Sturmtosen - Nicole Peeler - E-Book

Sturmtosen E-Book

Nicole Peeler

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Beschreibung

Jane True ist wieder da: packend, magisch, unwiderstehlich

In Jane Trues Leben scheint langsam Ruhe einzukehren: Zurück im beschaulichen Rockabill ist ihre größte Sorge, dass sie manchmal noch immer nicht so ganz über ihre magischen Fähigkeiten gebieten kann. Doch viel Zeit zum Nachdenken bleibt ihr nicht: Ein Serientäter greift wahllos Frauen an, egal ob Menschen oder Halblinge. Entschlossen, sich dem Bösen entgegenzustellen, sieht Jane sich mit ihren schlimmsten Alpträumen konfrontiert – und mit ihren geheimen Sehnsüchten: Ohne es zu wollen, steht sie mit einem Mal zwischen zwei Männern.

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Seitenzahl: 481

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Nicole Peeler

Sturmtosen

Roman

Aus dem Englischenvon Carolin Müller

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Titel der Originalausgabe:

TEMPEST’S LEGACY

Vollständige Erstausgabe 02/2012

Redaktion: Sabine Thiele

Copyright © 2011 by Nicole Peeler

Copyright © 2012 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House

Umschlaggestaltung und -illustration: Nele Schütz Design, München

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-07258-2

www.heyne-magische-bestseller.de

Das Buch

Jane True ist zurück – noch immer hat sie ihr inneres Gleichgewicht nicht so ganz gefunden und ringt mit ihren magischen Fähigkeiten. Noch immer hofft sie, in der verschlafenen Kleinstadt Rockabill in Frieden leben zu können, und noch immer überraschen sie die romantischen Eskapaden des Vampirs Ryu.

Es hat sich eigentlich nichts geändert – bis auf die Tatsache, dass ihre Mutter, die einst spurlos verschwand, ermordet wurde, wie Jane erfahren muss. Diese Entdeckung lässt ihr keine Ruhe mehr. Sie setzt alles daran, den Schuldigen zu finden. Nebenbei ermittelt sie auch noch im Falle eines Serientäters, der wahllos Frauen angreift und die ganze Stadt in Atem hält. Und als wäre das alles nicht genug, steht die bezaubernde Jane plötzlich zwischen zwei Männern: Neben Ryu macht ihr der charismatische Anyan den Hof, zu dem Jane sich unwiderstehlich hingezogen fühlt … Jede Menge Probleme also, die die impulsive Jane auf gewohnt stürmische Weise löst.

»Nicole Peeler ist der neue Star der Urban Fantasy!«

Romantic Times

Die Autorin

Wenn sie nicht gerade tief in die Welt der übersinnlichen Wesen abgetaucht ist, arbeitet Nicole Peeler als Universitäts-Dozentin. Mit ihrem ersten Roman Nachtstürme erzielte sie in den USA auf Anhieb einen riesigen Erfolg.

Lieferbare Titel

Nachtstürme – Meeresblitzen

Für Abby und WyattHört nicht mit dem Lesen auf,dann werdet ihr eines Tages eines der Bücher eurer Tante lesen dürfen.Ich liebe euch beide über alles.

Ich liebe es, wenn Leute schon vorher über ihre eigenen Witze lachen. Und was auch immer Marcus uns gleich erzählen würde, er selbst fand es ganz offenbar sehr lustig, denn er fing an zu kichern, sobald er verkündet hatte, er habe da einen »echt Guten« gehört: »Ein Gott stellt einem Selkie, einem Alfar und einem Nahual je einen Wunsch frei. Der Selkie wünscht sich ein Meer voller Fische.« Marcus legte eine dramatische Pause ein und schaute mich an, als wäre das jetzt mein Stichwort, einen Heilbutt aus dem BH zu ziehen und daran herumzuknabbern, bevor er fortfuhr: »Der Alfar schubst den Selkie zur Seite und wünscht sich eine von Mauern umgebene Stadt, in der nur Alfar leben dürfen.« Wir griffen nach unseren Drinks, während Marcus erneut innehielt und sich schweigend auf die Pointe vorbereitete. Dann gönnte er sich noch ein selbstgefälliges Glucksen. »Der Nahual wägt seine Optionen ab. Er schaut den Gott an, er schaut den Alfar an und fragt, wie hoch die Mauer denn sei. Und als der Alfar sagt, dass er eine sehr hohe Mauer haben möchte, meint der Nahual zu dem Gott … er soll die Stadtmauern mit Wasser füllen!«

Iris kicherte und warf ihre honigfarbene Haarmähne zurück. Marcus krümmte sich vor Lachen, und seine Lebensgefährtin Sarah sah ihn mit der leidgeprüften Miene einer Frau an, die sich ein und denselben Witz schon fünfzehnmal hintereinander hatte anhören müssen. Marcus und Sarah waren eines dieser Paare, die sich wie Hunde und ihre Besitzer über die Jahre immer ähnlicher geworden waren. Beide waren klein und sehr schlank, aber muskulös, mit ähnlich kurz geschnittenen Haaren und fast identisch in Jeans und Collegepullis gekleidet. Mit anderen Worten, sie wirkten wie Zwillinge, abgesehen davon, dass er afroamerikanisch aussah und sie europäisch. In Wahrheit waren sie aber beide Nahuals – oder Formwandler – und ganz und gar nicht menschlich.

Kaum zu glauben bei den Pointen, dachte ich und beschwerte mich kopfschüttelnd über die Witze von Übernatürlichen im Allgemeinen und die von Marcus im Besonderen: »Mann, du erzählst immer nur Menschenwitze, bei denen du die ethnischen Stereotype durch unsere Gattungsstereotype ersetzt. Du bist wie Cartman aus South Park, in der Folge, in der er in bekannten Liedern ›Baby‹ immer durch ›Jesus‹ ersetzt und dann behauptet, er sei ein christlicher Rocker.«

»Stimmt ja gar nicht«, widersprach Marcus wie immer. Wir führten dieses Streitgespräch so gut wie jedes Mal, wenn Marcus mir mal wieder einen »neuen« Witz erzählte. »Es waren die Menschen, die unsere Witze gestohlen und unsere Gattungen durch menschliche Glaubensführer ersetzt haben.«

Ich schnaubte verächtlich. Wohl kaum, wenn man bedenkt, wie eifersüchtig die Übernatürlichen ihre geheime Existenz schützten. Aber wie gesagt, das war ein Streit, den keiner von uns gewinnen würde. Ganz abgesehen davon, dass Iris noch immer vor sich hin kicherte und sie zu hübsch war, als dass man sie ignorieren konnte.

»Oh, Marcus, du bist so lustig!«, kicherte sie, und Sarah und ich verdrehten die Augen.

»Ermutige ihn nicht noch«, brummte Sarah neben mir.

»Wir wissen ja, dass er noch mehr davon auf Lager hat«, flüsterte ich ihr ins Ohr, just als Marcus sich an Sarah wandte und stolz verkündete: »Tja, davon habe ich noch mehr auf Lager.«

Sarah und ich rissen gleichzeitig die Arme hoch und stießen ein triumphierendes »Yeah!« aus. Dann besiegelten wir unsere vereinte Brillanz, indem wir abklatschten und uns vor Lachen krümmten.

»Ihr zwei seid echt zum Schießen«, sagte Marcus trocken und stand auf, um uns allen noch eine Runde Drinks von seiner Aushilfe an der Bar mixen zu lassen. Er und Sarah hatten eigentlich ihren freien Abend, aber der Stall war nun mal der einzige Laden in Rockabill, wo man vernünftig etwas trinken konnte, also verbrachten sie ihre Freizeit am Ende doch oft an ihrem Arbeitsplatz.

Sarah und ich kicherten immer noch, als Iris’ Augen plötzlich auf diese vielsagende Elbenart zu glühen begannen. Und tatsächlich, als ich mich umdrehte, stand dort der Pastor mit seiner Frau. In der Öffentlichkeit waren sie Musterbeispiele konservativer Anständigkeit, aber privat waren sie anscheinend größere Swinger als Piñatas. Iris winkte ihnen dezent zu, was sie huldvoll erwiderten, als sie an uns vorbei in den Restaurantbereich hinübergingen.

Iris verfolgte ihren Gang mit leuchtenden Augen. Ihr Elbenmojo brauste gegen meine Schilde, und ich warf ihr einen warnenden Blick zu. Iris bekam immer jede Menge Aufmerksamkeit. Sie sandte ständig kleine Reizwellen aus, und außerdem – mit ihrem Körper eines Playmates in Kombination mit dem Gesicht des netten Mädchens von nebenan – war sie einfach umwerfend betörend. Aber manchmal, wenn sie erregt war, ließ sie ihre Deckung sinken und entfesselte die ganze Macht ihres elbtastischen Selbst. Dummerweise bedeutete das, dass dann nicht nur Iris, sondern alle die Kontrolle verloren.

Dass Iris hier im Stall mitten in Rockabill eine Orgie startete, konnten wir wirklich nicht brauchen … unsere puritanischen Vorfahren würden sich aus ihren Gräbern erheben und uns mit ihren rasiermesserscharfen Schießeisen voller Missbilligung aufspießen.

Meine Freundin warf mir ein entschuldigendes Lächeln zu, und ich spürte, wie sie ihre Magie wieder herunterdimmte. Ich wollte gerade einen Scherz machen, da Iris sich immer schlecht fühlte, wenn sie sich hinreißen hatte lassen, als das Handy in meiner Tasche zu summen begann. Nachdem ich es herausgeholt hatte, sah ich Ryus Namen auf dem Display aufblinken. Während ich noch abwog, ob ich den Anruf annehmen sollte oder nicht, legte er auf. Ich starrte angestrengt auf mein Telefon, bis ich mich schließlich kurz entschuldigte. Iris sah mich wissend an, und ich rief, noch während ich zum Ausgang ging, Ryus Nummer auf und überlegte noch einmal, was ich tun sollte.

Mein Ex-Freund und ich waren noch immer nicht gut aufeinander zu sprechen, seit er mir eine Riesenszene gemacht hatte, weil er erwartete, dass ich zu ihm nach Boston zog. Es hatte nie Funkstille zwischen uns geherrscht, und in letzter Zeit sprachen wir sogar wieder öfter miteinander, aber ich war mir noch immer nicht sicher, was ich wollte. Auf der einen Seite lag mir verdammt viel an Ryu. Er sah gut aus, war großzügig und hatte Stil. Außerdem hatte er mir das Leben gerettet und das auf mehr als nur eine Weise. Als wir uns während einer seiner Ermittlungen in einem Mordfall hier in Rockabill kennengelernt hatten, war Ryu extra länger geblieben, damit wir zusammen eine gute Zeit haben konnten. Er hätte seine Ermittlungen vor Ort locker in ein paar Tagen ohne mich abschließen können, aber er zögerte es hinaus und schleppte mich überall mit hin, weil da diese starke gegenseitige Anziehungskraft zwischen uns war. Was mir, wie ich später erfuhr, den Hals rettete, denn ein Mörder hatte nur auf seine Chance gewartet, mich um die Ecke zu bringen, was nur durch Ryus Anwesenheit vereitelt worden war.

Ryu hatte mich außerdem aus der jahrelangen Starre geholt, in die ich nach dem Tod meiner großen Liebe Jason versunken war. Ich war nur halb lebendig gewesen, bis Ryu auftauchte. Allerdings hatte das Zusammentreffen mit ihm mich auch in die übernatürliche Welt stolpern lassen. Aber das kann ich ihm nicht vorwerfen. Ich war es schließlich gewesen, die Peter Jakes’ Leiche fand, und außerdem waren meine Kräfte zu stark. Nell, die Zwergin, und das restliche übernatürliche Volk aus der Gegend von Rockabill hätten mich früher oder später sowieso in den Schoß der Familie geholt.

Auf der einen Seite lag mir also viel an Ryu, auf der anderen Seite hatte der Baobhan Sith jedoch ein paar ziemlich seltsame Prioritäten, besonders was die Liebe betraf. Und obwohl ich wusste, dass ihm ernsthaft etwas an mir lag, und wir uns ganz klar zueinander hingezogen fühlten, wurde ich einfach das Gefühl nicht los, dass der wahre Grund für Ryus Verlangen nach mir darin lag, dass ich die Halblingsvariante einer Bentobox für ihn war. Aus irgendeinem Grund ergab mein gemischtes Blut einen sehr seltenen Cocktail: Ich hatte die magischen Fähigkeiten eines übernatürlichen Wesens und das Blut eines Menschen. In anderen Worten war ich eine echte Rarität, weil ich eine vollwertige Partnerin für ihn abgab. Er konnte sich an meinem elixierreichen Blut nähren, und gleichzeitig konnte ich in magischer Hinsicht und bezüglich meiner Lebensdauer mit ihm mithalten.

Aber auch wenn ich es ihm nicht verübeln konnte, dass er sich eine echte Partnerin wünschte, war mir unwohl dabei, mein Leben als ein laufendes, sprechendes Lunchpaket zu verbringen.

Ein weiterer wichtiger Faktor, der meiner Rückkehr in Ryus Leben einen seltsamen Beigeschmack geben würde, war die Tatsache, dass ich mich wie ein Teenager bis über beide Ohren verknallt hatte, und das in jemanden, der vermutlich die dafür ungeeignetste Person überhaupt war. Anyan Barghest war ein knallharter Krieger, ein international gefeierter Künstler (über viele menschliche Leben hinweg und unter verschiedenen Namen), ein echt scharfer Typ und jemand, der mich kannte, seit ich ein zahnloser, sabbernder Säugling war. Mit anderen Worten – er spielte wirklich in einer ganz anderen Liga. Aber irgendwann hatte ich mich nicht nur in ihn verliebt, sondern richtig verknallt wie eine Siebtklässlerin. Ich wollte Iris kleine Zettelchen an ihn zustecken, die mit Jane Barghest unterschrieben waren. Ich wollte ANYAN LIEBT JANE auf mein Erdkundeheft schreiben, aber leider hatte ich keinen Erdkundeunterricht mehr. Ich wollte Mash spielen, mit ihm als meiner alleinigen Ehemann-Option. Abgesehen davon wollte ich jede Menge Sachen mit ihm machen, die ganz bestimmt nichts für eine Siebtklässlerin waren und bei denen meist dick aufgetragene Nahrungsmittel im Spiel wären, aber es war alles völlig hoffnungslos. Nicht zuletzt, weil ich Anyan nicht mehr gesehen hatte, seit ich nach meiner Rückkehr aus Boston vor zwei Monaten neben ihm in seiner Hundeform eingeschlafen war.

Ich hatte meine wahren Gefühle für den Barghest beharrlich ignoriert, bis zu jener Nacht am Strand, in der ich träumte, dass wir rummachten. Die ersten Tage nach meiner Zeit in Boston waren schlimm gewesen. Ich hatte kein Auge zugetan, bis ich mich schließlich in meine Bucht geflüchtet hatte, wo ich in der Geborgenheit am Meeresufer endlich zur Ruhe kam. Als der Albtraum wiederkam, der mich seit Tagen wach hielt, und ich mich unruhig herumwälzte, fand Anyan mich. Er ließ meinen schlafenden Körper wissen, dass er da war, um mich zu beschützen, und mein schlafendes Gehirn dankte es ihm, indem es ihn zum Star in einem der explizitesten erotischen Träume machte, die ich je gehabt hatte. Und ich träume ziemlich schmutzig.

Unfähig länger zu leugnen, auf was mich mein Unterbewusstsein mit der Nase gestoßen hatte, war ich noch immer ziemlich erregt, deprimiert und mutterseelenallein in der Bucht erwacht. Schließlich hatte ich mir die ganze Sache so erklärt, dass ich meine Gefühle für Ryu, der mich wollte, und ziemlich konkrete Gefühle für einen Mann, der sie niemals erwidern würde, durcheinandergebracht hatte.

Großartig.

Ich biss mir noch einmal bestärkend auf die Unterlippe, während ich auf Ryus Namen und Nummer starrte, die auf meinem Display aufleuchteten. Ich nahm mich zusammen und drückte auf Anrufen. Das war keine schlechte Leistung von mir. Immerhin wollte ein Teil von mir (und zwar meine Libido) Ryu bei jedem Telefonat bitten, sofort nach Rockabill zu kommen. Aber ein anderer Teil von mir hielt dagegen, dass ich unsere Trennung besser endgültig machen sollte. Mit anderen Worten, unsere Beziehung war so kompliziert wie eh und je.

»Jane?«, antwortete Ryu nach dem vierten Klingeln.

»Hey, Ryu. Was gibt’s?«

»Nichts. Ich wollte nur deine Stimme hören.«

Als Reaktion darauf schnurrte meine Libido, obwohl ich über Ryus Spruch die Augen verdrehte. Der Baobhan Sith hatte seinen Doktor in Romantik Schmomantik mit magna cum laude gemacht, was ich liebenswert und lästig zugleich fand.

»Jane, hast du mich gehört?«

»Ja. Entschuldige, Ryu. War eine lange Woche. Danke, du fehlst mir auch.«

Lügner, dachte meine Tugend mürrisch.

Gar nicht, raunzte meine weniger verantwortungsbewusste Libido zurück.

»Was machst du gerade?«

»Ich bin mit Iris, Sarah und Marcus im Stall was trinken. Grizzie und Tracy kommen auch noch.«

»Wie geht es denn allen so?«

»Gut. Tracy ist schwanger!«, sagte ich, als mir einfiel, dass ich ihm diese Neuigkeit noch gar nicht erzählt hatte.

»Wirklich?«

»Ja. Im dritten Monat. Es geht ihnen gut. Tracy ist furchtbar aufgeregt, weil man es ihr langsam ansieht, aber das ist nur, weil …«

»Das sind ja tolle Neuigkeiten, Jane«, unterbrach Ryu mich ziemlich unsanft, wenn man berücksichtigte, dass ich ihm etwas so Wichtiges mitteilte. »Aber wie geht es dir?«

Ich zögerte mit meiner Antwort, denn ich ahnte, dass irgendetwas nicht stimmte.

Ungeachtet seiner Schwächen hatte Ryu normalerweise einwandfreie Umgangsformen. Mich einfach so zu unterbrechen, sah ihm gar nicht ähnlich, zudem klang auch seine Stimme ungewohnt ernst.

»Mir geht es gut«, antwortete ich vorsichtig. »Die Arbeit ist wie immer. Im Training habe ich endlich das mit den magischen Fühlern, die mir so Schwierigkeiten gemacht haben, begriffen, und neulich habe ich Trill sogar bei einem Duell geschlagen.«

Ich hatte mir mit dem Training offensiver Magie den Hintern abgearbeitet, und mittlerweile gelang es mir schon ganz gut. Von Con gekidnappt zu werden und mich von Graeme windelweich prügeln zu lassen, war eine ziemlich gute Motivationshilfe gewesen, und auch Anyans Lektionen darüber, wie ich meine Kräfte am besten manifestiere, hatten mir gute Dienste erwiesen. Ich hatte entdeckt, dass ich über überraschend aggressive Magie verfügte, wenn man bedachte, dass ich bloß zur Hälfte eine Selkie war. Ich musste mich nur noch an die Vorstellung von Jane True als ein angriffslustiges Hybridwesen gewöhnen.

»Sieht so aus«, sagte ich frech, »als sei ich die Art von Seehund, die zurückschlägt.«

»Das ist super«, erwiderte Ryu, doch er klang noch immer beunruhigt. Nach einem kurzen Schweigen war seine Stimme sogar noch ernster.

»Du weißt doch, dass ich immer für dich da bin, oder?«

Was zum Teufel?

»Okay«, antwortete ich.

»Ich meine das so, wie ich es sage. Ich werde immer für dich da sein, Baby.«

Jetzt war Ryu mehr als bloß ein bisschen dramatisch, aber Drama und Ryu, das passte zusammen wie Käse und … nun ja, Käse passt zu allem.

»Danke, ich bin auch für dich da«, entgegnete ich wenig überzeugend.

»Ich überlasse dich jetzt wieder deinen Freunden.«

»Ähm, okay. Danke für den Anruf.«

Ryu schwieg für eine Sekunde, und als er antwortete, war seine Stimme sehr bedeutungsvoll.

»Vergiss nicht, was ich gesagt habe, Jane. Wir sprechen uns bald wieder.«

Mit diesen kryptischen Worten legte er auf. Ich blinzelte mein Handy erstaunt an und fragte mich, was er verdammt noch mal vorhatte, bis auf dem Parkplatz vor mir eine Autotür laut zugeknallt wurde.

Es war meine alte Erzfeindin Linda Allen und ihr aktueller Freund Mark, der neue Postangestellte, mit dem ich beinahe ausgegangen wäre, bis er von meiner schäbigen selbstmörderischen Vergangenheit Wind bekommen hatte und mich fallen ließ wie eine heiße Kartoffel.

Mittlerweile lagen die Dinge anders, und Linda und Mark lächelten mich im Vorbeigehen bloß höflich an. Okay, zugegeben, ich hatte sie vor einigen Wochen mit einer kleinen Aura belegt, die sie dazu veranlasste, Jane respektvoll zu behandeln. Aber ich ließ mir auch nicht mehr jeden Mist gefallen.

Mark hielt Linda die Tür auf, und ich verspürte einen Stich der Trauer. Das Alleinsein nach Jasons Tod war so vertraut gewesen, aber dann war Ryu gekommen und hatte meine Welt durcheinandergewirbelt wie eine Schneekugel. Er hatte mich wieder daran erinnert, wie es war, jemanden an seiner Seite zu haben, und dieses Gefühl der Verbundenheit vermisste ich nun. Außerdem vermisste ich auch den Sex ziemlich, aber zumindest hatte ich als Ersatz eine Schublade voller Sexspielzeug von Grizzie. Allerdings hielt einem eine Pocket Rocket weder die Tür auf oder Händchen noch glänzte sie als Gesprächspartner.

Andererseits sind Sexspielzeuge eher selten kompliziert, dachte ich und zuckte zusammen, als mir jemand an den Hintern fasste.

Ich brachte meinen Atem wieder unter Kontrolle und fuhr die Schilde herunter, die ich bei der Berührung reflexartig aktiviert hatte. Dieses Kneifen kenne ich doch, dachte ich, und als ich mich umdrehte, stand Grizzie hinter mir und grinste mich anzüglich an.

»Wenn man vom Teufel spricht«, sagte ich trocken, »kneift er dir in den Hintern.«

»In was für Gedanken bist du denn versunken?«, fragte meine große Freundin lachend, als sie mich zur Begrüßung umarmte. »Ich stampfe mit meinen großen Tretern hier an, und du zuckst nicht mal mit den Wimpern.«

»Ach, ich bin wieder mal in meiner eigenen Welt.« Ich zuckte mit den Schultern und sah, wie Tracy angewatschelt kam und sich neben ihre Lebensgefährtin stellte.

»Ich werde fett«, schnaufte sie.

»Du bist nicht fett«, schalt ich, als ich sie umarmte. »Du bist schwanger.«

Als ich sie wieder losließ, blickte Tracy demonstrativ auf ihren Bauch.

»Mit Zwillingen«, räumte ich ein und tätschelte ihr bereits sichtbar gewölbtes Bäuchlein.

»Sumoringer-Zwillinge«, gluckste Grizzie, wofür ich ihr einen bitterbösen Blick zuwarf.

»Nie wieder«, murmelte Tracy, als ich ihr die Tür aufhielt. »Nächstes Mal, Ms. Montague, bekommst du den Braten in die Röhre, und ich zeige mit dem Finger auf dich und lache mich schlapp.«

Ich musste lächeln, wie sie sich darüber zankten, wer das nächste Mal schwanger werden müsste. Grizzie betonte immer wieder ihre »mädchenhafte Figur«, aber ich wusste, dass ihr das eigentlich ganz egal war und sie sich darauf freute, auch bald einmal schwanger zu sein.

Wir plauderten noch ein bisschen, bevor wir hineingingen. In Maine herrschte in Bars schon seit Ewigkeiten Rauchverbot, weshalb wir uns trotz Tracys Schwangerschaft weiter im Stall treffen konnten. Meine beiden menschlichen Freundinnen hatten sich ziemlich nahtlos in die kleine übernatürliche Truppe von Rockabill eingefügt. Sie wussten zwar nichts von unseren »wahren« Identitäten, aber das war auch kein großes Problem bei dieser Clique, in der alle über hochentwickelte menschliche Fassaden verfügten und Grizzie und Tracy gerne dabeihatten. Nicht zuletzt, weil Grizzie den Druck von ihnen nahm. Wenn irgendwer wie ein mythisches Wesen aussah, dann Grizelda Montague. Während Tracy ihr übliches langärmeliges Poloshirt und Cargohosen anhatte, trug ihre Lebensgefährtin einen hautengen Kunstleder-Catsuit und hatte ihre Haare zu zwei Zöpfen geflochten und wie Prinzessin Leia über ihren Ohren zu Schnecken gerollt. Für einen Mittwochabend im Pub eines Kaffs wie Rockabill mit rund tausend Einwohnern.

Grizzie war einfach unglaublich.

Marcus half der Mutter in spe in die Sitzecke, die er extra für uns freigemacht hatte, und ging dann an die Bar, um eine weitere Runde Drinks für uns und einen Orangensaft für Tracy zu besorgen. Grizzie zog einen Stuhl heran, um am Tischende neben ihrer Lebensgefährtin Platz zu nehmen. Sarah rutschte aus der Bank heraus, um Marcus mit den Getränken zu helfen. Ich hörte, wie Grizzies Kunstleder-Catsuit bei jeder Bewegung schmatzende Geräusche machte, und rutschte dann auf den Platz gegenüber von Iris. Sofort fingen alle an, durcheinander zu reden, doch wie das bei guten Freunden so ist, unterhielten wir uns trotzdem prächtig.

Bald darauf kam Sarah mit den Drinks zurück und fing an, sich mit Tracy und Grizzie über deren Schwangerschaft zu unterhalten, und Iris nutzte die Gelegenheit, mich über den Tisch hinweg ein wenig auszuhorchen.

»War das Ryu?«, fragte sie mit honigsüßer Stimme.

»Ja.«

»Dachte ich mir, so wie du geschaut hast. Was wollte er?«

»Ich weiß nicht so genau. Er war kryptisch wie immer.«

»Wirst du ihn treffen?«

»Er hat schon so etwas gesagt, von wegen, dass er mich sehen will, aber er schien keine konkreten Pläne zu haben. Mann, was soll ich bloß mit dem Kerl machen?«, seufzte ich und ließ niedergeschlagen meine Stirn auf den Tisch sinken.

»Nun ja, zuerst würde ich ihn fesseln, und dann würde ich mit einer Feder anfangen und einem Staubwedel …«

»Iris! Ich meinte … nicht das. Sondern was soll bloß aus ihm und mir werden?«

»Oh. Keine Ahnung. Ich bin nur beim Sex gut. Beziehungen sind eine ganz andere Baustelle.«

Ich wurde blass, als ich bemerkte, wie rücksichtslos ich war. Erst kürzlich hatte ich erfahren, dass Iris vor Ewigkeiten einmal einen Menschen geliebt hatte, mit dem sie sogar ein Kind gehabt hatte. Das Kind war aber ohne jegliche magische Fähigkeiten auf die Welt gekommen, und sowohl ihr Mann, als auch ihr Sohn waren bereits verstorben, während sie weiterhin jung und kräftig war wie eh und je. Den Verlust der beiden hatte Iris nie verwunden, und seitdem war sie keine ernsthafte Beziehung mehr eingegangen.

»Tut mir leid, Iris.«

»Muss dir nicht leidtun. Ist schon okay. Aber wir haben von dir und Ryu gesprochen.«

Ich wusste, dass Iris nicht gern über ihre Vergangenheit sprach, also wechselten wir das Thema.

»Ich hasse es einfach, dass wir so einen Eiertanz aufführen. Er bedeutet mir schon viel, aber es ist alles so kompliziert.«

»Und dann ist da ja auch noch Anyan«, sagte Iris mit gesenkter Stimme, damit nur ich es hören konnte.

Ich schnaubte. Natürlich wollte ich mit Anyan Sachen anstellen, die selbst Casanova erröten lassen würden. Aber zu jeder Fantasie über den Barghest, die mit Handschellen und geträufeltem Honig zu tun hatte, kam eine genauso lebhafte, bei der ich ihm eine scheuerte. In Boston hatte ich das Gefühl gehabt, als bestehe eine echte Verbindung zwischen uns, und er hatte gesagt, er fühle sich schlecht, wenn er nicht für mich da sein könne. Und dann war er, kaum dass wir wieder in Rockabill waren, einfach verschwunden. Ich fühlte mich zurückgewiesen. Und bescheuert, überhaupt so zu empfinden, denn ich hatte schließlich kein Recht auf solche Gefühle. Wir waren nie mehr als bloß Bekannte gewesen. Aber ich war noch immer wütend auf ihn, obwohl ich wusste, dass das total irrational von mir war. Es war der unsinnige Zorn unerwiderter Liebe, und ich war nicht stark genug, seiner Versuchung zu widerstehen.

»Was soll schon mit Anyan sein«, erwiderte ich hitzig. »Und ich bin dumm, wenn ich geglaubt habe, da sei mehr zwischen uns. Es fängt ja schon mal damit an, dass Anyan nie hier ist. Außerdem ist er eine Nummer zu groß für mich. Und er hat in mir nie mehr gesehen als jemanden, auf den er aufpassen muss. Ich mag ja durchaus Macken haben, aber ganz bestimmt keinen Vaterkomplex. Ich will doch mit keinem Mann zusammen sein, der denkt, er wäre mein Babysitter. Im Übrigen muss ich mir über meine Gefühle für Ryu klarwerden, ohne dass Anyan da reinspielt. Ich bin Ryu mehr schuldig als das.«

»Bist du das? Ryu mehr schuldig als das? Und würdest du für Anyan genauso empfinden?«

Ich schnitt Iris eine Grimasse. »Ich weiß nicht, was in mir vorgeht. Aber ich darf meine Gefühle für den Blutsauger nicht auf der Basis meiner Gefühle für den Höllenhund einordnen, der ganz offensichtlich nicht einmal weiß, dass ich überhaupt existiere. Abgesehen davon steht das gar nicht zur Debatte. Zumindest noch nicht. Ryu ist in Boston, ich bin in Rockabill, Anyan ist irgendwo. Also ignoriere ich einfach alles, bis mir die ganze Sache um die Ohren fliegt. Und dann bekomme ich Panik und renne zu dir.«

Iris lachte. »Deine Pläne sind wie immer Schrott, Jane. Aber du weißt ja, ich bin für dich da, wenn du mich brauchst.«

Und ich sollte ihre Hilfe schon bald benötigen. Im Gegensatz zu Ryus kryptischen Äußerungen wusste ich ganz genau, was Iris meinte. Sie wollte mir sagen, dass sie meine Freundin war und für mich da sein würde, wenn ich sie brauchte, genauso wie jeden einzelnen Tag zuvor in den letzten Monaten. Ich lächelte sie dankbar an und legte meine Hand auf ihre.

»Danke, Lady. Du weißt, wie lieb ich dich habe.«

Die Elbe lachte. »Ja, ich weiß, du sagst es mir jedes Mal, wenn du betrunken bist.«

»Auf betrunkene Liebeserklärungen«, sagte ich und erhob das Glas. Wir stießen erst miteinander an und dann mit allen anderen aus unserer Runde.

Ich sah meine Freunde strahlend an, wohl wissend, wie glücklich ich mich schätzen konnte, sie zu haben. Wir unterhielten uns noch eine gute Stunde, bis Tracy und Grizzie sich verabschiedeten. Kurz darauf heftete sich Iris unauffällig an die Fersen des Swinger-Pastors und seiner Frau. Als dann auch noch Sarah und Marcus gute Nacht sagten, ging auch ich und widmete mich der einen weiteren Sache, die mir genauso viel bedeutete wie meine Freunde und meine Familie.

Meinem Meer.

Am nächsten Tag lag ich wohlig auf meinem Lieblingsfelsen und genoss die Strahlen der Nachmittagssonne, die träge am Horizont hing.

Erst seit letztem Monat beherrschte ich meine Unsichtbarkeitsaura und konnte somit endlich auch tagsüber schwimmen gehen. Nachdem ich jetzt jederzeit ohne Angst vor Entdeckung im Meer baden konnte, gab es für mich kein größeres Paradies, als auf einem warmen Felsen zu liegen, der an einer seichteren Stelle aus dem Wasser ragte, die schäumende See nur eine Armlänge entfernt.

Von außen mochte ich völlig friedlich und entspannt aussehen, aber insgeheim trainierte ich. Heute hatte ich zwar offiziell meinen freien Tag, sowohl von der Arbeit als auch von meiner magischen Ausbildung. Aber nachdem ich gestern Abend schon aus war, wollte ich nicht noch mehr Zeit verlieren. Auf den ersten Blick lag ich also zwar untätig herum, übte jedoch, kleine Kraftschübe auszulösen, mit denen ich Wasser schöpfte und neben meinem Kopf ausschüttete. Es erforderte viel Kontrolle und eine sehr dicht gewirkte Kraft, um Flüssigkeit festzuhalten, die Übung war also tatsächlich sehr anspruchsvoll.

»Du sollst dich doch ausruhen, Jane«, ertönte eine ölglatte Stimme irgendwo aus der Nähe meiner Füße. Widerwillig hob ich den Kopf und sah stirnrunzelnd zu meinem ungebetenen Gast hinunter. Es war meine Kelpie-Freundin Trill. Kelpies waren bimorph wie Selkies, nur dass sich Trill, anstatt wie meine Mutter in einen Seehund, in ein komisches kleines Unterwasserpony verwandeln konnte. Gerade hatte sie aber ihre menschliche Form, um sich besser mit mir zusammen sonnen zu können.

»Ich ruhe mich doch aus«, sagte ich. »Bin ich in der Horizontalen oder nicht?«

»Was ich so höre, machst du jede Menge Sachen in der Horizontalen, die rein gar nichts mit Ausruhen zu tun haben.«

»Ha ha, sehr witzig. Aufgepasst, Komiker dieser Welt – hier kommt Trill Kelpie!«

Trill stieß ein komisches krächzendes Geräusch aus, das ich erst nach langer Zeit als ihre Version eines mädchenhaften Kicherns erkannt hatte.

»Tja, alles ›ponymäßige‹ ist nun mal besser. Besonders pony-style.«

Ich ließ meinen Kopf wieder auf den Felsen sinken und kniff die Augen zusammen. »Hilfe, redest du etwa gerade über Ponysex? Weil, wenn ja, dann hast du mich vermutlich fürs Leben versaut.«

Allein der Gedanke an zwei kleine Kelpies, die es miteinander treiben, ließ mich erschaudern.

Trill krächzte noch einmal ihr raues Kichern, und dann hörte ich, wie sie sich aus dem Wasser hievte. Ich quiekte protestierend, als kalte Wassertropfen auf meine sonnenwarme Haut trafen. Die perlgraue Haut der Kelpie schimmerte matt im Sonnenlicht, ihre Hände mit den schwarzen Fingernägeln – meerkalt – stupsten mich wie eisige Klingen an, damit ich zur Seite rutschte und ihr Platz machte. Zuerst weigerte ich mich, denn es war einfach zu bequem, um sich vom Fleck zu rühren, doch dann drohte sie mir damit, ihr grünes Algenhaar über meinem Bauch auszuwringen. Da rutschte ich schließlich doch zur Seite, damit Trill auf meinem Felsen Platz fand.

Wir lagen in kameradschaftlichem Schweigen nebeneinander und dösten mindestens eine halbe Stunde vor uns hin. Aber ich wusste, so ein Frieden konnte nicht lange währen, und schon bald drängte sich Trills glitschige Stimme in mein gemütliches Päuschen.

»Wie fühlst du dich diese Woche?«

Vom ersten Moment unseres Kennenlernens an war Trill meine Freundin und meine Schwimmgefährtin gewesen. Aber nach den Ereignissen in Boston hatte sie es sich außerdem zur Aufgabe gemacht, auch noch meine Therapeutin zu spielen.

Ich wünschte mir, ihr sagen zu können, dass ich ihre Hilfe nicht brauchte, aber ich wusste es besser.

Wenn ich ehrlich war, war ich ziemlich fertig, als ich aus Boston zurückkam. Mir war natürlich klar, dass ich sehr viel Glück gehabt hatte. Im Gegensatz zu den beiden Frauen, die wir gesucht hatten, Edie und Felicia, war ich noch am Leben. Ich hatte keine einzige körperliche Narbe von den Schlägen zurückbehalten, die Graeme, der sadistische Vergewaltiger-Elb, mir zugefügt hatte. Ich sah genauso aus wie die Jane True, die zuvor mit ihrem Freund in ein romantisches Valentinstags-Wochenende gefahren war.

Aber diese Jane True war ich nicht … nicht mehr.

Natürlich gab es Momente, vor allem, wenn ich mit meinen Freunden zusammen war oder wenn ich trainierte, in denen ich mich an eine Zeit ohne Schuldgefühle erinnerte. Aber wenn ich allein war, konnten meine Gedanken ganz schön bedrückend sein.

Mir war schon immer klar gewesen, dass das Leben nicht fair war. Der Verlust meiner Mutter und von Jason hatten mich schon früh gelehrt, dass auch anständigen Leuten Schlimmes widerfahren kann, weil das Leben eben launenhaft ist und der Tod unberechenbar. Aber bis letzten Februar hatte ich das Universum nie für grausam gehalten. Der Ausdruck in Graemes Augen, als er mir in die Lippe biss, das Fehlen jeglicher Emotion in Phädras Gesicht, als sie Conleth den Kopf abhackte, und Conleths Blick, als er mich kurz vor seinem Tod um Hilfe anflehte … All das hatte mich ganz schön mitgenommen. Ich war nicht in der Lage gewesen, irgendwem zu helfen, nicht einmal mir selbst und schon gar nicht den beiden Frauen, die durch Graemes Hand gestorben waren, weil wir nicht schlau oder nicht schnell genug für ihre Rettung gewesen waren.

Und dann waren alle Beteiligten – ausgenommen der Toten natürlich – einfach wieder zum Alltag übergegangen. Ryu war nach Boston zurückgekehrt, ich nach Rockabill. Und Phädra und ihre Truppe in den Verbund. Phädra war eine Alfar, und ihre Lügen, dass Conleth für all die Morde – sowohl in Boston als auch in der Grenzregionsstadt Chicago – verantwortlich sei, wurden ihr anstandslos geglaubt. Ryu hatte noch nicht einmal den Versuch unternommen, der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen, weil er wusste, dass die Alfar sich sowieso immer auf die Seite der Alfar stellten und dass das Königspaar sich somit nie gegen Jarl und seine Handlangerin Phädra wenden würde.

So hatte mein Bild von einem launenhaften Universum düstere, noch unheilvollere Töne angenommen. Das Leben war nicht bloß unfair … es war grausam. Die Schwachen würden immer von den Starken besiegt werden, und niemand – auch keine höhere Macht – hinderte sie daran.

Und ich hatte lernen müssen, dass ich eine von den Schwachen war.

Nicht dass ich jemals mächtig gewesen wäre. Als Mensch war ich immer klein und verletzlich gewesen. Ich war nie eine Kämpferin, nicht im physischen Sinne. Deshalb hatte mein Wissen darum, dass Selkie-Blut in mir floss, auch bedeutet, dass ich Kräfte in mir entdeckte, von denen ich vorher nie zu träumen gewagt hätte. Doch gleichzeitig war ich in eine Welt geschleudert worden, in der es keine Gesetze, kein Gewissen gab. Das Einzige, was dort zählte, waren Macht und Stärke. Zwar lernte ich Schritt für Schritt, dass ich über weitaus mehr Elementkraft verfügte, als ich anfangs erfassen konnte, aber was bedeutete es schon, Macht zu haben, wenn man Angst hatte, sie auch zu nutzen?

In anderen Worten, ich war als ein gesetzestreues Mitglied der menschlichen Gesellschaft aufgewachsen und es gewohnt, in Kategorien wie gesellschaftliche Verantwortung, übergeordnetes Allgemeinwohl und »solange es niemandem schadet« zu denken. Doch all das machte mich schwach in einer übernatürlichen Gesellschaft, die sich gerne in äußerster Gewalt erging.

Mist, jetzt musste ich also doch über meine »Gefühle« sprechen, dachte ich. Als würden die sich je verändern …

Wie aufs Stichwort drehte sich Trill auf die Seite und sah mich an. »Wie fühlst du dich diese Woche?«, erkundigte sie sich erneut.

Beinahe hätte ich geseufzt, aber ich hielt mich zurück. Es war Zeit für mein Pokerface.

»Mir geht es ganz gut. Diese Woche ist echt gut gelaufen. Ruhig und … normal. Ich bin superaufgeregt wegen Grizzie und Tracy. Und wir haben ein paar neue Bücher reinbekommen, auf die ich schon sehr gespannt war …«

Trill erwiderte nichts, sondern hörte sich bloß unbewegt mein nervöses Geplapper an.

»… ähm, und ich bin total zufrieden mit dem, was ich diese Woche im Training gelernt habe. Ich habe das Gefühl, ich werde immer stärker, das ist echt toll.«

»Stärker?«

»Ja, stärker. Nicht böse gemeint, aber es war ein irres Gefühl, als ich unser Duell gewann. Ich fühlte mich wirklich … knallhart.« Trill rümpfte die Nase, und ihr Mund verzog sich zu der Kelpie-Version eines Grinsens. »Du hast gewonnen, gewiss. Aber bald verlegen wir dein Training ins Wasser, und dann siehst du, was ich wirklich kann.«

»Juchu!«, quietschte ich wie ein Kind, dem man soeben einen Besuch im Zirkus versprochen hatte. Ich konnte es kaum erwarten, das Training im Wasser anzufangen, aber weil die größten Bedrohungen für mich vom Land kamen, wollten sie mich zuerst dort stärken.

»Trotzdem macht es mir Sorgen, was du über dich sagst. Ich habe dich schon immer für stark gehalten, Jane.«

Ich schnaubte. »Machst du Witze? Ich meine, danke. Aber ich muss definitiv noch härter austeilen lernen, und das weißt du.«

Trill sah mich stirnrunzelnd an. »Gerade hast du selbst gesagt, dass ich an Land nicht gerade mächtig bin. Schließlich hättest du mich beinahe über ganz Rockabill verteilt.«

»Ja, aber im Meer würdest du mich plattmachen.«

»Und das vergiss mal besser nicht«, sagte Trill und rümpfte wieder herausfordernd ihre flache Nase. »Ich meine ja bloß, du solltest dich stärker auf das konzentrieren, in dem du gut bist, und auf die Kraft, die du bereits hast, anstatt deine Gedanken darauf zu verschwenden, dich in etwas zu verwandeln, das du nicht bist.«

Ich dachte einen Moment über Trills Worte nach. »Aber manchmal liegt es doch weniger an einem selbst, dass man sich verändert, sondern vielmehr an den Umständen. Und daran, dass man versucht, das Beste aus diesen äußeren Veränderungen zu machen«, sagte ich schließlich.

»Vorsicht – Denkfehler. Überleg mal einen Augenblick, was du eben gesagt hast. Im Grunde heißt das nichts anderes, als dass du findest, es sei richtig, Jarl die Kontrolle über dich und dein Leben zu überlassen.«

Ich verzog das Gesicht angesichts Trills harter Worte. Sie trafen mich, obwohl ich es durchaus schätzte, dass meine Freundin kein Problem hatte, mit dem Finger auf die Alfar zu zeigen. Das Meeresvolk, zu dem Trill und meine Mutter gehörten, war neben dem Landvolk eine Rasse für sich. Die Wesen, die im Wasser lebten, kamen nur selten an Land und hatten kaum etwas mit den Machtstrukturen der Alfar zu tun. Was auch erklärte, warum der Pool am Hof der Alfar so übermäßig aufgeladen war: Nur sehr wenige Wasserelementwesen benutzten ihn je. Schließlich war das Meer riesig, und die Alfar waren nicht allzu sehr daran interessiert, über große Algenschwaden zu herrschen. Also hielten sie sich weitgehend aus den Meeresangelegenheiten heraus. Hinzu kam die Tatsache, dass es nicht mehr viele Wasserelementwesen gab. Also verwaltete sich das Meeresvolk selbst und hatte seinen eigenen Kodex zu Gerechtigkeit, Fairplay und allgemeinen ethischen Grundsätzen.

Der Meereskodex, wie sie es nannten, war ziemlich kompliziert beim Umgang untereinander, aber sehr einfach, wenn es um den Kontakt mit Landratten ging. Was die Alfar und ihre Handlanger betraf, hieß es im Meereskodex: »Schlag dich niemals gegen das Meeresvolk auf die Seite der Nichtwasserelementwesen.« Selbst ein Wesen wie Trill, das sich sehr gern auch an Land aufhielt und viele Freunde unter den Landelementwesen hatte, würde uns, realistisch betrachtet, fallen lassen wie eine heiße Kartoffel, wenn es zu einem Konflikt zwischen Wasser- und Landinteressen käme.

Das Meer war ein strenger Gebieter, aber er erzeugte Loyalität, und man musste sich schon etwas wirklich Dramatisches leisten – wie ohne triftigen Grund ein anderes Wasserwesen anzugreifen –, damit das Meeresvolk sich gegen jemanden aus den eigenen Reihen wandte.

Ich war entzückt, als ich von dem Regelwerk erfuhr, und noch begeisterter, als ich entdeckte, dass es auch für mich galt, obwohl ich meine Form nicht ändern konnte. Ich war so euphorisch, dass ich den Kodex als Persilschein dafür nahm, Amy Nahual bei jeder Begegnung in den Arm zu boxen und »Meereskodex!« zu rufen. Bis sie mich eines Tages voll in den Magen zurückboxte und »Blöde Kuh!« rief.

»Und wie steht’s sonst so?«, fragte mich Trill und wechselte das Thema, damit ich mich ein bisschen erholen konnte.

»Ach, alles in Ordnung soweit«, sagte ich. »Meinem Vater geht es noch immer ganz gut. Im Training läuft es super, wie du weißt. In der Arbeit ist auch alles okay.« Ich musste lächeln, als ich das sagte. »Eigentlich mehr als okay. Tracy ist schwanger.«

Trill grinste ihr verrücktes Kürbislaternen-Grinsen. »Tatsächlich?«

»Ja. Sie haben es wirklich geschickt angestellt; wir hatten nicht den blassesten Schimmer, dass sie das überhaupt planten. Sie waren sich auch nicht völlig sicher, ob es klappen würde, nachdem beide schon fast vierzig sind, also haben sie es nicht an die große Glocke gehängt. Aber, ja, Tracy ist jetzt im dritten Monat.«

»Wer ist der Vater?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Ein anonymer Spender. Aber sie wissen, dass er ein irischer Astrophysikstudent ist. Ich nenne ihn immer Guinness McRakete, um die beiden zu ärgern.«

»Das sind ja wirklich großartige Neuigkeiten«, sagte die Kelpie mit sehnsüchtiger Stimme.

Die Übernatürlichen konnten sich nur schwer fortpflanzen. Sie wussten den Grund dafür nicht, aber ich war mir ziemlich sicher, dass es etwas mit den reinigenden Kräften ihrer Magie zu tun hatte. Durch die Magie alterten wir viel langsamer als Menschen: Je mehr wir davon nutzten, desto länger und gesünder lebten wir. Seit ich ernsthaft mit dem Training angefangen hatte, hatte ich keine einzige Erkältung oder auch nur einen Pickel mehr bekommen. Ich war zwar kein Arzt, aber ich wusste, es musste eine Verbindung zwischen dieser reinigenden Kraft und der Unfruchtbarkeit der Übernatürlichen bestehen.

Aber was auch immer der Grund sein mochte, es hatte zur Folge, dass da draußen jede Menge Übernatürliche herumliefen, die so ziemlich alles tun würden, um ein Kind zu bekommen. Wie meine Mutter suchten sich viele einen menschlichen Partner. Aus irgendeinem Grund war es mit einem Menschen viel leichter, ein neues Leben zu zeugen, insbesondere für übernatürliche Männer mit menschlichen Frauen. Aber auch weibliche Übernatürliche hatten größere Chancen auf ein Kind zusammen mit einem menschlichen Mann.

Also war meine Mutter, eine Selkie, die im Meer zu Hause war, an Land gekommen, wo sie meinen Vater kennenlernte. Aus dieser Verbindung heraus wurde ich geboren, und als ich sechs Jahre alt war, verließ uns meine Mutter.

»Ja, wirklich großartig«, pflichtete ich Trill bei, um die traurigen Gedanken an meine Mutter schnell zu verscheuchen. »Tracy und Grizzie werden bestimmt tolle Eltern.«

Trill nickte. »Und du wirst eine wunderbare Tante Jane sein.« Ich lächelte aufrichtig erfreut. Ich plante schon, dem Baby das Schwimmen beizubringen … und bei der Gelegenheit könnte ich es auch in die Feinheiten des obszönen Schimpfens einführen. Das Geheimrezept für wahrlich kreatives Fluchen bestand meines Erachtens in einer Kombination aus gängigen Schimpfwörtern und Ausdrücken, die man sich selbst ausdachte …

»Und wie geht es den anderen?«, fragte die Kelpie und riss mich damit aus meinen Tanten-Tagträumen.

»Ach, gut. Iris geht es super. Wir waren gestern alle zusammen im Stall beim Abendessen.

Trill grinste wieder und piekte mir mit einem ihrer schwarzen Fingernägel in die Hüfte. »Bei dir ist immer alles super. Und trotzdem wirkst du so traurig.«

Ich sah sie stirnrunzelnd an. Was sollte ich denn tun? Die ganze Zeit jammern?

»Schon gut.« Seufzend drehte sie sich auf den Rücken. »Was macht die Liebe? Macht Ryu schon irgendwelche Anstalten?«

Ich schwieg, bis Trill einen weiteren nachdrücklichen Laut von sich gab. Also tat ich das, was ich immer tat, wenn das Thema Ryu zur Sprache kam. Ich runzelte die Stirn, zuckte mit den Schultern und schüttelte den Kopf.

»Keine Ahnung, Trill. Es ist kompliziert.«

Die Kelpie kicherte. »Die Liebe ist ein seltsames Spiel«, sagte sie, und ich hatte schon Angst, sie würde gleich anfangen, auch noch das Lied zu singen. Ich mochte Trill sehr, aber ihre Stimme konnte Rigipsplatten zerbröseln.

»Ja, da ist sicher was dran. Im Moment geht sie mir jedenfalls ziemlich auf den Sack, die Liebe«, sagte ich, ließ mich wieder zurück auf den sonnenwarmen Felsen sinken und seufzte wohlig.

Die Kelpie respektierte mein Schweigen, und wir sonnten uns gemeinsam noch eine Stunde. Sie sagte auch nichts, als ich nach ein paar Minuten anfing, weiter meine Wassertricks zu üben. Als es schließlich Abend wurde, schwammen wir noch ein letztes Mal in der Old Sow, forderten den uralten Strudel heraus, der uns den Gefallen erwies, seine Kraft durch Trill und mich wirbeln zu lassen, bis wir vor Magie nur so glühten.

Es war eine Kraft, die ich dankbar entgegennahm, wohl wissend, dass ich sie brauchte, um stark zu bleiben.

Ein paar Stunden später trocknete ich mich mit einem Handtuch ab, das ich immer in einer Felsspalte aufbewahrte, wo es durch einen kleinen magischen Regenschirm vor den Elementen geschützt wurde. Das Beste an der ganzen Magie war, dass ich sie gut für meine Schwimmerei gebrauchen konnte. Jetzt konnte ich schwimmen gehen, wann immer ich wollte, und ich konnte darüber hinaus auch noch Sachen wie ein Handtuch oder Kleidung zum Wechseln in der Bucht aufbewahren, unter einem schützenden Schild.

Ich hatte mir gerade das Haar ausgewrungen, als ich ein Rascheln hinter mir hörte. Da ich annahm, es sei Trill, ließ ich mich nicht stören und hängte das Handtuch auf, bevor ich mich umdrehte.

Nur um Anyan in seiner Menschenform in dem schmalen Spalt in der Felswand stehen zu sehen, der zu dem Wäldchen in der Nähe meines Hauses führte. Er wandte sich so schnell ab, dass er sich seine lange, krumme Nase am rauen Stein aufkratzte.

»Himmel, Jane, entschuldige! Ich hätte mich bemerkbar machen sollen«, sagte er hastig, bevor ich nach meinen Kleidern hechtete und mit dem Rücken zu ihm versuchte, mir die Jeans anzuziehen. Ich brauchte eine halbe Ewigkeit, bis ich die Knöpfe geschlossen hatte, weil meine Hände in der Sekunde, als ich ihn sah, heftig zu zittern begonnen hatten. Mein Herz hämmerte in meiner Brust, und ich betete, dass er meine Nervosität nicht spüren konnte. Als es mir schließlich doch gelungen war, meine Hose zu schließen und mein Shirt überzustreifen, drehte ich mich wieder zu ihm um.

»Tja, das nächste Mal lässt du die Dame sich mal besser vorher anziehen«, brummelte ich und versuchte meine Nervosität hinter einer toughen Fassade zu verbergen.

In Wahrheit freute ich mich sehr, den Barghest wiederzusehen. Ich versuchte, ihn nicht anzustarren, als er auf mich zukam und seine riesige Gestalt mich noch kleiner erscheinen ließ. Doch als ich Anyan anblickte und ihn anlächelte, erwiderte er mein Lächeln nicht. Er wirkte erschöpft und nicht gerade erfreut, mich zu sehen. Ich streckte den Rücken durch. Magische Schilde waren nicht die einzige Rüstung, auf die ich zurückgreifen konnte.

Er wollte gerade etwas sagen, als er mir schließlich doch richtig in die Augen sah. Er hielt inne. »Deine Haare sind lang geworden.«

»Es ist Monate her, Anyan«, erwiderte ich und versuchte nicht verärgert zu klingen. Ich hatte mir in Boston ein ganzes Haarbüschel versengt, was mich zu einer etwas kürzeren Frisur gezwungen hatte als zuvor. Aber jetzt war es sogar noch länger als ursprünglich. Es fiel fließend in wallenden, dunklen Locken bis zur Taille, so wie bei meiner Mutter, als sie in Rockabill aufgetaucht war.

»So lang?«, knurrte der Barghest und sah mich bekümmert an.

»Drei. Na ja, jedenfalls mehr als zwei«, gab ich zu, verärgert darüber, wie gereizt meine Stimme klang. Anyan fuhr sich mit der Hand durch seine schwarzen Locken und übers Kinn. Ich hatte ihn noch nie so derangiert erlebt, und plötzlich fing ich an, mir Sorgen zu machen.

»Jane, ich bin nicht gut in diesen Dingen.«

Ich blinzelte ihn verwirrt an, und meine Besorgnis nahm zu.

»In was?«, fing ich an, aber er unterbrach mich.

»Es tut mir leid, Jane. Jemand anderes sollte hier sein, um dir das mitzuteilen. Ich weiß nicht, wie ich das anstellen soll, ich weiß nicht, was ich sagen soll …«

»Anyan«, sagte ich zunehmend alarmiert. »Was ist los? Was ist passiert? Ist etwas mit meinem Vater?«

»Nein«, knurrte der große Mann und trat näher an mich heran. »Nicht dein Vater.«

»Was ist es dann?«, fragte ich erleichtert. Aber dieses Gefühl hielt nicht lange an.

»Deine Mutter.«

Mir stockte der Atem. »Meine Mutter? Hast du sie gesehen?«

»Oh Gott, es tut mir so leid, dir das sagen zu müssen.« Anyan machte noch einen Schritt auf mich zu und streckte die Hand nach mir aus. »Deine Mutter … ist tot.«

Ich starrte ihn an und dann hinunter auf seine ausgestreckte Hand. Sie war schmutzig, als hätte er keine Zeit gehabt, sich zu waschen. Ich nahm seine Worte gar nicht richtig wahr. Ich wollte sie nicht hören. Unwillig schüttelte ich den Kopf.

»Nein«, war alles, was ich dazu sagte. Es war unmöglich. Sie war doch erst im vergangenen Jahr wieder in meinem Leben aufgetaucht, wenn auch nur in Erzählungen, als ich die Wahrheit über meine Abstammung erfuhr. Wie konnte sie jetzt tot sein?

»Jane«, sagte Anyan mit brüchiger Stimme. »Es tut mir leid.«

Seine Hand griff nach meiner, eine Bewegung, von der ich bis jetzt geträumt hatte. Aber dies war kein Traum, und anstatt mich von ihm berühren zu lassen, zog ich meine Hand weg.

»Nein.«

»Bitte«, flehte er und machte noch einen Schritt auf mich zu.

»Anyan, nein«, entgegnete ich und entfernte mich durch den Spalt im Fels von ihm. Ich hatte meine eigene Stimme noch nie so hart, so kalt gehört. Er folgte mir nicht.

Ich blieb mit dem Rücken zu ihm stehen und starrte die schroffe Felswand in meiner Bucht an. Es fühlte sich an, als stottere mein Hirn wie ein Automotor. Er würde heißlaufen und dann blockieren. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen, der über das Gefühl hinausging, dass mein komplettes Universum abrupt zum Stehen gebracht worden war.

»Warum erzählst du mir das?«

»Ich hasse es, das tun zu müssen. Es tut mir so leid.«

»Wie?«, gelang es mir schließlich zu fragen.

Er schwieg, also drehte ich mich zu ihm um und sah ihn auffordernd an. »Sag mir wie, Anyan.«

Der Barghest blickte hinunter auf seine Fußspitzen. Er hob den Blick erst wieder in der Sekunde, bevor er sagte: »Sie wurde ermordet.«

Ich spürte, wie meine Beine versagten, und plötzlich kniete ich im weichen Sand der Bucht.

»Ermordet? Wie?«

»Jane, darüber können wir später noch reden. Jetzt bringe ich dich erst mal irgendwohin, wo es warm ist. Und sicher.«

»Scheiße, Anyan, sag mir wie!«

Sichtlich erschrocken über meinen schroffen Ton, kniete sich der Barghest zu mir.

»Jane, bitte, lass mich dich erst mal irgendwohin bringen …«

»Sag. Es. Mir. Jetzt.« Das war nicht mehr meine eigene Stimme, die da sprach.

Der Barghest rang seine Hände – rang im wahrsten Sinne des Wortes seine Hände! Als wäre er es, der gerade erfahren hatte, dass er seine eigene Mutter niemals kennenlernen würde. Ich biss die Zähne zusammen. Plötzlich hasste ich ihn mit einer Vehemenz, die mich bestürzte.

»Du weißt doch, dass ich Kontakte in die Grenzregion habe?«

Ich nickte knapp. Wie könnte ich das vergessen? Im Zuge des Bostoner Debakels waren Anyans Kontakte in der Chicagoer Gegend sowohl umstritten als auch unbezahlbar gewesen. Die Informationen, die dort für uns zusammengetragen worden waren, waren entscheidend gewesen, besonders da niemand – und damit meine ich absolut niemand, der auch nur am Rande mit den Machtstrukturen der Alfar zu tun hatte – eine Ahnung davon hatte, was in den Grenzgebieten vor sich ging.

Ryu wäre beinahe ausgeflippt, als er herausfand, dass Anyan so ein großes Geheimnis gehütet hatte.

Der Barghest fuhr fort: »Als ich um Hilfe bei den Ermittlungen in Boston bat, wurde etwas in Chicago aufgedeckt. Als man die Sache näher untersuchte, fand man Hinweise, die ein paar weibliche Halblinge miteinander in Verbindung brachten, die verschwunden waren. Die Spur führte schließlich zu einem verlassenen Labor, das früher einmal eine menschliche Reproduktionsklinik war, genau wie die Einrichtung, in der Conleth festgehalten wurde. Aber dieses hier war erst kürzlich zerstört worden, um Beweise zu vernichten. Doch meine Freunde aus dem Grenzgebiet haben weitaus besseren Zugang zu den Technologien der Menschen als wir, und sie nahmen DNS-Proben. Einige dieser Proben konnten den vermissten Halblingsfrauen zugeordnet werden. Also gruben sie die Erde hinter dem Labor um und fanden die Leichen.«

Ich erschauderte. Plötzlich war mir eiskalt, aber meine Stimme klang erstaunlich gefasst.

»War meine Mutter eine von ihnen?«

»Nein, das war ganz am Anfang der Ermittlungen, einige Tage nachdem wir aus Boston zurück waren. Ich begab mich ins Grenzgebiet, um zu helfen, schließlich schuldete ich meinen Freunden einen Gefallen. Als ich dort war, fanden wir eine Verbindung zwischen dem Labor und ein paar reinrassigen weiblichen Übersinnlichen aus dem Territorium, die im vergangenen Jahr verschwunden waren. Zu diesem Zeitpunkt wurde ich offiziell von Orin und Morrigan berufen, in dieser Sache zu ermitteln. Ryu war so freundlich, sie über meine Verbindungen zu informieren, und ich kam gerade noch einmal damit davon. Da sie mich nun einmal brauchten, wusste ich, dass ich sicher war. Ich sagte ihnen, ich würde mit meinen Kontaktleuten zusammenarbeiten, aber nur unter der Voraussetzung, dass sie sich nicht einmischten. Ich bestand also darauf, dass, falls ich ermittelte, niemand meinen genauen Aufenthaltsort kannte und was ich tat. Nicht einmal Jarl. Überraschenderweise waren sie einverstanden. Nun ja, zumindest fast …«

Das war ja alles ganz interessant, aber nicht das, was ich wissen wollte.

»Anyan?«, unterbrach ich ihn daher mit einem Knurren, das sich vage nach Barghest anhörte. Er war klug genug, kleinlaut dreinzuschauen.

»Freitagnacht machten wir eine Razzia in einem Labor außerhalb von Chicago. Zumindest war das der Plan. Als wir dort ankamen, hatten sich die Angestellten bereits davongemacht, nachdem sie sich … der Patienten entledigt hatten. Dann fanden wir deine Mutter. Ich bin so schnell wie möglich hergekommen, um es dir zu sagen.«

Ich bemühte mich, das volle Ausmaß dessen, was Anyan mir gerade berichtet hatte, aufzunehmen. Zumindest versuchte ich es. Aber eigentlich wollte ich all das gar nicht hören. Also konzentrierte ich mich auf alles außer auf das Wesentliche, nämlich die Tatsache, dass meine Mutter tot war.

»Also wusstest du es schon seit zwei Tagen, und ich erfahre es erst jetzt?«

Anyans Hände klammerten sich an seine Knie. »Es tut mir leid, Jane. Nachdem wir die Identität deiner Mutter einwandfrei festgestellt hatten, habe ich mich sofort auf mein Motorrad gesetzt und bin direkt hergefahren. Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte.«

Ich funkelte ihn an. Vor Wut brachte ich kein Wort mehr heraus.

Anyan setzte sich zurück auf seine Fersen. »Vielleicht hätten wir dich anrufen sollen, aber es erschien mir nicht richtig, es dir auf die Art mitzuteilen, nach allem, was du durchgemacht hast …«

Ich stand auf und brachte ihn mit einem erstickten Laut, der unbewusst aus meiner Kehle drang, zum Schweigen.

»Wage es nicht, dir anzumaßen, du wüsstest, was ich durchgemacht habe, und was ich aushalte und was nicht.«

Anyan sah mich offenkundig bestürzt an. »Jane, ich …«

»Nein, Anyan, du kannst doch nicht einfach aus dem Nichts hier auftauchen und mir solche Sachen sagen. Das kannst du nicht machen.«

»Bitte, ich will doch nur …«

»Ist mir egal, was du willst, Anyan. Ich will nicht, dass meine Mutter … Ich will das alles nicht. Lass mich in Ruhe!«

Aber der Barghest machte keine Anstalten, sich zu bewegen. Sein längliches Gesicht wirkte traurig, und es war das Mitleid in seinen Augen, das mich übers Ziel hinausschießen ließ.

»Hau ab!«, rief ich und fing an, meine Jeans wieder auszuziehen, sehr zu seiner sichtlichen Bestürzung. »Du bist doch nicht irgendein Held, der hier angeprescht kommt und mich vor mir selbst rettet. Du kommst einfach her und sagst mir, meine Mutter sei tot, und tust gerade so, als müsse ich dir dafür auch noch dankbar sein. Für wen zum Teufel hältst du dich?« Ich verdrehte alles, aber das war das Einzige, was mir noch gelingen wollte. Nur meine Wut hielt mich davon ab, zusammenzubrechen. Ein Teil von mir war sich im Klaren darüber, dass mein Ausbruch unfair, dass das, was ich Anyan antat, gemein war, und dass er das nicht verdient hatte. Aber ich wusste nicht, wie ich mich sonst davon abhalten sollte, meinen jetzt schon ziemlich schwachen Bezug zu … zu allem zu verlieren. Zu meinen Gefühlen, meiner geistigen Gesundheit, meinem Verstand. Ich war dabei, mich zu verlieren. Und Anyan bekam meinen Verlust mit voller Wucht ab.

Ich streifte mein Oberteil ab und warf es nach ihm. Er fing es mit den Händen auf, hielt es fest und wusste nicht, wohin er blicken sollte, als ich nackt vor ihm stand.

»Du kennst mich nicht, Anyan Barghest«, blaffte ich ihn an und rannte ins Meer und zu einer der wenigen Personen, die es taten.

»Jane, was machst du denn hier?«, fragte Iris besorgt, was sie angesichts meines Zustandes auch sein musste. Ich war noch immer splitterfasernackt und zitterte, aber das war eher der Schock als die Kälte. Ich war bis nach Eastport geschwommen und dann klatschnass die Hauptstraße entlang zu ihrer Boutique gelaufen. Im letzten Moment hatte ich noch daran gedacht, mich für die Sterblichen unsichtbar zu machen.

Iris stieß die Tür auf und bugsierte mich nach oben in die luxuriöse, kleine Wohnung über ihrem Laden, wo sie mich im Flur stehen ließ und mir ein Handtuch und eine Decke holte. Das Handtuch wickelte sie mir ums tropfnasse Haar, die Decke um meine Schultern. Dann fing ich an zu schluchzen.

Ich war so hysterisch, dass ich ihr erst nach einer Weile sagen konnte, was passiert war. Nachdem ich schließlich doch herausbekommen hatte, dass Anyan aus heiterem Himmel aufgetaucht war und mir eröffnet hatte, dass meine Mutter ermordet worden war, kuschelten Iris und ich uns auf ihrem kleinen Sofa zusammen. Sie hatte mir einen dampfenden Becher Kamillentee gemacht, aber ich konnte ihn nicht trinken. Ich hielt ihn bloß fest und wärmte mir daran die Hände, während ich vor mich hin weinte.

»Oh, Jane«, flüsterte Iris, während sie mir beruhigend übers Haar strich. »Es tut mir so leid.«

Noch immer liefen mir die Tränen über die Wangen, aber immerhin hatte ich aufgehört zu schluchzen und konnte wieder sprechen.

»Ich war so dumm, Iris. Die ganze Zeit über, seit ich von eurer Existenz erfahren habe, habe ich gedacht, es wäre bloß eine Frage der Zeit.«

Iris drückte mich an sich, hüllte mich mit ihrer Wärme ein.

»Als Kind, nachdem ich den Schock darüber, dass sie uns verlassen hatte, überwunden und ich akzeptiert hatte, dass es nun mal so war, bin ich die ganze Zeit davon ausgegangen, dass meine Mutter für immer weg war«, erklärte ich und lehnte meine Wange an ihre Schulter.

»Mm-hm«, machte Iris, um mich zum Weiterreden zu ermuntern, und ihre honigsüße Stimme umspülte mich sanft.

»Dann erfuhr ich die ganze Wahrheit, und plötzlich wusste ich, dass ich meine Mutter wiedersehen würde. Ich ging einfach davon aus, weißt du? Dass ich sie eines Tages finden würde. Ich wusste, dass sie irgendwo da draußen war und noch lange leben würde, ebenso wie ich. Also hielt ich es nur für eine Frage der Zeit …«

Meine Stimme erstarb, als mich die Trauer erneut überwältigte. Iris nahm meine Hand und hielt sie fest. Von Zeit zu Zeit beugte sie sich zu mir und küsste meine Tränen weg.

»Es war so dumm von mir, das einfach zu glauben. Ich dachte, dass ich irgendwann schon die Chance bekäme, sie kennenzulernen. Ihr alles zu sagen, was mir auf dem Herzen lag.«

»Was wolltest du ihr denn sagen, Jane? Erzähl es mir.«

»Ich wollte ihr sagen, was sie verpasst hat. Ich wollte ihr sagen, wie ich bin, und sie so viele Dinge über ihr Leben fragen und über die Entscheidungen, die sie getroffen hat.« Ich setzte mich auf, um meinen Becher auf dem Couchtisch abzustellen und meine Nase zu putzen, bevor ich wieder Zuflucht in Iris’ Armen suchte.

»Und das Schlimmste ist, dass ich ihr sagen wollte, wie wütend ich auf sie bin. Wie sehr sie mich verletzt hat. Ich überlegte mir all die Dinge, die ich sagen könnte, um sie zu bestrafen, sie meinen Schmerz spüren zu lassen. Was war nur los mit mir, verdammt? Ich dachte, ich würde sie wiedersehen, und alles, was ich wollte, war Rache?«

»Du hast jedes Recht, wütend zu sein, Jane.«

»Aber hier geht es doch nicht um das Recht. Es geht um Chancen, und ich habe mir meine versaut, habe die, die sich mir bot, nicht genutzt. Ach verdammt, ich habe mir bloß all die Möglichkeiten ausgemalt, wie ich meine Chance verschwenden könnte. Was habe ich mir bloß dabei gedacht?«

»Du hast dir gar nichts dabei gedacht, Süße. Du hast bloß reagiert. Wenn es um deine Mutter geht, bist du eben noch immer das kleine Mädchen, das sich verlassen fühlt. Und deine Mutter hat dir das ja schließlich auch zugemutet, also mach dich deswegen nicht so fertig.«