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Martin, die Schule gerade beendet, möchte seinen Traum verwirklichen, als Seemann die Welt zu erfahren. Abenteuer, fremde Länder, ferne Häfen, andere Kulturen kennen lernen. Ehrgeizig verfolgt er das Ziel und wird zur Ausbildung auf einem Lehrschiff der Handelsflotte angenommen. Halbmilitärischer Drill auf dem Schulschiff MS Büchner, Reisen in die Karibik, der erste Sturm, Abenteuer an Bord, liebliche Senhoritas an Land. Dann nach einem Jahr, die Musterung auf MS Bozenborg, seinem ersten Frachtschiff, Ziel Fernost in die große, weite Welt. Doch schon in der Biskaya verrutscht die Ladung, es beginnt ein dramatischer Kampf um Leben oder Untergang.
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Seitenzahl: 46
Veröffentlichungsjahr: 2017
Die Autofahrt war wie im Fluge vergangen, endlich am Ziel, der Hafen mit den vielen Schiffen. Mehr Frachter als dort mal bei der Planung des Überseehafens vorgesehen, liegen im „Päckchen“. Bis zu drei Schiffe nebeneinander, mit dem Bug zum Hafenausgang, fest vertäut am Pier.
Martin wird es etwas wehmütig, ja sogar flau im Magen, denn gleich wird er die Eltern verabschieden und mit 190 gleichaltrigen Jungen das Lehrschiff kennenlernen, in zwei Tagen zur ersten großen Reise über den Atlantik. Er merkt, dass die Augen feucht werden, überbrückt die Situation mit einem Räuspern: „Danke, dass ihr mich gebracht habt, ich schreibe euch alles und in drei Monaten bin ich ja wieder da“. Er drückt die Mutter fest an sich, dem Vater dankt er mit einem kurzen Blick, dann dreht er sich schnell um, nimmt den Koffer und reiht sich in die Schlange der neuen Kameraden an der Gangway seines Ausbildungsschiffes ein.
Der Ablauf ist bestens organisiert, nach der Überprüfung der Namen werden sie auf die Kabinen verteilt. Martin ist überrascht vom Inneren des Schiffes, im Gegensatz zur äußeren kühlen Erscheinung wirken die Räumlichkeiten wohnlich, ja fast wie in einem Hotel. Die Decken und Wände mit Holz verkleidet, die Handläufe stecken in Haltern aus Messing, die flachen Deckenleuchten vermitteln eine warme, gemütliche Atmosphäre. Die Gänge sind mit braunem Linoleum mit Holzmuster, Art wie Decksblanken auf einem großen Passagierschiff, ausgelegt. Es riecht nach Bohnerwachs, erinnert an die Schulzeit, wie in der Schule zu Hause. Er denkt an die Eltern, die schon wieder daheim angekommen sind.
Nach Verlassen der Gangway eröffnet sich die Lobby mit einer Art Loge, in der sonst der Zahlmeister sein Büro hat. Heute sind hier die Lehrbootsleute damit beschäftigt, schnell und unkompliziert die Jungen einzuteilen. Einige von Ihnen erhalten sofort die Order, sich für Borddienste z.B. als Backschafter bereit zu halten. „Klamotten in die Kabine bringen und dann in zehn Minuten zur Einweisung in der Messe erscheinen“, ruft ein Lehrbootsmann ihnen mit energischer Stimme zu. Alle merken sofort, ab jetzt ein neuer Lebensabschnitt mit Disziplin, Gehorsam und Befehlen; Kindheit, Schule, Abenteuer, Fußballspielen mit Freunden, Freizeit nach Belieben… ab sofort vorbei.
Die Neugier auf diese andere, Neue Welt überwiegt, endlich ist es so weit, nur wenige Stunden, raus in die Welt, Seemann werden, zur See fahren. Hauptsache mir wird nicht übel beim ersten Seegang oder Sturm?! Aber es ist ja Zeit und die anderen haben das Problem ebenfalls.
Martin hat Glück, für heute steht nichts mehr auf dem Empfangszettel, den er nach der Musterung und Namensabfrage erhalten hat. Er liest: Eine Stunde Schrankeinräumen, Abendbrot und dann Nachtruhe. Die erste Nacht an Bord eines Schiffes!
Das Schiff, ein ausrangierter ehemaliger belgischer Truppentransporter, war jetzt zum Lehrschiff umfunktioniert. Eine schwimmende Schule, Ausbildungsstätte für die Handelsflotte, Lehrschiff, das aber nebenbei noch Fracht transportiert, ideal für die Ausbildung der Kadetten in Theorie und Praxis.
Martin schläft in einer Vierer-Kabine mit zwei übereinanderliegenden Doppelkojen. Er schnappt sich die obere Koje hinter der Tür, bezieht diese mit dem bereit liegenden Bettzeug, weiß-blaue Karos, das übliche. Der Schrank ist in fünf Minuten eingeräumt, schnell ist der Koffer auf dem Spind verstaut und sofort verabreden sich die Vier zum Schiffsrundgang. Abendbrot ist ja erst in einer Stunde. „Hallo, bin Mathias aus Berlin, könnt aber Matze zu mir sagen“. Matze ist kleiner als Martin, dafür redseliger und aufgeschlossen. Sie sind sich gleich sympathisch; die Mitbewohner heißen Klaus und Frank, kommen von der Küste, Klaus aus Stralsund, Frank aus einem Dorf bei Wismar. Alle eint der Umstand, erstmalig auf einem so großen Schiff zu sein.
Vom Unterdeck mit den vielen Kabinen, Waschräumen und Toiletten jumpen die Vier zum nächsten Niedergang und steigen bis zum obersten Deck. „Wir rollen das Schiff von oben nach unten auf“, brummt Martin und versucht lässig aber bestimmend den kleinen Trupp anzuführen.
Mit einer Länge von 150 Meter, einer Breite von über 20 Meter, hat die alte „Lady“, Baujahr 1950, für die heutige Zeit eine recht beachtliche Größe. Die Vier staunen über die Länge der Gänge und informieren sich auf einem an der Wand hängenden Alarm- und Fluchtwegeplan über den jetzigen Standort und die einzelnen Decks. Matze tippt auf den Plan: „Hier sind wir, hier ganz oben ist die Brücke, da die Messe, da gibt es gleich was zu futtern, da die Spitze der Bug und hier das Heck. Unsere Kabine ist rechts, sorry, ab sofort ist ja rechts steuerbord und links backbord.“ „Hau mal nicht so auf den Putz du Landei“, meldet sich Klaus, Frank kann ein breites Grinsen nicht verbergen. Die beiden „Fischköppe“ sind sich ihres Vorteils des nahen Bezugs ihrer Kindheit zur See voll bewusst.
Martin hatte sich zu Hause ausgiebig mit den Büchern „Seemannschaft 1 und 2“ beschäftigt, wo viele seemännische Begriffe, Knoten, Ratschläge, Tipps zur Seefahrt stehen, aber hier in der Wirklichkeit schaut alles doch anders aus. Insgeheim gesteht er sich ein, einige Tage für die Orientierung auf diesem Schiff, zu benötigen. Er lässt sich aber nichts anmerken und versucht, möglichst einen unbeteiligten aber wissenden Gesichtsausdruck zu mimen.
Sie kommen zu den Klassenräumen. „Fast wie an Land“, sind sich alle einig, als plötzlich eine schrille Pfeife ertönt und der LvD (Lehrling vom Dienst) laut rufend durch die Gänge stürmt: „Backschafter raus treten“, wieder und wieder pfeifend und sein Ruf das baldige Abendbrot ankündigt.
Die Vier stürmen in ihre Kabine und zum Waschraum und schon erschallt der nächste Ruf vom LvD: „Backen und Banken, erster Durchgang in die Messe!“
Das Schiff erbebt, denn fast 100 Lehrjungen stürmen eilig zum Eingang der Messe. Davor stehen die diensthabenden Lehrbootsleute und weisen die Neuen zu den Tischen, die sie ab sofort die ganze Reise besetzen werden. Das Kleeblatt sitzt zusammen mit den Bewohnern der Nachbarkabine an einem mit Geschirr und Besteck eingedeckten Achtertisch, die Back.
Alle kennen sich schon vom Sehen und teilweise mit Namen, ein Raunen liegt in der Luft, „Ruhe, es spricht der Kapitän!“, der Oberlehrbootsmann kündigt den Kapitän Schmidedanz an. Alle Blicke richten sich auf einen Mann in Kapitänsuniform in der Mitte der Messe. Martin kann nur mühsam ein Lachen unterdrücken, ähnlich geht es vielen seiner Kameraden.
