Sturms Flug - Michael Quandt - E-Book

Sturms Flug E-Book

Michael Quandt

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Beschreibung

Bange Stunden in der Gewalt skrupelloser Geiselnehmer

Die Kölner Kommissarin Mara Sturm wurde vom Dienst suspendiert und arbeitet jetzt als freie Journalistin. Da erhält sie den Tipp, dass am Flughafen eine Maschine auf dem Rollfeld steht, die sich in der Gewalt von Hijackern befindet. Bei der Recherche vor Ort trifft sie auf ihren verhassten Exchef, den Kölner Polizeipräsidenten, der ihr einmal mehr das Leben schwer macht. Trotzdem findet Mara bald heraus, dass sie dem Anführer der Luftpiraten schon einmal begegnet ist. Und so muss sie sich über alle Regeln hinwegsetzen, um eine offene Rechnung zu begleichen …

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Michael Quandt

Sturms Flug

Thriller

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.

1. AuflageDeutsche Erstausgabe April 2012 bei Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München.Copyright © by Blanvalet Verlag, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, MünchenUmschlagmotiv: © Illustration Johannes Wiebel | punchdesign, München, unter Verwendung eines Motivs von Regien Paassen / Shutterstock und ssuaphotos / ShutterstockRedaktion: Peter ThannischLektorat: Holger KappelHerstellung: samSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN: 978-3-641-06915-5V002

www.blanvalet.de

Buch

Die Kölner Kommissarin Mara Sturm wurde vom Dienst suspendiert und arbeitet jetzt als freie Journalistin. Da erhält sie den Tipp, dass sich am Flughafen eine Maschine in der Gewalt von Hijackern befindet. Bei der Recherche vor Ort trifft sie auf ihren verhassten Ex-Chef, dem sie ihre Suspendierung verdankt. Trotz der Steine, die ihr in den Weg gelegt werden, findet Mara bald heraus, dass sie dem Anführer der Luftpiraten schon einmal begegnet ist. Damals hat er sie gedemütigt und beinahe umgebracht. Diesmal, so ist Mara entschlossen, wird sie ihn dingfest machen. Und so muss sie sich erneut über alle Regeln hinwegsetzen, um eine offene Rechnung zu begleichen. Zu spät erkennt sie, dass sie sich diesmal vielleicht überschätzt hat …

Autor

Michael Quandt ist im Hauptberuf Kriminalbeamter. Dadurch kennt er den Polizeialltag in all seinen Facetten, und das wiederum merkt man beim Lesen seiner Romane. Michael Quandt wohnt in der Nähe von Köln.

Außerdem ist von Michael Quandt bei Blanvalet erschienen:

(37441) Sturms Jagd

Prolog

Die Ohrfeige war heftig, fast brutal.

Wenn Bernd in diesem Moment seine Sinne beisammengehabt hätte, wäre er höchstwahrscheinlich erschaudert, so wie die meisten Passagiere in den ersten Sitzreihen, denen das heftige Klatschen nicht entgangen war. Der Kopf der Stewardess flog zur Seite, ihr Schiffchen, dieses lächerliche Hütchen mit dem Logo der Airline, das sie mit einer Haarnadel in der richtigen Position fixiert hatte, löste sich und sauste in hohem Bogen davon.

»Weg da, hab ich gesagt!«, blaffte der Mann auf Englisch.

Die Stewardess musste eilig zurückweichen, um seinem auskeilenden Ellenbogen zu entgehen.

Wäre Bernd nicht wie paralysiert gewesen, hätte er sich vermutlich gefragt, warum niemand etwas gegen diesen Rüpel unternahm. Bei der Stewardess, so erkannte er, handelte es sich um Grietje. Der Name stand auf einem Messingschildchen an ihrer Bluse. Grietje war eine weiße Südafrikanerin, genau wie die übrigen Crewmitglieder an Bord des Fluges SWX 714 von Mombasa nach Köln. Sie mochte Mitte vierzig sein, recht alt für eine Stewardess, doch dafür war sie ungemein charmant und hatte stets einen lockeren Spruch in petto gehabt.

Aber das war ihr inzwischen gründlich vergangen. Verzweifelt bückte sie sich nach ihrem Schiffchen, so als wäre auf der Stelle alles in Ordnung, sobald es wieder an seinem Platz saß.

Ihre Kollegin stand da und starrte den handgreiflich gewordenen Passagier an.

Der war ein Schwarzafrikaner, ein unangenehmer, nach Schweiß stinkender Mann, der etwas Beängstigendes an sich hatte. Obwohl er weder groß noch breitschultrig war, wirkte er gefährlich und gewalttätig. Alle konnten seine Brutalität spüren. Das war vermutlich auch der Grund dafür, dass niemand einschritt und dem Kerl befahl, sich wieder auf seinen Platz zu setzen, so wie es Grietje vorhin ein halbes Dutzend Mal in freundlichem Tonfall versucht hatte.

Mittlerweile hatte er jenen Bereich betreten, der von der Crew Bordküche genannt wurde, dabei jedoch nichts anderes war als ein winziges Stückchen leerer Raum zwischen Cockpit und Kabine. Dort hantierte er ungeduldig an den Servicewagen herum, die normalerweise von den Stewardessen dazu benutzt wurden, den Passagieren das Essen zu bringen.

»Was machen Sie denn da?«, wollte Grietjes Kollegin wissen, erst auf Englisch, dann auf Deutsch mit holländischem Akzent. Sie war wesentlich jünger als Grietje und ausnehmend hübsch, und ihre Muttersprache war vermutlich Afrikaans, ein mit dem Niederländischen verwandter Dialekt, den die Mehrheit der Weißen in Südafrika sprach. Ihr Tonfall verriet eine Mischung aus Unbehagen und Verblüffung. »Sind Sie taub?«

Der Kerl ignorierte sie und ruckelte weiterhin an den Servicewagen herum. Diese befanden sich an der Rückwand zum Cockpit, eingepasst in schrankartige Aussparungen, wo sie von metallenen Bügeln am Wegrollen gehindert wurden.

Zaghaftes Murmeln wurde laut, alle fragten sich, was der Typ im Sinn hatte.

Bernd konnte die Szene genau beobachten, denn er saß in der zweiten Reihe und direkt am Gang, sodass ihm sogar ein Blick ins Cockpit möglich war. Das heißt, natürlich nur, wenn die Tür offen stand, was meistens nicht der Fall war. Nur als einer der Piloten vor vielen Stunden die Toilette aufgesucht hatte, war die Tür kurz geöffnet worden, und als Grietje das Essen ins Cockpit gebracht hatte. Da hatte Bernd einen flüchtigen Blick auf eine schmale Panoramascheibe erhascht, hinter der sich schier endloses Himmelblau erstreckte. Und eine ganze Batterie von Knöpfen, Skalen, Lampen und Schaltern hatte er gesehen, die das Cockpit vom Boden bis zur Decke auszufüllen schienen.

Seither war die Tür längst wieder geschlossen.

Der Schlägertyp ließ sich auf alle viere nieder und kroch leise fluchend in einen der Stauräume, nachdem er zuvor einen Servicewagen aus seiner Halterung befreit und zur Seite geschoben hatte. Offenbar suchte er etwas, das sich am Boden befinden musste. Von Bernds Platz aus waren nur noch sein Hinterteil in einer schäbigen Jeans sowie seine Füße zu sehen. Auch Grietje und ihre Kollegin betrachteten das groteske Bild. Es war ihnen anzumerken, dass sie soeben ein Novum erlebten, denn offenbar hatte sich noch keiner ihrer Fluggäste jemals derart absonderlich verhalten.

»Sind Sie noch bei Trost? Kommen Sie gefälligst da raus!«, rief Grietje mit schriller Stimme, als das Schiffchen wieder ordentlich auf ihrem Kopf saß.

Keine Reaktion.

Ihre hübsche Kollegin ließ den Blick Hilfe suchend über die Sitzreihen schweifen, wohl in der Hoffnung, doch noch einen Passagier zum Einschreiten bewegen zu können. Aber leider saßen vorn nur brave Familienväter mit ihren Frauen und Kindern, die sich genauso unbehaglich und hilflos fühlten wie sie selbst.

Und dann war da noch Bernd, der ebenfalls nicht aussah wie jemand, der sich gegen den Verrückten durchzusetzen wusste.

Grietje jedoch war keineswegs gewillt, klein beizugeben. Abermals richtete sie einen Appell an das Hinterteil im Schrank. »Wenn Sie nicht auf der Stelle rauskommen, wird der Kapitän den Sicherheitsdienst des Flughafens verständigen, und dann wird man Sie festnehmen, sobald sich die Türen öffnen. Wollen Sie das?«

Auch dieser Versuch erzielte keine Wirkung, also bedeutete Grietje ihrer Kollegin, Frans zu holen. Das musste der Steward sein, dachte Bernd, der gemeinsam mit der dritten Stewardess für die Passagiere in der hinteren Hälfte des Flugzeugs zuständig war. Folglich befanden sich sein Platz und der seiner Kollegin neben dem Hinterausgang, sodass sie noch nicht mitbekommen hatten, was vorn los war.

Niemand jenseits der ersten vier oder fünf Reihen bekam das mit, denn der gesamte Mittelgang war blockiert von ahnungslosen, schwatzenden, ungeduldigen Urlaubern, die sich mit Jacken und Taschen abmühten, dem sogenannten Handgepäck, das sie aus den Ablagefächern über ihren Köpfen hervorgekramt hatten, während sie nun darauf warteten, endlich aussteigen zu dürfen. Für die meisten endeten die Ferien hier an diesem Flughafen, den man Konrad Adenauer nannte. Oder, wenn man die vollständige Bezeichnung wählte, Flughafen Köln/Bonn »Konrad Adenauer«.

Jemand lachte schrill, ein kleines Kind weinte.

»Ist das Raureif dort hinten auf der Wiese?«, wollte eine Frau wissen, die durch ihr Fenster spähte. »Das darf doch nicht wahr sein. Vor rund … fünfzehn Stunden haben wir noch bei neunundzwanzig Grad geschwitzt, während wir den Abschiedscocktail in der Hotellobby genossen haben.«

»Haha, Cocktail«, erwiderte ein Mann in ihrem Alter, mit dem sie offenbar verheiratet war. »Jetzt ist Glühwein angesagt, in nicht ganz zwei Wochen kommt das Christkind!«

Erneutes Lachen.

Als Bernd das Wort Cocktail aufschnappte, überkam ihn wieder das Gefühl der Bestürzung, das er empfunden hatte, unmittelbar bevor ihn die Auseinandersetzung zwischen Grietje und dem renitenten Farbigen kurzfristig abgelenkt hatte. Er starrte auf das Handy, das er immer noch in den verkrampften Fingern hielt, und er dachte wieder daran, was er soeben erfahren hatte. Es war unglaublich. Tragisch. Irreal.

Vor rund zehn Minuten war seine Welt aus der Umlaufbahn gesprengt worden!

Zu diesem Zeitpunkt war das Flugzeug gerade gelandet und hatte seine Parkposition irgendwo neben dem Rollfeld erreicht. Die Gangways waren herangeschoben worden, und durch die kleinen Fenster hatte man die Gepäckwagen auftauchen sehen. Sofort hatte geschäftiges Treiben eingesetzt, Männer mit überdimensionalen Gehörschützern waren emsig um die Maschine herumgeschwirrt, doch die beiden Ausstiegsluken hinten und vorne waren geschlossen geblieben. Schließlich hatte der Flugkapitän den ungeduldigen Passagieren über Lautsprecher erklärt, dass es ein Problem mit den Bussen gäbe. Eigentlich hätten diese längst bereitstehen und die Reisenden zum Terminal bringen sollen, doch aus irgendeinem organisatorischen Grund war derzeit keiner verfügbar. Der Kapitän bat um Verständnis und wies darauf hin, dass für diese Panne die Flughafenverwaltung verantwortlich sei und nicht die Airline, namentlich die South African Wings. Man habe ihm jedoch zugesichert, so der Kapitän weiter, dass man das Problem in spätestens fünfzehn Minuten gelöst habe, dann stünden zwei Ersatzbusse zur Verfügung.

Also hatten alle laut gestöhnt und geklagt und mit den Füßen gescharrt. Und Bernd hatte zum Handy gegriffen und seinen besten Freund Georg angerufen, um die Zeit totzuschlagen, aber auch, damit Georg wusste, dass er wohlbehalten in Deutschland gelandet war.

Seitdem war alles anders.

»Birdie, alte Knackwurst«, hatte Georg ihn begrüßt. Bird oder Birdie waren Bernds Spitznamen, und einer von zwei Gründen dafür, dass man ihn so nannte, war sein Nachname: Vogel.

Wie auch immer, nachdem Georg versichert hatte, dass in Bernds Wohnung alles in bester Ordnung sei – er war passenderweise gerade vor Ort, um einen Begrüßungsschluck auf den Küchentisch zu stellen –, hatte er in seiner flapsigen Art gefragt, ob sich Bernd denn auch diesmal wieder von einem Urlaubsflirt in den nächsten gestürzt hätte. Damit wollte er ihn aufziehen, denn von wieder einmal konnte in diesem Zusammenhang wahrlich keine Rede sein. Bernds letzte Beziehung, die gleichzeitig seine einzige richtige gewesen war, lag eine Ewigkeit zurück. Seitdem tat er sich schwer mit den Frauen, und normalerweise bekam er schon feuchte Hände, wenn ihn die Verkäuferin beim Bäcker nur unverbindlich anlächelte. Okay, das war übertrieben, doch von einem echten Flirt war er meilenweit entfernt.

Aber dann war in Kenia das Unglaubliche geschehen! Er hatte sich verliebt, Hals über Kopf, mit Haut und Haaren, was er Georg kleinmütig und zögernd gestand. Und selbstverständlich im Flüsterton, damit seine Sitznachbarn nichts davon mitbekamen.

»Birdie, du Schwerenöter«, frohlockte Georg, »das ist ja der Hammer! Die Pechsträhne hat ein Ende, wer hätte das gedacht? Wo hast du die Schöne denn kennengelernt?«

»Im Hotel.«

»Ah, dann sitzt sie jetzt vermutlich neben dir und krault dich hinter dem Öhrchen?«

Er seufzte. »Nein, leider nicht. Ihr Urlaub war früher zu Ende als meiner. Sie ist bereits am Dienstag zurückgeflogen.«

Georg kicherte. »Pech für dich, alter Freund. Und wie heißt die Glückliche?«

»Hanna.«

»Sprich doch mal ein bisschen lauter, ich verstehe dich kaum. Was ist denn da bei euch los? Nehmen die gerade den Flieger auseinander? Hanna, sagst du? Und weiter?«

Er räusperte sich. »Keine Ahnung.«

Sein bester Freund wurde sofort hellhörig. »Was heißt das, keine Ahnung? Du sagtest doch gerade, ihr hättet fast eine Woche lang ständig zusammengehockt und jeden Abend Cocktails an der Bar geschlürft und den Sonnenuntergang betrachtet.« Er lachte. »Nenn mich nicht altmodisch, aber sollte man da nicht zumindest wissen, mit wem man es zu tun hat?«

Bernd wurde knallrot. Gut, dass ihn Georg nicht sehen konnte. Wie ein Verschwörer sah er nach rechts und links, doch die Mitreisenden nahmen keine Notiz von ihm, sondern waren mit ihrer eigenen Ungeduld beschäftigt.

Gleichwohl flüsterte er, um zu vermeiden, dass irgendjemand etwas mitbekam. Die ganze Geschichte war ihm unendlich peinlich. Allmählich bedauerte er es, Georg eingeweiht zu haben. »Ich weiß sehr genau, wer sie ist, dazu brauche ich nicht ihren Nachnamen zu kennen«, sagte er. »Sie hat sich als Hanna vorgestellt, und das war okay für mich. Ihren Personalausweis habe ich nicht kontrolliert.« Er schluckte. »Viel schlimmer ist, dass ich ihre Adresse nicht kenne. Wahrscheinlich wohnt sie in Berlin oder irgendwo dort in der Gegend …«

»Gratulation«, kam es spöttisch aus dem Handy. »Mein bester Freund lacht sich nach hundert Jahren Zölibat eine Maus an, aber anstatt sich ein knackiges Mädchen aus der Region zu suchen, erwählt er eine, die sechshundert Kilometer entfernt wohnt. Typisch. Warum hast du nicht gleich eine Polin genommen? Oder eine Russin? Oder noch besser eine vom Mars? Na ja, jedenfalls kann sie dir nicht auf die Nerven fallen, da ihr euch so gut wie nie sehen werdet.«

Bernd reagierte trotzig. »Sie würde mir nicht auf die Nerven fallen, selbst wenn ich Tag und Nacht mit ihr zusammen wäre! Außerdem sind Flüge nach Berlin mittlerweile durchaus erschwinglich. Doch leider stellt sich das Problem gar nicht erst. Denn wie ich schon sagte, habe ich keinen Schimmer, wo sie wohnt.«

»Telefonnummer? E-Mail-Adresse?«

»Fehlanzeige.« Er tat einen tiefen Atemzug. »Aber zumindest kenne ich jemanden, der mir die Telefonnummer geben könnte.«

Georg prustete augenblicklich los, feuerte eine wahre Salve von Fragen und spitzfindigen Bemerkungen ab, und je länger er lamentierte, desto verdrießlicher wurde Bernd. Er ärgerte und schämte sich.

Um vom Thema abzulenken, erkundigte er sich nach der Post, denn Georgs Auftrag lautete nicht nur, hin und wieder nach dem Rechten zu sehen und die Fische in dem wunderschönen Meerwasseraquarium zu füttern, sondern auch, den Briefkasten zu leeren. Und darin hatte Georg eines Morgens einen ganz besonderen Brief entdeckt, wie er berichtete.

Bernd bestand darauf, dass sein Freund ihn auf der Stelle öffnete und ihm vorlas. Also ging Georg den Poststapel durch, den er gleich neben der Begrüßungsflasche auf den Küchentisch gelegt hatte, um das Corpus Delicti herauszufischen.

Der Brief veränderte Bernds Leben, und das mit einem gewaltigen Paukenschlag. Von einer Sekunde zur nächsten war ihm schlecht geworden, dann heiß und kalt, dann hatte er das Gefühl, sich übergeben zu müssen. Nun, eine Papiertüte war wenigstens in greifbarer Nähe gewesen, doch gottlob war sie nicht zum Einsatz gekommen.

Der Brief …

Eine Stimme holte ihn in die Realität zurück.

»Jetzt reicht’s, verdammt noch mal! Was soll der Mist? Wieso drehen diese dämlichen Busse wieder um?«

Grietje hatte wirklich einen miesen Tag erwischt, denn nach der Attacke des Schwarzen musste sie sich nun mit einem weiteren Spinner auseinandersetzen, der wild gestikulierend und in penetranter Lautstärke auf sie einredete. Er beschwerte sich, schimpfte, salbaderte ohne Unterlass, beschwerte sich erneut. Als ob eine simple Stewardess Schuld daran wäre, dass die Busse kehrtmachten.

Bernd beugte sich zur Seite und versuchte, einen Blick aus dem Fenster zu werfen. Das war schwierig, da zwischen ihm und der DIN-A-4-großen Plexiglasscheibe ein Ehepaar saß, das sich ebenfalls die Nasen platt drückte und die Sicht versperrte. Dennoch sah er, wie die lang ersehnten Busse, die eigentlich dazu bestimmt waren, die Passagiere endlich abzuholen, tatsächlich wieder in Richtung Terminal davonfuhren. Und noch dazu in wahnwitzigem Tempo, wie es schien. Einer schlingerte bedrohlich, als er der Markierung auf dem Rollfeld folgte, die an einer Stelle eine Kurve beschrieb. Dann fiel ihm auf, dass die Gepäckauslader verschwunden waren, obwohl die halb bepackten Wagen noch in der Nähe des Flugzeugs standen.

Sonderbar.

»Mama, wann dürfen wir endlich nach Hause?«, quengelte ein Mädchen.

Während das allgemeine Gemurmel immer lauter wurde, setzte der Beschwerdeführer seine Litanei fort. Grietje war zu bedauern. Zeter, Zeter, Zeter.

Bernd betrachtete den schimpfenden Mann und erkannte ihn, obwohl er ihm den Rücken zukehrte. Das schulterlange Haar, der Ohrring und das Piratentuch auf dem Kopf waren unverkennbar. Der Typ war ein Großmaul, ein unsympathischer Polterer und Grobian, der im selben Hotel gewohnt hatte wie Bernd. Immer, wenn er und Hanna dem Kerl über den Weg gelaufen waren, hatten sie sich über ihn lustig gemacht, sei es beim Essen oder an der Poolbar beim Cocktail. Den Easy Rider hatten sie ihn heimlich genannt und sich gefragt, ob er tatsächlich nur das eine T-Shirt besaß, mit dem man ihn stets zu Gesicht bekam. Es war schwarz und schmutzig und trug den Schriftzug Harley Davidson.

Er hatte Mitleid mit dem Easy Rider, trotz seines Benehmens, denn wenn jemand an Bord einen Grund hatte, die Nerven zu verlieren, dann er. Immerhin lag seine Freundin tot in einem Sarg tief unten im Gepäckraum dieses Flugzeugs. So hatte er sich die Rückkehr aus dem Urlaub garantiert nicht vorgestellt.

Apropos Grobian: Wo war eigentlich der Schwarzafrikaner geblieben?

Bernd schaute in Richtung Bordküche, doch der Kerl schien verschwunden zu sein. Doch wohin? Der Platz im Schrank, den er vorhin auf so aberwitzige Weise erkundet hatte, wurde inzwischen wieder von dem Servicewagen eingenommen. Grietje hatte ihn dorthin zurückgeschoben, und Bernd hatte sie dabei beobachtet, ohne es richtig wahrzunehmen. Der Brief hatte ihm die Sinne vernebelt. Erst als er sich konzentrierte, wurde ihm klar, dass der Schwarzafrikaner nach einer Weile gefunden hatte, wonach er offenbar gesucht hatte: Ein Behältnis, das in ihm unwillkürlich die Vorstellung eines Saxofonkoffers geweckt hatte. Damit war der Typ ins Cockpit gestürmt, und Grietje hatte es nicht gewagt, ihn daran zu hindern. Das Ganze war vollkommen absurd.

Auf einmal knackte es im Lautsprecher. Schlagartig verstummte das vielstimmige Murren. Auch der Easy Rider mit seinem Harley-Shirt und dem Piratentuch hielt die Luft an und lauschte, da er erwartete, dass sich nun der Kapitän melden würde, um zu erklären, warum die Busse wieder kehrtgemacht hatten.

»Verehrte Fluggäste …«, ertönte tatsächlich seine Stimme, doch diesmal klang sie seltsam belegt.

Die Durchsage brach ab, kaum dass sie begonnen hatte. Ein Schrei war zu hören, der eindeutig aus dem Cockpit kam.

In der nächsten Sekunde wurde die Cockpittür aufgestoßen. Nein, aufgestoßen war untertrieben, sie flog geradezu aus den Angeln.

Grietje zuckte zusammen. Sogar der Easy Rider wich eilends zurück, während der Schwarzafrikaner im Türrahmen auftauchte. Und da wusste Bernd, dass sich kein Saxofon in dem Kasten befunden hatte.

Flug SWX 714 wurde entführt.

Kapitel 1

22 Tage vor der Entführung des Fluges SWX 714

Der Busbahnhof war typisch für das südliche Afrika: Staub, Lärm, Gedränge, schwitzende, schiebende und lamentierende Menschen allenthalben, ausnahmslos dunkelhäutig mit leuchtend weißen Zähnen und schwarzem Kraushaar; hier eine Frau, die ein Bündel auf dem Kopf balancierte, dort ein Mann, der lautstark sein Fladenbrot zum Verkauf anbot, weiter hinten eine Großfamilie, die im Gänsemarsch die Straße überquerte und damit den gesamten Verkehr zum Erliegen brachte. Ein Heer von Autohupen gab ein schräges Konzert, die Luft brodelte.

Mittendrin: Eine verloren wirkende Frau mit einem zotteligen kleinen Hund an der Seite, der ihr auf Schritt und Tritt folgte. Sie war weit und breit die einzige Europäerin, genau genommen sogar die einzige Weiße, wenngleich ihre Haut nach vier Wochen Tropensonne die Farbe von dunklem Kupfer angenommen hatte. Ihr Haar wies eine ähnliche Tönung auf, doch das war angeboren und nicht der Sonne zuzuschreiben. Obwohl sie es zu Hause gern offen trug, hatte sie es an diesem Tag zu einem Zopf geflochten, der hinten aus ihrem Basecap hervorquoll und bis zur Hüfte reichte.

Unwillkürlich presste sie die Unterschenkel gegen den Aluminiumkoffer, den sie zwischen ihren Beinen abgestellt hatte. Gleich daneben lag der Hund zu ihren Füßen und gähnte. An das Brummen des Koffers hatte er sich inzwischen gewöhnt.

Und der Koffer brummte tatsächlich, doch das konnte man nur hören, wenn man nahe genug heranging. Klingt wie ein Kühlschrank, hatte sie gedacht, als sie das sonore Geräusch zum ersten Mal vernommen hatte. Nicht auszudenken, wenn der Koffer verloren ging. Ihr Gepäck oder vielmehr das Wenige, das noch davon übrig war, nachdem sie den Großteil davon im Hotel zurückgelassen hatte, befand sich nicht darin, sondern in einem Tornister auf ihrem Rücken. Das Hemd darunter war durchgeschwitzt und klebte ihr auf der Haut.

»Du brauchen Taxi, Missi?«, fragte jemand in einem Englisch, das so holprig war, dass man es kaum als solches erkennen konnte.

Sie zögerte einen Moment, um dann abzulehnen. Nein, was sie brauchte, war kein Taxi, sondern ein Bus mit möglichst vielen Fahrgästen darin, denn nur in einer Menschenmenge konnte sie sich halbwegs sicher fühlen.

Der Mann ließ nicht locker. »Mein Taxi sein gutes Auto«, beteuerte er. »Haben bequeme Sitze. Außerdem Fahrpreis sehr niedrig.«

Sie schaute sich nach allen Seiten um, schüttelte den Kopf, mühte sich ein Lächeln ab. »Ngiyabonga.« Das hieß »danke« und war eines von schätzungsweise dreißig Siswati-Wörtern, die sie sich angeeignet hatte. Dann fuhr sie auf Englisch fort. »Ich brauche kein Taxi. Aber vielleicht kannst du mir sagen, wo ich einen Bus finde, der nach Jo’burg fährt.«

Jo’burg war die landläufige Kurzbezeichnung für die Stadt Johannesburg, die größte Metropole Südafrikas. Die Herfahrt von dort mit dem Jeep hatte knapp acht Stunden gedauert, wie sie sich mit Unbehagen erinnerte, und es stand zu befürchten, dass die Reise mit dem Bus zurück wesentlich länger dauern würde.

Der Taxifahrer erwiderte ihr Lächeln und zeigte zwei Zahnreihen, die unglaublich weiß aussahen, so wie bei den meisten Angehörigen des Bantu-Volkes. Er ging in die Knie, um ihr den Aluminiumkoffer abzunehmen, vermutlich mit dem Vorsatz, ihn einfach in seinem Taxi zu verstauen und sie damit doch noch als Fahrgast zu gewinnen.

Der Hund, der bis dahin schläfrig neben dem Koffer gedöst hatte, fuhr hoch und kläffte die fremde Hand an, die ihm unversehens so nahe gekommen war. Sein zotteliges Fell sträubte sich, dann fletschte er die Zähne. Obwohl er nicht besonders groß war, kaum größer als ein Dackel, zuckte der Taxifahrer erschrocken zurück.

»Keine Angst, Bodo«, beruhigte sie das Tier und tätschelte ihm mit der Linken den Kopf. Mit der Rechten griff sie sich den Koffer. Eine Sekunde später war sie bereits in der Menschenmenge untergetaucht und hatte den Taxifahrer stehen gelassen, ohne ein weiteres Wort an ihn zu verlieren.

Da erklang hinter ihr ein aufgebrachter Schrei, und sie warf einen Schulterblick zurück. Doch der Ruf galt nicht ihr, wie sie erleichtert feststellte, sondern einem Straßenhändler, der die Abfahrt eines Busses blockierte.

Sie atmete tief durch, wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn.

Ihre Nerven lagen blank. Verdammt, sie musste verschwinden, musste sich so schnell wie möglich nach Johannesburg durchschlagen, um dort den erstbesten Flug in die Heimat zu nehmen, den sie erwischen konnte. Geld spielte dabei keine Rolle, denn davon hatte sie seit Neustem reichlich. Oder vielleicht auch nicht, da sie sich geschworen hatte, ihr unverhofft erlangtes Vermögen auf keinen Fall anzurühren.

Sie schob den Gedanken beiseite und sann wieder über den Heimflug nach. Leider gab es keine Direktverbindungen nach Köln, sodass sie gezwungen war, in Frankfurt, Berlin oder München umzusteigen. Aber egal, wenn sie erst in Deutschland war, hatte sie gewonnen. Nein, eigentlich befand sie sich bereits in Sicherheit, wenn sie im Flugzeug saß. Doch zwischen ihr und dem Flughafen lagen noch ziemlich genau 400 Kilometer afrikanischer Buckelpiste sowie ein Grenzübergang.

»Was meinst du, Bodo?«, sagte sie zu dem Hund. »Sollen wir kurz verschnaufen?«

Sie ließ sich zu Boden sinken, ohne damit Aufsehen zu erregen, denn hierzulande war es gang und gäbe, sich einfach am Straßenrand in den Staub zu hocken, wenn man auf den Bus wartete. Und dieses Warten wurde mit stoischer Gelassenheit ertragen, oft stundenlang, denn Fahrpläne waren eher gut gemeint als verbindlich. Auch jetzt war der nächste Bus zur Grenze bereits fünfzig Minuten überfällig.

Eine pausbäckige Frau, die neben ihr saß und vor sich hin summte, schenkte ihr ein kurzes, aber herzliches Lächeln. Sie erwiderte es, während ein Lastwagen vorbeiratterte und ihr seinen heißen, nach Diesel und strapazierten Bremsbelägen stinkenden Atem ins Gesicht pustete. Bodo winselte leise.

Gedankenverloren massierte sie sich die heiße Stirn, die von innen beständig mit einem Schmiedehammer bearbeitet wurde, zumindest dem Gefühl nach. Herrgott, hatte sie Kopfschmerzen! Das Fieber tat ein Übriges, sie vollkommen fertigzumachen.

Im nächsten Moment fiel ein Schatten auf ihr Gesicht. Ein Mann hatte sich breitbeinig vor ihr aufgebaut. Sie erschrak, als er die Hände in die Hüften stemmte und grinste.

»Du suchen Transport nach Jo’burg?«, radebrechte er im landesüblichen Holper-Englisch. Kaum zu glauben, dass Englisch in diesem Land neben Siswati die offizielle Amtssprache war.

Sie erhob sich und kämpfte das Schwindelgefühl nieder, das sich ihrer bemächtigen wollte. Misstrauisch betrachtete sie ihr Gegenüber, einen breitschultrigen Kerl, dessen verschlissenes Hemd nicht zugeknöpft war und vor Dreck starrte. Darunter spannte sich ein ebenfalls schmutziges Unterhemd über einen athletischen Oberkörper.

In ihrem Inneren schrillten sämtliche Alarmsirenen, ihre Muskeln spannten sich an wie bei einer sprungbereiten Katze. Bodo spürte die Unruhe seines Frauchens und knurrte.

»Woher weißt du, dass ich nach Johannesburg will?«, fragte sie den Breitschultrigen. Während sie sprach, zog sie die rechte Braue hoch. Ihre Brauen waren hauchdünn und eindrucksvoll geschwungen. Das Hochziehen war eine Geste, derer sie sich oft bediente. Nur gute Bekannte wussten, dass sie damit entweder Belustigung signalisierte oder eine Warnung aussprach, je nach Situation. Momentan war zweifellos Letzteres der Fall.

Das Grinsen des Mannes, der natürlich kein guter Bekannter war, wollte nicht verschwinden. »Von meinem Schwager.« Er deutete mit dem Daumen über die Schulter ins Gedränge. »Er sein Taxifahrer und wollten dich mitnehmen. Du ihn gefragt nach Bus für Jo’burg.« Er klopfte sich gegen die breite Brust. »Ich fahren Bus für Jo’burg. Wenn du einsteigen, wir komplett. Dann sofort los.«

Ihr Misstrauen verwandelte sich in Zuversicht. Den Mann schickte der Himmel. Ein vollbesetzter Bus, der sie von hier fortschaffte, war das Beste, was ihr passieren konnte! »Hältst du auch am O. R. Tambo?« Das war der internationale Flughafen von Johannesburg.

Er zeigte seine elfenbeinweiße Zahnpracht. »Ich dich fahren, wohin du wollen! Kosten hundert Rand. Oder siebentausendfünfhundert Emalangeni.«

Ersteres war die Währung der Republik Südafrika, die hier allerorts akzeptiert wurde, Letzteres das hiesige Zahlungsmittel, das Geld des Königreichs Swasiland.

Sie rechnete und kam auf einen Betrag von weniger als acht Euro. Ein Spottpreis, wenn man die Entfernung von 400 Kilometern bedachte. »Gut«, stimmte sie zu. »Ich bin dabei. Wie lange brauchen wir?«

»Ah, nicht lange.«

»Und was bedeutet das in Stunden ausgedrückt?«

Er schaute sie verständnislos an, und sie begriff, dass weiteres Nachbohren zu nichts führte. Überdies war es vollkommen egal, wie lange die Reise dauerte, denn es gab keine Alternative.

»Ich heißen Mpumelele«, stellte sich der Fahrer vor und griff nach dem Alukoffer, doch auch diesmal zog sie ihn schnell zurück.

»Den möchte ich lieber selbst tragen, Mpumelele. Danke.«

Er zuckte mit den Schultern. »Wie du wollen.«

Während sie ihm durch ein Gewirr aus viel zu vielen Bussen, Vans, Pick-ups und Geländewagen folgte, wurde ihr klar, dass sie besser daran tat, weniger Wirbel um den Koffer zu veranstalten, denn das schürte Misstrauen und erregte unnötige Aufmerksamkeit. Außerdem dachte sie an den Speicherchip ihres Fotoapparates, einer Digitalkamera der allerneuesten Generation. Die teure Kamera hatte sie im Hotel zurückgelassen, doch den Chip trug sie bei sich. Er hatte in etwa das Format einer Briefmarke, wenn er auch mit fast drei Millimetern deutlich dicker war. Trotzdem war er klein genug, um ihn zwischen den Gesäßbacken aufzubewahren, eingehüllt in einen Fetzen Plastikfolie. Sie hoffte, dass dort niemand nachschauen würde, falls man sie doch schnappte.

Mpumelele blieb vor seinem Gefährt stehen, doch das, was er als Bus angekündigt hatte, entpuppte sich als klappriger Nissan-Bulli, der aussah, als würde er jede Sekunde auseinanderfallen.

»Hund können nicht mitfahren«, erklärte er.

»Warum nicht?«

»Sein verboten«, gab er vage zurück und grinste.

Das war natürlich kompletter Unsinn, und sie würde Bodo um nichts in der Welt zurücklassen, auch wenn er nur ein Straßenköter war, der ihr gleich zu Beginn der Reise zugelaufen war. Doch er hatte ihr Herz erobert mit seinem treuen Blick und der verspielten welpenhaften Art. Dessen ungeachtet war er ein kluges Tier, und all diese Eigenschaften erinnerten sie an einen Bekannten zu Hause, an einen cleveren jungen Mann, der karierte Golfhosen trug und sich zuweilen ziemlich tollpatschig und naiv anstellte.

Dieser junge Mann hieß mit Vornamen Bodo.

»Begehe nie den Fehler, einen Straßenköter zu füttern«, hatte ihr Bruder sie einmal gewarnt. Damals war er ein Halbstarker gewesen und sie noch ein kleines Mädchen, und sie waren gemeinsam nach Spanien zum Zelten gefahren. Auf dem Campingplatz hatten eine Menge streunende Hunde herumgelungert. »Wenn du einer dieser Tölen zu fressen gibst«, so ihr Bruder, »wirst du sie nicht mehr los. Es sei denn, du verpasst ihr einen Tritt, dass sie drei Meter weit fliegt.« Er hatte gelacht.

Nun, hier in Afrika hatte sie nicht mehr an die Warnung von damals gedacht und war prompt auf den Hund gekommen. Bodo würde auf jeden Fall mit nach Hause fliegen.

Sie sah das Tier an, dann Mpumelele. »Wie viel?«

Sein breites Grinsen wurde noch eine Spur breiter. »Hund kosten hundert Rand extra«, nannte er seinen Preis.

Sie nickte stumm und zahlte.

Daraufhin öffnete Mpumelele die Schiebetür des Nissan, und zum Vorschein kamen nicht weniger als sechs Sitzreihen, von denen man zwei nachträglich eingebaut hatte, wie an den unterschiedlichen Polstern zu erkennen war.

»Jesus!«, entfuhr es ihr, als sie zwei Dutzend Fahrgäste sah, vier in jeder Reihe. Die Knie schienen ihnen unter den Hälsen zu hängen, und alle schwitzten erbärmlich. Die Luft war flüssig. »Jesus!«, wiederholte sie und kletterte in den Bulli, Bodo gut gelaunt hinterdrein. Einen freien Platz konnte sie nirgends entdecken.

Mpumelele schaffte Abhilfe, indem er in seiner Muttersprache auf die Passagiere einredete, bis alle noch ein Stück enger zusammenrückten. Niemand beschwerte sich, und nach einer Minute Geschiebe war in der zweiten Sitzreihe von hinten genügend Platz entstanden, um sich dort mit einer Pobacke niederzulassen. Immerhin.

»Guter Sitz«, freute sich Mpumelele.

Sie starrte ihn ungläubig an. Dann fragte sie ihn, ob an diesem Tag noch ein anderer Bus, ein richtiger, nach Johannesburg fuhr, doch er verneinte. »Nicht heute«, versicherte er. »Vielleicht morgen Linienbus, vielleicht nicht.« Er lachte und breitete die Arme aus. »That’s Africa.«

Diesen Spruch hatte sie in den letzten Wochen ungefähr an die zwanzig Mal gehört. That’s Africa – So ist Afrika. Das war die Standarderklärung für alles Mögliche und auch für alles Unmögliche.

Die übrigen Fahrgäste wurden allmählich unruhig und scharrten mit den meist nackten Füßen, die in ausgetretenen Sandalen steckten.

Resigniert quetschte sie sich auf ihren Sitz, während Bodo schnüffelnd den Bus erkundete.

Mpumelele nickte ihr aufmunternd zu, bevor er die Schiebetür schwungvoll zuwarf. Der Gestank von Schweiß und faulem Obst und ein gutes Dutzend anderer Aromen hüllte sie ein und raubte ihr fast den Atem. Doch noch schlimmer war der Platzmangel. Jeder Quadratzentimeter war mit irgendwelchem Krimskrams vollgestopft, wobei die Leute die verwunderlichsten Dinge mit sich führten. Ein alter Mann mit grauem Kraushaar hatte eine Kaffeemühle auf dem Schoß, eine Frau gar eine uralte Olympia-Schreibmaschine. Überall lagerten Tüten und Taschen und Kartons, die kreuz und quer durch die Gegend flogen, als sich der Bulli endlich in Bewegung setzte. Auch der brummende Alukoffer geriet ins Rutschen.

Seufzend versuchte sie, den Ellenbogen von schräg hinten zu ignorieren, der ihr im Takt der Schlaglöcher gegen den Kopf stieß. Noch gravierender war der Oberschenkel des Nebenmannes, der sie vom Polster zu schieben drohte, was sie dadurch verhinderte, dass sie ihr linkes Knie gegen die Rückenlehne des Sitzes vor ihr stemmte, sehr zum Ärger der dort hockenden Frau. Diese wiederum revanchierte sich mit einer in alle Himmelsrichtungen abstehenden Rastafrisur, die komplett die Sicht versperrte und streng nach Haarfestiger roch.

Niemand sprach ein Wort, alle stierten gedankenverloren vor sich hin. Der Motor verrichtete Schwerstarbeit, doch Mpumelele nahm die Kurven wie ein Rennfahrer, was ihm sichtbar Spaß bereitete. Die Hupe war im Dauereinsatz, die Passagiere mussten sich festhalten.

Ihr Nebenmann wurde gegen sie geschleudert. Dabei berührte sein nackter schweißglänzender Arm ihren ebenfalls nackten Unterarm. Sie zuckte zurück, denn sofort kam ihr eine Horrorvision in den Sinn. Wenn der Mann AIDS hatte, überlegte sie, bestand die Gefahr, sich anzustecken. Nur mit Mühe unterdrückte sie den Impuls, ihren Arm abzuwischen und die aufgerollten Hemdsärmel herunterzukrempeln. Der Mann lächelte sie entschuldigend an, doch ihre einzige Erwiderung bestand in einem entsetzten Starren. Der Mann war sympathisch. Sympathisch und mit einer Wahrscheinlichkeit von fast fünfzig Prozent HIV-positiv!

AIDS überträgt sich nicht durch Schweiß!, rief sie sich ihr Wissen über die tödliche Immunschwächekrankheit in Erinnerung. Ansteckend sind nur Blut, Muttermilch, Sperma und Vaginalsekret. Das hat der Arzt in dem Labor ausdrücklich bestätigt. Also beruhige dich!

Endlich schaffte sie es, das Lächeln zu erwidern. Dann ließ sie den Blick schweifen. Trotz der Hitze lief ihr ein Schauer über den Rücken, als ihr bewusst wurde, dass beinahe jeder zweite dieser Menschen in nicht allzu ferner Zukunft sterben würde, nicht an Hunger, nicht infolge eines Bürgerkrieges und schon gar nicht an Altersschwäche. AIDS würde sie umbringen.

Der Bulli verließ die engen Gassen Mbabanes und bog ab auf eine breite asphaltierte Straße, die in bemerkenswert gutem Zustand und zudem kaum befahren war. Mpumelele trat mächtig aufs Gaspedal. Bei diesem unerwartet hohen Tempo könnten sie Johannesburg bereits am späten Nachmittag erreichen. Glück im Unglück! Ein wohltuender Fahrtwind strich durch die geöffneten Seitenfensterchen und kühlte ihre glühende Stirn. Leider war dieser Genuss nur von kurzer Dauer, da die Reise nach fünf Minuten schon wieder zu Ende war.

»Was ist los?«, fragte sie, als der Bulli auf einer Schotterpiste neben der Straße hielt. Nicht weit entfernt waren ein paar Gebäude zu sehen, darunter eine Tankstelle, drei oder vier kleine Geschäfte sowie ein Postamt.

»Shopping«, antwortete jemand, dann verließen alle wie selbstverständlich den Bulli und verschwanden schwatzend und gut gelaunt in den Geschäften.

Sie und der Fahrer blieben als Einzige zurück. Sie war vollkommen perplex. »Was hat das zu bedeuten, Mpumelele? Wieso halten wir? Doch nicht etwa zum Einkaufen?«

Der Angesprochene nickte vergnügt.

»Das ist die Höhe!«, protestierte sie. »Wir sind keine drei Kilometer weit gekommen und machen schon Rast? Bodo, bleib hier! Platz!« Und wieder an Mpumelele gewandt: »Ich muss dringend nach Johannesburg.« Sie dachte an die Männer mit den weißen Strohhüten, Mr Albright und Mr Neboto, die höchstwahrscheinlich schon hinter ihr her waren.

Der Schwarze warf ihr im Rückspiegel einen heiteren Blick zu. »That’s Africa. Fahren gleich weiter, wenn Leute haben gekauft Geschenke für Verwandtschaft in Jo’burg.« Er brachte die Rückenlehne in Liegeposition, schwang das rechte Bein auf das Armaturenbrett und hängte das Linke kurzerhand aus dem Seitenfenster. Fünf Sekunden später verkündeten leise Schnarchgeräusche, dass er eingeschlafen war.

»Na toll«, brummte sie vor sich hin. »That’s Africa! Wenn die mich kriegen, bin ich geliefert.«

Bodo wedelte mit dem Schwanz, denn für ihn war die Welt in Ordnung.

Zehn Minuten später stand sie vor dem Postamt, um die Zeit bis zur Weiterfahrt für ein dringendes Ferngespräch in die Heimat zu nutzen. Zuvor hatte sie in einem der Geschäfte ein Halsband nebst Hundeleine erstanden und Bodo draußen festgebunden.

»Hör gefälligst auf, so zu gucken!«, blaffte sie ihn an. »Du bleibst draußen! Wenn wir erst zu Hause sind, kannst du auch nicht überallhin mitkommen. Also gewöhne dich daran!«

Das Postamt bestand aus einem einzigen riesengroßen Raum. Als »Telefonzelle« fungierte ein Tisch in einer Ecke, auf dem ein antik anmutender Fernsprecher mit Wählscheibe stand. Ein ebenfalls altertümliches Zählwerk gab Auskunft darüber, wie viele Einheiten man abtelefoniert hatte. Bezahlt wurde am Schalter, wenn das Gespräch beendet war. Außer ihr und dem Postbediensteten war niemand anwesend.

Nachdem sie sich den Stuhl so zurechtgerückt hatte, dass sie das Fenster einschließlich dem in der Sonne wartenden Bulli im Blick hatte, nahm sie den Hörer in die Hand und wählte.

»Null-null-vier-neun-zwo-zwo-eins …«

Das Freizeichen ertönte.

»Kölner Kurier«, meldete sich eine Frauenstimme. »Die Zeitung am Puls der Stadt. Was kann ich für Sie tun?«

Sie räusperte sich. »Hier ist Sturm. Bitte verbinden Sie mich mit Frau von Kalck.« Ihre Stimme hallte überlaut von den kahlen Wänden wider, doch der Postbedienstete nahm keine Notiz davon.

»Oh, das ist leider nicht möglich. Frau von Kalck ist die Chefredakteurin, sie ist nur nach vorheriger Vereinbarung zu sprechen …«

»Ist mir bekannt«, fiel sie ihrer Gesprächspartnerin ins Wort. »Bitte verbinden Sie mich trotzdem. Wenn Frau von Kalck erfährt, dass ich am Apparat bin, wird sie erfreut sein. Glauben Sie mir.«

Es knackte in der Leitung, die Telefonistin zögerte. »Nun, ich fürchte, ich habe Ihren Namen vorhin nicht verstanden …«

Sie seufzte. »Sturm. Tamara Sturm.« Ihren Vornamen benutzte sie normalerweise nur, wenn es unbedingt nötig war. Für ihre Freunde und Bekannten war sie schlicht Mara.

»Ach, Frau Sturm, Sie sind das! So was aber auch, ich habe Ihre Stimme gar nicht erkannt. Sie klingen so weit weg, als würden Sie vom Mond anrufen.«

»So ähnlich«, sagte Tamara Sturm alias Mara. »Kann ich jetzt bitte mit Frau von Kalck sprechen?«

»Selbstverständlich. Für unsere Star-Reporterin hat Frau von Kalck immer Zeit.« Sie setzte ein mädchenhaftes Kichern hinzu, dann kam wieder ein Knacken aus dem Hörer, und es verging eine schiere Ewigkeit, bis sich die Chefredakteurin des Kurier meldete, Frau Anne von Kalck.

»Mara!«, rief sie. »Wo, zur Hölle, steckst du, und warum meldest du dich erst jetzt? Ich habe mir Sorgen gemacht! Bist du noch zu retten?«

Sie lächelte, obwohl die Redakteurin, die nebenbei ihre beste Freundin war, sie schalt. Es tat gut, eine vertraute Stimme zu hören, selbst wenn diese Stimme schimpfte. »Das sind drei Fragen auf einmal, Anne. Welche soll ich als erste beantworten? Ob ich noch zu retten bin? Nein, glaube ich. Warum ich mich noch nicht gemeldet habe? Ganz einfach, weil mein Handy hier unten nicht funktioniert. Nirgendwo. Kein Netz.«

Anne von Kalck lenkte augenblicklich ein, ihr Tonfall wurde versöhnlich. »Verstehe. Und wie geht es dir? Bist du in Ordnung?«

»Mir geht es gut«, log sie. »Ich habe mir einen kleinen Magen-Darm-Virus eingefangen, aber der ist mittlerweile schon wieder auf dem Rückmarsch. Vielleicht lag es am Essen, vielleicht an der mangelhaften Hygiene im Hotel oder am Klima. Keine Ahnung.«

Von einem kleinen Magen-Darm-Virus zu sprechen war die Untertreibung des Jahrhunderts, denn sie hatte sich noch nie in ihrem Leben so krank gefühlt wie in den letzten zwei Wochen. Angefangen hatte es mit Erbrechen und Durchfall, womit sie sich tagelang herumgequält hatte, bis sie eines Morgens im Frühstücksraum des Hotels zusammengebrochen war. Man hatte sie ins Central Hospital von Mbabane geschafft, eine abenteuerliche Klinik, die sofort die Vorstellung von einem Buschkrankenhaus weckte, und dort war ihr eine Infusion verpasst worden, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen. Danach hatte sie sich kurzfristig erholt, Durchfall und Übelkeit waren verschwunden.

Dafür waren bereits zwei Tage darauf andere Symptome aufgetreten, nämlich hohes Fieber, nahezu unerträgliche Kopfschmerzen, außerdem Abgeschlagenheit und fürchterliches Schwitzen in der Nacht. Und Appetitlosigkeit. In den letzten zwei Wochen hatte sie kaum feste Nahrung zu sich genommen, denn bereits der bloße Gedanke an Essen drehte ihr fast den Magen um. Sie hatte nur gehofft, dass sie sich nicht mit Malaria angesteckt hatte, was durchaus möglich war, da sie vor ihrem überstürzten Reiseantritt keine Zeit mehr für eine entsprechende Prophylaxe gehabt hatte. Wie auch immer, wenn sie wieder zu Hause war, musste sie dringend einen Arzt aufsuchen.

»Du Ärmste«, tröstete die Redakteurin. »Aber nun sag mir, wo du steckst und ob du etwas herausgefunden hast.«

»Wo ich stecke, kann ich dir verraten: am Ende der Welt, und das trägt den Namen Swasiland.«

»Swasiland? Um Himmels willen, wo ist das denn? Ich dachte, du hältst dich in Südafrika auf.«

»Swasiland ist ein winziges Königreich, das fast vollständig von der Republik Südafrika umschlossen wird und im Osten auf ein paar Kilometer an Mosambik grenzt. Im Moment ist Hochsommer, klar, Südhalbkugel, was bedeutet, dass die Temperaturen tagsüber kaum unter vierzig Grad fallen. Hier bricht einem schon der Schweiß aus, wenn man nur den kleinen Finger rührt.«

Die Redakteurin lachte. »Eine Grillparty zu Weihnachten, auch nicht schlecht. Ich beneide dich. Bei uns regnet es in einem fort, und für nächste Woche ist sogar Schnee angesagt.«

»Mag sein«, entgegnete Mara. »In Swasiland ist es jedenfalls kochend heiß, die Leute hier sind bettelarm und gehören laut UNO zu den Ärmsten auf unserem Planeten. Aber das ist nicht der einzige Rekord, den dieses Land hält. Rate mal, welchen noch.«

»Keine Ahnung.«

»Die AIDS-Rate ist die höchste auf der Welt. Wenn die offiziellen Zahlen stimmen, dann sind vierundvierzig Prozent der Bevölkerung infiziert, Tendenz steigend. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt nur vierunddreißig Jahre, kannst du dir das vorstellen? Himmel, ich wäre seit drei Jahren tot. In nicht allzu ferner Zukunft werden sich hier unten ganze Ortschaften in Geisterstädte verwandeln.« Sie legte eine kurze Pause ein, ehe sie abrupt das Thema wechselte. »Unser anonymer Informant hatte recht. Er hat weder gelogen noch übertrieben.«

Anne von Kalck atmete laut aus. Erst nach einer Weile fragte sie: »Sicher?« Ihre Stimme vibrierte vor Aufregung.

»So sicher wie das Amen in der Kirche. Und das Beste ist, ich habe sämtliche Beweise in der Tasche. Oder im Koffer, besser gesagt.«

»Im Koffer? Das verstehe ich nicht.«

»Ganz einfach, ich bin im Besitz eines Aluminiumkoffers mit eingebautem Kühlaggregat und dreifacher Wärmeisolierung. Er ist komplett mit Schaumstoff ausgeschlagen, um seinen Inhalt zu schützen, und dieser Inhalt ist tiefgefroren. In ziemlich genau vierundzwanzig Stunden taut er auf, weil dann der Akku des Kühlaggregats leer ist, und wenn das passiert, ist der Inhalt in null Komma nix im Eimer. Ob er dann noch als Beweismittel taugt, weiß ich nicht, also ist Eile das Gebot der Stunde. Solche Koffer sind im Übrigen nichts Ungewöhnliches, wie man mir sagte, sondern werden gern von Forschungseinrichtungen benutzt, wenn es darum geht, verderbliche Medikamente oder biologische Proben zu transportieren.«

»Aha. Jetzt bin ich schlauer.«

»Anne, in dem Koffer befinden sich dreißig schockgefrostete Beutel mit Blutplasma, von dem rund die Hälfte HIV-verseucht sein dürfte, da es von hiesigen Spendern stammt. Keiner von denen wurde untersucht, bevor man ihn zur Ader ließ. Klar, dass dieses gefährliche Zeug im Einkauf lediglich ein paar Emalangeni kostet, was umgerechnet nur wenige Cent sind, doch wenn es erst in Deutschland angekommen ist, zahlen die Pharmakonzerne fast vierhundert Euro für den Liter. Dabei kaufen sie die Giftbrühe in gutem Glauben, denn jeder Lieferung liegen Dokumente des Amerikanischen Roten Kreuzes bei, die angeblich belegen, dass das Plasma von gesunden US-amerikanischen Spendern stammt. Muss ich erwähnen, dass diese Dokumente gefälscht sind? Unser anonymer Informant hat die Wahrheit gesagt, ich habe hier alles präzise so vorgefunden, wie er es geschildert hat. Doch das Ungeheuerlichste ist, dass tatsächlich der feine Herr Stein hinter dem Ganzen steckt, denn es ist seine Firma, in deren Namen die Geschäfte hier unten abgewickelt werden.«

Der feine Herr Stein, den sie erwähnte, war kein Geringerer als der ehrenwerte Rigobert Stein, ein Kölner Unternehmer und angeblicher Wohltäter, dem eine private Blutbank gehörte, die unter dem Namen Petrus Sanguis firmierte. Auf ihn aufmerksam geworden war die Redaktion des Kurier dank eines Anonymus, der behauptete, ein ehemaliger Angestellter von Petrus Sanguis zu sein. Nachdem er auf die Machenschaften seines Chefs gestoßen sei, habe man ihn mit massiven Drohungen zum Schweigen gezwungen. Mara vermutete jedoch, dass es sich in Wirklichkeit um einen ehemaligen Komplizen Steins handelte, der sich mit diesem überworfen hatte und nun auf Rache sann. Wäre es anders gewesen, hätte er sich an die Polizei gewandt und nicht an die Presse.

Sie schaute sich vorsichtig um und zog ein knappes Resümee. »Normalerweise wird das Plasma in speziellen Frachtcontainern nach Deutschland geschafft, die jeweils hundert Liter enthalten. Von einer solchen Fuhre stammt die Probe in meinem Koffer. Außerdem kenne ich die Strukturen der Blutmafia, und ich habe allerlei Schriftstücke fotografiert. Das sollte reichen, um den ganzen Schwindel auffliegen zu lassen, doch dazu muss ich das Zeug erst sicher nach Hause schaffen. Das wiederum dürfte verdammt schwer werden, da ich zwei Gorillas am Hals habe, die so etwas wie Steins verlängerter Arm sind und hier unten alles für ihn regeln.« Sie dachte an die beiden Spinner mit den weißen Strohhüten, Mr Albright und Mr Neboto von der Petrus-Sanguis-Niederlassung in Pretoria. »Die Typen sind mir vor drei oder vier Tagen auf die Schliche gekommen, als ich herumgestochert habe, und seitdem sind sie hinter mir her. Vorhin hätten sie mich fast in meinem Hotelzimmer erwischt, doch da konnte ich gerade noch rechtzeitig verschwinden.« Ihre Stimme wurde zu einem Flüstern, ihr Blick flog umher. »Anne, diese Kerle sind gefährlich. Wenn sie mich schnappen, werden sie mir nicht nur die Blutkonserven abnehmen, sondern vor allem dafür sorgen, dass ich nichts mehr ausplaudern kann.«

»Was … was willst du damit sagen?«, fragte Anne trotz ihrer glasklaren Vorstellung, was gemeint war.

»Die Kerle werden mich umbringen! Ich habe eine Heidenangst. Verdammt, auf was habe ich mich da nur eingelassen!«

Mara umklammerte den Hörer. Dann verdrängte sie den Schrecken und schluckte die Angst hinunter. Das funktionierte halbwegs, denn im Verdrängen war sie schon immer eine Meisterin gewesen.

Anne hörte sich verzweifelt an. »Um Himmels willen, Liebes, du musst dich sofort an die Polizei wenden, sie um Schutz bitten, ihr sagen, was du herausgefunden hast.«

»Alles, nur das nicht!«, widersprach Mara. »Ein Polizist verdient hier umgerechnet etwas über fünfzig Euro im Monat, folglich müssen alle die Hand aufhalten, um ihre Familien über die Runden zu bringen, und lassen sich von den wenigen ausländischen Firmen schmieren. Ich wette, meine beiden Freunde haben mir die örtlichen Sheriffs bereits auf den Hals gehetzt. Wundern würde es mich jedenfalls nicht, denn hier wird bestochen, was das Zeug hält. Das ist nebenbei bemerkt auch der Grund, weshalb meine Nachforschungen überhaupt erfolgreich waren: Ich habe nach den hiesigen Regeln gespielt.«

Dieser Gedanke gefiel ihr ganz und gar nicht, denn bisher schlug der Südafrikatrip mit sage und schreibe 15000 Euro zu Buche, wobei sie mindestens die Hälfte davon für Bestechungsgelder berappt hatte, die ihr niemals jemand zurückerstatten würde. Lediglich die Malaria hatte sie gratis bekommen. Sie rieb sich die Schläfen. Fast genauso schlimm wie die Vorstellung, sich mit einer Tropenkrankheit infiziert zu haben, war die Tatsache, dass sie nicht ihr eigenes Geld ausgegeben hatte, sondern das ihres Bruders. Dabei wäre sie eigentlich eine gut situierte Frau gewesen, denn ihr Bruder hatte ihr ein Vermögen geschenkt. Aber weil sie sich geschworen hatte, dieses Geld auf keinen Fall anzurühren, würde sie die 15000 wohl oder übel aus eigenen Mitteln ersetzen müssen. Es war vertrackt.

Anne wollte noch etwas sagen, doch in diesem Moment bemerkte Mara, dass die Fahrgäste zwischenzeitlich zum Bulli zurückgekehrt waren. Sie verabschiedete sich eilig von ihrer Freundin, bezahlte die Gesprächsgebühr am Schalter, wartete nicht auf das Wechselgeld, scheuchte Bodo hoch, der in der Sonne eingedöst war, lief zurück zum Fahrzeug und quetschte sich auf ihren Platz.

Gerade als Mpumelele den ersten Gang einlegte, sah sie einen Jeep heranpreschen, in dem zwei Gestalten mit weißen Strohhüten saßen. Der Jeep stoppte abrupt, und die Strohhutträger sprangen hinaus, um wild gestikulierend neben dem Bulli herzulaufen, der mehr und mehr an Geschwindigkeit gewann.

»Nicht anhalten, Mpumelele!«, schrie sie. Ohne Rücksicht auf ihre Mitreisenden kämpfte sie sich zum Fahrersitz durch.

Einer der Verfolger polterte mit der Faust gegen die Schiebetür des Bullis und mühte sich, sie zu öffnen, doch Gott sei dank vergebens. Sein Kompagnon versuchte gar, die Weiterfahrt zu verhindern, indem er vor der Motorhaube herumsprang und den Weg versperrte.

»Bitte nicht anhalten!«, wiederholte sie in beschwörendem Tonfall.

Mpumelele schaute sie fragend und ungläubig zugleich an. Noch hatte er den Fuß nicht vom Gas genommen, der Bulli rollte im leichten Joggingtempo dahin, und der Wüterich vor der Motorhaube musste zur Seite ausweichen, um nicht überfahren zu werden. Sofort tauchte sein vor Zorn verzerrtes Gesicht am Seitenfenster auf. Keuchend trabte er neben dem Fahrzeug her, schimpfte lautstark, fuchtelte mit den Armen. Dann zeigte er auf Mara und machte die Geste des Halsabschneidens, indem er sich mit zwei Fingern über die Kehle fuhr.

Auch Mpumelele sah es, und endlich trat er aufs Gaspedal.

Verfluchter Mist!, dachte sie. Jetzt werden sie dich an der Grenze abfangen. Der Gedanke war noch nicht verraucht, als der Jeep mit den beiden Strohhutträgern bereits in wahnwitzigem Tempo an dem Bulli vorbeirauschte und in einer Staubfahne vor ihnen verschwand.

Tamara Sturm, die rasende Reporterin des Kurier, die im Begriff war, einen krachenden Skandal aufzudecken, zitterte. Ob als Folge der Malaria oder vor schierer Angst, wusste sie nicht. Wahrscheinlich war Letzteres der Fall. Zu Recht, denn sie befand sich am Ende der Welt, während ihr einziger Verbündeter ein struppiger Straßenköter war.

Kapitel 2

11 Tage vor der Entführung des Fluges SWX 714

Die Frau gefiel Bernd bereits in dem Moment, da er sie zum ersten Mal sah. Das lag vermutlich daran, dass sie ihn schon von Weitem an die amerikanische Schauspielerin Meg Ryan erinnerte, die er seit jeher mochte, denn genau wie Meg hatte sie eine strubblige blonde Kurzhaarfrisur, die ihrer Erscheinung etwas Freches, Vergnügtes verlieh.

Sie war ebenfalls ein Touri und offenbar allein unterwegs. Das wiederum war erstaunlich, da sie nicht nur verdammt gut aussah, sondern auch noch das richtige Alter hatte, um längst verheiratet zu sein. Doch von einem Begleiter war weit und breit nichts zu sehen, jedenfalls konnte Bernd keinen entdecken. Er schätzte sie auf Ende dreißig.

Sie kam als Letzte aus dem Hotel und schlenderte die breiten Stufen hinunter, um sich dann etwas abseits der schwatzenden Ausflüglerschar in den Schatten einer herrlichen Akazie zu begeben. Er beobachtete, wie sie die Sonnenbrille in die Stirn schob. Dann sah sie sich um, nicht schüchtern, aber doch zurückhaltend. Er hatte den Eindruck, dass sie auf ihn aufmerksam wurde, und für eine Sekunde kam es ihm so vor, als gelte ihr Lächeln ganz speziell ihm. Das war natürlich ein Trugschluss.

Oder etwa nicht?

In einem wahnwitzigen Anfall von Kühnheit beschloss er, es herauszufinden und sie kurzerhand anzusprechen. Doch was sollte er sagen? Hallo, ich bin Bernd, und wer bist du? Klang ziemlich unbeholfen. Dann doch besser: Hallo, man nennt mich Birdie, und ich habe es satt, im Urlaub ständig allein zu sein. Hast du Lust, das zu ändern? Okay, das war nicht nur unbeholfen, sondern obendrein plump, eine billige Anmache.

Dabei stimmte es haargenau: Bernd Vogel war genervt, immer ohne Begleitung zum Essen zu gehen und einsam mit dem Teller in der Hand am Buffet zu stehen, während sich andere verzückt darüber unterhielten, was sie an diesem Tag alles gemeinsam erlebt hatten und an den nächsten noch zu erleben gedachten. Mit einem vertrauten Gesicht an seiner Seite hätte ihm auch die heutige Safari sicherlich besser gefallen. Zu dumm, dass es ihm nicht gegeben war, auf Fremde zuzugehen und sie einfach anzusprechen. Schon gar nicht, wenn diese Fremden weiblichen Geschlechts waren.

Im Geiste hörte er seinen besten Freund Georg schimpfen, der ihn anranzte, er solle endlich mit dem Lamentieren aufhören. »Du klingst wie ein Vierzehnjähriger«, würde Georg ihm vorhalten, »und nicht wie ein Mann von einundvierzig. Was dir fehlt ist Selbstvertrauen. Versuche, dir das anzueignen! Und nun geh zu ihr und mach ihr ein Kompliment. Sag ihr, dass sie schöne Augen hat. Das hat sich bewährt, ich mache das immer so. Alles Weitere wird sich von selbst ergeben.«

Der hatte gut reden, gehörte er doch zu jener Sorte von Männern, die jedes dritte Wochenende mit einer anderen, wie er es nannte rattenscharfen Braut ins Bett hüpften. Bernd mochte diese Ausdrucksweise genauso wenig wie Georgs Lotterleben als solches, doch eine Spur von dem Casanova-Charme seines Freundes hätte er sich schon gewünscht.

Also gut, sagte er sich und ging langsam auf die Fremde zu, ich werde sie einfach ansprechen. Ist ja nichts dabei. Er zögerte. Aber soll ich ihr wirklich ein Kompliment für ihre Augen machen?

In seinem Kollegenkreis schätzte man sein ausgeglichenes Naturell, für seine Freunde war er der Fels in der Brandung, auf den man jederzeit bauen konnte. In diesem Moment glich der Fels jedoch einem Weichkäse.

Und der wurde noch weicher in der afrikanischen Sonne, als ihn die Frau mit schräg gelegtem Kopf musterte, nicht mehr verstohlen und zurückhaltend wie vorhin, sondern ganz offensichtlich. Sein Vorsatz geriet ins Wanken, denn aus der Ferne hatte es den Anschein, als umspiele ein spöttischer Hauch ihre Mundwinkel. Mit einem Mal wurde er von der idiotischen Vorstellung heimgesucht, dass sie Gedanken lesen konnte. Oder vielleicht lachte sie ihn aus, weil sie auf ihren Ehemann oder Freund wartete und sich vorstellte, wie dieser ihn, Bernd, gleich zur Schnecke machen würde. Bei dem Glück, das er normalerweise hatte, war der Kerl garantiert Kickboxer.

»Quatsch!«, murmelte er verbissen und bemühte sich um einen forschen Schritt.

Plötzlich fuhren vier Geländewagen vor, was die Wartenden mit einem erfreuten Raunen quittierten. Die Reiseleiter stiegen aus, samt und sonders Schwarzafrikaner in Tropenkleidung, wie man sie sonst nur aus Afrika-Filmen kennt.

»Hallo, ich heiße Harold«, stellte sich einer von ihnen auf Englisch vor.

Er hielt eine kurze Begrüßungsansprache und bat die zweiunddreißig Safariteilnehmer, sich auf die vier Fahrzeuge zu verteilen. Das passte genau, denn auf der Pritsche eines jeden Geländewagens war Platz für acht Personen, jeweils vier auf der rechten Seite und vier auf der linken. Dort würden sie den Großteil der Fahrt im Stehen verbringen, den Blick in die Landschaft gerichtet, und sich an den Holmen festhalten, die eigens zu diesem Zweck an den Fahrzeugkarossen angebracht waren. Es würde eine mächtige Schaukelei werden, versprach Harold grinsend und bleckte zwei Reihen weißer Zähne, doch es würde dennoch einen Heidenspaß machen.

Sofort enterten gut gelaunte Touristen die Jeeps.

Für Bernd war dies der entscheidende Moment. Nur noch zwei Schritte, dann würde er direkt vor der Fremden stehen. Er schwitzte.

Sie hatte den Blickkontakt längst abgebrochen und war gerade im Begriff, sich ebenfalls einen Jeep auszusuchen, als sie seiner erneut gewahr wurde. Sie hielt inne und sah ihm gespannt entgegen. Er zwang sich zu einem möglichst unbekümmerten Lächeln, legte sich noch einmal seine Worte zurecht und dachte angestrengt darüber nach, ob er sie duzen oder doch besser mit Sie ansprechen sollte, wobei er sich für Letzteres entschied.

Da versperrte ihm wie aus heiterem Himmel ein Typ in kariertem Hemd den Weg.

»Hallo«, hörte er ihn zu ihr sagen. »Wartest du auf jemanden?«

Sie verneinte.

»Prima!«, frohlockte das Karohemd. »Dann begeben wir uns doch gemeinsam auf Safari.« Er deutete auf einen der Jeeps. »Da sind noch zwei Plätze nebeneinander frei. Hast du Lust?«

Es trat eine winzige Pause ein, und dann sah Bernd sie zu seinem größten Entsetzen nicken. »Warum nicht?«, stimmte sie zu. »Dann mal los!« Ihre Stimme klang heiter, die Unternehmungslust stand ihr ins Gesicht geschrieben.

»Ich heiße Robert«, stellte sich das Karohemd vor, während sie bereits einträchtig auf den Jeep zuhielten. »Und wer bist du?«

Sie nannte ihren Namen, doch den konnte Bernd nicht mehr verstehen, da ihre Worte im allgemeinen Trubel untergingen. Er sah Robert auf die Ladefläche klettern und ihr die Hand hinabreichen. Sie griff beherzt zu, ließ sich bereitwillig nach oben ziehen. Das wirkte schmerzlich vertraut.

Bernd stand wie ein begossener Pudel da. Wieder musste er daran denken, was Georg jetzt sagen würde. »Das hast du nun davon, du Siebenschläfer! Jetzt wird sie die Savanne an der Seite dieses Trottels erkunden. Dabei könntest du an seiner Stelle sein, wenn du nicht so getrödelt hättest. Und wer weiß schon, was hinterher noch alles möglich gewesen wäre, nach einem Tag voller Abenteuer und Safari-Romantik. Ich wette, der Typ schafft es, sie heute Abend auf sein Zimmer abzuschleppen. Und was dann kommt, kannst du dir vorstellen …«

Missmutig begab er sich zum erstbesten Jeep. Als er sich anschickte, die Ladefläche zu erklettern, hörte er hinter sich jemanden fluchen. Dieser Jemand war zornig, und es schien, als hätte er am liebsten laut geschrien, was er jedoch mühsam unterdrückte. Er begnügte sich damit, seinen Unmut zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorzuquetschen, doch selbst das war noch laut und deutlich zu verstehen.

»Wenn du jetzt nicht auf der Stelle Ruhe gibst«, grollte der Schlechtgelaunte, »kannst du was erleben!«

»Ach ja?«, keifte eine Frau. »Was denn?«

Die Antwort war ein Laut, der sich wie Boah anhörte, gefolgt von einer obszönen Schimpfkanonade, die schließlich mit den Worten endete: »Alte, geh mir nicht auf den Senkel! Oder willst du wieder was aufs Maul?«

Bernd drehte sich unwillkürlich um. Er sah einen dicken Kerl mit einem Tuch auf dem Kopf, das ihn wie einen Piraten aus einem schlechten Film aussehen ließ. Oder wie die Karikatur eines Rockers, denn außer dem Tuch trug der Typ ein schwarzes T-Shirt mit dem Logo der Kult-Motorradschmiede Harley Davidson. Seine Haare, die unter der Kopfbedeckung hervorlugten, waren strähnig, während der Schopf seiner Begleiterin, der »Alten«, wasserstoffblond leuchtete. Die wiederum wirkte keineswegs eingeschüchtert ob der angedrohten Schläge.

»Gibt’s was zu glotzen?«, schnappte der Harley-Davidson-Mann in einem Tonfall, der klar machte, dass er sich über eine Gelegenheit für eine Prügelei freuen würde.

Bernd verneinte und beeilte sich, seinen Platz im Jeep einzunehmen. Er nickte den anderen Reisenden kurz zu, einer Familie mit Kind und einem älteren Paar, dann quetschte er sich neben der Familie in die Reihe.

Das grinsende Gesicht des Reiseleiters, Harold, tauchte über der Kante der Ladefläche auf. »Füße weit auseinander«, riet er, »dann haben Sie sicheren Stand. Und gut festhalten, wenn wir losfahren. Dauert nicht mehr lange.« Er verschwand im Führerhaus.

Bernd klammerte sich an dem Querholm fest und schaute zu den anderen Jeeps hinüber. In seinem Rücken hörte er den Rocker und seine »Alte« lamentieren. Ob sich die beiden immer noch stritten, war nicht klar, denn das unangenehm laute Palaver, das sie veranstalteten, konnte durchaus ihre übliche Art sein, Konversation zu treiben.

Der Jeep schüttelte sich, als Harold den Motor startete. Das Vibrieren übertrug sich über die Haltegriffe auf Hände und Arme der Reisenden.

Die anderen Jeeps brausten bereits mit einem Affenzahn los. Bernd sah ein kariertes Hemd vorbeifliegen, das offenbar bester Laune war. Auch die Frau an seiner Seite schien sich köstlich zu amüsieren.

Zum Ärgern blieb ihm keine Zeit, denn unerwartet spürte er eine Pranke auf seiner Schulter.

Als er sich umdrehte, stand der Harley-Davidson-Mann vor ihm. »Zieh Leine!«, blaffte er.

»Wie bitte?«

»Du sollst verschwinden! Meine Freundin will deinen Platz haben!«

Er war vollkommen verdattert, nicht nur wegen der rüden Anrede, sondern auch wegen des Ansinnens an sich. Er überlegte, was an seinem Platz anders oder gar besser war als an den übrigen, doch eine plausible Antwort wollte ihm nicht einfallen. »Wieso?«, fragte er deshalb.

»Wieso was?«

»Wieso will sie unbedingt meinen Platz haben?«

Statt eine Antwort zu geben, plusterte sich der Rocker auf wie ein Truthahn, was durchaus bedrohlich wirkte, da er nicht nur fett war, sondern dazu noch mindestens eins neunzig groß. »Was interessiert dich das?«, schnauzte er. Er schien noch ein Stück zu wachsen. »Verschwindest du jetzt? Oder muss ich dir erst eine reinhauen?«

Bernd verspürte wenig Lust, sich mit diesem ungehobelten Proleten anzulegen, zumal es nicht so aussah, als wären dessen Drohungen nur leere Versprechen. Also rief er sich die alte Weisheit ins Gedächtnis, die besagte, dass der Klügere nachgibt, und räumte den Platz. Die kichernde Blondine war sofort zur Stelle, und sogleich trat ihr Fotoapparat in Aktion. Anscheinend wollte sie beim Wegfahren das Hotel knipsen. Das ging nach ihrer Vorstellung offenbar am besten von Bernds Platz aus. Oder präziser: von seinem ehemaligen Platz.

»Achtung! Festhalten«, rief Harold von unten.

Der Motor heulte auf, roter Staub erhob sich, und der Jeep raste wie vom Katapult abgeschossen los.

Im letzten Moment bekam er einen Haltegriff zu packen. Trotzdem wurde er gegen den Harley-Davidson-Mann geschleudert, der bereits um diese Uhrzeit nach Bier stank. Die Blondine jauchzte hochfrequent.

Doch nur für eine Sekunde, danach geschah das Schreckliche: Der Griff, an dem sie sich mit der Linken festhielt, während sie mit der Rechten immer noch den Fotoapparat hielt und knipste, brach ab! Einfach so, als wäre er nicht mit der Karosse verschweißt, sondern bestenfalls mit Spucke angeklebt.

Die Wasserstofffrisur taumelte nach hinten, aus dem Jauchzen wurde ein angsterfülltes Gellen. Der Fotoapparat, eine augenscheinlich teure Spiegelreflexkamera, flog durch die Luft. Ihre Besitzerin ruderte mit den Armen, versuchte panisch, irgendetwas in die Finger zu bekommen, um sich daran festzuklammern, doch vergebens. Schreiend ging sie am Fahrzeugheck über Bord, mit dem Rücken voran, bei einer Geschwindigkeit, die schwer zu schätzen war, aber sicher nicht unter vierzig Stundenkilometern lag. Für die Dauer einer Sekunde sah Bernd ein Paar rosa Füße mit lackierten Nägeln in der Luft zappeln, dann war die Blondine verschwunden.

Jesus und Maria, ging es ihm durch den Kopf, die hat sich das Genick gebrochen!

Er schluckte, als ihm bewusst wurde, dass er an ihrer Stelle wäre, wenn das Scheusal ihn nicht von seinem Platz vertrieben hätte.