Straße der Toten - Joe R. Lansdale - E-Book

Straße der Toten E-Book

Joe R. Lansdale

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Beschreibung

Reverend Jebidiah Mercer weiß die Bibel ebenso gut zu handhaben wie seine Revolver. Von seinem schlechten Gewissen verfolgt hetzt er durch den Wilden Westen und legt sich mit allem an, was sich ihm in den Weg stellt: indianischen Zombies, hungrigen Ghulen, Gespenstern, Werwölfen und anderen grässlichen Geschöpfen. Und doch ist er stets nur auf der Suche nach innerem Frieden ... Zum ersten Mal auf Deutsch: sämtliche Abenteuer des Jebidiah Mercer, bestehend aus dem Roman Dead in the West und vier längeren Erzählungen, wie sie nur aus der Feder von Joe R. Lansdale fließen konnten. Meisterwerke des "Weird Western" fesselnd, unheimlich und garantiert nicht bleifrei!

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Seitenzahl: 422

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Joe R. Lansdale

Straße der Toten

Deutsch von

Robert Schekulin & Doreen Wornest

Impressum

DEADMAN’S ROAD

Die Originalausgabe ist 2010 bei Subterranean Press erschienen.

Dead in the West | Erstdruck in Eldritch Tales 10-13 (1984-1987)

»Deadman’s Road« | Erstdruck in Weird Tales 343 (Februar/März 2007)

»The Gentleman’s Hotel« | Erstdruck in The Shadows, Kith and Kin

(Subterranean Press, 2007)

»The Crawling Sky« | Erstdruck in Son of Retro Pulp Tales

(Subterranean Press, 2009)

»The Dark Down There« | Erstdruck in Deadman’s Road

(Subterranean Press, 2010)

Robert Schekulin übersetzte das Vorwort und den Roman Dead in the West,

Doreen Wornest die vier längeren Erzählungen.

© 2010 by Joe R. Lansdale

Mit freundlicher Genehmigung des Autors

© dieser Ausgabe 2013 by Golkonda Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Hannes Riffel

Korrektur: Hellfrid Niesche

Titelbild: Steffen Winkler [www.ste-comic.de]

Gestaltung: s.BENeš [www.benswerk.wordpress.com]

Satz und E-Book-Erstellung: Hardy Kettlitz

Golkonda Verlag

Charlottenstraße 36

12683 Berlin

www.golkonda-verlag.de

ISBN: 978-3-942396-56-1 (Druckausgabe)

ISBN: 978-3-942396-70-7 (E-Book)

Inhalt

Impressum

Widmung

Der Reverend reitet und reitet und reitet ...

DEAD IN THE WEST

1. Teil: Der Reverend

2. Teil: Die Zusammenkunft

3. Teil: Das letzte Gefecht

STRASSE DER TOTEN

DAS GENTLEMAN’S HOTEL

DER SCHLEICHENDE HIMMEL

TIEF UNTER DER ERDE

Weitere Bücher bei Golkonda

Phantastik im Golkonda Verlag

Widmung

Die ursprüngliche Version von Dead in the West erschien in den Ausgaben 10 bis 13 von Eldritch Tales. Es war eine Hommage an die Pulps, besonders an Weird Tales. Die vorliegende, grundlegend überarbeitete Fassung ist nicht nur eine Hommage an die Pulps, sondern auch an Comics wie die berühmt-berüchtigten von EC und Jonah Hex (die frühen Hefte), und vielleicht vor allem an Horror-B-Movies wie Curse of the Undead, Billy the Kid Versus Dracula, Jesse James Meets Frankenstein’s Daughter und dergleichen.

Die erste Version von Dead in the West war Al Manachino gewidmet. Diese Version hier ist für meinen Bruder, John Lansdale, der viele gute Vorschläge machte, die ich meist beherzigt habe, manche davon – er möge mir verzeihen – aber auch nicht.

Also, dieses Buch ist für dich, John. Hoffentlich gefällt es dir.

Die Stunde ist gekommen, Abschied zu nehmen

von diesem Körper aus Fleisch und Blut.

Möge ich erkennen, dass der Körper vergänglich ist

und rein äußerlich.

– Tibetanisches Totenbuch

Aber wir konnten Lazarus nicht halten,

denn er schüttelte uns ab,

und gezeichnet vom Bösen ging er eilig davon;

die Erde, die seinen Leichnam beherbergt hatte,

gab Lazarus lebendig wieder frei.

– Nikodemus 15, 18 (Ein verlorenes Buch der Bibel)

Vor Gespenstern und Geistern

und langbeinigen Biestern

und nächtlichen Heimsuchern

beschütze uns, o Herr.

– Altes schottisches Gebet

Der Reverend reitet und reitet und reitet ...

Als ich klein war, mochte ich Comics, und ich mochte Filme, und am meisten mochte ich Bücher und Geschichten überhaupt. Die ersten beiden Vorlieben brachten mich zu den Büchern, und obwohl mir dann Bücher und Geschichten wichtiger wurden, blieb ich auch meiner Liebe zu Comics und Filmen treu. Sie beeinflussten meine eigenen Sachen, vor allem die frühen.

Von den Comics war ich ganz besonders hingerissen, weil sie sich nicht ums Genre scherten. Es konnte alles darin vorkommen, munter vermischten sie Western mit Science Fiction, Fantasy, Horror und sogar mit Liebesgeschichten. Und mit Historischem, aber das war manchmal fragwürdig.

Jedenfalls vermischten sie die Genres. Sie waren schön bunt, und das gefiel mir.

Bei den Filmen war es so, dass ich mir einfach alles anschaute, ob Musical, Liebesfilm, Krimi, Drama oder Komödie, am liebsten aber alles irgendwie Phantastische. Die Universal-Horrorfilme begeisterten mich, aber es zog mich auch zu den eher trashigen Filmen von Leuten wie Roger Corman.

Ich war völlig begeistert von diesem Zeug, und es setzte sich tief in meinem Hirn fest.

Am populärsten waren damals wohl Westernfilme. Erstaunlich, dass es heute nur noch so wenige gibt. Im Fernsehen tummelten sich die Westernserien wie Ameisen auf einem Marmeladenbrot beim Picknick. Am besten waren Gunsmoke, Maverick, Have Gun,Will Travel, Rawhide, Wagon Train, Wanted Dead or Alive (mit Steve McQueen), Bonanza und The Westerner – hoffentlich habe ich den letzten Titel richtig im Kopf, Sam Peckinpah hatte die Serie konzipiert, und der überaus sympathische und ebenso unterschätzte Brian Keith spielte den Helden. Weitere gute, vielleicht nicht ganz so gute Serien waren Cheyenne, Sugarfoot, The Virginian und Bronco, und das sind jetzt von diesen ganzen Serien, die ich regelmäßig oder gelegentlich anschaute, nur diejenigen, die mir spontan einfallen. Auch an The Lawman kann ich mich noch erinnern – dafür schrieb, glaube ich, der große Richard Matheson Drehbücher –, an Laramie, an Tales of the Texas Rangers und so weiter. Sie merken schon, worauf ich hinaus will. In den Sechzigern gab es jede Menge Western.

Später kamen dann wunderbare schräge Western wie Wild Wild West dazu, kein bisschen ernst gemeint, aber aufregend, gut gemacht und originell. »Weird Western« könnte man sagen. Ich war ja bereits Western-Fan, aber das war nun wirklich was ganz Besonderes. Es setzte sich mir, genau wie meine Vorliebe für Horror, tief im Gehirn fest ... und wartete ab.

Auf der großen Leinwand waren Western ebenfalls vertreten. Sogenannte A-Movies und B-Movies. Ich schaute sie mir haufenweise an. Das konnte man damals auch, weil es gar nicht so ungewöhnlich war, samstags in die Nachmittagsvorstellung zu gehen und anschließend sitzen zu bleiben und sich die Doppelvorstellung danach reinzuziehen. Ich verbrachte nicht selten den ganzen Tag im Kino. Und oft schaute ich mir einen Western an. Wenn ich an so einem Samstag drei Filme hintereinander sah, konnte es passieren, dass alle drei Western waren.

Damals dauerte es länger, bis die Kinofilme ins Fernsehen kamen. Heute wird ein Film, der nicht mehr im Kino läuft, schon im Fernsehen gezeigt, sobald die DVD auf dem Markt ist, was einem manchmal vorkommt, als wäre es nur ein paar Wochen nach dem Kinostart. Daran habe ich mich immer noch nicht gewöhnt.

Damals mussten wir warten.

Einer jener B-Western, auf die ich wartete, hieß Curse of the Undead. Im Kino hatte ich ihn verpasst. Spät abends sah ich ihn dann irgendwann, und die Grundidee schlug bei mir ein wie ein Blitz. Ein Vampir im Wilden Westen. Au weia!

Inzwischen habe ich den Film mehrmals gesehen, und die Zeit ist nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Die Spezialeffekte wirken heute eher dürftig. Und überhaupt war er von Anfang an nicht so besonders. Aber der Hauptdarsteller war eben der Typ aus der Serie Rawhide, und der Vampir war echt gruselig. Er hatte auch etwas sehr Menschliches an sich. Er benutzte sowohl seine Zähne als auch seinen Revolver, und er war verliebt. Der Film setzte sich tief in meinem Hirn fest, und dort schwelte er.

Andere »Weird Western« waren Jesse James Meets Frankenstein’s Daughter oder Billy the Kid Meets Dracula.

Als Comic-Fan las ich Jonah Hex, das zwar nicht wirklich so schräg war, wie ich es hinterher in Erinnerung behielt, aber irgendwie merkwürdig, mit einem merkwürdigen Helden.

All diese Vorlieben rotteten sich in meinem Hinterkopf zusammen, umschlangen sich und balgten miteinander, wie ein Alligator sich mit seiner Beute im Wasser wälzt, wenn er sie nach unten drückt.

Und dieser Alligator wälzte sich weiter.

Dann, eines Tages in den späten Siebzigern, bekam ich Curse of the Undead wieder mal im Fernsehen zu sehen, und ich dachte bei mir: Na ja, ganz nett, aber das könnte ich besser, wenn ich einen Film drehen könnte. Und die Idee, ein Drehbuch für einen Weird Western zu schreiben, war geboren.

Das Problem war nur, dass mir niemand eine Filmvorlage abkaufen würde. Ich hatte noch nie ein Drehbuch geschrieben, ich las keine, ich wusste kaum darüber Bescheid, und obendrein hatte ich zu der Zeit noch nicht mal einen Roman verkauft.

1980 schrieb ich dann einen Roman mit dem Titel Act of Love, außerdem fünfzig Seiten eines weiteren, den ich letztendlich The Nightrunners nennen sollte (ursprünglich hieß er Night of the Goblins), und innerhalb von fünfzehn Tagen verfasste ich Dead in the West, den Weird Western, der mir im Kopf herumgespukt war. Er war wie das B-Movie geschrieben, das ich gerne gemacht, das ich gerne gesehen hätte, und erschien als Fortsetzungsgeschichte in mehreren Folgen in Eldritch Tales.

Da es ein gewisses Interesse an der Verfilmung dieses Fortsetzungswesterns gab, verfasste ich in einer langen Nacht ein komplettes Drehbuch, ohne vorher jemals in eines reingeschaut zu haben. Für das Drehbuch änderte ich ein paar Dinge ab. Es wurde ziemlich gut.

Aber es wurde nie ein Film daraus. Immerhin fand es Beachtung, was mich dazu brachte, aus der Drehbuchfassung den Roman zu machen, den Sie hier in Händen halten. Er ist ein bisschen anders als die ursprüngliche, derbere und trashigere Fassung. Später habe ich das Drehbuch noch etwas überarbeitet, und im Laufe der Jahre habe ich auch den Roman noch etwas aufpoliert.

Als der Roman erstmals erschien, war das beim Verlag Space and Time, dessen Lektorat einiges im Text veränderte. Plötzlich waren da jede Menge Strichpunkte, und wo ich »sagte« hingeschrieben hatte, stand nun manchmal ein »murmelte« oder »antwortete« oder so.

Ich habe nichts gegen Strichpunkte. Ich setze selbst gelegentlich ein Semikolon. Aber mir waren es jetzt viel zu viele. Ich schmiss sie möglichst wieder raus, aber die Zeit bis zur Deadline war knapp, und so blieben doch ein paar drin, und auch das eine oder andere »murmelte«. Den Lektor trifft keine Schuld. Die Schuld liegt bei mir. Ich hätte sorgfältiger arbeiten müssen.

In der vorliegenden Fassung sind nun möglichst alle überflüssigen Strichpunkte und jegliches unnötige Gemurmel eliminiert. Schund hin oder her, es gibt gut Geschriebenes, und es gibt schlecht Geschriebenes, und wer statt »sagte er« oder »sagte sie« andere Wörter verwendet, schafft nur Verwirrung.

Niemand kann tatsächlich einen Satz knurren oder grunzen. Versuchen Sie’s mal. Sie können knurren oder grunzen, und sie können dabei vielleicht auch etwas murmeln oder nuscheln, aber normalerweise geht das einfach nicht. Und es lenkt mich beim Lesen ab. Ich kann es nicht leiden, beim Lesen dauernd das Gefühl zu haben, dass gleich wieder irgendein Ersatzwort für »sagte« kommt.

... bemerkte er.

... erwiderte er.

... befahl er.

... murmelte er.

... knurrte er.

... grunzte er.

... furzte er. (Kleiner Scherz.)

Und so weiter.

Noch schlimmer wird es, wenn man nicht nur die Schlichtheit des »sagte« beseitigt, sondern auch alle Klarheit, mit Formulierungen wie:

... reagierte er begeistert.

... sprach er mit absoluter Deutlichkeit.

... schnaubte er vernehmlich.

... jaulte er entrüstet.

Wuff! Wuff!

Ja, ich weiß, auch viele von mir geschätzte Autoren verwenden diese Dinger, aber ehrlich gesagt, mich nerven sie. Selbst wenn sie mich mal nicht so stören, versuche ich dann doch immer wieder, einen Satz zu jaulen oder zu grunzen, zu knurren, zu schnarren oder auszuspucken (echt schwierig), und, na ja, das hört sich dann alles nicht so schön an.

Schlechter Stil wäre auch, so was wie »... reagierte sie begeistert« hinzuschreiben.

Wenn die Reaktion begeistert war, dann müssen mir die Figuren und die ganze Szene das vermitteln, und nicht erst ein Hinweis am Ende des Satzes. So was ist schlicht Faulheit.

Wie auch immer, solche Dinge habe ich geändert. Sollten mir jedoch ein paar davon durch die Lappen gegangen sein, so nehmen Sie das meinem Büchlein bitte nicht übel. Ich habe mein Bestes getan, alles so hinzukriegen, wie es eigentlich gedacht war, habe also bloß Einzelheiten geändert und nichts groß umgeschrieben.

Jedenfalls liest sich das Ganze nun doch ganz flott und unterhaltsam, und darauf bin ich stolz.

Obwohl in einem Kleinverlag veröffentlicht, fand der Roman einige Beachtung; es gab über die Jahre mehrere Filmoptionen, zuletzt erwarb ein französischer Filmemacher eine für gutes Geld und ... machte nichts daraus. Es wurde nie verfilmt. Das Drehbuch habe ich immer noch.

Eine Schande. Da würde ein netter kleiner Film draus.

Aber ich glaube, es wurde auch ein nettes kleines Buch draus.

Im Laufe der Jahre wurde ich oft ermuntert, doch noch ein weiteres Buch über den Reverend zu schreiben. Aber mir fehlte immer die zündende Idee dafür.

In letzter Zeit hatte ich aber einige Ideen für kürzere Erzählungen, die zeitlich nach dem Roman spielen. In diesen Geschichten ist der Reverend ein noch viel finsterer, ein richtig verbohrter und verbitterter Typ, der nicht lange fackelt. Obwohl man sagen muss, dass sich das in der letzten Geschichte – »Tief unter der Erde« wird hier erstmals veröffentlicht – wieder etwas aufhellt und sich der Reverend da von einer etwas anderen Seite zeigt.

In Ihren Händen halten Sie hiermit alle Geschichten über meinen revolverschwingenden Prediger, der im Kampf gegen das Böse durch den Wilden Westen zieht. Vielleicht wird es ja weitere geben. Zum Beispiel würde ich ganz gerne mal erzählen, was passiert, wenn er meinem anderen Helden über den Weg läuft, dem Gott der Klinge. Wer weiß ...

Ein Letztes noch. Beim Schreiben dieser ganzen Geschichten habe ich einmal den Namen des Reverend vergessen. Ich habe dann einen Namen aus einem schnell runtergeschriebenen Western verwendet, den ich als Ray Slater verfasst hatte, ein Roman mit dem Titel Texas Night Riders. Das wurde mir aber erst bewusst, als ein Rezensent mich darauf ansprach. Jenen Namen, Rains, hatte ich noch im Kopf, und ich benutzte ihn anstelle von Reverend Mercers richtigem Namen. Keine Ahnung, warum. Dead in the West ist ein deutlich besseres Buch als Texas Night Riders, trotzdem hatte ich jenen Namen noch im Kopf und habe die beiden im Unterbewusstsein verwechselt. Dies nur zur Erklärung, falls Sie sämtliche Geschichten kennen – außer der einen hier erstveröffentlichten – und sich gefragt haben, ob Rains und Mercer wohl dieselbe Figur sind, weil sie sich so sehr ähneln.

Die Antwort lautet ja.

Es war nur eine Namensverwechslung, und das habe ich nun, zum Nutzen und Frommen aller Unschuldigen oder Schuldigen, korrigiert. Jetzt ist alles so, wie es sein soll.

Ich wünsche Ihnen beim Lesen ebenso viel Vergnügen, wie ich beim Schreiben hatte. Diese Geschichten sind so was wie ein Rückfall in die Ära der Pulps. Sie sollen nicht groß zum Nachdenken anregen, sondern vor allem Spaß machen. Es sind traditionell und zügig erzählte, spannende und ziemlich brutale Geschichten.

Wenn Sie so etwas mögen – und ich hoffe es –, dann sind Sie hier richtig.

Und, wer weiß, vielleicht wird es irgendwann ja weitere Geschichten um den Reverend geben.

Auch das hoffe ich.

Doch genug jetzt.

Viel Spaß, oder wie Roy Rogers und Dale Evans immer sagten: »Hals und Beinbruch.«

Joe R. Lansdale(höchstpersönlich)

DEAD IN THE WEST

Prolog

Nacht. Ein schmaler, von Bäumen gesäumter Postkutschenweg schmiegt sich in einer langgezogenen Linkskurve an ein dunkles Kiefernwäldchen. Mondlicht, ab und an verdeckt durch dahinziehende Wolken. Von Weitem wird allmählich eine Stimme vernehmbar.

»Ihr verdammten, hasenfüßigen, furzenden, langohrigen Maultiere! Ihr Esel! Los, schneller, ihr faulen Biester!«

Eine Kutsche kam um die Kurve gerattert. Wie riesige Glühwürmchen schaukelten beiderseits des Kutschbocks die Laternen. Unter lautstarkem Schimpfen wurde sie langsamer und kam schließlich am Rand des osttexanischen Kiefernwäldchens zum Stillstand.

Bill Nolan, der Kutscher, wandte sich mit dem guten Auge Jake Wilson zu, seinem bewaffneten Beifahrer. Ein Indianerpfeil hatte ihm das andere Auge genommen, und eine Augenklappe verdeckte die leere Höhle.

»Also, beeil dich, verdammt«, sagte Nolan. »Wir sind spät dran.«

»Ich hab das Rad nicht abgerissen.«

»Aber beim Radwechsel hast du auch nicht groß geholfen. Jetzt geh schon pissen!«

Jake stieg vom Kutschbock und schlenderte zum Waldrand.

»He!«, rief Nolan, »warum gehst du so weit weg?«

»Es sind Damen anwesend.«

»Brauchst ja nicht in die Kutsche pissen, verdammter Schwachkopf.«

Jake wurde vom Wald verschluckt.

Ein eleganter junger Herr streckte den Kopf aus dem rechten Seitenfenster.

»Hey«, sagte er, »reden Sie nicht so. Es sind Damen anwesend.«

Nolan beugte sich zu dem jungen Mann hinab. »Hab ich schon gehört. Aber ich sag Ihnen was, Sie Kleingeld-Zocker: Die Dame da neben Ihnen, Lulu McGill, die würd Ihnen für ’n Dollar vorn einen blasen und Sie hinten lecken.«

Dem Glücksspieler fiel die Kinnlade herunter, aber bevor er zu einer Antwort ansetzen konnte, riss ihn eine Frauenhand ins Wageninnere, und Lulu ließ ihren betörenden Rotschopf sehen.

»Gottverdammich, Bill Nolan«, sagte sie, »so was hab ich mein Leben nich für ’n Dollar gemacht, und das weißt du genau, und jetzt bin ich eine Dame.«

»Was du nicht sagst.«

Lulu wurde wieder ins Wageninnere gezerrt, und statt ihrem Kopf erschien nun erneut der des Spielers. »Sie ist nicht die einzige Frau in der Kutsche«, sagte er.

Von innen war Lulus schrille Stimme zu hören: »Soll das heißen, ich bin doch keine Dame, du Arschloch?«

»Und da ist auch noch ein junges Mädchen«, fuhr der Spieler fort, »und wenn die nicht gerade schlafen würde, bekämen Sie’s jetzt mit mir zu tun. Haben wir uns verstanden?«

Nolans rechte Hand tauchte kurz ab und kam mit einem alten Walker-Colt wieder hoch, den er nun auf den Spieler richtete.

»Hab schon verstanden«, sagte Nolan. »Aber bleiben Sie lieber ganz leise. Nicht dass das Mädchen noch aufwacht, und Sie müssen hier den Helden spielen. Ich würd Ihren blöden Schädel nämlich glatt auf den Weg hinter uns pusten, und das wollen wir doch nicht, oder? Also ziehen Sie schön wieder den Kopf ein und halten die Klappe.«

Der Glücksritter zog den Kopf ein und nahm wieder Platz, hob seine Melone vom Polster neben sich und setzte sie, etwas weniger keck als zuvor, wieder auf.

Millie Johnson, die attraktive Brünette ihm gegenüber, starrte ihn an. Das schlafende Mädchen, Mignon, hatte den Kopf auf ihren Schoß gelegt. Und neben ihm kochte Lulu vor Wut.

Er riskierte einen Blick. Ihre Zornesröte wetteiferte mit ihrer Haarfarbe.

»Du bist ja wirklich ein toller Hecht«, sagte sie.

Der Spieler sah zu Boden.

Nolan verstaute den Colt wieder und steckte sich eine Zigarre in den Mund. Er holte seine Taschenuhr hervor und klappte sie auf, zündete ein Streichholz an und sah auf die Uhr. Seufzend steckte er sie wieder weg und schaute in die Richtung, in die Jake verschwunden war.

Nichts zu sehen.

»Kann der nicht in den Wind pissen wie jeder echte Kerl?«, sagte Nolan und zündete sich die Zigarre an.

Jake wedelte den letzten Tropfen von seiner Palme und knöpfte sich den Hosenladen zu.

Als er sich umdrehte, um zur Kutsche zurückzustapfen, sah er in der Nähe einen Strick an einem Ast baumeln. Vorhin hatte er ihn gar nicht bemerkt, doch jetzt war der Mond hervorgekommen, und er konnte ihn deutlich erkennen. Er ging hin und berührte das Seil, zog daran, fuhr mit der Hand an der Schlinge entlang – und hatte sich prompt die Haut aufgerissen.

»Auuu.«

Er drückte sich die wunde Stelle an den Mund und saugte daran. Während er sich von dem Seil abwandte, krabbelte eine große spinnenähnliche Kreatur daran herunter, von einem Ast über Jakes Kopf bis dorthin, wo sein Blut die Hanffasern benetzt hatte. Das Spinnending leckte am frischen Blut. Und veränderte sich. Wurde größer, plumpste vom Seil, wand sich am Boden, veränderte sich weiter. Am Ende seiner Verwandlung schlüpfte es rasch ins Dickicht des Waldes.

Von all dem bekam Jake nichts mit. Er ging einfach weiter, bis er beinahe wieder am Straßenrand angelangt war. Als er gerade aus dem Gestrüpp ins Freie treten wollte, wuchs eine Gestalt vor ihm empor. Etwas Menschenähnliches.

Jake sperrte den Mund auf, um zu schreien. Vergeblich. Er kam nicht mehr dazu.

Nolan gähnte.

Verdammt. Er wurde müde. Echt müde.

Er schmiss den Zigarrenstummel weg.

Kramte eine neue Zigarre und ein neues Streichholz hervor. Öffnete wieder seine Taschenuhr, zündete ein Streichholz an und hielt es dicht ans Ziffernblatt.

Eine riesige Hand mit langen Nägeln legte sich darüber, erstickte die Flamme und zerquetschte in einer einzigen Bewegung die Uhr mitsamt Nolans Fingern. Uhr und Finger knackten und knirschten laut. Noch lauter schrie Nolan. Aber nur kurz.

Dann waren die Fahrgäste dran.

Später, mitten in tiefster Nacht – der Mond war inzwischen völlig von dunklen Wolken verdeckt, und die Sterne leuchteten so matt wie blinde Augen –, rollte die längst überfällige Postkutsche aus Silverton endlich in Mud Creek ein. Der Kutscher auf dem Bock trug einen dunklen Umhang und hatte den Hut tief ins Gesicht gezogen.

Niemand stieg aus. Keine Freunde oder Verwandte kamen herbei, um die Fahrgäste zu begrüßen. Die verspätete Ankunft wurde überhaupt nicht bemerkt, denn man hatte die Kutsche schon vor Stunden abgeschrieben.

Die Pferde schnaubten und rollten verängstigt mit den Augen. Der Kutscher zog die rostige Bremse an und ließ die Zügel fallen. Lautlos und sanft wie eine Staubwolke stieg er ab.

Der Mann ging nach hinten und warf die Gepäckdecke zurück. Eine lange Kiste ragte schief darunter hervor. Er riss sie an sich und hievte sie sich auf die Schulter. Und als wäre die Kiste nicht mehr als ein trockenes Holzscheit, rannte er damit mitten auf der Straße zur Pferdestation hinüber, wobei seine Stiefel kleine kurzlebige Staubteufelchen aufwirbelten.

Eine Türangel quietschte, und dann war es, abgesehen vom Schnauben der Kutschpferde und einem fernen Donnergrollen über den schwarzgrauen Wäldern von Osttexas, wieder still.

1. Teil: Der Reverend

Und er weiß nicht, dass Totengeister dort hausen ...

– Sprichwörter 9, 18

(1)

Eins

Er kam aus dem weiten Hochland hergeritten: ein großgewachsener, hagerer Prediger, staubbedeckt, auf einer erdfarbenen Stute mit wundem Rücken, den ihr der lange harte Ritt und der Staub beschert hatten, der zwischen Sattelzeug und Fell scheuerte.

Beide, Pferd und Reiter, waren zum Umfallen müde.

Der Mann war von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet, nur ein staubiges weißes Hemd und ein silbern glänzender umgebauter 36er Navy-Colt steckten in einem breiten schwarzen Tuch über seinem Hosenbund. Wie bei vielen Männern, die das Wort Gottes verkünden, war sein Gesichtsausdruck ernst und streng. Aber er hatte auch etwas eindeutig Unpriesterliches an sich. Nämlich den stahlblauen Blick eines kaltblütigen Killers – den Blick eines Mannes, der dem Tod schon mehrmals in die Augen geschaut hatte.

Auf seine Weise war er ein Killer. Sein donnernder 36er Navy hatte Männer niedergestreckt, die als Letztes auf Erden die dicken schwarzen Rauchschwaden aus der Mündung dieses glänzenden Revolvers erblickt hatten.

Aber jeder von ihnen, so dachte der Reverend voller Überzeugung, hatte diesen Schwertstreich verdient. Jedes Mal war es Gottes Wille gewesen. Und er, Jebidiah Mercer, war der Vollstrecker des Herrn. Zumindest schien ihm das im Nachhinein so.

Beim Zeltgottesdienst pflegte er zu predigen: »Meine Brüder, ich merze die Sünde aus. Ich bin der starke rechte Arm Gottes, und ich merze die Sünde aus.«

Es gab auch Zeiten, in denen er sich seiner Rechtschaffenheit weniger gewiss war. Doch solche Gedanken verdrängte er lieber, fegte sie mit seiner ganz eigenen Auslegung von Gottes Wort hinweg.

Bei Tagesanbruch ritt Jeb, langsam und müde, auf Mud Creek zu. Der neue Morgen brachte eine kühle Brise. Um ihn herum zwitscherten die ersten Vögel.

Auf einem samtgrünen Grashügel hielt Jeb inne und schaute – wie ein Heiliger von ganz oben – auf die Siedlung hinab. Er sah schindelverkleidete Häuser inmitten eines dichten Waldes.

Wieder einmal rollten ihm, wie ein Steppenläufer, diese Gedanken durch den Kopf: Osttexas, was für ein schöner Anblick, meine Heimat, wie habe ich dich vermisst ...

Er zog sich den breitkrempigen Hut tiefer in die Stirn und führte sein hellbraunes Pferd weiter, hinunter nach Mud Creek, wo der umherreisende Gottesmann wieder einmal die Saat des Glaubens ausstreuen würde.

Zwei

Ganz gemächlich ritt er in Mud Creek ein, eher ein wachsamer Revolverheld als ein Verkünder von Gottes Wort.

An der Pferdestation saß er ab und schaute zu dem Schild hoch: JOE BOB RHINE’S PFERDESTATION UND HUFSCHMIEDE.

»Was wollnse?«

Als er seinen Blick wieder senkte, sah er sich einem Jungen mit nacktem Oberkörper, einem Schlapphut und Wollhosen an ausgeleierten Hosenträgern gegenüber. Und mit mürrischem, gelangweilten Blick.

»Wenn es dich nicht allzu sehr anstrengt, hätte ich gerne mein Pferd gestriegelt.«

»Sechs Bits. Jetzt gleich.«

»Nur Striegeln, kein Schaumbad, du kleiner Halsabschneider.«

Der Junge hielt die Hand auf. »Sechs.«

Der Reverend griff in die Tasche und klatschte ihm das Geld in die Handfläche. »Wie heißt du, mein Junge? Ich wüsste gern, um wen ich in Zukunft einen Bogen machen muss.«

»David.«

»Wenigstens hast du einen anständigen biblischen Namen.«

»Nutzt mir aber nix.«

»Nützt dir aber nichts.«

»Hab ich doch gesagt, verdammt. Regen Sie sich nur nicht auf.«

»Ich meine deine Ausdrucksweise. Es heißt NICHTS. NIX ist schlechtes Englisch.«

»Sie reden aber komisch.«

»Das Kompliment gebe ich gern zurück.«

»Sie sehn wie ’n Prediger aus, außer dass Sie ’ne Knarre haben.«

»Ich bin sehr wohl ein Prediger, und mein Name ist Jebidiah Mercer – für dich Reverend Jebidiah Mercer. Striegelst du bis morgen vielleicht noch irgendwann mein Pferd?«

Der Junge wollte gerade etwas erwidern, als ein großer Mann in Overall und Lederschürze und mit missbilligendem Gesichtsausdruck aus der Pferdestation zu ihnen heraustrat. Es entging dem Reverend nicht, dass der Junge erstarrte.

»Schwafelt der Kleine Sie in Grund und Boden, Mister?«, fragte der Mann.

»Wir haben uns gerade darauf geeinigt, dass er mein Pferd striegelt. Sind Sie der Stallbesitzer?«

»Richtig. Joe Bob Rhine. Hat er Ihnen zwei Bits dafür abverlangt, wie es sich gehört?«

»Alles in Ordnung.«

David musste schlucken und sah den Reverend lange an.

»Der Junge kommt nach seiner Mutter«, sagte Joe Bob. »Ein Träumer. Man muss ihm Respekt einbläuen. Hat er nämlich nicht gerade mit der Muttermilch aufgesogen.« Er wandte sich an David: »Junge, nimm das Pferd des Mannes und mach dich an die Arbeit.«

»Jawohl, Sir«, sagte David. Und zum Reverend: »Wie heißt sie?«

»Ich nenne sie nur Pferd. Ihr Rücken ist übrigens vom Sattel aufgerieben.«

David lächelte. »Jawohl, Sir.« Er löste die Sattelriemen.

»Ich würde sie auch gerne noch für eine Weile unterstellen«, sagte der Reverend zu Rhine, »wenn es Ihnen recht ist.«

»Zahlen Sie einfach dann, wenn Sie sie wieder abholen.«

David reichte dem Reverend die Satteltaschen. »Die brauchen Sie wahrscheinlich.«

»Danke.«

David nickte, nahm die Zügel und führte das Pferd davon.

»Wo kann man hier übernachten?«, fragte der Reverend.

Rhine zeigte die Straße hinunter. »Nur im Hotel Montclaire.«

Der Reverend nickte, warf sich die Satteltaschen über die Schulter und machte sich auf den Weg die Straße hinunter.

Drei

Auf dem Schild über dem verwitterten Gebäude stand: HOTEL MONTCLAIRE. Sechs Doppelfenster auf der Straßenseite, hinter jedem ein zugezogener dunkelblauer Vorhang. Die Fenster waren offen, und die Vorhänge blähten sich in der leichten Morgenbrise. Aus der Brise wurde langsam schon ein warmer Wind. Es war August in Osttexas, und abgesehen von den ganz frühen Morgenstunden oder manchmal einem nächtlichen Lüftchen war es heiß wie im Fell einer läufigen Hündin und stickig wie in einem Topf Sirup.

Der Reverend zog ein staubiges Tuch aus der Innentasche seines Mantels und wischte sich damit übers Gesicht. Dann nahm er den Hut ab und fuhr sich über sein dichtes, fettiges schwarzes Haar. Er steckte das Taschentuch wieder ein, setzte den Hut wieder auf, drückte seinen sattelgeplagten Rücken durch und betrat das Hotel.

Am Empfang hing ein Mann mit einer Wampe hinterm Tresen wie ein gestraucheltes Pferd und schnarchte. Schweißtropfen bahnten sich ihre Wege durch die Staubschicht auf seinem Gesicht. Eine Fliege kreiste summend über seiner Nase, konnte dort allerdings nicht landen, weil der fette Mann zu heftig schnarchte. Schließlich fand sie ein Plätzchen auf seiner Stirn.

Der Reverend schlug mit der Handfläche auf die Tischglocke.

Mit einem Ruck erwachte der Mann, richtete sich auf und wedelte mit der Hand, um die Fliege zu verscheuchen. Er leckte sich den Schweiß von den Lippen.

»Jack Montclaire, zu Diensten«, sagte er.

»Ich hätte gern ein Zimmer.«

»Zimmer, da sind Sie bei uns richtig.« Er drehte das Gästebuch herum. »Wenn Sie sich bitte eintragen würden.« Und als der Reverend sich eintrug: »Sie haben mich bei einem Nickerchen ertappt. Das kommt von der Hitze ... äh, sechs Bits pro Nacht, frische Bettwäsche alle drei Tage ... wenn Sie drei Tage bleiben.«

»Ich bleibe mindestens drei Tage. Mahlzeiten extra?«

»Wenn ich welche anbieten würde, ja. Aber Sie werden drüben im Café essen müssen.« Und widerstrebend fragte er: »Gepäck?«

Der Reverend tätschelte seine Satteltaschen und zählte Montclaire die sechs Achteldollarmünzen in die Hand.

»Verbindlichsten Dank«, sagte der. »Zimmer 13, am Ende der Treppe links. Angenehmen Aufenthalt.«

Montclaire drehte das Gästebuch wieder zu sich herum und las den frischen Eintrag, wobei sich seine Lippen bewegten.

»Reverend Jebidiah Mercer?«

Der Reverend wandte sich um. »Ja?«

»Sie sind Prediger?«

»So ist es.«

»Hab noch nie ’n Prediger mit ’ner Waffe gesehn.«

»Nun haben Sie’s.«

»Ich meine, als ein Mann der Heiligen Schrift und des Friedens und so ...«

»Wer hat je behauptet, Gesetz und Ordnung Gottes ließen sich mit friedlichen Mitteln durchsetzen? Satan kämpft mit dem Schwert, also trete ich ihm mit dem Schwert entgegen. So ist es der Wille des Herrn, und ich bin sein Diener.«

»Wie Sie meinen.«

»Da gibt es nichts zu meinen.«

Montclaire blickte in die rotumrandeten, tödlich blauen Augen des Reverend und begann zu zittern. »Jawohl, Sir. Ich wollte Sie keineswegs belehren, wie Sie Ihren Beruf ...«

»Das können Sie auch gar nicht.«

Der Reverend ging die Treppe hinauf, und Montclaire starrte ihm hinterher.

»Scheinheiliges Arschloch«, murmelte Montclaire in sich hinein.

Vier

Oben in Zimmer 13 angekommen, setzte sich der Reverend probehalber auf das durchgelegene Bett. Nicht gerade bequem. Er stand wieder auf und ging zum Waschbecken hinüber, legte seinen Hut ab, wusch sich das Gesicht und dann überaus sorgfältig die Hände, als wären sie mit Schmutz befleckt, den nur er allein sehen konnte. Ebenso sorgfältig trocknete er sie ab. Schließlich ging er zum Fenster, um hinauszuschauen.

Er schob einen der Vorhänge beiseite und betrachtete die Straße und die gegenüberliegenden Gebäude. Aus Rhines Hufschmiede waren Hammerschläge zu hören und ansonsten das Quietschen der Räder eines vorbeifahrenden Wagens. Von weiter weg, vom Ortsrand, drang leise das Gackern von Hühnern und das Muhen von Kühen herüber. Einfach nur ein nettes Farmerstädtchen.

Leises Stimmengewirr erfüllte die Straße, als allmählich immer mehr Leute ihren Geschäften nachgingen.

Ein Maultiergespann wurde mit viel Hü und Hott die Straße entlanggetrieben; ihr Besitzer ging hinter ihm her und führte es wohl zu einem Feld außerhalb der Stadt.

Die Maultiere weckten zwanzig Jahre alte Erinnerungen, an eine Zeit, als der Reverend noch ein junger Strolch gewesen war, nicht viel anders als David in Rhines Pferdestation. Ein Kind im Overall, das hinter seinem Vater, dem Kirchenmann, herlief, wenn dieser sein mächtiges Maultiergespann vor sich hertrieb, um schmale Furchen in die große weite Erde zu pflügen.

Der Reverend warf seine Satteltaschen aufs Bett. Er schlüpfte aus seinem Mantel, klopfte den Staub davon ab und hängte ihn über eine Stuhllehne. Dann setzte er sich auf den Bettrand, öffnete eine der Satteltaschen und nahm etwas heraus, das von einem Tuch umhüllt war.

Er wickelte die Whiskyflasche aus, zog mit den Zähnen den Korken heraus und warf ihn mit dem Tuch aufs Bett. Nun legte er sich aufs Bett, ließ seinen Kopf auf ein Kissen sinken und begann langsam, am Whisky zu nippen. Da sah er eine Spinne, die über ihm an der Decke quer durch den Raum krabbelte, an einem Faden entlang, der mit anderen Fäden in einer Zimmerecke verknüpft war, fest verschlungen wie das mühsam gewonnene Gespinst der mythischen Schicksalsfäden.

In seiner rechten Wange zuckte ein Muskel.

Die Flasche wanderte in seine linke Hand, und seine freie rechte – die gar nicht wusste, wie ihr geschah, so plötzlich kam der Befehl aus dem Gehirn – zog blitzschnell den Revolver und schoss auf die Spinne.

Fünf

Montclaire hämmerte gegen die Tür.

Putz rieselte von der Decke und landete auf Jebidiahs ausdruckslosem Gesicht.

Er erhob sich, ging zur Tür und steckte sich den Navy zurück in die Gürtelschärpe über seinem Hosenbund. »Alles in Ordnung, Reverend?«, fragte Montclaire.

Der Reverend lehnte sich gegen den Türrahmen. »Eine Spinne. Kreaturen Satans. Die kann ich nicht ausstehen.«

»Eine Spinne? Sie haben eine Spinne erschossen?«

Der Reverend nickte.

Montclaire trat näher, um einen Blick durch die Tür zu werfen. Die Sonne schien durch einen Spalt zwischen den Vorhängen, und im Licht ihrer Strahlen tanzten die Schwebeteilchen vom Deckenputz wie fein rieselnder Schnee. Er besah sich das Loch an der Decke. Rund um das Loch waren Beinchen zu erkennen. Die Kugel hatte den Spinnenkörper genau in der Mitte getroffen, und die Spinnenbeine hingen nun an der Decke, festgeklebt mit den Körpersäften des Tieres.

Bevor er seinen Kopf zurückzog, bemerkte Montclaire die Whiskyflasche neben dem Bett.

»Sieht so aus, als hätten Sie das Vieh erwischt.«

»Genau zwischen die Augen.«

»Hören Sie. Prediger oder nicht, ich kann es nicht dulden, dass jemand in meinem Hotel herumschießt. Ich führe hier ein nettes, anständiges Haus ...«

»Es ist ein Scheißhaus, und das wissen Sie genau. Eigentlich sollten Sie mir Geld dafür geben, dass ich hier übernachte.«

Montclaire machte den Mund auf, aber irgendetwas im Gesicht seines Gegenübers ließ ihn innehalten.

Der Reverend griff in seine Hosentasche und zog ein Bündel Dollarnoten heraus. »Da haben Sie einen Dollar für die Spinne. Und fünf für das Loch.«

»Nun, Sir, ich weiß nicht recht ...«

»Das ist ein ganz ansehnliches Kopfgeld für eine Spinne, Montclaire, und unter dem Loch liege nur ich, falls es regnet.«

»Da haben Sie recht. Aber ich führe hier ein respektables Haus, und mir steht natürlich eine Entschädigung zu für ...«

»Nehmen Sie das oder lassen Sie’s bleiben, Sie aufgeblasener Wicht.«

Entrüstet, aber auch wiederum nicht allzu sehr, hielt Montclaire die Hand auf. Der Reverend reichte ihm die versprochenen Geldscheine.

»Das wird wohl genügen, Reverend. Aber denken Sie daran, meine Gäste bezahlen für einen ruhigen, friedlichen Aufenthalt ...«

Der Reverend trat einen Schritt zurück ins Zimmer und griff nach der Türklinke. »Dann lassen Sie uns in Ruhe und Frieden.« Damit schlug er ihm die Tür vor der Nase zu.

Mit dem Geld in der Hand ging Montclaire nach unten, in Gedanken schon bei besseren Gelegenheiten, es auszugeben, als für ein Loch in der Decke von Zimmer 13.

Sechs

Die Spinne hatte er getötet, weil sie ein fester Bestandteil seines immer wiederkehrenden Albtraums war. Dieser peinigte ihn so sehr, dass er kaum mitansehen konnte, wie die Sonne am Himmel niedersank und im Zwielicht unterging, weil damit auch die Schlafenszeit immer näherrückte.

Es war ein Albtraum voller verzerrter Erinnerungen, die in den Tiefen seines Gehirns umherspukten wie Gespenster. Und am schlimmsten quälte ihn die Spinne. Das spinnenartige Ding. Als ob es irgendetwas verkörperte oder ihn vor etwas warnen sollte.

Schon ein ganzes Jahr lang wurde er von diesem dunklen, immer bedrückender werdenden Traum heimgesucht. Er schien ihn auf irgendetwas hinzuweisen, vorzubereiten – auf eine Bestimmung, auf ein Schicksal, das sich erfüllen musste.

Vielleicht handelte es sich aber auch bloß um die letzten Reste seines absterbenden Glaubens, die sich noch einmal zu einem handfesten Lügengebäude zusammenfügen wollten.

Jedenfalls hatte er tief im Innern das ungute Gefühl, dass tatsächlich ein Sinn oder eine Absicht dahintersteckte, ob ihm dieser Traum nun vom Himmel oder von der Hölle geschickt wurde, und dass er davon genau hierher geführt worden war, nach Mud Creek.

Aber warum? Gott hatte ihn gewiss längst verlassen. Wenn er hier zu seinem letzten Duell antreten musste, würde Gott ihm nicht mehr beistehen.

Solche Gedanken vermied er lieber. Er nippte an seinem Whisky.

Und schaute zur Decke hoch. »Warum, Herr, hast du mich verflucht?«

Nachdem eine Weile völlige Stille geherrscht hatte, verzog er den Mund zu einem grimmigen Grinsen und hob die Flasche hoch, als wolle er jemandem zuprosten.

»Hab ich’s doch gewusst, dass du genau das sagen würdest.«

Mit einem tiefen Schluck verleibte er sich noch mehr von der flüssigen Hölle ein.

Sieben

Mit dem Sonnenlicht schwand ganz allmählich auch der Flascheninhalt. Der Reverend betrank sich langsam und zielstrebig, um an jenes dunkle Ufer zu gelangen, wo er das schwarze Boot seiner Träume besteigen würde, das jedes Mal in Sicht kam, sobald er sich in den Schlaf zu trinken begann.

Schließlich war die Flasche leer.

Erschöpft setzte der Reverend sich im Bett auf, langte nach seinen Satteltaschen und darin nach seiner nächsten Münze für die Fähre. Er holte eine zweite Flasche heraus, entkorkte sie mit den Zähnen, spuckte den Korken aus und legte sich wieder hin. Drei weitere Schlucke, und sein Arm fiel kraftlos zur Seite, auf den Bettrand, wo ihm die Flasche aus der Hand glitt und stehend auf dem Fußboden landete. Ein paar Tröpfchen blubberten ihm noch aus dem Mund.

Die Vorhänge blähten sich in den offenen Fenstern wie blaue geschwollene Zungen.

Ein kühler feuchter Wind verhieß Regen. Donner grollte leise. Und der Reverend ergab sich seinen Albträumen.

Er bestieg ein Boot, einen Stechkahn. Der Fährmann trug Schwarz, mit einer Kapuze, die sein Gesicht verbarg – nur ganz kurz war ein Totenschädel mit leeren Augenhöhlen zu sehen. Der Fährmann nahm sechs Bits von ihm für die Überfahrt und stieß das Boot mit seinem Stab vom Ufer ab.

Der Fluss war so schwarz wie die Scheiße aus Satans Eingeweiden. Immer wieder hüpften weiße Gesichter mit toten Augen wie Korkschwimmer an die Oberfläche und versanken wieder in der Schwärze, ohne ein Kräuseln zu hinterlassen.

Flussaufwärts ging’s, ohne zu paddeln.

Der Fährmann stakte sie auf diesem seltsamen Styx die osttexanischen Gestade entlang, und am Ufer sah der Reverend Ereignisse aus seinem Leben wie ein Schauspiel vorüberziehen, das für die Fahrgäste einer Flusskreuzfahrt aufgeführt wurde.

Doch es waren keine schönen Szenen, nur das Schlimmste, was ihm widerfahren war – bis auf eine Begebenheit, die für ihn ein Segen und ein Fluch zugleich gewesen war.

Dort am Ufer, weithin sichtbar – obwohl es in einem dunklen Zimmer, im Bett seiner Schwester geschehen war – umarmten sich die Geschwister, heiß und verschwitzt, und trieben es wie die Tiere auf ihrer Farm. In seiner Erinnerung hatten sie eine süße, samtene Nacht miteinander verbracht, voller Liebe und Leidenschaft. Dort aber sah er pure Lust, schlichtes Begehren. Kein erfreulicher Anblick.

Die anschließende Szene wollte er sich ersparen, doch er konnte die Augen nicht davor verschließen. Das Boot glitt erst weiter, nachdem er sah, wie sein Vater das Zimmer betrat, sie ertappte und sie beide lauthals verfluchte. Sein jüngeres Selbst grapschte nach der Hose, sprang auf und davon (damals in der Wirklichkeit aus dem Fenster), rannte am Flussufer entlang, bis seine Gestalt immer dunkler wurde und wie splitterndes Rauchglas zerstob.

Weiter ging die Bootsfahrt.

Im letzten Jahr des Bürgerkriegs hatte er (ein Kind noch) für den Süden gekämpft und verloren, mit achtzehn zu viel schon vom Tod gesehen.

Vom Ufer her winkten ihm, in ihren blutbesudelten Yankee-Uniformen, traurig all die Männer zu, die er dahingemetzelt hatte. Das wirkte beinahe komisch, wäre der Anblick nicht so schmerzhaft gewesen.

Weitere Szenen: Sein Navy-Colt entlud sich, eine Trommel nach der anderen, zuerst als Perkussionsrevolver mit Kugeln und Zündhütchen, dann zum Hinterlader umgebaut. Eine Trommel nach der anderen, bis er in die Luft geworfene Münzen traf und Spielkarten längs entzweischießen konnte, auch wenn er ihnen den Rücken zukehrte und mit einem Spiegel in der anderen Hand über die Schulter hinweg zielte.

Die Männer, die er nach dem Krieg umgebracht hatte – Männer, die ihn provoziert hatten, und Männer, die aufgrund ihrer Sünden gegen Gott den Tod verdient hatten –, standen nun am Ufer nebeneinander und winkten ihm zu, stets mit einem (manchmal blutverschmierten) Lächeln.

(Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.)

Er konnte den Blick nicht abwenden. Sah die toten Männer mit der Dunkelheit verschmelzen.

Entlang des Flusses entfaltete sich sein Leben Szene um Szene. Eine einzige Scheiße.

Er wandte sich dem anderen Ufer zu, doch da bot sich genau das gleiche Schauspiel. Hüben wie drüben.

Sie glitten dahin.

Bis vor ihm, wie immer, der schlimmste Teil seines Traumes aus dem Wasser auftauchte.

Zappelnde Spinnenbeine durchbrachen die Wasseroberfläche – zu viele für eine echte Spinne, er zählte zehn. Und mit ihnen tauchte der wulstige Körper auf, ein riesiges spinnenartiges Ding mit übergroßen roten Augen, hinter denen eine furchterregend bösartige Intelligenz lauerte.

Die Spinne war so breit wie der Fluss. Ihre Beine berührten auf beiden Seiten das Ufer.

Der Fährmann ließ sich nicht beirren. Er stakte weiter in dieselbe Richtung.

Der Reverend wollte seine Waffe ziehen. Er griff ins Leere. Splitterfasernackt stand er da, mit verschrumpeltem Schwanz und voller Angst.

Er wollte seinen Mund zu einem Schrei auftun, konnte es aber nicht. Als wären seine Lippen von der Angst versiegelt.

Die Spinne ließ ihn erzittern, und das verstand er nicht. Größe hin oder her, rote Augen oder nicht. Er hatte es mit Männern aufgenommen, manchmal mit dreien gleichzeitig, und er hatte sie alle in die Hölle geschickt, und niemals hatte er auch nur einen winzigen Augenblick lang das kleinste bisschen Furcht empfunden. Erst jetzt, in diesen Träumen. (O Gott, lass es bloß Träume bleiben!)

Er bemerkte, dass er seinen Blick nicht von den Spinnenaugen abwenden konnte. Als wären sie zum Platzen gefüllt mit all seinen Schwächen und Sünden.

Weiter ging die Fahrt.

Das Spinnenwesen sperrte seinen schwarzen, von Borsten gesäumten Schlund auf, und das Boot glitt in sein Maul hinein. Als der Bug mit dem Fährmann in den schwarzen Eingeweiden des Biestes verschwand, verlor der Reverend die roten Pupillen aus den Augen, sah dafür nur noch Schwärze, und diese Schwärze umfing ihn und löschte das Licht hinter ihm aus, und er war eins mit der Hölle ...

Schweißgebadet erwachte er.

Ihm war kalt. Schlotternd setzte er sich im Bett auf.

Blitze erhellten die Nacht. Ihr Leuchten war selbst durch die dicken Vorhänge zu sehen, umso mehr, wenn der Wind die Vorhänge aufblähte und zur Seite wehte. Sie flatterten umher wie Gespenster, die jemand mit dem Schwanz an die Wand genagelt hatte. Regen wurde vom Wind hereingeblasen, bis aufs Bett und die Spitzen seiner Stiefel. Im Schein der Blitze schimmerten die Stiefel wie nasse Schlangenhaut.

Er rollte sich aus dem Bett, griff nach der Flasche und nahm einen tiefen Schluck Whisky. Was ihm nicht guttat. Keine Wärme breitete sich in seinem Rachen aus, kein sanftes Glühen in seinem Magen. Genauso hätte er lauwarmes Wasser trinken können.

Er ging zum Fenster, um es zu schließen, streckte aber stattdessen den Kopf hinaus, in den Regen und den Wind, als wolle er den Blitz einladen, vom Himmel herabzufahren und ihm den Schädel zu zerschmettern wie einen Kürbis.

Der Blitz tat ihm den Gefallen nicht.

Regenwasser schwemmte ihm die Haare ins Gesicht, vermischte sich mit seinem Schweiß und mit seinen Tränen, triefte von seinen nassen Haaren in sein Hemd, rann ihm ins Genick und über die Brust.

»Wird mir denn nie verziehen?«, fragte er leise. »Ich habe sie geliebt. Ehrlich und mit ganzem Herzen, wie nur sonst ein Mann eine Frau liebt. Wir waren nicht wie Hengst und Stute irgendwo auf der Weide. Schwester oder nicht, es war Liebe. Hörst du, du alter Schweinehund? Es war Liebe!«

Plötzlich lachte er über sich selbst. Das hörte sich ja nach Shakespeare an oder wie die schlechten Verse, die er von Captain Jack Crawford gelesen hatte.

Doch die gute Laune währte nicht lange.

Er hob sein Gesicht wieder zum Himmel empor und ließ den Regen auf seine Augen prasseln, bis es wehtat. »Um der Liebe Jesu willen, o Herr, vergib mir meine Fleischesschwäche. Stell mich auf die Probe. Lass mich dein Werkzug sein. Alles würde ich tun, um Deine Vergebung zu erlangen.«

Doch wieder erhielt er keine Antwort.

Er kehrte zurück zu Bett und Flasche. Der Regen wurde jetzt heftig ins Zimmer geblasen und durchweichte am Bettrand die Laken. Ihm war es gleich.

Er nippte weiter an seiner Flasche und dachte über sein Leben nach und wie er es geführt hatte. Nichts als eine einzige dreckige Lüge, so schien ihm.

Es gab keinen Gott. Seine Gebete waren bloße Worte, die er in den Wind sprach und die vom Winde verweht wurden wie Steppenläufer.

Er rutschte vom Bett und holte seine Bibel aus der Manteltasche. Ein ziemlich zerlesenes Exemplar. Allerdings hatte er die Liebe zu ihr längst verloren. Das Predigen war nur noch sein Brotberuf, sonst nichts. Er musste zugeben, dass dies schon längere Zeit so war.

Wieder im Bett, streckte er sich so aus, dass sein Rücken sich gegen das Brett am Kopfende lehnte, und hielt in der einen Hand die Flasche, in der anderen die Bibel. Er nahm einen Schluck.

»Lügen«, schrie er. Mit aller Kraft schmiss er die Bibel in Richtung Fenster. »Da, nimm das, du Bastard im Himmel!«

Schlecht gezielt. Das Buch flog nicht durch die Öffnung, sondern gegen die Scheibe ein Stück weiter oben, und noch bevor das Glas zerbarst, war ihm klar, dass er dem fetten Montclaire eine neue Scheibe zahlen würde.

Die Scheibe zersplitterte, und die Bibel flatterte in die Nacht hinaus wie ein Vogel mit vielen Flügeln. Aber noch während er zuschaute, wie sie im undurchdringlichen Dunkel verschwand, und die Flasche wieder ansetzte, kam sie zurückgeflattert wie eine heimkehrende Brieftaube. Sie traf die Flasche, zerschlug sie und verpasste ihm einen gehörigen Hieb ins Gesicht. Glasscherben schnitten ihm am Kinn die Haut auf, und Blut rann herab.

Er saß kerzengerade da.

Die Bibel lag in seinem Schoß. Aufgeschlagen.

Ein Blutstropfen fiel von seinem Kinn und landete am linken Seitenrand von Kapitel 22, Vers 12 der Offenbarung.

Er las.

SIEHE, ICH KOMME BALD, UND MIT MIR BRINGE ICH DEN LOHN, UND ICH WERDE JEDEM GEBEN, WAS SEINEM WERK ENTSPRICHT.

Ein zweiter Tropfen landete bei Vers 14.

SELIG, WER SEIN GEWAND WÄSCHT: ER HAT ANTEIL AM BAUM DES LEBENS, UND ER WIRD DURCH DIE TORE IN DIE STADT EINTRETEN KÖNNEN.

Langsam schlug der Reverend das Buch wieder zu. In seiner Kehle hatte sich ein Klumpen gebildet. Er und das Bett troffen vor Regenwasser und Whisky, und in der Luft hing ein schwacher Blutgeruch.

Er räusperte sich, faltete die Hände und fiel neben dem Bett auf die Knie.

»Dein Wille geschehe, o Herr, Dein Wille geschehe.«

Er kniete und betete eine ganze Stunde, zum ersten Mal seit langer Zeit und mit aller Inbrunst.

Später wusch er sich am Becken, schüttelte die Scherben von den Laken, zog sich aus und ging gereinigt zu Bett.

Vor dem Einschlafen fragte er sich noch, ob er die Prüfung wohl bestehen würde, die der Herr für ihn bereithielt, hier in Mud Creek. Egal. Er würde es versuchen, mit allem, was ihm zu Gebote stand.

Dann schlief er.

Und träumte nicht.

Acht

Als die Sonne fort war und stattdessen der Mond wie eine Goldmünze am Himmel stand – ein Mond, der beinahe unnatürlich hell auf Mud Creek und die umliegende Landschaft herabschien –, da setzten sich die Nachtgestalten in Bewegung.

Die Pferdestation entließ ihren Gast; das Vorhängeschloss schmolz wie Butter dahin und fiel herunter, landete jedoch heil auf dem Boden und kehrte hinterher fest und verschlossen wieder an seinen Platz zurück.

Knapp außerhalb der Ortschaft, bei den Furgesons, starb das einen Monat alte Mädchen. Am nächsten Morgen würde man dies, unter großem Wehklagen, natürlichen Ursachen zuschreiben.

Ein paar Haus- und Hoftiere verschwanden. Ein Hündchen allerdings fand man am nächsten Morgen mit aufgerissenem Bauch. Angesichts der Wunde verdächtigte man die Wölfe.

Natürlich hatte in der Nacht ein Wolf geheult. Ein besonders großer, so wie es sich angehört hatte.

Bald war es so weit.

Neun

Am nächsten Morgen säuberte der Reverend seinen Anzug, streifte ein frisches Hemd aus seiner Satteltasche über und polierte seine Stiefel mit Spucke.

Heute begann er den Tag nicht mit einem Schluck Whisky. Er hatte Lust auf eine Portion Eier mit Speck und eine Tasse Kaffee, also ging er zum Frühstück hinüber zu Molly McGuire.

Im Café ging es laut und geschäftig zu.

Die Bedienungen liefen zwischen Küche und Tischen hin und her wie Ameisen, die Futter heim ins Nest brachten, doch sie beförderten dampfende Kaffeetassen und Teller mit Pfannkuchen oder Speckeiern aus der Küche heraus.

Von der Tür sah der Reverend, wie ein alter Kauz nach dem Hintern einer Bedienung grapschte; während sie ihn weiter anlächelte, wehrte sie beiläufig seine Hand ab und servierte ihm seine Mahlzeit.

Neben einem Tisch an der Wand erspähte er den Sheriffsstern – an einem breitschultrigen und mittelgroßen Mann, der auf nachlässige Weise gut aussah. Diesen Mann musste er sprechen.

Beim Sheriff saß noch ein erheblich älterer Mann am Tisch, dessen Gesicht so wettergegerbt war wie ein Indianermokassin.

Der Nebentisch war frei, und so beschloss er, sich dorthin zu setzen, um eine günstige Gelegenheit abzuwarten, während die beiden sich lebhaft und wild gestikulierend unterhielten. Nachdem er Platz genommen hatte, belauschte er die beiden mit einem Ohr, ohne sich dessen bewusst zu sein. Eine Gewohnheit, die er vor langer Zeit angenommen hatte. Auf seiner Reise von Ort zu Ort versuchte er immer, um seine Predigt vorzubereiten, den Leuten aufs Maul zu schauen – mitzuhören, was sie so sagten. So konnte er manches Mal etwas in seine Predigt einflechten, was einer der Zuhörer dann als eine an ihn gerichtete Botschaft erkannte. Wenn er beispielsweise mitbekam, wie einer damit angab, mit der Frau eines anderen seinen Spaß gehabt zu haben, formulierte er seine Predigt so, dass dieser Mann meinen konnte, der Prediger habe sein Geheimnis direkt von Gott, dem Allwissenden, erfahren.

Das kam ihm oft gut zupass, wenn der Klingelbeutel herumging. Von ihrem schlechten Gewissen geplagt, spendeten die (zumindest im Augenblick) reuigen Sünder besonders eifrig, um sich bei Gott loszukaufen.

Nach den Ereignissen der vergangenen Nacht hatte der Reverend beschlossen, zur ursprünglichen Inspiration seiner Predigten zurückzukehren. Dem innigen Wunsch, die Heilsbotschaft zu verkünden. Er war nun wieder Gottes frommer Diener. Keine Gottesdienste mehr, nur um Geld für Whisky aufzutreiben.

Doch alte Gewohnheiten – wie die, andere Leute zu belauschen – halten sich hartnäckig.

»Tja«, sagte der Ältere zum Sheriff, »das heißt wohl, dass du nichts rausgefunden hast?«

»Rein gar nichts. Ich bin heute Morgen den Postkutschenweg langgeritten. Von den Fahrgästen war weit und breit nichts zu sehen. Vielleicht Indianer? Könnt ich mir jedenfalls vorstellen. Oder ein Raubüberfall.«

»Das sind Hirngespinste«, sagte der Ältere. »Matt, du weißt ganz genau, dass wir seit Jahren keinen Ärger mehr mit den Indianern haben. Abgesehen von diesem angeblichen Medizinmann und seiner Frau, und die sind wir ja losgeworden.«

»Ihr habt ihn aufgehängt. Ohne mich. Ich war nicht dabei.«

»Ja, Judas hat Jesus auch nicht ans Kreuz genagelt.« Der ältere Mann lächelte. »Lass diesen Ich-wasche-meine-Hände-in-Unschuld-Quatsch. Du hast ihn uns ausgeliefert. Das kommt aufs Selbe raus. Und du musst dich deshalb nicht schuldig fühlen. Das war bloß ein Indianer, und sein Weibsbild war mindestens ’ne halbe Negerin.«

»Er war unschuldig.«

»Wie heißt es so schön: Nur ’n toter Indianer is ’n guter Indianer. Und was mich angeht, gilt das auch für Nigger, Mexikaner und Mischlinge.«

Wie der Reverend bemerkte, verzog Matt vor Abscheu das Gesicht, sagte jedoch nichts dazu.

»Also gut«, fuhr der Ältere fort, »es waren keine Indianer, und es war verdammt noch mal auch kein Raubüberfall. Du hast doch gesagt, dass die Taschen nicht angerührt wurden?«

Matt nickte. »Ganz schön bescheuerte Räuber. Und auch so nett. Sie holen die Leute aus der Kutsche raus und bringen sie in ihr Versteck, und dann sind sie so freundlich und fahren die Kutsche her, stellen sie ab und ziehen die Bremse fest, und das mitten auf der Straße. Verdammt, die faulen Hunde hätten doch gleich noch die Pferde füttern können.«

Zwischen den beiden herrschte einen Moment lang Stille, und der Reverend ergriff die Gelegenheit. Er erhob sich von seinem Platz und ging an ihren Tisch hinüber.

»Entschuldigen Sie«, sagte er zum Sheriff, »ich würde Sie gern mal sprechen.«

»Sprechen Sie. Das ist Caleb Long. Hin und wieder einer meiner Deputys.«