Beschreibung

Du treibst allein im weiten Meer. Du spürst das Salz auf deiner Haut. Und wenn ich dich küsse, dann bist du tot... Drei junge Au-Pair-Mädchen genießen ihr unbeschwertes Leben in der estnischen Hauptstadt Tallinn. Bis plötzlich eine von ihnen verschwindet und wenig später am Strand gefunden wird, bestialisch ermordet. Das Opfer, die junge Bea, ist Österreicherin. Deshalb schickt die Kripo Linz ihren besten Mann, Chefinspektor Tony Braun, nach Tallinn, um den Mord aufzuklären. Die Polizei tappt im Dunkel, doch dann verschwindet ein weiteres Au-Pair-Mädchen. Ist auch sie dem Killer in die Hände gefallen? Und welchen Plan verfolgt der junge Arto Kaukonen, der seiner todkranken Tochter eine Nierentransplantation finanzieren muss und sich deshalb auf dubiose Geschäfte einlässt? Bald wird klar: Tony Braun hat es mit einem Serienkiller zu tun, für den Au-Pair-Mädchen eine schwere Schuld auf sich geladen haben. Als Tony Braun hinter das Geheimnis des Serienmörders kommt, ist es beinahe zu spät, denn der Killer segelt bereits mit einem neuen Opfer hinaus aufs offene Meer. Über 1.000.000 Leser haben bisher die Thriller mit dem unkonventionellen Chefinspektor gelesen und waren von den spannenden Handlungen und den einzigartigen Charakteren begeistert. Alle Thriller sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden. Die Tony-Braun-Thriller-Reihe: "Totes Sommermädchen" - wie alles begann - der erste Tony Braun Thriller "Töten ist ganz einfach" - der zweite Fall "Freunde müssen töten" - der dritte Fall "Alle müssen sterben" - der vierte Fall "Der stille Duft des Todes" - der fünfte Fall "Rattenkinder" - der sechste Fall "Rabenschwester" - der siebte Fall "Stiller Beobachter" - der achte Fall "Strandmädchentod" - der neunte Fall "Stilles Grabeskind" - der zehnte Fall

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 452


Sämtliche Figuren und Ereignisse dieses Romans sind der Fantasie entsprungen. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist zufällig und von den Autoren nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung der Blue Velvet Management GmbH urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

Copyright Blue Velvet Management GmbH,

Linz, Juli 2018.

ISBN: 978-3-9503954-5-7

Lektorat: Wolma Krefting, www.bueropia.de

Korrektorat: Sybille Weingrill, www.swkorrekturen.eu

Titelgestaltung: www.afp.at

Bildernachweise: copyright shutterstock ,

The sand isolated on white background close-up: 187112042, Voronina Svetlana

Red starfish in Indian Ocean: 501327598, Samibi81

foam surface ocean deep blue sea from top view, nature texture: 718116424, sattahipbeach 

Anmerkung

Wir haben uns erlaubt einige Namen und Örtlichkeiten aus Spannungsgründen neu zu erfinden, anders zu benennen und auch zu verlegen. Sie als Leser werden uns diese Freiheiten sicher nachsehen.

Über die Autoren B.C. Schiller

Barbara und Christian Schiller leben und arbeiten mit ihrem RhodesianRidgeback Calisto in Wien und auf Mallorca.Gemeinsam waren sie über 20 Jahren in der Marketing- undWerbebranche tätig und haben ein totales Faible für packende Thriller. B.C. Schiller gehören zu den erfolgreichsten Spannungs-Autoren im deutschsprachigen Raum. Bisher haben sie mit ihren Thrillern über 1,500.000 Leser begeistert.

Die Tony Braun Thriller:

TOTES SOMMERMÄDCHEN – der erste Tony Braun Thriller – wie alles begann

TÖTEN IST GANZ EINFACH – der zweite Tony Braun Thriller

FREUNDE MÜSSEN TÖTEN – der dritte Tony Braun Thriller

ALLE MÜSSEN STERBEN – der vierte Tony Braun Thriller

DER STILLE DUFT DES TODES – der fünfte Tony Braun Thriller

RATTENKINDER – der sechste Tony Braun Thriller

RABENSCHWESTER - der siebte Tony Braun Thriller

STILLER BEOBACHTER – der achte Tony Braun Thriller

STRANDMÄDCHENTOD – der neunte Tony Braun Thriller

Alle Tony Braun Thriller waren monatelang Bestseller in den Kindle-Charts bei amazon und erreichten alle die Nummer 1.

Die TARGA HENDRICKS Thriller:

DER MOMENT BEVOR DU STIRBST – der erste Fall mit Targa Hendricks

IMMER WENN DU TÖTEST – der zweite Fall mit Targa Hendricks

Die LEVI KANT & OLIVIA HOFMANN Thriller:

BÖSES GEHEIMNIS – der erste Cold Case

Der zweite Fall erscheint im September 2019

Die DAVID STEIN Thriller:

DER HUNDEFLÜSTERER – David Steins erster Auftrag

SCHWARZER SKOPRION – David Steins zweiter Auftrag

ROTE WÜSTENBLUME – David Steins dritter Auftrag

RUSSISCHES MÄDCHEN – David Steins vierter Auftrag

FREMDE GELIEBTE – David Steins fünfter Auftrag

EISIGE GEDANKEN – David Steins sechster Auftrag

Alle Thriller waren monatelang Bestseller in den Charts. Die Thriller sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.

Tauchen Sie ein in die B.C. Schiller Thrillerwelt.

Wir freuen uns über jeden Fan auf Facebook und Follower auf Instagram, Twitter – DANKE!

www.facebook.com

www.instagram

www.twitter.com

www.bcschiller.com

B.C. Schiller

Strandmädchentod

Thriller

4. Auflage, April 2019

1

Ertrinken ist kein schöner Tod.

Ich betrachte das Mädchen, das vor mir auf den Planken liegt.

Das Boot ankert nur wenige Meter vom Ufer entfernt. Es ist eine düstere Nacht und die Wellen gehen hoch. Das Meer ist grau wie Eisen. Der Wind weht ungemütlich kalt. Der Sommer macht Pause. Ich halte das Gesicht in den schwarzen, sternenlosen Himmel. Auf meinen Wangen spüre ich die salzige Meeresluft. Langsam kriecht das Adrenalin aus meinen Eingeweiden hoch bis ins Hirn. Ich überprüfe die Fesseln an ihren Händen und Füßen. Dann hole ich das Fischernetz aus der Kajüte und wickle ihren Körper darin ein. Jetzt ist nur noch ihr Schädel zu erkennen. Ich packe das Mädchen an den Schultern und wälze es zur Reling. Sie ist schwerer, als ich dachte. Das sind die Gewichte, mit denen das Netz beschwert ist. Mit einem kräftigen Ruck wuchte ich sie hoch. Ich schlinge ein Seil um ihre Brust und schiebe sie über Bord. Wie ein Stück Holz klatscht sie ins Wasser und versinkt. Jetzt werfe ich einen Rettungsring in die See und springe ebenfalls über Bord. Ich tauche in das kühle Wasser und schwimme zu dem Mädchen, das langsam auf den Meeresgrund sinkt.

‚Ertrinken ist kein schöner Tod‘, denke ich. Ich greife nach dem Seil und ziehe sie zu mir. Gemeinsam treiben wir an die Wasseroberfläche. Zurück ins Leben. Sie keucht. Das Paketklebeband über ihrem Mund löst sich ein wenig. Ihre Wange liegt auf dem Rettungsring. Sie atmet hektisch durch die Nase. Ihre Augen sind vom Salzwasser gerötet. Unverwandt starrt sie mich an. Schöpft Hoffnung. Mit einer Hand packe ich ihren Schädel und drücke ihn unter Wasser. Langsam zähle ich die Sekunden. Bevor sie ertrinkt, ziehe ich sie an dem Seil wieder hoch. Jetzt lese ich die nackte Panik in ihren Augen. Ich lege meine Hand auf ihre Brust, um ihren Herzschlag zu spüren. Geduldig warte ich, bis sie genügend Luft eingeatmet hat. Dann lasse ich sie langsam wieder los. Die Gewichte des Netzes drücken sie unter Wasser. Ich greife nach dem Seil und ziehe das Mädchen hinter mir her. Ehe ich das Ufer erreiche, stoppe ich. Jetzt spüre ich Boden unter meinen Füßen. Es ist Sand, vermischt mit Kieseln. Ich ziehe den Körper des Mädchens an den Fesseln hoch. Ihr Schädel taucht auf. Das Paketklebeband hat sich von ihrem Mund gelöst. Ihre Lippen sind rissig. Sie saugt röchelnd die Luft ein. Wieder sehe ich einen Hoffnungsschimmer in ihren Augen. Sie versucht die Lider zu schließen. Sie will sich vor ihrem Schicksal verstecken, um das Grauen nicht zu sehen. Aber sie kann ihre Augen nicht schließen, sosehr sie sich auch bemüht. Das versetzt sie in Panik. Sie hustet und spuckt. Behutsam klopfe ich ihr auf den Rücken. Ich will, dass sie sich ans Leben klammert, dass sie mir vertraut. Bis sie endlich begreift, dass diese Hoffnung trügerisch ist. Bis die Erkenntnis in ihrem Herzen reift, dass sie mit offenen Augen sterben wird. Bis sie zu schreien beginnt. Dann drücke ich ihren Kopf so lange unter Wasser, bis sich ihr stummer Schrei im Meer auflöst. Bis ihr Herz aufhört zu schlagen. Während ich ihren Schädel mit beiden Händen umklammere, denke ich zurück an jenen Sommer vor achtzehn Jahren, als das Unglück begann.

2

Der Strand von Tallinn entwickelte im Sommer oft einen südlichen Charme. Doch an diesem Tag duckte sich die Landschaft unter tief hängenden Wolken und das Unheimliche war nicht mehr fern. Die Holzhäuser wirkten dunkel und modrig. Dicke Regentropfen klatschten auf bemooste Schindeldächer und auf brachliegenden Grundstücken wucherte das Unkraut. Die wenigen Urlauber, die sich an diesem tristen Tag an den Strand verirrten, saßen in den düsteren Bars und tranken Wodka, um sich aufzuheitern. Nur den Kindern machte der Regen nichts aus, sie gingen auf Entdeckungsreise an den Strand.

„Sieh mal, da vorne!“

Der sechsjährige Marti deutete mit der Hand auf ein längliches Ding, das bei der verfallenen Festung an den Strand gespült worden war.

„Treibholz“, meinte die ein Jahr ältere Sumi mit Kennerblick. „Komm, das sehen wir uns einmal näher an.“

„Au ja“, rief Marti und beide stapften durch den vom Regen schweren Sand. „Machen wir ein Wettrennen“, sagte Marti. „Wer zuerst bei der Festung ist.“

„1, 2, 3. Dann los!“, rief Sumi und begann sofort zu rennen. Doch Marti schloss schnell auf und sie konnte keinen Vorsprung herausholen.

Mittlerweile begann es immer heftiger zu regnen und die Festung kam näher und näher. Die von der Feuchtigkeit geschwärzten Mauern ragten düster vor den Kindern auf, und der Sand, auf den das merkwürdige Objekt geschwemmt worden war, wirkte fast schwarz im Regen.

„Oh, ist dieses Dingsda aber schön“, flüsterte Sumi ergriffen. Spontan packte sie die Hand ihres kleinen Bruders und drückte sie fest.

„Das ist kein Treibholz“, meinte Marti altklug. „Das ist ein Dingsda, das in einem Fischernetz steckt.“

„Es ist sicher etwas Verzaubertes. Komm, wir untersuchen es.“

Beide hockten sich hin und begannen vorsichtig, Muscheln aus dem Netz zu picken. Mit spitzen Fingern zupften sie an den Nylonschlingen. Überall zappelten noch kleine silberne Fischlein, die sich in dem Netz verfangen hatten und mit an Land gespült worden waren. Seetang schlang sich um das Netz. Sumi fuhr sacht mit der Hand darüber. Es fühlte sich merkwürdig an. Nach einer Weile hatten sie einen Teil des Netzes freigelegt und betrachteten staunend ihr Werk.

„Wow, das ist aber gruselig.“

„Ist das ein großer Fisch?“, fragte Marti aufgeregt. „Das müssen wir unbedingt Papa zeigen.“

„Ja, gleich, aber zuerst will ich es mir noch ein wenig ansehen.“

„Sieh mal, was da im Netz hängt.“ Marti deutete auf ein rundes Ding, das wie ein Tischtennisball aussah.

„Zeig her.“ Sumi griff danach und ließ es sofort wieder los. „Igitt, ist das glitschig.“

„Mir macht das nichts aus.“ Marti packte das runde Ding und wog es in der Hand. „Schau mal, vorne hat es ein blaues Teil. Ich nehme es mit.“

„Ja, gut. Gehen wir wieder zurück.“ Mittlerweile hatte Sumi die Lust verloren, sich mit dem unheimlichen Ding näher zu beschäftigen. Ihr war kalt und sie hatte Hunger. Beide hüpften über den Strand auf die Bar zu, in der ihre Eltern saßen.

„Drüben bei der Festung wurde etwas Gruseliges an den Strand gespült“, platzte Marti sofort heraus.

„Was du nicht sagst“, meinte Martis Mutter desinteressiert und nippte an ihrem Wodkaglas.

„Marti hat von dort auch etwas mitgenommen“, sagte Sumi und stieß Marti in die Seite. „Los, zeig es Mama.“

„Was hast du denn Schönes, mein Kleiner?“ Die Mutter drehte sich zu Marti und strich ihm über die Haare.

„Es ist eine besondere Murmel.“ Marti senkte den Kopf und hielt seine Hand geschlossen. Das Ding fühlte sich weich und glibberig an. Mama würde es genauso wie Sumi eklig finden und ihm sagen, dass er das Ding wegwerfen müsse.

„Darf ich sie sehen?“, fragte Martis Mutter mit samtweicher Stimme.

„Nein!“ Marti schüttelte trotzig den Kopf und versteckte seine Hand hinter dem Rücken.

„Es ist ganz glitschig und vorne blau“, sagte Sumi atemlos. „Ich glaube nicht, dass es eine Murmel ist.“

Jetzt war auch Martis Vater auf die Diskussion aufmerksam geworden und drehte sich zu den Kindern.

„Marti, zeig her, was du gefunden hast. Wenn es ungefährlich ist, dann darfst du es behalten.“

„Versprochen?“, fragte Marti zweifelnd.

„Großes Indianerehrenwort“, sagte sein Vater und legte zwei Finger zum Schwur auf die Brust.

Widerstrebend öffnete Marti die Hand. Das Ding wackelte auf seiner Handfläche und sah jetzt ein wenig zerdrückt aus. Martis Vater griff mit spitzen Fingern danach und hielt es prüfend vor sein Gesicht.

„Das ist ja ein Auge!“, rief er plötzlich und prallte zurück. „Ein menschliches Auge!“ Angeekelt ließ er den Glaskörper auf die Tischplatte fallen.

„Was!“ Martis Mutter starrte entsetzt auf die Kinder. „Wo habt ihr das gefunden? Los, sagt schon!“ Panisch rüttelte sie Marti an den Schultern, bis er zu weinen begann.

„Dort“, flüsterte Sumi betreten und zeigte auf die Festung.

Martis Vater schob seinen Stuhl zurück und sprang auf. Der Vater der Kinder war groß und stattlich und seine Stimme klang wie die eines Bären. Aber jetzt wirkte er nervös und die Kinder bekamen Angst.

„Was ist das für ein Auge, Papa?“, fragte Marti und versteckte sich hinter seiner Mutter. „Gehört es einem Menschen?“

„Ich weiß es nicht. Ihr müsst mir zeigen, wo ihr es gefunden habt.“

„Ich habe Angst“, meinte Marti weinerlich.

„Ich zeige dir, wo das Ding liegt, Papa“, sagte Sumi und griff tapfer nach der Hand ihres Vaters.

„Ist gut, meine Kleine“, brummte ihr Vater und machte sich mit seiner Tochter auf den Weg.

„Dort vorne liegt das Ding im Sand.“ Sumi deutete unbestimmt in die Ferne.

„Tatsächlich.“ Sumis Vater lief über den Strand.

„Was ist das, Papa?“

Doch ihr Vater hörte sie nicht. Er kniete vor dem Objekt und drehte es vorsichtig um.

„O mein Gott“, rief er laut und wich zurück.

„Papa, was ist los?“

Aber Sumis Vater antwortete nicht. Wie angewurzelt kniete er vor dem Ding und starrte darauf. Nur das Prasseln des Regens auf die Betonmauern der Festung war zu hören. Die Stille machte Sumi Angst und sie lief zu ihrem Vater. Dieser hatte das Ding umgedreht. Er kroch um das Netz herum und suchte nach einer Öffnung. Endlich hatte er ein zerrissenes Stück Nylonschnur gefunden und konnte das Netz ein wenig auseinanderschieben. Ein bleicher nackter Oberkörper kam zum Vorschein. Sumis Vater zerrte an dem Netz und schließlich war das Ding freigelegt. Erst jetzt fiel ihm auf, dass Sumi direkt neben ihm stand.

„Geh sofort da weg“, befahl er mit strenger Stimme. „Das ist nichts für dich.“

Sumi sprang auf und rannte bis zur Festungsmauer. Zitternd presste sie sich an den feuchten Stein.

„Das ist ein Mädchen“, flüsterte sie mit gepresster Stimme. „Was ist mit ihr passiert?“

„Schau dir das nicht an“, sagte ihr Vater. „Lauf sofort zu Mama, und sag ihr, dass sie die Polizei rufen soll.“

Wie von Sinnen rannte Sumi den Strand entlang, verfolgt von den Bildern, die sie gesehen hatte, bevor ihr Vater sie wegschickte. In dem Netz war ein Mädchen gewesen und das Gesicht hatte sie angestarrt. Oder das, was davon noch übrig geblieben war. Denn das Gesicht des toten Mädchens war halb zerfressen und die Augen fehlten.

3

Das Handy spielte die Anfangstakte von „A Forest“. Tony Braun ignorierte die immer gleiche Melodie so lange, bis die Gitarre von Robert Smith schließlich verstummte. Mit einem zufriedenen Lächeln schob er das Handy über den Tisch und lehnte sich entspannt zurück.

‚Das ist der erste Schritt zu einem besseren Leben. Einfach in seiner Freizeit nicht auf die Anrufe aus dem Polizeipräsidium reagieren‘, dachte er. Vor ein paar Monaten wäre das undenkbar gewesen, da identifizierte sich Braun so sehr mit seiner Arbeit, dass er jeden Fall persönlich nahm. Es hatte ihm einfach die Distanz gefehlt, aber gerade das war das Geheimnis seines Erfolgs als Leiter der Mordkommission Linz gewesen.

Doch dann wurde er bei einem Einsatz angeschossen und hatte an der Schwelle zum Tod gestanden. Während seiner Genesung hatte er genügend Momente gehabt, über alles nachzudenken. Dabei wurde ihm klar, dass ihm die ganze Scheiße mit abgründigen Morden und Psycho-Killern manchmal zu viel war. Er sehnte sich auch nach einem normalen Privatleben. Und heute hatte er den ersten Schritt dafür getan. Braun ließ das grandiose Bergpanorama auf sich wirken und deutete auf sein Handy.

„Diesen Klingelton wirst du nie wieder löschen“, sagte er zu seinem Sohn Jimmy.

„Aber die Band Bilderbuch klingt doch viel besser als die alten The Cure.“ Jimmy klopfte Braun auf die Schulter und warf ihm einen mitleidigen Blick zu. „Tony, du wirst alt. Du musst mit den Trends gehen.“

„Ich stehe mehr auf das klassische Songwriting“, antwortete Braun. „Und das Intro von ‚A Forest‘ ist einfach grandios.“

„Das ist doch so was von out“, meinte Jimmy und schlug die Augen zum Himmel.

„Du wirst schon noch darauf kommen, was wirklich gute Musik ist“, erwiderte Braun. „Was gibt’s jetzt zu essen?“, fragte er, denn es hatte keinen Sinn, mit seinem Sohn über Musik zu diskutieren. Da trennten sie einfach Welten.

Sein Leben würde er vielleicht ändern, aber seinen Musikgeschmack definitiv nicht. Er stand eben auf richtige Instrumente und Musiker. Braun wollte noch etwas sagen, doch in diesem Moment schrillte das Handy von Kim. Zum Teufel mit der modernen Technik. Immer und überall erreichbar zu sein, das war zum Kotzen, dachte er genervt.

„Vielleicht ist es wichtig“, meinte Kim und griff nach ihrem Handy.

Mit der Journalistin Kim Klinger hatte Braun ein paar schöne Tage in Venedig verbracht, um sich von den Schussverletzungen zu erholen, die er sich bei seinem letzten Einsatz zugezogen hatte. Braun kannte Kim jetzt schon einige Jahre. Sporadisch tauchte sie in seinem Leben auf, verschwand wieder, und er vermisste sie dann sehr. Es war eine merkwürdige Beziehung, die sie führten. Zwischen ihnen gab es eine stillschweigende Übereinkunft, dass sie keine gemeinsamen Pläne für die Zukunft schmiedeten, sondern jeden Tag genossen. Daran war das „weiße Rauschen“ in Kims Kopf schuld, das beide immer wieder daran erinnerte, dass ihr Leben vergänglich war.

„Oh, Sie sind es, Elena“, sagte Kim überrascht, als sie das Gespräch annahm. Sie blickte fragend zu Braun, der sofort eine Grimasse schnitt. Kim hörte Elena eine Weile zu, ehe sie antwortete.

„Braun sitzt neben mir.“

Auffordernd hielt Kim ihm das Handy entgegen. Widerwillig griff Braun danach.

„Braun hier, ich höre.“

„Warum gehen Sie nicht ans Telefon, Chefinspektor?“ Die Stimme von Elena Kafka klang genervt. Elena Kafka war die Linzer Polizeipräsidentin und Brauns direkte Vorgesetzte. Es kam selten vor, dass sie ihn während seiner freien Tage anrief.

„Was gibt es denn so Wichtiges, Elena?“

„Wir haben einen Mord.“

„Das kommt bei unserem Job leider oft vor“, antwortete er ironisch. „Kann das nicht jemand von der Bereitschaft übernehmen?“

„Wenn das so einfach wäre, würde ich Sie nicht anrufen, Braun“, erwiderte Elena schnippisch. „Wo befinden Sie sich gerade?“

„Ich sitze auf einer Wiese auf dem Grünberg in Gmunden. Die nächste Seilbahn runter in den Ort geht erst wieder in vier Stunden. Sind nicht die idealen Voraussetzungen für einen Soforteinsatz.“

„Richtig, das dauert zu lange“, stimmte ihm Elena humorlos zu. „Sie müssen aber so schnell wie möglich von diesem Berg herunter und mit ihrem Auto zum Cumberland Wildpark fahren. Dort treffen Sie sich mit Inspektor Franka Morgen. Sagen wir in einer Stunde.“

„Stopp, Elena, ich habe Ihnen doch gesagt, dass die nächste Seilbahn erst in vier Stunden fährt. Wie soll das funktionieren? Außerdem bin ich mit Kim und Jimmy hier. Wir machen ein Picknick und das Essen ist gleich fertig. Warum soll ich an meinem freien Tag auf dieses Vergnügen verzichten?“

„Weil ich Sie darum bitte, Braun. Sie müssen mir helfen. Einen Moment, lassen Sie mich überlegen.“ Elena schwieg und Braun hörte nur das Rascheln von Papieren im Lautsprecher. „Ich schicke Ihnen einen Hubschrauber. Es ist dringend.“

„Einen Hubschrauber? Dieser Mord muss ja ziemlich brisant sein. Wer ist denn getötet worden? Etwa ein VIP, weil Sie so einen Wind darum machen?“

„Sparen Sie sich Ihre zynischen Bemerkungen, Braun. Jeder Mord wird von uns gleich behandelt. Auch dieser Fall.“

„Wer ist denn der Tote?“

„Es ist ein Mädchen. Die Tochter von Ulf Hanstetten ist ermordet worden.“

„Hanstetten, der Name sagt mir etwas.“

„Ulf Hanstetten ist der CEO der Hanstetten AG in Grünau. Das Unternehmen produziert Waffen und ist der größte Arbeitgeber in dieser einkommensschwachen Region.“

„Jetzt weiß ich wieder, weshalb mir der Name so geläufig ist. War Hanstetten nicht in einen illegalen Waffendeal verwickelt?“

„Das waren nur Gerüchte, Braun. Es kam zu keiner Anklage. Aber das ist jetzt nebensächlich. Für eine Familie ist es immer entsetzlich, wenn das eigene Kind ermordet wird.“

„Da haben Sie recht, Elena“, lenkte Braun ein. „Wie wurde die Tochter denn ermordet?“

„Darüber habe ich noch keine genauen Informationen.“

„Ist denn keine Polizei vor Ort?“, wunderte sich Braun.

„Doch, natürlich, aber ich habe, wie gesagt, keine näheren Informationen.“

„Das klingt alles ein wenig seltsam.“

„Deshalb rufe ich Sie an, Braun. Sie müssen Klarheit in die Angelegenheit bringen.“

„Inwiefern?“

„Das Mädchen wurde nicht hier ermordet.“

„Ach nein? Wo denn dann?“

„In Estland. Genauer gesagt in Tallinn.“

„Das ist doch ein Fall für die Polizei in Estland“, warf Braun ein.

„Natürlich. Aber Sie arbeiten von hier aus mit den Kollegen in Estland zusammen. Mein Büro versucht gerade, den zuständigen Kommissar zu erreichen, um die Abläufe zu koordinieren.“

„Und das hat nicht Zeit bis morgen?“

„Nein. Ulf Hanstetten ist der größte Sponsor der neuen Polizeisportanlage. Er hat auch den neuen Schießplatz finanziert. Deshalb macht er jetzt mächtig Druck. Er will, dass unser bester Mann diesen Fall sofort übernimmt. Und das sind eben Sie.“

„Tja, mit Vitamin B geht alles ganz schnell, was sonst“, meinte Braun.

„Hören Sie endlich mit diesen Achtundsechziger-Kindereien auf, Braun“, ermahnte ihn Elena.

„Wie wurde das Mädchen denn ermordet?“, kam Braun wieder auf den Fall zu sprechen.

„Daraus machen die zuständigen Behörden von Estland ein großes Geheimnis. Sie haben dem Vater keinerlei Informationen mitgeteilt, eben nur, dass seine Tochter getötet wurde. Hanstetten möchte unbedingt wissen, was genau in Tallinn passiert ist. Aber bisher haben auch wir noch keine brauchbaren Auskünfte erhalten.“

„O. K.! Dann schicken Sie mir den Hubschrauber“, meinte Braun resigniert. ‚So ist das mit den guten Vorsätzen, immer kommt etwas dazwischen‘, dachte er.

„Danke. Alles Nähere erfahren Sie bei der ersten Einsatzbesprechung. Ich verlasse mich auf Sie, Braun“, sagte Elena erleichtert und trennte die Verbindung.

Nachdenklich ließ Braun das Handy sinken. Die Ruhe und Gelassenheit, die er noch vor Kurzem gespürt hatte, war mit einem Mal verschwunden. Hinter dem Traunstein tauchten schwarze Wolken auf und der Wind frischte auf. Ob das ein schlechtes Omen war? Ärgerlich wischte Braun diese Gedanken beiseite und stand auf.

„Es gibt einen Mord“, sagte er kurz angebunden zu Kim und gab ihr das Handy zurück.

„Ich dachte, du willst in deiner Freizeit ein wenig kürzertreten. Nicht jeden Fall übernehmen“, antwortete Kim und musterte ihn von oben bis unten. „Deine innere Unruhe ist wieder da, stimmt’s?“

„Nur dieser eine Fall, dann denke ich über eine längere Auszeit nach“, murmelte Braun.

„Das glaubst du doch selbst nicht.“ Kim hob die Hand und strich über Brauns grau-schwarz gesprenkelten Bart. „Du bist einmal knapp mit dem Leben davongekommen“, sagte sie leise. „Ein zweites Mal hast du nicht so viel Glück.“

„Keine Angst“, erwiderte Braun. „Diesmal habe ich nicht direkt mit einem Killer zu tun. Der Mord geschah in Estland. Ich unterstütze nur die Familie hier vor Ort.“

„Mach dir doch nichts vor, Braun. Du wirst dich wie immer in den Fall verbeißen. Du brauchst die Gefahr wie andere ihre Drogen.“ Kim schüttelte ihre blonde Mähne und blickte ihn mit ihren grünen Augen lange an. „Du weißt, dass wir keine Zukunft haben.“

„Du hast ja recht“, erwiderte Braun und drehte sich zu Jimmy. „Wo sind jetzt die Veggieburger, die du für uns gemacht hast?“

Sein Sohn besuchte Kochkurse in der ehemaligen Tabakfabrik in Linz und wollte sich mit Streetfood selbstständig machen. Er war von dieser Idee total fasziniert, und Braun ließ sich von Jimmys Enthusiasmus anstecken.

„Hier sind die gesündesten Burger des ganzen Planeten“, verkündete Jimmy vollmundig. In dem Moment, in dem Braun in seinen Burger beißen wollte, hörte er ein lautes Rotorengeräusch. Ein Hubschrauber flog gerade über den Traunsee und kam rasch näher. Braun blickte überrascht hoch, so schnell hatte er nicht damit gerechnet.

„Ist etwas Schlimmes passiert?“, fragte Jimmy, während er kaute, und schaute ebenfalls nach oben.

„Braun wird mit einem Hubschrauber abgeholt“, klärte ihn Kim mit einem vielsagenden Blick auf. „Er muss dringend einen Mord aufklären.“

„Du bist ein Loser, Tony! Du wolltest doch diesen fucking day mit uns verbringen. Das hast du versprochen.“ Jimmy knallte enttäuscht seinen Burger auf das Tischtuch und stand auf. „Wir sind eine Familie.“

„Verdammt, Jimmy, wir sind keine Familie!“, rief Braun, um das nervende Motorengeräusch zu übertönen. „Kim und ich verbringen nur etwas Zeit miteinander.“

„Du kannst einfach keine Gefühle zeigen!“, brüllte sein Sohn gegen den Lärm an. „Das war bei Mama genauso. Du bist schuld, dass es ihr so schlecht geht.“

„Ich kann nichts dafür, dass Margot jetzt in psychiatrischer Behandlung ist“, rechtfertigte sich Braun. Nach ihrer Rückkehr aus Finnland hatte seine Exfrau den Boden unter den Füßen verloren und schlug sich als Übersetzerin mehr schlecht als recht durch.

„Du hättest sie nicht verlassen dürfen“, sagte Jimmy giftig.

„Sie hat mich verlassen. Merk dir das endlich einmal. Ach was, vergiss es, Jimmy.“

Es war immer dasselbe. Das Verhältnis zu seinem Sohn war ein Balanceakt, der jede Menge Fingerspitzengefühl von Braun erforderte. Elenas Anruf hatte das fragile Gleichgewicht ihrer Beziehung sofort wieder erschüttert und Jimmy war wie immer ausgeflippt.

Der Hubschrauber kreiste jetzt direkt über ihren Köpfen und der Sog ließ Servietten, Burger und Besteck durch die Luft wirbeln.

„Das ist einfach fucking unfair“, fluchte Jimmy und hob einen Burger vom Boden auf. „Hau ab und komm nie wieder.“

„Das ist ungerecht, Jimmy. Braun tut nur seine Pflicht. Wenn er weg ist, machen wir es uns gemütlich.“ Kim drückte Jimmy an sich, und der achtzehnjährige Junge schmiegte wie ein kleines Kind den Kopf an ihre Schulter.

„Wie hältst du es bloß mit ihm aus?“, fragte Jimmy leise.

„Das frage ich mich auch manchmal“, seufzte Kim. „Braun ist eben Braun.“

Inzwischen war der Hubschrauber auf einer Wiese neben der Aussichtsplattform gelandet. Die Tür der Glaskanzel wurde aufgerissen. Ein hünenhafter Schwarzer stieg aus und sprintete auf Braun zu.

„Ach du Scheiße! Das ist aber eine Überraschung, Jess“, rief Braun erfreut, als er seinen alten Freund Jesus „Jess“ Makombo erkannte.

„Hallo, Braun, das Fluchen hast du noch nicht verlernt“, sagte Jess und grinste bis über beide Ohren.

„Wolltest du nicht in Pension gehen, Jess?“

„Das bin ich auch, aber ich habe mich an einer Firma beteiligt, die Hubschrauberrundflüge anbietet.“

„Das heißt, wir machen jetzt eine Sightseeingtour?“

„Von wegen, Braun. Elena Kafka hat mir aufgetragen, dich so schnell wie möglich nach Cumberland zu fliegen.“

„Dann nichts wie los, bevor es ein Unwetter gibt.“ Er deutete auf die dunklen Wolken, die vom Traunsee näher kamen. Braun winkte noch einmal Kim und Jimmy zu. Dann lief er mit großen Schritten zu dem Hubschrauber. Aber irgendetwas störte ihn bereits jetzt an diesem Fall. Er konnte es nicht benennen, es war wie ein winziges Sandkorn im Schuh, das rieb und ein unangenehmes Scheuern erzeugte.

Als Braun in der Glaskanzel saß und der Hubschrauber direkt auf die schwarzen Wolken zuflog, hatte er plötzlich das Gefühl, als würde ihn dieser Fall bis an das Tor der Hölle führen.

4

Arto Kaukonen stand am Fenster und blickte auf den Schrottplatz vor seinem Wohnblock beim Fährhafen von Tallinn. Als man ihm die Wohnung zugewiesen hatte, war ihm versichert worden, dass die ausrangierten Lkws und Boote nur vorübergehend dort lagern würden. Später würde dann ein Spielplatz angelegt werden und den ganzen Tag könne man von Artos Wohnung aus den Kindern beim Spielen zusehen. Das war vor zehn Jahren gewesen und seither hatte sich nichts verändert. Noch immer lag der Schrott zu bizarren Gebirgen aufgetürmt herum, und einen Spielplatz konnte man sich nicht mal mit viel Fantasie vorstellen. Aber im Grunde war das egal, denn Kalinka würde in ihrem jetzigen Leben nie einen Spielplatz besuchen.

Ein durchdringendes Tuten riss Arto aus seinen Gedanken. Der Klang war so düster voluminös, dass die Sperrholzmöbel in seinem Wohnzimmer bedrohlich zitterten und er das Gefühl hatte, als würden sie jeden Augenblick zusammenbrechen. Er kniff die Augen zusammen und sah die Umrisse des riesigen Fährschiffes, das gerade nach Helsinki auslief. Vielleicht sollte er einfach Kalinka packen und mit ihr abhauen. Irgendwo ein neues Leben beginnen, aber das war eine Illusion.

Langsam zog er seine Pistole aus dem Halfter und legte sie neben die verspiegelte Ray-Ban-Sonnenbrille auf den Schreibtisch. Kalinka mochte keine Waffen, und er wollte sie natürlich nicht aufregen, wenn er ihr Zimmer betrat. Bevor er aber nach nebenan ging, klappte er noch schnell den Laptop auf und checkte seine Mails. Vielleicht war heute ja sein Glückstag.

„Da ist sie ja“, murmelte er erfreut, als er die Mail anklickte. Sein Herz pochte und seine Handflächen waren feucht, als er die Nachricht öffnete. Hastig las er die knappe Mitteilung, dass man ihm im Moment leider nicht helfen könne, und es stand nur Blabla darin. Auch weiterhin war seine Tochter in einer aussichtslosen Position. Wie es aussah, musste er der Klinik in Tallinn noch mehr bezahlen. Dann würde Kalinka endlich auf den ersten Platz vorrücken.

„Verdammt!“ Wütend klappte Arto den Laptop zu und schluckte mühsam seine Wut hinunter. „So ist das immer, wenn man kein Geld hat. Dann steht man auf der Liste ganz unten und rutscht gnadenlos immer weiter in die Tiefe.“

Mit zusammengepressten Lippen starrte er auf die Tür, hinter der das gleichmäßige Geräusch der Maschine zu hören war. Ein Geräusch, das ihn Tag und Nacht begleitete, egal, wo er war, diesen Ton bekam er nicht mehr aus dem Kopf. Arto presste die Fingerspitzen fest an seine Schläfen und versuchte, die negativen Gedanken aus seinem Kopf zu bekommen, ehe er die Tür öffnete.

„Hallo, mein Engel“, sagte er und knipste ein fröhliches Lächeln an. „Ich habe gute Nachrichten von der Klinik. Du bist zwei Plätze nach oben gerutscht. Jetzt sind nur noch drei Patienten vor dir.“

„Das ist schön, Papi.“ Die Stimme von Kalinka klang müde und war bei dem Geräusch der Maschine beinahe nicht zu hören. Kalinka war die zehnjährige Tochter von Arto und litt unter chronischem Nierenversagen. Deshalb musste sie beinahe ständig an eine Dialysemaschine angeschlossen werden. Als die Krankheit ausbrach, packte Artos Frau Mela einen kleinen Rucksack mit den Familienfotos, ging auf die Fähre nach Helsinki und wurde nie wieder gesehen.

„Wir müssen die Nadel auswechseln, Kleine. Sonst holst du dir noch eine Infektion.“ Behutsam zog Arto die Nadel aus dem Unterarm seiner Tochter. Kalinkas Haut war verschorft und ihr Arm sah aus wie der eines Junkies kurz vor dem goldenen Schuss.

„Mekas hat gesagt, dass die Maschine nicht mehr gut arbeitet“, krächzte Kalinka erschöpft.

„Wann war denn Mekas hier?“, fragte Arto überrascht. Mekas war ein Pfleger, der einmal die Woche das Dialysegerät prüfte und den Arto natürlich auch bezahlen musste.

„Gestern Abend, als du unterwegs warst. Er meint, ich brauche dringend eine Spenderniere.“

„Ich weiß. Aber du sollst dich nicht damit beschäftigen. Ich checke das doch für dich. Keine Sorge, bald bist du ein völlig gesundes Mädchen.“

In Artos Kopf überschlugen sich die Gedanken. Diese verdammten Prioritätenlisten in der Klinik. Immer wieder gab es ein reiches Arschloch, das vorgereiht wurde. Er musste unbedingt mit Gotan reden. Er brauchte lukrative Jobs, nicht dieses Kleinzeugs, mit dem er sich herumschlug. Mit diesen Peanuts würde Kalinka nie an die erste Stelle für eine Spenderniere kommen. Wie viel Geld hatte er Dr. Kepler schon gegeben? Sicher an die fünfzehntausend Euro. Vielleicht sollte er einfach die Einnahmen der letzten Nacht nehmen und sie Kepler in seinen gierigen Hals stopfen.

„Das reicht doch wohl für eine Spenderniere“, würde er sagen und Stunden später würde Kalinka operiert werden. Aber das waren Wunschträume, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hatten.

Ein Klopfen an der Tür riss Arto aus seinen trüben Gedanken. Er warf einen Blick auf die Uhr. Verdammt, es war schon spät. Einer der Handlanger von Gotan war bereits hier, um das Geld abzuholen.

„Glück gehabt, ich wollte gerade die Tür einschlagen“, sagte der Russe, als Arto die Tür öffnete.

„Was ist das für eine Ansage?“, fauchte Arto. „Dann hätte ich dich einfach abgeknallt.“ Er stoppte und presste die Zeigefinger an seine Schläfen. ‚Ruhig bleiben‘, sagte er zu sich, ‚der Typ holt nur das Geld für Gotan ab.‘

„Bist du schlecht drauf, Alter?“, fragte der Russe. „Du brauchst mal wieder ein Mädchen.“

„Ich hol das Geld.“ Arto ging zu dem wackeligen Schrank und schob ihn zur Seite. Dahinter befand sich ein vergessener Kaminauslass, in dem er das eingenommene Geld bunkerte.

„Meinen Anteil habe ich bereits abgezogen“, sagte er und knallte die Bündel Euroscheine auf den Schreibtisch.

„Wie viel ist es diesmal?“, fragte der Russe.

„Achttausend Euro. Minus der zehn Prozent für mich.“

„Das sind dann achthundert weniger“, murmelte der Russe, während er konzentriert das Geld zählte.

„Achthundert Euro sind ein Nichts. Kriegt man eine Spenderniere für achthundert Euro?“ Arto packte den Russen an seiner Jacke. „Weißt du, was so eine Niere kostet?“

„Lass das, Arto, ich muss das Geld zählen.“

„Eine frische Niere kostet eine Menge und ich habe letzte Nacht bloß achthundert verdient.“

„Sorry, dein Problem. Geht mich nichts an“, meinte der Russe gleichmütig und steckte das Geld in seine Bomberjacke. „Darüber musst du mit Gotan reden. Er hat dir doch die Maschine beschafft. Also worüber regst du dich denn auf.“

„Deswegen kriege ich auch nur zehn Prozent. Glaubst du, Gotan macht das aus reiner Nächstenliebe?“

„Hör auf, mich vollzutexten, Arto. Bis nächste Woche.“ Der Russe klopfte Arto gönnerhaft auf die Schulter und ließ die Tür offen, als er nach draußen ging.

Mit seinem Fuß knallte Arto die dünne Sperrholztür zu und warf im Vorbeigehen einen Blick in den Spiegel. Seine blonden Haare wirkten kraftlos und seine hellen Augen hatten ihren Glanz verloren. Manchmal schien sein Blick wie der eines Verlierers.

Verdammt, was waren Mela und er doch für ein hübsches Paar gewesen. Und als Kalinka zur Welt kam, schien das Glück vollkommen. Dann kam das Nierenversagen und das Leben wurde plötzlich düster.

Sein Handy klingelte.

„Was ist los?“, fragte er und drehte sich vom Spiegel weg.

„Das vermisste Mädchen aus Österreich wurde gestern gefunden.“ Die Stimme klang verwischt, so als würde der Anrufer im Wind irgendwo am Strand stehen.

„Na, das ist doch einmal eine gute Nachricht. Haltet sie so lange fest, bis ich komme, um mit ihr zu reden.“

„Das wird nicht möglich sein.“

„Warum nicht?

„Das Mädchen ist tot. Wir haben bereits ihre Familie informiert.“

„Verdammt. War es ein Unfall?“

„Sie wurde ermordet.“

„O. K. Sonst noch etwas?“

„Ja. Die Polizei in Österreich hat sich eingeschaltet. Ihr bester Mann soll den Fall übernehmen.“

„Wer soll das sein?“

„Er ist der Leiter der Mordkommission Linz und heißt Tony Braun.“

5

Die Frau parkte ihr Motorrad, eine mattschwarze Moto Guzzi, in einem Hinterhof und nahm den Helm ab. Mit den Fingerspitzen brachte sie ihre kurzen, schwarzen Haare wieder in Fasson. Dann ging sie zum Hintereingang des Hochhauses und tippte den Code für die Sicherheitstür ein. Während sie mit dem Aufzug nach oben fuhr, musterte sie sich ausführlich im Spiegel von allen Seiten.

„Das war eine gute Entscheidung, die Haare abzuschneiden“, sagte sie zu ihrem Spiegelbild und streckte sich in die Höhe. Wenn sie so auf den Zehenspitzen balancierte, wirkte sie größer und auch die zu breiten Hüften fielen nicht sofort auf. „Vielleicht sollte ich wirklich Schuhe mit hohen Absätzen tragen“, meinte sie und ließ sich wieder zurück auf die Fersen fallen. „Aber das würde einfach nicht zu mir passen. Da würden die Kollegen ganz schön Augen machen. Inspektor Franka Morgen mit kurzen Haaren und auf Stöckelschuhen.“ Bei der Vorstellung musste sie grinsen. Als der Aufzug stoppte, ging Franka den Korridor entlang. Vor einer Tür blieb sie stehen und läutete.

„Hallo, Jasmin, ich bin hier, um Dimitru abzuholen.“

„Dimitru? Der ist nicht bei mir“, sagte Jasmin und wies zu der Tür gegenüber. „Der Junge ist bei seiner Mutter.“

„Ach, Tara ist schon zu Hause?“, wunderte sich Franka. „O. K., trotzdem danke.“

Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch sperrte Franka die Tür zu ihrer Wohnung auf. Das Erste, was sie wahrnahm, waren ein durchdringender Knoblauchgeruch und laute Gipsymusik. Taras kleiner Sohn Dimitru lief ihr mit ausgestreckten Armen entgegen.

„Hallo, mein Kleiner“, sagte Franka. Sie nahm den Jungen in die Arme und drückte ihm einen zärtlichen Kuss auf die weichen Wangen. Mit Dimitru auf dem Arm drehte sie zunächst die Musik leiser, dann ging sie in die Küche, wo ihre Schwester Tara am Herd stand.

„Wie sieht es denn hier aus?“ Fassungslos blickte Franka um sich. Die Küche wirkte wie nach einer Explosion. Überall standen Töpfe herum, Soßenspritzer hatten sich über die Wand verteilt.

„Ich mache uns ein Fischgulasch nach einem original Roma-Rezept, so wie ich es früher immer gegessen habe“, sagte ihre Schwester und schwenkte den Kochlöffel. Tara hatte ihre langen, schwarzen Haare zu einem riesigen Knödel hochgebunden und ihre großen Ohrringe klimperten. Unter einem verschlissenen Kaftan trug sie einen lila Samtrock, der bis zum Boden reichte. Sie war barfuß und trug auf dem mittleren Zeh einen dünnen Silberring. Auf Franka wirkte sie in diesem Moment wie das Klischee einer schönen Roma-Frau.

„Ist heute kein Kurs?“ Franka kniff die Augen zusammen und atmete tief durch. Ihre Schwester hatte monatelang im Koma gelegen und in der Reha mühsam wieder das Leben gelernt. Jetzt war sie vollkommen wiederhergestellt, und Franka hatte sie für einen Kurs für die mittlere Reife in der Abendschule angemeldet, denn Tara hatte keine Ausbildung und eine Schule nur sporadisch besucht.

„Ich hatte heute keine Lust“, sagte Tara und zuckte mit den Schultern. „Außerdem wollte ich etwas Schönes für dich kochen.“

„Wieso trägst du deinen alten Rock?“ Franka deutete auf den Samtrock, der an verschiedenen Stellen geflickt war.

„Darin fühle ich mich wohl. Das bin ich.“

„Aber hier läuft man nicht mit diesen Fetzen herum“, sagte Franka spontan und hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund. „Tut mir leid.“

„Du schämst dich für mich?“ Tara knallte den Kochlöffel in einen Topf und stemmte die Fäuste in die Hüften. „Ich verleugne nicht, so wie du, meine Herkunft. Ich bin stolz darauf, eine Roma zu sein. Ich schneide meine Haare nicht zu so einer Rattenfrisur. Das macht dich auch nicht schöner. Im Gegenteil, du wirkst wie ein Mann.“

„Das ist gemein.“ Franka schnappte nach Luft und spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen. Natürlich wusste sie, dass ihre Schwester eine rassige Schönheit war, mit der sie nicht konkurrieren konnte. Aber das musste Tara ihr nicht so offen ins Gesicht sagen.

„Ich wollte dich nicht kränken.“ Tara merkte, dass sie Franka beleidigt hatte. „Die Frisur steht dir ausgezeichnet. Du hast ein hübsches Gesicht und eine gute Figur.“

„Ist schon gut.“ Franka winkte ab. „Aber so wirst du nie einen Job bekommen.“

„Ich will auch keinen Job in einem muffigen Büro. Ich will frei sein. Frei wie der Wind.“ Tara breitete die Arme aus und drehte sich im Kreis. Dimitru patschte in seine kleinen Hände und gluckste vor Vergnügen.

„Du benimmst dich wie ein Teenager.“ Franka setzte Dimitru auf einen Stuhl. „Du wirst bald dreißig Jahre alt und hast überhaupt nichts gelernt. Keinen Schulabschluss, einfach nichts.“

„Na und? Außerdem habe ich einen Job, bei dem ich bald Geld verdiene.“

„Ach, und was ist mit Dimitru? Ich glaube dir kein Wort.“

„Dimitru kann ich mitnehmen. Und es ist auch gar nicht weit von hier. Das schaffe ich zu Fuß.“

„Du warst wieder bei denen, stimmt’s?“ Franka schloss die Augen und atmete heftig aus und ein.

Auf einem brachliegenden Feld am Stadtrand hatte ein heruntergekommener Zirkus Station gemacht. Noch jetzt verfluchte Franka den Tag, an dem sie Tara den Vorschlag gemacht hatte, gemeinsam mit Dimitru eine Vorstellung zu besuchen. Nach der wider Erwarten ziemlich professionellen Aufführung waren sie mit dem Zirkusdirektor Joaquin ins Gespräch gekommen und hatten herausgefunden, dass auch er ein Roma war. Ab diesem Zeitpunkt war Tara beinahe jeden Tag bei dem Zirkus und vernachlässigte ihre Abendschule.

„Ja, und du kannst mich davon auch nicht abhalten. Dort lerne ich tausendmal mehr als in der blöden Abendschule.“

„Trotzdem brauchst du eine Ausbildung“, ließ Franka nicht locker. „Wie willst du dir in Zukunft eine eigene Wohnung leisten?“

„Du wirfst mich hinaus?“ Entsetzt riss Tara die Augen auf.

„Nein, wie kommst du darauf?“ Franka beeilte sich, ihre Schwester zu beruhigen. „Aber irgendwann willst du doch ein eigenes Leben führen.“

„Warum? Bei uns lebt die ganze Sippe immer unter einem Dach.“

„Was soll das heißen … ‚bei uns‘?“

„Na, bei uns, dem Volk der Roma. Das ist schon seit jeher so. Damals als wir aus Indien nach Europa kamen. Mehrere Generationen lebten in einem Wohnwagen.“

„Was ist bloß los mit dir?“ Franka schüttelte den Kopf und ging auf ihre Schwester zu. Sanft strich sie Tara über die Arme. „Willst du wirklich in einem Wohnwagen leben?“, fragte sie leise.

„Ja!“ Tara nickte. „Ich habe bereits mit Joaquin gesprochen. Ich kann beim Zirkus die Karten abreißen und zwischen den einzelnen Nummern tanzen.“

„Was wird dann aus Dimitru? Hast du schon einmal an deinen Sohn gedacht? Welche Zukunftsperspektiven hat der Junge?“

„Dimitru kann ja Pferdepfleger werden. Vielleicht wird er auch Artist. Ein berühmter Seiltänzer. Oder noch besser: Er wird Clown und bringt die Menschen zum Lachen.“

„Der Junge muss in den Kindergarten und dann in die Schule. Das ist in Österreich so Vorschrift.“

„Da siehst du es. Immer nur Vorschriften. Ich kann so nicht leben.“

In diesem Moment summte Frankas Handy. Es war Elena Kafka.

Schweigend hörte Franka zu, was ihr Elena zu sagen hatte. Nachdem sie die Verbindung getrennt hatte, blickte sie zu ihrer Schwester.

„Aus dem gemeinsamen Gipsy-Essen wird nichts. Ich muss noch einmal weg. Tut mir leid.“

„Wer war denn dran?“

„Meine Chefin. Ich soll mich mit Braun gleich in Gmunden treffen.“

„Tony Braun, der coole Polizist. An dem solltest du dir ein Beispiel nehmen. Der sieht auch nicht alles so überkorrekt wie du.“

„Lass gut sein“, seufzte Franka, die im Moment keine Lust hatte, wieder mit ihrer Schwester zu streiten. „Räum bitte die Küche auf.“

„Du bist ganz schön zwanghaft, Schwester, weißt du das?“

„Ich bin nur anders als du“, erwiderte Franka und griff nach ihrem Motorradhelm.

„Warte.“ Tara hielt ihre Schwester am Arm zurück. „Ich war im Zirkus auch bei der Bruja.“

„Hör auf mit dem Gipsy-Slang. Das ist eine Wahrsagerin und keine Hexe.“

„Egal, aber sie hat in die Zukunft geschaut.“

„Ja und?“

„Sie hat einen dunklen Schatten über dir gesehen.“ Spontan umarmte Tara sie und fuhr mit der Hand durch Frankas kurzes Haar. „Du musst auf dich aufpassen.“

„Ich bin nicht abergläubisch“, antwortete Franka und schob ihre Schwester zurück. „Und jetzt muss ich los.“

„Das ist kein Aberglaube. Das ist deine Zukunft. Und die ist schwarz.“

6

Braun stand an der Abzweigung zum Cumberland Wildpark, wo ihn der Hubschrauber abgesetzt hatte. Aufmerksam beobachtete er das schwarze Motorrad, das mit rasender Geschwindigkeit auf ihn zuschoss. Kurz vor der Kurve wurde es elegant abgebremst und kam direkt vor Braun zum Stehen.

„Hallo, Braun!“ Franka öffnete das Visier ihres Helms und stieg von der Maschine.

„Franka, das war weit über der erlaubten Höchstgeschwindigkeit.“ Braun grinste. „Und überhaupt dachte ich, du kommst mit dem Wagen.“

„Braun, bei diesem Wetter setze ich mich doch nicht in eine stickige Kapsel. Außerdem lasse ich mit der Geschwindigkeit die negativen Gedanken weit hinter mir.“

„Womit hast du denn Stress?“, fragte Braun, dem das Schicksal seiner jungen Kollegin immer am Herzen lag. Schließlich hatte Franka eine ziemliche Belastung mit ihrer Schwester und dem kleinen Kind. Franka war für ihr Alter einfach viel zu vernünftig. Das war aber nur seine Meinung, die er für sich behielt.

„Ach, nichts weiter“, wiegelte Franka wie so oft ab. Sie öffnete ihren Rucksack und holte einen Helm hervor, den sie Braun reichte. „Wo müssen wir hin?“

„Am Wildpark vorbei, dann sind es nur ein paar Kilometer bis zum Anwesen von Ulf Hanstetten“, antwortete Braun und setzte sich breitbeinig auf die Maschine. „Los, jetzt zeig mal, was die Moto Guzzi so hergibt.“

„Ich hoffe, du hast keine Angst!“ Franka ließ den Motor kurz aufheulen und die Kupplung sausen. Doch Braun hatte mit dieser Vorführung gerechnet und hielt sich, ohne zu schwanken, auf dem Rücksitz. Die Landschaft raste an ihm vorbei wie in einem Film, und er verstand, warum Franka das Motorradfahren so liebte. Es war tatsächlich ein Gefühl von Freiheit und Losgelöstheit von den alltäglichen Sorgen. Es gab nur noch den Menschen und seine Maschine.

Sie verließen nach einigen Minuten die viel befahrene Bundesstraße und bogen in eine schmale Landstraße ein. Franka zog gerade die Maschine routiniert um eine Kurve, als aus einem Feldweg ein Traktor heranrumpelte und auf die Straße fuhr, ohne dass sich der Lenker um das heranbrausende Motorrad scherte.

Franka konnte im letzten Moment die Maschine abbremsen, die mit rauchendem Hinterrad zum Stehen kam. Braun sprang ab und riss sich den Helm vom Kopf.

„Mann, haben Sie keine Augen im Kopf! Gleich wären wir in Ihren blöden Traktor hineingerast.“

„Was haben Sie hier auf meinem Grund zu suchen?“, fragte der Fahrer und kletterte von der Landmaschine. Er steckte die Hände in seine zerschlissene Trachtenjoppe und kam auf Braun zu. „Ich habe Sie etwas gefragt.“

Braun wollte gerade eine scharfe Erwiderung losschießen, als ihm plötzlich auffiel, dass er das Gesicht des Mannes aus den Medien kannte. Der längliche Schädel mit den dünnen, aschfahlen Haaren und die grauen Augen, die wie versteinert wirkten – das war Ulf Hanstetten höchstpersönlich.

„Herr Hanstetten?“, fragte Braun. „Gut, dass wir Sie gleich hier treffen. Ich bin Chefinspektor Braun und das ist meine Kollegin Inspektor Morgen.“

„Es tut uns leid, was mit Ihrer Tochter passiert ist“, sagte Franka, die jetzt neben Braun stand.

„Sparen Sie sich diese heuchlerischen Beileidsbekundungen“, herrschte sie Hanstetten barsch an. „Ich habe nicht vor, hier in der Natur über dieses unangenehme Ereignis zu sprechen. Fahren Sie geradeaus zur Prinzessin-Villa und warten Sie dort gefälligst auf mich.“

„Was für ein Arschloch“, sagte Braun, als sie im Park vor der Villa parkten.

„Ich habe hier einige Fakten zu Hanstetten.“ Franka zog ihr Tablet aus dem Rucksack und tippte auf das Display.

„Lass mal sehen“, sagte Braun. „Wieso heißt dieses Anwesen denn Prinzessin-Villa?“ Er deutete auf den lang gezogenen, einstöckigen Bau in Schönbrunnergelb, der schmucklos war und auf ihn nicht sonderlich herrschaftlich wirkte.

„Prinzessin Marie von Wittelsbach hat hier bis zu ihrem Tod gewohnt. Dann kaufte die Privatstiftung von Hanstetten die Villa“, sagte Franka.

„Gut, das wäre geklärt. Was müssen wir sonst noch wissen?“

„Ulf Hanstetten ist CEO der Hanstetten AG. Das Unternehmen ist im Privatbesitz seiner Stiftung und nicht an der Börse notiert. Hier im Almtal gibt es zwei Produktionsstätten für Gewehre und Handfeuerwaffen, in denen an die fünfhundert Personen arbeiten. Ferner gibt es ein Werk in Katar und eines in der Nähe von St. Petersburg, das aber aufgrund der Sanktionen gegen Russland geschlossen wurde.“

„Das reicht.“ Braun winkte ab. „Was gibt es über die Person Hanstetten zu sagen?“

„Ulf Hanstetten ist Witwer. Er hat fünf Töchter. Beate, genannt Bea, war die Jüngste. Seine Frau Melitta kam vor acht Jahren bei einem Treppensturz ums Leben – Genickbruch. Sie hatte beinahe zwei Promille Alkohol im Blut.“

„Klingt für mich nach häuslicher Gewalt. Wurde der Unfall polizeilich untersucht?“

„Ja, aber man kam zu dem Schluss, dass es ein Unfall war.“

Braun wollte noch etwas sagen, doch in diesem Moment ratterte Hanstetten auf seinem Gefährt durch das Tor. Ohne sich um Blumenbeete und Rasen zu scheren, pflügten die großen Reifen alles nieder. Hanstetten ließ den Traktor dann mitten auf der Wiese stehen. Mit weit ausholenden Schritten kam er auf Braun und Franka zu.

„Gehen wir in den Jagdsalon“, sagte er und stieg schnell die ausladende Treppe nach oben.

Als er und Franka das Haus durch die breiten Glastüren betraten, erblickten sie einen Eisbären, der auf den Hinterbeinen stand und sie mit aufgerissenem Maul und furchterregenden Tatzen begrüßte. Doch dieser Eisbär war erst der Anfang. Braun und Franka gingen durch ein Spalier von ausgestopften Löwen, Tigern und Geparden, bis sie schließlich auf eine verglaste Veranda kamen.

„Das ist ja widerlich“, flüsterte Franka und atmete tief durch.

Hanstetten setzte sich auf eine wuchtige Couch, die mit einem Zebrafell überzogen war. Diese Großwildjäger-Inszenierung stand in krassem Gegensatz zu dem riesigen Kreuz, das hinter Hanstetten an der Wand hing.

„Das Kreuz stammt vom Kreuzweg der Via Dolorosa“, erklärte Hanstetten, denn er hatte Frankas Blick bemerkt. „Meine älteste Tochter Helene hat es von einer ihrer Pilgerreisen mitgebracht.“

„Was machte Ihre Tochter Bea denn eigentlich in Tallinn? War sie dort auf Urlaub?“, kam Braun auf den eigentlichen Grund ihres Besuchs zu sprechen.

„Sie war Au-Pair-Mädchen bei einem Geschäftspartner von mir.“ Hanstetten seufzte tief auf. „Mein Gott, der Stress wird dem armen Gotan ganz schön zu schaffen machen.“

„Wer ist Gotan?“, mischte sich Franka ein.

„Gotan Danilowitsch. Er hat früher auch das Russlandgeschäft für uns gemanagt. Vor den Sanktionen. Bea hat auf seine zwei kleinen Söhne aufgepasst. Ich vermittelte Bea den Job, weil ich die Geschäftsbeziehungen zu Gotan verstärken wollte. Doch das war eine Fehlentscheidung.“

„Der Tod Ihrer Tochter scheint Ihnen ja nicht besonders nahezugehen“, meinte Braun, dem das kühle Verhalten von Hanstetten langsam auf die Nerven ging.

„Was wissen Sie schon, wie es in meiner Seele aussieht, Chefinspektor.“ Hanstettens Stimme hatte den schneidenden Tonfall verloren und klang beinahe liebevoll. „Die arme Bea. Sie war so ein fröhlicher Mensch, ganz anders als ihre ältere Schwester Helene. Und jetzt ist sie tot. Ich kann es noch immer nicht fassen.“

Hanstetten griff nach einer altmodischen Glocke auf dem Tisch und läutete. Lautlos erschien ein Dienstmädchen.

„Wasser für alle, bitte“, befahl Hanstetten und wurde wieder der rationale Firmenchef. Er beugte sich vor und fixierte Braun mit seinen grauen Augen. „Die Polizeipräsidentin hat Sie in den höchsten Tönen gelobt, Chefinspektor. Finden Sie heraus, wer meine Tochter ermordet hat. Kümmern Sie sich darum, dass der Mörder so schnell wie möglich gefunden wird. Bea war meine Lieblingstochter. Können Sie sich vorstellen, was für ein Gefühl das ist?“

„Ich kann es mir denken“, antwortete Braun. „Wir arbeiten in den nächsten Tagen eng mit den Behörden in Tallinn zusammen.“

„Die Polizei in Tallinn … das sind doch nur Stümper.“ Hanstetten machte eine abfällige Handbewegung. „Von denen erwarte ich mir nichts. Sie müssen das persönlich in die Hand nehmen.“ Er wies mit dem Finger auf Braun.

„Wann haben Sie eigentlich das letzte Mal mit Ihrer Tochter gesprochen?“, fragte Franka, die bisher schweigend neben Braun gesessen hatte.

„Vor ungefähr einem Monat“, antwortete Hanstetten. „Ich war geschäftlich in Tallinn und habe meine kleine Bea dort das letzte Mal lebend gesehen. Sie war sehr aufgekratzt und erzählte mir von ihren Freundinnen, mit denen sie eine Gang gegründet hatte.“

„Eine Gang?“ Braun hob interessiert den Blick.

„Na, so eine Mädchengang, die eben ganz unschuldige Streiche ausheckt.“

„Wissen Sie vielleicht noch die Namen der anderen Mädchen?“, fragte Braun.

„Nein, an Namen kann ich mich nicht erinnern.“ Hanstetten schüttelte den Kopf.

„Welche Geschäfte machen Sie eigentlich mit Estland?“, kam Braun auf ein anderes Thema zu sprechen.

Hanstetten ließ sich Zeit mit der Antwort und zog ein großes, kariertes Taschentuch aus seiner Trachtenjoppe. Nachdem er sich ausgiebig geschnäuzt hatte, schenkte er sich Wasser aus der Karaffe ein, die von dem Dienstmädchen lautlos auf den Tisch gestellt worden war.

„Wir exportieren Jagdwaffen nach Estland. Früher hat mein Geschäftspartner über seine Niederlassung in Sankt Petersburg auch Russland beliefert, aber durch die EU-Sanktionen ist das Geschäft zum Erliegen gekommen. Die Zeiten werden eben immer härter.“

„Ist der Waffenhandel nicht sehr gefährlich?“, fragte Franka mit gespielter Naivität dazwischen.

„Alle meine Geschäfte sind mehr oder weniger gefährlich. Das liegt in der Natur der Sache.“

„Es gibt doch sicher Bestrebungen, Waffen in Staaten zu exportieren, die auf Verbotslisten stehen“, warf Braun ein.

„Was wollen Sie damit andeuten? Dass wir die Sanktionen umgehen?“ Hanstettens Stimme klang plötzlich wie Eis und seine Miene versteinerte. „Ich spende jährlich eine sechsstellige Summe für das Polizeisportzentrum, damit unsere Polizisten gut ausgebildet werden. Der Außenminister ist ein persönlicher Freund von mir. Wir sind bereits mehrmals zum Unternehmen des Jahres gekürt worden. Wir stehen im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Glauben Sie mir, bei dem kleinsten Gesetzesbruch wären die Presseleute wie die Aasgeier über uns hergefallen. Waffenproduzenten stehen im Beliebtheitsranking nicht gerade weit oben.“

„Das glaube ich Ihnen. Ich frage nur, ob es ein mögliches Motiv für den Mord wäre“, meinte Braun.

„Nein, das ist völlig ausgeschlossen. Ich habe zwar den einen oder anderen potenziell gefährlichen Kunden, aber was hätten diese denn davon, wenn sie meine Tochter töten? Dieser Mord muss eine private Angelegenheit sein.“

„Was macht Sie da so sicher?“

„Weil ich mir sonst nicht erklären kann, warum man sie getötet hat.“

„Können wir ein Foto von Bea haben?“, fragte Braun.

„Natürlich.“ Hanstetten langte in seine Joppe und holte ein Lederetui hervor. „Hier habe ich immer die Bilder meiner Kinder“, sagte er und reichte Braun eine Porträtaufnahme.

Bea war sehr attraktiv, hatte langes, blondes Haar, feine Züge und große blaue Augen. Ihr Gesichtsausdruck war nicht mehr kindlich, sondern bereits der einer jungen Frau, die sich ihrer Wirkung bewusst ist.

„Ein hübsches Mädchen“, sagte Braun nach einem Blick auf das Foto. „Erzählen Sie mir etwas von Bea. Was war sie für ein Mensch?“

„Bea war sehr freiheitsliebend. Diese Gene hat sie von ihrer verstorbenen Mutter geerbt. Helene, ihre ältere Schwester, hat sie in das katholische Internat am Traunsee gesteckt, um ihr Disziplin beizubringen. Von dort ist sie immer wieder ausgebüxt. Sie wollte einfach frei sein. Deshalb dachte ich, dass ihr ein Jahr in einem fremden Land sicher guttun würde.“

„Aber Ihre Tochter war doch erst sechzehn Jahre alt“, meinte Franka und konnte ihre Entrüstung nicht verbergen. „Ein junges Mädchen alleine in einem anderen Land. Hat sich Ihr Geschäftspartner denn wenigstens um sie gekümmert?“

„Natürlich, soweit es seine Zeit zuließ. Er ist wie ich ein viel beschäftigter Manager.“

„Was genau geschah an dem Tag, an dem Bea verschwand?“, fragte Braun weiter.

„Bea hat mit Gotans Jungs am Strand gespielt und sein Chauffeur hat sie abends abgeholt. Bea wollte aber nicht mit, sondern noch in eine Strandbar gehen. In der Nacht ist sie nicht zurückgekommen und war seitdem unauffindbar.“

„Erst nach drei Tagen gab es die Vermisstenanzeige“, las Franka von ihrem Tablet ab. „Und von ihrem Verschwinden bis zum Auftauchen der Leiche sind fast zwei Wochen vergangen.“

„Und weder Sie noch Ihr Geschäftspartner ist auf die Idee gekommen, sofort die Polizei zu informieren und eine Vermisstenanzeige aufzugeben.“ Verständnislos schüttelte Braun den Kopf.

„Ich weiß, im Nachhinein war es ein Versäumnis“, meinte Hanstetten mit gequältem Lächeln. „Aber im ersten Moment denkt man nicht an etwas Schlimmes. Bea ist öfter über Nacht weggeblieben. Das hat mir mein Geschäftspartner auch gesagt. Sie hat dann bei einer ihrer Freundinnen übernachtet.“

„Das war allerdings ein Fehler, den Ihre Tochter mit dem Leben bezahlt hat“, sagte Braun.

„Ich mache keine Fehler“, zischte Hanstetten und ließ für einen kurzen Moment die Maske des verständnisvollen Vaters fallen. Aber schnell hatte er sich wieder unter Kontrolle. „Ich bin alleinerziehender Vater von fünf Töchtern. Da kann man sich nicht sofort um alles kümmern. Das verstehen Sie doch.“ Wieder schnäuzte sich Hanstetten übertrieben lange, ehe er weiterredete. „Bea musste selbst erfahren, was gut für sie ist und was nicht.“

„Der Job als Au-Pair war anscheinend nicht gut für Ihre Tochter“, meinte Braun und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Wie kommen Sie darauf?“

„Das liegt doch auf der Hand. Bea wurde schließlich ermordet.“

„Sie haben gesagt, Ihre Tochter Helene hat Bea in ein katholisches Internat gegeben. Wie ist das zu verstehen?“, fragte Franka.

„Helene ist fünfunddreißig Jahre alt und meine Älteste. Nach dem Tod meiner Frau hat sie die Erziehung ihrer Schwestern übernommen. Vor allem aber hat sie sich um Bea gekümmert. Sie kann Ihnen sicher auch mehr über Bea erzählen als ich.“

„Wo finden wir Ihre Tochter Helene?“

„Um diese Zeit ist sie wahrscheinlich im Schweinestall.“

7

Der Las Vegas Club in Tallinn residierte in einem klassizistischen Gebäude, das während der Sowjetzeit das größte Kino im Baltikum gewesen war. Der jetzige Besitzer Gotan Danilowitsch hatte auf dem Platz davor Scheinwerfer installiert, deren Lichter die Säulen der Eingangshalle in der Nacht bunt beleuchteten und dem ganzen Gebäude eine mystische Atmosphäre verliehen. Arto stand auf der Galerie und blickte hinunter zur lang gezogenen Bar, wo eine Touristengruppe unter lautem Gelächter überteuerte Wodkashots trank. Er beobachtete ein blondes Mädchen, das einen Wodka nach dem anderen kippte, dabei mit einem hinreißenden französischen Akzent laut zu der Musik sang.

„Hast du schon gehört, das Au-Pair-Mädchen meiner Kinder ist ermordet aufgefunden worden“, sagte der Mann, der neben Arto stand. „Was wird die Polizei wohl jetzt unternehmen?“