefahren war. Da wusste er: Hier möchte er leben – und nirgendwo anders auf der Welt.

Nicht nur, weil sich dieser Platz an einem der schönsten Orte Frankreichs befand: im dichten Seekiefernwald nördlich von Montalivet-les-Bains, in dem es unter den schattig-ausladenden Bäumen so herrlich nach Kiefernnadeln und satter Erde duftete. Nicht nur, weil es von seiner Holzhütte aus mit dem Fahrrad nur zwei Minuten bis zur Sanddüne waren, die Euronat von einem der schönsten Atlantikstrände trennte, mit silbrigem Sand und absoluter Weite, mit hohen Wellen und diesem unverwechselbaren Duft nach Jod und Salz. Nicht nur, weil keine zehn Minuten von diesem Platz entfernt die Weinfelder des nördlichen Médoc begannen, mit so wohlklingenden Namen wie Château Carmenère, Château Chantemerle und Château La Tour de By, die manche der besten Rotweine Frankreichs herstellten. Nicht nur, weil es am Ozean und an der Gironde die leckersten Meeresfrüchte gab, ein Stück weiter südlich die Austern des Bassin d’Arcachon, in Saint-Vivien hingegen crevettes roses und Langusten – es war einfach eine Gegend der Genüsse.

Aber Günther hatte damals, als junger Mann, noch etwas anderes gespürt: die Freiheit, die dieser Ort verhieß. Die sichtbare äußere Freiheit – und die innere Freiheit, die damit für ihn einherging.

Es waren wilde Zeiten gewesen, damals in den Siebzigern, als dieser Platz gegründet worden war. Als es hier noch kein fließendes Wasser gab und keine Heizung, keine Fernseher und erst recht keine Restaurants, keine Läden, keinen Marktplatz. Da war ein Tankwagen mit Wasser gekommen, damit die wenigen Gäste zweimal am Tag duschen konnten. Und eine Frau aus dem Dorf mit ihrem Pferdewagen, die Gemüse verkaufte und Baguette.

Doch eines war damals gewesen wie heute: Sie hatten am Strand gesessen und waren nackt gewesen. Hatten Gitarre gespielt und Lagerfeuer gemacht, damals war die Waldbrandgefahr noch nicht so groß. Sie waren jung gewesen, jung und verliebt.

Alle, die hierhergefunden hatten, waren einem inneren Antrieb gefolgt: auf so viele Hüllen zu verzichten, auf Stoff, der einen einschränkte, später ging es auch um den Verzicht auf teure Markenkleidung, die vermeintlich reiche Menschen von vermeintlich armen Menschen abgrenzte.

Hier gab es das alles nicht, damals war es sogar noch verboten gewesen, sich zu bekleiden. Heute war es nur noch eine Empfehlung, aber die alten Hasen hielten sich alle daran.

Auch wenn sein Haus in absoluter Ruhelage in der Avenue du Pérou lag, konnte er seine Nachbarn sehen. In einiger Entfernung zwar und von Bäumen umgeben, aber er erkannte jetzt, dass Sabrina, eine Nachbarin aus Deutschland, dort vorne ihr Abendyoga machte. Er winkte ihr zu, und sie lächelte zurück. Bei den französischen Nachbarn lief auch die Gartendusche, und dort drüben, auf der anderen Seite der Lichtung, saßen Fabia und Jürgen schon beim Apéro – jedenfalls konnte er die offene Flasche Weißwein im Eiskübel auf dem Tisch ausmachen. Auch sie saßen da, wie Gott sie geschaffen hatte, splitterfasernackt. Vielleicht würde er mit seiner Frau nachher doch noch dort vorbeigehen, Jürgen hatte immer gute Flaschen im Kühlschrank.

Günther drehte den Wasserhahn zu, dann griff er sich das Handtuch über seinem Gartenstuhl und trocknete sich ab. Nur ein wenig, den Rest würde die Abendsonne erledigen. Er strich über seine faltige Haut, die von der Sonne dunkelbraun war. Er wusste, dass er nun wirklich nicht mehr der Jüngste war, und doch fühlte er sich gut: Er ging jeden Tag seine zehntausend Schritte, mindestens, radelte viel und schwamm im eiskalten Atlantik. Er musste sich nicht verstecken. Auch das war ein Geheimnis dieses Platzes: Hier ging es nicht ums Alter, hier schämte sich niemand für faltige Haut oder dicke Bäuche, auch nicht für sichtbare Gebrechen. Sie waren wirklich frei.

Er reckte und streckte sich kurz in Richtung Himmel, dann ging er nach drinnen und öffnete den Kühlschrank. Dort herrschte gähnende Leere. Aber nicht mehr lange: Angelika war auf dem Dorfplatz, um für das Abendessen einzukaufen. Sie wollten grillen. Außerdem gab es heute noch mal die Chance, in Ruhe die Vorräte aufzufüllen, denn morgen würde der kleine Supermarkt aus allen Nähten platzen. An diesem Wochenende begann die Hauptsaison, dann kamen neben den Dauermietern und den Besitzern der Holzhäuser noch zusätzlich Hunderte, nein, eher Tausende Zeltbewohner und Wohnwagenbesatzungen, um hier eine oder zwei Wochen Sommerurlaub zu verbringen. Und dann wuchs die nackte Schlange vor dem Bäcker so sehr an, dass es manchmal eine halbe Stunde dauerte, ein Baguette zu erstehen.

Günther blickte hinaus in den Garten, er sah die hübsch bepflanzten Beete, die holzbeplankte Terrasse mit den Liegen und dem Sonnenschirm, die Außendusche, die kleinen Hecken. Sie hatten es sich hier wirklich hübsch gemacht über all die Jahre.

Er kratzte sich am Kopf, weil wieder diese Ungewissheit in ihm aufstieg, die vor allem die älteren Bewohner seit einigen Wochen verspürten.

Würde diese Frau wirklich ernst machen? Versuchte sie wirklich, ihnen allen dieses Paradies hier zu stehlen? Ging es nur ums Geld? Oder doch auch darum, dass sie alle hier nackt waren?

Günther lebte nun schon so lange hier, er sprach wirklich gut Französisch, viel besser, als er es als junger Deutscher damals gedacht hätte. Und doch wurde er aus all den Briefen aus der Gemeinde, den Zeitungsartikeln, den Verordnungen und der Klage nicht schlau.

Er wusste nur, dass die Existenz dieses Ortes am Ende der Welt bedroht war. Er wusste auch, wie wütend ihn das machte. Ihn und alle anderen Bewohner. Er fühlte sich so machtlos – und doch fragte er sich ständig: Waren sie das wirklich, machtlos? Sie könnten sich doch wehren …

Denn Günther wusste: Er wollte seine letzten Jahre auf Erden hier in diesem Paradies am Ozean verbringen – und nirgendwo sonst. Und niemand, nicht einmal eine Politikerin mit Macht und Einfluss, würde ihn daran hindern.

Donnerstag, 16. Juli, 19:30 Uhr, Mairie de Grayan-et-l’Hôpital, Frankreich

 

Sie schloss ihre Tür ab, dann ging Anne Dujardin durch den Flur, in dem kleine Staubflusen durch die Luft flimmerten. Die Bänke vor dem Büro der Meldestelle waren verwaist, natürlich, die beiden Damen dort hatten schon vor Stunden Feierabend gemacht. Das Rathaus der Gemeinde war gänzlich verlassen. Nur sie selbst, Madame la Maire, hatte wieder einmal reichlich Überstunden gemacht. Aber gut, es ging ja auch um etwas. Um etwas Großes, da verstand sie ihre Arbeit genau so.

Sie wog den wattierten Umschlag in den Händen. Das war ihr Tagwerk. Nein, es war eigentlich viel mehr als das. Es war die Arbeit von mehreren Monaten – und es war ihre größte Prüfung.

Sie öffnete die Tür und trat aus der Mairie heraus.

Sofort war es, als würde sie gegen eine Wand aus Hitze laufen. Der heiße Tag dampfte auf dem Asphalt, und es ging kein Lüftchen, sodass die Trikolore über ihr an der Rathauswand träge herunterhing.

Die kleine Mairie lag genau im Zentrum des Ortsteils, gegenüber stand die gewaltige Kirche aus hellem Sandstein, neben dem Rathaus wiederum der große Veranstaltungssaal, der eigentlich überdimensioniert war für ihr winziges Dörfchen – doch morgen würde selbst dieser Saal aus allen Nähten platzen, das wusste sie – und sie freute sich darauf, morgen genau dort die Bombe platzen zu lassen. Sie spürte, wie sich allein beim Gedanken daran ihr Herzschlag beschleunigte.

Gegenüber auf dem kleinen Platz saßen drei ältere Damen, die angeregt schnatterten. Als sie die Bürgermeisterin erblickten, hob eine von ihnen die Hand zum Gruß, die beiden anderen nickten ihr aufmunternd zu. Anne winkte zurück.

Sie wusste, dass sie über eines der wichtigsten Attribute, die für eine Dorfbürgermeisterin wichtig waren, nicht verfügte: über Bürgernähe. Sie war keine Frau, die mit Vorliebe die Ausstellung des Kaninchenzüchtervereins eröffnete, sie wollte nicht stundenlang Hände schütteln und trank auch nicht ständig mit ihren Wählern auf irgendwelchen Dorffesten Weißwein um die Wette. Sie machte lieber ernsthafte Verwaltungsarbeit, prüfte, wie sie noch mehr Subventionen von der EU einstreichen konnte, und brütete Tag für Tag über Aktenbergen. Früher war das ein Problem gewesen, mittlerweile aber galt sie nicht mehr als die abgehobene Politikerin, die aus dem fernen Paris gekommen war, sondern als eine hart arbeitende Frau, der die Bürger Respekt zollten. Dafür musste sie ihnen nicht die Hände schütteln.

Anne Dujardin ging zu ihrem Wagen, der neben dem Rathaus geparkt war. Sie drückte auf den Schlüssel, der BMW piepte, dann öffnete sie die Tür. Sie stieg ein und ließ alle Fenster herunter, hier drinnen waren bestimmt fünfzig Grad. Als sie den Ortsteil über die Rue des Bernaches gen Süden verließ, drang aus den umliegenden Gärten der Geruch von Holzkohlegrills durch das offene Wagenfenster. Die Menschen genossen die Feierabendstimmung, das Wochenende nahte – und mit ihm die großen Ferien. Auch wenn die für viele Menschen in dieser Gegend, anders als in Paris, keine Urlaubszeit bedeuteten – sondern Haupteinnahme- und damit Arbeitszeit. Schließlich war dann Hochsaison, und ihre Bürger verdienten ihr Geld auf den riesigen Campingplätzen, in den Hotels und Restaurants, in den Châteaux, die Weinproben für die Touristen anboten, und auf den Märkten und in den Dorfzentren in all den kleinen Läden und Boutiquen. Und wenn die Urlaubszeit vorbei war, stand schon die Weinlese an, eine weitere Hochzeit der Arbeit im Médoc.

Heute Abend aber durften sich die Menschen im Dorf ausruhen und das nahende Wochenende genießen. Wahrscheinlich ahnten sie nicht einmal, dass ihre Bürgermeisterin noch auf den Beinen war, um für sie und ihre Interessen einzustehen.

Bevor sie sich um den wattierten Umschlag kümmern würde, hatte sie noch eine letzte Aufgabe.

Sie lenkte den Wagen weiter gen Süden. L’Hôpital war ein kleiner, verschlafener Weiler, hier lebten gerade einmal drei-, vielleicht vierhundert Menschen.

Sie bog nach rechts, eine Stichstraße führte schnurgerade nach Westen, direkt auf das Meer zu, das verborgen hinter dem großen Küstenwald lag. Dort vorne war er: der Stein des Anstoßes.

Anne Dujardin achtete darauf, nicht zu nah heranzufahren. Die Leute an der Rezeption kannten ihren Wagen. Sie wollte um keinen Preis der Welt auffallen. Also lenkte sie kurz vor der Einfahrt nach rechts auf einen Forstweg. Dann stieg sie aus. Zu jeder anderen Zeit des Jahres lag die Stichstraße gänzlich verlassen da – nur in diesen Wochen sah das ganz anders aus. Sie blickte auf die Uhr. Die Karawanen des Abends müssten jetzt kommen, weil sowohl das allabendliche Pendlerchaos auf der Rocade, der Stadtautobahn um Bordeaux herum, so langsam aufhörte –, als auch die Fähre aus Royan vor einer halben Stunde in Le Verdon angelegt hatte.

Und richtig, in der Ferne war schon Motorenlärm zu vernehmen. Eilig stellte sie die Videofunktion ihres Handys an und platzierte das Gerät so auf der Motorhaube, dass es die Départementale gen Westen gut im Bild hatte. Dann setzte sie sich wieder hinter das Steuer und blickte die Straße hinunter.

Sekunden später begann der Wahnsinn. Kopfschüttelnd sah die Bürgermeisterin zu, wie zuerst nur einzelne Wagen in ihr Blickfeld kamen, dann immer mehr, bis es eine echte Karawane war, ein Aufgalopp Dutzender Gespanne: Da waren Wohnmobile, so groß, dass sie aussahen wie Einfamilienhäuser, eines zog auf einem Anhänger noch einen VW Golf hinterher. Dann kamen riesige Limousinen, die Wohnwagen zogen, es gab Transporter, die zu Surfermobilen ausgebaut waren, und Autos, in denen vier oder fünf Leute saßen, mit riesigen Dachboxen.

All diese Gespanne hatten nur ein Ziel: den Platz am Ende der Straße. Für zwei, drei oder vier Wochen. Weil sie alle auf einmal von der Fähre kamen und sich auf dem Parkplatz erst noch verteilen mussten, staute sich bald der Verkehr, genau vor der Handylinse von Anne Dujardin. Immer noch schüttelte sie den Kopf.

Sie hatte mitgezählt, und nach zehn Minuten stieg sie aus und stoppte das Video. Ein Wahnsinn war das. Innerhalb dieser zehn Minuten waren es einhundertachtunddreißig Wagen gewesen, voll besetzt waren das vierhundert oder fünfhundert Menschen, mehr als im Ortsteil L’Hôpital wohnten.

Wenn man das hochrechnete, käme man auf eine ungeheuer große Zahl, so hoch, dass sie auch jeden noch so urlauberfreundlichen Richter überzeugen würde.

Vielleicht hatte sie mit ihren Schätzungen in der Klageschrift sogar noch untertrieben. Sie hatte angegeben, dass auf dem Platz mitten im Wald im Sommer mindestens fünfzehntausend Menschen zusammenkommen würden, dabei hätte es nach der Betriebserlaubnis gerade mal die Hälfte sein dürfen. Und wenn sie sich dann noch vorstellte, dass all diese Menschen sich, noch bevor sie ihre Zelte aufbauten oder die Wohnwagen ausräumten, die Kleider vom Leib rissen, dann wurde ihr ganz anders.

Anne Dujardin war eine Verwaltungsbeamtin, aber sie war auch eine zutiefst gläubige Frau. Und was sie bei einem Besuch dieses Platzes einmal erlebt hatte, war für sie wahnsinnig verstörend gewesen.

Aber das würde bald ein Ende haben, dachte sie nun, und lächelte.

Sie schloss die Tür, dann startete sie den Motor, fuhr an und bog durch eine Lücke in dem Stau gen Osten ab. Die Nationale war in Richtung Bordeaux komplett leer, während sich in der Gegenrichtung nach Norden und zu den Stränden die Wagen stauten. Auch von diesen wollten sicher viele nach Euronat.

Anne Dujardin erreichte das Zentrum von Bordeaux schon nach gut anderthalb Stunden. Sie hielt vor dem Gerichtsgebäude gleich hinter der Kathedrale, stieg aus und ging auf den Palais de Justice zu. Sie ignorierte den Nachtbriefkasten – der Umschlag, den sie in ihrer Hand wog, war zu wichtig. Deshalb ging sie zur Pforte, hinter der ein gelangweilter Mann in der Uniform der Justizbeamten saß. Sein Blick streifte die Bürgermeisterin, als würde sie eine Störung bedeuten.

»Monsieur«, sagte sie, »ich habe hier ein Schreiben, dessen Eingang vor Mitternacht bestätigt werden muss. Es ist ein wichtiges Klageschreiben.«

»Na, dann mal her damit«, sagte der Mann. Sie schob den Umschlag durch den Schlitz in der Glasscheibe, und der Uniformierte ließ mit lautem Knall einen Datumsstempel daraufsausen.

»So, nun hat alles seine Ordnung«, sagte er, bevor er den Umschlag achtlos in eine Kiste warf.

»Merci«, sagte Anne und wandte sich ab. »Und schönen Abend.«

Die Bombe war platziert, dachte sie, als sie ihr Auto stehenließ, um sich in einer kleinen Bar in der Altstadt ein Glas Champagner zu gönnen. Sie war durchaus eine Frau, die genießen konnte. Besonders, wenn es etwas zu feiern gab, wie jetzt. Sie hatte alles erledigt. Nun würden die Nackten schon sehen, wie schnell sie sich von ihrem Paradies am Ozean verabschieden mussten.

Freitag, 17. Juli, 10 Uhr, Hôtel de Police, Bordeaux, Frankreich

 

Die Hundstage waren früh gekommen in diesem Jahr, dachte Luc. Eigentlich fing die Aquitaine immer erst Ende Juli an zu glühen. Doch dieses Jahr hatte die große Hitzewelle schon viel früher begonnen.

»Canicule«titelten die Zeitungen wie ein Warnruf, in allen Blättern und Nachrichtensendungen warnten Ärzte und Meteorologen vor vielen Hitzetoten und ermahnten ältere Menschen, sich nicht zu lange im Freien aufzuhalten. Man sollte alle Fenster aufreißen und sehr viel trinken, ein Arzt hatte hinzugefügt: natürlich nur Wasser. Die Liebe der Bordelais zum eigenen Wein war wohl auch in Medizinerkreisen bekannt.

Diese Hinweise waren mittlerweile im ganzen Land zum allsommerlichen Standard geworden, kein Jahr ohne große Hitzewelle. Die Diskussion darüber, ob das nun der Klimawandel war oder einfach nur das Wetter, wollte auch nicht abreißen.

Doch dieses Jahr war es besonders schlimm. Am Meer in Carcans Plage, in der alten Austernhütte, die Luc von seinem Vater übernommen hatte, war es wenigstens einigermaßen auszuhalten, weil der Wind zumindest in der Nacht ein wenig Abkühlung vom Ozean brachte. Hier aber, in der Stadt, war die Hitze kaum auszuhalten. Die heiße Luft stand in den kleinen Gassen der Altstadt, die Pflastersteine schienen zu glühen, und auf den breiten Boulevards hinaus aus der Stadt schmolz an einigen Stellen der Asphalt. Die Menschen verkrochen sich in klimatisierten Büros, die Schüler hatten hitzefrei, und die Stadt war sogar jetzt am Vormittag so gut wie ausgestorben.

An Lucs Arbeitsplatz aber brachte der Glutsommer ein weiteres Problem mit sich. Während seiner Pariser Zeit war die Kriminalpolizei im weltberühmten Quai des Orfèvres am Ufer der Seine untergebracht gewesen, in dem schon der literarische Commissaire Maigret Dienst getan hatte. Das Gebäude war so alt gewesen, dass es natürlich unter Denkmalschutz stand, deshalb gab es keine richtige Klimaanlage. In Pariser Hitzesommern hatten sich die Kollegen also mit Ventilatoren und reichlich Durchzug von einer Gebäudeseite zur anderen Abkühlung verschafft. Hier aber, im nagelneuen Hôtel de Police von Bordeaux, diesem ausladenden Glaspalast, war eine riesige Klimaanlage aus Fernost verbaut, die so gut funktionierte, dass seit Tagen im Inneren eine Eiseskälte herrschte. Die Luft war dermaßen heruntergekühlt, dass manche Kollegen selbst mit einem dicken Pullover bibberten. Was umso schlimmer war, wenn man aus der Hitze nach drinnen kam – dann fühlte es sich an, als wäre man im Kühlraum einer Metzgerei gelandet. Das hatte zur Folge, dass viele Kollegen schon nach wenigen Tagen husteten und schnieften, weil sich der Temperaturunterschied von mehr als zwanzig Grad, der zwischen drinnen und draußen herrschte, naturgemäß äußerst unangenehm bemerkbar machte.

Jetzt hatte es auch Yacine erwischt. Er hatte eine rote Nase und schniefte dermaßen, dass Luc ihn am Vortag gebeten hatte, doch bitte zu Hause zu bleiben. Gottlob hatte sich der junge Algerier daran gehalten.

Capitaine Hugo Pannetier hingegen trotzte der Hitze und der Kälte, er saß jeden Tag pünktlich von morgens an im Büro. Deshalb war es auch nicht schlimm, dass der Commissaire es seit dem Beginn des Sommers etwas ruhiger angehen ließ. Das war aber auch ohnehin kein Problem, weil es so gut wie nichts zu tun gab. Sogar den Kriminellen schien es gerade zu heiß zu sein. Eine Stelle in ihrer Einheit war noch frei, aber Luc hatte noch nicht den richtigen Bewerber gefunden – außerdem hatte er schon eine Idee, mit wem er diese Stelle besetzen wollte.

Als er jetzt vom Eingangsbereich über den eisigen Flur in Richtung der Fahrstühle ging, klingelte sein Handy. Als er den Namen des Anrufers sah, huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Nicht nur, weil er den Mann, der da anrief, sehr gut leiden konnte, sondern auch, weil der Lokaljournalist Robert Dubois nie grundlos anrief. Der Mann arbeitete für die regionale Zeitung Sud Ouest und kam viel herum zwischen dem Ozean und den Weinbergen. Vielleicht hatte er also auch heute interessante Neuigkeiten, die die Sommerruhe über der Stadt etwas auflockerten? Luc nahm den Anruf an.

»Mon cher, wie komme ich zu der Ehre?«, fragte er.

»Hmm, mein liebster Commissaire, bist du etwa schon in den Sommerferien?«

»Ferien, Robert? Ich lebe doch schon dort, wo andere Urlaub machen, das muss reichen.«

»Auch wieder wahr«, entgegnete der Journalist.

»Warum rufst du an, mein Lieber? Bist du mal wieder über eine neue Räuberpistole gestolpert?«

»Na, noch ist es keine, aber die Geschichte hat Potenzial«, erwiderte Robert und weckte damit schlagartig Lucs Interesse. »Hast du schon von dem Streit bei Euronat gehört?«

»Dem Streit?«, Luc dachte angestrengt nach, aber er kam nicht drauf, was der Journalist meinte. »Nein, davon hab ich noch nichts gehört. Aber Euronat ist doch der Platz dort oben in Monta, oder?«

»Fast richtig«, erwiderte Robert, »nur dass der Platz nicht zu Montalivet gehört, sondern zum Gemeindegebiet von Grayan.«

»Ich weiß nur, dass es ein Paradies für Nudisten ist«, sagte Luc, der den großen Campingplatz im nördlichen Médoc tatsächlich nur vom Vorbeifahren kannte. Es war ein gut geschütztes Gelände, auf dem der Zutritt nur Bewohnern und Campinggästen gestattet war.

»Nun, das stimmt«, sagte Robert, »aber es ist viel mehr als das: Es ist der größte Nacktcampingplatz Europas und einer der größten der Welt. Im Sommer leben hier weit über zehntausend Menschen. Und wenn ich dir jetzt sage, dass sich über dem nackten Paradies Unheil zusammenbraut, würdest du dich dann mit mir treffen? Es könnte nämlich gut sein, dass ihr eure Augen offenhalten solltet.«

»Was kann sich denn über einem Nacktcampingplatz zusammenbrauen?«, fragte Luc und wollte gerade seine eigene Frage beantworten, da hörte er Robert lachen: »Bitte, keine Nacktwitze, meine Kollegen machen sich schon die ganze Zeit über meine Recherche lustig.«

»Okay«, erwiderte Luc, »ich verschone dich. Dann bin ich sehr gespannt auf deine nackten Tatsachen.«

»Jetzt komm schon, Luc …«, knurrte Robert. »Wo wollen wir uns treffen?«

»Hier im Büro ist es so ruhig, ich könnte einfach für ein schnelles déjeuner nach Norden fahren, wo steckst du denn?« Luc wusste natürlich, dass es mit Robert niemals ein schnelles Mittagessen gab, die Treffen mit dem Journalisten waren im Allgemeinen ausufernd und sehr feuchtfröhlich.

»Die Redaktion hat mich für die Hochsaison in Montalivet untergebracht, da haben wir ein kleines Büro, nur für die Wochen, in denen hier alles aus allen Nähten platzt.«

»Gut, lass uns im Chez Steph’ treffen, da sind zwar auch viele Touristen, aber das Essen ist ganz solide.«

»Très bien«, erwiderte Luc, »à tout à l’heure.«

Er legte auf, dann nahm er den Fahrstuhl und betrat gleich darauf das Großraumbüro. Wie erwartet, saß Hugo hinter seinem Schreibtisch, die Beine lagen auf der Tischplatte.

»Bonjour, Capitaine«, sagte Luc, »viel zu tun?«

»Machst du Witze?«, fragte Hugo. »Es ist so ruhig, dass es mich fast um den Verstand bringt. Ich bin kurz davor, mir die Akten alter ungelöster Fälle aus dem Archiv zu holen. Gott sei Dank bin ich ab übermorgen im Urlaub.«

»Dann geh lieber raus und genieß die schwitzende Stadt«, erwiderte Luc. »Ich würde jetzt mal ins Médoc fahren und Robert treffen. Es klingt, als hätte er etwas für uns. Kannst du mich für ein paar Stunden entbehren?«

»Ich kann dich für die nächsten zehn Stunden entbehren, Luc«, erwiderte Hugo. »Ich halte hier die Stellung, also ab mit dir.«

»Merci, bis nachher.«

Luc verließ in Windeseile die Eiseskälte des Hôtel de Police und stieg wieder in seinen alten dunkelgrünen Jaguar XJ6, der sich allein in den paar Minuten auf dem Parkplatz schon aufgeheizt hatte wie eine Sauna. Luc ließ alle Fenster herunter, dann fuhr er an und nahm den Weg durch die Innenstadt und entlang der Quais bis hinaus auf die Nationalstraße 1215, die gen Norden führte, hinein ins Weinland der Halbinsel Médoc.

Schon nach den Gewerbegebieten der Vorstadt von Bordeaux begannen die ersten Weinfelder, gleich darauf kamen auch die ersten Schlösser in den Blick. Die Winzer hatten hier ihre herrlichen Châteaux, die meisten waren aus Sandstein und befanden sich in kleinen Wäldchen oder großen Parkanlagen. Luc liebte den Anblick der Weinfelder. Er genoss den Ausblick auf die Reben und die Symmetrie der angelegten Weinstöcke und fand es nach all den Jahren noch immer magisch, dass hier eines der schönsten Produkte der Welt entstand – und dass all diese Trauben noch jahre-, manche sogar jahrzehntelang in Flaschen abgefüllt vor sich hin reifen und in aller Welt von Weinliebhabern getrunken werden würden. Der Reichtum dieser Region gründete auf den legendären Flaschen der großen Schlösser, auf der jahrhundertealten Tradition und der Arbeit all dieser Menschen – schwerer, körperlicher Arbeit während des ganzen Jahres, komplett abhängig von Wind, Wetter und Niederschlägen und von so vielen anderen Faktoren. Es war kein Wunder, dass Luc in dieser Gegend schon sehr oft in den verschiedensten Verbrechen ermitteln musste – schließlich war der Wein hier nicht nur verantwortlich für Reichtum, sondern auch für einen guten Ruf und sehr viel Stolz in den Herzen der médocains –, und so ließen sich natürlich auch hier die klassischen Mordmotive finden: Gier, Eifersucht und rasende Wut.

So weit würde es auf einem Nacktcampingplatz wohl eher nicht kommen, dachte Luc, während er den Jaguar Richtung Norden lenkte. Er umfuhr Saint-Laurent- und Lesparre-Médoc auf den Umgehungsstraßen, dann bog er hinter Vensac nach links von der Nationale ab. Beinahe sofort wechselte die Landschaft, die Weinfelder hörten auf, und der endlose Seekiefernwald begann. Waren die Flächen im östlichen Médoc beinahe ausschließlich für den Weinanbau reserviert, wurde hier im Médoc Atlantique fast ausschließlich in den Monaten Geld verdient, in denen es warm und sonnig war – hier drehte sich alles um die Sommerferien, um die Urlauber auf all den Campingplätzen und in den kleinen Strandorten.

Die Sehnsucht hatte Namen: Le Gurp, der schöne breite Sandstrand mit dem riesigen Campingplatz, der besonders von Surfern und Menschen frequentiert wurde, die lieber in ursprünglichen Zelten Urlaub machten, als dem Trend des Glamping zu frönen – dem glamourösen Camping in riesigen, neumodischen Wohnmobilen. Noch weiter nördlich, kurz vor der Mündung der Gironde in den Atlantik, lag Soulac, ein herrliches Dörfchen, dessen Häuser im farbenfrohen Stil der Bäderarchitektur gehalten waren. Die Gemeinde hatte einen ganz eigenen und unverkennbaren Charakter. Südlich von Montalivet, das die Einheimischen nur Monta nannten, befand sich seit den fünfziger Jahren ein Nacktcampingplatz, das CHM, das im ganzen Land bekannt war. Und es gab eben Euronat, den größten der Nudistenplätze, der etwas weiter nördlich lag, in einem riesigen Areal, wunderbar beschattet von den großen Seekiefern.

Der Commissaire glaubte, das Meer schon riechen zu können. Und wirklich – es lag schon eine leichte Brise in der Luft, als der Jaguar unter den Bäumen der geraden Landstraße dahinraste, die ihm Schatten und damit etwas Abkühlung bescherten.

Kurz vor Montalivet aber nahm das Unheil seinen Lauf. Vor ihm waren Karawanen von Autos aus aller Herren Länder: deutsche, niederländische, belgische, schweizerische, österreichische und britische, die offenbar alle dasselbe Ziel hatten – schließlich war in Montalivet zur Sommerzeit jeden Tag der riesige Marktplatz geöffnet. Dazu kamen all die Restaurants und die Strände, die Urlauber von den umliegenden Campingplätzen anlockten. Genervt bremste Luc den Jaguar ab und fuhr dann im Schritttempo hinein in den Ort, der buchstäblich auf Sand gebaut worden war.

Montalivet war auf dem Reißbrett konzipiert worden, die Straßen lagen rechtwinklig zueinander, und jede Achse führte schnurstracks auf den Ozeanstrand zu.

Als der Commissaire einen freien Parkplatz sah, ergriff er die Gelegenheit, auch wenn sein Ziel noch ein Stück entfernt lag. Ein freier Platz im Hochsommer glich einem Sechser im Lotto. Er stieg aus und ließ die Fenster ein Stück herunter, damit es nachher im Wagen nicht allzu mörderisch warm war. Dann ging er über den Marktplatz, der das ganze Zentrum des Dorfes einnahm. Hier fand sich alles: Die Bauern der Region verkauften Obst und Gemüse, es gab einen Metzger, zwei Fischbuden, mehrere Käseverkäufer und Stände mit Spezialitäten, die verführerisch dufteten: Paella, Austern, gegrillte Würste, libanesische und nordafrikanische Pfannengerichte. Beim Asiaten dampfte ein Wok vor sich hin, Luc mochte sich gar nicht vorstellen, wie heiß es innerhalb dieses Standes sein musste. Und dann gab es natürlich auch noch allerlei Klimbim, der ausschließlich den Touristen vorbehalten war: Klamotten aus Fernost, bunte, wallende Sommerkleider, Schmuck und Dekorationsartikel, um sich das Strandfeeling aus Südwestfrankreich auch nach Hause holen zu können. Über den Markt waberte ein Klangteppich aus Dutzenden verschiedenen Sprachen, an den Ständen wurde gefeilscht und diskutiert, es herrschte eine beinahe ausgelassene Stimmung. Luc aber war heilfroh, als er vorne in der Avenue de la Brède die lauschige Terrasse sah, die bereits voller Menschen war. Genau unter dem Sonnensegel hatte sich seine Verabredung noch einen Tisch verschafft. Der junge Mann stand auf, sobald er Luc erkannte. Sie umarmten sich freundschaftlich und tauschten die drei bises aus, die Wangenküsse, die für diese Region üblich waren.

»Du musst gerast sein, mon cher, ich hatte noch gar nicht mit dir gerechnet.«

»Die Fahrt war reibungslos bis zum Ortseingang«, erwiderte Luc, »dann ging es nur noch im Schritttempo weiter.«

»Ja, Monta hat im Sommer einen ganz eigenen Charme. Wenn man das Dorf nicht verlassen muss, geht es. Ich nehme hier ohnehin nur noch das E-Bike, das ich der Redaktion abgeschwatzt habe. Offiziell wegen der Umwelt, aber eigentlich wollte ich nur nicht mehr im Stau stehen.«

»Du bist ein kluger Mann«, erwiderte Luc. Sie setzten sich, und sogleich trat eine junge und auffallend hübsche Kellnerin zu ihnen, die Robert kameradschaftlich auf die Schulter schlug. Sie war sehr groß und hatte halblange blonde Haare, die sie kunstvoll geflochten hatte. Ihre Haut war dunkelbraun wie die einer Surferin, und sie hatte ein keckes Lächeln auf dem Gesicht.

»So, ist dein Date endlich da?«, fragte sie.

»Kein Date, in den Kerl da bin ich schon lange verliebt«, entgegnete der Journalist. »Das ist Commissaire Luc Verlain – und das hier ist Giulia. Sie studiert Jura in Paris und ist für den Sommer hier in Monta.«

»Hier verdien ich in zwei Monaten so viel Trinkgeld, dass es für die Miete in Paris das ganze Jahr reicht«, sagte die junge Frau und grinste.

»Na, das glaub ich sofort«, erwiderte Robert und strahlte sie an. Luc musste lachen und sah dann für einen Moment zur Seite. Es war offensichtlich, dass die beiden jungen Leute ungehemmt flirteten.

»Was darf ich euch bringen? Ist es schon Zeit für Wein?«

Luc sah in den azurblauen Himmel und schüttelte den Kopf. »Nein, sonst schaffe ich es heute gar nicht mehr ins Büro zurück. Ich hätte gern eine citron pressé mit so viel Eis, wie ins Glas passt. Und dazu ein kaltes Perrier, Mademoiselle.«

»Das nehme ich auch, Giulia. Und was ist denn die plat du jour?«

»Ein Entrecôte aus Bazas oder eine gegrillte Dorade«, erwiderte die junge Frau.»Für Fleisch ist es zu heiß, oder?«, fragte Luc, und Robert nickte. »Dann teilen wir uns eine große Dorade mit sehr viel Zitrone – und dazu nur einen großen Salat.«

»Sehr gern«, sagte die junge Frau, während ihr Blick ein wenig zu lange auf Robert verweilte, dann verschwand sie, und der Journalist sah ihr hinterher.

»Jetzt verstehe ich, warum du dich hast nach Monta versetzen lassen«, sagte Luc.

»Der ganze Ort wimmelt vor jungen Pariserinnen, die hier ihre Ferien verbringen, um zu arbeiten«, erwiderte Robert. »Es ist nicht zum Aushalten. Und Giulia …«, er schüttelte den Kopf, »sie ist einfach grandios. Sie ist klug, witzig und …«

»Und sehr attraktiv«, brachte Luc seinen Gedanken zu Ende.

»Ach echt?«, fragte Robert und grinste. »Das war mir noch gar nicht aufgefallen.«

Sekunden später kam die junge Frau mit zwei Gläsern zurück, die mit frisch gepresster Zitrone gefüllt waren, dazu stellte sie einen kleinen, silbernen Eiskübel auf den Tisch und öffnete zwei Flaschen mit dem sprudeligen Mineralwasser. Sie goss ihnen ein, dann verschwand sie schnell, um dem Nachbartisch die Rechnung zu bringen.

»Also, mein Freund, ich bin sehr gespannt auf die nackte Wahrheit«, sagte Luc, und Robert musste wieder lachen.

»Du kannst es nicht lassen, oder?«

»Warum sollte ich …«, sagte der Commissaire.

»Auch wieder wahr. Also gut, hast du schon irgendwas über die Sache gehört, oder ist das für dich absolutes Neuland?«

Luc rührte Zitrone und Eis in seinem Glas um, dann goss er noch etwas kaltes Wasser nach, stieß mit dem Journalisten an und genoss die kühle Säure, die ihn sogleich erfrischte.

Dann sagte er: »Als gebürtiger carcanais verlässt man natürlich nur äußerst selten sein Dorf, um in Monta oder in Grayan an den Strand zu gehen. Ich hatte einmal für kurze Zeit eine Sommerromanze auf dem Campingplatz von Le Gurp, aber im Euronat war ich wirklich noch nie. Ich weiß nur, dass der Platz letztes Jahr sein fünfzigjähriges Bestehen gefeiert hat, dass dort im Sommer über zehntausend Menschen leben – und tatsächlich alle Leute nackt sind.«

»Das stimmt alles auffallend – wobei die Angaben, wie viele Menschen dort wirklich leben, sehr stark schwanken. Darum geht es aber auch in unserer Geschichte.«

Luc wurde langsam ungeduldig, er mochte es nicht, so lange auf die Folter gespannt zu werden.

»Nun mach es nicht zu spannend, brauchst du noch einen Trommelwirbel, oder was?«

»Ja, ja. Geht ja schon los, mon commissaire. Also: Euronat ist – wie du es gerade richtig beschrieben hast – vor fünfzig Jahren gegründet worden. Es war zuerst ein kleines Projekt von Bauunternehmern, die in einem Waldstück nahe dem Strand Ferienhäuser gebaut haben, anfangs waren es nur ganz wenige. Über allem standen die Philosophien des Nudismus und der inneren Freiheit, beides hatte damals schon viele Anhänger, weil die Zeiten ja ganz anders waren, viel spießiger und gefangener. So fanden sich sehr schnell viele Interessenten, zuerst nur aus Frankreich, nach kurzer Zeit aber gab es einen findigen Deutschen, der immens viele Häuser an deutsche Kunden verkaufte. So war der Platz nach ein paar Jahren fest in deutscher Hand und wuchs immer weiter. Die Gemeinde hatte den Besitzern das Waldstück verpachtet. Nun ja, Waldstück klingt so klein, dabei handelt es sich um den ganzen Gemeindewald zwischen Monta und Grayan. Es ist eine Fläche von fast 350 Hektar mit einem eigenen Strand, der anderthalb Kilometer lang ist.«

»Ein wunderschöner Strand, wenn ich mich richtig erinnere. Und ja auch ein äußerst geschichtsträchtiger. Wie überall an der Küste stehen doch auch dort diese riesigen Betonbunker, mit denen die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg ihren Atlantikwall gesichert hat.«

»Genau«, erwiderte Robert. »Und diesmal kamen die Deutschen unbewaffnet – und unbekleidet. Nun ja, das Gelände wuchs also von Jahr zu Jahr, bald kam ein richtiger Dorfplatz dazu, mit Läden und Restaurants, es ist wirklich wie ein eigenes kleines Dorf. Und im Sommer ist es ein Dorf, das aus allen Nähten platzt. Dennoch ging all das sehr geräuschlos und friedlich vonstatten. Bis heute.«

»Spuck’s endlich aus – was ist da im Busch, dass sich der berühmteste Journalist der Sud Ouest damit beschäftigt?«

»Du sollst mich nicht immer veräppeln, Luc«, sagte Robert und trank einen Schluck von seinem Zitronenwasser. »Nun ja, ich habe einen Anruf von meinem Kontakt im Justizpalast bekommen. Offenbar hat die Bürgermeisterin der Gemeinde in einer Nacht- und Nebelaktion dem Platz seinen Pachtvertrag gekündigt.«

»Was? Einfach so? Darf sie das denn? Die Häuser sind doch Eigentum der Besitzer, oder?«

»Ganz so einfach ist das wohl nicht. Die Bürgermeisterin hat einen Eilantrag gestellt, der nun sehr rasch geprüft werden muss. Nach einem ersten Einblick in den Pachtvertrag scheint es wohl so zu sein, dass sie ihren Antrag sehr gut begründet hat – und vielleicht wirklich Chancen hat, dass das Gericht ihrer Klage stattgibt. Denn es ist so, dass die Gemeinde den Vertrag mit dem Gelände in den Siebzigern unter sehr strengen Bedingungen geschlossen hat. Die Häuser und Grundstücke darauf sind nicht Eigentum der Käufer, sie stehen unter einer Erbpachtregel für neunundneunzig Jahre. Mit Ablauf dieser Zeit fallen alle Häuser und das gesamte erschlossene Areal an die Gemeinde zurück, die dann damit machen kann, was sie möchte. Ich bin mir gar nicht sicher, ob alle Käufer verstanden haben, was sie da für einen Vertrag unterschrieben haben. Aber nun ist es nun einmal so. Und zudem hat die Gemeinde das Recht, den Pachtvertrag sofort und vor Ablauf der neunundneunzig Jahre zu kündigen, wenn der Campingplatz die Regeln des Vertrags verletzt. Und genau darauf zielt die Bürgermeisterin in ihrer Klageschrift ab.«

»Aha«, meinte Luc, dem die präzise Paragrafenreiterei bei dieser Hitze ein echtes Gräuel war, kurz. »Und wie hat Euronat die Rechte aus dem Vertrag verletzt?«

»Zuallererst mal bei der Anzahl der Häuser, die gebaut werden durften, und angeblich auch bei der Anzahl der Bewohner in der Sommersaison. Angeblich dürfen nur siebentausend Menschen auf dem Platz wohnen, die Bürgermeisterin glaubt aber, es seien in der Hochsaison mehr als doppelt so viele. Und weil dieser Zustand nun schon seit Jahren anhält, kündigt sie den Pachtvertrag. Sie will alles vor Gericht beweisen – nur wissen die Bewohner von Euronat eben noch nichts davon. Und ich sage dir: Wenn das rauskommt – und dann auch noch mitten im Hochsommer und in dieser Hitzewelle –, dann ist das wie eine echte Bombe, die hochgeht.«

»Wann will sie das denn bekannt geben, wenn es bisher nicht offiziell ist?«

»Wie gesagt: Ich habe die Information nur von meinem Kontakt beim Gericht in Bordeaux. Aber anscheinend will sie nach dem Wochenende eine Pressekonferenz geben, in ihrer Gemeinde in Grayan. Und du ahnst nicht, wer da auch dabei sein wird.«

»Wer denn?«, fragte Luc, weil sich Roberts Stimme beinahe überschlug vor Aufregung.

»Also: Die Bürgermeisterin ist bei den Konservativen. Sie heißt Anne Dujardin, ist erst seit zwei Jahren die Maire von Grayan, vorher war sie in Paris und war dort Referentin eines Abgeordneten der Nationalversammlung. Und ebendieser Abgeordnete ist seit einem Jahr Staatssekretär im Verteidigungsministerium – und eine der spannendsten Persönlichkeiten in der Regierung von Macron. Er ist ein wahrer Hoffnungsträger der Konservativen, weil er ein echter Hardliner ist – und genau dieser Mann kommt am Montag auch nach Grayan.«

Luc kratzte sich am Kopf, natürlich ahnte er, worauf sein Freund hinauswollte. »Du meinst Guy Martinez?«

»Ganz genau der. Und damit geht es hier nicht mehr nur um einen Pachtvertrag. Sondern um das, was alle Leute sofort denken werden, wenn Montag die Bombe platzt: Der Dujardin sind die Nackten ein Dorn im Auge, die will ihre Gemeinde umbauen – und vor allem will sie all diese Linken und Alternativen auf den Plätzen loswerden. Sie will Investoren anlocken, die neue, schöne Anlagen bauen – und sie hat auch etwas gegen die Nudisten. Genau wie Martinez, der ja immer darüber wettert, dass die Republik wieder moralischer und regelkonformer werden muss, wie in den guten alten Zeiten. Da passen Nackte in Blockhütten nicht so gut ins Konzept.«

»Das ist tatsächlich eine krasse Geschichte«, sagte Luc.

»Genau das ist es. Ich denke, dass die Klage den Besitzern von Euronat heute noch zugestellt wird. Dann wissen sie alle darüber Bescheid, und dann verbreitet sich die unfrohe Kunde wie ein Lauffeuer auf dem ganzen Platz. Ich glaube, du ahnst, was dann am Montag bei der Pressekonferenz los sein wird.«

Luc atmete einmal tief ein und aus und dachte darüber nach, dass diese Veranstaltung tatsächlich eskalieren könnte. Aber dann fiel ihm etwas ein, das ihn zusammenzucken ließ.

»Verdammt«, sagte er, »daran habe ich gar nicht gedacht: Ausgerechnet in den nächsten zwei Tagen sind die einzigen Termine, die wir in diesen heißen Wochen als Einheit haben. Erst ist der Tag der Plädoyers und dann die Urteilsverkündung in dem Prozess gegen den Mörder, den wir vor ein paar Monaten im Baskenland festgenommen haben. Und da müssen wir alle dabei sein. So ein Mist.« Er überlegte kurz, dann sagte er: »Hugo ist im Urlaub, Yacine ist im Moment krank, aber vielleicht ist er ja morgen wieder an Bord. Dann würde ich ihn zu der Pressekonferenz schicken, zusammen mit einem Mannschaftswagen mit uniformierten Kollegen. Ich denke, das sollte reichen.«

»Das klingt wie ein Plan. Und natürlich werde ich auch da sein, dann kann ich dich ja jederzeit auf dem Laufenden halten.«

»Sehr gut, so machen wir es«, sagte Luc, der ein unangenehmes Gefühl im Magen verspürte. Er ahnte, dass der Plan, ein so großes Camp aufzulösen, zu echten Problemen führen würde – schließlich war der Platz ein emotionaler Ort für sehr viele Menschen, die dort seit Jahren und Jahrzehnten ihre Sommer verbrachten. Es könnte tatsächlich ein glutheißer August werden, wenn auch aus anderen Gründen als bisher.

Er wollte gerade weitersprechen, doch dann trat die junge Kellnerin wieder an ihren Tisch. Sie stellte zwei leere Teller vor den beiden Männern ab, dann eine große Schüssel mit einem herrlich frischen Salat, der aus Romanablättern, gelben und roten Kirschtomaten, sehr viel Rauke, Paprika und Nüssen bestand, darüber war eine leichte Vinaigrette gegossen worden. Auf einer Platte stellte sie den großen Fisch ab, der wunderbare Röstnoten auf der silbrig glänzenden Haut trug. Die Dorade war wohl auf einem richtigen Grill gegart worden.

Giulia begann, den Fisch fachkundig zu filetieren, und Luc sah, dass Robert ihr dabei ganz verzückt zusah. Sie gab jedem der beiden Männer ein Filet, dann strahlte sie Robert an.

»So, genießt es, bon appétit. Und wenn du Lust hast, ich hab um halb vier Pause und will dann an den Strand. Magst du mitkommen?«

Roberts Blick hätte nicht verzückter sein können. »Na klar, dann sehen wir uns unten am Hauptstrand.«

»Parfait«, erwiderte die junge Frau.

Luc grinste. »Also, ihr Turteltauben, ich esse jetzt meinen Fisch.«