Strange the Dreamer - Ein Traum von Liebe - Laini Taylor - E-Book

Strange the Dreamer - Ein Traum von Liebe E-Book

Laini Taylor

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Beschreibung

Folge weiter der Geschichte von Lazlo und Sarai in der Verborgenen Stadt Weep Sagenumwoben, voller Schönheit, Wunder und Mysterien - so hat Lazlo sich die Verborgene Stadt, über die er so viel gelesen hat, immer vorgestellt. Doch Weep hütet ein düsteres Geheimnis, dem Lazlo und seine Gefährten auf den Grund gehen sollen. Welche Rolle spielt dabei Sarai, das blauhäutige Mädchen, welches ihm immer wieder in seinen Träumen begegnet? Nacht für Nacht treffen sich die beiden, und Lazlo spürt, wie das Band zwischen ihnen immer stärker wird. Doch hat ihre Liebe eine Chance? Laini Taylor begeistert mit fantastischem Ideenreichtum, wortgewaltiger Sprache und wundervollen Charakteren

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Inhalt

Cover

Über das Buch

Über den Autor

Titel

Impressum

1 Vipern und Engel

2 Der Zeitraum zwischen Albträumen

3 Kinder, die das Dunkel fürchten

4 Geist eines Bibliothekars

5 Unscharfe Tinte

6 Zum Mondhändler

7 Ein ganz entzückendes Blau

8 Alle werden sterben

9 Gespenstische Feinde

Teil IV

10 Von Mitleid und Gnade

11 Feenlicht

12 Gott oder Monster, Monster oder Gott

13 Eine ziemlich unschreckliche Dämonin

14 Ein außergewöhnlicher Vorschlag

15 Das Azoth eines Strange

16 Nur ein Traum

17 Schrecken und Albträume

18 Kein Ort dieser Welt

19 Mystischer Schleier

20 Einen Tag zu überstehen

21 Memmen und Kümmerlinge

22 Brillant und angesengt

23 Besudelte Herzen

24 Mit Haut und Haaren

25 Unglauben

26 Traumschmiede

27 Die geheime Sprache

28 Pflaumengroße Wut

29 Grau wie ein Regentag

30 Eine kleine Merkwürdigkeit

31 Hitzige, abstoßende Fäulnis

32 Eine stille Apokalypse

33 Schwerelos

34 In welcher denkbaren Welt?

35 Windfall

36 Gott und Geist

37 Unmöglicher Frieden

Leseprobe - Fortsetzungshinweis

Teil I

1 Juwelen und Rebellion

Über das Buch

Folge weiter der Geschichte von Lazlo und Sarai in der Verborgenen Stadt Weep Sagenumwoben, voller Schönheit, Wunder und Mysterien – so hat Lazlo sich die Verborgene Stadt, über die er so viel gelesen hat, immer vorgestellt. Doch Weep hütet ein düsteres Geheimnis, dem Lazlo und seine Gefährten auf den Grund gehen sollen. Welche Rolle spielt dabei Sarai, das blauhäutige Mädchen, welches ihm immer wieder in seinen Träumen begegnet? Nacht für Nacht treffen sich die beiden, und Lazlo spürt, wie das Band zwischen ihnen immer stärker wird. Doch hat ihre Liebe eine Chance? Laini Taylor begeistert mit fantastischem Ideenreichtum, wortgewaltiger Sprache und wundervollen Charakteren

Über den Autor

Laini Taylor wurde 1971 in Kalifornien geboren. Sie hat Literatur und Kunst studiert und schreibt mit großem Erfolg Fantasy-Romane. Der Roman »Strange the Dreamer« wird in den sozialen Netzwerken gefeiert – und erscheint nun endlich in der deutschen Übersetzung. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Portland, Oregon.

Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

»Strange the Dreamer« (Teil 2)

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2017 by Laini Taylor

Originalverlag: Little, Brown and Company; Hachette Book Group

This edition published by arrangement with Little, Brown and Company, New York, New York, USA. All rights reserved.

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Umschlaggestaltung: Manuela Städele-Monverde unter Verwendung einer Coverillustration von Jantine Zandbergen

E-Book-Produktion: 3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 978-3-7325-7851-1

www.luebbe.de

www.lesejury.de

Liebe Leserinnen & Leser in Deutschland,

ich freue mich so sehr, dass es Strange the Dreamer jetzt in deutscher Sprache gibt! Schon lange bevor meine Bücher überhaupt veröffentlicht wurden, habe ich davon geträumt, dass meine Geschichten auch als Übersetzungen erscheinen. Wenn ich heute das erste Buch einer internationalen Ausgabe zugeschickt bekomme, ist das jedes Mal aufs Neue ein ganz besonderes Gefühl. Meine erste Lizenzausgabe war vor vielen Jahren tatsächlich eine deutsche Übersetzung, und seitdem habt ihr, liebe Leserinnen und Leser, einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen. Es macht mich so glücklich, dass ihr jetzt Strange the Dreamer lest, und ich hoffe, es gefällt euch bisher!

Die Entstehung dieser Reihe ist übrigens ziemlich spannend. Anfangs wollte ich nämlich die Geschichte eines Mädchens schreiben, das den Menschen Albträume schenkt. Der Titel und die Protagonistin – Muse of Nightmares – geisterten schon seit Jahren durch meinen Kopf, bevor ich mit dem Schreiben begann. Als ich mich schließlich an die Geschichte setzte, stellte ich fest, dass sie sich sträubte. Sie wollte sich einfach nicht entfalten. Ich steckte fest – bis mir klar wurde, dass es überhaupt nicht die Geschichte des Mädchens war (zumindest nicht hauptsächlich). Es ist nämlich die Geschichte eines verträumten Waisenjungen und Bibliothekars, der an Dinge glaubt, die sich die meisten Menschen nicht einmal im Traum vorstellen können, und dessen Faszination von einer mystischen verlorenen Stadt sein Leben und das vieler anderer prägen wird. Es war Lazlo, der die Geschichte formte. Strange the Dreamer ist ein Liebesbrief an alle Fantasy-Leserinnen und -Leser, deren Geist zu so viel mehr Vorstellungskraft fähig sind als andere. (Wir sind der absolute Wahnsinn!)

In dieser Geschichte steckt einiges mehr, als ich zu Beginn meines Schreibprozesses dachte. Ich musste mich mit den Themen Trauma und Überlebenskampf auseinandersetzen und mit der Frage, ob es möglich ist, nach Erlebnissen wie einem Krieg zu heilen und wieder ganz zu werden. Ganz egal, ob man nun Opfer oder Täter gewesen ist ... Meine Bücher offenbaren mir immer wieder solch schwere Themen – und zwar während ich mit großer Freude über Magie, Liebe, wagemutige Reisen, fantastische Wesen und Mythen schreibe. Ich hoffe, dass ihr beim Lesen ähnliche Gefühle empfindet, wenn ihr nun wieder in die Welt von Lazlo, Sarai, Minya und Eril-Fane in der wunderschönen, zerstörten Stadt Weep eintaucht.

Vielen Dank fürs Lesen!

Alles Liebe,

1Vipern und Engel

Sarai kehrte aus dem Herzen der Zitadelle in ihr Zimmer zurück. Minyas ›Soldaten‹ waren überall, bewaffnet mit Messern und anderen Küchengeräten. Hackbeile. Bratspieße. Sie hatten sogar die Fleischerhaken aus dem Regenraum geholt. Irgendwo in der Zitadelle gab es ein echtes Waffenlager, aber es befand sich hinter einer langen Reihe verschlossener Mesarthiumtüren. Außerdem fand Minya, Küchenmesser seien genau richtig für ein Gemetzel. Schließlich waren auch die Menschen im Säuglingstrakt damit bewaffnet gewesen.

Es gab kein Entkommen vor Minyas Armee. Am allerwenigsten für Sarai, denn ihr Schlafzimmer hatte einen direkten Zugang zur silberblauen, sonnenfunkelnden Handfläche des Erzengels. Der offene Balkon war der perfekte Landeplatz für ein Luftfahrzeug und viel besser geeignet als die Gartenterrasse mit ihren Bäumen und Ranken. Deshalb drängten sich die Geister dort am dichtesten. Wenn der Götterschlächter kam, dann hierher, und Sarai würde ihm als Erste zum Opfer fallen.

Sollte sie Minya also dankbar für den Schutz sein? »Versteht ihr denn nicht?«, hatte Minya gefragt, als sie ihre Armee enthüllt hatte. »Wir sind in Sicherheit!«

Aber Sarai hatte sich noch nie im Leben weniger sicher gefühlt. Die versklavten Geister bevölkerten ihre Kammer und machten Momente der Zurückgezogenheit unmöglich. Sarai fürchtete, dass sie im Schlaf noch viel Schlimmeres erwartete.

Ihr Tablett stand am Fuße des Betts: Lall und Pflaumen, wie jeden Morgen. Allerdings hätte sie unter gewöhnlichen Umständen um diese Uhrzeit schon tief geschlafen und sich in Lethas Vergessen verloren. Würde der Trank heute wirken? Das Kristallgefäß enthielt eine halbe Dosis mehr, genau wie Ellen die Große versprochen hatte. Vielleicht war gestern nur ein Ausrutscher gewesen? Bitte, dachte Sarai und hoffte verzweifelt, diesmal würde samtig ödes Nichts sie einhüllen. Schreckensbilder regten sich in ihr. Sie bildete sich ein, die stillen Schreie in den Köpfen der hilflosen Geister wie ein Hintergrundrauschen hören zu können. Am liebsten hätte sie auch geschrien. Es gibt keine Sicherheit, dachte Sarai und drückte haltsuchend ein Kissen an ihre Brust.

Da tauchte in ihrem Kopf eine überraschende Ausnahme auf.

Der Traum des Faranji, des Fremdländers. Dort hatte sie sich sicher gefühlt.

Die Erinnerung wirbelte einen nervösen Ansturm von Emotionen auf. Panik? Nervenkitzel? Was auch immer es war – es ließ den ersten Eindruck von Geborgenheit verwehen. Ja, sein Traum war wunderschön gewesen. Aber ... Er hatte sie gesehen.

Der Ausdruck in seinen Augen! Das Staunen, die Verzauberung. Sarais Herzen begannen zu rasen, und ihre Handflächen wurden feucht. Nach einem ganzen Leben in Unsichtbarkeit war es nicht gerade leicht, plötzlich gesehen zu werden.

Wer war dieser Mann? Von allen Träumen der Faranji hatten nur seine keinen Hinweis enthalten, warum Eril-Fane ihn überhaupt mitgebracht hatte.

Todmüde und voller Furcht trank Sarai das Lall in einem Zug und streckte sich auf ihrem Bett aus. Bitte, dachte sie flehend – ein Stoßgebet an das bittere Gebräu. Diesmal muss es funktionieren. Bitte, keine Albträume mehr.

*

Draußen im Garten hielt Sparrow den Blick gesenkt. Solange sie nur Augen für Blätter und Blüten, Stängel und Samen hatte, konnte sie sich einreden, der Tag sei ganz normal. Ohne Geister, die wachsam in den Rundbögen des Wandelgangs standen.

Sie bastelte ein Geburtstagsgeschenk für Ruby, die zwar erst in ein paar Monaten sechzehn werden würde, aber wer wusste schon, ob sie alle so lange überlebten?

Mit Hilfe von Minyas Armee standen die Chancen ziemlich gut. Aber darüber wollte Sparrow gar nicht nachdenken. Durch die Geister fühlte sie sich gleichzeitig beschützt und beschmutzt, also hielt sie den Blick nach unten gerichtet und summte vor sich hin, um ihre Anwesenheit zu vergessen.

Ein weiterer Geburtstag ohne Kuchen. Viele Möglichkeiten für Geschenke gab es auch nicht. Normalerweise zerschnitt sie eines der schrecklichen Gewänder aus ihren Ankleidezimmern und verwandelten es in etwas Hübscheres. Vielleicht ein Halstuch? Zu einem früheren Geburtstag hatte Sparrow passend zu Rubys Namen eine Puppe mit echten Rubinen als Augen genäht. Da ihre Gemächer früher Korako gehört hatten, konnte sich Sparrow ausgiebig an den Kleidern und dem Schmuck bedienen. Ruby dagegen stand die ganze Hinterlassenschaft von Letha zur Verfügung. Allerdings waren die Göttinnen nicht ihre Mütter gewesen, im Gegensatz zu Isagol und ihrer Tochter Sarai. Sparrow und Ruby waren Kinder von Ikirok, dem Gott der Lustbarkeit, der nebenbei auch als Scharfrichter gedient hatte. Dadurch waren sie Halbschwestern und als Einzige der fünf tatsächlich blutsverwandt. Feral war der Sohn von Vanth, dem Gott der Stürme – dessen Gabe er mehr oder weniger geerbt hatte –, während Minya die Tochter von Skathis war. Sarai war die Einzige, die mütterlicherseits von den Mesarthim abstammte. Wie Ellen die Große erzählt hatte, waren Geburten bei den Göttinnen selten gewesen. Schließlich konnte eine Frau pro Schwangerschaft nur ein Baby gebären, seltener auch zwei. Ein Mann hingegen konnte so viele Kinder zeugen, wie ihm Frauen zur Verfügung standen.

Die mit Abstand größte Zahl von Nachkommen im Säuglingstrakt hatten die drei männlichen Götter zu verantworten, die junge menschliche Frauen geschwängert hatten.

Was bedeutete, dass Sparrow irgendwo dort unten in Weep eine Mutter hatte.

Als Kind war es ihr schwergefallen zu verstehen oder zu glauben, dass ihre Mutter sie nicht wollte. »Ich könnte ihr im Garten helfen«, hatte sie zu Ellen der Großen gesagt. »Ich wäre eine gute Hilfe, ganz bestimmt.«

»Ja, gewiss, Engelchen«, hatte Ellen geantwortet. »Aber wir brauchen dich hier, Kleines. Wie sollten wir ohne dich überleben?«

Ellen hatte damals versucht, es Sparrow schonend beizubringen, aber Minya hatte weniger Hemmungen gehabt: »Wenn sie dich in ihrem Garten findet, dann schlägt sie dir mit der Schaufel den Schädel ein und wirft dich auf den Kompost. Du bist Götterbrut, Sparrow. Deine Mutter wird dich niemals wollen.«

»Aber ich bin zur Hälfte menschlich!«, hatte sie protestiert. »Haben sie das wirklich vergessen? Dass wir auch ihre Kinder sind?«

»Du verstehst es nicht, oder? Deshalb hassen sie uns nur noch mehr.«

Damals hatte Sparrow es wirklich nicht verstanden. Dazu war sie noch zu klein gewesen. Aber irgendwann lernte sie aus einer vulgären, schwer glaubhaften Schilderung Minyas, gefolgt von einer sanften und umso aufschlussreicheren Belehrung durch Ellen die Große, wie solch eine ... Begattung funktionierte. Dadurch änderte sich alles. Ihr wurde klar, wie ihre eigene Zeugung ausgesehen haben musste. Zwar war ihr Verständnis noch immer nebulös und schattenhaft, aber die Grausamkeit des Aktes lastete auf ihr wie die erdrückende Schwere eines ungebetenen Körpers, und Säure stieg in ihrer Kehle auf. Natürlich würde keine Mutter sie haben wollen, nicht nach so einem Anfang.

Sie fragte sich, wie viele Geister in Minyas Armee auf solche Weise von den Göttern missbraucht worden waren. Ungefähr die Hälfte von ihnen waren Frauen, die meisten alt. Wie viele hatten halbblütige Kinder zur Welt gebracht, an die sie sich weder erinnern konnten noch erinnern wollten?

Sparrow hielt den Blick auf ihre Hände gerichtet und konzentrierte sich auf ihre Arbeit, wobei sie leise vor sich hin summte. Sie versuchte, nicht darüber nachzudenken, ob sie an Rubys Geburtstag noch leben würden, oder was für eine Art von Leben ihnen dann bevorstand. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt ihren Händen, aus denen das beruhigende Gefühl von Wachstum strömte. Sie stellte eine Blumentorte her. Oh, gewiss nicht essbar, aber dafür wunderschön. Die Torte erinnerte an die Jahre, als es in der Zitadelle noch Zucker und einen Rest kindlicher Unschuld gegeben hatte. Bevor Sparrow verstanden hatte, was für eine entsetzliche Missgeburt sie war.

Es gab sogar kleine Kerzen. Dafür benutzte sie die Knospen von Fackellilien: sechszehn an der Zahl. Sie würde Ruby die Torte heute zum Abendessen überreichen. Dann konnte Ruby die Kerzen mit ihrem eigenen Feuer entzünden, sich etwas wünschen und sie ausblasen.

*

Feral war in seinem Schlafzimmer und starrte auf sein Buch. Er blätterte durch die Metallseiten und fuhr die harschen, eckigen Symbole mit der Fingerkuppe entlang.

Wenn nötig hätte er das gesamte Buch aus dem Gedächtnis kopieren können, so genau kannte er es. Doch das nützte ihm wenig, denn er konnte ihm keine Bedeutung abringen. Manchmal, wenn er lange genug darauf starrte und sein Blick verschwamm, hatte er das Gefühl, er könne geradezu in das Metall hineinschauen und eine pulsierende Kraft spüren, die darin schlummerte. Ungefähr so, wie eine Wetterfahne darauf wartet, dass ein Sturmwind kommt und sie herumwirbelt. Ungeduldig. Verlangend.

Das Buch wollte gelesen werden, das spürte Feral. Aber was für eine Art von ›Wind‹ konnte wohl diese Symbole in Bewegung setzen? Er hatte keine Ahnung. Er wusste bloß, oder vermutete es zumindest stark, dass ihm alle Geheimnisse der Zitadelle offenstehen würden, sobald es ihm gelang, das kryptische Alphabet zu entschlüsseln. Dann könnte er die Mädchen beschützen, anstatt sie bloß, nun ja, zu beregnen.

Trinkwasser war keine Kleinigkeit, und ohne seine Gabe wären sie allesamt verdurstet, deshalb verschwendete Feral normalerweise wenig Gedanken daran, dass er nicht die Kräfte von Skathis besaß. Darüber war Minya verbittert, nicht er. Aber manchmal erlaubte er sich doch ein gewisses Bedauern. Das Mesarthium zu kontrollieren, hätte für sie alle Freiheit, Sicherheit und nicht zu vergessen eine überwältigende Macht bedeutet. Aber das war nun einmal unmöglich. Also war es reine Zeitverschwendung, sich das Gegenteil zu wünschen.

Doch falls er tatsächlich das Buch entschlüsselte, konnte er etwas bewirken. Ganz sicher. Egal, was.

»Was versteckst du dich denn hier drinnen?«, ertönte Rubys Stimme aus der Türöffnung.

Er schaute auf und stellte missmutig fest, dass sie ohne zu fragen den Kopf hereingesteckt hatte. »Respekt vor dem Vorhang«, zitierte er eine der Regeln und schaute wieder auf sein Buch.

Aber Ruby hatte überhaupt keinen Respekt vor dem Vorhang und tänzelte einfach barfuß herein. Ihre Zehennägel waren knallrot lackiert, sie trug ein ebenso knallrotes Kleidchen und einen entschlossenen Gesichtsausdruck, der Feral alarmiert hätte, wenn er aufgeschaut hätte – was er jedoch nicht tat. Er versteifte sich lediglich ein bisschen.

Rubys Gesicht verzog sich, und sie starrte ihn genauso missmutig an wie er zuvor sie. Das begann ja nicht gerade vielversprechend. Dummes Buch, dachte sie. Dummer Junge.

Aber er war nun einmal der einzige Junge. Das hieß, seine Lippen waren wärmer als die der Geister. Garantiert war alles an ihm wärmer. Und wichtiger noch: Feral hatte keine Angst vor ihr. Das versprach in jedem Fall mehr Spaß zu machen, als sich über einen halb erstarrten Geist zu drapieren und ihm alle paar Sekunden zu sagen, was er mit seinen Händen anfangen sollte. Fass mich da an. Jetzt da.

Langweilig!

»Was willst du hier, Ruby?«, fragte Feral.

Inzwischen stand sie direkt neben ihm. »Weißt du, Experimente müssen wiederholt werden«, sagte sie. »Sonst sind sie wertlos.«

»Was? Welche Experimente denn?« Er drehte sich zu ihr um und zog die Brauen zusammen – halb verwirrt, halb gereizt.

»Das Küssen natürlich«, sagte sie. Erst gestern hatte sie behauptet, dass sie dieses Experiment bestimmt nicht wiederholen würde. Nun ja. Da sie alle sich auf direktem Weg ins Verderben befanden, hatte sie ihren Standpunkt noch einmal überdacht.

Feral aber nicht. »Nein«, sagte er schlicht und wandte sich wieder ab.

»Könnte doch sein, dass ich mich geirrt habe. Ich habe beschlossen, dir eine zweite Chance zu geben«, sagte sie äußerst großmütig.

»Sehr freundlich, vielen Dank, aber ich verzichte.« Ferals Antwort triefte vor Sarkasmus.

Ruby ließ ihre Hand auf das Buch klatschen. »Hör mir wenigstens zu.« Sie schob es beiseite und hockte sich auf den Tischrand. Das Röckchen ihrer Seidenwäsche schob sich am Schenkel hoch. Ihre Haut war glatt und makellos wie Mesarthium, zumindest beinah, und offensichtlich entschieden weicher.

Sie stellte die Füße auf seiner Stuhlkante ab. »Wir werden sehr wahrscheinlich sterben«, sagte sie sachlich. »Und selbst wenn nicht: Wir sind hier. Wir sind am Leben. Wir haben Körper. Lippen.« Nach einer Kunstpause fügte sie keck hinzu: »Zungen«, und ließ ihre einladend über die Zähne spielen.

Röte kroch Ferals Hals empor. »Ruby –«, begann er in abweisendem Ton.

Sie unterbrach ihn. »Hier oben gibt es nicht gerade viel zu tun. Keinen Lesestoff.« Sie machte eine wegwerfende Handbewegung zu seinem Buch. »Langweiliges Essen. Keine Musik. Wir haben mindestens achttausend Spiele erfunden und sind aus allen rausgewachsen, manchmal sogar buchstäblich. Warum nicht was Neues probieren, in das wir stattdessen hineinwachsen können?« Ihre Stimme wurde rauchig. »Schließlich sind wir keine Kinder mehr. Ich habe Lippen, du hast Lippen. Ist das kein ausreichender Grund?«

Eine Stimme in Ferals Kopf versicherte, dass dieser Grund nicht ausreichte. Dass er nicht noch einmal Rubys Spucke inhalieren wollte. Dass er schon mehr als genug Zeit mit ihr verbringen musste.

Vielleicht wand sogar eine leise Stimme ein: Wenn er schon darüber nachdachte, mit Mädchen, nun ja, Zeit zu verbringen, dann nicht mit ihr. Er hatte mit Sarai darüber gescherzt, sie alle zu heiraten, und so getan, als sei ihm das nie ernsthaft in den Sinn gekommen. Aber natürlich hatte er mit der Idee gespielt. Das ließ sich kaum vermeiden, oder? Er war hier der einzige Junge zwischen Mädchen, die zwar Schwestern ähnelten, jedoch keine waren, und sie ... also, sie waren hübsch. Sarai an erster Stelle, dann Sparrow. Falls er die freie Wahl hätte, käme Ruby als Letzte.

Aber die mahnende Stimme klang sehr weit weg, und die anderen Mädchen waren nicht hier, während Ruby direkt neben ihm saß und wunderbar duftete.

Außerdem hatte sie recht: Wahrscheinlich würden sie alle bald sterben.

Der Saum ihres Röckchens war geradezu faszinierend. Rote Seide und blaue Haut ergaben ein Duett, das die Farben vor Spannung vibrieren ließ. Und wie kokett sich ihre Knie ein kleines Stück kreuzten, während ihr Fuß sein Bein leicht berührte. Er konnte nichts dagegen tun, ihre Argumente wirkten ... verlockend.

Sie lehnte sich vorwärts, nur ein paar Zentimeter. Jeder Gedanke an Sarai und Sparrow verschwand.

Er wich dasselbe Stück zurück. »Du hast gesagt, ich küsse armselig«, erinnerte er sie, doch seine Stimme klang genauso rau wie ihre.

»Und du hast dich beschwert, dass ich dich ertränke«, erwiderte Ruby. Sie rückte noch einen Hauch näher.

»Stimmt, da war wirklich sehr viel Spucke«, stellte er fest. Vielleicht etwas voreilig.

»Und du warst romantisch wie ein toter Fisch«, schoss sie zurück, wobei ihre Miene sich verfinsterte.

Einen Moment hing alles in der Schwebe. »Meine Vipern, meine Engel«, nannte Ellen die Große sie gerne mit Kosenamen. Passend, denn sie waren beides gleichzeitig. Nun, vielleicht glich Minya vor allem einer Giftschlange und Sparrow einem Engelchen, aber der Rest von ihnen ... Sie waren Geschöpfe aus Fleisch und Seele, aus Magie und aus Hunger, und ja ... Spucke, alle auf engstem Raum eingeschlossen, ohne Ausweg. Ein Massaker lag hinter ihnen, ein weiteres stand ihnen bevor, und überall waren die Geister der Toten.

Aber hier bot sich plötzlich eine Ablenkung, eine Fluchtmöglichkeit, eine Welt neuer Gefühle. Wenn Ruby ihre Knie verschob, glich das blauer Poesie. Aus dieser Nähe war die Bewegung kaum zu sehen, sondern eher als Lufthauch zwischen ihren Körpern zu spüren. Gleitende Haut, eine geschmeidige Drehbewegung, und schon saß Ruby auf Ferals Schoß. Ihre Lippen fanden sich. Rubys Zunge war kein bisschen schüchtern. Dann kamen Hände mit ins Spiel, gefühlt ein Dutzend statt nur vier, und unklare Worte, weil Ruby und Feral noch nicht gelernt hatten, dass man schlecht gleichzeitig reden und küssen kann.

Sie brauchten einen Moment, um das auszutesten.

»Vielleicht sollte ich es noch mal mit dir versuchen«, stellte ein atemloser Feral fest.

»Unsinn, ich versuche es noch mal mit dir«, widersprach Ruby. Ein Faden der mehrfach erwähnten Spucke glänzte zwischen ihren Lippen, als sie zum Sprechen den Kopf zurückzog.

»Woher weiß ich, dass du mich nicht anzündest?«, fragte Feral, ließ aber gleichzeitig die Hand über ihre Hüfte wandern.

»Oh«, sagte Ruby unbesorgt, »das passiert nur, wenn ich völlig die Kontrolle verliere.« Zungen trafen sich zu einem kurzen Zweikampf. »Dazu müsstest du wirklich talentiert sein.« Zähne klickten zusammen. Nasen stießen aneinander. »Also kein Grund zur Sorge.«

Feral hätte sich – zurecht – beleidigt fühlen können, doch gleichzeitig passierten eine Reihe sehr angenehmer Dinge mit seinem Körper. Also biss er sich auf die Zunge, zumindest metaphorisch, und benutzte sie dann für interessantere Zwecke als zu streiten.

Man sollte denken, Zungen und Lippen würde irgendwann das Neuland zum Erforschen ausgehen, aber seltsamerweise passiert das nie.

»Fass mich hier an, genau hier«, hauchte Ruby, und er gehorchte. »Nein, hier«, befahl sie, und er tat es nicht. Befriedigt stellte sie fest, dass seine Hände Hunderte von eigenen Ideen hatten, die kein bisschen langweilig waren.

*

Das Herz der Zitadelle war frei von Geistern. Zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt hatte Minya die Kammer ganz für sich allein. Sie hockte auf dem Laufsteg, der sich rund um den großen, kugelförmigen Raum zog, und ließ ihre Beine über den Rand baumeln – sehr dünne, kurze Beine. Sie schwangen nicht hin und her. Minyas Pose hatte nichts Kindliches oder Spielerisches an sich. Alles Leben schien aus ihr gewichen, bis auf ein kaum merkbares Vor- und Zurückschaukeln des Oberkörpers. Ihre Muskeln waren starr, ihre Augen weit offen, ihr Gesicht ausdruckslos. Ihr Rücken war kerzengerade, und ihre schmutzigen Hände ballten sich so fest zusammen, dass die Knöchel weiß hervortraten.

Ihre Lippen bewegten sich kaum merklich und flüsterten einen einzigen Satz, wieder und wieder. Minya befand sich fünfzehn Jahre in der Vergangenheit und sah die Herzkammer an einem früheren Tag.

An dem Tag. Sie war daran festgenagelt wie eine Motte, der man eine lange, glänzende Nadel durch den Brustkorb gestochen hat.

Damals hatte sie zwei Säuglinge gepackt und beide mit ihrem linken Arm festgehalten. Das hatte ihnen nicht gefallen, weder den Säuglingen noch dem Arm. Aber die rechte Hand hatte sie gebraucht, um zwei Kleinkinder hinter sich herzuziehen. Winzige Hände umklammerten ihre, feucht und glitschig vor Schweiß. Zwei Säuglinge unter einem Arm, zwei Kleinkinder hinter sich her stolpernd ...

Sie hatte die vier hierhergebracht, durch die Ritze der fast geschlossenen Tür geschoben und war sofort zurückgerannt, um weitere zu retten. Aber dazu kam es nicht mehr. Auf halbem Weg zum Säuglingstrakt hatten die Schreie angefangen.

Nun war sie für immer in dem Moment festgefroren, als die Schreie sie abrupt zum Stehen brachten.

Sie war das älteste Kind im Säuglingstrakt gewesen. Die Letzte, die Korako auf Nimmerwiedersehen fortgebracht hatte, war Kiska gewesen, die Gedankenleserin. Davor Werran, dessen Schrei alle im Umkreis in blinde Panik versetzen konnte. Minya hatte genau gewusst, worin ihre Gabe bestand. Das war ihr schon seit Monaten klar gewesen, aber sie hatte sich nichts anmerken lassen. Sonst hätte man sie sofort fortgeschafft. Also bewahrte sie ihr Geheimnis vor der Göttin der Geheimnisse und blieb im Säuglingstrakt, solange sie konnte.

Nur deshalb war sie immer noch dort, als die Menschen sich erhoben, um ihre Herren und Meister umzubringen. Das hätte Minya nicht gestört, denn für die Götter hatte sie keine Liebe übrig. Doch damit hatten die Aufständischen sich nicht begnügt.

Noch immer befand sich Minya in jenem Korridor. Noch immer hörte sie die Schreie, die auf entsetzliche, blutige Art nacheinander verstummten. Sie würde immer dort sein, und ihre Arme würden für die Kinder nie ausreichen, genau wie an jenem Tag.

Nur ein entscheidendes Detail hatte sich geändert. Minya würde nicht noch einmal zulassen, dass sie zu schwach, zu weich, zu unfähig war, und in Furcht erstarrte. Damals hatte sie noch nicht gewusst, wozu sie fähig war. Ihre Gabe war unerprobt gewesen. Natürlich. Hätte sie damit experimentiert, wäre Korako aufmerksam geworden und hätte sie fortgeschafft. Also hatte sie nicht gewusst, wie groß ihre Macht war.

Sie hätte die Kinder allesamt retten können. Wenn sie nur Bescheid gewusst hätte.

Am Tag des Massakers war der Tod überall. Es wäre leicht gewesen, die Geister an sich zu binden – sogar die Geister der Götter. Kaum auszudenken.

Kaum auszudenken.

Sie hätte die Götter in ihre Dienste zwingen können, Skathis eingeschlossen. Wenn sie nur Bescheid gewusst hätte. Sie hätte eine Armee formen und den Götterschlächter samt seiner Anhänger niedermähen können, bevor ein einziger den Säuglingstrakt erreichte.

Stattdessen hatte sie vier gerettet. Vier. Und deshalb würde sie für immer in jenem Korridor gefangen sein und zuhören, wie die Schreie der übrigen nacheinander abgeschnitten wurden.

Während sie gar nichts tat.

Noch immer bewegten sich ihre Lippen und flüsterten endlos die gleichen Worte. »Mehr konnte ich nicht tragen. Mehr konnte ich nicht tragen.«

Hier gab es kein Echo, keinen Widerhall. Der Raum schien jeden Schall zu schlucken. Er fraß ihre Stimme, ihre Worte und ihre endlose, nutzlose Bitte um Vergebung. Nur nicht die Erinnerungen.

Davon würde sie nie loskommen.

»Mehr konnte ich nicht tragen.

Mehr konnte ich nicht tragen.«

2Der Zeitraum zwischen Albträumen

Sarai erwachte würgend. Ihr Hals fühlte sich an, als versuchten hundert Motten gleichzeitig, ihre Kehle hinunterzukrabbeln. Es wirkte echt, so schrecklich echt. Zuerst glaubte Sarai, sie müsste tatsächlich ihre Motten herunterwürgen, die ganze widerliche lebende Masse. Sie schmeckte Salz und Asche – die Tränen der Träumer, den Schornsteinruß von Weep –, und selbst als sie wieder zu Atem kam und begriff, dass sie einen Albtraum durchlebt hatte, blieb der Geschmack.

Vielen Dank, Minya, für diese neue Horrorvorstellung.

Der Albtraum war nicht der erste des Tages, nicht einmal annähernd. Ihr Bittgebet an das Lall war ungehört geblieben. Sie hatte kaum eine Stunde am Stück geschlafen, und ihre kurzen Schlummerphasen waren wenig erholsam gewesen. Ein halbes Dutzend Mal hatte sie von ihrem eigenen Tod geträumt, immer auf verschiedene Weise, als wolle ihr Bewusstsein eine Liste aufstellen. Ein Menü der Todesarten.

Vergiftet.

Ertränkt.

Abgestürzt.

Erstochen.

Zerfleischt.

Einmal hatten die Bewohner von Weep sie sogar bei lebendigem Leib verbrannt. Und zwischen den ganzen Toden, da war sie ... was? Ein Mädchen in einem dunklen Wald, das einen Zweig knacken hört. Der Zeitraum zwischen den Albträumen ähnelte der Stille nach dem warnenden Knacken. Man wusste, was auch immer das Geräusch verursacht hatte,hielt nun still und beobachtete seine Beute aus der Dunkelheit.

Das zähe graue Nichts hatte sich aufgelöst. Der Nebel aus Lall war zerfasert.

Alle ihre Schreckvisionen konnten nun ungehindert auf sie einstürmen.

Sarai lag auf dem Rücken, hatte die Bettdecke mit den Füßen zur Seite gestoßen, und starrte an die Decke. Ihr Körper war schlaff, ihre Gedanken waren wattig. Wie konnte das Lall einfach so aufhören zu wirken? In ihren Puls aus Blut und Leibgeist mischte sich Panik.

Was sollte sie jetzt tun?

Ihre trockene Kehle und ihre Blase trieben sie aufzustehen, aber die Vorstellung, den schützenden Alkoven zu verlassen, war zu abschreckend. Sie wusste, was gleich um die Ecke lauerte, sogar hier in ihren Privatgemächern:

Geister mit Messerklingen.

Genau wie die alten Frauen, die ihr Bett umstellt und lamentiert hatten, dass sie Sarai nicht umbringen konnten.

Schließlich erhob sie sich trotzdem. Sie hüllte sich in einen Morgenmantel, der ihr hoffentlich auch einen Anschein von Würde gab, dann betrat sie das Schlafzimmer. Und da waren sie auch schon. Aufgereiht standen sie vor dem Zugang zum Korridor und dem Zugang zum Balkon. Im Zimmer waren es acht. Sarai konnte nur raten, wie viele sich auf der Handfläche selbst befanden. Sie wappnete sich gegen die Abscheu der Menschen und durchquerte das Zimmer.

Offenbar hatte Minya ihre Armee so eisern unter Kontrolle, dass den Geistern sogar Gesichtsausdrücke unmöglich waren. Nirgends waren der Ekel und die Furcht zu entdecken, die Sarai nur allzu gut kannte. Die einzige Ausnahme bildeten die Augen, und es war erstaunlich, wie viel die Toten nur mit Blicken ausdrücken konnten, als Sarai an ihnen vorbeiging. Angst und Abscheu, natürlich, aber vor allem sah sie ein verzweifeltes Flehen.

Hilf uns.

Rette uns.

Gib uns frei.

»Ich kann euch nicht helfen«, wollte sie sagen, doch ihre Kehle war wie zugeschnürt. Das lag nicht nur am Gefühl der Motten, die noch immer in ihrem Hals zu stecken schienen, sondern auch an dem inneren Konflikt, der sie fast zerriss. Wären diese Geister tatsächlich frei gewesen, hätten sie Sarai auf der Stelle umgebracht. Sie sollte gar nicht den Wunsch haben, ihnen zu helfen. Was stimmte nicht mit ihr?

Sarai wandte den Blick ab und hastete vorbei, wobei sie sich vorkam, als wäre sie noch immer in einem Albtraum gefangen. Und wer, fragte sie sich, hilft mir?

Im Säulengang befand sich niemand außer Minya. Und natürlich die wachhabenden Geister, deren Reihen jetzt sämtliche Rundbögen füllten und Sparrows Orchideenranken unter ihren toten Füßen zertraten. Ari-El stand steif hinter Minyas Stuhl wie ein schmucker Lakai, nur dass seine Miene nicht dazu passte. Sein Gesicht drückte alle Gefühle deutlich aus, was seine Herrin offenbar erlaubte. Minya wurde nicht enttäuscht. Seine giftigen Blicke ließen sogar Sarai ein wenig erbleichen.

»Hallo«, sagte Minya. Ihre kindlich muntere Stimme steckte voller boshafter Spitzen, als sie scheinheilig fragte: »Gut geschlafen?«

»Wie ein Baby«, sagte Sarai leichthin – womit sie meinte, dass sie ständig schreiend aufgewacht war.

»Keine Albträume?«, stocherte Minya nach.

Sarai biss die Zähne zusammen. Sie konnte es sich nicht leisten, Schwäche zu zeigen. Nicht ausgerechnet jetzt. »Du weißt doch, dass ich nie träume«, sagte sie und wünschte sich sehnsüchtig, das sei noch immer wahr.

»Ach, wirklich?«, fragte Minya mit skeptisch erhobener Augenbraue. Sarai fragte sich plötzlich, warum Minya das überhaupt wissen wollte. Schließlich hatte Sarai niemandem von ihren Problemen erzählt, außer Ellen der Großen gestern Abend. Aber in diesem Moment war sie sicher, dass Minya Bescheid wusste.

Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag. Es lag an dem Blick in Minyas Augen: kühl, berechnend, boshaft. Mit einem Mal war Sarai alles klar. Minya wusste nicht nur von ihren Albträumen. Sie war die Ursache dafür.

Das Lall. Es wurde von Ellen der Großen gebraut. Ellen war ein Geist, also unterlag sie Minyas Kontrolle. Bei dem Gedanken wurde Sarai ganz schlecht. Nicht bloß, weil Minya vermutlich ihren Schlaftrunk außer Kraft gesetzt hatte, sondern weil sie Ellen die Große manipulierte, die für sie alle fast wie eine Mutter war. Die Vorstellung war zu schrecklich.

Sie schluckte. Minya beobachtete sie genau, vielleicht um herauszufinden, ob Sarai sie schon durchschaut hatte. Wahrscheinlich wollte sie, dass Sarai den Plan erriet und verstand, in welcher Zwickmühle sie sich befand: Wenn sie ihren grauen Nebel zurückhaben wollte, musste sie ihn sich verdienen.

Sarai war froh, als Sparrow hereinkam, und es gelang ihr, ein überzeugendes Lächeln aufzusetzen. Sie hoffte, dass man ihr nichts anmerkte, obwohl es in ihr vor Zorn und Schock brodelte, weil Minya so weit gegangen war.

Sparrow gab ihr einen Kuss auf die Wange. Sie lächelte ebenfalls, zitterig und mutig zugleich. Einen Moment später kamen Ruby und Feral herein. Sie stritten wieder einmal, wodurch es leichter wurde, so zu tun, als sei alles normal.

Das Abendessen wurde aufgetragen. Eine Turteltaube hatte sich in einer Falle verfangen, sodass Ellen die Große daraus einen Eintopf hatte kochen können. Turteltaubeneintopf. Das klang ungefähr so falsch wie Schmetterlingsgelee oder Spektralschnitzel. Manche Geschöpfe waren dafür geschaffen, die Welt schöner zu machen, nicht um verspeist zu werden. Auch wenn niemand rund um den Tisch diese Ansicht zu teilen schien. Feral und Ruby aßen beide mit einem Heißhunger, der wenig Rücksicht auf die Herkunft des Fleisches vermuten ließ, Turteltaube hin oder her. Minya hatte noch nie viel Appetit gezeigt, was aber gewiss nicht daran lag, dass sie unter zarten Gefühlen litt. Sie ließ ihren Eintopf halb gegessen stehen und fischte einen grazilen Knochen heraus, um sich damit in ihren kleinen weißen Zähnen herumzustochern.

Nur Sparrow zögerte, genau wie Sarai, aber dann aßen beide dennoch. Fleisch war selten, und ihre Körper verlangten danach. Also spielte es keine Rolle, ob sie Appetit hatten. Sie lebten von Hungerrationen und hatten immer knurrende Mägen.

Kaum hatte Kem die Schüsseln abgeräumt, stand Sparrow vom Tisch auf. »Ich bin gleich zurück«, sagte sie. »Wartet hier.«

Sie wechselten irritierte Blicke, und Ruby hob die Augenbrauen. Sparrow huschte in den Garten, und als sie einen Moment später wieder hereinkam, trug sie in ihren Händen eine ...

»Eine Torte!«, rief Ruby und sprang auf. »Wie in aller Welt hast du –?«

Es war eine traumhafte Kreation, und sie alle konnten nur ungläubig starren: drei hohe Schichten übereinander, ein Überzug aus Zuckerguss, sahnig weiß und mit Blüten bestreut, die an fallende Schneeflocken erinnerten. »Freut euch nicht zu sehr«, warnte Sparrow. »Der Kuchen ist nicht zum Essen.«

Erst jetzt sahen sie, dass die Sahne und der Zuckerguss aus den Blütenblättern von Orchideen und Aniadnen geformt waren. Die gesamte Torte bestand aus Blumen, bis hin zu den Fackellilienknospen, die obenauf steckten und tatsächlich wie sechzehn flammende Kerzen aussahen.

Ruby verzog skeptisch das Gesicht. »Und wozu soll die dann gut sein?«

»Um sich etwas zu wünschen«, erklärte Sparrow. »Das hier ist ein vorgezogener Geburtstagskuchen.« Sie setzte ihn vor Ruby auf den Tisch. »Nur für den Fall.«

Ihnen allen war klar, was sie meinte: Für den Fall, dass es keine Geburtstage mehr geben würde. »Also, das ist makaber«, sagte Ruby.

»Mach schon, wünsch dir was.«

Die Fackellilien ahmten bereits kleine Flammen nach. Aber Ruby zündete sie nun zusätzlich mit den Fingerkuppen an und blies sie aus, wie es sich gehörte, alle auf einmal.

»Was hast du dir gewünscht?«, fragte Sarai.

»Dass die Torte echt ist, natürlich«, sagte Ruby. »Hat es geklappt?« Sie grub ihre Finger hinein, wo selbstverständlich keine Kuchenschicht wartete, sondern nur weitere Blumen. Ruby tat so, als würde sie alles aufessen, ohne zu teilen.

Inzwischen war die Nacht hereingebrochen, und Sarai erhob sich, um zu gehen. »Sarai!«, rief Minya ihr hinterher. Sie blieb stehen, ohne sich umzudrehen. Ihr war schon klar, was jetzt kommen würde. Minya hatte nicht aufgegeben. Würde sie nie. Mit reiner Willenskraft war es ihr gelungen, sich selbst in der Zeit einzufrieren – nicht nur ihren Körper, sondern ihr gesamtes Ich, ihren Zorn, ihre Rachsucht, unvermindert nach all den Jahren. Gegen solch einen Willen konnte man nicht gewinnen. Wie eine Wiederholungsformel rief sie Sarai hinterher: »Ein paar eklige Minuten, um uns alle zu retten.«

Sarai ging einfach weiter. Um uns alle zu retten. Die Worte schienen sich in ihrem Magen zusammenzuballen, diesmal nicht wie Motten, sondern wie ein ganzes Schlangennest. Sarai wollte sie abschütteln und im Säulengang zurücklassen, aber als sie den Schutzwall aus Geistersoldaten durchschritt, der den Korridor zu ihrem Schlafzimmer flankierte, öffneten sich ihre Lippen, und alle murmelten gleichzeitig: » ...uns alle zu retten, uns alle zu retten.« Gefolgt von den Worten, die bisher nur in flehenden Augen zu lesen gewesen waren. Hilf uns. Rette uns. Nun sprachen die Geister sie laut aus. Wo immer Sarai vorüberging, wurde sie angebettelt. »Hilf uns, rette uns«, aber in Wirklichkeit war es nur Minya, die Sarais größte Schwäche gegen sie ausspielte.

Ihr Mitleid.

In der Tür zu ihren Gemächern musste sie an einem Kind vorbei. Einem Kind. Bahar, neun Jahre alt. Vor drei Jahren in den Uzumark gefallen. Das Mädchen trug immer noch dieselbe nasse Kleidung wie beim Ertrinken. Das überstieg jede Vorstellungskraft. Selbst für Minya schien es unglaublich, dass sie sich ein totes Kind wie ein Schoßtier hielt. Das schmächtige Geistermädchen stellte sich Sarai in den Weg, und Minyas Worte drangen von ihren Lippen. »Wenn du ihn nicht tötest, Sarai«, sagte sie klagend, »dann muss ich es tun.«

Sarai presste sich die Hände auf die Ohren und hastete an ihr vorbei. Aber selbst in ihrem Alkoven, wo sie außer Sicht der Geister war, hörte sie immer noch das geflüsterte: »Hilf uns, rette uns«, bis sie das Gefühl hatte, halb wahnsinnig zu werden.

Sie schrie ihre Motten heraus und rollte sich mit fest geschlossenen Augen in einer Ecke zusammen. Dabei wünschte sie sich mehr denn je, sie könnte mit den Nachtfaltern fortfliegen. Wenn sie in diesem Moment die Wahl gehabt hätte, ihre ganze Seele dem Schwarm zu überlassen, sodass ihr Körper leer zurückblieb – selbst ohne eine Möglichkeit der Rückkehr –, hätte sie es vermutlich getan. Hauptsache, sie konnte dem flehenden Flüstern der toten Männer, Frauen und Kinder von Weep entkommen.

Was die lebenden Bewohner der Stadt betraf, waren sie auch heute wieder sicher vor Sarais Albträumen. Stattdessen besuchte sie die Faranji in der Gildenhalle, die Tizerkan in ihren Baracken und Azareen in ihrer einsamen Wohnung in Windfall.

Ihr war selbst nicht klar, was sie tun würde, falls sie Eril-Fane fand. Aus dem Schlangennest in ihrem Magen wühlten sich ringelnde Leiber bis in ihre Herzen. Sarai wusste, dass sie eine verräterisch dunkle Seite besaß. Aber alles war so verstrickt, dass sie selbst nicht sagen konnte, ob sie aus Gnade oder purer Feigheit davor zurückschreckte, ihn zu töten.

Am Ende fand sie ihn nicht einmal. Ihre Erleichterung war immens, vermischte sich jedoch schnell mit einem aufwühlenderen Gefühl: Sie nahm den Mann, der stattdessen in dem Bett schlief, übergenau wahr. Sarai hockte lange Zeit neben seinem schlafenden Gesicht auf dem Kissen und schwankte zwischen Sehnsucht und Angst. Sehnsucht nach der Schönheit seiner Träume. Angst davor, erneut gesehen zu werden – diesmal nicht als staunenswertes Wunder, sondern als der Albtraum, der sie tatsächlich war.

Am Ende entschied sie sich für einen Kompromiss. Sie ließ sich auf seiner Braue nieder und schlüpfte in seinen Traum. Wieder befand sie sich in Weep, genauer gesagt in der sonnendurchfluteten Vision, die den düsteren Namen schwerlich verdiente. Aber als sie den jungen Mann in der Entfernung entdeckte, folgte Sarai ihm nicht. Sie suchte sich nur einen versteckten Platz, an dem sie sich zusammenrollen konnte – genau wie ihr Körper im Alkoven –, um die süße Luft zu atmen, den Kindern in ihren Federumhängen zuzusehen und sich beschützt zu fühlen. Wenigstens für kurze Zeit.

3Kinder, die das Dunkel fürchten

Lazlos erste Tage in Weep fegten vorbei wie ein Wirbelwind. Es gab so viel zu tun und zu bestaunen. Vor allem wollte er natürlich die Stadt entdecken, ihre ganze Süße und Bitterkeit.

Weep war nicht der vollkommene Ort, den er sich als Junge vorgestellt hatte. Selbstverständlich nicht. Falls die Stadt jemals paradiesisch gewesen war, so hatte sie inzwischen zu viel durchgemacht. Es gab weder Drahtseile noch Kinder in Federumhängen – und so wie es schien, war das auch nie der Fall gewesen. Die Frauen trugen die Haare keineswegs lang genug, als dass diese über den Boden schleiften. Aus gutem Grund, denn die Straßen waren hier genauso schmutzig wie in jeder anderen Stadt. Es gab auch keine Kuchen auf den Fenstersimsen, aber das hatte Lazlo ohnehin nicht wirklich erwartet. Dafür gab es herumliegenden Müll und Ungeziefer. Nicht besonders viel, doch immerhin genug, um einen Träumer davon abzuhalten, seine langjährige Faszination in eine genauso große Idealisierung zu verwandeln. Die trockenen Gärten erinnerten an eine Dürrekatastrophe, Bettler lagen wie tot in den Straßen und sammelten Münzen auf ihren eingesunkenen, geschlossenen Augen. Im Übrigen gab es ein Übermaß an Ruinen.

Und dennoch vibrierte alles vor Farben und Klängen und überhaupt vor Leben: Zaunkönighändlerpriesen ihre Käfigvögel an, Traumschausteller bliesen bunte Staubwolken in die Luft, Kinder mit Glöckchen an den Fußgelenken ließen Musik erklingen, wenn sie herumrannten. Licht und Dunkelheit lagen eng beieinander. Die Tempel der Seraphim waren prächtiger als alle Kirchen in Zosma, Syriza und Maialen zusammen, und einem der Gebetsrituale beizuwohnen – dem ekstatischen Tanz der Thakra – gehörte zu den spirituellen Höhepunkten in Lazlos Leben. Aber es gab auch die Schlachtungspriester, die aus tierischen Eingeweiden die Zukunft herauslasen, und die Endzeitprediger auf Stelzen, aus deren Skelettmasken schrille Warnschreie vor dem Weltuntergang ertönten.

All das war von einer Stadtlandschaft aus verziertem Honigstein und vergoldeten Kuppeln umrahmt. Die Straßen breiteten sich sternförmig von einem uralten Amphitheater aus, das mit kunterbunten Marktständen gefüllt war.

An diesem Nachmittag hatte Lazlo sich dort mit einigen der Tizerkan getroffen. Auch Ruza war dabei gewesen und hatte ihm beim Essen den Satz beigebracht: »Nun ist meine Zunge für alle anderen Geschmäcker verdorben.« Wie Ruza beteuerte, handelte es sich um das größtmögliche Kompliment an einen Koch, aber die amüsierten Blicke rundum ließen vermuten, dass die Bedeutung etwas ... schlüpfriger war. Auf dem Markt kaufte Lazlo sich ein Oberteil und eine Jacke im hiesigen Stil. Grau war keines von beiden. Die Jacke leuchtete im Grün ferner Wälder, und ihre Ärmel wurden mit Armreifen zwischen Bizeps und Schultermuskeln gerafft. Diesen Schmuck gab es in allen denkbaren Materialien. Eril-Fane trug Gold. Lazlo wählte ein preiswerteres und weniger auffälliges Leder.

Außerdem kaufte er sich Socken. Allmählich verstand Lazlo, was an Geld so reizvoll war. Er suchte sich ganze vier Paare aus – ein wahres Übermaß an Socken. Auch hier verzichtete er auf die Farbe Grau. Seine Neuerwerbungen waren bunt und allesamt verschieden, ein Paar geringelt, ein anderes rosarot.

Passend zu seiner rosaroten Stimmung probierte er sogar Blutkonfekt derselben Farbe in einem winzigen Laden unter einem Brückenbogen. Es war also real. Und es schmeckte furchtbar. Nachdem er erfolgreich gegen den Würgereiz angekämpft hatte, sagte er zu der Verkäuferin: »Nun ist meine Zunge für alle anderen Geschmäcker verdorben.« Sie riss schockiert die Augen auf. Dann errötete sie sichtbar, was Lazlos Verdacht bestätigte, dass es sich um ein unzüchtiges Kompliment handelte.

»Vielen Dank auch«, sagte er zu Ruza, als sie weitergingen. »Wahrscheinlich wird mich ihr Ehemann zum Duell herausfordern.«

»Sehr wahrscheinlich«, stimmte Ruza zu. »Nun, jeder sollte vor seinem Tod wenigstens ein Duell ausgefochten haben.«

»Eines, da stimme ich zu.«

»Weil du nämlich verlieren würdest«, erklärte Ruza unnötigerweise. »Also gäbe es kein zweites.«

»Genau das habe ich auch gemeint«, sagte Lazlo.

Ruza klopfte ihm auf die Schulter. »Keine Sorge. Wir machen schon noch einen Krieger aus dir. Vielleicht ...« Er beäugte die Handtasche aus grünem Brokat, die einst Calixtes Großmutter gehört hatte. »Vielleicht solltest du damit anfangen, dir eine richtige Geldbörse zu kaufen, wo wir schon hier sind.«

»Gefällt dir meine Handtasche etwa nicht?«, fragte Lazlo und hielt sie hoch, um die kitschige Brosche besser zur Geltung zu bringen.

»Ja, kann man sagen.«

»Aber sie ist sehr praktisch«, widersprach Lazlo. »Schau, ich kann sie sogar so tragen.« Er ließ die Tasche am Träger von seinem Handgelenk baumeln und im Kreis herumschwingen wie ein Kind.

Ruza schüttelte den Kopf und murmelte: »Faranji.«

Die meiste Zeit war allerdings mit Arbeit gefüllt.

Innerhalb der ersten Tage musste Lazlo dafür sorgen, dass die Gäste des Götterschlächters allesamt die Art von Werkräumen bekamen, die sie brauchten, sowie Materialien und in manchen Fällen auch Assistenten. Da kaum einer von ihnen sich die Mühe gemacht hatte, während der Reise die Sprache der Gastgeber zu lernen, brauchten sie außerdem Übersetzer. Manche Tizerkan verstanden Bruchstücke, aber sie hatten andere Verpflichtungen, denen sie nachgehen mussten. Calixte sprach fast fließend, allerdings weigerte sie sich, ihre Zeit zu verschwenden, indem sie ›kleingeistigen alten Männern half‹. Also hatte Lazlo mehr als genug zu tun.

Manche Gesandten waren einfacher zu handhaben. Belabra, der Mathematiker, wünschte sich nur eine Schreibstube mit hohen Wänden, an die er seine Formeln kritzeln und nach Wunsch wieder übertünchen konnte.Fortunus Kether, Künstler und Ingenieur von Katapulten und Belagerungsmaschinen, ließ sich einfach einen Zeichentisch in sein Zimmer der Gildenhalle stellen.

Lazlo bezweifelte, dass die Ingenieure viel mehr brauchten, doch Ebliz Todd schien es als eine Frage der Ehre zu betrachten, dass die ›wichtigeren‹ Gäste die meisten Extrawünsche äußerten und erfüllt bekamen. Also diktierte er eine komplexe, sehr genaue Liste mit Forderungen, die Lazlo gefälligst zu erfüllen hatte. Glücklicherweise sorgte Suheyla dafür, dass eine Reihe von Einheimischen ihm assistierten. Das Ergebnis war, dass Todds Werkraum in Weep seinen früheren in Syriza an Pomp und Prunk noch übertraf, obwohl er tatsächlich den größten Teil seiner Zeit am Zeichentisch in der Ecke verbrachte.

Calixte verlangte überhaupt nichts, aber Lazlo wusste, dass sie mit Tzaras Hilfe eine Auswahl an Pflanzenharzen erstand, um Klebstoffe herzustellen, die ihr beim Klettern helfen sollten. Ob Eril-Fane sie auffordern würde, ihre Kunst zu zeigen, war mehr als fraglich. Calixte selbst vermutete, dass er sie eher mitgenommen hatte, um sie aus dem Kerker zu retten, nicht weil er ihre Dienste wirklich brauchte. Aber jedenfalls war sie entschlossen, ihre Wette mit Todd zu gewinnen.

»Diesmal mehr Glück gehabt?«, fragte Lazlo, als er sie von einem weiteren Test am Anker zurückkehren sah.

»Glück hat nichts damit zu tun«, erwiderte sie. »Das ist alles eine Frage von Kraft und Verstand.« Sie zwinkerte ihm zu, wobei sie ihre Finger wie fünfbeinige Spinnen tanzen ließ. »Und natürlich Klebstoff.«

Als Calixte die Hände senkte, fiel Lazlo auf, dass sie keine grauen Verfärbungen aufwiesen. Nach seinem eigenen Kontakt mit dem Ankermetall hatte er feststellen müssen, dass sich der Anschein von Schmutz nicht abwaschen ließ, soviel Wasser und Seife er auch benutzte. Allerdings war die Farbe dann von selbst verblasst und inzwischen verschwunden. Lazlo vermutete, dass das Mesarthium auf Haut reagierte, ähnlich wie manche anderen Metalle. Kupfer war das beste Beispiel. Doch Calixte schien immun. Sie hatte den Anker gerade erst angefasst und keine Spur davon übrig behalten.

Die Fellerings, Mouzaive der Magnetist und Thyon Nero brauchten allesamt Laborräume, um die Gerätschaften abzuladen, die sie aus dem Westen mitgeführt hatten. Während die Fellerings und Mouzaive damit zufrieden waren, einen ausgedienten Pferdestall neben der Gildenhalle zu benutzen, weigerte Thyon sich strikt. Er bestand darauf, selbst nach einem besseren Platz zu suchen. Lazlo musste ihn als Übersetzer begleiten, und zuerst verstand er nicht, wonach der Alchemist eigentlich Ausschau hielt. Manche Örtlichkeiten waren ihm zu groß, andere zu klein, und schließlich entschied er sich für das Dachgeschoss eines Krematoriums. Dabei hatte der höhlenartige Raum entschieden mehr Platz als so mancher, den Thyon zuvor wegen seiner Größe abgelehnt hatte. Ansonsten war er fensterlos und besaß nur eine einzige massige Eingangstür. Als der Alchemist nicht weniger als drei Schlösser dafür verlangte, ging Lazlo ein Licht auf. Was der Raum bot, war Abgeschiedenheit.

Offenbar war Thyon entschlossen, das Geheimnis des Azoth sogar hier zu bewahren, in dieser Stadt, aus der es vor langer Zeit gekommen war.

Drave verlangte ein Lagerhaus, um mit seinen Pulvern und Chemikalien zu werkeln, und Lazlo besorgte ihm eines – außerhalb von Weep, nur für den Fall eines feurigen Missgeschicks. Wenn die Entfernung auch dazu führte, dass sie alle eine geringere tägliche Dosis Drave bekamen, nun ja, dann war das ein willkommener Nebeneffekt.

»Eine verdammte Zumutung«, grummelte der Explosionist. Doch wie sich herausstellte, war die Zumutung für ihn minimal, denn nachdem er das Abladen seiner Bestände überwacht hatte, verweilte er keine einzige Minute mehr in dem Lagerhaus.