STRATTON: DIE GEISEL - Duncan Falconer - E-Book
Beschreibung

"Als ehemaliges Mitglied des Special Boat Services sind Falconers Bücher vollgepackt mit authentischen Details … und er weiß genau, an welchen Stellen er die Spannungsschrauben anziehen muss." [Mail on Sunday] Inhalt: Während eines Undercover-Einsatzes zur Überwachung der Real IRA wird einer der im Einsatz befindlichen Agenten des Special Boat Service entführt. Alles deutet auf einen Maulwurf beim MI5 hin, der die Männer ans Messer geliefert hat. Wenig später wird jedoch auch bei dem Versuch, in Paris die Identität des Verräters zu lüften, ein Navy Seal der Amerikaner entführt. Der Britische Geheimdienst aktiviert daher den einzigen Mann, der die Agenten retten kann, bevor es zu spät ist: Stratton. Ein Mann, der für seine tödliche Präzision bekannt ist. Der Einsatz wird zu einem Wettlauf gegen die Uhr, denn die Entführungen sind nur Teil eines ausgeklügelten Plans, der nicht weniger als den größten Terroranschlag der IRA auf englischem Boden zum Ziel hat.

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Stratton: Die Geisel

Duncan Falconer

This Translation is published by arrangement with Duncan Falconer Title: THE HOSTAGE. All rights reserved. Copyright © Duncan Falconer 2010

Diese Geschichte ist frei erfunden. Sämtliche Namen, Charaktere, Firmen, Einrichtungen, Orte, Ereignisse und Begebenheiten sind entweder das Produkt der Fantasie des Autors oder wurden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, lebend oder tot, Ereignissen oder Schauplätzen ist rein zufällig.

Duncan Falconer war Mitglied der britischen Elitetruppe Special Boat Service und des 14 Intelligence Detachment, der streng geheimen Undercover-Aufklärungstruppe des SAS in Nordirland. Nach einer Dienstzeit von über zehn Jahren verließ er den SBS und arbeitet seitdem im Bereich Private Security. Sein erstes Buch, der Bestseller First Into Action, berichtet aus erster Hand über Einsätze und die alltägliche Arbeit des SBS.

Für Adele

Impressum

Deutsche Erstausgabe Originaltitel: THE HOSTAGE Copyright Gesamtausgabe © 2017 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Cover: Michael Schubert Übersetzung: Sebastian Gruner Lektorat: Johannes Laumann

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2017) lektoriert.

ISBN E-Book: 978-3-95835-282-7

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Inhaltsverzeichnis

Stratton: Die Geisel
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26

Kapitel 1

Spinks lag im dunklen Kofferraum eines Autos und aß ein Käsesandwich. Der beengte Raum aus Blech verstärkte seine Kau- und Schluckgeräusche. Er war ungepflegt, langhaarig, unrasiert und roch schlecht. Für einen kurzen Augenblick unterbrach er seine Mahlzeit, um in der Nase zu bohren, eine Angewohnheit, die ihm viel Freude bereitete und der er nicht nur in privaten Momenten wie diesem frönte. Den Popel rollte er zwischen den Fingern, bis er trocken genug war, um ihn wegzuschnippen. Dann nahm er noch einen Bissen vom Sandwich, kaute weiter bedächtig vor sich hin und blinzelte in die Dunkelheit.

Es war schon das zweite Mal, dass er einen Tag im Kofferraum eines Autos verbrachte, bisher zumindest war es jedoch nicht annähernd so denkwürdig wie das erste Mal. Das war vor vier Monaten gewesen, im Hochsommer, einer der schrecklichsten Tage im Leben des 29-jährigen. Spinks war nicht besonders groß, aber wer auch immer an jenem Tag den Wagen ausgesucht hatte, schien überhaupt keinen Gedanken an seine Größe verschwendet zu haben; alle hatten sich ausschließlich auf das Ziel des Auftrags konzentriert und kein bisschen an seinen Komfort gedacht. Zum Teil war das entschuldbar, schließlich hatten sie so etwas zum ersten Mal probiert und waren dabei recht unüberlegt vorgegangen. Spinks hatte keine Ahnung gehabt, worauf er sich da eingelassen hatte. Sobald der Kofferraum geschlossen und alles pechschwarz geworden war, hatte er einen klaustrophobischen Anfall bekommen. Erst als das Auto durch die Sicherheitsabsperrung rollte und an dem schlafenden Polizisten vorbei, der am Haupteingang des Camps saß, war ihm eingefallen, dass eine weiche Unterlage auf dem blanken Blechboden nicht verkehrt gewesen wäre.

Die etwa 20 Meilen lange Fahrt, die größtenteils über Landstraßen führte, war in dem dunklen, beengten Raum sehr unangenehm und er streckte sich aus wie ein Seestern, um nicht dauernd hin und her zu rollen. Nach einer Weile wurde ihm das allerdings zu anstrengend. Er malte sich die schrecklichen möglichen Folgen eines Unfalls aus, vor allem die eines Auffahrunfalls. Als die Fahrt endete, dachte er, das Schlimmste sei vorbei, aber das war nur der Anfang gewesen. Was Spinks beinahe getötet hätte, war für ihn genauso überraschend wie für alle anderen gewesen.

Er hatte das Haupttor des Crossmaglen Rangers' Gaelic Football Club an einem sonnigen Sonntagnachmittag filmen sollen, als sich das Team auf die Begegnung mit Dromintree vorbereitete. Crossmaglen war ein kleiner Ort, der fast komplett von der Grenze umgeben wurde. Die meisten Straßen führten direkt in die Republik und einige Mitglieder der IRA, die von Interesse waren und im Süden der Stadt lebten, wollten angeblich das Spiel besuchen. Es war ein sehr heißer Tag gewesen und die Sonnenstrahlen hatten langsam die Blechhülle des Autos aufgeheizt. Am frühen Nachmittag hatte es sich im Inneren wie in einem Backofen angefühlt. Spinks verglich es später mit einem ›Schwitzkasten‹ im Gefängnis, nur viel kleiner und ohne Luftzufuhr – und die Häftlinge mussten wenigstens keine aufreibende Fahrt über unebene Straßen ertragen, bevor sie gebraten wurden. Die Kombination aus Hitze und verbrauchter Luft hatte ihm derart zugesetzt, dass er fast ohnmächtig geworden wäre. Niemand ahnte, wie sehr er zu leiden gehabt hatte, bis endlich der Job erledigt, das Auto weggefahren und der Kofferraum geöffnet worden war. Spinks lag da, völlig ausgetrocknet und schwer atmend, aber er hatte trotzdem seinen Auftrag stoisch zu Ende gebracht. Und das war ihm hoch anzurechnen.

Diesmal war der Kofferraum viel größer, und er hatte die Schaumstofffüllung einer alten Matratze zurechtgeschnitten, um sich darauf zu legen. Mit etwas Anstrengung gelang es ihm, von einer Schulter auf die andere zu rollen, aber die Beine konnte er auch hier nicht ausstrecken. Entscheidender jedoch: Jetzt war Herbst. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, gegen die Kälte in einem Kühlschrank half eine warme Jacke, gegen die Hitze in einem Backofen war man jedoch machtlos.

Spinks übler Körpergeruch rührte vor allem daher, dass er sich selbst selten wusch, und seine Kleidung noch seltener. Er behauptete immer, seine mangelhafte Hygiene sei ein notwendiger Teil seines Jobs. Wenn man dazugehören will, sollte man alles geben, war seine Ausrede. Es stimmte zwar, einige der Typen, gegen die sie vorgingen, gehörten zu der Sorte Landbewohner, die persönliche Hygiene nicht gerade als Priorität betrachtete, aber Spinks war der Einzige, der ein solches Maß an Hingabe aufbrachte. Die Belohnung für seinen Übereifer, sich anzupassen, bestand in Aufgaben wie dieser. Für seine Kollegen war dabei vor allem wichtig, dass er allein arbeitete.

Ein dünner Lichtstrahl fiel durch das kleine Loch in der Abdeckung des Rücklichts, dessen Birne und Fassung entfernt worden waren. Er linste hindurch. Dann drückte er auf den Lichtknopf seiner Uhr. Schon seit sechs Stunden lag er hier. Der Fahrer hatte das Auto mitten in der Nacht abgestellt, damit er nicht gesehen wurde, wohl wissend, dass sich erst am späten Morgen etwas tun würde. Das war alles Teil der nötigen Sicherheitsvorkehrungen, aber Spinks fiel es schwer, wach zu bleiben, da er nichts anderes zu tun hatte, als in der Dunkelheit zu liegen und möglichst still und leise zu sein. Es gab zwar ein paar Möglichkeiten, sich selbst zu unterhalten, aber viele waren es nicht. Eines seiner Hobbys war Furzen – natürlich am besten leise Schleicher. Er hielt sie so lange wie möglich zurück, um Druck aufzubauen, und ließ sie dann so langsam entweichen, wie es ging, ohne Unterbrechung, um zu sehen, wie sehr er die Entlüftung seines Darms in die Länge ziehen konnte. Hinterher in seinem eigenen Gestank zu liegen, war ein besonderer Quell der Freude für ihn. Er vertrat sowieso die Ansicht, es sei ungesund, einen Furz zu unterdrücken, selbst in Gesellschaft, und gab freimütig zu, dass ihm der Geruch nicht unangenehm war. Seiner Meinung nach roch jeder seine eigenen Fürze gern, nur über die von anderen beschwere man sich.

Er stopfte sich den Rest des Sandwichs in den Mund und spähte durch das Loch. Kauend suchte er im Dunkeln nach seiner Wasserflasche. Sie schien nicht neben seiner Schulter zu sein, wo er sie abgelegt hatte. Er ertastete seine MPK5-Maschinenpistole mit dem kurzen Lauf, geladen und schussbereit. Daneben die Blendgranate, die er immer dabei hatte. Die Granate war nicht Teil der Standardausrüstung, aber nachdem er bei einer Demonstration des SAS gesehen hatte, wie man sie einsetzte, um ein Zimmer zu stürmen, hatte er eine gestohlen. Er hielt es für clever, stets eine griffbereit zu haben. Seine halbautomatische 9-Millimeter-Browning lag genau unter dem Lichtstrahl. So wusste er sofort, wo er hingreifen musste, falls es brenzlig werden sollte.

Er dehnte die Suche nach der Wasserflasche bis zu seinen Füßen aus und ertastete sie schließlich in einer Ecke des Kofferraums. Sie musste während der Fahrt dort hingerollt sein. In der Enge streckte er sich mühsam so weit wie möglich, wobei er sein Gesicht gegen den Kofferraumdeckel presste, bis er mit seinen Fingerspitzen endlich die Flasche greifen konnte. Er zog sie an die Brust und verschnaufte nach dieser Anstrengung kurz. Es störte ihn nicht im Geringsten, dass er übergewichtig und nicht in Form war. Wenn er nicht mit einem Auftrag beschäftigt war, blieb er in seinem Wohnwagen, der ein ziemliches Dreckloch war, und hörte Country-CDs oder schlief. Und wenn er dort nicht war, dann kochte er sich was in der Gemeinschaftsküche. Oder er kippte in der kleinen Bar, die sein Team sich in seinem geheimen Lager eingerichtet hatte, ein Glas Bier, das er gern mit Jenkins, dem alkoholsüchtigen Labrador seiner Truppe, teilte.

Bevor er die Flasche aufschraubte, überlegte er einige Sekunden, wie voll seine Blase schon war. Das letzte Mal gepinkelt hatte er vor über sechs Stunden, bevor er in den Kofferraum geklettert war. Es drückte etwas, ein Schluck Wasser könnte für seine Blase bereits zu viel sein. In die Hose zu machen war jedoch kein großes Problem für Spinks. Wäre nicht das erste Mal, dass er stundenlang im eigenen Urin gelegen hätte. Das Gefühl der warmen Pisse, die sich in seinem Schritt ausbreitete, fand er durchaus angenehm. Er nahm einen tiefen Schluck, tropfte sich voll, da er so ungünstig lag, und spülte kurz seinen Mund aus, um die Reste des Sandwichs zu beseitigen. Beim Herunterschlucken spähte er wieder durch das Loch nach draußen. Was er sah, führte beinahe dazu, dass er sich verschluckte. Er ließ die Flasche fallen. Wasser lief aus, während er nach dem kleinen Schalter fingerte, der Teil seiner Kommunikationsausrüstung war und am Kabel aus seinem Ärmel hing. Es gelang ihm gerade noch, ein Husten zu unterdrücken, als er in das Mikro flüsterte, das in seinen Kragen eingenäht war.

»Four Two Charlie …« Er räusperte sich einige Male. »Four Two Charlie, er kommt raus. Wiederhole: O'Farroll kommt raus.«

Spinks ließ das Auge am Loch, so konzentriert, dass er nicht mal zu blinzeln wagte. Von seiner Position aus konnte er genau die Vordertür der Kirche sehen und die Menschen, die herauskamen. Die Kirche, ein einzeln stehendes, gedrungenes, graues Bauwerk am Rand einer ruhigen Landstraße, war eine gute Meile von der nächsten Stadt entfernt. Alle Gebäude in diesem hügeligen und weitläufigen Teil des County Tyrone, ein paar Meilen westlich von Lough Neagh, waren grau – zumindest sahen sie so aus. Selbst die üppige Landschaft, die sie umgab, hatte einen grauen Farbton. Vielleicht lag es am dunklen Himmel. Zu dieser Jahreszeit regnete es viel.

Die Kirche sah nicht sehr groß aus, bestimmt passten nicht mehr als 50 Personen hinein, aber so viele tauchten heutzutage am Sonntagmorgen sowieso nicht auf. Zwei Männer kamen heraus, die halblange Mäntel über ihren Sonntagsanzügen trugen. Sie gingen an den schiefen, unleserlichen Grabsteinen vorbei durch eine Öffnung in der gedrungenen Steinmauer, die am Rande der Straße entlang verlief. Während die restlichen Gemeindemitglieder, größtenteils ältere Menschen, sich auf den Weg zu ihren Autos machten, die auf den grasbewachsenen Seitenstreifen standen, blieben die beiden stehen, um noch miteinander zu plaudern.

»O'Farroll und ein männlicher Unbekannter stehen draußen und unterhalten sich«, flüsterte Spinks.

Ein merkwürdiges Geräusch kam aus dem kabellosen winzigen Kopfhörer, der tief in seinem Ohr steckte. Es klang wie eine Stimme unter Wasser. Nach einer Sekunde wurden die Worte verständlich. Das abhörsichere Kommunikationssystem zerstückelte die Nachricht, verschickte sie dann gut verschlüsselt durch die Luft, um sie beim Empfänger wieder zusammenzusetzen. Es hieß, die leistungsfähigsten Computer würden einen Monat brauchen, um auch nur einen Satz zu rekonstruieren.

»Verstanden, One Three Kilo«, sagte eine weibliche Stimme als Antwort auf Spinks' Nachricht.

Spinks behielt die beiden Männer im Auge, ohne zu blinzeln.

Die weibliche Stimme gehörte Agatha, die lieber Aggy genannt wurde, obwohl sie eigentlich keinen der beiden Namen leiden konnte. Normalerweise ignorierte sie jeden, der sie Agatha nannte, außer natürlich, es war ein vorgesetzter Offizier. Keiner der beiden Namen war ihr echter. Kein Agent benutzte seinen echten Namen, für den Fall, dass sie gefangen genommen und gefoltert werden würden. Es kam ihr komisch vor, die Abkürzung eines falschen Namens zu benutzen. Bis zu dem Tag, als sie das versteckte Camp betrat, wo das Auswahlverfahren stattfand, hatte sie keine Ahnung gehabt, dass sie eine falsche Identität brauchen würde. Alles war so top secret gewesen. Erst während der Prozedur bei der Ankunft, als ihre Taschen samt Inhalt konfisziert wurden und sie sich für die Durchsuchung auszog, hatte man sie nach einem Decknamen gefragt. Den sollte sie von nun an benutzen, noch bevor sie irgendeinen der anderen Rekruten traf, deren Identitäten genauso geheim waren, und dann für den gesamten Rest ihrer Dienstzeit als Undercover-Agentin. Vorausgesetzt natürlich, sie würde den anstrengenden, vier Monate langen Auswahlprozess überstehen. Der ungeduldige Geheimdienstoffizier hatte ihr nur Sekunden gelassen, um einen Namen zu wählen. Sie hatte sich spontan für Agatha entschieden, so hieß ihre Lieblingstante. Kurze Zeit später stellte sie fest, dass ihr der Name nicht besonders gefiel, doch da war es schon zu spät. Er hatte es bereits notiert und war in den nächsten Raum gegangen, wo ein weiterer entkleideter Rekrut sich einer Identitätsfeststellung unterzog. Von diesem Moment an hieß sie Agatha oder Aggy.

Aggy war hübsch und Anfang 20. Ihr Gesicht, besonders ihre Augen, hatten etwas Katzenhaftes, aber alles andere, ihr Benehmen und ihre Kleidung, wirkte maskulin. Sie trug nie Kleider und lungerte meist in wenig damenhafter Weise an ihrem Schreibtisch: einen Fuß auf dem Tisch oder über die Armlehne gehängt. Die Hände hatte sie fast immer in den Hosentaschen und sie konnte kaum stillstehen, ohne sich irgendwo anzulehnen. Während des Auswahlprozesses hatte sie das Haar kurz getragen und den Spitznamen ›Kid‹ verpasst bekommen, weil sie wie ein hübscher Junge aussah. Nachdem sie zur Abteilung gestoßen war, hatte man sie hinter ihrem Rücken mit einem weit weniger netten Spitznamen bedacht, der ihre sexuelle Orientierung in Zweifel zog. In Anbetracht des Berufes, den sie gewählt hatte, und angesichts dessen, was sie durchmachen musste, um ausgewählt zu werden, und was von ihr alles erwartet wurde, erschien ihr burschikoses Wesen gleichermaßen Vorteil und Nachteil zu sein. Man erwartete von ihr, so tough zu sein wie ein Mann, in einem Job, der früher reine Männersache war, den sie aber als Frau ausfüllen sollte. Sie wurde genauso unterrichtet und denselben Tests unterzogen wie ihre männlichen Kollegen, sie wurde ebenso schroff und brutal behandelt. Schließlich erwartete man das auch von einem Agenten, der undercover arbeitet und einen Auswahlkurs durchläuft, dessen Härte legendär war. Dies alles ohne Rücksicht auf ihren schwächeren Körperbau. Und am Ende bat man sie dann, ihre weibliche Seite zu kultivieren, und schickte sie raus, um den gleichen Job zu erledigen, wie ihre männlichen Kollegen, aber dabei weiblich auszusehen und sich auch so zu verhalten. Ihr völliges Versagen auf dem Fachgebiet Weiblichkeit hätte möglicherweise mehr Kritik bei einigen Hardlinern unter den Agenten hervorgerufen, wenn sie nicht so ein hübsches Gesicht gehabt hätte. Frauen wurden für diesen Job rekrutiert, weil es einen spezifischen Bedarf an weiblichen Undercover-Agenten gab. Eine Agentin, die wie ein Mann aussah, machte keinen Sinn. Viele betrachteten das sogar als gefährlich.

Aggy saß in ihrem dunkelbraunen, viertürigen Audi. Sie trug weite Jeans und eine schwarze Skijacke und hatte ihre Turnschuhe zu beiden Seiten des Lenkrads auf dem Armaturenbrett platziert. Das Auto parkte auf einer Lichtung in einem kleinen Nadelwald, nur ein paar Meilen von der Straße entfernt, an der die Kirche stand. Neben ihr saß Ed, der mürrische, abgehalfterte Agent, der Spinks nachts abgesetzt hatte. Sie warteten, während Spinks das Treffen observierte. Er sollte ihnen Bescheid sagen, sobald er fertig und der Kirchplatz leer war, damit Ed ihn abholen konnte. Aggy würde die Straße entlangfahren und Ed außerhalb der Sichtweite von Personen oder Häusern absetzen, ein paar hundert Meter von der Kirche entfernt. Er sollte dann allein weiter zu Spinks' Auto gehen und es zum Hauptquartier zurückbringen.

Es war einer dieser typischen Aufträge, bei denen man ewig herumsaß, und Aggy war genervt, nicht so sehr über den Auftrag an sich, sondern wegen der Zusammenstellung der Teams – genauer gesagt, wegen Ed. Die Tarnung für männliche und weibliche Agenten, die in einem einsamen Auto warten mussten, war normalerweise romantischer Natur. Wenn jemand vorbeikäme, konnten sie sich küssen und herumschmusen, um keinen Verdacht zu erregen: Sex im Auto war ein weitverbreiteter Zeitvertreib in Nordirland. Keiner hätte als ihr Freund jedoch unpassender wirken können, als Ed. Bei genauerem Hinsehen hätte ihr kleines Schäferstündchen in der Wildnis sicher niemanden davon überzeugt, dass sie auch nur einen Hauch von Leidenschaft füreinander empfanden. Ed war hager, hatte jedoch einen Bierbauch. Er trug einen zerzausten Oberlippenbart und rauchte eine selbstgedrehte Woodbine nach der anderen. Eine Angewohnheit, der er seit seinem dreizehnten Lebensjahr frönte und die zweifellos dazu beigetragen hatte, dass sein Gesicht ziemlich vertrocknet und ausgezehrt wirkte. Er war 40, sah aber viel älter aus. Ed verabscheute jede Form körperlicher Ertüchtigung. Das letzte Mal gerannt war er bei seinem Auswahlverfahren vor 18 Jahren.

Und als wären die Unterschiede zwischen ihm und Aggy nicht schon groß genug gewesen, fand sie zudem, er sei einer der langweiligsten und nervigsten Nörgler, den sie je getroffen hatte. Von seinen 18 Jahren beim Militär war er sechs davon als Agent im Einsatz gewesen. In den restlichen zwölf Jahren hatte er Bürojobs für die ihm übergeordnete Aufklärungsabteilung erledigt. Ed war nur deshalb Sergeant geworden, weil er lange genug gedient hatte. Mit seinen relativ begrenzten Fähigkeiten hatte das nichts zu tun. Sein Aufstieg durch die Dienstränge war einzig der Undercover-Einheit geschuldet: Da er oft auf Achse war, wurde er »in Abwesenheit« beurteilt und wegen seiner »Spezialaufgaben« war seine Beförderung recht großzügig ausgefallen. Nur ein kleines Rädchen im Getriebe seiner Einheit, hatte er als Dinosaurier einen gewissen Nutzen. Er war der älteste Agent auf der Gehaltsliste und einer der wenigen, der einen feuchtfröhlichen Abend in einer verqualmten Arbeiterkneipe verbringen konnte, ohne aufzufallen. Zu Aggys Unglück hielt Ed sich für einen großen Gelehrten und Bewahrer der Weisheiten der Undercover-Arbeit. Die »Frischlinge«, wie er ihre Generation an Agenten nannte, ließ er nie vergessen, wie viele Dienstjahre er schon auf dem Buckel hatte.

Ed war von diesem speziellen Auftrag genauso genervt wie Aggy. Er war einer derjenigen, die sich am lautesten über weibliche Agenten beschwerten und es half nicht gerade, dass er während dieser speziellen Partnerschaft von den anderen Agenten »der Päderast« genannt wurde. Das trug zweifellos dazu bei, dass er nur sehr widerwillig mit ihr kuschelte, wenn es die Situation erforderte. Seitdem sie kurz nach vier Uhr morgens hier angekommen waren, hatten sie sich schon dreimal umarmen müssen. Ed war unrasiert, stank nach Zigaretten, sein Schnurrbart war feucht von dem Kaffee, den er immer wieder aus seiner Thermoskanne nippte, und er hielt sie, als hätte sie einen ansteckenden Ausschlag. Einmal mussten sie eine grausame Viertelstunde kuscheln, weil ein notgeiles Pärchen mit zwei Autos zu einem frühmorgendlichen Schäferstündchen aufgetaucht war.

»Die denken sicher, ich bin 'ne verdammte Schwuchtel«, stöhnte er, als er sie im Arm hielt. Diese Standard-Beschwerde äußerte er an diesem Tag noch häufiger. »Gab noch keine Frauen, als ich vor 18 Jahren mit dem Job angefangen hab«, sagte er in seinem dicken Yorkshire-Dialekt. »Wir ha'm einfach Perücken genommen, wenn's nötig war … Zumindest kenn ich keine Frau, die ihre verdammten Füße auf dem Armaturenbrett hat, wenn sie im Auto sitzt.«

Aggy verdrehte nur die Augen. Es war sinnlos, überhaupt zu versuchen, mit ihm zu streiten. Der Funkspruch von Spinks war daher ein willkommenes Zeichen, dass sich ihre Aufgabe dem Ende näherte und sie bald getrennte Wege gehen konnten.

»Bestätige, O'Farroll und eine unbekannte männliche Person«, flüsterte Spinks in seinen Kragen. O'Farroll war der Ältere der beiden Männer. Spinks drückte auf einen Knopf, der sich im Rücklicht verbarg. Der Verschluss einer Kamera, die in einen anderen Scheinwerfer eingebaut war, klickte leise und fing O'Farroll, der mit dem Unbekannten redete, in einer Weitwinkelaufnahme ein und der Film rollte zum nächsten Bild weiter. Der andere Mann war zweifellos niedriger im Rang als O'Farroll, der Quartermaster der Real IRA und nur dem Kriegsrat unterstellt war. Die Annahme erschien vernünftig, da alle Paten der RIRA bekannt waren und es unwahrscheinlich war, ein neuer und in der Rangfolge höher Stehender könnte einfach auf der Bildfläche erscheinen, ohne dass die militärische Aufklärung es herausfand.

Der Unbekannte lachte über eine Bemerkung von O'Farroll und tat dann etwas, wobei Spinks beinahe die Nerven durchgingen. Er sah direkt auf das Auto, in dem Spinks lag, und ihm kam es ein wenig zu lange vor. Jeder Undercover-Agent hatte eine gut ausgeprägte Paranoia, die er zu kontrollieren lernen musste. Die beiden Männer sahen entspannt und heiter aus, als würden sie nur ein wenig Zeit totschlagen, aber Spinks, der ein guter Beobachter war, merkte, dass eine gewisse Spannung zwischen den beiden herrschte.

Ein paar Minuten später tat es der Unbekannte erneut. Seine Augen wanderten von O'Farroll weg, um einen Blick direkt auf das Heck von Spinks' Wagen zu werfen. Spinks machte ein weiteres Foto und starrte den Unbekannten an, versuchte herauszufinden, was da vor seinen Augen ablief. Dann fuhr ein Wagen vor, hielt auf der Straße und versperrte Spinks die Sicht auf die beiden Männer. Er hielt etwa eine halbe Minute mit laufendem Motor, und als er wegfuhr, war O'Farroll ebenfalls weg und der Unbekannte stand allein an der Straße. Der Mann wartete einen Moment und steckte die Hände in die Manteltaschen. Bevor er sich zum Gehen umwandte, sah er noch einmal direkt zu Spinks, dann geriet er außer Sicht.

Unruhe machte sich in Spinks breit. Etwas in ihm ließ die Alarmglocken schellen. Seine Erfahrung in diesem tödlichen Spiel hatte ihn gelehrt, der Fantasie ein wenig Spielraum einzuräumen, aber es gab eine Grenze. Er versuchte, das nagende Gefühl der Sorge einzudämmen, schließlich konnte er nichts tun, ohne seine Tarnung auffliegen zu lassen. Da der Kofferraum abgeschlossen war, konnte er nur raus, indem er den Rücksitz nach vorn schob und ins Auto kletterte. Wenn er seiner Paranoia nachgab und da draußen nichts Kriminelles vor sich ging, dann würde er die Mission scheitern lassen. Waren seine Ängste berechtigt, dann wären auch seine Handlungen gerechtfertigt. Läge er falsch, würde der Boss der Abteilung das vielleicht verstehen, aber dann würden sie vermuten, Spinks habe keine Nerven mehr. Das war nichts Ungewöhnliches in seinem Job. Dann könnte er sich von der längeren Dienstzeit verabschieden, auf die er hoffte. Seine drei Jahre waren bald vorbei und er wollte noch mal drei Jahre verlängern. Verdammt, eigentlich wollte er nie damit aufhören. Er konnte nicht wieder ins reguläre Militär zurück, nicht jetzt, nicht nach seiner Zeit bei der Abteilung. Und der Gedanke an ein ziviles Leben war für ihn unerträglich.

Spinks kam aus der Air Force, dort war er normaler Soldat gewesen, Mädchen für alles. Es war damals schon schwer genug für ihn gewesen, jeden Tag Uniform zu tragen und sie auch noch sauber zu halten. Nach der Schule hatte er sich der Royal Air Force angeschlossen, weil er sich nicht vorstellen konnte, irgendetwas anderes zu machen – eine verlorene Seele ohne Ehrgeiz und Motivation. Er war nur deswegen zum Auswahlkurs für diese Einheit geschickt worden, weil sein Boss einen Rundbrief vom Verteidigungsministerium erhalten hatte, in dem um Freiwillige für »besondere Dienste« gebeten wurde und er das als prima Gelegenheit sah, den widerspenstigen Soldaten loszuwerden. Sechs Monate später hatte für Spinks ein neues Leben begonnen. Nach seiner Zeit als Undercover-Agent wieder in diese gewöhnliche Existenz zurückzukehren, wäre unmöglich. Wenn er gehen musste, dann als Zivilist, aber dann hätte das Leben keinen Zweck, keine Bedeutung mehr für ihn.

Sollte draußen wirklich etwas vorgehen und es gefährlich werden, würde er warten, bis er absolut sicher war, selbst wenn es dann möglicherweise keine Chance mehr gab, etwas daran zu ändern. Aber dieses Leben hatte er eben gewählt.

Spinks war kein Spitzenagent. Nicht dass es eine offizielle Rang- oder Bestenliste gegeben hätte. Aber es gab eine inoffizielle unter seinen Kollegen. Es kursierten viele Geschichten über Heldentaten, jedoch alle über Agenten, die schon Geschichte, manche davon sogar eine Legende geworden waren. Fast jeder Undercover-Agent träumte davon, dass es wenigstens ein tolles Erlebnis gäbe, welches ihn in diesen exklusiven Klub der Superhelden beförderte, aber die wenigsten kamen auch nur nahe dran. Man musste zur falschen Zeit am falschen Ort sein und dann auch noch mit einem irgendwie positiven Ergebnis die Sache überstehen, nicht nur einfach überleben. Der Heldenstatus, den Undercover-Agenten vom Rest des Fußvolks beim Militär zugeschrieben bekamen, weil sie einen solch geheimnisvollen und gefährlichen Job hatten, war für einige nicht genug. Unter den ganzen Helden der Superheld zu sein, war die schwindelnde und fast unerreichbare Höhe, zu der sich viele aufschwingen wollten. Die etwas direktere Route zum Ruhm führte natürlich über einen Kill. Aber ein Kill machte einen nicht automatisch berühmt, auch wenn es ein guter Anfang war. Wahrer Ruhm kam nur mit mehreren Kills. Und Glückstreffer zählten dabei nicht. Die konnten sogar dazu führen, dass man sich über einen Agenten lustig machte.

Aber Spinks teilte diese Träume nicht, zumindest nicht auf diese Weise. Er kannte seine Grenzen. Nicht mal annähernd konnte er sich vorstellen, mit jemandem wie zum Beispiel Stratton mitzuhalten, der schon mehrere Kills vorzuweisen hatte; vier offizielle, seit er hier angekommen war, aber jeder wusste noch über mindestens zwei weitere Bescheid. Und dann waren da die angeblich unzähligen Kills aus Strattons »vorheriger Militärkarriere«. Man munkelte von Dutzenden, aber niemand in der Einheit würde jemals die genaue Zahl erfahren, zumindest nicht von Stratton. Spinks träumte vom Ruhm. Das Erstaunliche daran … er hatte sogar einen Plan, wie er ihn erlangen konnte. Nachdem er sich für einige der weniger beliebten Aufgaben freiwillig gemeldet und sie zufriedenstellend und ohne Klage ausgeführt hatte, stellte er fest, dass bei Einsatzbesprechungen sein Name fiel und die Teamleiter ihn für bestimmte Aufgaben einsetzten, die niemand wirklich haben wollte. Er war derjenige, an den man sich für die eher unangenehmen Beschattungen wendete. Er hatte seine Nische gefunden, hatte sich selbst einen einzigartigen und positiven Ruf erworben. Und das war mehr, als die meisten von sich sagen konnten. Undercover-Agenten kamen und gingen, nur wenige blieben in Erinnerung, und noch weniger waren auch bei den kommenden Generationen Gesprächsthema. Wenn ein Agent buchstäblich bis zum Hals in der Scheiße stecken musste, um einen Auftrag durchzuführen, war Spinks der richtige Mann.

Plötzlich fiel ihm ein – er hatte Ed gar nicht das Okay gegeben, damit dieser ihn abholte. Er verfluchte sich selbst für seine Dummheit, tastete nach dem Knopf für das Funkgerät und flüsterte in seinen Kragen.

»One Three Kilo, hier ist Four Two Charlie. O'Farroll hat sich mit einem Fahrzeug in Richtung Süden entfernt. Klar für Pick-up«, wisperte er.

Aggy drückte den versteckten Rufknopf, der unter dem Sitz am Rahmen des Wagens befestigt war. »One Three Kilo, verstanden. Unterwegs zu deiner Position.«

»Four Two Charlie«, bestätigte Spinks, ließ den Knopf los und versuchte, sich zu entspannen. Ed würde vermutlich etwa sieben Minuten brauchen. Dann war ihm, als hätte er etwas gespürt. Als hätte jemand sanft über die Seite des Autos gestrichen. Er versuchte, seine Sinne auf die Außenseite des Wagens zu konzentrieren. Da war es wieder, eine leichte Berührung der Karosserie. Spinks atmete kaum, erstarrt wie ein Kaninchen, vor dessen Bau eine Schlange lauert, die durch den Eingang späht.

Aggy ließ den Wagen an, als Ed zu ihrer Überraschung die Tür öffnete und ausstieg. »Muss mal pinkeln«, verkündete er, während er den restlichen Kaffee trank und die Tasse umdrehte, um die letzten Tropfen herauszuschütteln.

»Jetzt?«, fragte sie, leicht erbost über sein Timing.

»Lieber jetzt mal kurz einen Strahl in die Ecke stellen, bevor wir den alten Spinksy abholen. Ist 'ne lange Fahrt bis zum Camp«, sagte er und schlenderte zu den Büschen, während er seinen Hosenstall öffnete.

»Mist«, murmelte sie und ließ den Motor laufen. Eigentlich herrschte keine Eile. Es war eine relativ kleine, entspannte Operation, ein typischer Sonntagmorgen-Auftrag. Spinks konnte noch ein paar Minuten warten. Sie war nur deswegen sauer auf Ed, weil sie ihn schlicht nicht leiden konnte. Sie wollte ihn endlich loswerden. Sonst hatte sie heute nichts weiter vor. Ein bisschen Wäsche waschen, ihr winziges Zimmer aufräumen, das kaum groß genug für Bett, Schreibtisch und Schrank war. Dann vielleicht etwas Aerobic, auch wenn sie jetzt noch nicht in Stimmung war. Sie konnte nachsehen, ob es ein paar neue Videos gab, wenn nicht gerade jemand anderes das Fernsehzimmer belegte. Dann fiel es ihr wieder ein. Es war Sonntag. Die Jungs würden wieder den ganzen Nachmittag ihren verdammten Fußball anschauen. Einen Brief an ihre Mutter zu schreiben, schob sie auch schon lange vor sich her. Nicht dass sie Probleme mit ihrer Mutter gehabt hätte, es waren mehr die Briefe an sich. Sie steckten voller Lügen und es wurde immer schwieriger, sie zu verfassen. Sie musste schon angestrengt überlegen, um sich noch was Neues einfallen zu lassen. Aggys Mutter dachte, sie sei in Deutschland mit einem Panzerregiment, aber Aggy war noch nie in Deutschland gewesen. Sie konnte ihrer Mutter nicht sagen, was sie wirklich machte, solange sie diesen Job hatte. Ihre Mutter würde vor Sorge verrückt werden.

Erneut blickte sie zu Ed, der sich ganz schön Zeit ließ. »Mach schneller, du Idiot«, murmelte sie.

Jetzt konnte Spinks definitiv ein metallisches Kratzen an der Seite des Autos ausmachen. Ein plötzliches Scheppern ließ ihn zusammenzucken. Sein Atem wurde flach und schnell, Adrenalin strömte durch seine Adern. Er griff nach seiner Waffe und schluckte. Sein Mund stand offen, um das Gehör zu schärfen, er analysierte jedes Geräusch, während sein Daumen auf dem Sicherheitsbügel zu liegen kam.

Endlich hatte Ed fertig gepinkelt. Er zog den Reißverschluss hoch, wobei er leicht in die Knie ging, und lief zurück zum Auto. »Ich hoffe mal, Spinksy denkt nicht, ich halte an und lass ihn aus dem Kofferraum und vorn sitzen. Der kann bleiben, wo er is', der alte Stinker.«

Als Ed einstieg, trat Aggy aufs Gas. Er wurde in den Sitz gedrückt und seine Thermoskanne rutschte vom Armaturenbrett auf seinen Schoß.

»Immer mit der Ruhe«, beschwerte er sich. »Wozu die Eile?«

Wie, um sich zu revanchieren, kramte er eine Tabakdose hervor, nahm eine Selbstgedrehte raus, zündete sie an und paffte, ohne zu inhalieren, bis das ganze Auto voller Rauch war. Sie kurbelte das Fenster runter, biss sich auf die Lippe und zählte die Minuten, die sie noch mit ihm verbringen musste.

»Es ist taktisch unklug, mit offenem Fenster zu fahren«, meinte er trocken.

Womit hab ich das verdient?, fragte sie sich.

Spinks hörte ein anderes, lauteres Scheppern. Das Auto bewegte sich ganz offensichtlich. Dann ging eine der Türen auf. Der Wagen neigte sich ein wenig zur Seite, als sei jemand eingestiegen. Die Tür auf der anderen Seite öffnete sich und das Auto kippte etwas in die andere Richtung. Er wusste, es war nicht Ed. Ed wäre nie eingestiegen oder hätte sich auch nur dem Wagen genähert, ohne ihn über Funk vorzuwarnen. Spinks versuchte, genau einzuschätzen, was vor sich ging und was er tun konnte. Seine Finger ertasteten den Funkknopf, der aus seinem Ärmel ragte. Er merkte, dass seine Hände zitterten. Er drückte den Knopf und wollte etwas sagen, hielt dann aber inne. Wer auch immer im Auto war, könnte ihn hören. Er betete, dass es nur ein paar Diebe waren, die etwas daraus stehlen wollten. Die würden einen Schock bekommen, wenn sie den Kofferraum aufmachten. Selbst wenn dadurch die Mission gescheitert wäre, würde er sie verhaften. Das war ja nicht seine Schuld. Die Bosse würden es verstehen. Er hielt den Knopf in der einen, die Pistole in der anderen Hand, und machte sich bereit, gegen den Sitz zu treten.

Plötzlich sprang der Motor an, zwei Türen wurden zugeschlagen, und als das Auto vorwärts schoss, schleuderte es Spinks im Kofferraum nach hinten. Offenbar fuhr man eine Weile über das Gras neben der Straße, denn es holperte furchtbar und Spinks hinten rüttelte es durch, als würde er in einem Fass einen Wasserfall hinabstürzen. Die Gänge wurden schnell hochgeschaltet, der Wagen beschleunigte, kehrte auf die Straße zurück, schlingerte und beschleunigte weiter. Spinks verlor bei dem Gerüttel den Knopf des Funkgeräts und seine Pistole. Er tastete danach, und gerade, als er die Hand darauf gelegt hatte, ging das Auto scharf in die Kurve, holperte über den Randstreifen und er knallte gegen die Heckklappe. Falls die Heckklappe aufging, würde er mit Sicherheit herausgeschleudert werden. Er gab die Suche nach der Waffe auf und fand den Knopf für das Funkgerät, indem er dem Kabel folgte, das aus seinem Ärmel kam.

»Four Two Charlie …«, mehr konnte er nicht sagen, bevor er wieder flach gegen den Kofferraumdeckel gedrückt wurde, als der Wagen eine weitere Bodenwelle erwischte. »Four Two Charlie, bin in Bewegung! Das Auto wurde geklaut! Wiederhole: Bin in Bewegung und das verfluchte Auto wurde gestooooohlen!«

Ed und Aggy waren einen Moment sprachlos, als sie die Übertragung hörten. Beide griffen nach dem Sendeknopf, wurden aber gestoppt, als eine Stimme erklang, bevor sie etwas erwidern konnten. Es war der Wachhabende am Funkgerät, der in der Zentrale in 35 Meilen Entfernung Dienst hatte.

»Four Two Charlie, hier Zero Alpha. Bestätigen, dass der Wagen in Bewegung ist.«

»Ich bewege mich, verdammt«, brachte Spinks zwischen mehreren heftigen Stößen heraus. »Wir fahren wie die verfluchte Feuerwehr!«

»Zero Alpha, verstanden«, sagte der Funker und fuhr fort, als würde er ein Bowling-Spiel kommentieren: »One Three Kilo, hier Zero Alpha.«

Aggy griff nach dem Sendeknopf, aber Ed schob ihre Hand weg und drückte ihn selbst. »One Three Kilo hier. Sind immer noch unterwegs zu Four Two Charlies letzter Position. Ich fahre nicht.« Dass Ed in langsamer, umständlicher Weise sprach, ruhig zu bleiben versuchte und in solch einem Moment nur das Offensichtliche schilderte, fügte Aggy seiner Liste unangenehmer Angewohnheiten hinzu.

»Da ist es!«, schrie sie plötzlich, als sie sah, dass Eds Auto ihnen auf der Gegenfahrbahn entgegenkam. Als es an ihnen vorbeiraste, konnten sie nur eine Person vorn und möglicherweise eine auf dem Rücksitz sehen.

Aggy drückte den Sendeknopf. »One Three Kilo, Four Two Charlie ist gerade von Rot vier in Richtung Blau sieben mit knapp 130 an uns vorbeigerast. Vermutlich zwei Personen im Fahrzeug. Nehmen Verfolgung auf.«

Sie trat auf die Bremse und verlangsamte den Wagen gerade genug, um einen halben U-Turn zu machen, was recht unsauber ablief. Das Hinterrad auf der Fahrerseite drehte im Schlamm auf dem Randstreifen durch, als sie einen Gang runterschaltete und das Gas durchtrat. Der Motor heulte auf. Das Auto kroch vorwärts, bekam endlich wieder Haftung und raste mit quietschenden Reifen die Straße entlang. Ed hielt sich während des Manövers fest, eine Hand an der Unterseite seines Sitzes und die andere gegen das Armaturenbrett ausgestreckt. Seine selbstgedrehte Zigarette fiel ihm aus dem Mund, als er den Fuß fest auf den Boden presste, um ein Bremspedal zu treten, das nicht da war.

Spinks streckte Arme und Beine aus, um zu verhindern, dass er hin und her geworfen wurde, aber die heftigeren Stöße schleuderten ihn trotzdem herum. Das MPK5 traf ihn hart am Kopf, als es sich seinen Weg durch den Kofferraum bahnte. Er versuchte erneut, seine Pistole zu erwischen, aber es war, als wolle man einen springenden Fisch mit Händen fangen. Dann hörte Spinks ein reißendes Geräusch und wurde von plötzlicher Helligkeit geblendet, als der Rücksitz nach vorn gerissen wurde. Ein kräftiger Arm griff nach ihm, erwischte ihn an den Haaren und zerrte ihn brutal halb ins Auto bei voller Geschwindigkeit.

»Mal raus da, du kleiner Pink«, sagte der Mann mit irischem Akzent. Er packte Spinks Kehle mit einer Hand und legte sein ganzes Gewicht darauf. Spinks Gesicht schwoll an, während er würgte. Seine Augen füllten sich mit Tränen und er konnte nur noch unscharf sehen, während der Mann sein Gewicht auf ihm hielt, solange er ihn durchsuchte. Er fand das kleine, flache Funkgerät in einem Holster in Spinks' Jacke und riss es mitsamt den Kabeln heraus. Dann steckte er einen kräftigen Finger in Spinks' Ohr, bohrte darin und zog den winzigen kabellosen Ohrhörer heraus. Offenbar wusste der Mann ganz genau, wonach er suchen musste und wo er es finden würde. Er riss Spinks' Hemd auf und sah unter seine Achseln, dann suchte er seinen Körper ab und riss ihm den Gürtel aus der Hose, als würde er einen Außenbordmotor anwerfen, und warf ihn zur Seite. Als er ihm die Hose bis zu den Knien runterzerrte, machte er dabei den Reißverschluss kaputt.

»Wo ist es?«, schrie der Mann, als er kurz Spinks nackte Beine inspizierte. Er drehte Spinks brutal auf den Bauch, zog sein Hemd hoch, schob die Hand darunter und betastete seine Schultern. Spinks Unterhose wurde so weit runtergeschoben, dass sein Arsch frei lag, dann wurden seine Hüften betastet. »Wo ist es, Pink?«, wiederholte er drohend. Er hob Spinks' Füße einen nach dem anderen an, riss seine Schuhe und Socken herunter und untersuchte kurz jeden Schuh, bevor er sie zur Seite warf.

Dann riss er Spinks wieder herum, warf ihn auf den Rücken, packte ihn an der Kehle und drückte zu. »Du weißt, wonach ich suche, Pink, oder? Wo ist es?«

Spinks griff nach dem Handgelenk des Mannes und versuchte, den Druck auf seine Kehle zu reduzieren. Er schüttelte den Kopf. Der Mann knallte ihm den Lauf einer Pistole so hart gegen die Wange, dass ein Backenzahn abbrach. »Wo ist es?«, wiederholte er. Dann, als hätte er da vergessen nachzusehen, hob er Spinks' Unterhose mit dem Lauf seiner Waffe an und entblößte dessen Penis und Eier.

»Wenn ich's verdammt noch mal finde, dann schieß ich dir den verfickten Schwanz ab«, sagte der Mann, als er die Waffe Spinks wieder vor die Nase hielt. »Kapiert, Junge?«

Spinks blinzelte angestrengt, als er wieder klar sehen konnte. Es war der Unbekannte, der vor der Kirche mit O'Farroll gestanden hatte.

Kapitel 2

Im Einsatzraum hatte Graham, der Funker, den höchsten Gang eingelegt. Er war klein, überdreht, perfektionistisch und verfügte über einen rasiermesserscharfen Verstand. Diese Generation von Funkern musste überdurchschnittliche Intelligenz besitzen, nicht nur, um die neuesten komplexen Kommunikationssysteme zu bedienen, welche die Einheit einsetzte, sondern auch, um sie ohne Vorbereitung in weniger als 24 Stunden in einem getarnten Wagen zusammen mit anderen Gerätschaften wie Trackern anzubringen und zu verkabeln. Und vor allem mussten sie unter Druck ruhig bleiben. In einer Krise konnte ein fähiger Funker für ein Team vor Ort den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten. Graham streckte den Arm nach einer Reihe von Funkknöpfen aus und drückte einen davon.

»Boss!«, rief er.

Während er auf eine Antwort wartete, sprach er in ein kleines Handset, das ein spiralförmiges Kabel hatte, lang genug, um sich im ganzen Raum zu bewegen. »Four Two Charlie, hier Zero Alpha?«

Die großen Lautsprecher an der Wand blieben stumm. Über das Intercom kam ebenfalls keine Antwort. Er drückte einen anderen Knopf, »Boss?« Dann wieder in das Handset: »Four Two Charlie, Zero Alpha?«

Die Wandlautsprecher blieben weiter stumm, aber aus dem kleinen Intercom klang eine Stimme mit britischem Akzent. »Boss hier.«

»Wir haben einen möglichen Kuttuc.«

Vom Boss kam keine Antwort, und Graham hatte auch nicht mit einer gerechnet oder darauf gewartet. Der Boss würde im vollen Sprint zum Einsatzraum unterwegs sein. Kuttuc war der Codename für den Fall, den alle in einem Undercover-Einsatzraum in Nordirland am meisten fürchteten. Das hieß, ein Agent war im Einsatz entführt worden. Jede Operation, an welcher der Agent beteiligt war, musste abgeblasen werden. Außerdem war davon auszugehen, dass alles, was die Person über die Einheit wusste und wie sie operierte, kompromittiert war. Darauf würde das politische Chaos folgen. Aber erst später. Für den Agenten waren die Auswirkungen viel unmittelbarer und schrecklicher.

Graham griff nach dem Telefon und klemmte den Hörer mit dem Kinn ein, während er eine Nummer wählte. Gleichzeitig wiederholte er in das Handset: »Four Two Charlie, Zero Alpha?« Das Telefon an seinem Ohr tutete. Über den Lautsprecher kam keine Antwort. Am anderen Ende nahm jemand ab und eine verschlafene Stimme meldete sich.

»Hier Camelot. Wir haben einen Op Kuttuc. Verstehen Sie, wovon ich spreche?«

Der Armeeangestellte im Army-Air-Corps-Hauptquartier eine halbe Meile entfernt hatte keinen Schimmer, wovon Graham sprach, aber er bemerkte die Dringlichkeit in seiner Stimme. »Ich glaube nicht«, sagte er und hängte sicherheitshalber noch ein »Sir« an.

Graham war kurz davor, sich in einen Atompilz zu verwandeln. »Dann gehen Sie und holen jemanden, der das weiß, vorzugsweise Ihren Boss. Jede Sekunde, die Sie dafür brauchen, ist eine Sekunde weniger im Leben eines Mannes – wenn der stirbt, komme ich persönlich runter und reiße Ihnen die Kehle raus!«

Graham hörte, wie der Hörer auf dem Schreibtisch aufschlug und die Schritte des Soldaten zum Büro hinaus eilten. Selbstverständlich würde Graham all das nicht wirklich tun. Er war nur ein junger Unteroffizier, ein Corporal, aber wenn es darauf ankam, hatte er gelernt, am anderen Ende der Leitung so zu klingen, als hätte er was zu sagen. Die Jahre als Funker, besonders in dieser geheimnisumwitterten Einheit, hatten ihn gelehrt, welche Macht eine anonyme Stimme haben konnte, die in einen Telefonhörer schrie. Graham hatte das schon öfter gemacht. Wenn die Person am anderen Ende jemals von ihm verlangt hätte, sich zu identifizieren, würde er einfach seinen Boss nachmachen – das konnte er ziemlich gut – oder auflegen. Es war fast unmöglich, einen Anruf zu dieser Einheit zurückzuverfolgen.

An der Tür zum Einsatzraum ging ein Summer los und hörte nicht auf, weil derjenige auf der anderen Seite weiter den Daumen darauf presste. Graham drückte einen Knopf auf dem Schreibtisch, der die Tür elektrisch entriegelte. Mike, der Boss, stürmte kauend herein, er hatte den Weg von der Küche auf die andere Seite des Grundstücks in Rekordzeit zurückgelegt.

»Reden Sie mit mir«, bellte er, als er zu einer großen Mappe auf einem niedrigen Tisch vor der Wand ging. Unter einer Glasplatte zeigte die Karte alle relevanten Daten der Agenten, Fahrzeuge und Standorte an, die in der Provinz für die Einheit wichtig waren. Er studierte die beweglichen Markierungen und Wachsnotizen auf dem Glas mit den Details der einzigen Agenten, die momentan vor Ort waren. Er war jung, hatte ein unverbrauchtes Gesicht und sein Spitzname, wenn er nicht im Raum war, lautete »Klassensprecher«, denn dem Aussehen nach hätte er auch als Zehntklässler durchgehen können. Allerdings hörten da die Ähnlichkeiten auf – und jeder, der das nicht erkannte, konnte leicht Schwierigkeiten bekommen.

»Spinks' Auto wurde geklaut, mit ihm im Kofferraum. One Three Kilo haben die Verfolgung aufgenommen. Sie glauben, es sind zwei. Ich hab seit drei Minuten keinen Kontakt mehr zu Spinks«, informierte Graham, während er ihm das Telefon reichte. Er ging zur Tür und fügte hinzu: »Der Pilot des Hubschraubers in Einsatzbereitschaft sollte jeden Moment am anderen Ende dieser Leitung sein. Versuchen Sie weiter, Spinks zu erreichen – ich meine Four Two Charlie.«

»Wo ist Stratton?«, rief Mike, als Graham den Raum verließ, ohne ihn zu hören. Mike drückte auf einen Rufknopf. »Steve?«

Ein paar Sekunden später kam die Antwort: »Boss?«

»Ich brauche Sie sofort hier drin.«

»Bin unterwegs«, sagte Steve.

»Bringen Sie den Rest Ihrer Zelle mit.«

»Roger«, sagte Steve.

Mike betätigte einen weiteren Knopf des Intercom. »Jack?«

»Jo.« Jacks Stimme hörte sich an, als sei er am anderen Ende des Raumes.

»Bringen Sie jeden verfügbaren Mann vor Ort in Richtung Schwarz sieben. Wir haben einen Kuttuc.«

»Sofort«, erwiderte Jack und schien diesmal viel näher an seinem Intercom zu sein.

Mike ließ den Knopf los und dachte darüber nach, ob es noch etwas Wichtigeres zu tun gab als den gefürchteten Anruf, den er machen musste. Ihm fiel nichts ein. Dann stellte er fest, dass eine leise Stimme zu hören war. Sie kam aus dem Telefon in seiner Hand. Er drückte den Hörer ans Ohr.

»Ja, hier ist Camelot. Ich brauche den Hubschrauber, und zwar sofort, am besten vor fünf Minuten. Wir haben einen Op Kuttuc … ja, genau. Einer unserer Männer wurde gekidnappt.«

Er drückte auf die Telefongabel und ließ wieder los, um ein Freizeichen zu erhalten, dann atmete er tief durch und tippte eine Nummer ein, von der er hoffte, es würde niemand abnehmen. Mike war ein Captain bei den Husaren, seiner übergeordneten Einheit, und hatte sich schon seine ganze Karriere mit Kommentaren über sein Babyface rumärgern müssen. Sein Aussehen hatte sich vielleicht nicht groß verändert, seitdem er die Uni verlassen hatte, aber er war in den letzten drei Jahren in diesem Job ein gutes Stück reifer geworden. Wenn nichts besonderes los war, wirkte er introvertiert und zurückgezogen. Keine dieser Charakteristiken war auch nur ansatzweise sichtbar, wenn es ernst wurde. Er verfügte über die Arroganz, die man von jemandem erwartete, der Captain der Husaren war, und er konnte sich mit jedem anlegen, sogar mit Vorgesetzten, wenn sein Blut in Wallung geriet. Zwei Dinge brachten garantiert den Teufel in ihm zum Vorschein: Inkompetenz und jeder, der versuchte, sich mit seiner Einheit anzulegen, ob Feind oder nicht. Er hatte vorher noch nie einen Kuttuc gehabt. Tatsächlich hatte es nur ein Kidnapping eines Angehörigen der Special Forces gegeben seit Nairac, einem SAS-Verbindungsoffizier, der in den 1970er-Jahren entführt, verprügelt und getötet worden war. Der einzige Agent der Abteilung, der je entführt worden war, einige Jahre bevor Mike zur Einheit stieß, stammte aus der Undercover-Abteilung der nördlichen Provinz. Er wurde durch reines Glück rechtzeitig gerettet, kurz nachdem er von den Provos, Angehörigen der Provisional IRA, geschnappt worden war. Die Lektion aus beiden Kidnappings lautete: Jede verstrichene Sekunde schmälerte die Chancen, dass Spinks gerettet wurde.

»Lisburn Einsatzzentrale hier«, murmelte die Stimme mit gepflegtem britischem Akzent am anderen Ende der Leitung.

»Hier ist Mike von der südlichen Einheit, Sir. Ich muss sofort mit dem Chief sprechen.«

»Hört sich dringend an, alter Junge«, sagte der Offizier.

»Es ist sehr dringend«, sagte Mike und verlieh seiner Stimme den Nachdruck, den sie vorher nicht gehabt hatte.

»Eine Sekunde«, sagte der Offizier, dem klar wurde, dass es sehr eilig war.

Mike hielt das Telefon weiter ans Ohr, während seine Augen über die Karte huschten und an der internationalen Grenze hängen blieben, besonders da, wo sie dem Ort am nächsten kam, an dem Spinks gekidnappt worden war. Die Entfernung war nicht besonders groß.

Graham rannte den Korridor entlang. »Natürlich werde ich Stratton holen. Wen sonst?«, beantwortete er sich selbst Mikes Frage, als er den Einsatzraum verließ.

Funker wie Graham hatten im Einsatzraum das Sagen. Natürlich mussten alle wichtigen Entscheidungen vom Boss getroffen werden, aber in Wahrheit konnte Graham so ziemlich mit jeder Notsituation fertig werden, die sich ergab, meistens sogar schneller und effizienter. Er war nicht nur kompetent, sondern hatte zudem ein phänomenales Gedächtnis. Er kannte so ziemlich jede Rufnummer und Funkfrequenz auswendig, die von der Britischen Armee in Nordirland verwendet wurde, und erinnerte sich auch an Details der Einsatzkräfte, ihre Fahrzeuge und Nummernschilder, Adressen, Namen, Verbindungsleute … die Arten von Fragen, welche Agenten per Funk ständig den Aufklärungseinheiten stellten und auf die sie eine schnelle Antwort brauchten. Meist war es schneller, Graham zu kontaktieren und ihm die Frage zu stellen, als die Datenbanken zu durchsuchen oder die Aufklärungszelle zu fragen.

Grahams Schritte hallten auf dem Fliesenboden des engen Korridors, in dem der Putz von den Wänden bröckelte. Das Verwaltungsgebäude der Royal Air Force aus dem Zweiten Weltkrieg wäre vermutlich abgerissen worden, wenn die Undercover-Einheit es nicht übernommen hätte. Er bog um eine Ecke, kam zu einer Tür und drückte sie auf. Der Raum war groß genug, um 20 zusammengewürfelte, abgewetzte alte Sessel darin unterzubringen, die alle auf einen Fernseher gerichtet waren, der auf einem Tisch am anderen Ende des Raumes stand. Außerdem war da noch ein durchhängendes Bücherbord mit zerlesenen Paperbacks und an der Wand gegenüber des Fernsehers stand ein Tisch mit einer Auswahl aktueller Tageszeitungen. Über eine Zeitung gebeugt, die er in seinen schlanken, muskulösen Armen hielt, saß ein Mann mit langen, mausgrauen, ungewaschenen Haaren in einem alten Rugby-Shirt, der Kopf zwischen seinen kräftigen Schultern war leicht gebeugt.

»Stratton?«, fragte Graham. Es war keine Spur der Vertrautheit mehr zu hören, die in seiner Stimme lag, wenn er sich mit anderen Leuten der Einheit unterhielt, selbst mit Mike, dem Boss, und trotz der Schwere der Situation klang seine Stimme nicht mehr so drängend. Er konnte es nicht verhindern. Stratton hatte einfach diese Wirkung auf ihn.

Stratton sah sich um. Er hatte sich seit Tagen nicht mehr rasiert, was sein kantiges Profil ein wenig abmilderte, und seine Nase sah aus, als sei sie schon einmal gebrochen gewesen. Sein Gesicht war ausdruckslos, wie bei einem Raubtier, das aus seinem Käfig heraus einen Menschen ansah. Es waren die Augen, die Graham faszinierend fand, und die, zumindest für ihn, den Charakter des Mannes zeigten. Sie waren weder manisch noch stechend. Ablehnend, ausdruckslos, aber auch durchdringend, so hatte Graham sie seinem Bruder beschrieben, dem einzigen, den er in die Details seines außergewöhnlichen Jobs eingeweiht hatte. Stratton war anders als alle anderen Männer, die er im Job getroffen hatte. Im Gegensatz zum Rest der Undercover-Agenten war Strattons übergeordnete Einheit die Special Forces. Er wusste nichts Sicheres über Strattons Vergangenheit, kannte nur die unzähligen Gerüchte: Veteran des Golfkriegs, Balkankriegs, des Drogenkriegs in Kolumbien, außerdem gab es Gerüchte über einen Einsatz in Afghanistan. Und das kam alles noch vor den vier Kills, seit er in der Einheit angekommen war. Vier in eineinhalb Jahren. Das war viel, wenn man bedachte, dass die Mehrheit der Agenten keinen einzigen hatte und es nur zwei in einer anderen Abteilung gab, die jeweils einen vorweisen konnten. Aber Stratton schien immer zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein, so sah es zumindest aus. Sein Erfolg war wohl der Tatsache zuzuschreiben, dass er immer auf der Suche nach einem Kill war, während die meisten Agenten schon damit zufrieden waren, den Tag hinter sich gebracht zu haben.

Die ersten beiden Kills, nur einen Monat nachdem Stratton zur Abteilung gekommen war, waren zwei glücklose bewaffnete Räuber gewesen, die gedroht hatten, ihre Waffen gegen jeden zu richten, der versuchen würde, sie aufzuhalten. Stratton stieg gerade aus dem Auto, als die beiden aus dem Wettbüro gerannt kamen, das sie soeben überfallen hatten, und auf ihr Motorrad steigen wollten, das für die Flucht bereitstand. In ein paar Sekunden war alles vorbei gewesen – so lange hatte Stratton gebraucht, um seine Waffe aus dem Schulterholster zu ziehen und aus knapp zehn Metern Entfernung je zwei Kugeln durch die Motorradhelme der beiden zu jagen. Die Räuber waren Protestanten gewesen – nicht, dass Stratton das interessiert hätte. Es waren Verbrecher, die mit Waffen herumfuchtelten, und leider waren sie auf jemanden getroffen, der nicht groß herumfuchtelte.

Die anderen beiden offiziellen Kills waren das Ergebnis eines versuchten Autodiebstahls. Stratton stand im Stau auf einer belebten Straße, als ein junger unerfahrener Provo mit seinem Pistolenlauf ans Fenster geklopft und gefordert hatte, er solle aus dem Wagen steigen. Stratton war cool geblieben und hatte gesehen, dass der Bewaffnete einen Partner hatte, der ihm von der anderen Straßenseite aus mit einem Gewehr Deckung gab. Einen Augenblick lang hatte er in die zu Schlitzen verengten Augen seines Gegenübers gestarrt und darin etwas bemerkt, das seine Zuversicht mehrte, mit der Situation schnell und sicher fertig zu werden.

Stratton war ausgestiegen, mit den Armen zur Seite ausgestreckt, und hatte den jungen Mann angesehen, der seine Pistole viel zu fest umklammert und auf Stratton gerichtet hatte. Der Mann forderte ihn auf, beide Seiten seiner Jacke aufzuhalten. Beim Anblick der Pistole im Holster unter Strattons linkem Arm, hätte der nervöse republikanische Soldat ihn gefragt, wer er war. Hätte Stratton nicht geantwortet, wäre er tot gewesen. Hätte er mit seinem englischen Akzent geantwortet, wäre er tot gewesen. Es war nahezu unmöglich, sich einen überzeugenden nordirischen Dialekt zuzulegen, wenn man nicht aus dieser Gegend stammte – die wenigsten Agenten versuchten es überhaupt. Was Stratton aus dem Wagen gesehen und was seine Zuversicht gestärkt und das Schicksal des jungen Mannes besiegelt hatte, war die Tatsache, dass der unglückliche Provo offensichtlich vergessen hatte, dass seine halbautomatische Browning 9 mm nur halb gespannt war. Eine Eigenschaft dieser Waffe war, dass man unmöglich den Abzug betätigen konnte, wenn der Hahn nur einen Klick, also halb gespannt war. Um die Pistole abzufeuern, muss der Hahn einen zweiten Klick zurückgezogen werden, bis er voll gespannt war. Der Provo war ein Linkshänder – der Sicherheitsriegel, der auf der linken Seite der Waffe lag, war für linkshändige Schützen schwer zu betätigen, also verwendeten diese oft den halb gespannten Hahn als Sicherheitsmaßnahme.

Stratton öffnete ruhig seine Jacke und zog seine Pistole heraus. Der junge Provo drückte mit aller Kraft den Abzug, aber bis ihm klar geworden war, wieso die Waffe nicht feuerte, und er seinen Daumen zum Hahn bewegt hatte, um ihn voll zu spannen, war es zu spät. Als er mit zwei Schüssen durchs Herz zu Boden ging, ließ sich Stratton auf ein Knie fallen, um den Mann auf der anderen Straßenseite aufs Korn zu nehmen. Er traf ihn mit zwei Schüssen in den Körper, damit er nicht länger auf Stratton zielen konnte, und erledigte ihn dann mit einem Kopfschuss.

Und dann gab es noch gerüchtehalber zwei inoffizielle Kills. Von einem wusste Graham sicher – zumindest ziemlich sicher. Er hatte in dieser Nacht Dienst gehabt. Das Team war zu einer Überwachung in Warrenpoint am südöstlichen Ende der Provinz gewesen. Danach hatte sich das Team zurück auf den Weg zum Stützpunkt gemacht. Zu dieser Nachtzeit hätte die Rückreise höchstens anderthalb Stunden dauern sollen. Graham hatte nach fünfzehn Minuten um Funkkontakt gebeten, um sicher zu sein, dass alles in Ordnung war. Aufgrund der Hintergrundgeräusche hatte es sich so angehört, als seien alle Agenten mit hoher Geschwindigkeit in ihren Autos unterwegs gewesen; alle außer Stratton, der klang, als würde er das Funkgerät an seinem Körper benutzen. Graham kam es so vor, als wäre Stratton nicht in seinem Wagen gewesen und daher auch noch nicht auf dem Rückweg. Er wagte es nicht, Stratton zu fragen, was er tat. So mutig war er dann doch nicht.

Zwanzig Minuten nachdem das Team angekommen war, hatte Graham auf dem Überwachungsmonitor gesehen, wie Stratton durch den Haupteingang auf das Gelände gefahren war. Am nächsten Morgen war die Leiche eines Mannes am Rande des alten Marktviertels in Warrenpoint gefunden worden. Er war erst bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt worden und dann hatte ihm jemand das Genick gebrochen. Es war Matthew McGinnis gewesen, ein Scharfschütze der RIRA, der drei Polizisten und zwei Soldaten erschossen hatte und außerdem verdächtigt wurde, an vier weiteren Morden beteiligt gewesen zu sein.

Graham war klar, dass die meisten Gerüchte über Stratton reine Fiktion waren, aber er glaubte, der Agent sei fähig, das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen. Seit dem Tod von McGinnis hatte Graham genauer hingehört, wenn Stratton mal einen seiner seltenen Kommentare über den Krieg gegen die IRA abgegeben hatte. Oft wies zumindest sein Tonfall darauf hin, dass er das Vorgehen der Justiz gegenüber den eingefleischten Terroristen für zu lax hielt.

»Wir haben einen möglichen Op Kuttuc«, sagte Graham zu ihm.

Stratton bewegte sich schnell, aber unaufgeregt und ohne eine Miene zu verziehen. Er ergriff eine schwere, abgetragene Lederjacke von einem Stuhl und zog sie an, als Graham einen Schritt zur Seite machte, um ihn vorbeizulassen.

»Es ist Spinks. Four Two Charlie«, fuhr Graham fort. »Wir haben den Kontakt verloren und er bewegt sich schnell nach Süden, immer noch im Kofferraum des Wagens.«

Graham fragte sich, ob Stratton wohl jemals wegen irgendwas in Panik geriet. Er hatte ihn schon wütend gesehen, aber nie, dass er die Kontrolle verlor. Sie gingen den Korridor entlang, Graham trottete hinter Stratton her.

»Hubschrauber auf Abruf?«, fragte Stratton in seiner üblichen, kurz gefassten Art, als er die Ecke zum Einsatzraum umrundete.

»Der sollte bereitstehen.«

Stratton blieb vor einem begehbaren Schrank kurz vor dem Einsatzraum stehen. Ein hölzerner Rahmen mit mehreren Fächern stand an einer Wand, wie Gepäckfächer ohne Türen, insgesamt 15, ein Fach für jeden Agenten. Er zog eine schwere, gefüllte Reisetasche aus seinem Fach.

»Die Kirche?«, fragte Stratton.

»Ja. One Three Kilo ist vor Ort und hat die Verfolgung aufgenommen.«

»Die Lesbe?«, fragte er.

»Und Ed.«

»Dann ist es wohl egal, wer von denen den Wagen fährt, oder?«, sagte er und deutete damit an, dass Spinks wenig Hoffnung blieb.

Kein Anflug von Humor war in Strattons trockener, monotoner Stimme zu hören, aber Graham kannte ihn gut genug und zwang sich zu einem leisen Lachen. Aggys Spitzname wurde normalerweise nur in ihrer Abwesenheit verwendet, auch wenn sich die Männer sicher waren oder zumindest hofften, dass sie keine war. Niemand hatte es bei ihr je weit gebracht, aber die meisten wollten es gern, selbst diejenigen, die etwas gegen Frauen in der Abteilung hatten. Graham fragte sich allerdings, ob zwischen ihr und Stratton etwas lief. Er hatte gesehen, dass er sie eines Abends angestarrt hatte, als alle in einer Bar etwas getrunken hatten und sie mit ein paar anderen Agenten auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes saß.

Stratton nahm ein altes SLR, 7,62 mm, ein halbautomatisches Hochleistungsgewehr, vom obersten Regalbrett und ein paar 20er-Schachteln Munition. An der Waffe befestigt war ein schweres Objekt aus Metall in Größe und Form einer Grapefruit, aus dem ein Kabel mit einem Adapter am Ende ragte. Es war ein giroskopisches Stabilitätssystem, dafür gedacht, die Waffe in einem sich bewegenden oder vibrierenden Vehikel, etwa einem Helikopter, so ruhig wie möglich zu halten. Am Patronenauswurf der Waffe war ein kleiner Stoffbeutel befestigt, um verbrauchte Patronenhülsen aufzufangen, damit sie nicht in der Kabine umherflogen. Er lief den Korridor entlang zu einer Doppeltür und drückte sie auf. Graham blickte ihm hinterher und betätigte dann den Summer an der Tür des Einsatzraumes.

Aggy fuhr mit einer Geschwindigkeit jenseits ihrer Fähigkeiten als Fahrerin die von Steinmauern und Hecken gesäumte schmale Landstraße entlang. Die Mauern hatte sie schon mehrmals gestreift und dabei einen Außenspiegel abgefahren. Ein endloser Strom an Kommentaren kam von Ed, die meisten in Form abgehackter oder nicht beendeter Ausrufe: »Tu … nicht!«, »Pass auf …«, »Vorsicht, VORSICHT!« Wäre Ed ehrlich genug gewesen, hätte er zugegeben, dass es ihm am liebsten gewesen wäre, sie hätte einfach das Auto angehalten, auch wenn sie gerade versuchten, Spinks' Leben zu retten. Hinter den Hecken zu beiden Seiten der Straße waren größtenteils Felder. Ab und an mal ein kleiner Wald, eine Farm oder ein paar Häuser. Bisher hatten sie erst ein Auto mit einem älteren Pärchen darin überholen müssen. Es war knapp gewesen, aber erstaunlicherweise hatten sie es geschafft, ohne den Wagen zu streifen, auch wenn Aggy dabei den Außenspiegel abgefahren hatte. Ed war fast vom Sitz gesprungen, als Aggy durch die winzige Lücke zwischen dem Auto und einer Steinmauer gefahren war.