Strindbergs Stern - Jan Wallentin - E-Book
Beschreibung

Ein Tauchgang durch die verschlungenen Schächte einer alten Mine in Falun bringt Unheimliches zutage. Mitten auf einem Stein liegt eine Leiche. Und neben der Leiche ein mysteriöses Kreuz. Ein finsteres uraltes Geheimnis tut sich auf. Nur einige Wenige kennen dieses Kreuz, die Eingeweihten wissen: ein Stern gehört dazu, und Kreuz und Stern bilden zusammen einen magischen Gegenstand, der unendliche Macht verleiht. Doch der Stern ist verschollen. Eine mörderische Jagd beginnt, und alle haben nur ein Ziel – sie wollen den Stern: Don Titleman, tablettensüchtiger Experte für altnordische Mythologie und von seiner dunklen Vergangenheit besessen. Ein deutscher Geheimbund, der sich zu okkulten Riten auf einer Burg trifft. Und die unbändig schöne Hex, die sich in die Computer des europäischen Verkehrssystem hackt. Jeder will der Erste sein. Doch dann wird die Jagd nach dem Stern zur Jagd nach den Jägern ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:633

Sammlungen



Jan Wallentin

Strindbergs Stern

Roman

Aus dem Schwedischen von Antje Rieck-Blankenburg

Fischer e-books

Für Samuel, Lydia und Henry

Auszug aus meinem Tagebuch aus dem Jahre 1896.

13. Mai. Ein Brief von meiner Frau. Durch die Zeitungen hat sie erfahren, dass ein Herr S. im Ballon zum Nordpol fahren will: Sie stößt einen Schrei der Angst aus, gesteht mir ihre unveränderliche Liebe und fleht mich an, auf einen Plan zu verzichten, der Selbstmord bedeute. Ich kläre sie über ihren Irrtum auf: Es ist der Sohn eines Vetters von mir, der sein Leben für eine große wissenschaftliche Entdeckung wagt.

aus Inferno von August Strindberg

 

Alles, was da ist, das ist fern und ist sehr tief; wer will’s finden?

Pred. 7:24

Die Einladung

Sein Gesicht war wirklich gealtert. Auch die Arbeit der Maskenbildnerin konnte es nicht verbergen, obwohl sie sich Mühe gegeben hatte: fünfzehn Minuten mit Schwamm, Bürstchen und pfirsichfarbenem Mineralpuder. Als sie ihm die Pilotenbrille wieder aufsetzte, lag immer noch ein kränklicher Glanz über seinen gräulichen Wangen. Sie gab ihm einen leichten Klaps auf die Schulter:

»So, Don. Jetzt kommen sie gleich und holen Sie.«

Dann lächelte ihn die Maskenbildnerin durch den Spiegel an und bemühte sich, eine zufriedene Miene aufzusetzen, doch er wusste, was sie dachte. A farshlepte krenk, eine Krankheit, die man unmöglich stoppen konnte – so war eben das Altern.

Er hatte seine Schultertasche gegen den Fuß des Drehstuhls gelehnt. Als die Maskenbildnerin den Raum verließ, beugte sich Don hinunter und begann ihren Inhalt aus Döschen, Einwegspritzen und Tablettenkärtchen zu durchwühlen. Er drückte zwei runde Pillen heraus, zwanzig Milligramm Stesolid, richtete sich wieder auf, legte sie auf die Zunge und schluckte sie.

Im Neonlicht des Spiegels bewegte sich der Zeiger der Wanduhr eine Minute weiter. Vier Minuten nach halb sieben, und aus dem hausinternen Fernseher ertönten die Morgennachrichten. Noch elf Minuten bis zur ersten Sendung mit Studiogästen.

Dann klopfte es, und in der Türöffnung wurde ein Schatten sichtbar.

»Bin ich hier richtig, um mich schminken zu lassen?«

Don nickte der groß gewachsenen Gestalt zu.

»Ich muss danach zum Vierten«, sagte der Mann, »die Mädels können gerne ’ne ordentliche Schicht auflegen, damit es auch hält.«

Er machte einige Schritte über den blau gesprenkelten Linoleumfußboden und setzte sich neben Don.

»Wir kommen beide zur selben Zeit dran, oder?«

»Ja, scheint so«, entgegnete Don.

Der Drehstuhl quietschte etwas, als sich der Mann näher beugte.

»Ich habe in den Zeitungen über Sie gelesen. Sie sind doch der Experte, nicht wahr?«

»Ist nicht gerade mein Spezialgebiet«, antwortete Don. »Aber ich werde mein Bestes geben.«

Er stand auf und nahm sein Jackett von der Stuhllehne.

»In den Zeitungen steht aber, dass Sie sich auf diesem Gebiet auskennen«, entgegnete der Mann.

»Tja, die müssen es ja wissen.«

Don zog sein Manchesterjackett an, doch als er den Riemen seiner Tasche über die Schulter zog, hielt ihn der Mann zurück:

»Sie brauchen gar nicht so wichtig zu tun. Ich war nämlich derjenige, der da unten alles gefunden hat, klar? Und außerdem gibt es da …«

Der Mann zögerte.

»Außerdem gibt es etwas, von dem ich glaube, dass genau Sie mir dabei helfen können.«

»Und das wäre?«

»Es geht um …«

Er warf rasch einen Blick in Richtung Tür, wo jedoch keiner zu sehen war.

»Ich habe noch etwas anderes da unten gefunden. Ein Geheimnis, könnte man sagen.«

»Ein Geheimnis?«

Der Mann zog Don mit Hilfe seines Schulterriemens etwas näher heran:

»Es befindet sich bei mir zu Hause in Falun, und wenn es möglich wäre, würde ich Sie gerne bitten, in mein Haus zu kommen und …«

Seine Stimme verstummte. Don folgte dem Blick des Mannes in Richtung Türöffnung, in der inzwischen die Moderatorin in hellbrauner Kostümjacke und altmodischem Rock stand und wartete.

»Aha … hier haben Sie sich also kennengelernt?«

Ein gestresstes Lächeln.

»Sie können sich ja vielleicht hinterher weiter unterhalten?«

Sie wies hinaus in den Korridor, wo eine rote Signallampe aufleuchtete: »Achtung, Sendung«.

»Hier entlang, Don Titelman.«

I

1Niflheimr

Mit jedem Schritt sanken Erik Halls Gummistiefel tiefer ein, seine Beinmuskeln hatten sich schon vor einiger Zeit verhärtet. Doch jetzt konnte es nicht mehr weit sein.

Kräftig und breit gebaut wie ein Bodybuilder, mit drei Tauchertaschen auf dem Rücken, war es kein Wunder, dass das mit Wasser getränkte Moos unter ihm nachgab. Erstaunlich hingegen nur, dass es im Wald so schnell dunkel geworden war, nachdem er die Kofferraumklappe seines Wagens auf dem Rastplatz an der Straße zugeschlagen hatte. Als er von dort über den Graben hinweggeschaut hatte, wirkte der Waldrand noch hell und einladend. Doch inzwischen, nach ungefähr einer Stunde anstrengenden Wanderns, floss eine Art milchiger Nebel durchs Dickicht. Aber bislang hatte er es noch nicht bereut.

 

Als er hinter der letzten Baumreihe den Abhang erblickte, hielt er inne und fühlte sich einen Augenblick lang unsicher. Dann entdeckte er die Reste des alten Zauns. Die morschen Pfähle ragten wie warnende Zeigefinger vor der steil abfallenden Öffnung des Grubenschachts in die Höhe. Durch die weißen Nebelschleier bewältigte er die letzten Schritte durchs Gras und stieg rutschend den Abhang bis zum Absatz vor der Öffnung hinab. Dort angekommen, schaltete er seinen GPS-Navigator aus und befreite sich von der Last seiner Ausrüstung. Dann richtete er seine zusammengepressten Rückenwirbel auf und streckte sich.

Hier war es feuchtkalt, genau wie gestern, als es ihm zum ersten Mal gelungen war, die verlassene Grube zu finden. Das schwere Paket mit den Flaschen und der Tarierweste lag noch dort, wo er es abgelegt hatte, und es herrschte immer noch derselbe widerliche Gestank. Er atmete durch die Nase ein – vermutlich irgendein totes Tier, das in der Nähe lag, dachte er. Vielleicht ein Reh, das von Larven und Würmern zerfressen war und langsam verrottete.

Der Nebel hatte das Dämmerlicht weiter gemindert, und er konnte kaum Einzelheiten ausmachen, als er sich über den in die Tiefe abfallenden Schacht beugte. Doch als sich seine Augen an das Zwielicht gewöhnt hatten, erkannte er die Verstrebungen, die in einer Entfernung von ungefähr dreißig Metern begannen. Sie stützten die Wände des Grubenlochs ab, und vor seinem inneren Auge flatterte ein Bild mit vereinzelten schwarz angelaufenen Zähnen vorbei. Es suggerierte ihm, dass er eigentlich in den Mund eines sehr alten Greises hinunterschaute.

Erik trat einige Schritte zurück und atmete vorsichtig ein. Der Gestank schien abzunehmen, je weiter er sich vom Loch entfernte.

Aber jetzt war es erst mal angebracht, sich selbst auf die Schulter zu klopfen. Sich in dieser Dunkelheit einen Weg zu bahnen und ein weiteres Mal ohne Probleme das Ziel zu erreichen, gelang nicht gerade vielen. Jeder Hinz und Kunz konnte ein GPS-Gerät benutzen, um eine Adresse draußen in Sundborn oder Sågmyra ausfindig zu machen, aber nach einer halben Meile mitten durch die Wildnis genau die richtige Stelle zu finden – das war eine völlig andere Sache.

Die meisten, ja eigentlich alle verlassenen Bergwerksschächte waren im Kartenmaterial detailliert ausgewiesen. Dafür hatten die Inspekteure der schwedischen Bergbehörde Bergsstaten gesorgt. Doch dieses Loch hatte man offensichtlich vergessen, und nun hatte er alles hierher geschleppt, was er benötigte, um hinunterzusteigen.

 

Als Erik Hall den Reißverschluss der ersten Tasche aufzog, nahm er die Stille wahr.

Er konnte sich nicht mehr genau daran erinnern, wann sie einsetzte, aber anfänglich hatte er noch das Rauschen der Autos gehört. Natürlich nicht besonders intensiv, aber laut genug, um das Gefühl zu haben, nicht völlig allein zu sein. Er erinnerte sich daran, dass er dem Klopfen eines Spechtes und dem Rascheln der Tiere im Unterholz gelauscht hatte. Als es im Wald noch vollständig hell war, hatte er einen Vogel wahrgenommen, der zwischen den Zweigen hin- und herflog. Doch als der Nebel aufkam, hatte er kaum noch etwas anderes gehört als seine eigenen Atemzüge. Und das scharfe Knacken der Zweige, die brachen, als er sich durch das dichter werdende Gestrüpp hindurchzwängte.

Und jetzt – kein Laut.

Doch, vielleicht ein schwaches Surren einiger Fliegen, die sich um ihn herum versammelten. Neugierig flogen sie in seine Tasche, auf der Suche nach etwas Essbarem. Doch in der ersten Tasche befanden sich lediglich Seile, Karabinerhaken und Schrauben, das zweischneidige Titanmesser mit einer sichelförmig geschliffenen Klinge und einer Sägeklinge sowie eine batteriebetriebene Schlagbohrmaschine, Klettergeschirr und eine Tauchlampe, die er an seinem rechten Tauchhandschuh befestigen wollte.

Als Erik alles ins verdorrte Gras geworfen hatte, öffnete er das Seitenfach der Tasche. Dort lagen in einem festen Futteral die finnischen Präzisionsinstrumente. Er packte einen Tiefenmesser aus, der anzeigen sollte, wie weit er unter die Wasseroberfläche des überschwemmten Schachts sank, und einen Neigungsmesser, um das Gefälle der Grubengänge zu ermitteln, wenn er dort angelangt wäre.

Die Fliegen vermehrten sich; inzwischen surrten sie in einer dunklen Wolke um ihn herum. Erik verscheuchte die Insekten irritiert von seinem Mund, während er aus der nächsten Tasche die Regulatoren und die langen Schläuche nahm, die ihn am Leben halten sollten, befestigte sie probehalber und kontrollierte den Druck in den Flaschen. Dann bewegte er sich ein Stück nach hinten, doch die Fliegenwolke folgte ihm auf Schritt und Tritt.

Auf dem Waldboden stehend zog er erst seine grünen Gummistiefel und dann die Camouflagehosen und die Windjacke aus. Mit lauter kleinem Getier im Gesicht und am Hals öffnete er die letzte Tasche. Unter dem Tauchcomputer und der Stirnlampe warteten die einteilige weiche Kälteschutzkleidung und die gummiartige Haut des Trockenanzugs. Schwarz glänzendes Laminat in drei Schichten, speziell entwickelt für Tauchgänge in vier Grad kaltem Wasser.

Nachdem er den unteren Teil des Anzugs übergezogen hatte, beugte er sich vor und streifte die mit Gummi verstärkten Tauchschuhe über die Fersen. Mit einer Grimasse richtete er sich wieder auf und schob erst die linke, dann die rechte Hand durch die Latexmanschetten. Er zog den Anzug vollständig an und schließlich die Neoprenhaube über den Kopf. Jetzt konnten die Fliegen nur noch an seine Augen und den oberen Teil seiner Wangen gelangen.

Er nahm den Sack zur Hand, der die Schwimmflossen und die Tauchmaske beinhaltete. An der Öffnung des Schachts brachte ihn der ekelhafte Gestank nach verfaulten Eiern beinahe dazu, es sich anders zu überlegen, doch dann hakte er den Sack an einem Nylonseil ein und begann ihn herunterzulassen. Gute vierzig, fünfzig Meter – so weit konnte er die holprige Fahrt mit dem Blick verfolgen –, doch die Leine lief immer weiter hinab. Erst nach mehreren Minuten erreichte sie die Oberfläche des Wassers, das den unteren Teil des Grubenlochs füllte.

Er sicherte das Seilende mit ein paar Windungen um einen Steinblock und machte sich dann auf den Weg, um den Packen mit Kletterausrüstung und Haken zu holen. Wieder zurück am Schacht, kniete er sich auf den Boden. Ein schrilles Aufheulen des Schlagbohrers durchbrach schließlich die Stille, und bald konnte er die erste Schraube anbringen. Zog sie an – sie würde halten. Dann heulte der Bohrer erneut auf, um Sicherung Nummer zwei in Angriff zu nehmen.

Als er fertig war, hob er das Fünfzigkilopaket mit den Sauerstoffflaschen, der Tarierweste und den Schläuchen an. Nach all den Trainingseinheiten zu Hause waren seine Beine muskulös, doch unter der Last der Stahlzylinder gerieten sie leicht ins Schwanken. Schließlich zurrte er die Gurte seines Klettergeschirrs vor dem Brustkorb fest und testete das automatisch einrastende Bremsgerät, das die Geschwindigkeit beim Abseilen in den Schacht regulieren sollte. Dann hievte sich Erik Hall über die Kante, und die Bremse gab ein zischendes Geräusch von sich, als er hinabsank.

 

Wenn man im Internet danach suchte, konnte man verschwommene Bilder der Urban explorers in Los Angeles finden, die sich ohne Karte Kilometer für Kilometer durch klaustrophobische Abwassersysteme hindurchzwängten. Man konnte auch Texte von Italienern finden, die ihre Zeit damit verbrachten, in antiken Katakomben zwischen Ratten und Müll herumzukriechen, und Russen, die von Expeditionen zu längst vergessenen Gefängnissen aus der Sowjetära in Hunderten von Metern unter der Erdoberfläche berichteten. Aus Schweden kamen Filmsequenzen, die verfallene Bergwerksschächte zeigten, in denen Taucher in tiefschwarzem Wasser schwammen. Sie bewegten sich geduckt in Tunneln vorwärts, die endlos lang zu sein schienen.

Eine Gruppe nannte sich Baggbodykare und tauchte außerhalb von Borlänge. Dann waren da noch Gruf in Gävle, Wärmland Underground in Karlstad und diverse Vereinigungen in Bergslagen und Umeå. Und außer ihnen gab es noch solche wie Erik Hall, die auf eigene Faust tauchten und auch am liebsten für sich bleiben wollten. Das war nicht gerade empfehlenswert, aber es geschah dennoch.

Da sie im Hinblick auf Ausrüstung und Gangsysteme, deren nähere Inspektion lohnte, untereinander Tipps austauschten, kannten alle Grubentaucher des Landes einander. Jahrein, jahraus waren es dieselben Leute. Na ja, Leute … es hatte sich bisher ausnahmslos um Männer gehandelt.

Doch vor ungefähr einem Monat hatte eine Gruppe Mädels damit begonnen, Fotos von ihren Grubentauchgängen ins Netz zu stellen. Sie nannten sich Dykedivers. Keiner schien zu wissen, woher sie kamen, oder wer sie eigentlich waren, und sie selber antworteten nicht auf Fragen. Jedenfalls nicht auf die Fragen, die Erik ihnen probeweise gemailt hatte.

Als er anfänglich auf der Website der Mädels herumgesurft war, hatte er nur vereinzelte unscharfe Fotos gefunden. Doch dann hatten sie Filme über recht professionelle Tauchgänge präsentiert, und gestern war plötzlich ein Schnappschuss aus einem Bergwerk in Dalarna aufgetaucht.

Das Bild zeigte zwei Frauen in Taucheranzügen in einem engen Grubenstollen: blasse Wangen, blutrote Münder, und beiden wallte ihr schwarz glänzendes Haar offen über die Schultern herab. An die Wand hinter sich hatten sie mit blauer Farbe gesprayt: »2. September, 166 Meter Tiefe«.

Unter dem Foto hatten die Mädels einige GPS-Koordinaten angegeben, die einem Ort in der Nähe des Kupferbergwerks in Falun entsprachen. Die Position hatte nur wenige Meilen von Erik Halls Sommerhaus entfernt gelegen:

Überschwemmter Schacht aus dem 18. Jahrhundert, den wir hier fanden/kopparberget1786.jpg/Karte, Blessing, Archiv des Verwaltungsbezirks Falun. Hinter dem Schrott im Wasser erstreckt sich ein Gangsystem – für denjenigen, der es schafft, daran vorbeizukommen.

 

No country for old men.

Die automatisch einrastende Bremse zum Abseilen sorgte dafür, dass Erik sachte abwärts in die Tiefe sank.

Oben über der Öffnung kreisten immer noch Schwärme von Fliegen, aber hier unten in der Dunkelheit hing er allein. Er atmete inzwischen nur noch durch den Mund, um dem Gestank nach Schwefel zu entgehen. Als er seinen Blick schweifen ließ, kam es ihm vor, als gleite er in ein anderes Jahrhundert hinab. Durchgerostete Befestigungen für Leitersprossen, halb eingestürzte Blindschächte, Spuren von Hacken und Brecheisen am Fels. Er stieß sich von der Wand ab und schwang sich an verbogenen Haken und rostigen Ketten vorbei. Im flackernden Schein seiner Stirnlampe konnte er Zahlen erkennen, die Maße in Faden und Elle angaben.

Wenn man sich eigenhändig in eine Grube hinunterbegibt, darf man sich keinen Fehler leisten. Aber das hier dürfte nicht allzu schwer werden, versuchte er sich einzureden, lediglich ein lotrechtes Loch und ein paar glitschige Stützvorrichtungen, die dem Druck des Berges schon seit Jahrhunderten standhielten. Dennoch waren ältere Grubenlöcher niemals völlig sicher. Das, was wie ein hauchdünner Riss aussah, konnte weit innen zum Bersten des Steins führen. Und wenn die Wände zerbarsten, würde es bedeuten, dass einer der Tausendkiloblöcke, die über ihm hingen, sich womöglich plötzlich löste und herabstürzte.

Wie weit war es noch?

Erik zerbrach einen Leuchtstab und ließ ihn fallen. Die helle Fackel verschwand in der Dunkelheit, doch dann hörte er ein Platschen, viel früher, als er zu hoffen gewagt hatte. Ganz unten in der Tiefe leuchtete der auf dem schwarzen Wasser schaukelnde Stab grünlich. Der Höhenmesser an seinem Handgelenk zeigte an, dass Erik bereits über siebzig Meter zurückgelegt hatte, und die Kälte hatte heftig zugenommen. An der Felswand vor ihm schimmerte Frost, und der nächste Leuchtstab landete auf einer Eisscholle.

Dann entdeckte er unmittelbar oberhalb der Wasserkante ein kleines Plateau. Es lag um die zehn Meter nach rechts versetzt, so dass er sich an groben Steinblöcken entlangschwingen musste, um dorthin zu gelangen. Als er gelandet war, begann er die Leine mit dem Sack einzuholen, von dem er wusste, dass er irgendwo da draußen auf dem Wasser trieb. Es ging ungewohnt schwer, weil er sich zwischen Inseln aus Eis verfangen hatte.

Und nun zum Wichtigsten.

Er zog eine kleine Dose mit roter Sprühfarbe aus der Hosentasche seines Trockenanzugs und sprayte mit raschen Bewegungen ein großes E und H auf die Wand. Unter die Buchstaben schrieb Erik Hall: »7. September, 91 Meter Tiefe«. Dann holte er seine Unterwasserkamera heraus, hielt sie mit ausgestrecktem Arm vor sich und knipste ein paar Fotos. Hinter den Konturen seines Kopfes war die Signatur auf der Felswand deutlich zu erkennen.

Doch dann kam ihm der Gedanke, dass er wirklich gerne Kontakt zu diesen Mädels aufnehmen würde. Er zog sich die Neoprenhaube vom Kopf und fuhr sich mit einer Hand durch die Locken. Erneutes Aufblitzen der Kamera. Er betrachtete das Resultat auf dem Display des Apparats. Seine Haare hatten sich inzwischen, jetzt mit über dreißig, ein wenig gelichtet, aber das fiel kaum auf. Die dunklen Ringe unter seinen Augen verliehen ihm hauptsächlich einen dramatischen Ausdruck, dachte Erik im Stillen.

Dann ging er in die Hocke und begab sich wieder in den Dunstkreis des Gestanks und der Kälte. Versuchte auszublenden, dass keiner von seinem Aufenthalt hier wusste und dass ihn niemand vermissen würde, falls er ertrinken oder irgendwo in den Gängen weit unter der Erde verschwinden sollte.

 

Dykedivers hatten Ösen hinterlassen, an denen er sein Navigationsseil vor dem Tauchgang sichern konnte. Als er es eingehakt hatte, zog er die Schwimmflossen über die Riffelung seiner Gummischuhe, setzte die Tauchmaske auf, steckte den Atemregler in den Mund und machte einen ersten prüfenden Atemzug. Noch bevor er wieder ausatmete, hatte er einen großen Schritt ins Wasser gemacht. Die Spule, die er mit dem einen Tauchhandschuh festhielt, spannte sich schnell, und mit einem Blick nach oben konnte er sehen, wie sich die stabile Leine durch mehrere Eisschichten schnitt, während sie seinem hinabsinkenden Körper folgte.

Unter der Wasseroberfläche schluckten die dunklen Wände der Grube den überwiegenden Teil des Lichts seiner Stirnlampe. Dennoch war die Sicht verhältnismäßig klar, und der Strahl reichte weiter, als er angenommen hatte.

Dann blitzte in dem spärlichen Lichtstrahl plötzlich etwas Metallenes auf. Es war noch ein Stück entfernt …, oder? Erik stieß sich von der Wand des Schachts ab und bewegte sich in den leeren Raum hinaus. Die Sicherheitsleine folgte ihm, indem sie sich wie ein Schwanz durchs Wasser schlängelte.

Im Schein der Lampe an seiner rechten Hand wurde der Grund sichtbar. Vom Boden des Schachts erhob sich eine bestimmt zwei Meter hohe Kupferzisterne. Und da war auch noch etwas anderes, eine Ansammlung scharfkantiger Dreiecke … Er bekam das Blatt einer Kreissäge zu fassen.

Als er etwas daran rüttelte, zerbrach die rostige Nabe, und das abgelöste Sägeblatt sank in einem stillen Wirbel auf den Grund hinab. Dort legte es sich zur Ruhe, begraben unter einer Schicht aus bräunlich grünem Modder und Schlamm. Er ließ den Tauchhandschuh weitergleiten und stieß dabei einige längliche Stangen um. Vor ihm staubte es auf. Als die Sicht wieder klar wurde, erkannte Erik die Reste der Loren, die man benutzt hatte, um das Erz aus den Stollen abzutransportieren.

Er bewegte sachte seine Schwimmflossen und schwebte schwerelos über einer Schubkarre. Die Unterwasserkamera blitzte mehrmals auf und fing die Bilder der Gerätschaften ein, die vor langer Zeit dort vergessen wurden und liegen geblieben waren wie feinmechanisches Werkzeug, Vorschlaghammer, Meißel und eine Axt. Er erblickte geborstene Drainagerohre und noch weiter in der Tiefe … Verstrebungen, die wie Schienenstränge aussahen.

Erik ließ seinen Körper hinuntersinken und landete neben den schmalspurigen Schienen und schaute auf den Tiefenmesser: einundzwanzig Meter unter der Wasseroberfläche. Selbst für ein langsames Aufsteigen, mit dem er die Taucherkrankheit umgehen konnte, hatte er noch genügend Sauerstoff. Er schwebte oberhalb der Gleise, die ihn vom Mittelpunkt des Schachts wegführten. Hinter seinem Nacken strömten die Blasen des Atemreglers heraus, und er hatte das Gefühl, auf dem Weg in einen immer enger werdenden Keil zu sein. Vorsichtig drehte er die Enden der Schwimmflossen nach außen, um das Tempo zu reduzieren. Dann erblickte er plötzlich eine gezimmerte Öffnung im Stollen, vor der ein gelbes Stück Stoff an einem Haken befestigt war.

Erik glitt noch ein paar Meter dichter heran und leuchtete es mit seiner Stirnlampe an. Das, was dort am Eingang zur Grubenstrecke hing, war kein Stoff, sondern ein Flicken aus sieben Millimeter dickem, knallgelbem Neopren. Dreifache Nähte, hergestellt, um in trüben Gewässern gut gesehen zu werden. Die Mädels mussten einen alten Nassanzug aufgeschnitten haben, um den richtigen Weg ins Innere zu markieren.

Der Gang war vielleicht zwei Meter hoch, und in seiner Mitte stand eine verrostete Erzlore. Oberhalb der Lore befand sich ein Zwischenraum, der aussah, als könnte er groß genug sein, um daran vorbeizukommen. Vielleicht handelte es sich um den Beginn eines kilometerlangen Systems von Orten und Strecken – doch ohne eine Skizze oder Karte konnte man es unmöglich wissen. Nach den Fotos der Dykedivers zu urteilen, führte dieser Gang irgendwohin, wo es trocken genug war, um aufrecht stehen zu können.

Es gelang ihm, sich über die festgerostete Lore hinwegzuschlängeln, und er versuchte langsam, aber sicher sein Tempo zu erhöhen. Mit einem Drittel seines Sauerstoffs als Reserve blieben ihm insgesamt fünfundvierzig Minuten Tauchzeit. Also noch höchstens fünfzehn Minuten in diese Richtung, bevor er wenden und zurück an die Oberfläche gelangen musste.

Je weiter Erik in den Stollen hineinkam, desto mehr begann er anzusteigen. Der Neigungsmesser zeigte elf Grad Steigung an, und es wurden immer mehr. Vielleicht brauchte er nur noch ein paar hundert Meter zurückzulegen. Dann würde der Gang vermutlich oberhalb des Wasserspiegels liegen und trocken sowie angereichert mit Sauerstoff weiterführen. Oder … die Gänge, denn gerade war er an einem Abzweig angelangt. Der linke Gang schien passierbar. Der rechte hingegen war kaum einen Meter breit und wirkte einsturzgefährdet und ziemlich schmal.

In diese dunkle Passage konnte er trotz seiner Stirnlampe nicht besonders weit hineingucken. Doch das Licht reichte vollkommen aus, um den gelben Neoprenflicken zu erkennen, der ihm zeigte, dass Dykedivers diesen schwereren Weg genommen hatten. Zierliche Frauenkörper – und sie waren immerhin zu mehreren gewesen – konnten sich gegenseitig helfen. Er selbst war wie immer allein und würde nicht einmal genügend Platz zum Umdrehen haben, wenn er es eilig hätte hinauszukommen.

Erik ließ seinen Handschuh über das frostige Erz gleiten und hing schwerelos im Wasser. Dann entschied er sich, nach links abzubiegen, resignierte jedoch nach einem kurzen Stück, als er merkte, dass sich auch dieser Gang verengte.

Zehn Meter, zwanzig, dreißig. Bald konnte er beide Wände mit den Fingerspitzen berühren. Nach vierzig Metern schabten seine Schultern gegen den Stein. Fünfundvierzig. Zwei Stützpfeiler aus Eisen bildeten einen engen Durchgang. Er drehte seinen Körper seitlich und schaffte es hindurchzugelangen.

Doch der Gang wurde immer schmaler, und bald darauf erreichte er zwei weitere Stützpfeiler, diesmal so dicht nebeneinanderstehend, dass er versuchen musste, einen von ihnen zu entfernen. Erik richtete den Lichtstrahl auf die Verankerungen des linken Pfeilers in der Decke und im Boden. Er würde sich nicht verschieben lassen. Bei dem rechten schienen die Verankerungen im Boden durchgerostet zu sein. An der Decke fehlten zwei Schrauben …, während zwei weitere noch intakt waren.

Er umfasste den rechten Pfeiler und versuchte ihn vorsichtig zu bewegen. Der Eisenpfosten gab einige erbärmliche Millimeter nach. Aber wenn er wirklich an ihm reißen würde …

Erik hing schwebend über den schmalspurigen Schienen.

Dann suchte er mit der Stirnlampe den dunklen Gang so weit wie möglich ab. Hier umzukehren … er stieß noch einmal mit Kraft gegen den Pfeiler, woraufhin er unerwartet in einem Hagel aus kleinen Steinen und Staub von der Wand losbrach. Die Sicht verdunkelte sich, und er duckte sich in Erwartung eines unmittelbaren Kollapses des Berges. Nach einer Weile begann er sich mit den Tauchhandschuhen im Schlamm voranzutasten. Mit ausdauernden schlängelnden Bewegungen gelang es ihm, sich durch die Öffnung hindurchzuzwängen und weiterzugleiten.

Hinter diesem Flaschenhals wurde der Tunnel wieder breiter. Erik wusste, dass er sich jetzt beeilen musste. Vielleicht würden sich der Gang der Dykedivers und dieser ja nach einem kurzen Stück wieder vereinen? Er hatte innerhalb weniger Minuten bestimmt neunzig bis hundert Meter zurückgelegt. Es dürfte nicht mehr weit sein, bis er die Wasseroberfläche erreichte, denn die Steigung war immer noch genauso stark.

Erik bewegte kräftig die Flossen, während das Licht an seiner Stirn auf der Suche nach Hindernissen an den Wänden entlangfuhr. Er war so damit beschäftigt, nach den Seiten Ausschau zu halten, dass er erst einen Meter vorher bemerkte, dass er beinahe gegen eine Eisentür geschwommen wäre. Sie war total verrostet, mit Rissen und Spalten versehen und hing schief in den Angeln, die in der Tunnelwand verankert waren. Durch einen der Risse hindurch konnte er den Riegel erkennen, der die Tür daran hinderte aufzugehen.

Erik ließ den Lichtstrahl über das bräunliche spröde Metall gleiten … Doch was war das? Eine Kalkablagerung?

Er schwamm etwas näher heran.

Nein … kein Kalk. Eher weiße Kreidestriche. Jemand hatte in großen unregelmäßigen Buchstaben ein unverständliches Wort darauf geschrieben:

NIFLHEIMR

Niflheimr … vielleicht war das der Name der Grube? Wie auch immer würde diese Eisentür die Endstation bilden, wenn nicht …

Erik setzte die Hände in den Tauchhandschuhen auf die rostige Oberfläche und stemmte sich leicht dagegen.

Die Tür gab tatsächlich etwas nach, wenn auch nur geringfügig.

Er stemmte sich fester dagegen und konnte durch das Wasser hindurch hören, wie die Angeln knarrten. Erik nahm einen tiefen Atemzug aus dem Atemregler. Dann stieß er mit voller Kraft gegen die Tür.

Die Angeln wurden aus ihren altertümlichen Verankerungen gerissen, und die Tür flog quietschend auf. Im Fallen riss sie eine Wolke aus Schlamm mit sich, und das Wasser färbte sich braun. In der Erwartung, dass die Sicht wieder klarer wurde, tastete er nach den Wänden und schob sich vorwärts. Die Treppe, die sich hinter der Eisentür erhob, sah er nicht.

Seine Stirn schlug gegen ihre unterste Stufe, und sein Vortrieb bewirkte, dass ihm die Tauchmaske vom Gesicht und der Atemregler aus dem Mund gerissen wurden. Die plötzliche Kälte versetzte ihm einen derartigen Schock, dass er Wasser schluckte und Erstickungsgefühle bekam. Er tastete blind nach seinem Reserveschlauch, konnte ihn aber nicht finden. Mit zusammengekniffenen Augen schlug er um sich, während seine Lungen nach Sauerstoff schrien.

Luft!

Verzweifelt hob er den Kopf – als würde es helfen – und befand sich mit einem Mal wieder über der Wasseroberfläche. Er prustete und spuckte, und als er instinktiv durch Nase und Mund einatmete, überwältigte ihn erneut dieser ekelerregende Gestank. Er hyperventilierte, um nicht unmittelbar nach vorne zu fallen und sich übergeben zu müssen. Er kroch die letzten Stufen der Treppe hinauf und sank zusammen, nur noch durch den Mund atmen, nur durch den Mund …

 

Als sich seine Atmung wieder beruhigt hatte, sah er sich in dem trockengelegten Gang um. Wälzte sich auf den Rücken und ruhte sich aus, bis er sich langsam wieder aufsetzen konnte.

Gedankenverloren fiel Erik auf, dass er die Spule mit der Leine, die ihm den Weg zurück in den Ursprungsschacht weisen sollte, unterwegs verloren haben musste. Er meinte, sie unten bei der Eisentür losgelassen zu haben, als er blind mit den Händen um sich getastet hatte. Aber wieder umzukehren, um sie zu suchen … dazu hatte er keine Kraft. Sollte das Wasser erst mal wieder klar werden. Und außerdem konnte es noch eine Weile warten.

Der Gestank nach Verwesung erschwerte ihm das Nachdenken.

Er streifte die Schwimmflossen und die Tauchmaske ab, die ihm immer noch um den Hals hing. Richtete die Stirnlampe vom Wasser weg und suchte erneut nach dem weiteren Verlauf der Grubenstrecke. Sie führte eng und feucht in die nachtschwarze Dunkelheit hinein. Er kam auf seinen mit Gummi verstärkten Tauchschuhen zum Stehen und machte sich auf den Weg.

Dort, wo der Tunnel aus dem Berg gesprengt worden war, verlief die Erzschicht ziemlich gleichmäßig und eben. Der Gang teilte sich unerwartet und bog nach rechts ab. Dann teilte er sich erneut, doch die rechte Strecke war mit Steinen angefüllt. Also nach links, und dann wieder nach rechts, als sich der Gang schließlich in drei Abschnitte unterteilte. Doch er war in eine Sackgasse geraten, also musste er wieder zurück zum letzten Abzweig. Aus welchem Tunnel war er eigentlich gekommen? Mitten im Gestank nach Fäulnis und Verwesung blieb er unschlüssig stehen.

Nach einer kurzen Pause bewegte er sich vornübergebeugt immer weiter in das Labyrinth hinein. Er hatte das vage Gefühl, auf dem Weg nach Norden zu sein, und seine Atemzüge verwandelten sich in keuchende Dampfwolken. In den Gängen gab es keine Anzeichen mehr von Grubenarbeit, lediglich Ansammlungen von Stalaktiten, die vom niedrigen Dach des Tunnels herabhingen. Es war verdammt eisig, und eine beißende Kälte kroch durch das dreischichtige Laminat seines Trockenanzugs hindurch.

Und wenn er nun nicht wieder an die Oberfläche gelänge? Wie lange würde es dauern, bis sich jemand fragte, wo er eigentlich abblieb? Würde irgendjemand nach ihm suchen? Erik schlug mit der Faust gegen die Tunnelwand, so dass der Lichtstrahl erzitterte.

Seine Mutter war seit langem tot, und aus irgendeinem Grund musste er daran denken, was er in dem einsamen Haus zurücklassen würde. Das Ausmaß seines Ruhms: drei aufbewahrte Zeitungsausschnitte von früher.

Eine der Notizen war ein paar Zentimeter groß und besagte, dass er vor langer Zeit einmal elf Punkte in einem Basketballmatch in der Schule gemacht hatte. Das Zweite war ein Bild vom Besuch der Lokalzeitung in Dala-El, auf dem er halb verdeckt war. Doch dann kam der Triumph: ein kurzes Zitat in der großen Abendzeitung, als sie eine Sommerreportage über das Bergwerk in Falun gemacht hatten. Dort war sein Gesicht übrigens vollständig zu sehen. Apropos Gesicht … Dykedivers, er durfte nicht vergessen, warum er hier war.

Erik blieb stehen.

Als seine Füße ihm nicht mehr gehorchten, wusste er, dass er jetzt wirklich umkehren musste. Er warf einen Blick auf seinen Tiefenmesser, der unfassbare zweihundertundzwölf Meter anzeigte. Fast fünfzig Meter tiefer als die Mädels, und er hatte es ohne jede Hilfe geschafft.

Mit steifgefrorenen Fingern nahm er die Sprühdose zur Hand und sprayte zittrig eine neue Signatur an die Wand: »E-H, 212 Meter«. Dann dachte er kurz nach und fügte schließlich »ad extremum« hinzu. Ein schöner Ausdruck, den er einmal im Fernsehen gehört hatte. Ad extremum – aufs Äußerste, wenn sie ihn richtig übersetzt hatten.

Schließlich noch ein paar Bilder mit der Unterwasserkamera. Dieses Mal behielt er die Neoprenhaube auf, die Kälte ließ nichts anderes zu. Als er das Foto auf dem Display betrachtete, sah Erik, dass seine Augen vom Sauerstoffmangel ziemlich gerötet waren. Er ließ das Licht seiner Stirnlampe ein letztes Mal über die Wände des Tunnels gleiten. Da war etwas, das …

Er machte einen Schritt näher.

Dann traf der Lichtkegel erneut auf rostiges Metall. Noch eine Tür? Er sollte jetzt wirklich umkehren.

Ja, es war eine weitere Eisentür, dieselbe Struktur, derselbe Riegel, ebenfalls auf der Innenseite. Und dieselbe … Kreide?

NÁSTRÖNDU

Die stickige Luft strömte in seine Lungen. Náströndu? Doch es spielte keine Rolle, was dort auf dem rostigen Metall stand, denn er hatte sich entschieden, jetzt würde er …

Er drückte leicht gegen die Tür.

Sie gab sofort nach und öffnete sich mit quietschenden Angeln. Als Erik seine Atmung wieder einigermaßen unter Kontrolle hatte, traute er sich schließlich vorwärts, um einen Blick hindurchzuwerfen.

Direkt hinter der Tür wand sich eine Treppe steil nach unten.

Noch zehn Minuten.

Er stellte die Zeit auf seiner Taucheruhr ein, während sich die Gummischuhe bei den ersten Schritten knirschend vom Boden lösten. Die Treppe bestand aus einer engen Spirale, die ihn Windung für Windung immer tiefer führte. An ihrem Ende öffnete sich – tja, wie sollte man es nennen? Eine Krypta? Oder nein, eine große Grotte. Ja, eine große natürliche Grotte war es, bestimmt zwanzig Meter hoch.

Von der Decke sickerte Wasser herab, ein verhaltenes Tropfen und Plätschern von Flüssigkeit, die sich in einem übervollen Bassin sammelte. In der Mitte des Bassins erhob sich ein Stein, und auf dem Stein stand etwas, das einem Sack glich. Die Luft ließ sich nur schwer einatmen, sie war wie zähflüssiger Lehm, und der Gestank, den sie mit sich führte, war schlimmer denn je.

Eine kurze Runde nur und dann noch ein paar Bilder.

Er versuchte sich so lautlos wie möglich zu bewegen, doch jede seiner Berührungen mit dem erdigen Untergrund hallte durch die Felsengrotte. Er hielt inne, um sich ein wenig zu beruhigen und lauschte dem Geräusch der herabfallenden Tropfen. Das Licht seiner Stirnlampe huschte über die Wände. Rechts von ihm glitzerte eine Kupfererzader, die sich bis nach oben an die Decke der Grotte zog. Und links?

Erik fuhr zusammen, als er etwas entdeckte, das wie eine gewölbte Öffnung anmutete. Doch als er näher kam und den Handschuh über die harte Oberfläche des Felsens gleiten ließ, begriff er, dass er sich vom Schattenspiel hatte täuschen lassen. Er leuchtete ein letztes Mal nach links, um dann … aber da war doch etwas!

Dieselben unregelmäßigen Kreidestriche – doch diesmal hatte sich der Schreiber um mehr als nur ein Wort bemüht.

Erik konnte die asymmetrischen Zeilen kaum entziffern. Er nahm die Kamera zur Hand. Es blitzte auf, und er sah misstrauisch aufs Display hinunter.

 

Auf dem Weg zurück zur Treppe fiel ihm ein, dass er vielleicht ein Souvenir aus dem Herzen des Berges mitnehmen könnte. Zum Beispiel etwas aus diesem Sack, der dort hinten auf dem Stein im Becken der Grotte stand …? Das Nächste, was er spürte, war die Kälte, die ihn umgab, als er in das Wasser hineinwatete, das ihm bis zur Taille reichte. Als er endlich den Sack erreichte, sah er, dass er mit etwas bedeckt war, das wie ein verschimmeltes Netz aussah.

Erik zog die Handschuhe aus, um besser greifen zu können.

Ein schlüpfriges Wirrwarr von grauen und schwarzen Fäden, die von Feuchtigkeit durchtränkt waren. Er schob sie ein wenig zur Seite und erblickte einen eingewickelten Gegenstand mit einem Schaft. Vielleicht ein Werkzeug, das irgendwo hängengeblieben war? Er zog an dem Schaft aus weiß glänzendem Metall. Doch der Schaft ließ sich nicht lösen, er schien festgebunden zu sein. Erik befühlte ihn weiter oben an der glatten Oberfläche und stieß auf zwei, nein drei geschnürte Seile.

Er kramte sein Titanmesser hervor und schnitt mit der sichelförmigen Klinge das erste Seil durch. Es knirschte. Knirschte? War das Seil so alt, dass es bereits versteinert war?

Er griff nach dem zweiten Seil und machte einen weiteren Schnitt. Ein erneutes lautes Knirschen, und jetzt begann sich der gesamte Sack zu bewegen. Trotz der Kälte spürte Erik, wie ihn eine Welle fiebriger Hitze erfasste. Er durchschnitt auch das dritte Seil und merkte dann, wie er erleichtert ausatmete.

Als sich der Schaft löste, war sein erster Eindruck, dass er einem ungewöhnlich langen Schlüssel glich. Doch als der flackernde Lichtschein der Stirnlampe den Gegenstand beleuchtete, stellte er fest, dass es sich um eine Art Kreuz handelte. Es hatte einen Längs- und einen Querbalken, aber oberhalb des Querbalkens befand sich eine Öse. Sie leuchtete in der Dunkelheit weiß und besaß die ovale Form einer Schlinge.

Erik griff mit seiner nackten Hand in das feuchte Gewirr von Fäden und versuchte sie vollständig zur Seite zu schieben, um an den Inhalt des Sacks zu gelangen. Doch die Fäden schienen festgenäht zu sein, so dass er sie fester umschloss und kräftig an ihnen zog. Zu spät bemerkte er, dass er viel zu viel Kraft aufgewendet hatte. Im Ziehen kam ihm der gesamte Sack entgegen, und er machte stolpernd ein paar unsichere Schritte zurück, bis er durch die Wucht seines eigenen Körpergewichts nach hinten überkippte.

Sein Kopf verschwand im eisigen Wasser des Beckens. Und als er nach mehrfachem Wegrutschen endlich wieder zum Sitzen hochkam, sah er im Schein seiner Stirnlampe ein verzerrtes Gesicht vor sich. Die starr blickenden Augen einer Frau waren von einer straff gespannten, pergamentartigen Haut umgeben, und oberhalb der Nasenwurzel klaffte ein Loch auf ihrer Stirn, das so groß war wie eine Münze.

Dann spürte er, wie die drei abgeschnittenen Stumpen unter Wasser an seine Hände stießen. Er hatte keine festgezurrten Seile abgeschnitten, sondern die Finger der Frauenhand. Er wich instinktiv zurück, doch ihr Kopf folgte ihm, als wäre sie eine Stoffpuppe. Er zog noch einmal und stellte fest, dass die Fäden, die er in der Hand hielt, die langen Haare der Leiche waren.

Als er unbewusst durch die Nase einatmete, vernahm er durch den Gestank hindurch deutlich ihren Körpergeruch. Die Frau roch nach Blut und Eisen und nach einer sommerwarmen Scheunenwand. Ein Geruch, den Erik sofort zuordnen konnte. Sie roch nach der roten Farbe, die man im Kupferbergwerk von Falun gewann.

2Der Dalakurir

Der Dalakurir war eine Zeitung mit wohlwollenden Chronisten und scharfzüngigen politischen Kolumnisten, doch was Nachrichten anbelangte, gehörte man wahrhaftig nicht zu den führenden Redaktionen des Landes. Dennoch besaß der Nachrichtenchef in Falun eine gewisse instinktive Fähigkeit: Er konnte zum richtigen Zeitpunkt das Telefon abheben.

Der Tipp war am Sonntagnachmittag um halb vier hereingekommen, just zu einer Zeit, zu der es ihm am trostlosesten erschien, Lückenfüller aus Gagnef und Hedemora zu verfassen.

Die knisternde Handyverbindung hatte es erschwert, nähere Details aufzufassen, doch die hauptsächliche Botschaft des freiberuflichen Fotografen war einfach gewesen: Es ging um einen Coup sondergleichen. Im Großen und Ganzen handelte die Story, wenn der Nachrichtenchef es richtig verstanden hatte, von einem Mädchen (Teenager?), das erschlagen (Sexmord?) in einem Bergwerksschacht (spektakulärer Sexmord?) gefunden worden war.

Der Mann, der die Leiche fand und SOS funkte – nach Aussage des Fotografen offenbar eine Art Taucher –, hatte eine ganze Menge Zahlen heruntergerattert, bevor das Gespräch unterbrochen wurde. Zahlen, die die Mitarbeiter in der Zentrale schließlich als GPS-Koordinaten deuten konnten. Daraufhin hatte sich der überwiegende Teil des Rettungsdienstes der gesamten Dalarna in Bewegung gesetzt, um die Position im Wald anzusteuern: drei Polizeipatrouillen, ein Wagen der polizeilichen Einsatzleitung, zwei Krankenwagen plus Feuerwehr, und in diesem Fall idealerweise noch ein Bediensteter der Behörde Bergsstaten, der sich mit Bergwerken und Gruben auskannte.

Nach einer frustrierenden Runde durch die sonntäglich leere Redaktion auf der Suche nach einem Reporter, der sich der Sache annehmen konnte, fand der Nachrichtenchef endlich einen willigen Handlanger: die zusätzliche Hilfskraft des ›Dalakurir‹ – einen hoch aufgeschossenen Praktikanten aus Stockholm.

Nach einem zweiminütigen Gespräch war der Praktikant losgezogen und hatte sich hinunter durchs Treppenhaus mit den vergilbten Schlagzeilen an den Wänden auf den Weg hinaus in den Innenhof zu den Redaktionswagen des ›Dalakurir‹ gemacht.

Der Nachrichtenchef sandte ein stilles Gebet zum Himmel und nahm dann Kurs zurück auf seinen Schreibtisch. Welche anderen Redaktionen hatten den Tipp noch bekommen? Er passierte im Laufschritt die Reihen der gräulich blassen Bildschirme der Redakteure, auf denen die morgige Zeitungsausgabe bereits Form anzunehmen begann. Welche Seiten müssen verändert werden? Selbstverständlich die erste – aber welche noch: Handelte es sich hier um einen Artikel für Falun, oder sollte sich erweisen, dass es um eine richtig große Sache ging, die auf die Inlandsseiten gehörte?

Diese gedankliche Auseinandersetzung hatte etwas Lähmendes, und zurück an seinem Schreibtisch schaute der Nachrichtenchef sehnsüchtig in Richtung des Raucherbalkons. Doch dann begnügte er sich mit seinem Kaffeebecher, der mitten im Chaos zwischen ungelesenen Artikeln stand.

Er leerte seinen Inhalt in einem gierigen Zug und schluckte dabei sowohl den Bodensatz als auch ein Stück Kautabak. Mit einer Grimasse spuckte er den Rest der Pampe in seinen übervollen Papierkorb und begann den kurzen Text für die Webauflage des ›Dalakurir‹ zu verfassen. Er wusste, dass er unmittelbar von der privaten Nachrichtenagentur Tidningars Telegrambyrå aufgegriffen werden würde. Dann würde die rot unterlegte Kurzmeldung von TT alle anderen Redaktionen in Bewegung setzen, und überall würde man einleitend auf die Meldung des ›Dalakurir‹ verweisen:

AKTUELL: AUSSERHALB VON FALUN

ERMORDETE200 METER UNTER DER ERDE GEFUNDEN

*

Das Handy zwischen Schulter und Wange eingeklemmt, bog der Praktikant mit quietschenden Reifen in den Waldweg unmittelbar südlich von Falun ein. Vor ihm spritzte der Schotter der Reifen des Fotografen auf. Es war etwas schwierig, zu fahren und gleichzeitig zuzuhören, aber wenn der Praktikant die Anweisungen des Fotografen richtig verstand, lag das Ziel offenbar an einer Art Rastplatz.

Er ließ das Handy fallen, woraufhin es zwischen den Pedalen auf der Fußmatte des Fahrerraums hin- und herhüpfte. Dann schnalzte er mit der Zunge, sein Mund war völlig ausgetrocknet. Seine Finger hielten das Lenkrad so fest umschlossen, dass die Knöchel weiß wurden, während er riss und zog, um den Redaktionswagen in den Kurven in der Spur zu halten. Doch schließlich öffnete sich vor ihm eine gerade Strecke, und als er die blinkenden Lichter in einiger Entfernung sah, begriff er, dass sie endlich den richtigen Weg gefunden hatten.

Mehrere Tische auf dem Rastplatz waren in den Graben befördert worden und lagen mit ihren eingebauten Bänken wie Käfer auf dem Rücken da. Die Polizei musste sie beiseitegeräumt haben, um Platz für alle Rettungsfahrzeuge zu schaffen. Die Wagen mit angeschaltetem Blaulicht waren gezwungen, in so dichten Reihen zu parken, dass die Motorhauben der Krankenwagen den Waldweg nahezu blockierten. Ein Stück weiter vorne standen die Leiterwagen der Feuerwehr zur Hälfte im Straßengraben, und erst, als sich der Praktikant auch an ihnen vorbeimanövriert hatte, war wieder Platz genug, so dass er den Wagen ausrollen lassen und parken konnte.

Als er die Wagentür aufstieß, schlug ihm zunächst eine rauschende Stille entgegen, bis er hinten am Waldrand einen Hund bellen hörte. Der Praktikant rief dem Fotografen etwas zu und signalisierte ihm, sich zu beeilen, woraufhin sich die beiden in ihren schlappenden Slippern ins Dunkel des Fichtenwaldes begaben. Bald hörten sie direkt vor sich die Schäferhunde der Polizei, so dass sie im dichten Nebel nur ihrem Gebell folgen mussten.

 

Die gesamte Grubenöffnung war bereits abgesperrt: Dünnes flatterndes Plastikband schirmte den überwiegenden Teil des abschüssigen Geländes um den Schacht herum ab. An der Kante des Lochs standen ein halbes Dutzend Polizisten und einige Feuerwehrmänner, die in eine chaotische Diskussion darüber vertieft zu sein schienen, was man als Nächstes zu tun hatte.

Hinter ihnen saß eine einsame Gestalt auf einem Steinblock. Die Scheinwerfer, die die Rettungsmannschaft etwas entfernt auf den Schacht gerichtet hatten, ließen seinen schwarzen Taucheranzug glänzen. Die Haube hatte er abgenommen, das grob geschnittene Gesicht war gerötet und etwas aufgeschwemmt, und seine Augen erschienen dem Praktikanten wie offene Wunden, als sie sich auf ihn hefteten.

Der Fotograf versetzte ihm einen Knuff in die Seite, woraufhin der Praktikant allen Mut zusammennahm, sich bückte und unter dem Plastikband hindurchglitt.

 

»Sie sind derjenige, der sie gefunden hat, oder?«

Anfänglich schien es, als hätte der Taucher die Frage nicht gehört. Er saß einfach nur still da und schaute auf seine großen Hände, doch dann nickte er steif.

»Was ist denn da unten geschehen?«, fragte der Praktikant flüsternd, während er zu den Polizisten hinüberschielte.

»Etwas … etwas absolut Schreckliches, glaube ich«, antwortete der Taucher.

Der Praktikant sah vor seinem inneren Auge einen nackten Körper, ein junges Mädchen, das zu Boden gestoßen in der klaustrophobischen Dunkelheit dort unten lag. Seine Atmung wurde automatisch schneller.

»Und … wie alt war sie?«

»Wie alt? Tja, was weiß ich.«

Der Taucher blinzelte unsicher, als sich ihre Blicke begegneten.

»Ihr Körper fühlte sich an wie der eines kleinen Mädchens. Ganz weich, so, als würde sie noch leben. Und sie wog auch eigentlich nicht viel. Es war nur so, dass ich ausgerutscht bin, als ich sie anhob, und dann lag sie plötzlich über mir. Sie hatte etwas an …«

»Wie sah sie aus, hatte sie irgendwelche Verletzungen?«

»Langes Haar …«

Der Taucher fuchtelte mit der Hand und versuchte, es zu zeigen.

»Vor ihrem Gesicht war ein ziemliches Wirrwarr von Haaren. Ich hab danach gegriffen, weil ich dachte, es wären eine Menge loser Fäden.«

»Aber hatte sie denn irgendwelche Verletzungen?«

»Ja, ja! Oberhalb der Augen klaffte so etwas wie ein Loch … es war …«

Eine Kamera blitzte auf, der Fotograf hatte sich in ein paar Metern Entfernung hingehockt. Zum ersten Mal sah der Taucher den Praktikanten jetzt mit einem gewissen Interesse an, während es in seinem Mundwinkel zuckte.

»Sagen Sie mal … kommt das hier in die Zeitung?«

 

In der Redaktion war es dem Nachrichtenchef gerade gelungen, sein Headset aus einem Wust von Gegenständen in seiner Schreibtischschublade herauszufischen, woraufhin er mit beiden Händen begann, das Zitat des Praktikanten in seinen Computer einzutippen.

AKTUELL: SEXMORD IM BERGWERKSSCHACHT

DIE WORTE DES TAUCHERS

»Nur im Dalakurir, können Sie hinzufügen«, sagte der Praktikant, denn er sah gerade, wie die Polizisten den kräftig gebauten Taucher in den Wald führten. Die Rettungskräfte folgten ihnen mit herabhängenden Tragen.

 

Dann begann eine Zeit des zufriedenen Wartens. Der Dalakurir war nicht nur der Erste gewesen, sondern auch am weitesten gekommen.

Der Praktikant und sein Fotograf hatten sich am Stamm einer Kiefer niedergelassen, wo sie immer dichter zusammenrutschten, um sich vor der Abendkälte zu schützen. In der Zwischenzeit versammelten sich eine Reihe anderer Teams in der Dunkelheit. Sveriges Radio und TT waren vor Ort, die Abendzeitungen natürlich, und unter den Scheinwerfern hatten TV4 und das staatliche Fernsehen ihre Kameras und Stative aufgebaut. In regelmäßigen Abständen nahmen die Reporter Kontakt zum Einsatzleiter der Bergungsaktion am stinkenden Loch auf, um ihre Berichte zu aktualisieren, doch die Auskünfte variierten von Mal zu Mal.

Anfänglich sollte ein lokaler Sporttauchklub dabei helfen, die Ermordete aus dem Schacht zu bergen. Doch dann wurde der Auftrag an die Taucher der Küstenwache in Härnösand weitergeleitet. Gegen halb acht jedoch hatte offensichtlich ein hoher Beamter in Stockholm zufällig seinen Fernseher eingeschaltet, denn plötzlich sollte eine Spezialeinheit des Nationalen Einsatzkommandos das Problem lösen. Trotz der Tatsache, dass die Stockholmer einen Helikopter angefordert hatten, dauerte es gute drei Stunden, bevor sie vor Ort eintrafen. Da war es bereits nach elf Uhr abends. Und bis dahin, also den gesamten Nachmittag und Abend lang waren alle Redaktionen gezwungen, den Dalakurir und das kurze Interview des Praktikanten zu zitieren. Der stellvertretende Chefredakteur hatte zur Feier des Tages einen Korb mit Zimtschnecken auf den Tisch des Nachrichtenchefs gestellt.

 

Als das Einsatzkommando in schwarzen Combat Uniformen eintraf, veränderte sich das Bild. Der Einsatzleiter aus Falun musste sich vom Schacht entfernen, es wurden neue Absperrungen gezogen, und entlang der Kante des Grubenlochs wurde ein schwerer Sichtschutz aus verstärktem Plexiglas im vertrockneten Gras aufgebaut. Die Taucher aus Stockholm kontrollierten ihre Sauerstoffflaschen, und Fernsehkameras konnten einfangen, wie durchtrainierte Männer in Gummi- und Neoprenanzüge schlüpften.

Die Polizisten aus Falun standen mit verschränkten Armen wie Zuschauer da, als sich das erste Paar Taucher in die Grube abseilte. Und als sie wieder hochkamen, reagierten die Faluner nicht schnell genug, so dass ihnen der Leiter des Einsatzkommandos, dem es geglückt war, eine rasch anberaumte improvisierte Pressekonferenz zu arrangieren, zuvorkam.

Die Journalisten versammelten sich im Licht der Scheinwerfer um ihn herum. Der freiberufliche Fotograf hielt die Kamera mit ausgestrecktem Arm vor sich, neigte sie etwas nach unten und machte ein Foto von einem Mann mit kurzem Stoppelhaar, faltigem Gesicht und autoritärem Auftreten.

»Also, hören Sie gut zu. Lassen Sie uns etwas Klarheit in das Ganze bringen«, begann der Einsatzleiter. »Wenn wir es richtig verstanden haben, ist bereits ein Teil von euch Medienleuten mit Informationen an die Öffentlichkeit gegangen, bevor ihr überhaupt wusstet, worum es hier geht.«

»Sollen wir etwa erst um Erlaubnis bitten, oder was?«, hörte man einen Reporter des staatlichen Fernsehens ausrufen, der aus der Meldung des Dalakurir um sechs, halb acht und um neun Uhr Direktsendungen produziert hatte.

Ein Journalist von der großen Abendzeitung war ebenfalls verärgert:

»Worum es hier geht? Wie, worum es hier geht? Es geht um eine Frau, die ziemlich weit unten in einem Bergwerksschacht ermordet wurde, und das ist auch das Einzige, was wir berichtet haben. So hat es derjenige, der sie gefunden hat, doch gesagt.«

»Also dann …«, erwiderte der Einsatzleiter. »Ich weiß zwar nicht, wie Sie an diese Informationen gelangt sind. Aber lassen Sie uns ganz vorne anfangen. Zum Ersten, dort unten im Schacht wurde keine Frau gefunden.«

Die Journalisten reckten die Hälse.

»Keine Frau also, sondern ein Mann.«

Der Praktikant spürte, wie ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief. Dann begann er selber zu protestieren:

»Aber es war doch eine Frau! So hat er es doch gesagt, der Typ, der sie gefunden hat!«

»Ich weiß ja nicht, mit wem Sie gesprochen haben«, entgegnete der Einsatzleiter trocken, »aber bei der Leiche da unten handelt es sich um einen Mann. Und dieser Mann ist bereits seit mehreren Tagen tot, vielleicht auch länger, vielleicht sogar sehr viel länger. Wir gehen folgendermaßen vor: Bevor unsere Taucher die Leiche hochholen, wird sie professionell verpackt, so dass wir technische Spuren sichern können. Und vergessen Sie nicht, dass keiner von uns weiß, aus welchen Gründen dieser Mann starb. Nach Auskunft unserer Taucher gibt es nichts, was eindeutig darauf hinweist, dass es sich um einen Mord handelt.«

»Gibt es denn etwas, das dagegen spricht?«, versuchte es der Praktikant.

Die Kiefermuskeln des Einsatzleiters spannten sich an, und es sah aus, als hätte er vor, zu antworten. Doch dann beendete er stattdessen seine Ausführungen mit den Worten:

»Das war alles, danke, und in Zukunft bitte ich Sie darum, sich an die Fakten zu halten. Wir werden unsere Absperrung aus Rücksichtnahme auf eventuelle Angehörige nun auf einen Radius von ungefähr zweihundert Metern ausweiten. Sie können also Ihre Gerätschaften zusammenpacken.«

 

Trotz aller Abschirmungsmaßnahmen zeigten am nächsten Morgen beide Abendzeitungen des Landes das Bild: eine Männerleiche, die aus einem Bergwerksschacht gehoben wurde und bis zum Kinn in einen Bodybag des Einsatzkommandos gehüllt war.

Sein langes Haar rahmte ein blutleeres Gesicht ein, und das Blitzlicht der Kameras ließ die weiß durchsetzten Strähnen in einem strahlenden Kranz aufleuchten, der wie eine Glorie wirkte. Doch das Detail, welches die Zeitungskäufer am deutlichsten in Erinnerung behalten würden, war vermutlich das tiefe Loch, das unmittelbar oberhalb der Nasenwurzel des Mannes wie ein drittes Auge in seinen Schädel geschlagen worden war.

3Der Asenmord

Es war eine ziemlich schweigsame Morgenbesprechung am langen Konferenztisch des Dalakurir. Man war die Tagesliste im Hinblick auf mögliche Folgeartikel durchgegangen und noch wichtiger: wer von ihnen den Job machen sollte. Von dem Irrtum in Bezug auf das Geschlecht der Leiche war keine Rede mehr, das Tuscheln der Gerüchteküche war zusammen mit dem Gemunkel, dass der Praktikant aus Stockholm die polizeilichen Ermittlungen wahrscheinlich auch weiterhin untergraben würde, in Richtung der Kaffeeautomaten des Zeitungshauses weitergezogen.

Doch es spielte eigentlich keine Rolle, wer in Zukunft die Berichterstattung übernehmen würde, denn nun hatten die Abendzeitungen ihre Teams eingeflogen, und der Dalakurir würde bald ins Hintertreffen geraten.

 

Wie sich herausstellte, wohnte der Taucher Erik Hall in einem Sommerhaus ein Stück außerhalb von Falun. Von der Straße aus konnte der Praktikant die Sprossenfenster der Glasveranda erkennen. Um näher heranzukommen, würde er allerdings gezwungen sein, einen brusthohen Holzzaun zu überwinden. Doch unmittelbar hinter dem Gartentor stand wie ein Wächter eine wieselartige Figur in brauner Lederjacke.

Wie es aussah, war das Wiesel gerade damit beschäftigt, mit einem schwarzen Filzstift etwas in Druckbuchstaben auf ein Stück Wellpappe zu schreiben: »Achtung! Privatgelände!« Dann befestigte es das Pappstück am Tor und lief wieder zurück in Richtung Veranda, wo sich eine Tür öffnete und hinter seinem schmalen Rücken wieder schloss.

Als die übrigen Medienleute den Weg zu Halls Sommerhaus gefunden hatten, war es bereits zu spät. Der Taucher ging weder ans Telefon noch ließ er irgendeinen weiteren Journalisten herein.

Stattdessen mussten sie vor dem Holzzaun sitzen und eine ganze Weile ausharren, bis das Wiesel schließlich mit seinem Fotografen im Schlepptau durch die Glasveranda wieder herausgehuscht kam. Bei dem Versuch, ein Bild vom Schatten des Tauchers hinter den Fenstern zu schießen, prasselten die Blitzlichter der Kameras wie ein Platzregen los, doch keiner hatte Glück.

Auf dem Weg zum Tor winkte das Wiesel seinen Konkurrenten fröhlich zu und lief in Richtung seines Wagens und zischte in dem Moment, als es den Praktikanten passierte, das Wort »Extraausgabe«.

 

Die frisch gedruckten Stapel mit Zeitungen erschienen noch am selben Tag gegen vier Uhr nachmittags. Das exklusive Interview mit Erik Hall und die Berichterstattung über den Mord reichten für die Schlagzeile auf der Titelseite, für Seite eins und die Seiten sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf, dreizehn, vierzehn, fünfzehn, sechzehn, siebzehn, achtzehn sowie die Mittelseite.

Die erste Seite war nahezu pechschwarz vor lauter Druckerschwärze: eine dunkle Fotografie, die in grober Auflösung unregelmäßige Kreidestriche in der Tiefe eines Grubenschachts abbildete. Sicherheitshalber hatte man das abgebildete Zitat noch einmal im Klartext geschrieben, sowohl auf Altisländisch als auch in schwedischer Übersetzung:

UM RAGNARÖKKR

 

Sal veit ek standa sólu fjarri Náströndu á,

norðr horfa dyrr

Falla eitrdropar inn of ljóra

Sá er undinn salr orma hryggjum

Skulu Þar vaða Þunga strauma

Menn meinsvara ok morðvargar

 

AUS RAGNARÖK

 

Einen Saal sah sie, der Sonne fern,

in Nastrand,

die Türen sind nordwärts gekehrt.

Gifttropfen fallen durch die Fenster nieder;

aus Schlangenrücken ist der Saal gewunden.

Sie sah im starrenden Strome waten

Meuchelmörder und Meineidige.

Die Rubrik auf Seite sechs lautete:

WILLKOMMEN IN DER HÖLLE

Auf Seite sieben:

NIFLHEIM – DAS REICH DER HEL

Seite acht:

IN EINEM HEIDNISCHEN RITUAL GEOPFERT?

Neun:

NÁSTRÖNDU – DER SAAL DER MÖRDER

Und so weiter, und dann eine pathetische Einleitung des Hauptartikels:

FALUN:

Sein Leben fand am Strand der Toten ein Ende.

Der Schlag zwischen die Augen ist offensichtlich mit brutaler Kraft und Präzision ausgeführt worden. Drei Finger der rechten Hand sind abgeschnitten.

An der nördlichen Wand der Krypta hat der Mörder mit weißer Kreide das Eingangstor nach Niflheim gemalt – das Reich der nordischen Totengöttin Hel. Die Hölle. Die Unterwelt.

Die Polizei hat nun folgendes Rätsel zu lösen: Handelte es sich um ein Menschenopfer?

Lesen Sie ein exklusives Interview mit dem Taucher Erik Hall, 38, das die Wahrheit über den ASENMORD offenbart.

In dieser Situation ging es lediglich darum, sich so weit es möglich war dranzuhängen. Die andere Abendzeitung war ebenfalls schnell und schaffte es bis zum nächsten Morgen tatsächlich, eine völlig neue sechsunddreißig Seiten umfassende Beilage zu produzieren.

RITUALMORD IM BERGWERK

Die blutige Religion – Die Opfer und Riten des Asenglaubens

Der fundierteste Anteil des Inhalts bestand aus einer Auflistung aller neoheidnischen Vereinigungen im gesamten Land und ihrer eventuellen Verbindungen zu rechtsextremistischen und neonazistischen Gruppierungen.

Am selben Morgen schoss sich die Diskussionssendung von TV4 völlig auf die heidnische Spur ein, während das Morgenprogramm des staatlichen Fernsehens zwei New-Age-Tanten darlegen ließ, dass es sich beim Asenglauben heutzutage lediglich darum handelte, Früchte, Blumen und Brot zu opfern und die richtige Bezeichnung außerdem »altertümliche Bräuche« lautete. Dann kam ein Professor für Kriminologie zu Wort und warnte davor, voreilige Schlüsse zu ziehen. Außerdem wies er darauf hin, dass die meisten Morde im zwischenmenschlichen Umfeld verübt würden. Danach kam das Wetter.

Beim Dalakurir war die Stimmung zu diesem Zeitpunkt recht gedämpft. Von der Position des endlich einmal führenden Nachrichtenblatts war man nun völlig in den Hintergrund geraten. Asenmord? Existierte dieser Begriff überhaupt? Und wer kannte schon irgendwelche Leute in Falun oder notfalls auch in Grycksbo oder Bengtsheden, die daran glaubten?

Der Praktikant aus Stockholm und die anderen Reporter hatten jegliche ihrer Kontaktpersonen bei der Polizei in Falun angerufen, um im Hinblick auf den Stand der Ermittlungen mehr in Erfahrung zu bringen. Doch im Polizeigebäude drüben in der Kristinegata hielt man sich aufgrund des Verdrusses über die unglückliche Publikation dieser verrückten Verse und die Begriffe »Niflheimr« und »Náströndu« bedeckt.

 

Am Morgen darauf gab das staatliche Fernsehen seine skeptische Haltung auf und passte sich an. Man hatte es irgendwie geschafft, den Taucher Erik Hall aus seinem Sommerhaus zu locken und ihn für ein Studiointerview nach Stockholm hinunterzufliegen.

Auf den roten Polstern des Morgensofas saß an Halls Seite ein älterer Universitätsprofessor mit fahler gräulicher Haut, der Don irgendetwas … Titelman? oder so hieß. Der Praktikant musste die Aufnahme auf seinem Computer zurückspulen, um sein Namensschild noch einmal lesen zu können. Ja, Don Titelman, Dozent für Geschichte, Universität Lund.

Doch als Erik Hall zum wiederholten Mal die Erlebnisse im Zusammenhang mit seinem kuriosen Tauchgang im Bergwerk schilderte, schienen keine neuen Aspekte hinzuzukommen, woraufhin der Praktikant Titelmans langatmiges Exposé im Schnelldurchlauf vorwärtsspulte, in dem der Dozent die neonazistische Faszination für die altnordische Mythologie der Thule-Gesellschaft von einem Mann mit dem Namen Karl Maria Wiligut herleiten wollte.

Dämliches, langweiliges staatliches Fernsehen, dachte der Praktikant und trottete resigniert die Treppe zur morgendlichen Besprechung beim Dalakurir hinunter.

4Bube

Es gab einen einzigen Menschen, den Don Titelman vorbehaltlos geliebt hatte, und das war seine Großmutter, seine jiddische Bube. Sie war die Erste, die ihn richtig ernst genommen hatte. Er konnte sich noch daran erinnern, dass er sich geradezu auserwählt vorkam, als sie sich zum ersten Mal an ihn als Vertrauten gewandt hatte. Da war er gerade mal acht Jahre alt gewesen.

*

Bubes 50er-Jahre-Haus mit seinem Geruch nach Mottenkugeln, ungelüfteter Garderobe und verrottendem Tang war für Don die Erinnerung an Sommer. Seine Eltern hatten ihn jedes Jahr bereits Anfang Juni bei ihr in Båstad abgesetzt, um ihn dann im September widerwillig abzuholen und wieder nach Stockholm hochzufahren. Er kam jedes Mal mindestens zwei Wochen zu spät zum Schulanfang.

Das Haus war ziemlich heruntergekommen. Der Putz in großen Stücken von der Fassade heruntergebrochen, und die Rasenfläche im Garten zunehmend mit verfaulenden Früchten übersät, die keiner von ihnen ernten konnte. Er aus Faulheit, bei Bube waren es die Beine, die sie nicht länger trugen.

Die letzten Sommer hatte sie es nicht mal mehr geschafft, die einzige Treppe im Haus nach oben zu erklimmen, so dass Don das gesamte Obergeschoss für sich allein hatte. Trotz des Staubs und der mit Efeu zugewachsenen Fenster fand er es besser, dort oben zu schlafen als im Erdgeschoss, denn während der Nächte konnte Bube keine Ruhe finden.

Im Schlafzimmer oberhalb der Treppe hatte er Nacht für Nacht ihrem monotonen Ritual gelauscht. Zuerst die knarrenden Schritte auf dem Parkett und dann der schwere Seufzer, der offenbarte, dass sie auf das Manchestersofa niedergesunken war. Dort pflegte sie eine Weile zu sitzen, und er wusste, dass sie sich nach vorne beugte und ihre Finger entlang der Narben und Vertiefungen ihrer Haut gleiten ließ. Dann das Geräusch, wenn sie wieder aufstand, und schließlich noch eine Runde, ein weiterer Seufzer und das Quietschen der Federn, wenn das Sofa sie für die nächste Ruhepause in Empfang nahm.

So ging es immer weiter, bis sich ein Rhythmus bildete, der ihn jede Nacht in den Schlaf wiegte.

 

Sie war im Juli 1942 nach Ravensbrück deportiert worden, wo die medizinischen Experimente unmittelbar einsetzten.

Die SS-Ärzte hatten den bakterienabtötenden Effekt von Sulfonamid bei schweren Infektionen nach Schussverletzungen untersuchen wollen. Man hatte erklärt, dass die Versuche der deutschen Wehrmacht dienlich sein würden und aus diesem Grund möglichst wirklichkeitsgetreu durchgeführt werden mussten. Die ersten Versuchskaninchen waren fünfzehn Lagerinsassen gewesen, allesamt Männer.

Die Ärzte hatten ihre Wadenmuskeln von der Ferse bis hinauf zur Kniekehle aufgeschnitten. Dann hatten sie eine Lösung mit Bakterien in die Oberfläche der Wunden einmassiert, um eine mittelschwere Infektion auszulösen. Die Bakterien waren vom Hygiene-Institut der Waffen-SS gezüchtet worden. Der Hintergrund für die Idee, lediglich die Unterschenkel der Männer aufzuschneiden, war die Aussicht darauf, auf Höhe der Kniekehle amputieren zu können, wenn der Wundbrand anfing sich auszubreiten. Die offenen Wunden wurden also mit Sulfonamidpulver eingepudert und dann wieder zugenäht.

Neugierig hatten die SS-Ärzte gewartet, was geschehen würde, doch man musste bald feststellen, dass die Wunden allzu schnell verheilten. Das Ganze erinnerte in keiner Weise an die Szenarien, die sich an der Front abspielten, was zu der Schlussfolgerung führte, dass man sich nicht hinreichend vorbereitet hatte.

Also wurde eine neue Versuchsgruppe gebildet, dieses Mal mit ungefähr sechzig Frauen. Alle waren jung, unter dreißig, und eine der Auserwählten war Dons Großmutter, seine Bube. Die Ärzte des Konzentrationslagers hatten ihre Waden mit tiefen Schnitten versehen, von den Achillessehnen bis hinauf zu den Kniekehlen. Um das Ganze mehr nach einem Kriegsschaden aussehen zu lassen, hatte man nicht nur anaerobe Bakterien in die Wunde massiert, sondern auch Glasscherben, Erde und Hobelspäne hineingedrückt. Bubes Beine waren daraufhin unmittelbar angeschwollen und füllten sich mit Eiter; sie lag in Fieberträumen, aus denen sie nicht einmal die Schreie der anderen Frauen wecken konnten. Doch dann wirkte das Sulfonamid, und nach ein paar Tagen war es offensichtlich, dass keine der Frauen an ihren Infektionen sterben würde. Das Experiment war also immer noch nicht naturgetreu genug.

Die Oberärzte Oberheuser und Fischer waren daraufhin zu einer Wochenendkonferenz nach Berlin gereist, wo man die missglückten Versuche mit einigen Kollegen diskutierte.

Die deutschen Ärzte waren sich schnell einig, dass Bakterien, Glasscherben, Erde und Hobelspäne allein nicht ausreichen würden. Man musste außerdem den Blutkreislauf unterbrechen. Man hatte herausgefunden, dass bei echten Schussverletzungen immer mehrere der wichtigsten Blutgefäße verletzt werden. Doch als man die Beine in dieser kontrollierten Art und Weise aufgeschnitten hatte, konnte das Blut weiterhin zirkulieren, ein Faktum, das den Wundbrand offenbar daran hinderte, tödliche Wirkung zu entfalten.

Der erste Vorschlag lautete demnach, den Frauen ganz einfach mit Maschinengewehren in die Beine zu schießen. Dann würde das Experiment zumindest nicht an Realitätsmangel leiden. Doch nach gewissen Abwägungen hatte man diese Alternative als weniger erfolgversprechend bezeichnet. Die Schussverletzungen der Frauen würden sich vermutlich individuell unterscheiden und aus diesem Grund wissenschaftlich nicht vergleichbar sein.